{"id":2914,"date":"2020-10-23T15:01:36","date_gmt":"2020-10-23T15:01:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=2914"},"modified":"2026-01-13T13:56:39","modified_gmt":"2026-01-13T13:56:39","slug":"dreiheiligenkirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/dreiheiligenkirche\/","title":{"rendered":"Church of the Holy Trinity"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Dreiheiligenkirche<\/h2>\n<p>Dreiheiligenstra\u00dfe 10<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Dreiheiligenkirche-Innsbruck.jpg&#8220; alt=&#8220;Dreiheiligenkirche Innsbruck&#8220; title_text=&#8220;Dreiheiligenkirche Innsbruck&#8220; disabled_on=&#8220;on|on|on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; disabled=&#8220;on&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_image][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;3223,57071,61236,56628&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Dreiheiligenkirche&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Dreiheiligenkirche&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;59158&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<p>Der Bergwerksboom im Tiroler Unterland samt den dazugeh\u00f6rigen zugezogenen Arbeitern, der Fernhandel und der politische Bedeutungszuwachs Innsbrucks brachten nicht nur Wohlstand. Mit den erw\u00fcnschten Durchreisenden kamen auch die unerw\u00fcnschten in die Stadt. 1512 starben in Innsbruck \u00fcber 500 Menschen an der Pest, 1543 besuchte der <em>Schwarze Tod<\/em> die Stadt erneut. M\u00fctterchen Natur schien sich ebenfalls gegen die Residenzstadt zu erheben. 1572 wurde Innsbruck von einem Erdbeben stark in Mitleidenschaft gezogen. Dazu kamen regelm\u00e4\u00dfig Hochwasserkatastrophen und Versorgungsschwierigkeiten wegen Missernten. Ganz in der Tradition der Gegenreformation machten viele Menschen das s\u00fcndige und gottesl\u00e4sterliche Treiben f\u00fcr die schlechten Ereignisse verantwortlichen. Die Bem\u00fchungen der Kirche, dem Zorn Gottes entgegenzuwirken, dr\u00fcckten sich nicht nur in einer m\u00f6glichst frommen und gottgef\u00e4lligen Lebensweise, sondern auch in prunkvollen Bauten und der Ansiedlung neuer Orden wie den Franziskanern oder den Jesuiten aus. Daneben sorgten sich auch die Stadtverantwortlichen, Landesf\u00fcrsten und fromme B\u00fcrger darum, den Arbeitern und ihren Familien Seelsorge zukommen zu lassen, um sie so zur Besserung zu erziehen. Einer dieser frommen B\u00fcrger war der aus Augsburg nach Innsbruck gekommene Arzt Paul Weinhart (1570 \u2013 1648). W\u00e4hrend der Pestepidemie, die 1611 aus der Silberstadt Schwaz nach Innsbruck kam, leitete er als <em>Contagationsarzt<\/em> das st\u00e4dtische Pestkollegium, das unter anderem das Pesthaus in der Kohlstatt betreute. Weinhart war nicht nur als Arzt von der Seuche betroffen. Er lebte mit seiner Familie im nach ihm benannten, bis heute im Kern bestehenden Haus an der heutigen Ecke Klara-P\u00f6lt-Weg \/ Dreiheiligenstra\u00dfe mitten im Geschehen. Seine Ehefrau war unter den vielen Pestopfern des Stadtviertels am Stadtrand. Das Zeughaus hatte die Kohlstatt durch die Arbeitskr\u00e4fte, die in diesem Arsenal ben\u00f6tigt wurden seit den Zeiten Maximilians recht z\u00fcgig wachsen lassen. Die Arbeiter und ihre Familien, die sich angesiedelt hatten, lebten in Holzbaracken auf engstem Raum unter unhygienischen Verh\u00e4ltnissen, was die Ausbreitung der Krankheit verst\u00e4rkte. Der 1564 angelegte Pestfriedhof wirkte wie ein Brandbeschleuniger. In der heutigen Weinhartstra\u00dfe lie\u00df Dr. Weinhart das bestehende <em>Siechen- und Brestenhaus <\/em>erweitern<em>.<\/em> Er beschloss aber nicht nur seinen medizinischen Fachkenntnissen zu vertrauen, sondern das Wohl der Stadt den Pestheiligen Pirmin, Sebastian und Rochus zu \u00fcberantworten. Er legte gemeinsam mit dem Seelsorger des Krankenhauses Kaspar Melchior von K\u00f6stlan ein Gel\u00fcbde ab, eine Kirche errichten zu lassen, wenn die Pest nur aufh\u00f6ren m\u00f6ge. Die Mischung aus Glauben und Wissenschaft waren zu dieser Zeit nicht ungew\u00f6hnlich. Weinhart sah sich selbst nicht nur als Arzt, sondern auch als Seelsorger f\u00fcr die Pestkranken. Unter den Armen der Stadt war er als mildt\u00e4tig bekannt und erfreute sich gro\u00dfer Beliebtheit. Gleichzeitig war er mit dem Landesf\u00fcrsten und den Jesuiten bestens vernetzt. Auch unter Kollegen war Weinhart hoch angesehen. So schrieb der Stadtarzt Halls \u00fcber die Spazierg\u00e4nge mit Dr. Weinhart:<\/p>\n<p><em>\u201eDieser Spaziergang ist mir, wie auch dem edlen, hochgelehrten meinem herzgeliebten Herrn Brudern Paulo Weinhard derma\u00dfen wohl bekannt und befohlen, da\u00df wir bisher wenig halbe Monate ausgelassen\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Durch seine guten Verbindungen an den Hof konnte der sp\u00e4tere Hofarzt Maximilians III. \u00a0seine Versprechung wahrmachen und eine Kirche beim Pestkrankenhaus errichten lassen. Die Dreiheiligenkirche wurde am 13. Oktober 1613 nach zweij\u00e4hriger Bauzeit geweiht. Das heutige Pfarrhaus in seiner Grundstruktur, das zuvor als <em>F\u00fcrstliches Schafferhaus<\/em> diente, also als Verwaltungsgeb\u00e4ude \u00fcber die Kohlstatt, ist \u00e4lter als die Kirche selbst. Doktor Weinhart lie\u00df sich am Deckenfresko neben dem Jesuiten Melchior K\u00f6stlan verewigen. Wer das Gl\u00fcck hat, in den h\u00e4ufig versperrten Innenraum zu kommen, kann eine zeitgen\u00f6ssische Darstellung der Vorg\u00e4nge w\u00e4hrend der Pestepidemie betrachten. Das d\u00fcstere Bild stellt den Aberglauben der Menschen ebenso detailreich dar wie die Kritik an der Obrigkeit. Die Tiroler Landesregierung hatte die Stadt nach dem Ausbruch der Pest verlassen, was den K\u00fcnstler dazu anstachelte, sie in einem Palast fernab des Volkes zu zeichnen. Der Schwarze Tod zeigt sich als Gerippe auf schwarzem Pferd mit Bogen und gefl\u00fcgelter Sanduhr. Die Erkrankten waren von den Pfeilen des Gerippes getroffen worden. Ein Erkrankter erh\u00e4lt von einem Geistlichen die Sterbesakramente, w\u00e4hrend sich der Teufel hinter dessen Sterbebett versteckt. Im Hintergrund sieht man ein Feldlager voller Soldaten, die ebenfalls von Pfeilen getroffen am Boden dahinsiechen. 1863 wurde die Dreiheiligenkirche um ein Vorhallenjoch erweitert. 1900 wurde das markante, von Philipp Schumacher entworfene und von der <em>Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt<\/em> angefertigte Mosaik an der Fassade angebracht. Die Fassade der Pestkirche zeigt die drei Pestheiligen, die seither zu den vielen Schutzpatronen Innsbrucks z\u00e4hlen. Der vierte im Bunde ist Alexius, der Schutzheilige gegen Erdbeben. Er wurde kurzerhand nach der Aufl\u00f6sung des nahen <em>Siebenkapellenareals<\/em> im 18. Jahrhundert unter Josef II. ebenfalls in die Kohlstatt \u00fcbersiedelt. Die Fassade tr\u00e4gt die Inschriften <em>A peste et ab omni malo libera nos domine<\/em> (Herr, befreie uns von der Pest und allem \u00dcbel),<em> Salus Infirmorum<\/em> (Gesundheit den Kranken) und <em>Auxilium Christianorum<\/em> (Hilfe der Christen). Zu F\u00fc\u00dfen der <em>Heiligen Maria mit Kind<\/em> am Scho\u00df liegt die Mondsichel, ein Symbol, das auch auf der Annas\u00e4ule zu sehen ist. \u00c4hnlich wie der urspr\u00fcngliche Bau im 17. Jahrhundert ging die neue Fassade ebenfalls nicht auf die Initiative eines Ordens wie den allgegenw\u00e4rtigen Pr\u00e4monstratensern. Anders als damals war es aber nicht der Landesf\u00fcrst, sondern es war die \u201e<em>Munificenz der Sparkasse der Stadt Innsbruck unter deren Vorstand Anton von Schumacher, Handelskammerpr\u00e4sident u. deren Director Dr. Heinrich Falk, Altb\u00fcrgermeister<\/em>\u201c die die Neugestaltung erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Der Deutsche Orden &#038; Maximilian III.&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Der Deutsche Orden &#038; Maximilian III.&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53496&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Maximilian der <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Deutschmeister<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> (1558 \u2013 1618) trat seinen Posten als Gubernator von Tirol und Vorder\u00f6sterreich offiziell 1602 an. Anders als seine Vorg\u00e4nger war er Verwalter des Landes, und nicht dessen Eigent\u00fcmer. Das spiegelte sich in seinem Auftreten wider. Er war ein frommer und tiefgl\u00e4ubiger Mensch, der die christliche N\u00e4chstenliebe auf eigenartige Weise mit dem politischen Amt des Regenten unter einen Hut bringen musste. Er zog sich regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr lange Perioden in die Abgeschiedenheit seiner Studierstube ins 1594 gestifteten Kapuzinerkloster zur\u00fcck, um dort unter bescheidensten Verh\u00e4ltnissen und enthaltsam zu leben. Er veranstaltete keine rauschenden Feste. Den aufgebl\u00e4hten Hofstaat Ferdinands schrumpfte er fast um die H\u00e4lfte ein. Unter Maximilian zogen in Innsbruck strenge Sitten ein. Erz\u00e4hlungen nach soll Kindern das Spielen auf der Stra\u00dfe verboten worden sein. Als eifriger Vertreter der Gegenreformation war ihm die Durchsetzung des katholischen Glaubens ein besonderes Anliegen. Anders als seine Vorg\u00e4nger wollte er das durch Sittenstrenge anstatt mit protzigen Bauprojekten erreichen. Er beschr\u00e4nkte sich auf die Vollendung bereits begonnener Gottesh\u00e4user wie der Servitenkirche oder der Jesuitenkirche, anstatt die Tiroler Staatskasse mit neuen Projekten zu belasten. Der Innsbrucker Stadtteil St. Nikolaus erhielt einen eigenen Pfarrer, der \u00fcber das Seelenheil der weniger beg\u00fcterten, daf\u00fcr umso arbeitsameren Untertanen wachte. Maximilian veranstaltete keine prunkvollen Konzerte in Theatern, sondern f\u00f6rderte gemeinsam mit der Witwe seines Vorg\u00e4ngers, Anna Katharina Gonzaga, den kirchlichen Gesang. Weihnachtskrippen und Ostergr\u00e4ber begannen sich als Ausdruck des Volksglaubens zu etablieren. Ob es sein Vorbild als frommer Landesf\u00fcrst, seine ma\u00dfvolle und umsichtige Glaubenspolitik oder gegenreformatorische Unterdr\u00fcckung war, das protestantische Gedankengut starb im Heiligen Land Tirol unter Maximilians Regentschaft einen stillen Tod, w\u00e4hrend es in vielen deutschen F\u00fcrstent\u00fcmern weiterhin brodelte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Seine Fr\u00f6mmigkeit schloss wissenschaftliches Interesse und daraus abgeleitete praktische Ma\u00dfnahmen zum Wohl der Stadt aber nicht aus. Das 17. Jahrhundert war die Zeit, in der sich aufgeschlossene Aristokraten an Alchemisten wandten, um die Staatskassen aufzuf\u00fcllen und sich von Wissenschaftlern wie Johannes Keppler Horoskope legen lie\u00dfen, w\u00e4hrend sie gegen das \u201eKetzertum\u201c der Protestanten gewaltsam zu Felde zogen. Der Jesuit, Physiker und Astronom Christoph Scheiner, einer der Entdecker der Sonnenflecken neben Galileo Galilei, war drei Jahre lang am Innsbrucker Hof Maximilians und erforschte am Inn die Funktion des menschlichen Auges. Maximilian lie\u00df sich von ihm ein Fernrohr einrichten und stellte gemeinsam mit Scheiner astronomische Forschungen an. Auch Bildungsinstitute profitierten von ihm. Die Jesuiten erweiterten unter seiner Regentschaft ihren Bildungsauftrag durch ein Studium der Theologie und Dialektik, was einen ersten Schritt Richtung Universit\u00e4t darstellte.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die beginnende Aufkl\u00e4rung war aber keine reine Angelegenheit der landesf\u00fcrstlichen Studierstube, sondern schlug sich auch im Alltag der B\u00fcrger Innsbrucks nieder. Das st\u00e4dtische Feuerl\u00f6schwesen und die Hygiene der <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Ritschen<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">, die als Kanalisation und Wasserquelle innerhalb der Stadtmauern dienten, wurden unter Maximilian nach neuesten Erkenntnissen der Zeit verbessert. Besonders die zweite Ma\u00dfnahme sollte die Stadt zuk\u00fcnftig vor einer Wiederholung der gro\u00dfen Katastrophe unter Maximilians \u00c4gide bewahren. W\u00e4hrend seiner Regierungszeit hatte er mit dem Ausbruch einer Pestepidemie zu k\u00e4mpfen. Die Dreiheiligenkirche in der Kohlstatt, dem Arbeiterviertel der Fr\u00fchen Neuzeit beim Zeughaus, entstand unter seiner Patronanz, um neben dem Schutz durch bessere Hygiene auch himmlische Patronanz sicherzustellen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Im Jahr Maximilians Ablebens 1618 begann in Europa die Zeit des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges. So langweilig seine fromme und friedliche Regierungszeit ohne Protz und Drama heute erscheint, waren die Jahre des Friedens f\u00fcr seine Zeitgenossen wohl ein Segen. Der sittenstrenge Habsburger nahm zwischen den Exzentrikern Ferdinand II. und Leopold V. den undankbaren Mittelstuhl ein und konnte sich kaum ins Ged\u00e4chtnis der Stadt einpr\u00e4gen. Neben der Dreiheiligenkirche ist seine letzte Ruhest\u00e4tte seine auff\u00e4lligste Hinterlassenschaft. Maximiliens Grab im Innsbrucker Dom z\u00e4hlt zu den sehenswertesten Gr\u00e4bern der Barockzeit.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es erz\u00e4hlt auch die interessante Geschichte des <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Deutschen Ordens<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">. Maximilian war nicht nur Gubernator von Tirol und Vorder\u00f6sterreich, sondern auch Erzherzog von \u00d6sterreich, Administrator von Preu\u00dfen und Hochmeister des Deutschen Ordens. Neben ihm begraben liegt auch ein anderer Hochmeister des Deutschen Ordens aus dem Haus Habsburg mit Bezug zu Innsbruck. Erzherzog Eugen war der oberste Befehlshaber der \u00f6sterreichisch-ungarischen Armee an der Italienfront im Ersten Weltkrieg. Der <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Deutsche Orden<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> zeigt die theologische Denkweise und die Verbundenheit von frommem Glauben und weltlicher Macht der Fr\u00fchen Neuzeit anschaulich. Ergebene Fr\u00f6mmigkeit und Gottesfurcht traf in der Zeit bis 1500 h\u00e4ufig auf die Aus\u00fcbung von weltlicher Macht. Der Orden wurde als Ritterorden um 1120 im Rahmen der Kreuzz\u00fcge in Jerusalem gegr\u00fcndet. Kirche und Rittertum vereinten sich, um Pilgern den Besuch der Heiligen St\u00e4dten, vor allem der Grabeskirche, gefahrlos zu erm\u00f6glichen. Nach der Vertreibung aus Pal\u00e4stina engagierten sich die Ritter des Deutschen Ordens auf Seiten christlicher Magyaren in Siebenb\u00fcrgen im heutigen Rum\u00e4nien gegen heidnische St\u00e4mme. Im 13. Jahrhundert konnte der Orden unter Hermann von Salza im Baltikum im Kampf gegen die heidnischen Pru\u00dfen viel Land gewinnen und den <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Deutschordensstaat<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> errichten. Diese Bruderschaft trat als eine Art Staatlichkeit auf, die sich \u00e4hnlich den religi\u00f6sen Fundamentalisten heute, auf Gott berief und dessen Ordnung auch auf Erden herstellen wollte. Es waren die Ideale wie christliche N\u00e4chstenliebe und der Schutz der Armen und Hilflosen, die auch den <\/span><i><span style=\"font-weight: 400;\">Deutschen Orden<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> in seinem Kern antrieben. Damit passte er ideal zum Herrscherhaus Habsburg. Nach dem Niedergang des Ordens im 15. Jahrhundert in Nordosteuropa behielt der Orden durch geschickte Verbindung zum Adel und zum Milit\u00e4r vor allem im Habsburgerreich noch Besitzungen und Macht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><br style=\"font-weight: 400;\" \/><br style=\"font-weight: 400;\" \/><\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Der Rote Bischof und der Innsbrucker Sittenverfall&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Der Rote Bischof und der Innsbrucker Sittenverfall&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62113&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>In den 1950er Jahren begann sich Innsbruck von den Krisen- und Kriegsjahren der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zu erholen. Am 15. Mai 1955 deklarierte Bundeskanzler Leopold Figl mit den ber\u00fchmten Worten \u201e<em>\u00d6sterreich ist frei<\/em>\u201c und der Unterzeichnung des Staatsvertrages offiziell die politische Wende. In vielen Haushalten etablierte sich in den Jahren, die als <em>Wirtschaftswunder<\/em> in die Geschichte eingingen, moderater Wohlstand. Zwischen 1953 und 1962 erlaubte ein j\u00e4hrliches Wirtschaftswachstum von \u00fcber 6% es einem immer gr\u00f6\u00dferen Teil der Bev\u00f6lkerung von lange Zeit exotischen Dingen wie K\u00fchlschr\u00e4nken, einem eigenen Badezimmer oder gar einem Urlaub im S\u00fcden zu tr\u00e4umen. Diese Zeit brachte nicht nur materielle, sondern auch gesellschaftliche Ver\u00e4nderung mit sich. Die W\u00fcnsche der Menschen wurden mit dem steigenden Wohlstand und dem Lifestyle, der in Werbung und Medien transportiert wurde, ausgefallener. Das Ph\u00e4nomen einer neuen Jugendkultur begann sich zart inmitten der grauen Gesellschaft im kleinen \u00d6sterreich der Nachkriegszeit breit zu machen. Die Begriffe <em>Teenager<\/em> und Schl\u00fcsselkind hielten in den 1950er Jahren im Sprachgebrauch der \u00d6sterreicher Einzug. \u00dcber Filme kam die gro\u00dfe Welt nach Innsbruck. Kinovorf\u00fchrungen und Lichtspieltheater gab es zwar schon um die Jahrhundertwende in Innsbruck, in der Nachkriegszeit passte sich das Programm aber erstmals an ein jugendliches Publikum an. Ein Fernsehger\u00e4t hatte kaum jemand im Wohnzimmer und das Programm war mager. Die zahlreichen Kinos warben mit skandaltr\u00e4chtigen Filmen um die Gunst des Publikums. Ab 1956 erschien die Zeitschrift <em>BRAVO<\/em>. Zum ersten Mal gab es ein Medium, das sich an den Interessen Jugendlicher orientierte. Auf der ersten Ausgabe war Marylin Monroe zu sehen, darunter die Frage: \u201e<em>Haben auch Marylins Kurven geheiratet<\/em>?\u201c Die gro\u00dfen Stars der ersten Jahre waren James Dean und Peter Kraus, bevor in den 60er Jahren die Beatles \u00fcbernahmen. Nach dem <em>Summer of Love<\/em> kl\u00e4rte Dr. Sommer \u00fcber Liebe und Sex auf. Die allm\u00e4chtige Deutungshoheit der Kirche \u00fcber das moralische Verhalten Pubertierender begann zu br\u00f6ckeln, wenn auch nur langsam. Die erste Foto-Love-Story mit nacktem Busen folgte erst 1982. Bis in die 1970er Jahre beschr\u00e4nkten sich die M\u00f6glichkeiten heranwachsender Innsbrucker Gro\u00dfteils auf Wirtshausstuben, Sch\u00fctzenverein und Blasmusik. Erst nach und nach er\u00f6ffneten Bars, Discos, Nachtlokale, Kneipen und Veranstaltungsr\u00e4umlichkeiten. Veranstaltungen wie der <em>5 Uhr Tanztee<\/em> im Sporthotel Igls lockten paarungswillige junge Menschen an. Das <em>Cafe Central<\/em> wurde zur \u201e<em>zweiten Heimat langhaariger Jugendlicher<\/em>\u201c, wie die Tiroler Tageszeitung 1972 entsetzt feststellte. Etablissements wie der <em>Falknerkeller<\/em> in der Gilmstra\u00dfe, der <em>Uptown Jazzsalon<\/em> in H\u00f6tting, der Jazzclub in der Hofgasse, der <em>Clima Club<\/em> im Saggen, der <em>Scotch Club<\/em> in der Angerzellgasse und die <em>Tangente<\/em> in der Bruneckerstra\u00dfe hatten mit der traditionellen Tiroler Bier- und Weinstube nichts gemeinsam. Die Auftritte der Rolling Stones und Deep Purples in der Olympiahalle 1973 waren der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt des Innsbrucker Fr\u00fchlingserwachens. Innsbruck wurde damit zwar nicht zu London oder San Francisco, zumindest einen Hauch Rock\u00b4n\u00b4Roll hatte man aber eingeatmet. Das, was als 68er Bewegung im kulturellen Ged\u00e4chtnis bis heute verankert ist, fand im <em>Heiligen Land<\/em> kaum statt. Weder Arbeiter noch Studenten gingen in Scharen auf die Barrikaden. Der Historiker Fritz Keller bezeichnete die 68er Bewegung \u00d6sterreichs als \u201e<em>Mail\u00fcfterl<\/em>\u201c. Trotzdem war die Gesellschaft still und heimlich im Wandel. Ein Blick in die Jahreshitparaden gibt einen Hinweis darauf. Waren es 1964 noch Kaplan Alfred Flury und Freddy mit \u201e<em>Lass die kleinen Dinge<\/em>\u201c und \u201e<em>Gib mir dein Wort<\/em>\u201c sowie die Beatles mit ihrer deutschen Version von \u201e<em>Komm, gib mir deine Hand<\/em> die die Top 10 dominierten, \u00e4nderte sich der Musikgeschmack in den Jahren bis in die 1970er. Zwar fanden sich auch dann immer noch Peter Alexander und Mireille Mathieu in den Charts. Ab 1967 waren es aber internationale Bands mit fremdsprachigen Texten wie <em>The Rolling Stones, Tom Jones, The Monkees<\/em>, Scott McKenzie, Adriano Celentano oder Simon und Garfunkel, die mit teils gesellschaftskritischen Texten die Top Positionen in gro\u00dfer Dichte einnahmen.<\/p>\n<p>Diese Ver\u00e4nderung rief eine Gegenreaktion hervor. Die Speerspitze der konservativen Konterrevolution war der Innsbrucker Bischof Paulus Rusch. Zigaretten, Alkohol, allzu freiz\u00fcgige Mode, Auslandsurlaube, arbeitende Frauen, Nachtlokale, vorehelicher Geschlechtsverkehr, die 40-Stundenwoche, sonnt\u00e4gliche Sportveranstaltungen, Tanzabende, gemischte Geschlechter in Schule und Freizeit \u2013 das alles war dem strengen Kirchenmann und Anh\u00e4nger des Herz-Jesu-Kultes streng zuwider. Peter Paul Rusch war 1903 in M\u00fcnchen zur Welt gekommen und in Vorarlberg als j\u00fcngstes von drei Kindern in einem gutb\u00fcrgerlichen Haushalt aufgewachsen. Beide Elternteile und seine \u00e4ltere Schwester starben an Tuberkulose, bevor er die Vollj\u00e4hrigkeit erreicht hatte. Rusch musste im jugendlichen Alter von 17 in der kargen Nachkriegszeit fr\u00fch f\u00fcr sich selbst sorgen. Die Inflation hatte das v\u00e4terliche Erbe, das ihm ein Studium h\u00e4tte finanzieren k\u00f6nnen, im Nu aufgefressen. Rusch arbeitete sechs Jahre lange bei der <em>Bank f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>, um sich sein Theologiestudium finanzieren zu k\u00f6nnen. 1927 trat er ins Collegium Canisianum ein, sechs Jahre sp\u00e4ter wurde er zum Priester des Jesuitenordens geweiht. Seine steile Karriere f\u00fchrte den intelligenten jungen Mann als Kaplan zuerst nach Lech und Hohenems und als Leiter des Teilpriesterseminars zur\u00fcck nach Innsbruck. 1938 wurde er Titularbischof von Lykopolis und Apostolischer Administrator f\u00fcr Tirol und Vorarlberg. Als j\u00fcngster Bischof Europas musste er die Schikanen der nationalsozialistischen Machthaber gegen\u00fcber der Kirche \u00fcberstehen. Obwohl seine kritische Einstellung zum Nationalsozialismus bekannt war, wurde Rusch selbst nie inhaftiert. Zu gro\u00df war die Furcht der Machthaber davor, aus dem beliebten jungen Bischof einen M\u00e4rtyrer zu machen.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg stand der sozial und politisch engagierte Bischof an vorderster Front beim Wiederaufbau. Die Kirche sollte wieder mehr Einfluss auf den Alltag der Menschen nehmen. Sein Vater hatte sich vom Zimmermann zum Architekten hochgearbeitet und ihm wohl ein Faible f\u00fcr das Bauwesen mitgegeben. Dazu kamen seine eigenen Erfahrungen bei der BTV. Dank seiner Ausbildung als B\u00e4nker erkannte Rusch die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Kirche sich als Helfer in der Not zu engagieren und zu profilieren. Nicht nur die im Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Kirchen wurden wiederaufgebaut. Die <em>Katholische Jugend<\/em> engagierte sich unter Ruschs F\u00fchrung unentgeltlich bei der Errichtung der <em>Heiligjahrsiedlung<\/em> in der H\u00f6ttinger Au. Die Di\u00f6zese kaufte daf\u00fcr einen Baugrund vom Ursulinenorden. Die Kredite f\u00fcr die Siedler wurden zinsfrei von der Kirche vorgestreckt.\u00a0 Sein rustikales Voranschreiten in der Wohnungsfrage sollte ihm Jahrzehnte sp\u00e4ter den Titel \u201e<em>Roter Bischof\u201c<\/em> bescheren. In den bescheidenen H\u00e4uschen mit Selbstversorgergarten ganz nach der Vorstellung des dogmatischen und gen\u00fcgsamen \u201eArbeiterbischofs\u201c fanden 41 bevorzugt kinderreiche Familien eine neue Heimat.<\/p>\n<p>Durch die Linderung der Wohnungsnot sollten die gr\u00f6\u00dften Bedrohungen im <em>Kalten Krieg<\/em>, Kommunismus und Sozialismus, von seiner Gemeinde fernhalten. Der vom Kommunismus vorgeschriebene Atheismus wie auch der konsumorientierte Kapitalismus, der nach dem Krieg aus den USA schwappend in Westeuropa Einzug gehalten hatte, waren ihm ein Gr\u00e4uel. 1953 erschien Ruschs Buch \u201e<em>Junger Arbeiter, wohin?\u201c.<\/em> Was nach revolution\u00e4rer, linker Lekt\u00fcre aus dem Kreml klingt, zeigte die Grunds\u00e4tze der Christlichen Soziallehre, die sowohl Kapitalismus wie auch Sozialismus gei\u00dfelte. Familien sollten bescheiden leben, um mit den moderaten finanziellen Mitteln eines alleinerziehenden Vaters in christlicher Harmonie zu leben. Unternehmer, Angestellte und Arbeiter sollten eine friedliche Einheit bilden. Kooperation statt Klassenkampf, die Basis der heutigen Sozialpartnerschaft. Jedem sein Platz in christlichem Sinne, eine Art modernes Feudalsystem, das bereits im St\u00e4ndestaat Dollfu\u00df\u00b4 zur Anwendung geplant war. Seine politischen Ansichten teilte er mit Landeshauptmann Eduard Walln\u00f6fer und B\u00fcrgermeister Alois Lugger, die gemeinsam mit dem Bischof die <em>Heilige Dreifaltigkeit<\/em> des konservativen Tirols der Zeit des Wirtschaftswunders bildeten. Dazu kombinierte Rusch einen latenten, in Tirol auch nach 1945 weit verbreiteten katholischen Antisemitismus, der dank Verirrungen wie der Verehrung des <em>Anderle von Rinn <\/em>lange als Tradition halten konnte.<\/p>\n<p>Ein besonderes Anliegen war dem streitbaren Jesuiten Erziehung und Bildung. Die gesellschaftliche Formung quer durch alle Klassen durch die Soldaten Christi konnte in Innsbruck auf eine lange Tradition zur\u00fcckblicken. Der Jesuitenpater und vormalige Gef\u00e4ngnisseelsorger Alois Mathiowitz (1853 \u2013 1922) gr\u00fcndete 1909 in Pradl den <em>Peter-Mayr-Bund<\/em>. Sein Ansatz war es, Jugendliche \u00fcber Freizeitgestaltung und Sport und Erwachsene aus dem Arbeitermilieu durch Vortr\u00e4ge und Volksbildung auf den rechten Weg zu bringen. Das unter seiner \u00c4gide errichtete Arbeiterjugendheim in der Reichenauerstra\u00dfe dient bis heute als Jugendzentrum und Kindergarten. Auch Rusch hatte Erfahrung mit Jugendlichen. 1936 war er in Vorarlberg zum Landesfeldmeister der Pfadfinder gew\u00e4hlt worden. Trotz eines Sprachfehlers war er ein charismatischer Typ, und bei seinen jungen Kollegen und Jugendlichen \u00fcberaus beliebt. Nur eine fundierte Erziehung unter den Fittichen der Kirche nach christlichem Modell konnte seiner Meinung nach das Seelenheil der Jugend retten. Um jungen Menschen eine Perspektive zu geben und sie in geordnete Bahnen mit Heim und Familie zu lenken, wurde das <em>Jugendbausparen<\/em> gest\u00e4rkt. In den Pfarren wurden Kinderg\u00e4rten, Jugendheime und Bildungseinrichtungen wie das <em>Haus der Begegnung<\/em> am Rennweg errichtet, um von Anfang an die Erziehung in kirchlicher Hand zu haben. Der allergr\u00f6\u00dfte Teil des sozialen Lebens der Stadtjugend spielte sich nicht in verruchten Spelunken ab. Den meisten Jugendlichen fehlte schlicht und ergreifend das Geld, um regelm\u00e4\u00dfig in Lokalen zu verkehren. Viele fanden ihren Platz in den halbwegs geordneten Bahnen der katholischen Jugendorganisationen. Neben dem ultrakonservativen Bischof Rusch wuchs eine Generation liberaler Kleriker heran, die sich in die Jugendarbeit einbrachten. In den 1960er und 70er Jahren agierten in Innsbruck zwei kirchliche Jugendbewegungen mit gro\u00dfem Einfluss. Verantwortlich daf\u00fcr waren Sigmund Kripp und Meinrad Schumacher, die mit neuen Ans\u00e4tzen in der P\u00e4dagogik und einem offeneren Umgang mit heiklen Themen wie Sexualit\u00e4t und Rauschmitteln Teenager und junge Erwachsene f\u00fcr sich gewinnen konnten. F\u00fcr die Erziehung der Eliten im Sinne des Jesuitenordens sorgte in Innsbruck seit 1578 die <em>Marianische Kongregation<\/em>. Diese Jugendorganisation, bis heute als MK bekannt, nahm sich den Gymnasialsch\u00fclern an. Die MK war streng hierarchisch strukturiert, um den jungen <em>Soldaten Christi<\/em> von Anfang an Gehorsam beizubringen. 1959 \u00fcbernahm Pater Sigmund Kripp die Leitung der Organisation. Die Jugendlichen errichteten unter seiner F\u00fchrung mit finanzieller Unterst\u00fctzung durch Kirche, Staat, Eltern und mit viel Eigenleistung Projekte wie die <em>Mittergrath\u00fctte<\/em> samt eigener Materialseilbahn im K\u00fchtai und das legend\u00e4re Jugendheim <em>Kennedyhaus<\/em> in der Sillgasse. Bei der Grundsteinlegung dieses Jugendzentrums, das mit knapp 1500 Mitgliedern zum gr\u00f6\u00dften seiner Art in Europa werden sollte, waren Bundeskanzler Klaus und Mitglieder der amerikanischen Botschaft anwesend, war der Bau doch dem ersten katholischen, erst k\u00fcrzlich ermordeten Pr\u00e4sidenten der USA gewidmet.<\/p>\n<p>Die andere kirchliche Jugendorganisation Innsbrucks war das Z6. Stadtjugendseelsorger Kaplan Meinrad Schumacher k\u00fcmmerte sich im Rahmen der <em>Aktion 4-5-6<\/em> um alle Jugendlichen, die in der MK oder der <em>Katholischen Hochsch\u00fclerschaft<\/em> keinen Platz hatten. Arbeiterkinder und Lehrlinge trafen sich in verschiedenen Jugendheimen wie Pradl oder der Reichenau, bevor 1971 das neue, ebenfalls von den Mitgliedern selbst errichtete Zentrum in der namensgebenden Zollerstra\u00dfe 6 er\u00f6ffnet wurde. Die Leitung \u00fcbernahm Josef Windischer. Das Z6 hatte schon mehr mit dem zu tun, was auf der Leinwand von Dennis Hopper und Peter Fonda auf ihren Motorr\u00e4dern in <em>Easy Rider<\/em> vorgezeigt wurde. Hier ging es rauer zu als in der MK. Rockerbanden wie die Santanas, Kleinkriminelle und Drogenabh\u00e4ngige verbrachten ihre Freizeit ebenfalls im Z6. W\u00e4hrend Schumacher mit den \u201ebraven\u201c Jugendlichen oben sein Programm abspulte, bev\u00f6lkerte Windischer mit den <em>Outsiders<\/em> das Untergescho\u00df, um auch den verirrten Sch\u00e4fchen so gut als m\u00f6glich beizustehen.<\/p>\n<p>Ende der 1960er Jahre beschlossen sowohl die MK wie auch das Z6 sich auch f\u00fcr Nichtmitglieder zu \u00f6ffnen. M\u00e4dchen und Bubengruppen wurden teilweise zusammengelegt und auch Nicht-Mitglieder wurden eingelassen. Die beiden Jugendzentren hatten zwar unterschiedliche Zielgruppen, das Konzept aber war gleich. Theologisches Wissen und christliche Moral wurden in spielerischem, altersgerechtem Umfeld vermittelt. Sektionen wie Schach, Fu\u00dfball, Hockey, Basketball, Musik, Kinofilme und ein Partykeller holten die Bed\u00fcrfnisse der Jugendlichen nach Spiel, Sport und der Enttabuisierung der ersten sexuellen Erfahrungen ab. Die Jugendzentren boten einen Raum, in dem sich Jugendliche beider Geschlechter begegnen konnten. Besonders die MK blieb aber eine Institution, die nichts mit dem wilden Leben der 68er, wie es in Filmen gerne transportiert wird, zu tun hatte. So fanden zum Beispiel Tanzkurse nicht im Advent, Fasching oder an Samstagen statt, f\u00fcr unter 17j\u00e4hrige waren sie \u00fcberhaupt verbotene Fr\u00fcchte.<\/p>\n<p>Trotzdem gingen die Jugendzentren zu weit f\u00fcr Bischof Rusch. Die kritischen Beitr\u00e4ge in der MK-Zeitung <em>Wir diskutieren<\/em>, die immerhin eine Auflage von \u00fcber 2000 St\u00fcck erreichte, fanden immer seltener sein Gefallen. Solidarit\u00e4t mit Vietnam war das eine, aber Kritik an Sch\u00fctzen und Bundesheer konnten nicht geduldet werden. Nach jahrelangen Streitigkeiten zwischen Bischof und Jugendzentrum kam es 1973 zum Showdown. Als Pater Kripp sein Buch <em>Abschied von morgen<\/em> ver\u00f6ffentlichte, in dem er von seinem p\u00e4dagogischen Konzept und der Arbeit in der MK berichtete, kam es zu einem nicht \u00f6ffentlichen Verfahren innerhalb der Di\u00f6zese und des Jesuitenordens gegen den Leiter des Jugendzentrums. Trotz massiver Proteste von Eltern und Mitgliedern wurde Kripp entfernt. Weder die innerkirchliche Intervention durch den bedeutenden Theologen Karl Rahner noch eine vom K\u00fcnstler Paul Flora ins Leben gerufene Unterschriftenaktion oder regionale und \u00fcberregionale Emp\u00f6rung in der Presse konnte den allzu liberalen Pater vor dem Zorn Ruschs retten, der sich f\u00fcr die Amtsenthebung sogar den p\u00e4pstlichen Segen aus Rom zusichern lie\u00df.<\/p>\n<p>Im Juli 1974 war es vor\u00fcbergehend auch mit dem Z6 vorbei. Artikel \u00fcber die Antibaby-Pille und Kritik der Z6-Zeitung an der katholischen Kirche waren zu viel f\u00fcr den strengen Bischof. Rusch lie\u00df kurzerhand die Schl\u00fcssel des Jugendzentrums austauschen, eine Methode, die er auch bei der <em>Katholischen Hochsch\u00fclerschaft <\/em>angewendet hatte, als diese sich zu nahe an eine linke Aktionsgruppe ann\u00e4herte. Die Tiroler Tageszeitung vermerkte am 1. August 1974 in einem kleinen Artikel dazu:<\/p>\n<p><em>\u201eIn den letzten Wochen war es zwischen den Erziehern und dem Bischof zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen \u00fcber Grundsatzprobleme gekommen. Nach den Worten des Bischofs h\u00e4tten die im \u201eZ 6\u201c vertretenen Auffassungen \u201emit der kirchlichen Lehre nicht mehr \u00fcbereingestimmt\u201c. So seien den Jugendlichen von der Leitung des Zentrums absolute Gewissensfreiheit ohne gleichzeitige Anerkennung objektiver Normen zugebilligt und auch geschlechtliche Beziehungen vor der Ehe erlaubt worden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sein Festhalten an konservativen Werten und seine Sturheit waren es, die Ruschs Ansehen in seinen letzten 20 Lebensjahren besch\u00e4digten. Als er 1964 zum ersten Bischof der neu gegr\u00fcndeten Di\u00f6zese Innsbruck geweiht wurde, \u00e4nderten sich die Zeiten. Der progressive mit praktischer Lebenserfahrung von einst wurde vom modernen Leben einer neuen Generation und den Bed\u00fcrfnissen der sich etablierenden Konsumgesellschaft \u00fcberholt. Die st\u00e4ndige Kritik des Bischofs am Lebensstil seiner Sch\u00e4fchen und das sture Festhalten an seinen allzu konservativen Werten gepaart mit teils skurrilen Aussagen machten aus dem Mitbegr\u00fcnder der Entwicklungshilfe <em>Bruder in Not<\/em>, dem jungen, anpackenden Bischof des Wiederaufbaus, ab den sp\u00e4ten 1960er Jahren einen Grund f\u00fcr den Kirchenaustritt. Sein Konzept von Umkehr und Bu\u00dfe trieb skurrile Bl\u00fcten. So forderte er von den Tirolern Schuld und S\u00fchne f\u00fcr ihre Verfehlungen w\u00e4hrend der NS-Zeit, bezeichnete aber gleichzeitig die Entnazifizierungsgesetze als zu weitgreifend und streng. Auf die neuen sexuellen Gepflogenheiten und die Abtreibungsgesetze unter Bundeskanzler Kreisky erwiderte er, dass M\u00e4dchen und junge Frauen, die verfr\u00fcht geschlechtlichen Umgang haben, bis zu zw\u00f6lfmal h\u00e4ufiger von Krebserkrankungen der Mutterorgane betroffen seien. Hamburg bezeichnete Rusch als S\u00fcndenbabel und er vermutete, dass die schlichten Gem\u00fcter der Tiroler Bev\u00f6lkerung Ph\u00e4nomenen wie Tourismus und Nachtlokalen nicht gewachsen seien und sie zu unmoralischem Verhalten verf\u00fchrten. Er f\u00fcrchtete, dass Technologie und Fortschritt den Menschen allzu unabh\u00e4ngig von Gott machen. Er war streng gegen die neue Sitte des Doppelverdienstes. Der Mensch sollte mit einem spirituellen Einfamilienhaus mit Gem\u00fcsegarten zufrieden sein und nicht nach mehr streben, Frauen sollten sich auf ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>1973 wurde Bischof Rusch nach 35 Jahren an der Spitze der Kirchengemeinde Tirols und Innsbrucks zum Ehrenb\u00fcrger der Stadt Innsbruck ernannt. 1981 trat er von seinem Amt zur\u00fcck. 1986 fand Innsbrucks erster Bischof seine letzte Ruhe im Dom St. Jakob. Das <em>Bischof-Paulus-Studentenheim<\/em> bei der unter ihm errichteten Kirche Petrus Canisius in der H\u00f6ttinger Au erinnert an ihn.<\/p>\n<p>Das Jugendzentrum Z6 \u00fcbersiedelte nach seiner Schlie\u00dfung 1974 in die Andreas-Hofer-Stra\u00dfe 11, bevor es seine bis heute bestehende Heimst\u00e4tte in der Dreiheiligenstra\u00dfe fand, mitten im Arbeiterviertel der Fr\u00fchen Neuzeit gegen\u00fcber der Pestkirche. Jussuf Windischer blieb nach seiner Mitarbeit in Sozialprojekten in Brasilien in Innsbruck. Der Vater von vier Kindern arbeitete weiterhin mit sozialen Randgruppen, war Dozent an der Sozialakademie, Gef\u00e4ngnisseelsorger und Leiter des Caritas Integrationshauses in Innsbruck.<\/p>\n<p>Auch die MK besteht bis heute, auch wenn es das Kennedyhaus, das direkt nach dem Abschied Kripps von den Mitgliedern in <em>Sigmund-Kripp-Haus<\/em> umbenannt wurde, nicht mehr gibt. Kripp wurde 2005 von seinem ehemaligen Sodalen und sp\u00e4teren Vizeb\u00fcrgermeister wie vor ihm Bischof Rusch zum Ehrenb\u00fcrger der Stadt Innsbruck ernannt.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53500&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Wer in \u00d6sterreich unterwegs ist, kennt die Kuppen und Zwiebelt\u00fcrme der Kirchen in D\u00f6rfern und St\u00e4dten. Diese Form der Kircht\u00fcrme entstand in der Zeit der Gegenreformation und ist ein typisches Kennzeichen des Architekturstils Barock. Auch in Innsbrucks Stadtbild sind sie vorherrschend. Die bekanntesten Gottesh\u00e4user Innsbrucks wie der Dom, die Johanneskirche oder die Jesuitenkirche, sind im Stile des Barocks gehalten. Prachtvoll und prunkvoll sollten Gottesh\u00e4user sein, ein Symbol des Sieges des rechten Glaubens. Die Religiosit\u00e4t spiegelte sich in Kunst und Kultur wider: Gro\u00dfes Drama, Pathos, Leiden, Glanz und Herrlichkeit vereinten sich zum Barock, der den gesamten katholisch orientierten Einflussbereich der Habsburger und ihrer Verb\u00fcndeten zwischen Spanien und Ungarn nachhaltig pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Das Stadtbild Innsbrucks ver\u00e4nderte sich enorm. Die Gumpps und Johann Georg Fischer als Baumeister sowie die Bilder Franz Altmutters pr\u00e4gen Innsbruck bis heute nachhaltig. Das Alte Landhaus in der Altstadt, das Neue Landhaus in der Maria-Theresien-Stra\u00dfe, die unz\u00e4hligen Palazzi, Bilder, Figuren \u2013 der Barock war im 17. und 18. Jahrhundert das stilbildende Element des Hauses Habsburg und brannte sich in den Alltag ein. Das B\u00fcrgertum wollte den Adeligen und F\u00fcrsten nicht nachstehen und lie\u00dfen ihre Privath\u00e4user im Stile des Barocks errichten. Auf Bauernh\u00e4usern prangen Heiligenbilder, Darstellungen der Mutter Gottes und des Herzen Jesu.<\/p>\n<p>Barock war nicht nur eine architektonische Stilrichtung, es war ein Lebensgef\u00fchl, das seinen Ausgang nach dem Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges nahm. Die T\u00fcrkengefahr aus dem Osten, die in der zweimaligen Belagerung Wiens gipfelte, bestimmte die Au\u00dfenpolitik des Reiches, w\u00e4hrend die Reformation die Innenpolitik dominierte. Die Barockkultur war ein zentrales Element des Katholizismus und der politischen Darstellung derselben in der \u00d6ffentlichkeit, das Gegenmodell zum spr\u00f6den und strengen Lebensentwurf Calvins und Luthers. Feiertage mit christlichem Hintergrund wurden eingef\u00fchrt, um den Alltag der Menschen aufzuhellen. Architektur, Musik und Malerei waren reich, f\u00fcllig und \u00fcppig. In Theaterh\u00e4usern wie dem <em>Comedihaus<\/em> in Innsbruck wurden Dramen mit religi\u00f6sem Hintergrund aufgef\u00fchrt. Kreuzwege mit Kapellen und Darstellungen des gekreuzigten Jesus durchzogen die Landschaft. Die Volksfr\u00f6mmigkeit in Form der Wallfahrten, Marien- und Heiligenverehrung hielt Einzug in den Kirchenalltag. Multiple Krisen pr\u00e4gten den Alltag der Menschen. Neben Krieg und Hunger brach die Pest im 17. Jahrhundert besonders h\u00e4ufig aus. Die<em> Barockfr\u00f6mmigkeit<\/em> wurde auch zur Erziehung der Untertanen eingesetzt. Auch wenn der Ablasshandel in der Zeit nach dem 16. Jahrhundert keine g\u00e4ngige Praxis mehr in der katholischen Kirche war, so gab es doch noch eine rege Vorstellung von Himmel und H\u00f6lle. Durch ein tugendhaftes Leben, sprich ein Leben im Einklang mit katholischen Werten und gutem Verhalten als Untertan gegen\u00fcber der g\u00f6ttlichen Ordnung, konnte man dem Paradies einen gro\u00dfen Schritt n\u00e4herkommen. Die sogenannte <em>Christliche Erbauungsliteratur<\/em> war nach der Schulreformation des 18. Jahrhunderts in der Bev\u00f6lkerung beliebt und zeigte vor, wie das Leben zu f\u00fchren war. Das Leiden des Gekreuzigten f\u00fcr die Menschheit galt als Symbol f\u00fcr die M\u00fchsal der Untertanen auf Erden innerhalb des Feudalsystems. Mit Votivbildern baten Menschen um Beistand in schweren Zeiten oder bedankten sich vor allem bei der Mutter Gottes f\u00fcr \u00fcberstandene Gefahren und Krankheiten.<\/p>\n<p>Der Historiker Ernst Hanisch beschrieb den Barock und den Einfluss, den er auf die \u00f6sterreichische Lebensart hatte, so:<\/p>\n<p>\u201e<em>\u00d6sterreich entstand in seiner modernen Form als Kreuzzugsimperialismus gegen die T\u00fcrken und im Inneren gegen die Reformatoren. Das brachte B\u00fcrokratie und Milit\u00e4r, im \u00c4u\u00dferen aber Multiethnien. Staat und Kirche probierten den intimen Lebensbereich der B\u00fcrger zu kontrollieren. Jeder musste sich durch den Beichtstuhl reformieren, die Sexualit\u00e4t wurde eingeschr\u00e4nkt, die normengerechte Sexualit\u00e4t wurden erzwungen. Menschen wurden systematisch zum Heucheln angeleitet.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Die Rituale und das untert\u00e4nige Verhalten gegen\u00fcber der Obrigkeit hinterlie\u00dfen ihre Spuren in der Alltagskultur, die katholische L\u00e4nder wie \u00d6sterreich und Italien bis heute von protestantisch gepr\u00e4gten Regionen wie Deutschland, England oder Skandinavien unterscheiden. Die Leidenschaft f\u00fcr akademische Titel der \u00d6sterreicher hat ihren Ursprung in den barocken Hierarchien. Der Ausdruck <em>Barockf\u00fcrst<\/em> bezeichnet einen besonders patriarchal-g\u00f6nnerhaften Politiker, der mit gro\u00dfen Gesten sein Publikum zu becircen wei\u00df. W\u00e4hrend man in Deutschland politische Sachlichkeit sch\u00e4tzt, ist der Stil von \u00f6sterreichischen Politikern theatralisch, ganz nach dem \u00f6sterreichischen Bonmot des \u201e<em>Schaumamal<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Glaube, Kirche, Obrigkeit und Herrschaft&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Glaube, Kirche, Obrigkeit und Herrschaft&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53360&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die F\u00fclle an Kirchen, Kapellen, Kruzifixen und Wandmalereien im \u00f6ffentlichen Raum wirkt auf viele Besucher Innsbrucks aus anderen L\u00e4ndern eigenartig. Nicht nur Gottesh\u00e4user, auch viele Privath\u00e4user sind mit Darstellungen der Heiligen Familie oder biblischen Szenen geschm\u00fcckt. Der christliche Glaube und seine Institutionen waren in ganz Europa \u00fcber Jahrhunderte alltagsbestimmend. Innsbruck als Residenzstadt der streng katholischen Habsburger und Hauptstadt des selbsternannten <em>Heiligen Landes Tirol<\/em> wurde bei der Ausstattung mit kirchlichen Bauwerkern besonders begl\u00fcckt. Allein die Dimension der Kirchen umgelegt auf die Verh\u00e4ltnisse vergangener Zeiten sind gigantisch. Die Stadt mit ihren knapp 5000 Einwohnern besa\u00df im 16. Jahrhundert mehrere Kirchen, die in Pracht und Gr\u00f6\u00dfe jedes andere Geb\u00e4ude \u00fcberstrahlte, auch die Pal\u00e4ste der Aristokratie. Das Kloster Wilten war ein Riesenkomplex inmitten eines kleinen Bauerndorfes, das sich darum gruppierte. Die r\u00e4umlichen Ausma\u00dfe der Gottesh\u00e4user spiegelt die Bedeutung im politischen und sozialen Gef\u00fcge wider.<\/p>\n<p>Die Kirche war f\u00fcr viele Innsbrucker nicht nur moralische Instanz, sondern auch weltlicher Grundherr. Der Bischof von Brixen war formal hierarchisch dem Landesf\u00fcrsten gleichgestellt. Die Bauern arbeiteten auf den Landg\u00fctern des Bischofs wie sie auf den Landg\u00fctern eines weltlichen F\u00fcrsten f\u00fcr diesen arbeiteten. Damit hatte sie die Steuer- und Rechtshoheit \u00fcber viele Menschen. Die kirchlichen Grundbesitzer galten dabei nicht als weniger streng, sondern sogar als besonders fordernd gegen\u00fcber ihren Untertanen. Gleichzeitig war es auch in Innsbruck der Klerus, der sich in gro\u00dfen Teilen um das Sozialwesen, Krankenpflege, Armen- und Waisenversorgung, Speisungen und Bildung sorgte. Der Einfluss der Kirche reichte in die materielle Welt \u00e4hnlich wie es heute der Staat mit Finanzamt, Polizei, Schulwesen und Arbeitsamt tut. Was uns heute Demokratie, Parlament und Marktwirtschaft sind, waren den Menschen vergangener Jahrhunderte Bibel und Pfarrer: Eine Realit\u00e4t, die die Ordnung aufrecht h\u00e4lt. Zu glauben, alle Kirchenm\u00e4nner w\u00e4ren zynische Machtmenschen gewesen, die ihre ungebildeten Untertanen ausn\u00fctzten, ist nicht richtig. Der Gro\u00dfteil sowohl des Klerus wie auch der Adeligen war fromm und gottergeben, wenn auch auf eine aus heutiger Sicht nur schwer verst\u00e4ndliche Art und Weise. Verletzungen der Religion und Sitten wurden in der sp\u00e4ten Neuzeit vor weltlichen Gerichten verhandelt und streng geahndet. Die Anklage bei Verfehlungen lautete H\u00e4resie, worunter eine Vielzahl an Vergehen zusammengefasst wurde. Sodomie, also jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, Zauberei, Hexerei, Gottesl\u00e4sterung \u2013 kurz jede Abwendung vom rechten Gottesglauben, konnte mit Verbrennung geahndet werden. Das Verbrennen sollte die Verurteilten gleichzeitig reinigen und sie samt ihrem s\u00fcndigen Treiben endg\u00fcltig vernichten, um das B\u00f6se aus der Gemeinschaft zu tilgen. Bis in die Angelegenheiten des t\u00e4glichen Lebens regelte die Kirche lange Zeit das allt\u00e4gliche Sozialgef\u00fcge der Menschen. Kirchenglocken bestimmten den Zeitplan der Menschen. Ihr Klang rief zur Arbeit, zum Gottesdienst oder informierte als Totengel\u00e4ut \u00fcber das Dahinscheiden eines Mitglieds der Gemeinde. Menschen konnten einzelne Glockenkl\u00e4nge und ihre Bedeutung voneinander unterscheiden. Sonn- und Feiertage strukturierten die Zeit. Fastentage regelten den Speiseplan. Familienleben, Sexualit\u00e4t und individuelles Verhalten hatten sich an den von der Kirche vorgegebenen Moral zu orientieren. Das Seelenheil im n\u00e4chsten Leben war f\u00fcr viele Menschen wichtiger als das Lebensgl\u00fcck auf Erden, war dies doch ohnehin vom determinierten Zeitgeschehen und g\u00f6ttlichen Willen vorherbestimmt. Fegefeuer, letztes Gericht und H\u00f6llenqualen waren Realit\u00e4t und verschreckten und disziplinierten auch Erwachsene.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Innsbrucker B\u00fcrgertum von den Ideen der Aufkl\u00e4rung nach den Napoleonischen Kriegen zumindest sanft wachgek\u00fcsst wurde, blieb der Gro\u00dfteil der Menschen weiterhin der Mischung aus konservativem Katholizismus und abergl\u00e4ubischer Volksfr\u00f6mmigkeit verbunden. Religiosit\u00e4t war nicht unbedingt eine Frage von Herkunft und Stand, wie die gesellschaftlichen, medialen und politischen Auseinandersetzungen entlang der Bruchlinie zwischen Liberalen und Konservativ immer wieder aufzeigten. Seit der <em>Dezemberverfassung<\/em> von 1867 war die freie Religionsaus\u00fcbung zwar gesetzlich verankert, Staat und Religion blieben aber eng verkn\u00fcpft. Die <em>Wahrmund-Aff\u00e4re<\/em>, die sich im fr\u00fchen 20. Jahrhundert ausgehend von der Universit\u00e4t Innsbruck \u00fcber die gesamte K.u.K. Monarchie ausbreitete, war nur eines von vielen Beispielen f\u00fcr den Einfluss, den die Kirche bis in die 1970er Jahre hin aus\u00fcbte. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg nahm diese politische Krise, die die gesamte Monarchie erfassen sollte in Innsbruck ihren Anfang. Ludwig Wahrmund (1861 \u2013 1932) war Ordinarius f\u00fcr Kirchenrecht an der Juridischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck. Wahrmund, vom Tiroler Landeshauptmann eigentlich daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt, um den Katholizismus an der als zu liberal eingestuften Innsbrucker Universit\u00e4t zu st\u00e4rken, war Anh\u00e4nger einer aufgekl\u00e4rten Theologie. Im Gegensatz zu den konservativen Vertretern in Klerus und Politik sahen Reformkatholiken den Papst nur als spirituelles Oberhaupt, nicht aber als weltlich Instanz, an. Studenten sollten nach Wahrmunds Auffassung die L\u00fccke und die Gegens\u00e4tze zwischen Kirche und moderner Welt verringern, anstatt sie einzuzementieren. Seit 1848 hatten sich die Gr\u00e4ben zwischen liberal-nationalen, sozialistischen, konservativen und reformorientiert-katholischen Interessensgruppen und Parteien vertieft. Eine der heftigsten Bruchlinien verlief durch das Bildungs- und Hochschulwesen entlang der Frage, wie sich das \u00fcbernat\u00fcrliche Gebaren und die Ansichten der Kirche, die noch immer ma\u00dfgeblich die Universit\u00e4ten besetzten, mit der modernen Wissenschaft vereinbaren lie\u00dfen. Liberale und katholische Studenten verachteten sich gegenseitig und krachten immer aneinander. Bis 1906 war Wahrmund Teil der <em>Leo-Gesellschaft<\/em>, die die F\u00f6rderung der Wissenschaft auf katholischer Basis zum Ziel hatte, bevor er zum Obmann der Innsbrucker Ortsgruppe des Vereins <em>Freie Schule<\/em> wurde, der f\u00fcr eine komplette Entklerikalisierung des gesamten Bildungswesens eintrat. Vom Reformkatholiken wurde er zu einem Verfechter der kompletten Trennung von Kirche und Staat. Seine Vorlesungen erregten immer wieder die Aufmerksamkeit der Obrigkeit. Angeheizt von den Medien fand der Kulturkampf zwischen liberalen Deutschnationalisten, Konservativen, Christlichsozialen und Sozialdemokraten in der Person Ludwig Wahrmunds eine ideale Projektionsfl\u00e4che. Was folgte waren Ausschreitungen, Streiks, Schl\u00e4gereien zwischen Studentenverbindungen verschiedener Couleur und Ausrichtung und gegenseitige Diffamierungen unter Politikern. Die <em>Los-von-Rom Bewegung<\/em> des Deutschradikalen Georg Ritter von Sch\u00f6nerer (1842 \u2013 1921) krachte auf der B\u00fchne der Universit\u00e4t Innsbruck auf den politischen Katholizismus der Christlichsozialen. Die deutschnationalen Akademiker erhielten Unterst\u00fctzung von den ebenfalls antiklerikalen Sozialdemokraten sowie von B\u00fcrgermeister Greil, auf konservativer Seite sprang die Tiroler Landesregierung ein. Die <em>Wahrmund Aff\u00e4re<\/em> schaffte es als <em>Kulturkampfdebatte<\/em> bis in den Reichsrat. F\u00fcr Christlichsoziale war es ein \u201e<em>Kampf des freissinnigen Judentums gegen das Christentum<\/em>\u201c in dem sich \u201e<em>Zionisten, deutsche Kulturk\u00e4mpfer, tschechische und ruthenische Radikale<\/em>\u201c in einer \u201e<em>internationalen Koalition<\/em>\u201c als \u201e<em>freisinniger Ring des j\u00fcdischen Radikalismus und des radikalen Slawentums<\/em>\u201c pr\u00e4sentierten. Wahrmund hingegen bezeichnete in der allgemein aufgeheizten Stimmung katholische Studenten als \u201e<em>Verr\u00e4ter und Parasiten<\/em>\u201c. Als Wahrmund 1908 eine seiner Reden, in der er Gott, die christliche Moral und die katholische Heiligenverehrung anzweifelte, in Druck bringen lie\u00df, erhielt er eine Anzeige wegen Gottesl\u00e4sterung. Nach weiteren teils gewaltt\u00e4tigen Versammlungen sowohl auf konservativer und antiklerikaler Seite, studentischen Ausschreitungen und Streiks musste kurzzeitig sogar der Unibetrieb eingestellt werden. Wahrmund wurde zuerst beurlaubt, sp\u00e4ter an die deutsche Universit\u00e4t Prag versetzt.<\/p>\n<p>Auch in der Ersten Republik war die Verbindung zwischen Kirche und Staat stark. Der christlichsoziale, als <em>Eiserner Pr\u00e4lat<\/em> in die Geschichte eingegangen Ignaz Seipel schaffte es in den 1920er Jahren bis ins h\u00f6chste Amt des Staates. Bundeskanzler Engelbert Dollfu\u00df sah seinen St\u00e4ndestaat als Konstrukt auf katholischer Basis als Bollwerk gegen den Sozialismus. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Kirche und Politik in Person von Bischof Rusch und Kanzler Walln\u00f6fer ein Gespann. Erst dann begann eine ernsthafte Trennung. Glaube und Kirche haben noch immer ihren fixen Platz im Alltag der Innsbrucker, wenn auch oft unbemerkt. Die Kirchenaustritte der letzten Jahrzehnte haben der offiziellen Mitgliederzahl zwar eine Delle versetzt und Freizeitevents werden besser besucht als Sonntagsmessen. Die r\u00f6misch-katholische Kirche besitzt aber noch immer viel Grund in und rund um Innsbruck, auch au\u00dferhalb der Mauern der jeweiligen Kl\u00f6ster und Ausbildungsst\u00e4tten. Etliche Schulen in und rund um Innsbruck stehen ebenfalls unter dem Einfluss konservativer Kr\u00e4fte und der Kirche. Und wer immer einen freien Feiertag genie\u00dft, ein Osterei ans andere peckt oder eine Kerze am Christbaum anz\u00fcndet, muss nicht Christ sein, um als Tradition getarnt im Namen Jesu zu handeln.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbrucks Industrielle Revolutionen&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Innsbrucks Industrielle Revolutionen&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;58380&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Im 15. Jahrhundert begann sich in Innsbruck eine erste fr\u00fche Form der Industrialisierung zu entwickeln. Die Metallverarbeitung florierte unter der aufsteigenden Bauwirtschaft in der boomenden Residenzstadt und der Herstellung von Waffen und R\u00fcstungen. Viele Faktoren trafen daf\u00fcr zusammen. Die verkehrsg\u00fcnstige Lage der Stadt, die Verf\u00fcgbarkeit von Wasserkraft, Innsbrucks politischer Aufstieg, das Knowhow der Handwerker und die Verf\u00fcgbarkeit von Kapital unter Maximilian erm\u00f6glichten den Aufbau von Infrastruktur. Glocken- und Waffengie\u00dfer wie die L\u00f6fflers errichteten in H\u00f6tting, M\u00fchlau und Dreiheiligen Betriebe, die zu den f\u00fchrenden Werken Europas ihrer Zeit geh\u00f6rten. Entlang des Sillkanals nutzten M\u00fchlen und Betriebe die Wasserkraft zur Energiegewinnung. Pulverstampfer und Silberschmelzen hatten sich in der Silbergasse, der heutigen Universit\u00e4tsstra\u00dfe, angesiedelt. In der heutigen Adamgasse gab es eine Munitionsfabrik, die 1636 explodierte.<\/p>\n<p>Die Metallverarbeitung kurbelte auch andere Wirtschaftszweige an. Anfang des 17. Jahrhunderts waren 270 Betriebe in Innsbruck ans\u00e4ssig, die Meister, Gesellen und Lehrlinge in Lohn und Brot hatten. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Innsbrucker war zwar noch immer in der Verwaltung t\u00e4tig, Gewerbe, Handwerk und das Geld, das sich damit verdienen lie\u00df, zogen aber eine neue Schicht von Menschen an. Es kam zu einer Umschichtung innerhalb der Stadt. B\u00fcrger und Betriebe wurden von der Beamtenschaft und dem Adel aus der Neustadt verdr\u00e4ngt. Die meisten der barocken Palazzi, die heute die Maria-Theresienstra\u00dfe schm\u00fccken, entstanden im 17. Jahrhundert w\u00e4hrend Dreiheiligen und St. Nikolaus zu Innsbrucks Industrie- und Arbeitervierteln wurden. Neben der Metallverarbeitung rund um die Silbergasse siedelten sich auch Gerber, Tischler, Wagner, Baumeister, Steinmetze und andere Handwerker der fr\u00fchen Industrialisierung hier an.<\/p>\n<p>Die Industrie \u00e4nderte nicht nur die Spielregeln im Sozialen durch den Zuzug neuer Arbeitskr\u00e4fte und ihrer Familien, sie hatte auch Einfluss auf die Erscheinung Innsbrucks. Die Arbeiter waren, anders als die Bauern, keines Herren Untertanen. Unternehmer waren zwar nicht von edlem Blut, sie hatten aber oft mehr Kapital zur Verf\u00fcgung als die Aristokratie. Die alten Hierarchien bestanden zwar noch, begannen aber zumindest etwas br\u00fcchig zu werden. Die neuen B\u00fcrger brachten neue Mode mit und kleideten sich anders. Kapital von au\u00dferhalb kam in die Stadt. Wohnh\u00e4user und Kirchen f\u00fcr die neu zugezogenen Untertanen entstanden. Die gro\u00dfen Werkst\u00e4tten ver\u00e4nderten den Geruch und den Klang der Stadt. Die H\u00fcttenwerke waren laut, der Rauch der \u00d6fen verpestete die Luft. Innsbruck war von einer kleinen Siedlung an der Innbr\u00fccke zu einer Proto-Industriestadt geworden.<\/p>\n<p>Das Wachstum wurde Ende des 18. Jahrhunderts f\u00fcr einige Jahrzehnte von den Napoleonischen Kriegen gebremst. Die zweite Welle der Industrialisierung erfolgte im Verh\u00e4ltnis zu anderen europ\u00e4ischen Regionen in Innsbruck sp\u00e4t. Ein Grund daf\u00fcr war die sp\u00e4te Etablierung eines funktionierenden Bankenwesens in der Stadt. Katholiken galten B\u00e4nker noch immer als \u201eWucherer und Borger\u201c und das Gesch\u00e4ft mit dem Geld galt als unanst\u00e4ndig. Ohne Finanzierung konnten aber auch gro\u00dfe Unternehmungen nicht gegr\u00fcndet werden. Die Tiroler Landesregierung hatte zwar 1715 die so genannte <em>Banko<\/em> gegr\u00fcndet und in der Herzog-Friedrich-Stra\u00dfe gab es die Privatbank Bederunger, erst mit der Gr\u00fcndung der ersten Filiale der Sparkasse wurde es m\u00f6glich, sein Geld nicht mehr unter dem Kopfpolster zu verwahren. Nach 1850 begann man Kredite zu vergeben, was die Gr\u00fcndung heimischer gr\u00f6\u00dferer Betriebe erm\u00f6glichte. Das <em>Kleine Handwerk<\/em>, die b\u00e4uerliche Herstellung von allerlei Gebrauchsgegenst\u00e4nden vor allem im weniger arbeitsintensiven Winter, und die ehemaligen in Z\u00fcnften organisierten Handwerksbetriebe der Stadt gerieten unter den Errungenschaften der modernen Warenherstellung unter Druck. In St. Nikolaus, Wilten, M\u00fchlau und Pradl entstanden entlang des M\u00fchlbaches und des Sillkanals moderne Fabriken. Viele innovative Betriebsgr\u00fcnder kamen von au\u00dferhalb Innsbrucks. Im heutigen Haus Innstra\u00dfe 23 gr\u00fcndete der aus der Lausitz nach Innsbrucker \u00fcbersiedelte Peter Walde 1777 sein Unternehmen, in dem aus Fett gewonnene Produkte wie Talglichter und Seifen hergestellt wurden. Acht Generationen sp\u00e4ter besteht Walde als eines der \u00e4ltesten Familienunternehmen \u00d6sterreichs noch immer. Im denkmalgesch\u00fctzten Stammhaus mit gotischem Gew\u00f6lbe kann man heute das Ergebnis der jahrhundertelangen Tradition in Seifen- und Kerzenform kaufen. Franz Josef Adam kam aus dem Vinschgau, um die bis dato gr\u00f6\u00dfte Brauerei der Stadt in einem ehemaligen Adelsansitz zu gr\u00fcnden. 1838 kam die Spinnmaschine \u00fcber die Dornbirner Firma <em>Herrburger &amp; Rhomberg <\/em>\u00fcber den Arlberg nach Pradl. <em>H&amp;R<\/em> hatte ein Grundst\u00fcck an den Sillgr\u00fcnden erworben. Der Platz eignete sich dank der Wasserkraft des Flusses ideal f\u00fcr die schweren Maschinen der Textilindustrie. Neben der traditionellen Schafwolle wurde nun auch Baumwolle verarbeitet.\u00a0<\/p>\n<p>Wie 400 Jahre zuvor ver\u00e4nderte auch die Zweite Industrielle Revolution die Stadt und den Alltag ihrer Einwohner nachhaltig. Stadtteile wie M\u00fchlau, Pradl und Wilten wuchsen rasant. Die Betriebe standen oft mitten in den Wohngebieten. \u00dcber 20 Betriebe nutzten um 1900 noch immer den Sillkanal. Die <em>Haidm\u00fchle<\/em> in der Salurnerstra\u00dfe bestand von 1315 bis 1907. In der Dreiheiligenstra\u00dfe wurde eine Textilfabrik mit der Energie des Sillkanals versorgt. Der L\u00e4rm und die Abgase der Motoren waren f\u00fcr die Anrainer die H\u00f6lle, wie ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1912 zeigt:<\/p>\n<p><em>\u201eEntr\u00fcstung ruft bei den Bewohnern des n\u00e4chst dem Hauptbahnhofe gelegenen Stadtteiles der seit einiger Zeit in der hibler\u00b4schen Feigenkaffeefabrik aufgestellte Explosionsmotor hervor. Der L\u00e4rm, welchen diese Maschine fast den ganzen Tag ununterbrochen verbreitet, st\u00f6rt die ganz Umgebung in der empfindlichsten Weise und mu\u00df die umliegenden Wohnungen entwerten. In den am Bahnhofplatze liegenden Hotels sind die fr\u00fcher so gesuchten und beliebten Gartenzimmer kaum mehr zu vermieten. Noch schlimmer als der ruhest\u00f6rende L\u00e4rm aber ist der Qualm und Gestank der neuen Maschine\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aristokraten, die sich zu lange auf ihrem Geburtsverdienst auf der faulen Haut ausruhten, w\u00e4hrend sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spielregeln \u00e4nderten, mussten ihre Anwesen an den neuen Geldadel verkaufen. Im <em>Palais Sarnthein<\/em> gegen\u00fcber der Triumphpforte, 1689 von Johann Anton Gumpp f\u00fcr David Graf Sarnthein noch als barocker Ansitz geplant, zog die Waffenfabrik und das Gesch\u00e4ft von Johann Peterlongo ein. Geschickte Mitglieder des Adelsstandes nutzten ihre Voraussetzungen und investierten Familienbesitz und Ertr\u00e4ge aus der b\u00e4uerlichen Grundentlastung von 1848 in Industrie und Wirtschaft. Der steigende Arbeitskr\u00e4ftebedarf wurde von ehemaligen Knechten und Landwirten ohne Land gedeckt. W\u00e4hrend sich die neue verm\u00f6gende Unternehmerklasse Villen in Wilten, Pradl und dem Saggen bauen lie\u00df und mittlere Angestellte in Wohnh\u00e4usern in denselben Vierteln wohnten, waren die Arbeiter in Arbeiterwohnheimen und Massenunterk\u00fcnften untergebracht. Die einen sorgten in Betrieben wie dem Gaswerk, dem Steinbruch oder in einer der Fabriken f\u00fcr den Wohlstand, w\u00e4hrend ihn die anderen konsumierten. Schichten von 12 Stunden in engen, lauten und ru\u00dfigen Bedingungen forderten den Arbeitern alles ab. Zu einem Verbot der Kinderarbeit kam es erst ab den 1840er Jahren. Frauen verdienten nur einen Bruchteil dessen, was M\u00e4nner bekamen. Die Arbeiter wohnten oft in von ihren Arbeitgebern errichteten Mietskasernen und waren ihnen mangels eines Arbeitsrechtes auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Es gab weder Sozial- noch Arbeitslosenversicherungen. Wer nicht arbeiten konnte, war auf die Wohlfahrtseinrichtungen seines Heimatortes angewiesen. Angemerkt sei, dass sich dieser f\u00fcr uns furchterregende Alltag der Arbeiter nicht von den Arbeitsbedingungen in den D\u00f6rfern unterschied, sondern sich daraus entwickelte. Auch in der Landwirtschaft waren Kinderarbeit, Ungleichheit und prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse die Regel.<\/p>\n<p>Die Industrialisierung betraf aber nicht nur den materiellen Alltag. Innsbruck erfuhr eine Gentrifizierung wie man sie heute in angesagten Gro\u00dfstadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg in Berlin beobachten kann. Der Wechsel vom b\u00e4uerlichen Leben des Dorfes in die Stadt beinhaltete mehr als einen \u00f6rtlichen Wechsel. Wie die Menschen die Verst\u00e4dterung des ehemals l\u00e4ndlichen Bereichs erlebten, l\u00e4sst uns der Innsbrucker Schriftsteller Josef Leitgeb in einem seiner Texte wissen:\u00a0<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026viel fremdes, billig gekleidetes Volk, in wachsenden Wohnblocks zusammengedr\u00e4ngt, morgens, mittags und abends die Stra\u00dfen f\u00fcllend, wenn es zur Arbeit ging oder von ihr kam, aus Werkst\u00e4tten, L\u00e4den, Fabriken, vom Bahndienst, die Gesichter oft bla\u00df und vorzeitig alternd, in Haltung, Sprache und Kleidung nichts Pers\u00f6nliches mehr, sondern ein Allgemeines, massenhaft Wiederholtes und Wiederholbares: st\u00e4dtischer Arbeitsmensch. Bahnhof und Gaswerk erschienen als Kern dieser neuen, uns\u00e4glich fremden Landschaft.\u201c<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr viele Innsbrucker kam es nach dem Revolutionsjahr 1848 und den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten zu einer Verb\u00fcrgerlichung. Geschichten, von Menschen, die mit Flei\u00df, Gl\u00fcck, Talent und etwas finanzieller Starthilfe aufstiegen, gab es immer wieder. Bekannte Innsbrucker Beispiele au\u00dferhalb der Hotellerie und Gastronomie, die bis heute existieren sind die Tiroler Glasmalerei, der Lebensmittelhandel H\u00f6rtnagl oder die Seifenfabrik Walde. Erfolgreiche Unternehmer \u00fcbernahmen die einstige Rolle der adeligen Grundherren. Gemeinsam mit den zahlreichen Akademikern bildeten sie eine neue Schicht, die auch politisch mehr und mehr Einfluss gewann. Beda Weber schrieb dazu 1851:\u00a0\u201e<em>Ihre gesellschaftlichen Kreise sind ohne Zwang, es verr\u00e4th sich schon deutlich etwas Gro\u00dfst\u00e4dtisches, das man anderw\u00e4rts in Tirol nicht so leicht antrifft.&#8220;\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Auch die Arbeiter verb\u00fcrgerlichten. War der Grundherr am Land noch Herr \u00fcber das Privatleben seiner Knechte und M\u00e4gde und konnte bis zur Sexualit\u00e4t \u00fcber die Freigabe zur Ehe \u00fcber deren Lebenswandel bestimmen, waren die Arbeiter nun individuell zumindest etwas freier. Sie wurden zwar nur schlecht bezahlt, immerhin erhielten sie aber nun ihren eigenen Lohn anstelle von Kost und Logis und konnten ihre Privatangelegenheiten f\u00fcr sich regeln ohne grundherrschaftliche Vormundschaft.\u00a0<\/p>\n<p>Die Kehrseite dieser neu gewonnen Selbstbestimmung traten vor allem in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung zu Tage. Es gab kaum staatliche Infrastruktur f\u00fcr Kranken- und Familienf\u00fcrsorge. Krankenvorsorge, Pension, Altersheime und Kinderg\u00e4rten waren noch nicht erfunden, hatte die b\u00e4uerliche Gro\u00dffamilie diese Aufgaben vielfach bis jetzt \u00fcbernommen. In den Arbeitervierteln tummelten sich unter Tags unbeaufsichtigte Kinder: Betroffen waren vor allem die kleinsten, die noch nicht unter die Schulpflicht fielen. 1834 gr\u00fcndete sich nach einem Aufruf des Tiroler Landesgubernators ein Frauenverein, der <em>Kinderverwahranstalten<\/em> in den Arbeitervierteln St. Nikolaus, Dreiheiligen und in Angerzell, der heutigen Museumstra\u00dfe, betrieb. Ziel war es nicht nur die Kinder von der Stra\u00dfe fernzuhalten und sie mit Kleidung und Nahrung zu versorgen, sondern ihnen auch Manieren, z\u00fcchtige Ausdrucksweise und tugendhaftes Verhalten beizubringen. Die W\u00e4rterinnen sorgten mit strenger Hand f\u00fcr \u201eReinlichkeit, Ordnung und Folgsamkeit\u201c daf\u00fcr, dass die Kinder zumindest ein Mindestma\u00df an F\u00fcrsorge erfuhren. Die ehemalige <em>Bewahranstalt<\/em> in der Paul-Hofhaimer-Gasse hinter dem Ferdinandeum gibt es bis heute. Der klassizistische Bau beherbergt heute den Integrationskindergarten der Caritas und einen Betriebskindergarten des Landes Tirol.\u00a0<\/p>\n<p>Innsbruck ist keine traditionelle Arbeiterstadt. Zur Bildung einer bedeutenden Arbeiterbewegung wie in Wien kam es in Tirol trotzdem nie. Innsbruck war immer schon vorwiegend Handels- und Universit\u00e4tsstadt. Zwar gab es Sozialdemokraten und eine Handvoll Kommunisten, die Zahl der Arbeiter war aber immer zu klein, um wirklich etwas zu bewegen. Maiaufm\u00e4rsche werden vom Gro\u00dfteil der Menschen maximal wegen billiger Schnitzel und Freibier besucht. Auch sonst gibt es kaum Erinnerungsorte an die Industrialisierung und die Errungenschaften der Arbeiterschaft. In der St.-Nikolaus-Gasse und in vielen Mietzinsh\u00e4usern in Wilten und Pradl haben sich vereinzelt H\u00e4user erhalten, die einen Eindruck vom Alltag der Innsbrucker Arbeiterschaft geben.\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Success Story der Innsbrucker Glasmaler&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Success Story der Innsbrucker Glasmaler&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;64114&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten von Amerika galten in der Vorkriegszeit als <em>Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten<\/em>, wo aus Tellerw\u00e4schern Million\u00e4re wurden. Diese Erfolgsgeschichten sind aber kein exklusives Ph\u00e4nomen der Neuen Welt. Auch in der noch nicht bis ins letzte durchregelten Gesellschaft der Donaumonarchie konnten t\u00fcchtige und f\u00e4hige Menschen aus b\u00e4uerlichen Schichten, der Arbeiterschaft oder Handwerker ohne formale Ausbildung, Bef\u00e4higungspr\u00fcfung oder staatlicher Genehmigung erstaunliche Aufstiege hinlegen. Die drei Gr\u00fcnder der <em>Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt<\/em>, Josef von Stadl, Georg Mader und Albert Neuhauser, sind Beispiele f\u00fcr eine solche Erfolgsstory aus der Innsbrucker Stadtgeschichte. W\u00e4hrend sich die meisten Innsbrucker Industrie- und Handwerksbetriebe auf die Versorgung des lokalen Marktes mit altbew\u00e4hrten, soliden Produkten und Konsumg\u00fctern konzentrierten, war die Glasmalerei eines der wenigen innovativen und exportorientierten Unternehmen seiner Zeit.<\/p>\n<p>Josef von Stadl (1828 \u2013 1893) wuchs auf dem elterlichen Bauernhof mit Gastwirtschaft in Steinach am Brenner auf. Schon als Kind musste er im Betrieb mithelfen. Die harte Arbeit bescherte ihm mit neun Jahren eine Knochenhautentz\u00fcndung am Arm. Schwere k\u00f6rperliche Arbeit wurde ihm dadurch unm\u00f6glich. Stattdessen besuchte der zeichnerisch talentierte Bub die Musterhauptschule in Innsbruck, das heutige BORG. 1848 schloss er sich den Tiroler Scharfsch\u00fctzen seines Heimatortes an, wurde aber nicht zum Kampfeinsatz an den Landesgrenzen herangezogen. Anschlie\u00dfend sammelte er Erfahrungen als Schlosser und Drechsler. Der handwerklich begabte junge Mann arbeitete 1853 beim Wiederaufbau der Kirche in Steinach nach einem Dorfband mit. Bald erkannte man seine F\u00e4higkeiten und er stieg nach und nach vom Arbeiter zum Baumeister auf.<\/p>\n<p>Georg Mader (1824 \u2013 1881) stammte ebenfalls aus Steinach. Auch er musste schon in jungen Jahren als Knecht arbeiten. Auf Patronage seines Bruders, ein Geistlicher, konnte der fromme Jugendliche bei einem Maler eine Lehre absolvieren, musste seine Passion aber aufgeben, um in der heimischen M\u00fchle mitzuarbeiten. Nach seiner Gesellenwanderung beschloss er, sich auf die Malerei zu konzentrieren. In M\u00fcnchen vertiefte er bei Kaulbach und Schraudolph seine Kenntnisse. Nach Arbeiten am Dom zu Speyer kehrte er nach Tirol zur\u00fcck. Als Historienmaler hielt er sich mit Auftr\u00e4gen der Kirche \u00fcber Wasser.<\/p>\n<p>Albert Neuhauser (1832 \u2013 1901) lernte in der Glaserei und Spenglerei seines Vaters. Auch er musste den ihm angedachten Karriereweg fr\u00fch aufgeben. Bereits im Alter von zehn Jahren stellten sich Lungenprobleme ein. Statt im erfolgreichen v\u00e4terlichen Betrieb zu arbeiten, reist er nach Venedig. Murano beherbergte seit Jahrhunderten die besten Betriebe der kunstvollen Glaserzeugung. Fasziniert von diesem Gewerbe besuchte er gegen den Willen seines Vaters die Glasmalereianstalt in M\u00fcnchen. Die Produkte der kurz zuvor gegr\u00fcndeten bayerischen Fabrik entsprachen nicht seinen Qualit\u00e4tsvorstellungen. In der v\u00e4terlichen Wohnung in der Herzog-Friedrich-Stra\u00dfe unternahm er, \u00e4hnlich den Nerds, die hundert Jahre sp\u00e4ter den Grundstein f\u00fcr den Personal Computer in der eigenen Garage legen sollten, erste eigene Versuche mit dem Werkstoff Glas.<\/p>\n<p>Die T\u00fcfteleien und Experimente Neuhausers weckten die Neugierde seines Freundes von Stadl. Er stellte den Kontakt zum kunstsinnigen Mader her. 1861 beschlossen die drei, ihre Expertise in einem offiziellen Unternehmen zu b\u00fcndeln. Heute w\u00fcrde man bei der Betriebsgr\u00fcndung wohl von einem Startup sprechen. Neuhauser \u00fcbernahm den technischen und kaufm\u00e4nnischen Teil sowie die Produktentwicklung, Von Stadl k\u00fcmmerte sich um die dekorativen Aspekte und den Kontakt zu Baumeistern und Mader \u00fcbernahm die figurale Gestaltung der zum gr\u00f6\u00dften Teil f\u00fcr Kirchen geschaffenen Werke. Die erste Niederlassung bestehend aus zwei Malern und einem Brenner entstand im dritten Stock des Gasthofs zur Rose in der Altstadt. Der Rohstoff kam aus England, da das einheimische Glas den hohen Qualit\u00e4tsstandards Neuhausers nicht entsprach. Auf den Import allerdings wurden 25% Zoll aufgeschlagen. Gemeinsam mit einem Chemielehrer schaffte Neuhauser es nach einer Reise nach Birmingham und viel T\u00fcftelei, die gew\u00fcnschten Anforderungen selbst zu erzielen.<\/p>\n<p>Josef von Stadl heiratete 1867 die Malerin und Arzttochter Maria Pfefferer. Aus dem Bauernbuben aus dem Wipptal mit dem kaputten Arm war nicht nur ein Mitglied des gehobenen B\u00fcrgertums geworden, die Mitgift seiner Gattin erlaubte es ihm auch finanziell unabh\u00e4ngig zu leben. 1869 beschlossen die drei Gesellschafter mit der finanziellen Unterst\u00fctzung von Neuhausers Vater die erfolgreiche Glasmalerei zu vergr\u00f6\u00dfern. Wie dynamisch und wenig reguliert diese als <em>Gr\u00fcnderzeit<\/em> in die Geschichte eingegangene Boom-Periode war, zeigt das Beispiel der Glash\u00fctte auf den Wiltener Feldern, die 1872 als zus\u00e4tzlicher Teil der Tiroler <em>Glasmalerei<\/em> in Betrieb ging. Nur 110 Tage nach dem offiziell von der Gemeindeverwaltung Wiltens nie genehmigten Baustart wurde mit der Fertigung begonnen.<\/p>\n<p>Beginnend mit Neuhauser, der das Unternehmen auf Grund gesundheitlicher Probleme bereits 1874 verlassen musste, \u00fcberlie\u00dfen die drei Firmengr\u00fcnder ihr Startup bald anderen, blieben der Tiroler Glasmalerei aber als Gesellschafter erhalten. Neben ihren T\u00e4tigkeiten f\u00fcr das gemeinsame Unternehmen arbeitete jeder der drei Gesellschafter erfolgreich an eigenen Projekten in ihren jeweiligen T\u00e4tigkeitsfeldern.<\/p>\n<p>Von Stadl pr\u00e4gte Innsbruck nachhaltig. Die Anzahl der Mitarbeiter der Glasmalerei war in der Bl\u00fctezeit auf \u00fcber 70 gestiegen. Nach von Stadls Pl\u00e4nen entstanden 1878 Wohnh\u00e4user f\u00fcr die Angestellten, Arbeiter, K\u00fcnstler und Handwerker des Unternehmens. Die <em>Glasmalereisiedlung<\/em> umfasste die bis heute bestehenden H\u00e4user in der M\u00fcllerstra\u00dfe 39 \u2013 57, Sch\u00f6pfstra\u00dfe 18 &#8211; 24 und Speckbacherstra\u00dfe 14 \u2013 16. Sie unterscheiden sich in ihrer Architektur markant von den umliegenden H\u00e4usern der sp\u00e4ten Gr\u00fcnderzeit. Von Stadl war sparsamer mit dem Schmuck der H\u00e4user, daf\u00fcr aber auf einen kleinen Vorgarten bedacht. Arbeiter und Angestellte, die diese H\u00e4user bewohnten, sollten das Gef\u00fchl haben, den Bewohnern der Villen im Cottagestil im Saggen in keiner Hinsicht unterlegen zu sein. Es war nicht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr gro\u00dfe Unternehmen dieser Zeit eigene Siedlungen zu planen, man denke an die Siemensstadt in Berlin, es zeigt aber das Selbstverst\u00e4ndnis und eine Vision in die Zukunft, wenn ein Betrieb wie die Glasmalerei sich gegen\u00fcber seinen Mitarbeitern nicht nur als Arbeit- und Lohngeber, sondern auch als Unterkunftsf\u00fcrsorger versteht. Die Landesgeb\u00e4rklinik in Wilten war ein weiteres Gro\u00dfprojekt in Innsbruck, das unter von Stadls Feder entstand. Nach Bau des Vinzentinums 1878 wurde er zum Ehrenb\u00fcrger und Di\u00f6zesan-Architekten von Brixen ernannt. Von Papst Leo XIII. wurde ihm f\u00fcr seine Verdienste der St. Gregor Orden verliehen. Die St. Nikolauskirche, f\u00fcr die die Tiroler Glasmalerei die Fenster hergestellt hatte, wurde zu seiner letzten Ruhest\u00e4tte.<\/p>\n<p>Georg Mader arbeitete weiterhin als Maler an Sakralbauten. Bereits 1868 wurde er Mitglied der Kunstakademie Wien. Als er 1881 einen Schlaganfall erlitt, wurde er zur Rehabilitation nach Badgastein gebracht. Der Kurort in Salzburg war damals Treffpunkt des europ\u00e4ischen Hochadels und gehobenen B\u00fcrgertums. Inmitten der High Society verstarb der ehemalige M\u00fcllergeselle als wohlhabender Mann.<\/p>\n<p>Der rastlose und kreative Neuhauser reiste nach seinem R\u00fccktritt vom Posten als Direktor der Tiroler Glasmalerei erneut nach Venedig, um mit neuer Inspiration die erste Mosaikanstalt \u00d6sterreichs zu gr\u00fcnden. Die Fusion der beiden Betriebe im Jahr 1900 \u00f6ffnete ein breiteres Spektrum an M\u00f6glichkeiten. F\u00fcr seine k\u00fcnstlerischen Verdienste erhielt er den Franz-Josephs-Orden. In Wilten wurde die Neuhauserstra\u00dfe nach ihm benannt.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreiheiligenstra\u00dfe 10<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":3223,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[16,46,148,156,32,114,26],"tags":[],"class_list":["post-2914","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-barock","category-der-deutsche-orden-und-maximilian-iii","category-der-rote-bischof-und-innsbrucks-sittenverfall","category-die-success-story-der-innsbrucker-glasmaler","category-glaube-kirche-obrigkeit-und-herrschaft","category-innsbrucks-industrielle-revolutionen","category-saggen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2914","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2914"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2914\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}