{"id":4038,"date":"2020-11-10T09:38:44","date_gmt":"2020-11-10T09:38:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=4038"},"modified":"2026-08-18T14:20:28","modified_gmt":"2026-08-18T14:20:28","slug":"universitaet-innsbruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/universitaet-innsbruck\/","title":{"rendered":"University of Innsbruck"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Universit\u00e4t Innsbruck<\/h2>\n<p>Innrain 52<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Universitaet-Innsbruck-Christoph-Probst-Platz.jpg&#8220; alt=&#8220;Hofburg Innsbruck&#8220; title_text=&#8220;Universit\u00e4t Innsbruck Christoph Probst Platz&#8220; disabled_on=&#8220;on|on|on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; disabled=&#8220;on&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_image][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;58614,61830,57774,60669,5535,60108,66152,59192,66151,57114,69225&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Universit\u00e4t&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62058&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Universit\u00e4t Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;59568&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Als die Universit\u00e4t 1669 ihren offiziellen Dienst antrat, waren es eine Handvoll Professoren und Studenten, die ihren Studien in Innsbruck nachgingen. Die Zahl stieg stetig an, zur Mitte des 18. Jahrhunderts waren bereits etwa 600 Studenten inskribiert. Heute ist die Universit\u00e4t einer der gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber und mit den vielen Standpunkten zwischen Flughafen und Rossau der gr\u00f6\u00dfte Immobiliennutzer Innsbrucks. Der erste Standort der Universit\u00e4t befand sich nicht am Innrain, sondern in der Herrengasse in der N\u00e4he der Pfarrkirche St. Jakob. Platzmangel zwang die Studierende und Professoren zum Umzug an den damaligen Stadtrand. Das erste fertiggestellte Geb\u00e4ude war nach drei Jahren Bauzeit die Universit\u00e4tsbibliothek. 1914 begann der Bau des Hauptgeb\u00e4udes nach Pl\u00e4nen Josef Retters. Ionische S\u00e4ulen zieren den Eingangsbereich des palast\u00e4hnlichen Komplexes im Stil des Historismus, der sich wegen der kriegsbedingten Bauverz\u00f6gerung \u00fcber zehn Jahre ziehen sollte. Noch vor ihrer Fertigstellung wurde die Universit\u00e4t zum ersten Mal zweckentfremdet. W\u00e4hrend der Kriegsjahre wurden die halbfertigen R\u00e4umlichkeiten als Milit\u00e4rspital verwendet. Erst nach 1918 nahm das Hauptgeb\u00e4ude im Stil des Historismus seinen Dienst als Bildungsinstitut auf. W\u00e4hrend \u00fcber dem Eingang der 1914 er\u00f6ffneten Bibliothek noch der Doppeladler prangte, musste man sich nach der Abschaffung der Monarchie beim Hauptgeb\u00e4ude mit dem Schriftzug <em>Universitas Leopoldino Franciscea<\/em> als Reverenz an das Haus Habsburg zufriedengeben. Sehenswert ist der alte Lesesaal in der Bibliothek.<\/p>\n<p>Das Universit\u00e4tsgel\u00e4nde am Innrain wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts stetig erweitert, um der Anzahl an Fakult\u00e4ten und Studenten Herr zu werden. Der gesamte Campus ist heute eine in sich nicht geschlossene, nicht uninteressante Komposition aus verschiedenen Architekturstilen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das moderne <em>Agnes-Heller-Haus<\/em> schlie\u00dft erstaunlich harmonisch an die neobarocken Bauwerke an, die neben dem <em>GeiWI-Turm<\/em> stehen. Westlich davon befindet sich ein Studentenheim. Die 1931 er\u00f6ffnete Universit\u00e4tsbr\u00fccke, die f\u00fcr Verkehrsreduktion der Innbr\u00fccke bei der Ottoburg in den Zeiten des steigenden Individualverkehrs sorgen sollte, trennt die modernen Teile der Universit\u00e4t am Herzog-Otto-Ufer von den Hauptgeb\u00e4uden ab. Der klobige <em>Georg-Trakl-Turm<\/em> h\u00e4ngt mit seiner gewagten Dachkonstruktion \u00fcber den darunterliegenden orangen Geb\u00e4udeteil mit der Neuen Mensa. Das Geb\u00e4ude wurde 2023 nach dem f\u00fcr kurze Zeit in Innsbruck lebenden und in M\u00fchlau begrabenen Lyriker (1887 \u2013 1914) benannt, der sich in Galizien unter den schrecklichen Eindr\u00fccken des Ersten Weltkrieges umbrachte. Das zehnst\u00f6ckige Geb\u00e4ude beheimatet das Brennerarchiv. Besonders kontroversiell ist der Vorplatz der Hauptuniversit\u00e4t am Christoph-Probst-Platz mit dem von Lois Welzenbacher gestalteten <em>Ehrenmal<\/em>, das an die gefallenen Universit\u00e4tsangeh\u00f6rigen des 1. Weltkriegs erinnert. Welzenbacher f\u00fchlte sich wie viele Vertreter der Architektur und Kunst der Moderne der 1920er Jahre vom aufregenden und neuen, das faschistische Bewegungen ausstrahlte, angezogen. Zumindest am Papier wollten Mussolini &amp; Co. die Gesellschaft im Sinne des Futurismus vollkommen umkrempeln. Mit dieser Begeisterung war Welzenbacher keine Ausnahme. Vor allem junge, ambitionierte Menschen mit Aufstiegswillen, die von der tristen Situation nach dem Krieg entt\u00e4uscht waren, f\u00fchlten sich von dem Versprechen nach Erneuerung in allen Lebensbereichen abgeholt und gut aufgehoben, eine gro\u00dfdeutsche Grundeinstellung war in der Bev\u00f6lkerung ohnehin vorhanden. Burschenschafter verschiedener Verbindungen bewegten sich ideell zwischen gro\u00dfdeutschem Nationalismus, konservativ-katholischem Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Wissenschaftlicher Antisemitismus sowie Antisozialismus waren salonf\u00e4hig unter Akademikern der Zeit. Prorektor Theodor Rittler weihte das Denkmal mit den Worten ein: <em>\u201eDeutschland, dein Reich komm!\u201c <\/em>Der burschenschaftliche Wahlspruch \u201e<em>Ehre \u2013 Freiheit \u2013 Vaterland<\/em>\u201c wurde erst 2019 jeweils um das Wort \u201eWelche\u201c erweitert. Mit der Umbenennung des Platzes in Christoph-Probst-Platz wird dem Innsbrucker Medizinstudenten gedacht, der 1943 als Mitglied der Widerstandsgruppe <em>Wei\u00dfe Rose<\/em> hingerichtet wurde. Eine Gedenktafel am <em>Ehrenmal <\/em>erinnert ebenfalls an Probst und f\u00fcr die Universit\u00e4t wenig r\u00fchmliche Periode zwischen 1938 und 1945. Eine zweite Gedenktafel weist auf die Befreiungstheologen Ignacio Ellacur\u00eda und Segundo Montes hin, zwei Absolventen der Universit\u00e4t Innsbruck, die in San Salvador 1989 vom dortigen Regime ermordet wurden.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckseite zum Inn hin treffen sich heute junge Menschen in entspannter Atmosph\u00e4re. Das M\u00e4uerchen oberhalb des Inns, besser bekannt als <em>Sonnendeck<\/em>, wurde in den letzten Jahren zu einem veritablen Diskussionspunkt in der Stadtpolitik. Der studentische Ansatz des konsumlosen Zusammentreffens im \u00f6ffentlichen Raum trifft auf die Ordnungswut st\u00e4dtischer Beamter und Politiker.\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Universit\u00e4tsstadt Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Universit\u00e4tsstadt Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;67576&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>1669 gilt als das offizielle Gr\u00fcndungsjahr einer der wichtigsten Institutionen der Innsbrucker Stadtgeschichte. Am 15. Oktober gab Kaiser Leopold I. den Tirolern das\u00a0Privileg des \u201e<em>Haller Salzaufschlags<\/em>\u201c. Diese Steuer auf die begehrte Handelsware aus der hauseigenen Saline machte es m\u00f6glich, eine Universit\u00e4t zu finanzieren. Die Basis f\u00fcr eine Hochschule war zu diesem Zeitpunkt bereits gelegt. Die Universit\u00e4t ging aus der Lateinschule hervor, die von den Jesuiten etwas mehr als hundert Jahre zuvor unter Ferdinand I. gegr\u00fcndet worden war. Der Schwerpunkt am Gymnasium lag auf der klassischen humanistischen Bildung. Latein und Griechisch waren notwendige Schwerpunkte im Unterricht, um dem intellektuellen und politischen Diskurs folgen zu k\u00f6nnen. Wissenschaftliche B\u00fccher und viele andere Schriftst\u00fccke wurden in der Fr\u00fchen Neuzeit noch immer auf Latein verfasst. Auch f\u00fcr h\u00f6here Posten im \u00f6ffentlichen Dienst war Latein Voraussetzung. Die Universit\u00e4t brachte neue Ausbildungsm\u00f6glichkeiten nach Innsbruck. Die erste Fakult\u00e4t, die den Lehrbetrieb aufnahm, war die Philosophie. Theologie, Recht und Medizin folgten kurz darauf. Als Papst Innozenz XI. der Universit\u00e4t 1677 seinen Segen gab, war der Betrieb schon voll angelaufen. Professoren und Studenten verschiedenster Nationalit\u00e4t tummelten sich in Innsbruck. Der Jesuitenorden war mit mehreren Lehrst\u00fchlen vertreten, andere Professoren wurden von der Di\u00f6zese Brixen bestellt. Das f\u00fchrte zu Spannungen innerhalb der Universit\u00e4t, vertraten doch die Jesuiten vor allem die Interessen des Landesf\u00fcrsten und Monarchen, w\u00e4hrend die Professoren der Di\u00f6zese die politischen Interessen des Bischofs wahren wollten. Von einer Trennung von Staat, Kirche und Wissenschaft war man in dieser fr\u00fchen Phase der Aufkl\u00e4rung noch weit entfernt. Dabei ging es um Posten, Macht, Geld und Einfluss, nicht nur innerhalb der Stadt.<\/p>\n<p>Ein Studium dauerte f\u00fcr gew\u00f6hnlich sieben Jahre, bevor sich der Absolvent als Zeichen seines Status als Doktor einen Ring \u00fcber den Finger streifen durfte. In den ersten beiden Jahren musste jeder Student der Philosophie widmen, bevor er sich f\u00fcr ein Gebiet entschied. Zum geisteswissenschaftlichen Unterricht kamen Kirchendienste, Theaterauff\u00fchrungen, Musizieren und praktische Dinge wie Fechten und Reiten, die im Leben eines gebildeten jungen Mannes nicht fehlen durften.\u00a0Die Universit\u00e4t war aber mehr als ein Bildungsinstitut. 1665 hatte Innsbruck den Rang einer Residenzstadt verloren und damit an Prestige und Glanz verloren. Der Universit\u00e4tsbetrieb machte diese Degradierung etwas wett, blieb die Aristokratie so zumindest in Form von Studenten erhalten. Studenten und Professoren ver\u00e4nderten das soziale Gef\u00fcge der Stadt. Im ersten Jahrzehnt nach der Gr\u00fcndung lehrten etwa 50 unterschiedliche M\u00e4nner aus aller Herren L\u00e4nder Philosophie in Innsbruck vor \u00fcber 300 Studenten. Diese Intellektuellen waren ein bemerkenswertes V\u00f6lkchen. Sie organisierten sich intern nach <em>Landmannschaften<\/em>, also nach Nationalit\u00e4ten oder Sprachgruppen. Jede <em>Landmannschaft<\/em> mit gen\u00fcgend Mitgliedern hatte ihre Kleidung, Abzeichen und Orden und pflegte eigene Traditionen. Bei gesellschaftlichen Anl\u00e4ssen wie Prozessionen stachen Abordnungen wie die <em>Congregation der heiligen Jungfrau<\/em>, die sich aus Mitgliedern der jesuitisch gepr\u00e4gten Universit\u00e4t speiste, hervor. Die Professoren pflegten in ihren je nach Fachgebiet verschiedenfarbigen Samtm\u00e4nteln aufzutreten. Das Tragen eines Schwertes, des <em>gladius deambulatoris<\/em>, war Studenten nach Absolvierung des ersten Jahres an der Universit\u00e4t erlaubt. Die jungen M\u00e4nner aus besserem Hause traten, anders als die streng und sittlich gekleideten Einwohner Innsbrucks, bunt und keck nach der Art mittelalterlicher Gecken in Erscheinung. Sie sprachen in einer Art und Weise miteinander, die Uneingeweihten fremd und unverst\u00e4ndlich war, offizielle Angelegenheiten wurden auf Latein abgehandelt.<\/p>\n<p>Der streng \u00fcberwachte studentische Alltag in Aula und den H\u00f6rs\u00e4len wurde von feuchtfr\u00f6hlicher Abendunterhaltung, Ausfl\u00fcgen in die Umgebung Innsbrucks, Musizieren, kirchlichen Prozessionen und Theaterauff\u00fchrungen aufgelockert. Dabei kam es immer wieder zu Reibungen zwischen normalen Stadtb\u00fcrgern und Angeh\u00f6rigen der Universit\u00e4t. Bei den Studenten handelte es sich trotz ihres gesellschaftlichen Ranges h\u00e4ufig genug nicht um strebsame Mustersch\u00fcler, sondern um junge Burschen, die einen gewissen Lebensstil und Status gewohnt waren. Um ihnen Herr zu werden, bedurfte es eines eigenen Rechtssystems. Studenten unterlagen dem Universit\u00e4tsrecht, das vom Stadtrecht losgel\u00f6st war. Freiheitsentzug, Geldbu\u00dfen und sogar Landesverweise konnten von der Universit\u00e4t ausgesprochen werden. Nur f\u00fcr die Blutgerichtsbarkeit musste die Landesregierung angerufen werden. Studenten war es zum Beispiel offiziell auch verboten, \u00fcber den Durst zu trinken. Geschah dies doch in einer der Wirtschaften Innsbrucks, so wurde der junge Delinquent ermahnt. Konnte oder wollte er die Rechnung nicht begleichen, konnte der gesch\u00e4digte Wirt bei Gericht keine Anzeige einbringen, da \u00fcberm\u00e4\u00dfiger der Ausschank alkoholischer Getr\u00e4nke an die Studentenschaft verboten war. Ehrverletzungen innerhalb universit\u00e4rer Kreise konnten, \u00e4hnlich wie beim Milit\u00e4r, zu Duellen f\u00fchren. Besonders in Paarung mit Alkohol waren Ausschreitungen nicht ungew\u00f6hnlich. So begaben sich im Januar 1674 \u201e<em>nit allein zu n\u00e4chtlicher Zeit Ungelegenheiten, Rumores und ungereimte Handlungen<\/em>\u201c und es wurden \u201e<em>Studenten der Universit\u00e4t angetroffen, die allerlei verbotene Waffen wie Feuerrohr, Pistolen, Terzerol, Stilett, S\u00e4bel, Messer\u2026<\/em>\u201c bei sich hatten. Um das Recht durchzusetzen, verf\u00fcgte das Rektorat der Universit\u00e4t \u00fcber eine eigene Truppe. Die <em>Scharwache<\/em> war mit Hellebarden bewaffnet und sollte die <em>Rumores<\/em> der Studenten so gut als m\u00f6glich verhindern. Sechs Mann hatten Tag und Nacht bewaffneten Dienst, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es gab einen eigenen <em>Carcer<\/em>, um \u00dcbelt\u00e4ter bei Wasser und Brot zu verwahren. Die Kosten daf\u00fcr teilten sich die Stadt Innsbruck und die Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t war und ist bis heute Politikum und Spiegel des allgemeinen Zeitgeistes. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war sie daf\u00fcr da, staatstreue, katholische Beamten f\u00fcr den Staat auszubilden. Der Name <em>Leopold-Franzens-Universit\u00e4t<\/em> geht auf die beiden Kaiser Leopold und Franz zur\u00fcck, unter denen sie jeweils gegr\u00fcndet wurde. Zweimal wurde die Universit\u00e4t zu einem Lyzeum herabgestuft oder gar ganz abgeschafft. Kaiser Josef II. schloss die Pforten der jesuitisch gepr\u00e4gten Bildungsanstalt ebenso wie die bayerische Verwaltung w\u00e4hrend der Napoleonischen Kriege. Kaiser Franz I., der in der Restauration wieder auf die traditionell katholische Linie der Habsburger umschwenkte, nahm 1826 die Neugr\u00fcndung vor. Unter Beobachtung blieb die Universit\u00e4t aber auch im Polizeistaat Metternichs, man f\u00fcrchtete die nationalen und liberalen Studenten, die begannen sich in Verbindungen zusammenzurotten. Die geheime Staatspolizei war nicht nur in den H\u00f6rs\u00e4len, sondern auch sonst in den studentischen Kreisen pr\u00e4sent, um problematisches Gedankengut junger Aufwiegler m\u00f6glichst fr\u00fch im Keim zu ersticken. Die Industrialisierung und die damit einhergehenden neuen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Anforderungen an die Bildung ver\u00e4nderten den Universit\u00e4tsbetrieb. Ganz im Geist der Zeit besch\u00e4ftigte sich die Er\u00f6ffnungsrede des Dekans der philosophischen Fakult\u00e4t Prof. Dr. Joachim Suppan (1794 \u2013 1864), mit einem praktischen Problem der Physik, damit \u201e<em>eine genauere Kenntnis der so wichtigen und n\u00fctzlichen Erfindung der Dampfmaschine auch f\u00fcr die vaterl\u00e4ndische Industrie, wo dieselbe bisher noch keine Anwendung hat<\/em>,\u201c erreicht werde. Dass Suppan neben seinen Abschl\u00fcssen in Philosophie und Mathematik auch geweihter Priester war, zeigt den Einfluss, den die Kirche auch im 19. Jahrhundert auf das Bildungswesen hatte. Wie sehr die Universit\u00e4t neben der Kirche der staatlichen Obrigkeit verbunden war, zeigt Suppans abschlie\u00dfende Ermahnung in Richtung der Studenten, <em>\u201edereinst dem Vaterlande durch Kenntnis und Tugend ersprie\u00dfliche Dienste zu leisten\u201c<\/em>.\u00a0Die Nationalit\u00e4tenkonflikte der sp\u00e4ten Monarchie spiegelten sich ebenfalls in der Universit\u00e4tsgeschichte wider. Das universit\u00e4re Leben im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert war gepr\u00e4gt von den rivalisierenden Corps, Burschenschaften und Verbindungen. Studenten und Professoren radikalisierten sich, immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gruppierungen in unterschiedlichen Allianzen. Die einzigen Dinge, bei denen sich Liberale, Konservative und Deutschnationale einigen konnten, waren Antisemitismus und die Abneigung gegen\u00fcber Italienern. Die Zwischenkriegszeit brachte eine Fortsetzung der alten Konflikte. Viele der Studenten und Lehrenden hatten im Ersten Weltkrieg gedient und waren es gewohnt, Konflikte mit Gewalt zu l\u00f6sen. Der Apparat des St\u00e4ndestaats der 1930er Jahre speiste sich aus den katholischen Verbindungen, deutschnationale Burschenschaften waren ein Standbein f\u00fcr den Nationalsozialismus. Die demokratische Republik \u00d6sterreich und die allgemeine Emanzipation, die damit einherging, gefiel den gewohnt elit\u00e4ren Akademikern beider Seiten nicht. Die jungen M\u00e4nner waren pl\u00f6tzlich nicht mehr alleine unter sich. Frauen und S\u00f6hnen von Handwerksfamilien war das Studium an der Universit\u00e4t lange nicht gestattet, nun war es zumindest theoretisch m\u00f6glich, sich \u00fcber diesen Weg hochzuarbeiten. Den ersten weiblichen Doktor der Juristerei der Universit\u00e4t feierte man f\u00fcnf Jahre nach der Entstehung der Republik. Die Presse notierte:<\/p>\n<p><em>\u201eAm kommenden Samstag wird an der Innsbrucker Universit\u00e4t Fr\u00e4ulein Mitzi Fischer zum Doktor iuris promoviert. Fr\u00e4ulein Fischer ist eine geb\u00fcrtige Wienerin. In Wien absolvierte sie auch das Gymnasium. Nach der Reifepr\u00fcfung oblag sie dem juristischen Studium der Universit\u00e4t Innsbruck. Die zuk\u00fcnftige Doktorin hat s\u00e4mtliche Pr\u00fcfungen mit Auszeichnungen absolviert, m\u00fc\u00dfte also nach dem fr\u00fcheren Brauche sub auspiciis imperatoris promovieren. Jedenfalls ist Fr\u00e4ulein Fischer die erste Dame, die sich an der Innsbrucker Universit\u00e4t den juristischen Doktortitel erwirbt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mit dem Anschluss an das Deutsche Reiche 1938 wurde die Universit\u00e4t ein weiteres Mal umbenannt. Nach dem Krieg wurde aus der <em>Deutschen Alpenuniversit\u00e4t<\/em> wieder die <em>Leopold-Franzens-Universit\u00e4t<\/em>. Erstaunlich ruhig, \u00e4hnlich wie schon 1848, verhielten sich die Studenten in Innsbruck im Jahr 1968. W\u00e4hrend in anderen europ\u00e4ischen St\u00e4dten die Studenten Treiber des Wandels waren, blieb man in Innsbruck unaufgeregt. In Paris flogen Pflastersteine, in Innsbruck gab man sich mit Boykotten und Sit-ins zufrieden. Es gab in den sp\u00e4ten 1960ern und 70ern zwar einzelne Gruppen wie die <em>Kommunistische Gruppe Innsbruck<\/em>, das <em>Komitee f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit Vietnam<\/em>, die sozialistische VSSt\u00d6 oder die liberal-katholische <em>Aktion<\/em> innerhalb der \u00d6H, zu einer Massenbewegung kam es nicht. Der allergr\u00f6\u00dfte Teil der Studenten entstammte der Oberschicht und hatte die Matura in einem katholisch orientierten Gymnasium absolviert. Beethovens alte Weisheit, dass \u201e<em>solange der \u00d6sterreicher noch braun\u00b4s Bier und W\u00fcrstel hat, revoltiert er nicht<\/em>,\u201c traf zu. Nur wenige Studenten konnten sich f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit Vietnam, Mao Zedong und Fidel Castro begeistern. Wer wollte schon die eigene Karriere aufs Spiel setzen, in einem Land, das von der Dreifaltigkeit aus Tiroler Tageszeitung, Bischof Paulus Rusch und dem Landtag mit absoluter Mehrheit der \u00d6VP dominiert wurde? Wer es trotzdem wagte, aufs\u00e4ssige Flugbl\u00e4tter oder linke Literatur zu verbreiten, musste mit medialer Diffamierung, einer R\u00fcge durch das Rektorat oder gar dem Besuch der Staatsgewalt rechnen. Kritisiert wurden nur selten die Professoren, die im 20. Jahrhundert h\u00e4ufig noch Distanziertheit und den unnahbaren Nimbus der Fr\u00fchen Neuzeit verspr\u00fchten oder kaum Hehl aus ihrer politischen Gesinnung machten. Eher war die mangelhafte Ausstattung der bescheidenen Lehrs\u00e4le f\u00fcr die stets zunehmende Anzahl an Studenten. Die gro\u00dfe Ver\u00e4nderung in den Universit\u00e4ten wurde in \u00d6sterreich nicht erk\u00e4mpft, sondern gew\u00e4hlt. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky fielen die die Studiengeb\u00fchren. Bildung wurde f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl junger Menschen leist- und vorstellbar. Die Zahl der Studenten an \u00f6sterreichischen Hochschulen stieg dadurch zwischen 1968 und 1974 von 50.000 auf \u00fcber 73.000 Menschen an.<\/p>\n<p>Trotz aller Widrigkeiten und Kuriosit\u00e4ten durch die Jahrhunderte genoss die Universit\u00e4t Innsbruck seit ihren Anfangstagen meist einen sehr guten Ruf. Lehrende und Studierende sorgten im 20. und 21. Jahrhundert mehrfach f\u00fcr aufsehenerregende Leistungen in der Forschung. Victor Franz Hess wurde f\u00fcr seine Verdienste rund um die Erforschung der kosmischen Strahlung den Nobelpreis f\u00fcr Physik. Auch der Quantenphysiker Anton Zeilinger war an der Universit\u00e4t Innsbruck t\u00e4tig, wenn auch nicht im Jahr 2022 bei seiner Verleihung. Den Nobelpreis f\u00fcr Chemie erhielten auch die Professoren Fritz Pregl, Adolf Windaus und Hans Fischer, wobei auch sie nicht mehr in Innsbruck t\u00e4tig waren. Die Universit\u00e4tsklinik erbrachte sowohl in Forschung und Ausbildung wie auch in der t\u00e4glichen Versorgung der Stadt sehr gute Leistungen und z\u00e4hlt zu den Aush\u00e4ngeschildern Innsbrucks.\u00a0Nicht nur in intellektueller und wirtschaftlicher Hinsicht ist die Universit\u00e4t wichtig f\u00fcr die Stadt. 30.000 Studierende bev\u00f6lkern und pr\u00e4gen das Leben zwischen Nordkette und Patscherkofel. Die Zeit, in der junge Aristokraten in bunten Klamotten bei Prozessionen ausf\u00e4llig werden, sind vor\u00fcber. Mittlerweile sind sie eher auf den Skipisten und Mountainbike-Trails zu finden. Das gr\u00f6\u00dfte Problem, das die jungen Damen und Herren verursachen, sind auch keine Pogrome gegen\u00fcber nicht-deutschen Bev\u00f6lkerungsgruppen. Ein gro\u00dfer Teil der Studierenden des 21. Jahrhunderts kommt selbst aus dem Ausland und treibt die Preise am Wohnungsmarkt seit den 1970erJahren auf Rekordh\u00f6he. Im Oktober 1972 kam es zur Besetzung des Hexenhauses, einer leerstehenden Immobilie der Universit\u00e4t in der Sch\u00f6pfstra\u00dfe 24, die kurzerhand von einer Handvoll Studenten okkupiert wurde. Innsbruck gilt als die teuerste Landeshauptstadt, was Wohnraum betrifft, der Leerstand von Immobilien ist mehr als 50 Jahre nach der Hausbesetzung noch immer ein dr\u00e4ngendes Problem. Wie sehr die Studierenden Innsbruck beleben, merkt man erst, wenn die Ausw\u00e4rtigen zwischen den einzelnen Semestern in ihre Heimat zur\u00fcckkehren. Zehntausende beleben nicht nur das Nachtleben, sondern verpassen der Kleinstadt auch fast 400 Jahre nach der Gr\u00fcndung internationales Flair und hippe Urbanit\u00e4t.\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbrucker Kulturkampf&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Innsbrucker Kulturkampf&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; global_module=&#8220;71026&#8243; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;]<\/p>\n<p>Medien und Politiker werden nicht m\u00fcde auf die gesellschaftliche Spaltung und Polarisierung hinzuweisen, die das 21. Jahrhundert charakterisieren. Meist wird auch gleich der Schuldige daf\u00fcr mitgeliefert: Social Media. Wie lange uns Spaltung und Polarisierung schon vor der Erfindung von Facebook, Twitter und Co begleitet haben, zeigt ein Blick ins sp\u00e4te 19. Jahrhundert. Das Parlament der sp\u00e4ten K.u.K. Monarchie war, vereinfacht gesagt, gepr\u00e4gt von Christlich-Sozialen, Sozialdemokraten und liberal-nationalistischen Parteien der einzelnen Volksgruppen des Vielv\u00f6lkerreichs. Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschnationale waren die Vorg\u00e4nger der heutigen Parlamentsparteien SP\u00d6, \u00d6VP und FP\u00d6. Im Tiroler Landtag spielten die Sozialdemokraten keine Rolle, die katholisch-konservative Partei hatte schon an Einfluss verloren, bildete aber mit den reformkatholischen Christlich-Sozialen in Tirol einen Block. Der Innsbrucker Gemeinderat hingegen war dank des Zensuswahlrechts gro\u00dfdeutsch-liberal beherrscht. Der Konkurrenzkampf zwischen Liberalen, Konservativen und den durch das Wahlrecht benachteiligten Sozialdemokraten f\u00fchrte in Innsbruck zu einer hochexplosiven Stimmung. Wie in anderen St\u00e4dten der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich blieb es bei diesem <em>Kulturkampf<\/em> allzu oft nicht bei verbalen Schlagabtauschen. Besonders erbittert wurde von Politikern, Intellektuellen und Journalisten um die Vorherrschaft an den Universit\u00e4ten gestritten, wurden hier doch die Eliten von morgen ausgebildet. Der Streit stoppte aber nicht an den Hochschulen. Nach den Reformen im Pressewesen von 1867 erreichten Zeitungen neue Dimensionen in der Reichweite. Konservative, Katholiken, Gro\u00dfdeutsche, Liberale und Sozialdemokraten hatten jeweils ihre Hauszeitungen. Die Leser dieser Bl\u00e4tter lebten in ihren eigenen Meinungsblasen. Die polemischen Artikel trafen auf ein Publikum, das gewillt war, der eigenen Meinung mit Gewalt Nachdruck zu verleihen. Das Duellwesen war per Gesetz zwar verboten, wurde im Sinne des milit\u00e4rischen und aristokratischen Ehrbegriffs als Mittel der Satisfaktion aber bis ins 20. Jahrhundert geduldet und war g\u00e4ngige Praxis. Schlagende Burschenschaften \u00fcbernahmen das Duell und f\u00fchren diese Tradition als Ehrenduell, Mensur, bis heute fort. Auch sonst hatten die Verbindungen ihren Ursprung im Milit\u00e4r. An deutschen Hochschulen entstanden als Keimzellen des Nationalgedanken nach den Napoleonischen Kriegen erste Korps. W\u00e4hrend sich konservative Untertanen bei den Sch\u00fctzen zu paramilit\u00e4rischen Verb\u00e4nden zusammenschloss, erfreuten sich diese Verbindungen unter Akademikern gro\u00dfer Beliebtheit. Wie andere Vereine bezogen auch sie immer st\u00e4rker politisch Stellung. Dabei kristallisierten sich die beiden Gegens\u00e4tze katholisch, konservativ, kaisertreu und liberal, gro\u00dfdeutsch, national heraus. Was heute als Widerspruch erscheint, liberal und national, war im 19. Jahrhundert ein politisch \u00fcbliches Gedankenpaar. Der <em>Pangermanismus<\/em> war keine politische Besonderheit einer rechtsradikalen Minderheit. Wer als modern gelten wollte, betrachtete sich nicht als Untertan des althergebrachten Vielv\u00f6lkerstaats der Habsburgermonarchie, sondern strebte nach der alldeutschen <em>Nation<\/em>. Ein milit\u00e4risch und wirtschaftlich starker, nicht zwingend demokratischer, ethnisch m\u00f6glichst uniformer Staat, der alle deutschsprachigen L\u00e4nder nach preu\u00dfischem Vorbild vereinte. In Innsbruck schlossen sich Studenten 1859 zu einem Korps zusammen, um Grenzdienst im Italienischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg zu leisten. Das Corps <em>Rhaetia<\/em>, die <em>Chinisia<\/em> und die <em>Athesia<\/em> waren die ersten Verbindungen an der Universit\u00e4t, die \u00f6ffentlich auftraten. Wenig sp\u00e4ter fanden sich die katholischen Studenten unter der bis heute bestehenden akademischen Verbindung <em>Austria<\/em> zusammen. Ein Drittel der Studenten an der Innsbrucker Universit\u00e4t war um die Jahrhundertwende in einer Verbindung, einem Korps oder einer Burschenschaft. Anders als heute war es nicht ungew\u00f6hnlich, dass sie sich in voller <em>Wichs<\/em> in ihren Farben, der Uniform samt S\u00e4bel, Barett und Band in der \u00d6ffentlichkeit zeigten. Nicht selten waren sie auch mit Stock, Schlagring und Revolver bewaffnet. Die H\u00e4lfte der Verbindungen war deutschnational orientiert und trug vielsagende Namen wie <em>Suevia<\/em> oder <em>Germania<\/em>. Sie bezogen ihre Ideologie von der <em>Los-von-Rom Bewegung<\/em> des Deutschradikalen Georg Ritter von Sch\u00f6nerer (1842 \u2013 1921), der selbst einige Male bei Veranstaltungen in Innsbruck zu Gast war. An den weltlichen Fakult\u00e4ten war die Mehrheit der Professoren deutschnational orientiert. Auf die Gesamtbev\u00f6lkerung der Stadt gesehen, die 1910 noch immer zu 96% katholisch war, handelte es sich dabei um eine Minderheit, dank ihres gesellschaftlichen Einflusses aber um eine sehr einflussreiche. In den 1880er Jahren, sp\u00e4ter als an anderen \u00f6sterreichischen Universit\u00e4ten, machte sich in diesem Klima der rassistische Antisemitismus auch in Innsbruck breit, obwohl es kaum j\u00fcdische Studenten oder Professoren an der Leopold-Franzens-Universit\u00e4t gab. Mit dem Erstarken der radikalen Ablehnung von Monarchie und Klerus an der Universit\u00e4t eskalierte die Situation ab den 1890er Jahren endg\u00fcltig. Provokationen und Meinungsverschiedenheiten unter Professoren schafften es in die Schlagzeilen und ins Parlament, Konflikte zwischen katholischen und deutschnationalen Studenten endeten nicht selten in Schl\u00e4gereien.<\/p>\n<p>Die <em>Wahrmund-Aff\u00e4re<\/em>, die sich im fr\u00fchen 20. Jahrhundert ausgehend von der Universit\u00e4t Innsbruck \u00fcber die gesamte K.u.K. Monarchie ausbreitete, war nur eines von vielen Beispielen. Ludwig Wahrmund (1860 \u2013 1932) war Ordinarius f\u00fcr Kirchenrecht an der Juridischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck. Wahrmund, vom Tiroler Landeshauptmann eigentlich daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt, um den Katholizismus an der als zu liberal eingestuften Innsbrucker Universit\u00e4t zu st\u00e4rken, war Anh\u00e4nger einer aufgekl\u00e4rten Theologie. Im Gegensatz zu den konservativen Vertretern in Klerus und Politik sah er als Reformkatholik den Papst nur als spirituelles Oberhaupt, nicht aber als weltlich Instanz, an. Studenten sollten nach Wahrmunds Auffassung die L\u00fccke und die Gegens\u00e4tze zwischen Kirche und moderner Welt verringern, anstatt sie einzuzementieren. Bis 1906 war Wahrmund Teil der <em>Leo-Gesellschaft<\/em>, die die F\u00f6rderung der Wissenschaft auf katholischer Basis zum Ziel hatte. In einer Wandlung vom gem\u00e4\u00dfigten Saulus zum liberalen Saulus wurde er zum Obmann der Innsbrucker Ortsgruppe des Vereins <em>Freie Schule<\/em>, der f\u00fcr eine komplette Entklerikalisierung des gesamten Bildungswesens eintrat. Vom Reformkatholiken wurde er zu einem Verfechter der kompletten Trennung von Kirche und Staat. Seine Vorlesungen, verst\u00e4rkt durch die Medien, erregten immer wieder die Aufmerksamkeit der Obrigkeit. Konservative Politiker und Medien tobten ob seiner Anzweiflung der Unaufl\u00f6slichkeit der Ehe, w\u00e4hrend ihm Liberale und seine Anh\u00e4nger unter den Professoren und Studenten applaudierten. Die deutschnationalen Akademiker erhielten Unterst\u00fctzung von B\u00fcrgermeister Greil und den ebenfalls antiklerikalen Sozialdemokraten, auf konservativer Seite sprang die Tiroler Landesregierung in die Bresche. Die <em>Wahrmund Aff\u00e4re<\/em> schaffte es als <em>Kulturkampfdebatte<\/em> bis in den Reichsrat. F\u00fcr Christlichsoziale war es ein \u201e<em>Kampf des freisinnigen Judentums gegen das Christentum<\/em>\u201c in dem sich \u201e<em>Zionisten, deutsche Kulturk\u00e4mpfer, tschechische und ruthenische Radikale<\/em>\u201c in einer \u201e<em>internationalen Koalition<\/em>\u201c als \u201e<em>freisinniger Ring des j\u00fcdischen Radikalismus und des radikalen Slawentums<\/em>\u201c pr\u00e4sentierten. Wahrmund hingegen bezeichnete in der allgemein aufgeheizten Stimmung katholische Studenten als \u201e<em>Verr\u00e4ter und Parasiten<\/em>\u201c. Als Wahrmund 1908 eine seiner Reden, in der er die christliche Moral und die katholische Heiligenverehrung anzweifelte, in Druck bringen lie\u00df, erhielt er eine Anzeige wegen Gottesl\u00e4sterung. Nach weiteren teils gewaltt\u00e4tigen Versammlungen sowohl auf konservativer und antiklerikaler Seite, studentischen Ausschreitungen und Streiks musste kurzzeitig sogar der Universit\u00e4tsbetrieb komplett eingestellt werden. Wahrmund wurde zuerst beurlaubt, sp\u00e4ter an die deutsche Universit\u00e4t Prag versetzt.<\/p>\n<p>Im Februar 1910 spielten sich in Innsbruck b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Szenen ab, die als <em>Brein\u00f6\u00dflschlacht<\/em> Eingang in die Stadtgeschichte fanden. Die katholischen Verbindungen <em>Tirolia<\/em>, <em>Raeto Bavaria<\/em> und <em>Leopoldina <\/em>hatten ihr Vereinslokal im <em>Gasthof<\/em> Brein\u00f6\u00dfl in der Maria-Theresien-Stra\u00dfe. Mitglieder des rivalisierenden Corps Gothia attackierten einige Studenten der <em>Tirolia<\/em> im Gasthof. Der Wirt Franz Hofer, Vater des sp\u00e4teren Gauleiters und selbst wohl deutschnational orientiert, rief die Polizei, um die katholischen Studenten aus seinem Lokal werfen zu lassen. Tags darauf kam es erneut zu Provokationen unter den Verbindungen, die in einer Massenschl\u00e4gerei mit mehr als 100 Kombattanten. Studenten untereinander und herbeigerufene Polizisten lieferten sich eine Stra\u00dfenschlacht, bei der mehrere Personen verletzt wurden. Die Innenr\u00e4ume des Gasthof Brein\u00f6\u00dfl wurden verw\u00fcstet. Am n\u00e4chsten Tag fand die Gewaltorgie mit einer Schl\u00e4gerei mit 250 Beteiligten und der Zerst\u00f6rung des Cafe Zentral und des benachbarten Akademikerhauses der katholischen Verbindung ein Ende. Der traurige H\u00f6hepunkt des <em>Innsbrucker Kulturkampfes<\/em> endete zwei Jahre sp\u00e4ter t\u00f6dlich. Studenten der Verbindungen <em>Raeto Bavaria<\/em> und <em>Austria<\/em> waren in der Nacht des 4. November am Heimweg von einem Tanzabend, als sie von deutschnationalen Burschen angegriffen wurden. Bei der darauffolgenden Schl\u00e4gerei vor dem <em>Gasthof Brein\u00f6\u00dfl<\/em> in der Maria-Theresienstra\u00dfe erlitt der Medizinstudent Max Ghezze (1889 \u2013 1912) einen Schlag auf den Hinterkopf. Die Polizisten brachten den Bewusstlosen in die Ausn\u00fcchterungszelle, wo er Stunden sp\u00e4ter von seinen Kommilitonen gefunden wurde. Ghezze verstarb wenig sp\u00e4ter in der Innsbrucker Klinik, wohl auch wegen der Behandlung durch die Polizei. Die der Tat verd\u00e4chtigten Mitglieder der <em>Gothia<\/em> wurden mangels Beweise wieder freigelassen. Proteste aus Cortina an die Statthalterei kritisierten die Stadtregierung und die Polizei und forderten sogar das reichsweit allgemeine Wahlrecht auch auf Gemeindeebene, das die Alleinregierung der <em>Deutschen Volkspartei<\/em> und die damit einhergehende Einflussnahme auf die Exekutive Wilhelm Greils im Stadtrat wohl beendet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg brachte eine Verschnaufpause im Kampf um die ideologische Vormachtstellung an der Universit\u00e4t. Die Politik der 1920er und 30er Jahre mit den b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Spannungen zwischen Christlich-Sozialen, Sozialdemokraten und Deutschnationalen, die zuerst im katholischen St\u00e4ndestaat und dann im Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland endeten, hatte ihre Wurzeln im <em>Kulturkampf<\/em>. Aus den inkorporierten Studenten von einst waren Professoren, Anw\u00e4lte, Historiker, Lehrer und \u00c4rzte geworden. Ihrem jugendlichen politischen Extremismus hatten sie die Erfahrungen eines Weltkrieges, der Inflation und mehreren wirtschaftlichen und politischen Krisen hinzugef\u00fcgt. Was blieb waren die autorit\u00e4re Obrigkeitsh\u00f6rigkeit, Gewaltbereitschaft und Antisemitismus, die an die n\u00e4chste Generation junger M\u00e4nner weitergegeben wurde.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Wallschen und die Fatti di Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Wallschen und die Fatti di Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;66473&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Vorurteile und Rassismus gegen\u00fcber Zuwanderern waren und sind in Innsbruck wie in allen Gesellschaften g\u00e4ngige Praxis. Egal ob syrische Fl\u00fcchtlinge seit 2015 oder t\u00fcrkische Gastarbeiter in den 1970er und 80er Jahren, das Fremde erzeugt meist wenig wohl gesonnene Gef\u00fchle im durchschnittlichen Tiroler. Heute m\u00f6gen Italien das liebste Reiseziel der Innsbrucker und Pizzerien Teil des gastronomischen Alltags sein, lange Zeit waren unsere s\u00fcdlichen Nachbarn die am argw\u00f6hnischsten be\u00e4ugte Bev\u00f6lkerungsgruppe. Was um 1900 dem Wiener seine Juden und <em>Ziegelb\u00f6hmen <\/em>waren, waren dem Tiroler die <em>Wallschen<\/em>. Die Abneigung gegen\u00fcber Italienern kann in Innsbruck auf eine lange Tradition zur\u00fcckblicken. Italien als eigenst\u00e4ndigen Staat gab es zwar nicht, viele kleine Grafschaften, Stadtstaaten und F\u00fcrstent\u00fcmer zwischen dem Gardasee und Sizilien pr\u00e4gten die politische Landschaft. Auch sprachlich und kulturell unterschieden sich die einzelnen Regionen. Trotzdem begann man im Laufe der Zeit, sich als Italiener zu verstehen und wurde im Ausland auch als Italiener wahrgenommen. Die meisten, mit denen Innsbrucker zu tun hatten, entstammten der <em>Upper Class<\/em>, was automatisch eine gewisse Abneigung erzeugte. W\u00e4hrend des Mittelalters und der Fr\u00fchen Neuzeit waren sie als Mitglieder der Beamtenschaft, des Hofstaates Bankiers, Gro\u00dfh\u00e4ndler oder Gattinnen diverser Landesf\u00fcrsten in Innsbruck ans\u00e4ssig. Die Abneigung zwischen <em>Italienern<\/em> und <em>Deutschen<\/em> war gegenseitig. Die einen galten den anderen wahlweise als ehrlos, unzuverl\u00e4ssig, hochn\u00e4sig, eitel, moralisch verdorben und faul, die anderen als unzivilisiert, barbarisch, ungebildet und Schweine. Mit den Kriegen zwischen 1848 und 1866 erreichte der Hass auf alles Italienische ein neues Hoch im <em>Heiligen Land Tirol<\/em>, obwohl viele <em>Wallsche<\/em> in der k.u.k. Armee dienten und auch die Landbev\u00f6lkerung gr\u00f6\u00dftenteils unter den italienischsprachigen Tirolern loyal zur Monarchie stand. Die Italiener, besonders die Truppen Garibaldis, galten als gottlose Aufr\u00fchrer und Republikaner und wurden von den Kirchkanzeln zwischen Kufstein und Riva del Garda sowohl auf Italienisch wie auch auf Deutsch gegei\u00dfelt. Eine gro\u00dfe Rolle im Konflikt spielte die Tiroler Presselandschaft. Die <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em>, mit etwa 15.000 St\u00fcck Auflage, waren das reichweitenst\u00e4rkste Medium Tirols der Jahrhundertwende. Sie hatte zwar keine explizite politische Ausrichtung, galt aber als gro\u00dfdeutsch-liberal gesinnt. Auf italienischer Seite ragte der im Krieg vom \u00f6sterreichischen Milit\u00e4r wegen Hochverrats am W\u00fcrgegalgen hingerichtete Cesare Battisti (1875 \u2013 1916) heraus. Der Publizist und Politiker aus Trient hatte in Wien an der deutschsprachigen Universit\u00e4t zu studieren begonnen, war anschlie\u00dfend aber an die Universit\u00e4t in Florenz gewechselt. Mit spitzer Feder befeuerte er in den beiden italienischen Zeitungen <em>Il Popolo<\/em> und <em>L\u00b4Avvenire<\/em> immer wieder mit spitzer Feder den Konflikt der Nationalit\u00e4ten innerhalb der Landesgrenzen. Er galt dank seiner Mischung aus sozialistischer Gesinnung und italienischem Patriotismus vielen Tirolern als Staatsfeind und Verr\u00e4ter Nummer 1. Auch Vereine spielten bei der Verh\u00e4rtung der Fronten eine tragende Rolle. 1867 war nicht nur das Pressegesetz, sondern auch das Vereinswesen liberalisiert worden. Das l\u00f6ste einen regelrechten Boom an Neugr\u00fcndungen aus. Sportvereine, Turnerschaften, Theatergruppen, Sch\u00fctzen oder die <em>Innsbrucker Liedertafel<\/em> dienten h\u00e4ufig nicht nur der Zerstreuung, sondern waren politische Vorfeldorganisationen. Besonders extrem waren die Studentenverbindungen. Ihnen gegen\u00fcber standen die nicht nur zahlenm\u00e4\u00dfig, sondern auch organisatorisch unterlegenen italienischsprachigen Studenten. Durch den Verlust Paduas hatten italienischst\u00e4mmige Tiroler keine M\u00f6glichkeit mehr, das Studium in ihrer Muttersprache im Inland zu absolvieren, viele von ihnen orientierten sich deshalb nach Innsbruck, wo sie auf wenig Gegenliebe stie\u00dfen. Einer der gr\u00f6\u00dften politischen Streitpunkte zwischen italienisch- und deutschsprachigen Studenten war die Er\u00f6ffnung einer italienischen Universit\u00e4t. Die Diskussion, ob man eine Universit\u00e4t in Triest, der bevorzugte Ort der italienischsprachigen Vertreter, Innsbruck, Trient oder Rovereto anvisieren sollte, entspann sich \u00fcber Jahre hinweg. Obwohl ein Besuch der Hochschule eigentlich nur eine Angelegenheit einer kleinen Elite war, konnten irredentistische, anti-\u00f6sterreichisch gesinnte Tiroler Abgeordnete aus dem Trentino das Thema als Symbol f\u00fcr die angestrebte Autonomie immer wieder emotional aufladen, waren doch seit 1867 von Gesetz wegen alle Sprachgruppen innerhalb der Monarchie gleich zu behandeln. Deutschnationalistische Politiker wie der Innsbrucker B\u00fcrgermeister Wilhelm Greil, der f\u00fcr sein inkorrektes Verhalten gegen\u00fcber der italienischen Bev\u00f6lkerung vom k.k. Statthalter Tirols mehrmals ermahnt wurde, nutzten die Emotionen rund um das Thema, um mit einer drohenden \u00dcberfremdung Stimmung zu machen. Zu den ethnischen und rassistischen Ressentiments gegen\u00fcber den s\u00fcdl\u00e4ndischen Nachbarn kam besonders bei Konservativen auch die Angst vor Figuren wie Cesare Battisti hinzu, der als Sozialist ohnehin das leibhaftig B\u00f6se verk\u00f6rperte.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die Gefahr einer Italianisierung Innsbrucks durch Trentiner Studenten tats\u00e4chlich war, zeigen demographische Daten. Fakten wurden auch damals oft durch Bauchgef\u00fchl und rassistisch motivierten Populismus ersetzt. Nach der Eingemeindung Pradls und Wiltens 1904 hatte Innsbruck etwas \u00fcber 50.000 Einwohner. Der Anteil der Studenten lag mit etwas \u00fcber 1000 bei unter 2%. Von den etwa 3000 italienischst\u00e4mmigen, die meisten davon <em>Welschtiroler<\/em> aus dem Trentino, waren nur etwas \u00fcber 100 an der Universit\u00e4t inskribiert. Den Gro\u00dfteil der <em>Wallschen<\/em> machten Arbeiter, Wirte, H\u00e4ndler und Soldaten aus. Viele lebten schon lange in und rund um Innsbruck. Im etwas g\u00fcnstigeren Wilten war so etwas wie ein Little Italy entstanden. Anton Gutmann vertrieb in seiner Kellerei-Genossenschaft Riva in der Leopoldstra\u00dfe 30 italienische Weine, gegen\u00fcber konnte man im <em>Gasthaus Steneck<\/em> gut und g\u00fcnstig essen. Der Gro\u00dfteil der Zuwanderer sprach als Untertanen der Monarchie ausgezeichnet Deutsch, nur ein kleiner Teil kam aus Dalmatien oder Triest und war tats\u00e4chlich fremdsprachig. Die Unterschiede waren soziokultureller Natur. Es gab eigene Vereine wie den <em>Club Ciclistico<\/em> und die <em>Unione Ginnastica<\/em>, sozialistisch orientierte Arbeiter- und Konsumorganisationen, Musikvereine und Studentenverbindungen. Obwohl auch unter den Italienern die Studenten nur einen geringen Teil ausmachten, wurde ihnen und der Forderung nach einem Institut mit italienisch als Pr\u00fcfungs- und Unterrichtssprache \u00fcberdurchschnittliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. Nach einigem Hin und Her wurde im September 1904 beschlossen, eine provisorische rechtswissenschaftliche Fakult\u00e4t in Innsbruck zu gr\u00fcnden. Das sollte die Studenten trennen, ohne eine der Gruppen zu vergr\u00e4men. Von Anfang an stand das Projekt aber unter keinem guten Stern. Niemand wollte der Universit\u00e4t die n\u00f6tigen R\u00e4umlichkeiten vermieten. Schlie\u00dflich stellte der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Baumeister Anton Fritz eine Wohnung in einem seiner Mietzinsh\u00e4user in der Liebeneggstra\u00dfe 8 zur Verf\u00fcgung. Bei der Antrittsvorlesung und der feierlichen Abendveranstaltung im <em>Gasthaus zum Wei\u00dfen Kreuz<\/em> am 3. November waren Promis wie Battisti oder der sp\u00e4tere italienische Ministerpr\u00e4sident Alcide de Gasperi anwesend. Je sp\u00e4ter der Abend desto ausgelassener die Stimmung. Als Schm\u00e4hrufe wie \u201e<em>Porchi tedeschi<\/em>\u201c und \u201e<em>Abbasso Austria<\/em>\u201c (Anm.: <em>Deutsche Schweine und Nieder mit \u00d6sterreich<\/em>) fielen, eskalierte die Situation. Eine mit St\u00f6cken, Messern und Revolvern bewaffnete Meute deutschsprachiger Studenten belagerte das <em>Wei\u00dfe Kreuz,<\/em> in dem sich die ebenfalls zu einem gro\u00dfen Teil bewaffneten Italiener verschanzten. Ein Trupp Kaiserj\u00e4ger konnte den ersten Tumult erfolgreich aufl\u00f6sen, einige der Italiener wurden inhaftiert. Dabei wurde der Kunstmaler August Pezzey (1875 \u2013 1904) durch einen Stich mit dem Bajonett irrt\u00fcmlich von einem \u00fcbertrieben nerv\u00f6sen Soldaten t\u00f6dlich verwundet. Die <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> erschienen nach den n\u00e4chtlichen Aktivit\u00e4ten am 4. November unter der Headline: \u201e<em>Deutsches Blut geflossen!<\/em>\u201c. Der anwesende Redakteur berichtete von 100 bis 200 Revolversch\u00fcssen, die von den Italienern auf die \u201e<em>Schar von deutschen Studenten<\/em>\u201c abgegeben wurden und dem Tod Pezzeys. Die Nachricht \u00fcber das Geschehene l\u00f6ste einen Sturm an Racheakten und Gewalttaten aus. Zu den politisch Motivierten gesellten sich, wie bei jedem Aufruhr, Schaulustige und Randalierer, die Spa\u00df daran hatten, in der Anonymit\u00e4t der Masse \u00fcber die Str\u00e4nge zu schlagen, ohne eine echte politische \u00dcberzeugung zu haben. W\u00e4hrend die in Haft genommenen Italiener in der dadurch heillos \u00fcberf\u00fcllten Strafanstalt der Stadt das martialische Lied <em>Inno di Garibaldi<\/em> anstimmten, kam es in der Stadt zu schweren Ausschreitungen gegen italienische Lokale und Betriebe. Die R\u00e4umlichkeiten des <em>Gasthauses zum Wei\u00dfen Kreuz<\/em> wurden in monarchietreuer Manier bis auf ein Portr\u00e4t Kaiser Franz Josefs vollkommen verw\u00fcstet. Randalierer bewarfen den Wohnsitz des ohnehin unbeliebten Statthalters im <em>Palais Trapp<\/em> mit Steinen, da seine Frau italienische Wurzeln hatte. Das von Anton Fritz der Universit\u00e4t zur Verf\u00fcgung gestellte Geb\u00e4ude in der Liebeneggstra\u00dfe wurde ebenso zerst\u00f6rt wie sein privater Wohnsitz. Als sich der erste Wirbel wieder gelegt hatte, begann rasch eine Mythenbildung rund um das Geschehene. Der in den Wirren zu Tode gekommene, aus einer Ladiner Familie stammende August Pezzey, wurde in einem nationalen Rausch von Politikern und der Presse zum \u201eDeutschen Helden\u201c erkl\u00e4rt. Er erhielt am Innsbrucker Westfriedhof ein Ehrengrab. Bei seinem Begr\u00e4bnis mit Tausenden Trauernden, verlas B\u00fcrgermeister Greil eine pathetische Rede:<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026Ein herrlich sch\u00f6ner Tod war Dir beschieden auf dem Felde der Ehre f\u00fcr das deutsche Volk\u2026 Im Kampfe gegen freche welsche Gewalttaten hast Du Dein Leben ausgehaucht als M\u00e4rtyrer f\u00fcr die deutsche Sache\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Berichte von den <em>Fatti di Innsbruck<\/em> schafften es in die internationale Presse und trugen entscheidend zum R\u00fccktritt des \u00f6sterreichischen Ministerpr\u00e4sidenten Ernest von Koerber bei. Je nach Medium wurden die Italiener als ehrlose Banditen oder mutige Nationalhelden, die \u00d6sterreicher als pangermanistische Barbaren oder Bollwerk gegen das <em>Wallsche<\/em> gesehen. Am 17. November, nur zwei Wochen nach der feierlichen Er\u00f6ffnung, wurde die italienische Fakult\u00e4t in Innsbruck wieder aufgel\u00f6st. Eine eigene Universit\u00e4t blieb der Sprachgruppe innerhalb \u00d6sterreich-Ungarns bis zum Ende der Monarchie 1918 verwehrt. Die lange Tradition, Italiener als ehrlos und faul zu betrachten, wurde durch den Kriegseintritt Italiens 1915 an der Seite Frankreichs und Englands noch mehr befeuert. Bis heute halten viele Tiroler die negativen Vorurteile gegen\u00fcber ihren s\u00fcdlichen Nachbarn mit gro\u00dfer Leidenschaft am Leben.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Petrus Canisius und die Jesuiten&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Petrus Canisius und die Jesuiten&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53640&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Franziskaner, Pr\u00e4monstratenser, Karmeliten, Serviten, Kapuziner, Ursulinen. Wer Innsbruck besucht, spaziert, meist unbewusst, an vielen Kl\u00f6stern vorbei. Der politisch und gesellschaftlich wohl einflussreichste Orden der Stadtgeschichte seit dem 16. Jahrhundert waren die Jesuiten. Die \u201e<em>Soldaten Christi<\/em>\u201c wurden vom spanischen Adeligen Ignatius von Loyola (1491 \u2013 1556) 1540 gegr\u00fcndet. Loyola war ein sittenstrenger Reformator und einflussreicher Kirchenpolitiker, der Zugang zu den h\u00f6chsten Zirkeln der Macht seiner Zeit hatte. Er wollte die Kirche ver\u00e4ndern, anders als Luther aber nicht ohne den Papst als Oberhaupt. Auch eine Aufl\u00f6sung des Eigentums der Kl\u00f6ster stand nicht am Programm. Erneuerung des Glaubens von oben nach unten anstatt Zerst\u00f6rung der bestehenden Ordnung war die Devise der <em>Societas Jesu<\/em>. Der Orden gewann schnell an Einfluss. Aus dem milit\u00e4rischen Bereich \u00fcbernommene Organisation und Struktur, die Verbindung humanistischer Lehren und katholischer Traditionen, ein Faible f\u00fcr Wissenschaft und Bildung in Kombination mit einer mystisch anmutende Volksfr\u00f6mmigkeit machten sie f\u00fcr viele Menschen, die vom mittelalterlichen Sittenverfall des Klerus entt\u00e4uscht waren, attraktiv. Die Jesuiten waren mit diesen Merkmalen am Puls einer Zeit, die von neuen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen gepr\u00e4gt war. Sie nutzten wie protestantische Reformatoren geschickt das neue Medium Buchdruck, um ihre Schriften zu verbreiten. Sie stellten die konfessionelle Fortsetzung der gesellschaftlichen Durchdringung durch den Staat, New Media und der doppelten Buchhaltung dar. Religi\u00f6ser Beistand war h\u00f6chst willkommen. Die politische Situation im Heiligen R\u00f6mischen Reich war Mitte des 16. Jahrhunderts reich an Krisen. Italien war nach den Kriegen zwischen Frankreich und den Habsburgern arg in Mitleidenschaft gezogen. Gro\u00dfe Handelskonzerne wie die Fugger und die Welser gewannen immer mehr Einfluss. Die deutschen L\u00e4nder hatten unter den Bauernkriegen gelitten. Die Inflation bedrohte und die vielen technischen Neuerungen der Zeit um 1500 machten vielen Menschen Angst. Wie aber sollte man den Zorn Gottes ob der Verfehlungen der Renaissancep\u00e4pste und das drohende Ende der Welt abwenden, wenn nicht durch sittliche Besserung moralisches Leben nach den Lehren Christi?<\/p>\n<p>Ein eifriger F\u00f6rderer der Jesuiten in Tirol war der Landesf\u00fcrst und sp\u00e4tere Kaiser Ferdinand I. Er war wie Ignatius von Loyola in Spanien aufgewachsen. Mit den Sitten der Deutschen und der in Spanien nicht existenten Reformationsbewegung hatte er ebenso seine Schwierigkeiten wie mit der Sprache. Die Tiroler Bev\u00f6lkerung auf der anderen Seite fremdelte mit ihrem Landesf\u00fcrsten, den man mit seinem fremdl\u00e4ndischen Hofstaat leicht mit einer Besatzungsmacht verwechseln konnte. Ein verbindendes Element zwischen den beiden Welten war die r\u00f6mische Kirche, speziell der moderne Jesuitenorden. Der wahrscheinlich bedeutendste jesuitische Theologe war Petrus Canisius (1521 \u2013 1597). Er wuchs als Peter Kanis in einem Haushalt der gehobenen Mittelschicht in den Niederlanden auf. Sein Vater war B\u00fcrgermeister von Nimwegen. Bereits in fr\u00fcher Jugend machte der sp\u00e4tere Kirchenstratege erste Erfahrungen mit der hohen Politik und lernte h\u00f6fisches Benehmen, bevor er nach K\u00f6ln ging, um zu studieren. Canisius war der das erste Ordensmitglied auf dem Gebiet des Heiligen R\u00f6mischen Reiches. Der intelligente und gebildete junge Mann legte eine steile Karriere hin. Ferdinand berief ihn nach Wien, wo er als bisch\u00f6flicher Administrator und an der Universit\u00e4t f\u00fcr Ordnung sorgen sollte. Eine seiner Hauptt\u00e4tigkeiten an der Uni neben Lehre und Forschung war das Ausfindigmachen und Verh\u00f6ren des Protestantismus verd\u00e4chtiger Universit\u00e4tsangeh\u00f6riger. Canisius verbrachte auch einige Jahre in Innsbruck. Eigentlich h\u00e4tten die Jesuiten in die fertiggestellte Hofkirche einziehen sollen, um die Chorgebete f\u00fcr Maximilian I. an dessen Grabst\u00e4tte zu \u00fcbernehmen. Dies lehnte Canisius als oberster Vertreter des Ordens n\u00f6rdlich der Alpen h\u00f6flich, aber bestimmt ab. 1563 schaffte es der Kaiser doch noch ihn in die Alpen zu locken. Der Gelehrte sollte ihm als Berater und Consultant f\u00fcr einen Disput mit dem Papst am Konzil von Trient beistehen. F\u00fcr Ferdinand verfasste er eine Gebetsanleitung, um den F\u00fcrsten auf den rechten Weg zu bringen. Der Aufenthalt Petrus Canisius machte Innsbruck im 16. Jahrhundert zu einem der theologischen Zentren der deutschsprachigen Welt. Im Oktober 1571 erfuhr die Kirchengemeinde Wiltens aus seinem Mund vom Sieg der p\u00e4pstlich-kaiserlichen Flotte gegen die Osmanen bei Lepanto. Von der Kanzel herab verk\u00fcndete Canisius den Triumph der christlichen Streitkr\u00e4fte gegen die drohende Heidengefahr in der gr\u00f6\u00dften Seeschlacht der Geschichte im Stil eines katholischen Nachrichtensprechers. Sein Auftreten als Prediger und Gelehrter in der Stadt w\u00e4re mit einem Lehrauftrag Albert Einsteins an der Universit\u00e4t in den 1930er Jahren vergleichbar. Er selbst war von den frommen \u00c4lplern ebenfalls angetan.<\/p>\n<p><em>\u201eDas Tirolerland verdiene unsere besondere Aufmerksamkeit, denn es ist noch besser katholisch als irgendein anderes Gebiet Deutschlands und hat sich noch nicht so von den H\u00e4retikern umgarnen lassen wie die anderen L\u00e4nder. Wenn auch schon viele Orte verdorben sind, [\u2026]. Innsbruck ist \u2026 das Herz und das Leben des ganzen Landes.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch abseits des h\u00f6fischen Parketts machte der der Hofprediger eine gute Figur. W\u00e4hrend die Innsbrucker viele der anderen fremdl\u00e4ndischen Prediger und Berater, die sich am Hofe tummelten, misstrauisch be\u00e4ugten, war Canisius ein nahbarer Mann des Volkes. Im Auftrag des Herrn, oder besser gesagt seiner weltlichen und kirchlichen Herren, reiste er quer durch Europa. Wie Martin Luther schaute auch er \u201e<em>dem Volk aufs Maul<\/em>\u201c. Canisius soll \u00fcber 100.000 Kilometer zwischen den Niederlanden, Rom und Polen zur\u00fcckgelegt haben. Unterwegs \u00fcbernachtete er meist in einfachen Gasth\u00f6fen. Er wusste, wie wichtig es war, die Landbev\u00f6lkerung hinter sich zu bringen. W\u00e4hrend seine Br\u00fcder im fernen Indien missionierten, missionierte er gegen den Protestantismus in den deutschen L\u00e4ndern. Er erkannte, dass Predigten auf Latein nicht geeignet waren, um Bauern, Knechte und M\u00e4gde gegen die Bedrohung der r\u00f6mischen Kirche durch Luthers Protestantismus zu immunisieren.<\/p>\n<p>Die st\u00e4rkste und nachhaltigste S\u00e4ule im Kampf gegen die Reformatoren war die Bildung. Canisius sah viele Bisch\u00f6fe und Politiker als korrupt, moralisch verdorben und s\u00fcndhaft. Anstatt sie aber auszumerzen, sollten sie sich unter den Fittichen der Soldaten Jesu bessern. Die Jesuiten setzten durch die Er\u00f6ffnung neuer Kollegien auf eine bessere Ausbildung der Beamtenschaft, des Adels und des Klerus und h\u00f6here moralische, an den christlichen Wurzeln ausgerichtete Ma\u00dfst\u00e4be im Kirchenalltag. Zu diesem Zweck gr\u00fcndeten sie im ganzen Reich Kollegien. Protestantische L\u00e4nder und St\u00e4dte hatten begonnen <em>Deutsche Schulen<\/em>, Akademien und Gymnasien zu installieren. M\u00f6glichst viele Untertanen sollten lesen k\u00f6nnen, um Fr\u00f6mmigkeit und Seelenheil in der individuellen und unmittelbaren Bibellekt\u00fcre zu finden. Die Jesuiten hingegen konzentrierten sich auf die Elitenbildung und erlangten so nachhaltigen Einfluss in den Machtzentren der katholischen Staaten. Mit seinem <em>Katechismus<\/em> verfasste Petrus Canisius eine wichtige deutschsprachige Ideensammlung im katholischen Kampf gegen die Reformation, der schnell in alle europ\u00e4ischen Sprachen \u00fcbersetzt und lange als Leitfaden der katholischen Kirche galt. F\u00fcr unterschiedliche Audiences wurden zwischen 1555 und 1558 drei verschieden komplexe Varianten des Werkes geschaffen. Findige Herausgeber schufen f\u00fcr Analphabeten einen Bilderkatechismus, um die Ideen der Kirche unters Volk zu bringen. Bis weit ins 19. Jahrhundert, in manchen Regionen sogar bis nach dem 2. Weltkrieg, war der <em>Kanisi<\/em>, wie der Katechismus liebevoll genannt wurde, das einflussreichste religi\u00f6s-philosophische Werk in Tirol und Grundlage des Religionsunterrichts an Schulen. Canisius nutzte auch das neue Medium des Flugblattes, um m\u00f6glichst viele Menschen zu erreichen. Seine Schriften waren gemeinsam mit denen Luthers wahrscheinlich die meistgelesenen des 16. Jahrhunderts. Die Jesuiten gr\u00fcndeten in Innsbruck die Lateinschule, aus der sp\u00e4ter die Universit\u00e4t hervorgehen sollte. Das neue Bildungsinstitut hatte gro\u00dfe Auswirkungen auf die Stadtentwicklung. Hier wurde die Intelligenzia ausgebildet, die Innsbrucks Aufstieg zum Verwaltungs- und Wirtschaftsstandort erm\u00f6glichte. Neben Lehrst\u00fchlen an der Universit\u00e4t hatten sie auch das <em>Theresianum<\/em> \u00fcber. In den R\u00e4umlichkeiten des Franziskanerklosters wurden die adeligen Sch\u00fcler des Gymnasiums und Studenten von 1775 bis 1848 in h\u00f6fischen Sitten und tugendhaftem Benehmen unterrichtet und auf ihre berufliche Laufbahn vorbereitet. Die <em>Theresianische Ritterakademie<\/em> beherbergte die jungen M\u00e4nner und vermittelte diplomatische F\u00e4higkeiten wie Fremdsprachen und Tanz und milit\u00e4rische wie Fechten.\u00a0 Unter Josef II. kam es zu einer Unterbrechung ihrer T\u00e4tigkeit. Er entmachtete und enteignete kirchliche Orden, darunter auch die von ihm wenig geliebten Jesuiten, die auch vom Papst als zu m\u00e4chtig empfunden und deshalb verboten wurden. Die Universit\u00e4t Innsbruck wurde 1781 zu einem Lyzeum zur\u00fcckgestuft. Den freigewordenen Platz im Jesuitenkollegium nutzte man, um einen ersten botanischen Garten anzulegen. Als 1808 unter der bayerischen Verwaltung zwischenzeitlich auch das Theresianum aufgehoben wurde, erweiterte man die Gartenanlage. 1838 wurden die Jesuiten wieder nach Innsbruck berufen. 1910 musste der Garten im Rahmen des Schulneubaus nach H\u00f6tting umziehen.<\/p>\n<p>Durch das Netz aus einflussreichen Posten und den Einfluss auf das Bildungssystem wuchs der Orden rasch. Die Jesuiten schafften es vor allem w\u00e4hrend der Gegenreformation als treue Verb\u00fcndete der Dynastie ein besonderes Verh\u00e4ltnis zu den Habsburgern aufzubauen. Vielen Mitgliedern der Dynastie ist in ihrem Herrschen und Tun der Einfluss des Ordens anzumerken, bei dem sie ihre Bildung genossen. Jesuiten wie Bartholom\u00e4us Viller oder Wilhelm Lamormaini waren als Beichtv\u00e4ter und Berater der Habsburger in der Fr\u00fchen Neuzeit politisch einflussreich. Nicht umsonst sind die Jesuiten heute noch die Widersacher der Freimaurer in unz\u00e4hligen Verschw\u00f6rungstheorien und Romanen und gelten vielen als neuzeitliches \u00c4quivalent des James-Bond-B\u00f6sewichts. Sie waren Forschung, Wissenssammlung und Bildung gegen\u00fcber sehr aufgeschlossen und wollten die Welt im Sinne der christlichen Sch\u00f6pfung zu verstehen lernen. Das machte sie f\u00fcr Katholiken zu einem hippen Gegenpol sowohl zu den verstaubten bestehenden Orden wie auch den Protestanten. Glaube und Empirie verbanden sich zu einer Art vormodernen Wissenschaft, die Natur und Physik zu erkl\u00e4ren versucht. Die Sammlung Ferdinands II. auf Schloss Ambras zeugt vom Forschungsdrang der Zeit ebenso wie die heute absurd anmutenden alchemistischen Experimente, die Kaiser Matthias (1557 \u2013 1619) durchf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Bei aller Liebe f\u00fcr das Rationale kehrte unter den Jesuiten aber auch das Mystische wieder in den Kirchenalltag zur\u00fcck. Passionsspiele, Ostergr\u00e4ber, Prozessionen und Feiertage sollten die strengen Glaubensgrunds\u00e4tze in Schauspiel und Spektakel weich verpacken. <em>Work hard \u2013 play hard<\/em> war das Motto. Die Feierlichkeiten w\u00e4hrend Prozessionen arteten oft in rauschende Feste aus, bei denen es \u00e4hnlich wie bei heutigen Zeltfesten zu Schl\u00e4gereien, teils sogar zu tumultartigen und blutigen Szenen kam. Brot und Wein des Herrn wurden im Stil von Panem et Circenses (Brot und Spielen) des antiken Rom zelebriert. Petrus Canisius schrieb im Auftrag Ferdinands I. ein Buch \u00fcber ein Wunder in Seefeld mit dem klingenden Namen \u201e<em>Von dem hoch an weitberh\u00fcmpten Wunderzeichen so sich mit dem hochheiligsten Sacrament des Altars auff dem Seefeld in der f\u00fcrstlichen Graffschaft Tyrol Anno 1384 zugetragen und was man sonst darbey christlich und nutzlich zu bedenken hab<\/em>\u201c, um die dortige Wallfahrt anzuheizen.<\/p>\n<p>Der Jesuitenorden war, ganz dem Volksglauben verpflichtet, auch \u00fcberaus motiviert, wenn es um Verfolgung von Hexen und Andersgl\u00e4ubigen ging. Petrus Canisius war einer der Vordenker der fr\u00fchneuzeitlichen Hexenjagd:<\/p>\n<p><em>\u201e\u00dcberall bestraft man die Hexen, welche merkw\u00fcrdig sich mehren\u2026. Sie beneiden die Kinder um die Gnade der Taufe und berauben sie derselben. Kindesm\u00f6rderinnen befinden sich unter ihnen in gro\u00dfer Zahl\u2026 Man sah fr\u00fcher niemals in Deutschland die Leute so sehr dem Teufel ergeben und verschrieben\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch als Exorzist, vor allem bei vom Virus des Protestantismus befallenen adeligen Damen, machte er auf sich aufmerksam. Canisius nutzte die Aufmerksamkeit, die Hexen und vom Teufel besessene im Volk auf sich zogen, um die Macht der katholischen Kirche anzupreisen. Auch in der Missionierung in der damals erst k\u00fcrzlich entdeckten Neuen Welt in Amerika und in Asien taten sich die Jesuiten eifrig hervor. Der Heilige Franz Xaver, einer der ersten Mitstreiter Ignatius\u00b4 von Loyola, starb auf Missionsreise in China. In einer Seitenkapelle der Innsbrucker Jesuitenkirche ist diesem <em>Soldaten Christi<\/em> ein Altar geweiht.<\/p>\n<p>Die Jesuiten halten noch immer ihre Hand lehrend \u00fcber Innsbruck. Als Innsbruck 1964 unter dem Jesuiten Paulus Rusch zur eigenen Di\u00f6zese wurde, erkor man Petrus Canisius zu ihrem Patron. Am Karl-Rahner-Platz befindet sich heute nicht nur die Jesuitenkirche, sondern auch die Theologische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck. Im Saggen geh\u00f6rt das Collegium Canisianum den Jesuiten. Bis heute erhielt sich das Prinzip des massentauglichen gesellschaftlichen Einflusses auf vielen Ebenen. Die <em>Marianische Kongregation<\/em>, in Innsbruck als MK bekannt, war eines der gr\u00f6\u00dften Jugendzentren Europas. Sie steht in einem modernen Sinn in der Tradition der sanften Einf\u00fchrung in den Glauben und die Erziehung der Jugend in die Kirche im Sinne der Jesuiten.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Eine Republik entsteht&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Eine Erste Republik entsteht&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62863&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kaum eine Epoche ist schwerer zu fassen als die Zwischenkriegszeit. Die <em>Roaring Twenties<\/em>, Jazz und Automobile kommen einem ebenso in den Sinn wie Inflation und Wirtschaftskrise. In Gro\u00dfst\u00e4dten wie Berlin geb\u00e4rdeten sich junge Damen als <em>Flappers<\/em> mit Bubikopf, Zigarette und kurzen R\u00f6cken zu den neuen Kl\u00e4ngen lasziv. In Innsbruck wurden im Cafe Gasthaus <em>Zur Annas\u00e4ule<\/em>, dem sp\u00e4teren Alt-Innsbrucks American Drinks zum <em>Five O`Clock Tea<\/em> an der Bar im Rittersaal serviert. Die Ritterr\u00fcstungen k\u00f6nnen von der Maria-Theresien-Stra\u00dfe aus noch im Erker bewundert werden. Zum gr\u00f6\u00dften Teil geh\u00f6rte Innsbrucks Bev\u00f6lkerung als Teil der jungen Republik Deutsch-\u00d6sterreich aber zur Fraktion Armut, Wirtschaftskrise und politischer Polarisierung. Schon die Ausrufung der Republik vor dem Parlament in Wien vor \u00fcber 100.000 weniger begeisterten als viel mehr neugierigen und verunsicherten Menschen verlief mit Tumulten, Schie\u00dfereien, zwei Toten und 40 Verletzten alles andere als reibungsfrei. Wie es nach dem Ende der Monarchie und dem Wegfall eines gro\u00dfen Teils des Staatsterritoriums weitergehen sollte, wusste niemand. Das neue \u00d6sterreich erschien zu klein und nicht lebensf\u00e4hig. Der Beamtenstaat des k.u.k. Reiches setzte sich nahtlos unter neuer Fahne und Namen durch. Die Bundesl\u00e4nder als Nachfolger der alten Kronl\u00e4nder erhielten in der Verfassung im Rahmen des F\u00f6deralismus viel Spielraum in Gesetzgebung und Verwaltung. Die Begeisterung f\u00fcr den neuen Staat hielt sich aber in der Bev\u00f6lkerung in Grenzen. Nicht nur, dass die Versorgungslage nach dem Wegfall des allergr\u00f6\u00dften Teils des ehemaligen Riesenreiches der Habsburger miserabel war, die Menschen misstrauten dem Grundgedanken der Republik. Die Monarchie war nicht perfekt gewesen, mit dem Gedanken von Demokratie konnten aber nur die allerwenigsten etwas anfangen. Anstatt Untertan des Kaisers war man nun zwar B\u00fcrger, allerdings nur B\u00fcrger eines Zwergstaates mit \u00fcberdimensionierter und in den Bundesl\u00e4ndern wenig geliebter Hauptstadt anstatt eines gro\u00dfen Reiches. In den ehemaligen Kronl\u00e4ndern, die zum gro\u00dfen Teil christlich-sozial regiert wurden, sprach man gerne vom <em>Wiener Wasserkopf<\/em>, der sich mit den Ertr\u00e4gen der flei\u00dfigen Landbev\u00f6lkerung durchf\u00fcttern lie\u00df. Auch andere Bundesl\u00e4nder spielten mit dem Gedanken, sich von der Republik abzukoppeln, nachdem der von allen Parteien unterst\u00fctzte Plan sich Deutschland anzuschlie\u00dfen von den Siegerm\u00e4chten des Ersten Weltkriegs untersagt worden war. Die diversen Tiroler Pl\u00e4ne allerdings waren besonders spektakul\u00e4r. Von einem neutralen Alpenstaat mit anderen Bundesl\u00e4ndern, einem Freistaat bestehend aus Tirol und Bayern oder von Kufstein bis Salurn, einem Anschluss an die Schweiz bis hin zu einem katholischen Kirchenstaat unter p\u00e4pstlicher F\u00fchrung gab es viele \u00dcberlegungen. Besonders popul\u00e4r war die naheliegendste L\u00f6sung. Es war nichts neues, sich als Deutscher zu f\u00fchlen. Warum sich also nicht auch politisch an den gro\u00dfen Bruder im Norden anh\u00e4ngen? Besonders unter st\u00e4dtischen Eliten und Studenten war dieser Wunsch sehr ausgepr\u00e4gt. Der Anschlussplan erhielt in Tirol bei einer Abstimmung in Tirol einen Zuspruch von 98%, kam aber nie zustande. In Innsbruck konstituierte sich im Herbst 1918 aus den Mitgliedern des ehemaligen Landtages die <em>Tiroler Nationalversammlung<\/em> und der <em>Tiroler Nationalrat<\/em>, eine Konzentrationsregierung mit Mitgliedern aus allen Parteien. Dem Nationalrat unterstanden die <em>Volks- und B\u00fcrgerwehren<\/em>, die sich auf Gemeindeebene zur Aufrechterhaltung der \u00f6ffentlichen Ordnung gebildet hatten, zumindest am Papier. Vor allem zwischen Innsbruck und dem Brenner befanden sich an den Bahnh\u00f6fen bis zu 50.000 Soldaten, die auf ihren Abtransport wartend f\u00fcr Probleme sorgten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anstatt ein Teil Deutschlands zu werden, war Tirol von den verhassten <em>Wallschen<\/em> okkupiert. Knapp zwei Jahre lang besetzten italienische Truppen nach Kriegsende Innsbruck. Nach den komplexen und langatmigen Friedensverhandlungen in Paris war es schlie\u00dflich Gewissheit: Am 10. Oktober 1920 erfolgte der formale Anschluss S\u00fcdtirols. Am Brenner ging der Schlagbaum nieder. Auf der Nordtiroler Seite entstanden nur wenige Amts- und Zollgeb\u00e4ude, im s\u00fcdlichen Teil des Dorfes aber schossen gro\u00dfe Kasernen aus dem Boden, um die neue Grenze milit\u00e4risch zusichern. Das historische Tirol war zweigeteilt. In Innsbruck und vielen anderen Tiroler Gemeinden wurden jahrelang allj\u00e4hrlich zu diesem Datum pomp\u00f6se Trauerfeierlichkeiten veranstaltet. 1924 beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen rund um den Hauptbahnhof nach S\u00fcdtiroler St\u00e4dten zu benennen. Der Bozner Platz sowie die Brixner- und die Salurnerstra\u00dfe tragen ihre Namen bis heute. Viele Menschen zu beiden Seiten des Brenners f\u00fchlten sich verraten. Man hatte den Krieg zwar bei Weitem nicht gewonnen, als Verlierer gegen\u00fcber Italien sah man sich aber nicht. Der Hass auf Italiener erreichte in der Zwischenkriegszeit seinen H\u00f6hepunkt, auch wenn die Besatzungstruppen sich betont milde gab. Eine Passage aus dem Erz\u00e4hlband \u201e<em>Die Front \u00fcber den Gipfeln<\/em>\u201c von Karl Springenschmid aus den 1930ern spiegelt die allgemeine Stimmung wider:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201e`Walsch (Anm.:Italienisch) werden, das w\u00e4r das \u00c4rgste!` sagt die Junge. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Da nickt der alte Tappeiner blo\u00df und schimpft: `Wei\u00df wohl selber und wir wissen es alle: Walsch werden, das w\u00e4r das \u00c4rgste.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ungemach drohte auch in der Innenpolitik. Die Revolution in Russland und der darauffolgende B\u00fcrgerkrieg mit Millionen von Todesopfern, Enteignung und kompletter Systemumkehr warf ihren langen Schatten bis nach \u00d6sterreich. Die Aussicht auf <em>sowjetische Zust\u00e4nde<\/em> machte den Menschen Angst. \u00d6sterreich war tief gespalten. Hauptstadt und Bundesl\u00e4nder, Stadt und Land, B\u00fcrger, Arbeiter und Bauern \u2013 im Vakuum der ersten Nachkriegsjahre wollte jede Gruppe die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten. Die Kulturk\u00e4mpfe der sp\u00e4ten Monarchie zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialisten setzte sich nahtlos fort. Die Kluft bestand nicht nur auf politischer Ebene. Moral, Familie, Freizeitgestaltung, Erziehung, Glaube, Rechtsverst\u00e4ndnis \u2013 jeder Lebensbereich war betroffen. Wer sollte regieren? Wie sollten Verm\u00f6gen, Rechte und Pflichten verteilt werden? Liberale und die aus <em>Bauernbund<\/em>, <em>Volksverein<\/em> und <em>Katholischer Arbeiterschaft<\/em>hervorgegangene <em>Tiroler Volkspartei<\/em> stand der Sozialdemokratie gegen\u00fcber mindestens so ablehnend gegen\u00fcber wie der Bundeshauptstadt Wien und den italienischen Besatzern. Ein kommunistischer Umsturz war besonders in Tirol keine reale Gefahr, lie\u00df sich aber medial gut als Bedrohung instrumentalisieren, um die Sozialdemokratie in Verruf zu bringen. 1919 hatte sich in Innsbruck zwar ein <em>Arbeiter-, Bauer- und Soldatenrat <\/em>nach sowjetischem Vorbild ausgerufen, sein Einfluss blieb aber gering und wurde von keiner Partei unterst\u00fctzt. Ab 1920 bildeten sich offiziell sogenannte Soldatenr\u00e4te, die aber wie die restliche Politik christlich-sozial dominiert waren. Das b\u00e4uerliche und b\u00fcrgerliche Lager rechts der Mitte militarisierte sich mit der <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> professioneller und konnte sich \u00fcber st\u00e4rkeren Zulauf freuen als linke Gruppen, auch dank kirchlicher Unterst\u00fctzung. Die Sozialdemokratie wurde von den Kirchkanzeln herab und in konservativen Medien als <em>Judenpartei<\/em> und heimatlose Vaterlandsverr\u00e4ter bezeichnet. Allzu gerne gab man ihnen die Schuld am verlorenen Krieg und den Folgen gab. Der <em>Tiroler Anzeiger<\/em> brachte die Volks\u00e4ngste auf den Punkt: <em>\u201cWehe dem christlichen Volke, wenn bei den Wahlen die Juden=Sozi siegen!\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrend in den l\u00e4ndlichen Bezirken die <em>Tiroler Volkspartei<\/em> dominierte, konnte die Sozialdemokratie in Innsbruck unter der F\u00fchrung von Martin Rapoldi trotz des starken Gegenwindes bei Wahlen ab 1919 stets zwischen 30 und 50% der Stimmen erringen. Der Gemeinderat umfasste mit der neuen Gemeinderatsordnung, die das allgemeine Wahlrecht aller Erwachsenen vorsah, von 1919 40 Mitglieder. Von 24.644 zur Wahlurne gerufenen B\u00fcrgern machten unglaubliche 24.060 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch eine gewisse Emanzipation machte sich bemerkbar. Bereits im ersten Gemeinderat mit freien Wahlen waren drei Frauen vertreten. Dass es mit dem B\u00fcrgermeistersessel f\u00fcr die Sozialdemokraten nicht klappte, lag an den Mehrheiten im Gemeinderat durch B\u00fcndnisse der anderen Parteien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die hohe Politik war aber nur der Rahmen des eigentlichen Elends. Martin Rapoldi brachte die Situation im September 1919 auf den Punkt: \u201e<em>Meine Herren, die Verfassungsfrage ist der Bev\u00f6lkerung heute vollst\u00e4ndig nebens\u00e4chlich f\u00fcr den Augenblick, und ob das Land mehr Rechte oder weniger Rechte hat. Mehr Kartoffeln ist die Losung in unserem Lande.<\/em>\u201c Immer wieder kam es in der Landeshauptstadt zu Pl\u00fcnderung und Hungerkrawallen. Wer \u00fcber Geld verf\u00fcgte, konnte sich am Schwarzmarkt mit Lebensmitteln versorgen, der Rest war auf milde Gaben aus den Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen. Noch lange nach dem Krieg bedurfte das Land Tirol Hilfe von ausw\u00e4rts, um die Bev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren. Unter der \u00dcberschrift \u201e<em>Erhebliche Ausdehnung der amerikanischen Kinderhilfsaktion in Tirol<\/em>\u201c stand am 9. April 1921 in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> zu lesen: \u201e<em>Den Bed\u00fcrfnissen des Landes Tirol Rechnung tragend, haben die amerikanischen Vertreter f\u00fcr Oesterreich in hochherzigster Weise die t\u00e4gliche Mahlzeitenanzahl auf 18.000 Portionen erh\u00f6ht<\/em>.\u201cNeben dem Hunger war die Krankenversorgung ein gro\u00dfes Thema. Die als <em>Spanische Grippe<\/em> in die Geschichte eingegangene Epidemie forderte in den Jahren nach dem Krieg auch in Innsbruck ihren Tribut. Genaue Zahlen wurden nicht erfasst, weltweit sch\u00e4tzt man die Zahl der Todesopfer auf 27 \u2013 50 Millionen. In Innsbruck sollen es in der Bl\u00fctezeit der Spanischen Grippe um die 100 Opfer t\u00e4glich gewesen sein, die der Krankheit zum Opfer fielen. Viele Innsbrucker waren von den Schlachtfeldern nicht nach Hause zur\u00fcckgekehrt und fehlten als V\u00e4ter, Ehem\u00e4nner und Arbeitskr\u00e4fte. Viele von denen, die es zur\u00fcckgeschafft hatten, waren verwundet und von den Kriegsgr\u00e4ueln gezeichnet. Noch im Februar 1920 veranstaltete der \u201e<em>Tiroler Ausschuss der Sibirier\u201c<\/em> im <em>Gasthof Brein\u00f6\u00dfl<\/em> <em>\u201e\u2026zu Gunsten des Fondes zur Heimbef\u00f6rderung unserer Kriegsgefangenen\u2026<\/em>\u201c einen Benefizabend. Dazu kam die Arbeitslosigkeit. Vor allem Beamte und Mitarbeiter im \u00f6ffentlichen Dienst, hatten ihre Arbeit verloren, nachdem der V\u00f6lkerbund seine Anleihe an herbe Sparma\u00dfnahmen gekn\u00fcpft hatte. Die Geh\u00e4lter im \u00f6ffentlichen Dienst wurden gek\u00fcrzt. Es kam immer wieder zu Streiks. Der Tourismus als Wirtschaftsfaktor war ob der Probleme in den umliegenden, vom Krieg ebenfalls gebeutelten L\u00e4ndern inexistent. Die vor dem Krieg boomende Baubranche brach komplett ein. Innsbrucks gr\u00f6\u00dfte Firme <em>Huter &amp; S\u00f6hne<\/em> hatte 1913 \u00fcber 700 Mitarbeiter, am H\u00f6hepunkt der Wirtschaftskrise 1933 waren es nur noch 18. Der Mittelstand brach zu einem guten Teil zusammen. Der durchschnittliche Innsbrucker war mittellos und mangelern\u00e4hrt. Oft konnten nicht mehr als 800 Kalorien pro Tag zusammengekratzt werden. Die Kriminalit\u00e4tsrate war in diesem Klima der Armut h\u00f6her als je zuvor. Viele Menschen verloren ihre Bleibe. 1922 waren in Innsbruck 3000 Familien auf Wohnungssuche trotz eines st\u00e4dtischen Notwohnungsprogrammes, das bereits mehrere Jahre in Kraft war. In alle verf\u00fcgbaren Objekte wurden Wohnungen gebaut. Am 11. Februar 1921 fand sich in einer langen Liste in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> \u00fcber die einzelnen Projekte, die betrieben wurden, unter anderem dieser Posten:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Das st\u00e4dtische Krankenhaus hat die Seuchenbaracke in Pradl aufgelassen und der Stadtgemeinde zur Herstellung von Notwohnungen zur Verf\u00fcgung gestellt. Zur Errichtung von 7 Notwohnungen wurde der erforderliche Kredit von 295 K (Anm.: Kronen) bewilligt.<\/em>\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In den ersten Jahren gab es kaum Verbesserungen im Alltag der Menschen. Die Zentralregierung hatte wenig Durchsetzungsverm\u00f6gen in den fernen Bundesl\u00e4ndern wie Tirol. Innsbruck begann zeitweise sogar, wie viele andere \u00f6sterreichische Gemeinden, eigenes Geld zu drucken. Die Menge des Geldes, das im Umlauf war, stieg zwischen 1920 und 1922 von 12 Milliarden Kronen auf \u00fcber 3 Billionen Kronen an. Eine epochale Inflation war die Folge. Dann erwachte die Politik aus ihrer Lethargie. Unter Kanzler Ignaz Seipel konnte die Republik eine V\u00f6lkerbundanleihe aufnehmen. Die Krone, ein Relikt aus der Monarchie, wurde am 1. Januar 1925 vom Schilling als offizielle W\u00e4hrung \u00d6sterreichs abgel\u00f6st. Die alte W\u00e4hrung hatte gegen\u00fcber dem Dollar zwischen 1918 und 1922 mehr als 95% ihres Wertes respektive dem Wechselkurs vor dem Krieg verloren. Mit der W\u00e4hrungssanierung nach der V\u00f6lkerbundanleihe rappelten sich aber nicht nur Banken und B\u00fcrger auf, auch die Bauauftr\u00e4ge der \u00f6ffentlichen Hand nahmen wieder zu. Innsbruck modernisierte sich. Es trat das ein, was Wirtschaftswissenschaftler eine Scheinbl\u00fcte nennen. Diese kurzzeitige, wirtschaftliche Erholung war eine <em>Bubble,<\/em> bescherte der Stadt Innsbruck aber gro\u00dfe Wohnbau- und Infrastrukturprojekte. In Innsbruck gibt es keine bewussten Erinnerungsorte an die Entstehung der Ersten Republik. Die denkmalgesch\u00fctzten Wohnanlagen wie der <em>Schlachthofblock<\/em>, der <em>Pembaurblock<\/em>, der <em>Mandelsbergerblock<\/em>, die <em>Pembaurschule<\/em>, das St\u00e4dtische Hallenbad, die H\u00f6henstra\u00dfe auf die Hungerburg, die Bergbahnen auf Patscherkofel und Nordkette sind bis heute in Betrieb stehende Zeitzeugnisse. Die Stadt kaufte den Achensee und errichtete als Hauptaktion\u00e4r der TIWAG das Kraftwerk in Jenbach. 1930 verband die Universit\u00e4tsbr\u00fccke die Klinik in Wilten und die H\u00f6ttinger Au. An der Sill entstanden die <em>Pembaurbr\u00fccke<\/em> und die <em>Prinz-Eugen-Br\u00fccke<\/em>. In der Reichenau er\u00f6ffnete am 1. Juni 1925 der erste Flugplatz, der Innsbruck 65 Jahre nach der Er\u00f6ffnung der Bahnlinie auch in den Luftverkehr involvierte. Viele Interessierte fanden sich auf der Wiese \u00f6stlich der Stadt ein, um dem Event beizuwohnen. Ein Denkmal f\u00fcr die im Weltkrieg gefallenen Flieger wurde enth\u00fcllt, bevor die deutsche Fluglinie <em>Aero Lloyd<\/em> mit einer einmotorigen Fokker-Grulich F III Richtung M\u00fcnchen abhob. Im Herbst folgte die Einbindung des neuen Flugplatztes durch die franz\u00f6sische <em>Compagnie Internationale de Navigation<\/em> in den Kurs Stra\u00dfburg \u2013 Z\u00fcrich \u2013 Innsbruck \u2013 Wien. Dank des waghalsigen Einsatzes des Piloten Raoul Stojsawljewic konnten von Innsbruck aus nun auch abgelegene Regionen und Schutzh\u00fctten mit Lebensmitteln versorgt werden, wie ein Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Juni 1926 zeigt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Bei sch\u00f6nem Wetter stieg gestern morgens Major Stojsawljewic von der deutschen Lufthansa mit seinem Apparat auf und flog K\u00fchtai an, wo er aus geringer H\u00f6he von der Brauerei \u201eL\u00f6wenbr\u00e4u\u201c gespendetes Gratisbier mittels Fallschirm abwarf. Um 10 Uhr wurd das Patscherkofelhaus angeflogen und Bier der Brauerei Zipf abgeworfen\u2026<\/em>\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotz der kurzzeitigen H\u00f6henfl\u00fcge war die Erste Republik auch auf lokaler Ebene eine schwere Geburt und sie sollte nicht lange Bestand haben, obwohl viel Positives seinen Anfang nahm. Aus Untertanen wurden B\u00fcrger. Was in der Zeit Maria Theresias begann, wurde nun unter neuen Vorzeichen weitergef\u00fchrt. Der Wechsel vom Untertanen zum B\u00fcrger zeichnete sich nicht nur durch ein neues Wahlrecht, sondern vor allem durch die verst\u00e4rkte Obsorge des Staates aus. Staatliche Regelungen, Schulen, Kinderg\u00e4rten, Arbeits\u00e4mter, Krankenh\u00e4user und st\u00e4dtische Wohnanlagen traten an die Stelle des Wohlwollens von Grundherrn, Landesf\u00fcrsten, wohlhabender B\u00fcrger, der Monarchie und der Kirche. Bis heute basiert vieles im \u00f6sterreichischen Staatswesen sowie im Innsbrucker Stadtbild und der Infrastruktur auf dem, was nach dem Zusammenbruch der Monarchie entstanden war. Auch gesellschaftliche Br\u00e4uche und allt\u00e4gliche Lebenseinstellungen ver\u00e4nderten sich in der Republik nach dem Zusammenbruch der Monarchie. Der 1925 eingef\u00fchrte Weltspartag erinnert allj\u00e4hrlich an die Einf\u00fchrung des Schillings und die Mahnung an Kinder und Erwachsene zum verantwortungsvollen Umgang mit Geld. Die Handschrift der jungen Massenparteien und das neue Verh\u00e4ltnis zwischen Zentralstaat und B\u00fcrger sind bei allem Lokalpatriotismus un\u00fcbersehbar.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Der Erste Weltkrieg &#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Der Erste Weltkrieg und die Zeit danach&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53606&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Beinahe h\u00e4tte nicht Gavrilo Princip, sondern ein Innsbrucker Student die Geschicke der Welt ver\u00e4ndert. Der junge Mann prahlte 1913 vor einer Kellnerin mit seinen Pl\u00e4nen, den Thronfolger zu erschie\u00dfen, wurde aber festgenommen vor er sie in die Tat umsetzen konnte. Erst als es ein Jahr sp\u00e4ter tats\u00e4chlich zu den die Welt ver\u00e4ndernden Sch\u00fcssen in Sarajevo kam, erschien am 30. Juni ein Artikel in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> \u00fcber die Ereignisse. Welche Auswirkungen der daraufhin ausgebrochene Erste Weltkrieg auf die Welt und den Alltag der Menschen haben sollte, war nach dem Attentat auf Franz Ferdinand am 28. Juni nicht absehbar. Zwei Tage nach der Ermordung des Habsburgers in Sarajewo lasen Innsbrucker in der Zeitung aber bereits prophetisches: \u201e<em>Wir sind an einem Wendepunkte \u2013 vielleicht an dem Wendepunkte\u201c \u2013 der Geschicke dieses Reiches angelangt<\/em>\u201c. Auch in Innsbruck war die Begeisterung f\u00fcr den Krieg 1914 gro\u00df. Vom Wahlspruch der Zeit \u201e<em>Gott, Kaiser und Vaterland<\/em>\u201c angetrieben, begr\u00fc\u00dften die Menschen den Angriff auf Serbien zum allergr\u00f6\u00dften Teil einhellig. Politiker, Klerus und Presse heizten den allgemeinen Jubel an. Besonders \u201everdient\u201c machten sich bei der Kriegstreiberei die beiden Theologen Joseph Seeber (1856 \u2013 1919) und Anton M\u00fcllner alias <em>Bruder Willram<\/em> (1870 \u2013 1919), die mit ihren Predigten und Schriften wie \u201e<em>Das blutige Jahr<\/em>\u201c den Krieg zu einem Kreuzzug gegen Frankreich und Italien erhoben. Neben dem kaiserlichen Appell \u201e<em>An meine V\u00f6lker<\/em>\u201c, der in allen Medien des Reiches erschien, druckten die <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> am 29. Juli, dem Tag nach der Kriegserkl\u00e4rung \u00d6sterreich-Ungarns an Serbien, einen Artikel rund um die Einnahme Belgrads durch Prinz Eugen im Jahr 1717. Der Ton in den Medien war feierlich, wenn auch nicht ganz ohne b\u00f6se Vorahnung auf das, was kommen sollte.<\/p>\n<p><em>\u201eDer Appell des Kaisers an seine V\u00f6lker wird tief ergreifen. Der innere Hader ist verstummt und die Spekulationen unserer Feinde aus Unruhen und \u00e4hnliche Dinge sind j\u00e4mmerlich zu Schanden geworden. In alter und vielbew\u00e4hrter Treue stehen vor allem auch diesmal die Deutschen zu Kaiser und Reich: auch diesmal bereit, mit ihrem Blute f\u00fcr Dynastie und Vaterland einzustehen. Wir gehen schweren Tagen entgegen; niemand kann auch nur ahnen, was uns das Schicksal bescheiden wird, was es Europa, was es der Welt bescheiden wird. Wir k\u00f6nnen nur mit unserem alten Kaiser auf unsere Kraft und auf Gott vertrauen und die Zuversicht hegen, da\u00df, wenn wir einig find und zusammenhalten, uns der Sieg beschieden sein mu\u00df, denn wir wollten den Krieg nicht und unsere Sache ist die der Gerechtigkeit!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Viele Innsbrucker meldeten sich freiwillig f\u00fcr den Feldzug gegen Serbien, von dem man dachte, er w\u00e4re eine Angelegenheit weniger Wochen oder Monate. Von au\u00dferhalb der Stadt kam eine so gro\u00dfe Anzahl an Freiwilligen zu den Stellungskommissionen, dass Innsbruck beinahe aus allen N\u00e4hten platzte. Wie anders es kommen sollte, konnte keiner ahnen. Schon nach den ersten Schlachten im fernen Galizien war klar, dass es keine Sache von Monaten werden w\u00fcrde. Kaiserj\u00e4ger und andere Tiroler Truppen wurden regelrecht verheizt. Schlechte Ausr\u00fcstung, mangelnder Nachschub und die katastrophale des Oberkommandos unter Konrad von H\u00f6tzendorf brachten Tausenden den Tod oder in Kriegsgefangenschaft, wo Hunger, Misshandlung und Zwangsarbeit warteten. 1915 trat 0 Italien an der Seite Frankreichs und Englands in den Krieg ein. Im ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Geheimvertrag von London wurden dem jungen K\u00f6nigreich f\u00fcr die Unterst\u00fctzung im Kampf gegen die Mittelm\u00e4chte Deutschland und \u00d6sterreich von Seiten der Entente gro\u00dfz\u00fcgige Gebietsgewinne versprochen. Am 23. Mai erkl\u00e4rte der ehemalige Verb\u00fcndete dem Habsburgerreich den Krieg. Bis zur Verlegung der regul\u00e4ren Truppen von der Ostfront hing die Landesverteidigung an den Standsch\u00fctzen, einer Truppe, die aus M\u00e4nnern unter 21, \u00fcber 42 oder mit Untauglichkeitsattest f\u00fcr den regul\u00e4ren Milit\u00e4rdienst bestand. Die Opferzahlen waren dementsprechend hoch. Vom Ortler im Westen \u00fcber den n\u00f6rdlichen Gardasee bis zu den Sextener Dolomiten fanden die Gefechte des Gebirgskriegs statt. Innsbruck war nicht direkt von den Kampfhandlungen betroffen. Zumindest h\u00f6ren konnte man das Kriegsgeschehen aber bis in die Landeshauptstadt, wie in der Zeitung vom 7. Juli 1915 zu lesen war:<\/p>\n<p><em>\u201eBald nach Beginn der Feindseligkeiten der Italiener konnte man in der Gegend der Serlesspitze deutlich Kanonendonner wahrnehmen, der von einem der Kampfpl\u00e4tze im S\u00fcden Tirols kam, wahrscheinlich von der Vielgereuter Hochebene. In den letzten Tagen ist nun in Innsbruck selbst und im Nordosten der Stadt unzweifelhaft der Schall von Gesch\u00fctzdonner festgestellt worden, einzelne starke Schl\u00e4ge, die dumpf, nicht rollend und t\u00f6nend \u00fcber den Brenner her\u00fcberklangen. Eine T\u00e4uschung ist ausgeschlossen. In Innsbruck selbst ist der Donner der Kanonen schwerer festzustellen, weil hier der L\u00e4rm zu gro\u00df ist, es wurde aber doch einmal abends ungef\u00e4hr um 9 Uhr, als einigerma\u00dfen Ruhe herrschte, dieser unzweifelhafte von unseren M\u00f6rsern herr\u00fchrender Donner geh\u00f6rt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Front war zwar weit von Innsbruck entfernt, der Krieg drang aber auch ins zivile Leben ein. Diese totale Einbeziehung der gesamten Gesellschaft ins Geschehen war ein neues Ph\u00e4nomen. Durch die Massenmobilmachung eines gro\u00dfen Teils der arbeitenden m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung kamen viele Betriebe zum vollkommenen Stillstand. Regale in Gesch\u00e4ften blieben leer, der \u00f6ffentliche Verkehr kam zum Erliegen, Handwerker und Arbeiter waren zum Milit\u00e4rdienst verpflichtet. Unternehmen, die noch produzieren konnten, wurden der Kriegswirtschaft untergeordnet. Im <em>Hungerwinter<\/em> 1917 war die Innsbrucker Wirtschaft beinahe g\u00e4nzlich zusammengebrochen. Lebensmittel, Kohle und Brennholz fehlten, Hunger und K\u00e4lte wurden in der Stadt zu erbitterten Feinden von Frauen, Kindern, Verwundeten und nicht Kriegstauglichen. Die Versorgung erfolgte in den letzten Kriegsjahren \u00fcber Bezugsscheine. 500 g Fleisch, 60 g Butter und 2 kg Kartoffel waren die Basiskost pro Person \u2013 pro Woche, wohlgemerkt. Auf Archivbildern kann man die langen Schlangen verzweifelter und hungriger Menschen vor den Lebensmittell\u00e4den sehen. Immer wieder kam es zu Protesten und Streiks. Politiker, Gewerkschafter, Arbeiter und Kriegsheimkehrer sahen ihre Chance auf Umbruch gekommen. Unter dem Motto <em>Friede, Brot und Wahlrecht <\/em>vereinten sich unterschiedlichste Parteien im Widerstand gegen den Krieg. Auch das Stadtbild ver\u00e4nderte sich. In der H\u00f6ttinger Au wurden Baracken zur Unterbringung von Kriegsgefangenen errichtet. Verwundetentransporte brachten eine so gro\u00dfe Zahl Verletzter, dass viele eigentlich zivile Geb\u00e4ude wie die sich gerade im Bau befindliche Universit\u00e4tsbibliothek oder Schloss Ambras in Milit\u00e4rspit\u00e4ler umfunktioniert wurden. Ein Vorg\u00e4nger der Stra\u00dfenbahnlinie 3 wurde eingerichtet, um die Verwundeten vom Bahnhof ins neue Garnisonsspital, die heutige Conradkaserne in Pradl, bringen zu k\u00f6nnen. Um der gro\u00dfen Zahl an Gefallenen Herr zu werden, wurde der Milit\u00e4rfriedhof Pradl angelegt.<\/p>\n<p>Mit dem Kriegsende r\u00fcckte auch die Front n\u00e4her. Im Februar 1918 schaffte es die italienische Luftwaffe, drei Bomben auf Innsbruck abzuwerfen. In der Neuen Freien Presse wurde erstmals \u00fcber den Geheimvertrag von London berichtet, was die Nervosit\u00e4t der Tiroler ob der drohenden Gebietsverluste s\u00fcdlich des Brenners anstachelte. Zu dieser Zeit war den meisten Menschen schon klar, dass der Krieg verloren war, und welches Schicksal Tirol erwarten w\u00fcrde, wie dieser Artikel vom 6. Oktober 1918 zeigt:<\/p>\n<p>\u00a0\u201e<em>Aeu\u00dfere und innere Feinde w\u00fcrfeln heute um das Land Andreas Hofers. Der letzte Wurf ist noch grausamer; sch\u00e4ndlicher ist noch nie ein freies Land geschachert worden. Das Blut unserer V\u00e4ter, S\u00f6hne und Br\u00fcder ist umsonst geflossen, wenn dieser sch\u00e4ndliche Plan Wirklichkeit werden soll. Der letzte Wurf ist noch nicht getan. Darum auf Tiroler, zum Tiroler Volkstag in Brixen am 13. Oktober 1918 (n\u00e4chsten Sonntag). Deutscher Boden mu\u00df deutsch bleiben, Tiroler Boden mu\u00df tirolisch bleiben. Tiroler entscheidet selbst \u00fcber Eure Zukunft!<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Am 4. November vereinbarten \u00d6sterreich-Ungarn und das K\u00f6nigreich Italien schlie\u00dflich einen Waffenstillstand. Das Recht, Gebiete der Monarchie zu besetzen, war ein Teil des Abkommens. Bei den Verb\u00fcndeten im Deutschen Reich schrillten die Alarmglocken. Bereits am n\u00e4chsten Tag r\u00fcckten bayerische Truppen in Innsbruck ein. Deutschland befand sich noch im Krieg mit Italien und hatte Angst, die Front k\u00f6nnte nach Nordtirol und damit n\u00e4her an das eigene Territorium verlegt werden. Zum gro\u00dfen Gl\u00fcck f\u00fcr Innsbruck und die Umgebung kapitulierte aber auch Deutschland eine Woche sp\u00e4ter am 11. November. So blieben die gro\u00dfen Kampfhandlungen zwischen regul\u00e4ren Armeen au\u00dfen vor.<\/p>\n<p>Trotzdem war Innsbruck in Gefahr. Gewaltige Kolonnen an milit\u00e4rischen Kraftfahrzeugen, Z\u00fcge voller Soldaten und tausende ausgezehrte Soldaten, die sich zu Fu\u00df auf den Heimweg von der Front machten, passierten die Stadt. Wer konnte, sprang auf einen der \u00fcberf\u00fcllten Z\u00fcge oder auf ein Auto, um die Front hinter sich zu lassen und nach Hause zu kommen. Im November 1918 kamen mehr als 270 Soldaten bei diesen waghalsigen Man\u00f6vern ums Leben oder mussten in eines der Lazarette der Stadt eingeliefert werden. Die Stadt musste nicht nur die eigenen B\u00fcrger in Zaum halten, die Verpflegung garantieren, sondern sich auch vor Pl\u00fcnderungen sch\u00fctzen. Um die \u00f6ffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, bildete der Tiroler Nationalrat am 5. November eine Volkswehr aus Sch\u00fclern, Studenten, Arbeitern und B\u00fcrgern. Am 23. November 1918 besetzten italienische Truppen die Stadt und das Umland. In Tirol waren \u00fcber 80.000 italienische Soldaten stationiert, etwa 5000 mussten Unterschlupf in der ausgehungerten und elenden Stadt finden. Schulen wurden zu Kasernen. Der beschwichtigende Aufruf an die Innsbrucker von B\u00fcrgermeister Greil, die Stadt ohne Aufruhr zu \u00fcbergeben, hatte Erfolg. Es kam zwar zu vereinzelten Ausschreitungen, Hungerkrawallen und Pl\u00fcnderungen, bewaffnete Auseinandersetzungen mit den Besatzungstruppen oder gar eine bolschewistische Revolution wie in M\u00fcnchen gab es aber nicht.<\/p>\n<p>Die Bilanz des ersten Weltkriegs war verheerend f\u00fcr die Innsbrucker Bev\u00f6lkerung. Mehr als 1200 verloren auf den Schlachtfeldern und in Lazaretten ihr Leben, etwa 600 wurden verwundet. Erinnerungsorte an den Ersten Weltkrieg und seine Opfer finden sich in Innsbruck vor allem an Kirchen und Friedh\u00f6fen. Das Kaiserj\u00e4germuseum am Berg Isel zeigt Uniformen, Waffen und Bilder des Schlachtgeschehens. Den beiden Theologen Anton M\u00fcllner und Josef Seeber sind in Innsbruck Stra\u00dfennamen gewidmet. Auch nach dem Oberbefehlshaber der k.u.k Armee an der S\u00fcdfront, Erzherzog Eugen, wurde eine Stra\u00dfe benannt. Vor dem Hofgarten befindet sich ein Denkmal f\u00fcr den erfolglosen Feldherren. An die italienische Besatzung erinnert der \u00f6stliche Teil des Amraser Milit\u00e4rfriedhofs.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innrain 52<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":5535,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[62,166,173,65,167,87],"tags":[],"class_list":["post-4038","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-der-erste-weltkrieg-und-die-zeit-danach","category-die-wallschen-und-die-fatti-di-innsbruck","category-innsbrucker-kulturkampf","category-petrus-canisius-und-die-jesuiten","category-universitatsstadt-innsbruck","category-wilten-sieglanger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4038","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4038"}],"version-history":[{"count":50,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4038\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71034,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4038\/revisions\/71034"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5535"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}