{"id":3341,"date":"2020-10-30T12:52:10","date_gmt":"2020-10-30T12:52:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=3341"},"modified":"2026-02-23T13:44:43","modified_gmt":"2026-02-23T13:44:43","slug":"collegium-canisianum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/collegium-canisianum\/","title":{"rendered":"Collegium Canisianum"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Collegium Canisianum<\/h2>\n<p>Tschurtschenthalerstra\u00dfe 7<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;61980,4000,55974,66783&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Collegium Canisianum&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;61951&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Collegium Canisianum&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;59150&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<p>Der kolossale Bau des jesuitischen Studentenheimes samt Kapelle nimmt im Villenviertel Saggen einen w\u00fcrdigen Platz ein. Wer von der Villa Blanka etwas oberhalb Innsbrucks auf den Saggen schaut, sieht zuerst das Canisianum \u00e4hnlich einem Palast mit seinen mehr als 20 Fensterachsen in der Breite den ganzen Stra\u00dfenzug dominieren. Der Eingang mit dem ionischen S\u00e4ulenportikus und dem dar\u00fcber aufragenden Turm mit Laterne bildet eine sch\u00f6ne Einheit. Die Hauptfenster werden von steinernen Wappen des Hauses Habsburg, der Stadt Innsbruck und des Landes Tirol geschm\u00fcckt. Das gro\u00dfe Mosaik auf der Fassade zeigt Petrus Canisius bei in der Pose des volksnahen Erziehers und Welterkl\u00e4rers. Ein kleineres Mosaik, ebenfalls in blinkendem Gold, beinhaltet eine Darstellung des Erzengels Michael, der dem unterjochten Satan das Schwert an den Kopf h\u00e4lt. Beide Werke wurden von der <em>Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt<\/em> gestaltet.<\/p>\n<p>Das Collegium Canisianum ist neben der Jesuitenkirche mit der theologischen Fakult\u00e4t das zweite bis heute bestehende und im Stadtbild gut sichtbare Bauwerk, das den jesuitischen Einfluss auf die Bildungslandschaft Innsbrucks bezeugt. \u00dcberraschend dabei ist die Entstehungsgeschichte des Canisianums, w\u00fcrde man doch ein derart pomp\u00f6ses Geb\u00e4ude eines Ordens nicht in die letzten Jahre der Monarchie datieren. Seine Anf\u00e4nge nahm die Institution mit der Ansiedlung der Jesuiten in Innsbruck. 1587 wurde das <em>Nikolaihaus<\/em> in der heutigen Universit\u00e4tsstra\u00dfe als Konvikt f\u00fcr mittellose Sch\u00fcler der Lateinschule er\u00f6ffnet. Die Sch\u00fcler wurden auf Kosten des erzherzoglichen Hofes oder wohlhabender B\u00fcrger unterhalten. Als Gegenleistung hatten die Sch\u00fcler Rosenkr\u00e4nze und Litaneien f\u00fcr das Seelenheil des edlen M\u00e4zens zu beten. Nach der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Innsbruck 1669 diente es als Konvikt f\u00fcr Studenten der theologischen Fakult\u00e4t. Unter dem aufgekl\u00e4rten Kaiser Josef II., der den Jesuiten nicht wohl gesonnen war, verlor der Orden seinen Auftrag als Patron des Bildungswesens, erst unter Franz Josef I. kehrten die Jesuiten wieder zur\u00fcck zu ihrem angestammten Status zur\u00fcck. Schon bald wurde das <em>Nikolaihaus <\/em>in der heutigen Sillgasse zu klein f\u00fcr den gro\u00dfen Andrang an Studenten. Im allgemeinen Baurausch der Vorkriegszeit wurde mit dem Bau des neuen Konvikts im Saggen begonnen, auch wenn die liberalen Kreise der Stadt alles andere als begeistert von einem weiteren kirchlichen Bau im Stadtbild war. Wie schon beim <em>Kloster zur Ewigen Anbetung<\/em> setzte sich der Klerus durch, noch war \u00d6sterreich fest in katholisch-habsburgischer Hand. 1911 \u00f6ffnete das Collegium Canisianum seine Pforten f\u00fcr 276 Seminaristen aus der ganzen Welt. Ein Mitglied der Habsburger war bei der Er\u00f6ffnung nicht anwesend, in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> konnte man am 28. Oktober aber den \u201e<em>kaiserlichen Dank<\/em>\u201c zum Projekt lesen:<\/p>\n<p><em>\u201eDer k.k. Statthalter f\u00fcr Tirol und Vorarlberg hat im allerh\u00f6chsten Auftrage f\u00fcr die anl\u00e4\u00dflich der Weihe des neuerbauten Hauses Collegium Canisianum des theologischen Konviktes in Innsbruck telegraphisch zum Ausdrucke gebrachte Loyalit\u00e4tsbekundungen den Beteiligten den allerh\u00f6chsten Dank bekanntgegeben.<\/em><\/p>\n<p>Wie viele andere kirchliche Einrichtung mussten auch das Canisianum und die Theologische Fakult\u00e4t unter dem Furor der Nationalsozialisten 1938 nach dem Anschluss \u00d6sterreichs ihre Pforten schlie\u00dfen. Die Jesuiten exilierten nach Sitten in der Schweiz, kehrten nach dem Krieg 1945 aber erneut zur\u00fcck. Die Kapelle im Untergeschoss wurde in den 1970 im zeitgen\u00f6ssisch modernen, sehr kargen Stil dieser Zeit neugestaltet. \u00c4hnlich wie die ebenfalls Petrus Canisus gewidmete Pfarrkirche in der H\u00f6ttinger Au soll auch dieser Andachtsraum eine Neuausrichtung des Klerus widerspiegeln. Seit 2013 dient das Canisianum ein Studentenwohnheim.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Petrus Canisius und die Jesuiten&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Petrus Canisius und die Jesuiten&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53640&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Franziskaner, Pr\u00e4monstratenser, Karmeliten, Serviten, Kapuziner, Ursulinen. Wer Innsbruck besucht, spaziert, meist unbewusst, an vielen Kl\u00f6stern vorbei. Der politisch und gesellschaftlich wohl einflussreichste Orden in der Geschichte der Stadt ab dem 16. Jahrhundert waren die Jesuiten. Die \u201e<em>Soldaten Christi<\/em>\u201c wurden vom spanischen Adeligen Ignatius von Loyola (1491 \u2013 1556) 1540 gegr\u00fcndet. Loyola war ein sittenstrenger Reformator und einflussreicher Kirchenpolitiker, der Zugang zu den h\u00f6chsten Zirkeln der Macht seiner Zeit hatte. Er wollte die Kirche ver\u00e4ndern, anders als Luther aber nicht ohne den Papst als Oberhaupt. Auch eine Aufl\u00f6sung des Eigentums der Kl\u00f6ster stand nicht am Programm. Erneuerung des Glaubens von oben nach unten anstatt Zerst\u00f6rung der bestehenden Ordnung war die Devise der <em>Societas Jesu<\/em>.<\/p>\n<p>Der Orden gewann schnell an Einfluss. Aus dem milit\u00e4rischen Bereich \u00fcbernommene Organisation und Struktur, die Verbindung humanistischer Lehren und katholischer Traditionen, ein Faible f\u00fcr Wissenschaft und Bildung in Kombination mit einer mystisch anmutende Volksfr\u00f6mmigkeit machten sie f\u00fcr viele Menschen, die vom mittelalterlichen Sittenverfall des Klerus entt\u00e4uscht waren, attraktiv. Die Jesuiten waren mit diesen Merkmalen am Puls einer Zeit, die von neuen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen gepr\u00e4gt war. Sie nutzten wie protestantische Reformatoren geschickt das neue Medium Buchdruck, um ihre Schriften zu verbreiten. Man k\u00f6nnte sagen, sie waren die konfessionelle Fortsetzung der gesellschaftlichen Durchdringung durch den Staat, New Media und der doppelten Buchhaltung.<\/p>\n<p>Die politische Situation war zur Mitte des 16. Jahrhunderts verfahren und krisenreich. Italien war nach den Kriegen zwischen Frankreich und den Habsburgern arg in Mitleidenschaft gezogen. Gro\u00dfe Handelskonzerne wie die Fugger und die Welser gewannen immer mehr Einfluss. Die deutschen L\u00e4nder hatten unter den Bauernkriegen gelitten. Die Inflation bedrohte und die vielen technischen Neuerungen der Zeit um 1500 machten vielen Menschen Angst. Wie aber sollte man den Zorn Gottes ob der Verfehlungen der Renaissancep\u00e4pste und das drohende Ende der Welt abwenden, wenn nicht durch sittliche Besserung moralisches Leben nach den Lehren Christi?<\/p>\n<p>Ein eifriger F\u00f6rderer der Jesuiten in Tirol war Landesf\u00fcrst und sp\u00e4tere Kaiser Ferdinand I. Er war wie Ignatius von Loyola in Spanien aufgewachsen. Mit den Sitten der Deutschen und der in Spanien nicht existenten Reformationsbewegung hatte er ebenso seine Schwierigkeiten wie mit der Sprache. Die Tiroler Bev\u00f6lkerung auf der anderen Seite fremdelte mit ihrem Landesf\u00fcrsten, den man mit seinem fremdl\u00e4ndischen Hofstaat leicht mit einer Besatzungsmacht verwechseln konnte. Ein verbindendes Element zwischen den beiden Welten war die r\u00f6mische Kirche, speziell der moderne Jesuitenorden.<\/p>\n<p>Der wahrscheinlich bedeutendste jesuitische Theologe war Petrus Canisius (1521 \u2013 1597). Er wuchs als Peter Kanis in einem Haushalt der gehobenen Mittelschicht in den Niederlanden auf. Sein Vater war B\u00fcrgermeister von Nimwegen. Bereits in fr\u00fcher Jugend machte der sp\u00e4tere Kirchenstratege erste Erfahrungen mit der hohen Politik und lernte h\u00f6fisches Benehmen, bevor er nach K\u00f6ln ging, um zu studieren. Canisius war der das erste Ordensmitglied auf dem Gebiet des Heiligen R\u00f6mischen Reiches. Der intelligente und gebildete junge Mann legte eine steile Karriere hin. Ferdinand berief ihn nach Wien, wo er als bisch\u00f6flicher Administrator und an der Universit\u00e4t f\u00fcr Ordnung sorgen sollte. Eine seiner Hauptt\u00e4tigkeiten an der Uni neben Lehre und Forschung war das Ausfindigmachen und Verh\u00f6ren des Protestantismus verd\u00e4chtiger Universit\u00e4tsangeh\u00f6riger.<\/p>\n<p>Canisius verbrachte auch einige Jahre in Innsbruck. Eigentlich h\u00e4tten die Jesuiten in die fertiggestellte Hofkirche einziehen sollen, um die Chorgebete f\u00fcr Maximilian I. an dessen Grabst\u00e4tte zu \u00fcbernehmen. Dies lehnte Canisius als oberster Vertreter des Ordens n\u00f6rdlich der Alpen h\u00f6flich, aber bestimmt ab. F\u00fcr Ferdinand verfasste er eine Gebetsanleitung, um den F\u00fcrsten auf den rechten Weg zu bringen. 1563 schaffte es der Kaiser doch noch ihn in die Alpen zu locken. Der Gelehrte sollte ihm als Berater und Consultant f\u00fcr einen Disput mit dem Papst am Konzil von Trient beistehen. W\u00e4hrend die Innsbrucker viele der anderen fremdl\u00e4ndischen Prediger und Berater, die sich am Hofe tummelten, misstrauisch be\u00e4ugten, war Canisius ein nahbarer Mann des Volkes. Im Oktober 1571 erfuhr die Kirchengemeinde Wiltens aus seinem Mund vom Sieg der p\u00e4pstlich-kaiserlichen Flotte gegen die Osmanen bei Lepanto. Von der Kanzel herab verk\u00fcndete Canisius den Triumph der christlichen Streitkr\u00e4fte gegen die drohende Heidengefahr in der gr\u00f6\u00dften Seeschlacht der Geschichte im Stil eines katholischen Nachrichtensprechers.<\/p>\n<p>Als Hofprediger war Canisius Berater der Aristokratie, seine fromme Begeisterung machte ihn aber auch zum Kirchenmann f\u00fcr die Massen. Im Auftrag des Herrn, oder besser gesagt seiner weltlichen und kirchlichen Herren, reiste er quer durch Europa. Wie Martin Luther schaute auch er \u201e<em>dem Volk aufs Maul<\/em>\u201c. Man darf nicht vergessen, dass Gehen f\u00fcr die meisten Menschen die vorrangige Art des Reisens darstellte. Canisius soll \u00fcber 100.000 Kilometer zwischen den Niederlanden, Rom und Polen zur\u00fcckgelegt haben. Unterwegs \u00fcbernachtete er meist in einfachen Gasth\u00f6fen. Er wusste, wie wichtig es war, die Landbev\u00f6lkerung hinter sich zu bringen. W\u00e4hrend seine Br\u00fcder im fernen Indien missionierten, missionierte er gegen den Protestantismus in den deutschen L\u00e4ndern. Er erkannte, dass Predigten auf Latein nicht geeignet waren, um Bauern, Knechte und M\u00e4gde gegen die Bedrohung der r\u00f6mischen Kirche durch Luthers Protestantismus zu immunisieren. Mit seinem <em>Katechismus<\/em> verfasste Petrus Canisius eine wichtige deutschsprachige Ideensammlung im katholischen Kampf gegen die Reformation, der schnell in alle europ\u00e4ischen Sprachen \u00fcbersetzt und lange als Leitfaden der katholischen Kirche galt. F\u00fcr unterschiedliche Audiences wurden zwischen 1555 und 1558 drei verschieden komplexe Varianten des Werkes geschaffen. Findige Herausgeber schufen f\u00fcr Analphabeten einen Bilderkatechismus, um die Ideen der Kirche unters Volk zu bringen. Noch im 20. Jahrhundert war der Kanisi, so der liebevolle Spitzname des Werkes, Grundlage des Religionsunterrichts an Schulen.<\/p>\n<p>Canisius nutzte auch das neue Medium des Flugblattes, um m\u00f6glichst viele Menschen zu erreichen. Seine Schriften waren gemeinsam mit denen Luthers wahrscheinlich die meistgelesenen des 16. Jahrhunderts. Bis weit ins 19. Jahrhundert, in manchen Regionen sogar bis nach dem 2. Weltkrieg, war der <em>Kanisi<\/em>, wie der Katechismus liebevoll genannt wurde, das einflussreichste religi\u00f6s-philosophische Werk in Tirol.<\/p>\n<p>Die st\u00e4rkste und nachhaltigste S\u00e4ule im Kampf gegen die Reformatoren aber war die Bildung. Canisius sah viele Bisch\u00f6fe und Politiker als korrupt, moralisch verdorben und s\u00fcndhaft. Anstatt sie aber auszumerzen, sollten sie sich unter den Fittichen der Soldaten Jesu bessern. Die Jesuiten setzten durch die Er\u00f6ffnung neuer Kollegien auf eine bessere Ausbildung der Beamtenschaft, des Adels und des Klerus und h\u00f6here moralische, an den christlichen Wurzeln ausgerichtete Ma\u00dfst\u00e4be im Kirchenalltag. Zu diesem Zweck gr\u00fcndeten sie im ganzen Reich Kollegien. Protestantische L\u00e4nder und St\u00e4dte hatten begonnen <em>Deutsche Schulen<\/em>, Akademien und Gymnasien zu installieren. M\u00f6glichst viele Untertanen sollten lesen k\u00f6nnen, um Fr\u00f6mmigkeit und Seelenheil in der individuellen und unmittelbaren Bibellekt\u00fcre zu finden. Die Jesuiten hingegen konzentrierten sich auf die Elitenbildung und erlangten so nachhaltigen Einfluss in den Machtzentren der katholischen Staaten.<\/p>\n<p>Die Jesuiten gr\u00fcndeten in Innsbruck die Lateinschule, aus der sp\u00e4ter die Universit\u00e4t hervorgehen sollte. Das neue Bildungsinstitut hatte gro\u00dfe Auswirkungen auf die Stadtentwicklung. Hier wurde die Intelligenzia ausgebildet, die Innsbrucks Aufstieg zum Verwaltungs- und Wirtschaftsstandort erm\u00f6glichte. Neben Lehrst\u00fchlen an der Universit\u00e4t hatten sie auch das <em>Theresianum<\/em> \u00fcber. In den R\u00e4umlichkeiten des Franziskanerklosters wurden die adeligen Sch\u00fcler des Gymnasiums und Studenten von 1775 bis 1848 in h\u00f6fischen Sitten und tugendhaftem Benehmen unterrichtet und auf ihre berufliche Laufbahn vorbereitet. Die <em>Theresianische Ritterakademie<\/em> beherbergte die jungen M\u00e4nner und vermittelte diplomatische F\u00e4higkeiten wie Fremdsprachen und Tanz und milit\u00e4rische wie Fechten.\u00a0 Unter Josef II. kam es zu einer Unterbrechung ihrer T\u00e4tigkeit. Er entmachtete und enteignete kirchliche Orden, darunter auch die von ihm wenig geliebten Jesuiten, die auch vom Papst als zu m\u00e4chtig empfunden und deshalb verboten wurden. Die Universit\u00e4t Innsbruck wurde 1781 zu einem Lyzeum zur\u00fcckgestuft. Den freigewordenen Platz im Jesuitenkollegium nutzte man, um einen ersten botanischen Garten anzulegen. Als 1808 unter der bayerischen Verwaltung zwischenzeitlich auch das Theresianum aufgehoben wurde, erweiterte man die Gartenanlage. 1838 wurden die Jesuiten wieder nach Innsbruck berufen. 1910 musste der Garten im Rahmen des Schulneubaus nach H\u00f6tting umziehen.<\/p>\n<p>Durch das Netz aus einflussreichen Posten und den Einfluss auf das Bildungssystem wuchs der Orden rasch. Die Jesuiten schafften es vor allem w\u00e4hrend der Gegenreformation als treue Verb\u00fcndete der Dynastie ein besonderes Verh\u00e4ltnis zu den Habsburgern aufzubauen. Vielen Mitgliedern der Dynastie ist in ihrem Herrschen und Tun der Einfluss des Ordens anzumerken, bei dem sie ihre Bildung genossen. Jesuiten wie Bartholom\u00e4us Viller oder Wilhelm Lamormaini waren als Beichtv\u00e4ter und Berater der Habsburger in der Fr\u00fchen Neuzeit politisch einflussreich. Nicht umsonst sind die Jesuiten heute noch die Widersacher der Freimaurer in unz\u00e4hligen Verschw\u00f6rungstheorien und Romanen und gelten vielen als neuzeitliches \u00c4quivalent des James-Bond-B\u00f6sewichts. Sie waren Forschung, Wissenssammlung und Bildung gegen\u00fcber sehr aufgeschlossen und wollten die Welt im Sinne der christlichen Sch\u00f6pfung zu verstehen lernen. Das machte sie f\u00fcr Katholiken zu einem hippen Gegenpol sowohl zu den verstaubten bestehenden Orden wie auch den Protestanten. Glaube und Empirie verbanden sich zu einer Art vormodernen Wissenschaft, die Natur und Physik zu erkl\u00e4ren versucht. Die Sammlung Ferdinands II. auf Schloss Ambras zeugt vom Forschungsdrang der Zeit ebenso wie die heute absurd anmutenden alchemistischen Experimente, die Kaiser Matthias (1557 \u2013 1619) durchf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Bei aller Liebe f\u00fcr das Rationale kehrte unter den Jesuiten aber auch das Mystische wieder in den Kirchenalltag zur\u00fcck. Passionsspiele, Ostergr\u00e4ber, Prozessionen und Feiertage sollten die strengen Glaubensgrunds\u00e4tze in Schauspiel und Spektakel weich verpacken. <em>Work hard \u2013 play hard<\/em> war das Motto. Die Feierlichkeiten w\u00e4hrend Prozessionen arteten oft in rauschende Feste aus, bei denen es \u00e4hnlich wie bei heutigen Zeltfesten zu Schl\u00e4gereien, teils sogar zu tumultartigen und blutigen Szenen kam. Brot und Wein des Herrn wurden im Stil von Panem et Circenses (Brot und Spielen) des antiken Rom zelebriert. Petrus Canisius schrieb im Auftrag Ferdinands I. ein Buch \u00fcber ein Wunder in Seefeld mit dem klingenden Namen \u201e<em>Von dem hoch an weitberh\u00fcmpten Wunderzeichen so sich mit dem hochheiligsten Sacrament des Altars auff dem Seefeld in der f\u00fcrstlichen Graffschaft Tyrol Anno 1384 zugetragen und was man sonst darbey christlich und nutzlich zu bedenken hab<\/em>\u201c, um die dortige Wallfahrt anzuheizen.<\/p>\n<p>Bis heute erhielt sich dieses Prinzip der massentauglichen gesellschaftlichen Vereinnahmung. Die <em>Marianische Kongregation<\/em>, in Innsbruck als MK bekannt, war eines der gr\u00f6\u00dften Jugendzentren Europas. Sie kann in einem modernen Sinn durchaus in der Tradition der sanften Einf\u00fchrung in den Glauben und die Erziehung der Jugend durch die Kirche gesehen werden.<\/p>\n<p>Der Jesuitenorden war, ganz dem Volksglauben verpflichtet, auch \u00fcberaus motiviert, wenn es um Verfolgung von Hexen und Andersgl\u00e4ubigen ging. Petrus Canisius war einer der Vordenker der fr\u00fchneuzeitlichen Hexenjagd:<\/p>\n<p><em>\u201e\u00dcberall bestraft man die Hexen, welche merkw\u00fcrdig sich mehren\u2026. Sie beneiden die Kinder um die Gnade der Taufe und berauben sie derselben. Kindesm\u00f6rderinnen befinden sich unter ihnen in gro\u00dfer Zahl\u2026 Man sah fr\u00fcher niemals in Deutschland die Leute so sehr dem Teufel ergeben und verschrieben\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch als Exorzist, vor allem bei vom Virus des Protestantismus befallenen adeligen Damen, machte er auf sich aufmerksam. Canisius nutzte die Aufmerksamkeit, die Hexen und vom Teufel besessene im Volk auf sich zogen, um die Macht der katholischen Kirche anzupreisen.<\/p>\n<p>Auch in der Missionierung von Heiden in der damals erst k\u00fcrzlich entdeckten Neuen Welt in Amerika und in Asien taten sich die Jesuiten eifrig hervor. Der Heilige Franz Xaver, einer der ersten Mitstreiter Ignatius\u00b4 von Loyola, starb auf Missionsreise in China. In einer Seitenkapelle der Innsbrucker Jesuitenkirche ist diesem <em>Soldaten Christi<\/em> ein Altar geweiht.<\/p>\n<p>Die Jesuiten halten bis heute ihre Hand lehrend \u00fcber Innsbruck. Der Aufenthalt Petrus Canisius machte die Stadt im 16. Jahrhundert zu einem der theologischen Zentren der deutschsprachigen Welt. Sein Auftreten als Prediger und Gelehrter in der Stadt w\u00e4re mit einem Lehrauftrag Albert Einsteins an der Universit\u00e4t in den 1930er Jahren vergleichbar. Er selbst war von den frommen \u00c4lplern ebenfalls angetan.<\/p>\n<p><em>\u201eDas Tirolerland verdiene unsere besondere Aufmerksamkeit, denn es ist noch besser katholisch als irgendein anderes Gebiet Deutschlands und hat sich noch nicht so von den H\u00e4retikern umgarnen lassen wie die anderen L\u00e4nder. Wenn auch schon viele Orte verdorben sind, [\u2026]. Innsbruck ist \u2026 das Herz und das Leben des ganzen Landes.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Als Innsbruck 1964 unter dem Jesuiten Paulus Rusch zur eigenen Di\u00f6zese wurde, erkor man Petrus Canisius zu ihrem Patron. Am Karl-Rahner-Platz befindet sich heute nicht nur die Jesuitenkirche, sondern auch die Theologische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck. Im Saggen geh\u00f6rt das Collegium Canisianum den Jesuiten. Auch die MK ist noch immer in der Jugendarbeit t\u00e4tig.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbruck und der Nationalsozialismus&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Innsbruck und der Nationalsozialismus&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53649&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>In den 1920er und 30er wuchs und gedieh die NSDAP auch in Tirol. Die erste Ortsgruppe der NSDAP in Innsbruck wurde bereits 1923 gegr\u00fcndet. Mit \u201e<em>Der Nationalsozialist \u2013 Kampfblatt f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>\u201c erschien ein eigenes Wochenblatt. 1933 erlebte die NSDAP mit dem R\u00fcckenwind aus Deutschland auch in Innsbruck einen kometenhaften Aufstieg. Die allgemeine Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit der B\u00fcrger und theatralisch inszenierte Fackelz\u00fcge durch die Stadt samt hakenkreuzf\u00f6rmiger Bergfeuer auf der Nordkette im Wahlkampf verhalfen der Partei zu einem gro\u00dfen Zugewinn. \u00dcber 1800 Innsbrucker waren Mitglied der SA, die ihr Quartier in der B\u00fcrgerstra\u00dfe 10 hatte. Konnten die Nationalsozialisten bei ihrem ersten Antreten bei einer Gemeinderatswahl 1921 nur 2,8% der Stimmen erringen, waren es bei den Wahlen 1933 bereits 41%. Neun Mandatare, darunter der sp\u00e4tere B\u00fcrgermeister Egon Denz und der Gauleiter Tirols Franz Hofer, zogen in den Gemeinderat ein. Nicht nur die Wahl Hitlers zum Reichskanzler in Deutschland, auch Kampagnen und Manifestationen in Innsbruck verhalfen der ab 1934 in \u00d6sterreich verbotenen Partei zu diesem Ergebnis. Wie \u00fcberall waren es auch in Innsbruck vor allem junge Menschen, die sich f\u00fcr den Nationalsozialismus begeisterten. Das Neue, das Aufr\u00e4umen mit alten Hierarchien und Strukturen wie der katholischen Kirche, der Umbruch und der noch nie dagewesene Stil zogen sie an. Besonders unter den gro\u00dfdeutsch gesinnten Burschen der Studentenverbindungen und vielfach auch unter Professoren war der Nationalsozialismus beliebt.<\/p>\n<p>Als der Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland im M\u00e4rz 1938 erfolgte, kam es zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Szenen. Bereits im Vorfeld des Einmarsches war es immer wieder zu Aufm\u00e4rschen und Kundgebungen der Nationalsozialisten gekommen, nachdem das Verbot der Partei aufgehoben worden war. Noch bevor Bundeskanzler Schuschnigg seine letzte Rede an das Volk vor der Macht\u00fcbergabe an die Nationalsozialisten mit den Worten \u201e<em>Gott sch\u00fctze \u00d6sterreich<\/em>\u201c am 11. M\u00e4rz 1938 geschlossen hatte, rotteten sich bereits die Nationalsozialisten in der Innenstadt zusammen um den Einmarsch der deutschen Truppen vorzufeiern. Die Polizei des St\u00e4ndestaates war dem Aufruhr der organisierten Manifestationen teils gewogen, teils stand sie dem Treiben machtlos gegen\u00fcber. Landhaus und Maria-Theresien-Stra\u00dfe wurden zwar abgeriegelt und mit Maschinengewehrst\u00e4nden gesichert, an ein Durchgreifen seitens der Exekutive war aber nicht zu denken. \u201e<em>Ein Volk \u2013 ein Reich \u2013 ein F\u00fchrer<\/em>\u201c hallte durch die Stadt. Die Bedrohung des deutschen Milit\u00e4rs und der Aufmarsch von SA-Truppen beseitigten die letzten Zweifel. Mehr und mehr schloss sich die begeisterte Bev\u00f6lkerung an. Am Tiroler Landhaus, damals noch in der Maria-Theresienstra\u00dfe, sowie im provisorischen Hauptquartier der Nationalsozialisten im Gasthaus <em>Alt-Innsprugg<\/em>, wurde die Hakenkreuzfahne gehisst.<\/p>\n<p>Am 12. M\u00e4rz empfingen die Innsbrucker das deutsche Milit\u00e4r frenetisch. Um die Gastfreundschaft gegen\u00fcber den Nationalsozialisten sicherzustellen, lie\u00df B\u00fcrgermeister Egon Denz jedem Arbeiter einen Wochenlohn auszahlen. Am 5. April besuchte Adolf Hitler pers\u00f6nlich Innsbruck, um sich von der Menge feiern zu lassen. Archivbilder zeigen eine euphorische Menschenmenge in Erwartung des F\u00fchrers, des Heilsversprechers. Auf der Nordkette wurden Bergfeuer in Hakenkreuzform entz\u00fcndet. Die Volksbefragung am 10. April ergab eine Zustimmung von \u00fcber 99% zum Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland. Die Menschen waren nach der wirtschaftlichen Not der Zwischenkriegszeit, der Wirtschaftskrise und den Regierungen unter Dollfu\u00df und Schuschnigg m\u00fcde und wollten Ver\u00e4nderung. Welche Art von Ver\u00e4nderung, war im ersten Moment weniger wichtig als die Ver\u00e4nderung an und f\u00fcr sich. \u201e<em>Es denen da oben zu zeigen<\/em>\u201c, das war Hitlers Versprechen. Wehrmacht und Industrie boten jungen Menschen eine Perspektive, auch denen, die mit der Ideologie des Nationalsozialismus an und f\u00fcr sich wenig anfangen konnten. Dass es immer wieder zu Gewaltausbr\u00fcchen kam, war f\u00fcr die Zwischenkriegszeit in \u00d6sterreich ohnehin nicht un\u00fcblich. Anders als heute war Demokratie nichts, woran sich jemand in der kurzen, von politischen Extremen gepr\u00e4gten Zeit zwischen der Monarchie 1918 bis zur Ausschaltung des Parlaments unter Dollfu\u00df 1933 h\u00e4tte gew\u00f6hnen k\u00f6nnen. Was faktisch nicht in den K\u00f6pfen der Bev\u00f6lkerung existiert, muss man nicht abschaffen.<\/p>\n<p>Tirol und Vorarlberg wurden in einem Reichsgau zusammengefasst mit Innsbruck als Hauptstadt. Auch wenn der Nationalsozialismus von einem guten Teil der Bev\u00f6lkerung skeptisch gesehen wurde, gab es kaum organisierten oder gar bewaffneten Widerstand, dazu waren der katholische Widerstand OE5 und die Linke in Tirol nicht stark genug. Unorganisiertes subversives Verhalten der Bev\u00f6lkerung, vor allem in den erzkatholischen Landgemeinden rund um Innsbruck gab es vereinzelt. Zu allumfassend dominierte der Machtapparat den Alltag der Menschen. Viele Arbeitsstellen und sonstige Annehmlichkeiten des Lebens waren an eine zumindest \u00e4u\u00dferlich parteitreue Gesinnung gebunden. Eine Inhaftierung blieb dem gr\u00f6\u00dften Teil der Bev\u00f6lkerung zwar erspart, die Angst davor war aber allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Das Regime unter Hofer und Gestapochef Werner Hilliges leistete auch ganze Arbeit bei der Unterdr\u00fcckung. InTirol war die Kirche das gr\u00f6\u00dfte Hindernis. W\u00e4hrend des Nationalsozialismus wurde die katholische Kirche systematisch bek\u00e4mpft. Katholische Schulen wurden umfunktioniert, Jugendorganisationen und Vereine verboten, Kl\u00f6ster geschlossen, der Religionsunterricht abgeschafft und eine Kirchensteuer eingef\u00fchrt. Besonders hartn\u00e4ckige Pfarrer wie Otto Neururer wurden in Konzentrationslager gebracht. Auch Lokalpolitiker wie die sp\u00e4teren Innsbrucker B\u00fcrgermeister Anton Melzer und Franz Greiter mussten fl\u00fcchten oder worden verhaftet. Gewalt und die Verbrechen an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, dem Klerus, politisch Verd\u00e4chtigen, Zivilpersonen und Kriegsgefangenen auch nur \u00fcberblicksm\u00e4\u00dfig zusammenzufassen w\u00fcrde den Rahmen sprengen. Das Hauptquartier der Gestapo befand sich in der Herrengasse 1. Hier wurden Verd\u00e4chtige schwer misshandelt und teils mit F\u00e4usten zu Tode gepr\u00fcgelt. 1941 wurde in der Rossau in der N\u00e4he des Bauhofs Innsbruck das Arbeitslager Reichenau errichtet. Verd\u00e4chtige Personen aller Art wurden hier zu Zwangsarbeiten in sch\u00e4bigen Baracken verwahrt. \u00dcber 130 Personen fanden in diesem Lager bestehend aus 20 Baracken den Tod durch Krankheit, die schlechten Bedingungen, Arbeitsunf\u00e4lle oder Hinrichtungen. Auch im 10 km von Innsbruck entfernten Dorf Kematen kamen im Messerschmitt Werk Gefangene zum Zwangseinsatz. Darunter waren politische H\u00e4ftlinge, russische Kriegsgefangene und Juden. Zu den Zwangsarbeiten geh\u00f6rten unter anderem die Errichtung der <em>S\u00fcdtiroler Siedlungen<\/em> in der Endphase oder die Stollen zum Schutz vor den Luftangriffen im S\u00fcden Innsbrucks. In der Klinik Innsbruck wurden Behinderte und vom System als nicht genehm empfundene Menschen wie Homosexuelle zwangssterilisiert.<\/p>\n<p>Die Erinnerungsorte an die Zeit des Nationalsozialismus sind rar ges\u00e4t. Das Tiroler Landhaus mit dem Befreiungsdenkmal und das Geb\u00e4ude der Alten Universit\u00e4t sind die beiden auff\u00e4lligsten Denkm\u00e4ler. Der Vorplatz der Universit\u00e4t und eine kleine S\u00e4ule am s\u00fcdlichen Eingang der Klinik wurden ebenfalls im Gedenken an das wohl dunkelste Kapitel \u00d6sterreichs Geschichte gestaltet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Glaube, Kirche, Obrigkeit und Herrschaft&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Glaube, Kirche, Obrigkeit und Herrschaft&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53360&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die F\u00fclle an Kirchen, Kapellen, Kruzifixen und Wandmalereien im \u00f6ffentlichen Raum wirkt auf viele Besucher Innsbrucks aus anderen L\u00e4ndern eigenartig. Nicht nur Gottesh\u00e4user, auch viele Privath\u00e4user sind mit Darstellungen der Heiligen Familie oder biblischen Szenen geschm\u00fcckt. Der christliche Glaube und seine Institutionen waren in ganz Europa \u00fcber Jahrhunderte alltagsbestimmend. Innsbruck als Residenzstadt der streng katholischen Habsburger und Hauptstadt des selbsternannten <em>Heiligen Landes Tirol<\/em> wurde bei der Ausstattung mit kirchlichen Bauwerkern besonders begl\u00fcckt. Allein die Dimension der Kirchen umgelegt auf die Verh\u00e4ltnisse vergangener Zeiten sind gigantisch. Die Stadt mit ihren knapp 5000 Einwohnern besa\u00df im 16. Jahrhundert mehrere Kirchen, die in Pracht und Gr\u00f6\u00dfe jedes andere Geb\u00e4ude \u00fcberstrahlte, auch die Pal\u00e4ste der Aristokratie. Das Kloster Wilten war ein Riesenkomplex inmitten eines kleinen Bauerndorfes, das sich darum gruppierte. Die r\u00e4umlichen Ausma\u00dfe der Gottesh\u00e4user spiegelt die Bedeutung im politischen und sozialen Gef\u00fcge wider.<\/p>\n<p>Die Kirche war f\u00fcr viele Innsbrucker nicht nur moralische Instanz, sondern auch weltlicher Grundherr. Der Bischof von Brixen war formal hierarchisch dem Landesf\u00fcrsten gleichgestellt. Die Bauern arbeiteten auf den Landg\u00fctern des Bischofs wie sie auf den Landg\u00fctern eines weltlichen F\u00fcrsten f\u00fcr diesen arbeiteten. Damit hatte sie die Steuer- und Rechtshoheit \u00fcber viele Menschen. Die kirchlichen Grundbesitzer galten dabei nicht als weniger streng, sondern sogar als besonders fordernd gegen\u00fcber ihren Untertanen. Gleichzeitig war es auch in Innsbruck der Klerus, der sich in gro\u00dfen Teilen um das Sozialwesen, Krankenpflege, Armen- und Waisenversorgung, Speisungen und Bildung sorgte. Der Einfluss der Kirche reichte in die materielle Welt \u00e4hnlich wie es heute der Staat mit Finanzamt, Polizei, Schulwesen und Arbeitsamt tut. Was uns heute Demokratie, Parlament und Marktwirtschaft sind, waren den Menschen vergangener Jahrhunderte Bibel und Pfarrer: Eine Realit\u00e4t, die die Ordnung aufrecht h\u00e4lt. Zu glauben, alle Kirchenm\u00e4nner w\u00e4ren zynische Machtmenschen gewesen, die ihre ungebildeten Untertanen ausn\u00fctzten, ist nicht richtig. Der Gro\u00dfteil sowohl des Klerus wie auch der Adeligen war fromm und gottergeben, wenn auch auf eine aus heutiger Sicht nur schwer verst\u00e4ndliche Art und Weise. Verletzungen der Religion und Sitten wurden in der sp\u00e4ten Neuzeit vor weltlichen Gerichten verhandelt und streng geahndet. Die Anklage bei Verfehlungen lautete H\u00e4resie, worunter eine Vielzahl an Vergehen zusammengefasst wurde. Sodomie, also jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, Zauberei, Hexerei, Gottesl\u00e4sterung \u2013 kurz jede Abwendung vom rechten Gottesglauben, konnte mit Verbrennung geahndet werden. Das Verbrennen sollte die Verurteilten gleichzeitig reinigen und sie samt ihrem s\u00fcndigen Treiben endg\u00fcltig vernichten, um das B\u00f6se aus der Gemeinschaft zu tilgen. Bis in die Angelegenheiten des t\u00e4glichen Lebens regelte die Kirche lange Zeit das allt\u00e4gliche Sozialgef\u00fcge der Menschen. Kirchenglocken bestimmten den Zeitplan der Menschen. Ihr Klang rief zur Arbeit, zum Gottesdienst oder informierte als Totengel\u00e4ut \u00fcber das Dahinscheiden eines Mitglieds der Gemeinde. Menschen konnten einzelne Glockenkl\u00e4nge und ihre Bedeutung voneinander unterscheiden. Sonn- und Feiertage strukturierten die Zeit. Fastentage regelten den Speiseplan. Familienleben, Sexualit\u00e4t und individuelles Verhalten hatten sich an den von der Kirche vorgegebenen Moral zu orientieren. Das Seelenheil im n\u00e4chsten Leben war f\u00fcr viele Menschen wichtiger als das Lebensgl\u00fcck auf Erden, war dies doch ohnehin vom determinierten Zeitgeschehen und g\u00f6ttlichen Willen vorherbestimmt. Fegefeuer, letztes Gericht und H\u00f6llenqualen waren Realit\u00e4t und verschreckten und disziplinierten auch Erwachsene.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Innsbrucker B\u00fcrgertum von den Ideen der Aufkl\u00e4rung nach den Napoleonischen Kriegen zumindest sanft wachgek\u00fcsst wurde, blieb der Gro\u00dfteil der Menschen weiterhin der Mischung aus konservativem Katholizismus und abergl\u00e4ubischer Volksfr\u00f6mmigkeit verbunden. Religiosit\u00e4t war nicht unbedingt eine Frage von Herkunft und Stand, wie die gesellschaftlichen, medialen und politischen Auseinandersetzungen entlang der Bruchlinie zwischen Liberalen und Konservativ immer wieder aufzeigten. Seit der <em>Dezemberverfassung<\/em> von 1867 war die freie Religionsaus\u00fcbung zwar gesetzlich verankert, Staat und Religion blieben aber eng verkn\u00fcpft. Die <em>Wahrmund-Aff\u00e4re<\/em>, die sich im fr\u00fchen 20. Jahrhundert ausgehend von der Universit\u00e4t Innsbruck \u00fcber die gesamte K.u.K. Monarchie ausbreitete, war nur eines von vielen Beispielen f\u00fcr den Einfluss, den die Kirche bis in die 1970er Jahre hin aus\u00fcbte. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg nahm diese politische Krise, die die gesamte Monarchie erfassen sollte in Innsbruck ihren Anfang. Ludwig Wahrmund (1861 \u2013 1932) war Ordinarius f\u00fcr Kirchenrecht an der Juridischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck. Wahrmund, vom Tiroler Landeshauptmann eigentlich daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt, um den Katholizismus an der als zu liberal eingestuften Innsbrucker Universit\u00e4t zu st\u00e4rken, war Anh\u00e4nger einer aufgekl\u00e4rten Theologie. Im Gegensatz zu den konservativen Vertretern in Klerus und Politik sahen Reformkatholiken den Papst nur als spirituelles Oberhaupt, nicht aber als weltlich Instanz, an. Studenten sollten nach Wahrmunds Auffassung die L\u00fccke und die Gegens\u00e4tze zwischen Kirche und moderner Welt verringern, anstatt sie einzuzementieren. Seit 1848 hatten sich die Gr\u00e4ben zwischen liberal-nationalen, sozialistischen, konservativen und reformorientiert-katholischen Interessensgruppen und Parteien vertieft. Eine der heftigsten Bruchlinien verlief durch das Bildungs- und Hochschulwesen entlang der Frage, wie sich das \u00fcbernat\u00fcrliche Gebaren und die Ansichten der Kirche, die noch immer ma\u00dfgeblich die Universit\u00e4ten besetzten, mit der modernen Wissenschaft vereinbaren lie\u00dfen. Liberale und katholische Studenten verachteten sich gegenseitig und krachten immer aneinander. Bis 1906 war Wahrmund Teil der <em>Leo-Gesellschaft<\/em>, die die F\u00f6rderung der Wissenschaft auf katholischer Basis zum Ziel hatte, bevor er zum Obmann der Innsbrucker Ortsgruppe des Vereins <em>Freie Schule<\/em> wurde, der f\u00fcr eine komplette Entklerikalisierung des gesamten Bildungswesens eintrat. Vom Reformkatholiken wurde er zu einem Verfechter der kompletten Trennung von Kirche und Staat. Seine Vorlesungen erregten immer wieder die Aufmerksamkeit der Obrigkeit. Angeheizt von den Medien fand der Kulturkampf zwischen liberalen Deutschnationalisten, Konservativen, Christlichsozialen und Sozialdemokraten in der Person Ludwig Wahrmunds eine ideale Projektionsfl\u00e4che. Was folgte waren Ausschreitungen, Streiks, Schl\u00e4gereien zwischen Studentenverbindungen verschiedener Couleur und Ausrichtung und gegenseitige Diffamierungen unter Politikern. Die <em>Los-von-Rom Bewegung<\/em> des Deutschradikalen Georg Ritter von Sch\u00f6nerer (1842 \u2013 1921) krachte auf der B\u00fchne der Universit\u00e4t Innsbruck auf den politischen Katholizismus der Christlichsozialen. Die deutschnationalen Akademiker erhielten Unterst\u00fctzung von den ebenfalls antiklerikalen Sozialdemokraten sowie von B\u00fcrgermeister Greil, auf konservativer Seite sprang die Tiroler Landesregierung ein. Die <em>Wahrmund Aff\u00e4re<\/em> schaffte es als <em>Kulturkampfdebatte<\/em> bis in den Reichsrat. F\u00fcr Christlichsoziale war es ein \u201e<em>Kampf des freissinnigen Judentums gegen das Christentum<\/em>\u201c in dem sich \u201e<em>Zionisten, deutsche Kulturk\u00e4mpfer, tschechische und ruthenische Radikale<\/em>\u201c in einer \u201e<em>internationalen Koalition<\/em>\u201c als \u201e<em>freisinniger Ring des j\u00fcdischen Radikalismus und des radikalen Slawentums<\/em>\u201c pr\u00e4sentierten. Wahrmund hingegen bezeichnete in der allgemein aufgeheizten Stimmung katholische Studenten als \u201e<em>Verr\u00e4ter und Parasiten<\/em>\u201c. Als Wahrmund 1908 eine seiner Reden, in der er Gott, die christliche Moral und die katholische Heiligenverehrung anzweifelte, in Druck bringen lie\u00df, erhielt er eine Anzeige wegen Gottesl\u00e4sterung. Nach weiteren teils gewaltt\u00e4tigen Versammlungen sowohl auf konservativer und antiklerikaler Seite, studentischen Ausschreitungen und Streiks musste kurzzeitig sogar der Unibetrieb eingestellt werden. Wahrmund wurde zuerst beurlaubt, sp\u00e4ter an die deutsche Universit\u00e4t Prag versetzt.<\/p>\n<p>Auch in der Ersten Republik war die Verbindung zwischen Kirche und Staat stark. Der christlichsoziale, als <em>Eiserner Pr\u00e4lat<\/em> in die Geschichte eingegangen Ignaz Seipel schaffte es in den 1920er Jahren bis ins h\u00f6chste Amt des Staates. Bundeskanzler Engelbert Dollfu\u00df sah seinen St\u00e4ndestaat als Konstrukt auf katholischer Basis als Bollwerk gegen den Sozialismus. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Kirche und Politik in Person von Bischof Rusch und Kanzler Walln\u00f6fer ein Gespann. Erst dann begann eine ernsthafte Trennung. Glaube und Kirche haben noch immer ihren fixen Platz im Alltag der Innsbrucker, wenn auch oft unbemerkt. Die Kirchenaustritte der letzten Jahrzehnte haben der offiziellen Mitgliederzahl zwar eine Delle versetzt und Freizeitevents werden besser besucht als Sonntagsmessen. Die r\u00f6misch-katholische Kirche besitzt aber noch immer viel Grund in und rund um Innsbruck, auch au\u00dferhalb der Mauern der jeweiligen Kl\u00f6ster und Ausbildungsst\u00e4tten. Etliche Schulen in und rund um Innsbruck stehen ebenfalls unter dem Einfluss konservativer Kr\u00e4fte und der Kirche. Und wer immer einen freien Feiertag genie\u00dft, ein Osterei ans andere peckt oder eine Kerze am Christbaum anz\u00fcndet, muss nicht Christ sein, um als Tradition getarnt im Namen Jesu zu handeln.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Success Story der Innsbrucker Glasmaler&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Success Story der Innsbrucker Glasmaler&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;64114&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten von Amerika galten in der Vorkriegszeit als <em>Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten<\/em>, wo aus Tellerw\u00e4schern Million\u00e4re wurden. Diese Erfolgsgeschichten sind aber kein exklusives Ph\u00e4nomen der Neuen Welt. Auch in der noch nicht bis ins letzte durchregelten Gesellschaft der Donaumonarchie konnten t\u00fcchtige und f\u00e4hige Menschen aus b\u00e4uerlichen Schichten, der Arbeiterschaft oder Handwerker ohne formale Ausbildung, Bef\u00e4higungspr\u00fcfung oder staatlicher Genehmigung erstaunliche Aufstiege hinlegen. Die drei Gr\u00fcnder der <em>Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt<\/em>, Josef von Stadl, Georg Mader und Albert Neuhauser, sind Beispiele f\u00fcr eine solche Erfolgsstory aus der Innsbrucker Stadtgeschichte. W\u00e4hrend sich die meisten Innsbrucker Industrie- und Handwerksbetriebe auf die Versorgung des lokalen Marktes mit altbew\u00e4hrten, soliden Produkten und Konsumg\u00fctern konzentrierten, war die Glasmalerei eines der wenigen innovativen und exportorientierten Unternehmen seiner Zeit.<\/p>\n<p>Josef von Stadl (1828 \u2013 1893) wuchs auf dem elterlichen Bauernhof mit Gastwirtschaft in Steinach am Brenner auf. Schon als Kind musste er im Betrieb mithelfen. Die harte Arbeit bescherte ihm mit neun Jahren eine Knochenhautentz\u00fcndung am Arm. Schwere k\u00f6rperliche Arbeit wurde ihm dadurch unm\u00f6glich. Stattdessen besuchte der zeichnerisch talentierte Bub die Musterhauptschule in Innsbruck, das heutige BORG. 1848 schloss er sich den Tiroler Scharfsch\u00fctzen seines Heimatortes an, wurde aber nicht zum Kampfeinsatz an den Landesgrenzen herangezogen. Anschlie\u00dfend sammelte er Erfahrungen als Schlosser und Drechsler. Der handwerklich begabte junge Mann arbeitete 1853 beim Wiederaufbau der Kirche in Steinach nach einem Dorfband mit. Bald erkannte man seine F\u00e4higkeiten und er stieg nach und nach vom Arbeiter zum Baumeister auf.<\/p>\n<p>Georg Mader (1824 \u2013 1881) stammte ebenfalls aus Steinach. Auch er musste schon in jungen Jahren als Knecht arbeiten. Auf Patronage seines Bruders, ein Geistlicher, konnte der fromme Jugendliche bei einem Maler eine Lehre absolvieren, musste seine Passion aber aufgeben, um in der heimischen M\u00fchle mitzuarbeiten. Nach seiner Gesellenwanderung beschloss er, sich auf die Malerei zu konzentrieren. In M\u00fcnchen vertiefte er bei Kaulbach und Schraudolph seine Kenntnisse. Nach Arbeiten am Dom zu Speyer kehrte er nach Tirol zur\u00fcck. Als Historienmaler hielt er sich mit Auftr\u00e4gen der Kirche \u00fcber Wasser.<\/p>\n<p>Albert Neuhauser (1832 \u2013 1901) lernte in der Glaserei und Spenglerei seines Vaters. Auch er musste den ihm angedachten Karriereweg fr\u00fch aufgeben. Bereits im Alter von zehn Jahren stellten sich Lungenprobleme ein. Statt im erfolgreichen v\u00e4terlichen Betrieb zu arbeiten, reist er nach Venedig. Murano beherbergte seit Jahrhunderten die besten Betriebe der kunstvollen Glaserzeugung. Fasziniert von diesem Gewerbe besuchte er gegen den Willen seines Vaters die Glasmalereianstalt in M\u00fcnchen. Die Produkte der kurz zuvor gegr\u00fcndeten bayerischen Fabrik entsprachen nicht seinen Qualit\u00e4tsvorstellungen. In der v\u00e4terlichen Wohnung in der Herzog-Friedrich-Stra\u00dfe unternahm er, \u00e4hnlich den Nerds, die hundert Jahre sp\u00e4ter den Grundstein f\u00fcr den Personal Computer in der eigenen Garage legen sollten, erste eigene Versuche mit dem Werkstoff Glas.<\/p>\n<p>Die T\u00fcfteleien und Experimente Neuhausers weckten die Neugierde seines Freundes von Stadl. Er stellte den Kontakt zum kunstsinnigen Mader her. 1861 beschlossen die drei, ihre Expertise in einem offiziellen Unternehmen zu b\u00fcndeln. Heute w\u00fcrde man bei der Betriebsgr\u00fcndung wohl von einem Startup sprechen. Neuhauser \u00fcbernahm den technischen und kaufm\u00e4nnischen Teil sowie die Produktentwicklung, Von Stadl k\u00fcmmerte sich um die dekorativen Aspekte und den Kontakt zu Baumeistern und Mader \u00fcbernahm die figurale Gestaltung der zum gr\u00f6\u00dften Teil f\u00fcr Kirchen geschaffenen Werke. Die erste Niederlassung bestehend aus zwei Malern und einem Brenner entstand im dritten Stock des Gasthofs zur Rose in der Altstadt. Der Rohstoff kam aus England, da das einheimische Glas den hohen Qualit\u00e4tsstandards Neuhausers nicht entsprach. Auf den Import allerdings wurden 25% Zoll aufgeschlagen. Gemeinsam mit einem Chemielehrer schaffte Neuhauser es nach einer Reise nach Birmingham und viel T\u00fcftelei, die gew\u00fcnschten Anforderungen selbst zu erzielen.<\/p>\n<p>Josef von Stadl heiratete 1867 die Malerin und Arzttochter Maria Pfefferer. Aus dem Bauernbuben aus dem Wipptal mit dem kaputten Arm war nicht nur ein Mitglied des gehobenen B\u00fcrgertums geworden, die Mitgift seiner Gattin erlaubte es ihm auch finanziell unabh\u00e4ngig zu leben. 1869 beschlossen die drei Gesellschafter mit der finanziellen Unterst\u00fctzung von Neuhausers Vater die erfolgreiche Glasmalerei zu vergr\u00f6\u00dfern. Wie dynamisch und wenig reguliert diese als <em>Gr\u00fcnderzeit<\/em> in die Geschichte eingegangene Boom-Periode war, zeigt das Beispiel der Glash\u00fctte auf den Wiltener Feldern, die 1872 als zus\u00e4tzlicher Teil der Tiroler <em>Glasmalerei<\/em> in Betrieb ging. Nur 110 Tage nach dem offiziell von der Gemeindeverwaltung Wiltens nie genehmigten Baustart wurde mit der Fertigung begonnen.<\/p>\n<p>Beginnend mit Neuhauser, der das Unternehmen auf Grund gesundheitlicher Probleme bereits 1874 verlassen musste, \u00fcberlie\u00dfen die drei Firmengr\u00fcnder ihr Startup bald anderen, blieben der Tiroler Glasmalerei aber als Gesellschafter erhalten. Neben ihren T\u00e4tigkeiten f\u00fcr das gemeinsame Unternehmen arbeitete jeder der drei Gesellschafter erfolgreich an eigenen Projekten in ihren jeweiligen T\u00e4tigkeitsfeldern.<\/p>\n<p>Von Stadl pr\u00e4gte Innsbruck nachhaltig. Die Anzahl der Mitarbeiter der Glasmalerei war in der Bl\u00fctezeit auf \u00fcber 70 gestiegen. Nach von Stadls Pl\u00e4nen entstanden 1878 Wohnh\u00e4user f\u00fcr die Angestellten, Arbeiter, K\u00fcnstler und Handwerker des Unternehmens. Die <em>Glasmalereisiedlung<\/em> umfasste die bis heute bestehenden H\u00e4user in der M\u00fcllerstra\u00dfe 39 \u2013 57, Sch\u00f6pfstra\u00dfe 18 &#8211; 24 und Speckbacherstra\u00dfe 14 \u2013 16. Sie unterscheiden sich in ihrer Architektur markant von den umliegenden H\u00e4usern der sp\u00e4ten Gr\u00fcnderzeit. Von Stadl war sparsamer mit dem Schmuck der H\u00e4user, daf\u00fcr aber auf einen kleinen Vorgarten bedacht. Arbeiter und Angestellte, die diese H\u00e4user bewohnten, sollten das Gef\u00fchl haben, den Bewohnern der Villen im Cottagestil im Saggen in keiner Hinsicht unterlegen zu sein. Es war nicht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr gro\u00dfe Unternehmen dieser Zeit eigene Siedlungen zu planen, man denke an die Siemensstadt in Berlin, es zeigt aber das Selbstverst\u00e4ndnis und eine Vision in die Zukunft, wenn ein Betrieb wie die Glasmalerei sich gegen\u00fcber seinen Mitarbeitern nicht nur als Arbeit- und Lohngeber, sondern auch als Unterkunftsf\u00fcrsorger versteht. Die Landesgeb\u00e4rklinik in Wilten war ein weiteres Gro\u00dfprojekt in Innsbruck, das unter von Stadls Feder entstand. Nach Bau des Vinzentinums 1878 wurde er zum Ehrenb\u00fcrger und Di\u00f6zesan-Architekten von Brixen ernannt. Von Papst Leo XIII. wurde ihm f\u00fcr seine Verdienste der St. Gregor Orden verliehen. Die St. Nikolauskirche, f\u00fcr die die Tiroler Glasmalerei die Fenster hergestellt hatte, wurde zu seiner letzten Ruhest\u00e4tte.<\/p>\n<p>Georg Mader arbeitete weiterhin als Maler an Sakralbauten. Bereits 1868 wurde er Mitglied der Kunstakademie Wien. Als er 1881 einen Schlaganfall erlitt, wurde er zur Rehabilitation nach Badgastein gebracht. Der Kurort in Salzburg war damals Treffpunkt des europ\u00e4ischen Hochadels und gehobenen B\u00fcrgertums. Inmitten der High Society verstarb der ehemalige M\u00fcllergeselle als wohlhabender Mann.<\/p>\n<p>Der rastlose und kreative Neuhauser reiste nach seinem R\u00fccktritt vom Posten als Direktor der Tiroler Glasmalerei erneut nach Venedig, um mit neuer Inspiration die erste Mosaikanstalt \u00d6sterreichs zu gr\u00fcnden. Die Fusion der beiden Betriebe im Jahr 1900 \u00f6ffnete ein breiteres Spektrum an M\u00f6glichkeiten. F\u00fcr seine k\u00fcnstlerischen Verdienste erhielt er den Franz-Josephs-Orden. In Wilten wurde die Neuhauserstra\u00dfe nach ihm benannt.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tschurtschenthalerstrasse 7<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":3999,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[156,32,67,65,26],"tags":[],"class_list":["post-3341","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-success-story-der-innsbrucker-glasmaler","category-glaube-kirche-obrigkeit-und-herrschaft","category-innsbruck-und-der-nationalsozialismus","category-petrus-canisius-und-die-jesuiten","category-saggen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3341","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3341"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3341\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3341"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3341"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3341"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}