{"id":53938,"date":"2024-04-24T10:51:08","date_gmt":"2024-04-24T10:51:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=53938"},"modified":"2026-08-26T12:36:04","modified_gmt":"2026-08-26T12:36:04","slug":"pembaurblock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/pembaurblock\/","title":{"rendered":"Pembaurblock"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Pembaurblock<\/h2>\n<p>Pembaurstra\u00dfe 31 \u2013 41<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/IMG_5626-scaled-e1716294771171.jpg&#8220; alt=&#8220;Nordkette Innsbruck&#8220; title_text=&#8220;IMG_5626&#8243; disabled_on=&#8220;on|on|on&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; disabled=&#8220;on&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_image][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;56988,58174,55423&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Pembaurblock&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62017&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Pembaurblock&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;59287&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<p>Die W\u00e4hrungsreform und die damit einhergehende wirtschaftliche Erholung erm\u00f6glichten in der zweiten H\u00e4lfte der 1920er Jahre die ersten Infrastrukturprojekte der Ersten Republik. Sport- und Freizeitanlagen wie das St\u00e4dtische Hallenbad, das Tivoli oder der Rapoldipark waren die vielleicht sichtbarsten Bauwerke dieser Zeit. Das dr\u00e4ngendste Problem in den \u00fcberf\u00fcllten Stadtteilen wie dem damaligen Arbeiterviertel Pradl war aber nicht die Freizeitgestaltung, sondern die Wohnungsnot. 1926 entstand mit dem <em>Pembaurblock<\/em> in unmittelbarer N\u00e4he zum kurz vorher ausgebauten <em>Schlachthofblock<\/em> ein weiteres wegweisendes Projekt. Ma\u00dfgeblich an Planung und Ausf\u00fchrung beteiligt waren die st\u00e4dtischen Beamten Jakob Albert und Theodor Prachensky. In der Zeit zwischen der Jahrhundertwende und den 1920ern hatte sich die Architektur im Gleichschritt mit Politik und Gesellschaft gewandelt, zumindest aus der Sicht Prachenskys. Mit seiner Architektur wollte er die hierarchische Gesellschafsform der Monarchie symbolisch absch\u00fctteln. Der <em>Pembaurblock<\/em> folgte dem sozialen Wohnbau der sozialdemokratisch regierten und in den konservativ orientierten Bundesl\u00e4ndern wenig gesch\u00e4tzten Bundeshauptstadt Wien. Anders als es wenige Jahre sp\u00e4ter in der <em>Dollfu\u00dfsiedlung<\/em> im Westen Innsbrucks, wo einzelne H\u00e4user das traditionelle Landleben, zumindest die Idealvorstellung davon, imitieren sollten, wurde der Block im zweckorientierten Stil der <em>Neuen Sachlichkeit<\/em> geplant. Die H\u00e4user zwischen Pembaurstra\u00dfe, Amthorstra\u00dfe und Pestalozzistra\u00dfe beherbergten mehr als 100 Wohnungen, was den <em>Pembaurblock <\/em>zu einer der gr\u00f6\u00dften Wohnanlagen der Zeit in Innsbruck machte. Nicht nur die Quantit\u00e4t, auch die Qualit\u00e4t der Wohnungen war revolution\u00e4r. Ganz dem Gedanken des Gemeindebaus des Roten Wien entstanden nach den Vorstellungen der Sozialdemokratie die dem Konzept <em>Licht, Luft und Sonne<\/em> entsprachen. Vor allem flie\u00dfend Wasser, Bad und WC waren in den 1920er Jahren keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Jede Einheit besa\u00df eine Wohnk\u00fcche, ein Zimmer im Erker und meist ein zus\u00e4tzliches Zimmer. War der Typ Kleinwohnung im <em>Schlachthofblock<\/em> Saggen noch mit 55 m\u00b2 bemessen, waren es im Pembaurblock 65 m\u00b2. Typisch f\u00fcr den sozialen Wohnbau der 1920er Jahre war der viergeschossige Block in festungsartiger Manier um einen Innenhof, der durch mehrere Eing\u00e4nge zug\u00e4nglich war, konzipiert. Zwischen den beiden Eing\u00e4ngen verlief ein \u00f6ffentlicher Gehweg, der den Hof durchquerte. Das Planschbecken und der Sandkasten f\u00fcr die Kinder waren tiefergelegt und so wie in einer eigenen Schutzzone von der Erwachsenenwelt abgetrennt. Die Ecken der Wohnanlage erscheinen wie T\u00fcrme. Hier waren, ganz im Sinne sozialistischer Stadtplanung, Gesch\u00e4fte untergebracht. Bei aller Liebe zum internationalen lie\u00df Prachensky aber auch Lokalkolorit mit in seine Planungen einflie\u00dfen. Die <em>H\u00f6ttinger Breccie<\/em>, das Material, aus dem die Fundamente vieler Altstadth\u00e4user und der Triumphpforte errichtet wurden, sollte dem Wohnblock eine typische Innsbrucker Note verleihen. Die f\u00fcr die Innsbrucker Gotik typischen Erker strukturieren auch die Fassade des Pembaurblocks. Dazu kombinierte er moderne Elemente. \u00dcber den Eing\u00e4ngen zum Innenhof thronen bis heute Statuen, die auf die damals revolution\u00e4re Errungenschaft der Mutterberatung hinweisen. Die Mutterberatung war eine soziale Initiative, die in der Ersten Republik (1918 \u2013 1938) von der Sozialdemokratie ausging. Der Wiener Arzt und Politiker Julius Tandler wollte die ge\u00e4nderten sozialen Umst\u00e4nde nach Kriegsende in der Betrachtung von Kindern, Jugendlichen, Rolle der Frau und Familie in Politik und Alltag der Menschen umgesetzt wissen. Sein Credo war: \u201e<em>Wer Kindern Pal\u00e4ste baut, rei\u00dft Kerkermauern nieder<\/em>\u201c. Auch der Innsbrucker Stadtrat Rudolf Schober, obwohl Mitglied bei der christlich-sozialen Heimwehr, erw\u00e4hnte die Mutterberatungsstelle in einem Artikel 1929 lobend:<\/p>\n<p><em>\u201eIm besonderen Sinne der sozialen F\u00fcrsorge zugedacht ist die Einrichtung der Mutterberatungsstelle, einer zweigeschossigen Anlage im Inneren des st\u00e4dtischen Wohnhausblocks an der Amthor- und Pembaurstra\u00dfe. Sie dient der \u00e4rztlichen und sonstigen f\u00fcrsorglichen Beratung aller diese Stelle in Anspruch nehmenden M\u00fctter und Eltern in Fragen der gesundheitlichen Pflege ihrer Kinder.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hier sollte der Anfang zum neuen Erziehungsstil und f\u00fcr mehr S\u00e4uglings- und Kindergesundheit gelegt werden. Von der Wiege bis zur Bahre sollte nun der s\u00e4kulare Staat, nicht mehr die Kirche, die Obhut \u00fcber seine B\u00fcrger \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Theodor Prachensky: Beamter zwischen Kaiser und Republik&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Theodor Prachensky: Beamter zwischen Kaiser und Republik&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53752&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Innsbruck besitzt viele bekannte Sehensw\u00fcrdigkeiten, Denkm\u00e4ler und spektakul\u00e4re Bauwerke. Das Goldene Dachl und die Berg Isel Sprungschanze ziehen allj\u00e4hrlich Zehntausende Besucher an. Weniger imposant, wohl aber wichtiger f\u00fcr die Stadtentwicklung in der turbulenten ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts waren jedoch andere Geb\u00e4ude. Ab der zweiten H\u00e4lfte der 1920er Jahre wurden gro\u00dfe Projekte umgesetzt, um die gr\u00f6\u00dfte Not vieler Innsbrucker, die in Baracken oder bei Verwandten auf engstem Raum wohnten, zu lindern. Ganze Stadtviertel entstanden neu mit Kinderg\u00e4rten, Schulen, Parks und Freizeitanlagen. Einer der Baumeister, die Innsbruck in dieser Zeit nachhaltig ver\u00e4nderten, war Theodor Prachensky (1888 \u2013 1970). Seine Biografie liest sich \u00fcber seine 40 Jahre andauernde T\u00e4tigkeit in den Diensten der Stadt Innsbruck wie ein Abriss der \u00f6sterreichischen Geschichte des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Prachensky war als Architekt und Beamter unter f\u00fcnf unterschiedlichen Staatsmodellen t\u00e4tig. Der K.u.K. Monarchie folgte die Erste Republik, die vom autorit\u00e4ren St\u00e4ndestaat abgel\u00f6st wurde. 1938 kam es zum Anschluss an Nazideutschland. 1945 wurde mit Kriegsende die Zweite Republik ausgerufen. Den Grundstein zu seiner Karriere legte er wie viele andere K\u00fcnstler, Architekten und Baumeister in der heutigen HTL. 1908 schloss Prachensky die baugewerbliche Abteilung der <em>k.k. Staatsgewerbeschule<\/em> Innsbruck ab. Nur ein Jahr sp\u00e4ter zog es ihn nach Meran, um beim renommierten Architekturb\u00fcro Musch &amp; Lun erste Erfahrungen mit gro\u00dfen Bauprojekten zu sammeln. 1913 kehrte er nach Innsbruck zur\u00fcck. Im selben Jahr heiratete er Maria, die Schwester seines Freundes Franz Baumann, bezog das selbst geplante <em>Haus Prachensky<\/em> am Berg Isel Weg 20 und trat als junger Familienvater seinen Dienst beim Stadtmagistrat Innsbruck unter Oberbaurat von Jakob Albert an. Diese Entscheidung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Dienst sollte sich in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Krieg als Gl\u00fccksfall erweisen, auch wenn er daf\u00fcr seine Kreativit\u00e4t zur\u00fccknehmen musste. Zuerst wartete aber die Front auf ihn. Obwohl Prachensky Kriegsgegner war, meldete er sich 1915 als Einj\u00e4hrig-Freiwilliger bei den <em>Tiroler Kaiserj\u00e4gern<\/em> zum Kriegsdienst. Ob es die Erwartungen an ihn als Beamten oder die allgemeine Begeisterung waren, die ihn zu diesem Schritt bewogen, ist nicht mehr nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg kehrte er ins wirtschaftlich schwer angeschlagene Innsbruck zur\u00fcck. Seine wegweisenden, wohl auch vom sozialdemokratischen Gedankengut seines Vaters Josef beeinflussten Projekte konnten erst nach den ersten und schwierigsten Nachkriegsjahren begonnen werden. Den Anfang machte der <em>Schlachthausblock<\/em> im Saggen zwischen 1922 und 1925. Es folgten der <em>Mandelsbergerblock<\/em>, der P<em>embaurblock<\/em> sowie Kindergarten und Hauptschule in der Pembaurstra\u00dfe, die ebenfalls f\u00fcr die wachsende Arbeiterschaft gedacht waren. Auch das 1931 entworfene Arbeitsamt war eine wichtige Neuerung im Sozialwesen. Seit der Republikgr\u00fcndung 1918 half das Arbeitsamt bei der Vermittlung von Arbeitssuchenden und Arbeitgebern und der Eind\u00e4mmung der Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Z\u00e4sur nach dem Ersten Weltkrieg und der Wirtschaftskrise stellten die vielen Wechsel der Regierungsformen \u00d6sterreichs dar. Trotz der Machtergreifung Dollfu\u00df` samt Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1933 und dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 konnte Prachensky als leitender Beamter im \u00f6ffentlichen Dienst bleiben und \u00fcbte weiterhin Einfluss auf das Stadtbild Innsbrucks aus. Gemeinsam mit Jakob Albert setzte er ab 1939 die als <em>S\u00fcdtiroler Siedlungen<\/em> bekannt gewordenen Wohnbl\u00f6cke unter den Nationalsozialisten um. Er selbst war, anders als mehrere Mitglieder seiner Familie, niemals Mitglied der NSDAP. Zu gro\u00df war bei ihm der v\u00e4terliche sozialdemokratische Einfluss, der sich in seiner Architektur widerspiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er acht weitere Jahre als Oberbaurat der Stadt Innsbruck t\u00e4tig. Neben seiner T\u00e4tigkeit als Bauplaner und Architekt war Prachensky begeisterter Maler. Er starb mit 82 Jahren in Innsbruck.<\/p>\n<p>Die von Prachensky umgesetzten Projekte sind nicht so spektakul\u00e4r wie die Bergstationen seines Schwagers Franz Baumann oder Lois Welzenbachers Hochhaus. Seine Bauten, die die Zeit \u00fcberdauerten, wirken vielfach n\u00fcchtern und rein funktionell und ziehen einen erst auf den zweiten Blick in ihren Bann. Vor allem die Symbolik, die Prachensky immer wieder einflie\u00dfen lie\u00df, ist bemerkenswert. Sieht man sich seine Zeichnungen im Archiv f\u00fcr Baukunst der Universit\u00e4t Innsbruck an, erkennt man, dass er ebenso sehr K\u00fcnstler wie Techniker war. Viele seiner Entw\u00fcrfe wie das <em>Sozialdemokratische Volkshaus<\/em> in der Salurnerstra\u00dfe, sein <em>Kaisersch\u00fctzendenkmal<\/em> oder die <em>Friedens- und Heldenkirche<\/em> wurden nicht umgesetzt. Innsbruck beherbergt mit den gro\u00dfen Wohnanlagen der 1920er und 30er Jahre, der <em>Krieger-Ged\u00e4chtniskapelle<\/em> am Pradler Friedhof und dem alten Arbeitsamt (<em>Anm.: heute eine Au\u00dfenstelle Universit\u00e4t Innsbruck hinter dem aktuellen AMS-Geb\u00e4ude in Wilten<\/em>) viele Geb\u00e4ude Prachenskys, die die Zeitgeschichte der Zwischenkriegszeit und die wechselhaften politischen und staatlichen Einfl\u00fcsse, unter denen er selbst als Person stand, dokumentieren. Die <em>Kriegerged\u00e4chtnis-Kapelle<\/em> am Pradler Friedhof und die gemeinsam mit Clemens Holzmeister entworfene <em>Kaisersch\u00fctzenkapelle<\/em> am Tummelplatz sowie seine nicht umgesetzten Entw\u00fcrfe f\u00fcr ein Kaiserj\u00e4ger Denkmal und die <em>Friedens- und Heldenkirche Innsbruck<\/em> reflektieren seine eigenen Kriegserfahrungen und den Wunsch nach Frieden, den viele seiner Mitb\u00fcrger hegten. Seine S\u00f6hne, Enkel und Urenkel f\u00fchrten sein kreatives Erbe als Architekten, Designer, Fotografen und Maler in verschiedenen Disziplinen fort. 2017 wurden Teile des generationen\u00fcbergreifenden Werks der K\u00fcnstlerfamilie Prachensky in der ehemaligen Bierbrauerei <em>Adambr\u00e4u<\/em> mit einer Ausstellung gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Eine Republik entsteht&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Eine Erste Republik entsteht&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62863&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kaum eine Epoche ist schwerer zu fassen als die Zwischenkriegszeit. Die <em>Roaring Twenties<\/em>, Jazz und Automobile kommen einem ebenso in den Sinn wie Inflation und Wirtschaftskrise. In Gro\u00dfst\u00e4dten wie Berlin geb\u00e4rdeten sich junge Damen als <em>Flappers<\/em> mit Bubikopf, Zigarette und kurzen R\u00f6cken zu den neuen Kl\u00e4ngen lasziv. In Innsbruck wurden im Cafe Gasthaus <em>Zur Annas\u00e4ule<\/em>, dem sp\u00e4teren Alt-Innsbrucks American Drinks zum <em>Five O`Clock Tea<\/em> an der Bar im Rittersaal serviert. Die Ritterr\u00fcstungen k\u00f6nnen von der Maria-Theresien-Stra\u00dfe aus noch im Erker bewundert werden. Zum gr\u00f6\u00dften Teil geh\u00f6rte Innsbrucks Bev\u00f6lkerung als Teil der jungen Republik Deutsch-\u00d6sterreich aber zur Fraktion Armut, Wirtschaftskrise und politischer Polarisierung. Schon die Ausrufung der Republik vor dem Parlament in Wien vor \u00fcber 100.000 weniger begeisterten als viel mehr neugierigen und verunsicherten Menschen verlief mit Tumulten, Schie\u00dfereien, zwei Toten und 40 Verletzten alles andere als reibungsfrei. Wie es nach dem Ende der Monarchie und dem Wegfall eines gro\u00dfen Teils des Staatsterritoriums weitergehen sollte, wusste niemand. Das neue \u00d6sterreich erschien zu klein und nicht lebensf\u00e4hig. Der Beamtenstaat des k.u.k. Reiches setzte sich nahtlos unter neuer Fahne und Namen durch. Die Bundesl\u00e4nder als Nachfolger der alten Kronl\u00e4nder erhielten in der Verfassung im Rahmen des F\u00f6deralismus viel Spielraum in Gesetzgebung und Verwaltung. Die Begeisterung f\u00fcr den neuen Staat hielt sich aber in der Bev\u00f6lkerung in Grenzen. Nicht nur, dass die Versorgungslage nach dem Wegfall des allergr\u00f6\u00dften Teils des ehemaligen Riesenreiches der Habsburger miserabel war, die Menschen misstrauten dem Grundgedanken der Republik. Die Monarchie war nicht perfekt gewesen, mit dem Gedanken von Demokratie konnten aber nur die allerwenigsten etwas anfangen. Anstatt Untertan des Kaisers war man nun zwar B\u00fcrger, allerdings nur B\u00fcrger eines Zwergstaates mit \u00fcberdimensionierter und in den Bundesl\u00e4ndern wenig geliebter Hauptstadt anstatt eines gro\u00dfen Reiches. In den ehemaligen Kronl\u00e4ndern, die zum gro\u00dfen Teil christlich-sozial regiert wurden, sprach man gerne vom <em>Wiener Wasserkopf<\/em>, der sich mit den Ertr\u00e4gen der flei\u00dfigen Landbev\u00f6lkerung durchf\u00fcttern lie\u00df. Auch andere Bundesl\u00e4nder spielten mit dem Gedanken, sich von der Republik abzukoppeln, nachdem der von allen Parteien unterst\u00fctzte Plan sich Deutschland anzuschlie\u00dfen von den Siegerm\u00e4chten des Ersten Weltkriegs untersagt worden war. Die diversen Tiroler Pl\u00e4ne allerdings waren besonders spektakul\u00e4r. Von einem neutralen Alpenstaat mit anderen Bundesl\u00e4ndern, einem Freistaat bestehend aus Tirol und Bayern oder von Kufstein bis Salurn, einem Anschluss an die Schweiz bis hin zu einem katholischen Kirchenstaat unter p\u00e4pstlicher F\u00fchrung gab es viele \u00dcberlegungen. Besonders popul\u00e4r war die naheliegendste L\u00f6sung. Es war nichts neues, sich als Deutscher zu f\u00fchlen. Warum sich also nicht auch politisch an den gro\u00dfen Bruder im Norden anh\u00e4ngen? Besonders unter st\u00e4dtischen Eliten und Studenten war dieser Wunsch sehr ausgepr\u00e4gt. Der Anschlussplan erhielt in Tirol bei einer Abstimmung in Tirol einen Zuspruch von 98%, kam aber nie zustande. In Innsbruck konstituierte sich im Herbst 1918 aus den Mitgliedern des ehemaligen Landtages die <em>Tiroler Nationalversammlung<\/em> und der <em>Tiroler Nationalrat<\/em>, eine Konzentrationsregierung mit Mitgliedern aus allen Parteien. Dem Nationalrat unterstanden die <em>Volks- und B\u00fcrgerwehren<\/em>, die sich auf Gemeindeebene zur Aufrechterhaltung der \u00f6ffentlichen Ordnung gebildet hatten, zumindest am Papier. Vor allem zwischen Innsbruck und dem Brenner befanden sich an den Bahnh\u00f6fen bis zu 50.000 Soldaten, die auf ihren Abtransport wartend f\u00fcr Probleme sorgten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anstatt ein Teil Deutschlands zu werden, war Tirol von den verhassten <em>Wallschen<\/em> okkupiert. Knapp zwei Jahre lang besetzten italienische Truppen nach Kriegsende Innsbruck. Nach den komplexen und langatmigen Friedensverhandlungen in Paris war es schlie\u00dflich Gewissheit: Am 10. Oktober 1920 erfolgte der formale Anschluss S\u00fcdtirols. Am Brenner ging der Schlagbaum nieder. Auf der Nordtiroler Seite entstanden nur wenige Amts- und Zollgeb\u00e4ude, im s\u00fcdlichen Teil des Dorfes aber schossen gro\u00dfe Kasernen aus dem Boden, um die neue Grenze milit\u00e4risch zusichern. Das historische Tirol war zweigeteilt. In Innsbruck und vielen anderen Tiroler Gemeinden wurden jahrelang allj\u00e4hrlich zu diesem Datum pomp\u00f6se Trauerfeierlichkeiten veranstaltet. 1924 beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen rund um den Hauptbahnhof nach S\u00fcdtiroler St\u00e4dten zu benennen. Der Bozner Platz sowie die Brixner- und die Salurnerstra\u00dfe tragen ihre Namen bis heute. Viele Menschen zu beiden Seiten des Brenners f\u00fchlten sich verraten. Man hatte den Krieg zwar bei Weitem nicht gewonnen, als Verlierer gegen\u00fcber Italien sah man sich aber nicht. Der Hass auf Italiener erreichte in der Zwischenkriegszeit seinen H\u00f6hepunkt, auch wenn die Besatzungstruppen sich betont milde gab. Eine Passage aus dem Erz\u00e4hlband \u201e<em>Die Front \u00fcber den Gipfeln<\/em>\u201c von Karl Springenschmid aus den 1930ern spiegelt die allgemeine Stimmung wider:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201e`Walsch (Anm.:Italienisch) werden, das w\u00e4r das \u00c4rgste!` sagt die Junge. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Da nickt der alte Tappeiner blo\u00df und schimpft: `Wei\u00df wohl selber und wir wissen es alle: Walsch werden, das w\u00e4r das \u00c4rgste.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ungemach drohte auch in der Innenpolitik. Die Revolution in Russland und der darauffolgende B\u00fcrgerkrieg mit Millionen von Todesopfern, Enteignung und kompletter Systemumkehr warf ihren langen Schatten bis nach \u00d6sterreich. Die Aussicht auf <em>sowjetische Zust\u00e4nde<\/em> machte den Menschen Angst. \u00d6sterreich war tief gespalten. Hauptstadt und Bundesl\u00e4nder, Stadt und Land, B\u00fcrger, Arbeiter und Bauern \u2013 im Vakuum der ersten Nachkriegsjahre wollte jede Gruppe die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten. Die Kulturk\u00e4mpfe der sp\u00e4ten Monarchie zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialisten setzte sich nahtlos fort. Die Kluft bestand nicht nur auf politischer Ebene. Moral, Familie, Freizeitgestaltung, Erziehung, Glaube, Rechtsverst\u00e4ndnis \u2013 jeder Lebensbereich war betroffen. Wer sollte regieren? Wie sollten Verm\u00f6gen, Rechte und Pflichten verteilt werden? Liberale und die aus <em>Bauernbund<\/em>, <em>Volksverein<\/em> und <em>Katholischer Arbeiterschaft<\/em>hervorgegangene <em>Tiroler Volkspartei<\/em> stand der Sozialdemokratie gegen\u00fcber mindestens so ablehnend gegen\u00fcber wie der Bundeshauptstadt Wien und den italienischen Besatzern. Ein kommunistischer Umsturz war besonders in Tirol keine reale Gefahr, lie\u00df sich aber medial gut als Bedrohung instrumentalisieren, um die Sozialdemokratie in Verruf zu bringen. 1919 hatte sich in Innsbruck zwar ein <em>Arbeiter-, Bauer- und Soldatenrat <\/em>nach sowjetischem Vorbild ausgerufen, sein Einfluss blieb aber gering und wurde von keiner Partei unterst\u00fctzt. Ab 1920 bildeten sich offiziell sogenannte Soldatenr\u00e4te, die aber wie die restliche Politik christlich-sozial dominiert waren. Das b\u00e4uerliche und b\u00fcrgerliche Lager rechts der Mitte militarisierte sich mit der <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> professioneller und konnte sich \u00fcber st\u00e4rkeren Zulauf freuen als linke Gruppen, auch dank kirchlicher Unterst\u00fctzung. Die Sozialdemokratie wurde von den Kirchkanzeln herab und in konservativen Medien als <em>Judenpartei<\/em> und heimatlose Vaterlandsverr\u00e4ter bezeichnet. Allzu gerne gab man ihnen die Schuld am verlorenen Krieg und den Folgen gab. Der <em>Tiroler Anzeiger<\/em> brachte die Volks\u00e4ngste auf den Punkt: <em>\u201cWehe dem christlichen Volke, wenn bei den Wahlen die Juden=Sozi siegen!\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrend in den l\u00e4ndlichen Bezirken die <em>Tiroler Volkspartei<\/em> dominierte, konnte die Sozialdemokratie in Innsbruck unter der F\u00fchrung von Martin Rapoldi trotz des starken Gegenwindes bei Wahlen ab 1919 stets zwischen 30 und 50% der Stimmen erringen. Der Gemeinderat umfasste mit der neuen Gemeinderatsordnung, die das allgemeine Wahlrecht aller Erwachsenen vorsah, von 1919 40 Mitglieder. Von 24.644 zur Wahlurne gerufenen B\u00fcrgern machten unglaubliche 24.060 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch eine gewisse Emanzipation machte sich bemerkbar. Bereits im ersten Gemeinderat mit freien Wahlen waren drei Frauen vertreten. Dass es mit dem B\u00fcrgermeistersessel f\u00fcr die Sozialdemokraten nicht klappte, lag an den Mehrheiten im Gemeinderat durch B\u00fcndnisse der anderen Parteien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die hohe Politik war aber nur der Rahmen des eigentlichen Elends. Martin Rapoldi brachte die Situation im September 1919 auf den Punkt: \u201e<em>Meine Herren, die Verfassungsfrage ist der Bev\u00f6lkerung heute vollst\u00e4ndig nebens\u00e4chlich f\u00fcr den Augenblick, und ob das Land mehr Rechte oder weniger Rechte hat. Mehr Kartoffeln ist die Losung in unserem Lande.<\/em>\u201c Immer wieder kam es in der Landeshauptstadt zu Pl\u00fcnderung und Hungerkrawallen. Wer \u00fcber Geld verf\u00fcgte, konnte sich am Schwarzmarkt mit Lebensmitteln versorgen, der Rest war auf milde Gaben aus den Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen. Noch lange nach dem Krieg bedurfte das Land Tirol Hilfe von ausw\u00e4rts, um die Bev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren. Unter der \u00dcberschrift \u201e<em>Erhebliche Ausdehnung der amerikanischen Kinderhilfsaktion in Tirol<\/em>\u201c stand am 9. April 1921 in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> zu lesen: \u201e<em>Den Bed\u00fcrfnissen des Landes Tirol Rechnung tragend, haben die amerikanischen Vertreter f\u00fcr Oesterreich in hochherzigster Weise die t\u00e4gliche Mahlzeitenanzahl auf 18.000 Portionen erh\u00f6ht<\/em>.\u201cNeben dem Hunger war die Krankenversorgung ein gro\u00dfes Thema. Die als <em>Spanische Grippe<\/em> in die Geschichte eingegangene Epidemie forderte in den Jahren nach dem Krieg auch in Innsbruck ihren Tribut. Genaue Zahlen wurden nicht erfasst, weltweit sch\u00e4tzt man die Zahl der Todesopfer auf 27 \u2013 50 Millionen. In Innsbruck sollen es in der Bl\u00fctezeit der Spanischen Grippe um die 100 Opfer t\u00e4glich gewesen sein, die der Krankheit zum Opfer fielen. Viele Innsbrucker waren von den Schlachtfeldern nicht nach Hause zur\u00fcckgekehrt und fehlten als V\u00e4ter, Ehem\u00e4nner und Arbeitskr\u00e4fte. Viele von denen, die es zur\u00fcckgeschafft hatten, waren verwundet und von den Kriegsgr\u00e4ueln gezeichnet. Noch im Februar 1920 veranstaltete der \u201e<em>Tiroler Ausschuss der Sibirier\u201c<\/em> im <em>Gasthof Brein\u00f6\u00dfl<\/em> <em>\u201e\u2026zu Gunsten des Fondes zur Heimbef\u00f6rderung unserer Kriegsgefangenen\u2026<\/em>\u201c einen Benefizabend. Dazu kam die Arbeitslosigkeit. Vor allem Beamte und Mitarbeiter im \u00f6ffentlichen Dienst, hatten ihre Arbeit verloren, nachdem der V\u00f6lkerbund seine Anleihe an herbe Sparma\u00dfnahmen gekn\u00fcpft hatte. Die Geh\u00e4lter im \u00f6ffentlichen Dienst wurden gek\u00fcrzt. Es kam immer wieder zu Streiks. Der Tourismus als Wirtschaftsfaktor war ob der Probleme in den umliegenden, vom Krieg ebenfalls gebeutelten L\u00e4ndern inexistent. Die vor dem Krieg boomende Baubranche brach komplett ein. Innsbrucks gr\u00f6\u00dfte Firme <em>Huter &amp; S\u00f6hne<\/em> hatte 1913 \u00fcber 700 Mitarbeiter, am H\u00f6hepunkt der Wirtschaftskrise 1933 waren es nur noch 18. Der Mittelstand brach zu einem guten Teil zusammen. Der durchschnittliche Innsbrucker war mittellos und mangelern\u00e4hrt. Oft konnten nicht mehr als 800 Kalorien pro Tag zusammengekratzt werden. Die Kriminalit\u00e4tsrate war in diesem Klima der Armut h\u00f6her als je zuvor. Viele Menschen verloren ihre Bleibe. 1922 waren in Innsbruck 3000 Familien auf Wohnungssuche trotz eines st\u00e4dtischen Notwohnungsprogrammes, das bereits mehrere Jahre in Kraft war. In alle verf\u00fcgbaren Objekte wurden Wohnungen gebaut. Am 11. Februar 1921 fand sich in einer langen Liste in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> \u00fcber die einzelnen Projekte, die betrieben wurden, unter anderem dieser Posten:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Das st\u00e4dtische Krankenhaus hat die Seuchenbaracke in Pradl aufgelassen und der Stadtgemeinde zur Herstellung von Notwohnungen zur Verf\u00fcgung gestellt. Zur Errichtung von 7 Notwohnungen wurde der erforderliche Kredit von 295 K (Anm.: Kronen) bewilligt.<\/em>\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In den ersten Jahren gab es kaum Verbesserungen im Alltag der Menschen. Die Zentralregierung hatte wenig Durchsetzungsverm\u00f6gen in den fernen Bundesl\u00e4ndern wie Tirol. Innsbruck begann zeitweise sogar, wie viele andere \u00f6sterreichische Gemeinden, eigenes Geld zu drucken. Die Menge des Geldes, das im Umlauf war, stieg zwischen 1920 und 1922 von 12 Milliarden Kronen auf \u00fcber 3 Billionen Kronen an. Eine epochale Inflation war die Folge. Dann erwachte die Politik aus ihrer Lethargie. Unter Kanzler Ignaz Seipel konnte die Republik eine V\u00f6lkerbundanleihe aufnehmen. Die Krone, ein Relikt aus der Monarchie, wurde am 1. Januar 1925 vom Schilling als offizielle W\u00e4hrung \u00d6sterreichs abgel\u00f6st. Die alte W\u00e4hrung hatte gegen\u00fcber dem Dollar zwischen 1918 und 1922 mehr als 95% ihres Wertes respektive dem Wechselkurs vor dem Krieg verloren. Mit der W\u00e4hrungssanierung nach der V\u00f6lkerbundanleihe rappelten sich aber nicht nur Banken und B\u00fcrger auf, auch die Bauauftr\u00e4ge der \u00f6ffentlichen Hand nahmen wieder zu. Innsbruck modernisierte sich. Es trat das ein, was Wirtschaftswissenschaftler eine Scheinbl\u00fcte nennen. Diese kurzzeitige, wirtschaftliche Erholung war eine <em>Bubble,<\/em> bescherte der Stadt Innsbruck aber gro\u00dfe Wohnbau- und Infrastrukturprojekte. In Innsbruck gibt es keine bewussten Erinnerungsorte an die Entstehung der Ersten Republik. Die denkmalgesch\u00fctzten Wohnanlagen wie der <em>Schlachthofblock<\/em>, der <em>Pembaurblock<\/em>, der <em>Mandelsbergerblock<\/em>, die <em>Pembaurschule<\/em>, das St\u00e4dtische Hallenbad, die H\u00f6henstra\u00dfe auf die Hungerburg, die Bergbahnen auf Patscherkofel und Nordkette sind bis heute in Betrieb stehende Zeitzeugnisse. Die Stadt kaufte den Achensee und errichtete als Hauptaktion\u00e4r der TIWAG das Kraftwerk in Jenbach. 1930 verband die Universit\u00e4tsbr\u00fccke die Klinik in Wilten und die H\u00f6ttinger Au. An der Sill entstanden die <em>Pembaurbr\u00fccke<\/em> und die <em>Prinz-Eugen-Br\u00fccke<\/em>. In der Reichenau er\u00f6ffnete am 1. Juni 1925 der erste Flugplatz, der Innsbruck 65 Jahre nach der Er\u00f6ffnung der Bahnlinie auch in den Luftverkehr involvierte. Viele Interessierte fanden sich auf der Wiese \u00f6stlich der Stadt ein, um dem Event beizuwohnen. Ein Denkmal f\u00fcr die im Weltkrieg gefallenen Flieger wurde enth\u00fcllt, bevor die deutsche Fluglinie <em>Aero Lloyd<\/em> mit einer einmotorigen Fokker-Grulich F III Richtung M\u00fcnchen abhob. Im Herbst folgte die Einbindung des neuen Flugplatztes durch die franz\u00f6sische <em>Compagnie Internationale de Navigation<\/em> in den Kurs Stra\u00dfburg \u2013 Z\u00fcrich \u2013 Innsbruck \u2013 Wien. Dank des waghalsigen Einsatzes des Piloten Raoul Stojsawljewic konnten von Innsbruck aus nun auch abgelegene Regionen und Schutzh\u00fctten mit Lebensmitteln versorgt werden, wie ein Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Juni 1926 zeigt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Bei sch\u00f6nem Wetter stieg gestern morgens Major Stojsawljewic von der deutschen Lufthansa mit seinem Apparat auf und flog K\u00fchtai an, wo er aus geringer H\u00f6he von der Brauerei \u201eL\u00f6wenbr\u00e4u\u201c gespendetes Gratisbier mittels Fallschirm abwarf. Um 10 Uhr wurd das Patscherkofelhaus angeflogen und Bier der Brauerei Zipf abgeworfen\u2026<\/em>\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotz der kurzzeitigen H\u00f6henfl\u00fcge war die Erste Republik auch auf lokaler Ebene eine schwere Geburt und sie sollte nicht lange Bestand haben, obwohl viel Positives seinen Anfang nahm. Aus Untertanen wurden B\u00fcrger. Was in der Zeit Maria Theresias begann, wurde nun unter neuen Vorzeichen weitergef\u00fchrt. Der Wechsel vom Untertanen zum B\u00fcrger zeichnete sich nicht nur durch ein neues Wahlrecht, sondern vor allem durch die verst\u00e4rkte Obsorge des Staates aus. Staatliche Regelungen, Schulen, Kinderg\u00e4rten, Arbeits\u00e4mter, Krankenh\u00e4user und st\u00e4dtische Wohnanlagen traten an die Stelle des Wohlwollens von Grundherrn, Landesf\u00fcrsten, wohlhabender B\u00fcrger, der Monarchie und der Kirche. Bis heute basiert vieles im \u00f6sterreichischen Staatswesen sowie im Innsbrucker Stadtbild und der Infrastruktur auf dem, was nach dem Zusammenbruch der Monarchie entstanden war. Auch gesellschaftliche Br\u00e4uche und allt\u00e4gliche Lebenseinstellungen ver\u00e4nderten sich in der Republik nach dem Zusammenbruch der Monarchie. Der 1925 eingef\u00fchrte Weltspartag erinnert allj\u00e4hrlich an die Einf\u00fchrung des Schillings und die Mahnung an Kinder und Erwachsene zum verantwortungsvollen Umgang mit Geld. Die Handschrift der jungen Massenparteien und das neue Verh\u00e4ltnis zwischen Zentralstaat und B\u00fcrger sind bei allem Lokalpatriotismus un\u00fcbersehbar.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Rapoldis: Wasserkraft und Widerstand&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Rapoldis: Kommunalpolitik und Widerstand&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;65307&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Martin Rapoldi (1880 \u2013 1926) und seine Frau Maria (1884 \u2013 1975) z\u00e4hlten zu den beeindruckendsten Pers\u00f6nlichkeiten der Innsbrucker Stadtpolitik der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Martin Rapoldi war \u00fcber K\u00e4rnten, Wien und B\u00f6hmen nach Innsbruck gekommen. W\u00e4hrend seiner Tischlerlehre kam er erstmals mit sozialkritischen Ideen in Ber\u00fchrung. Gemeinsam mit anderen Lehrlingen gr\u00fcndete er in Klagenfurt mit jugendlichem Eifer eine Art anarchistischer Gewerkschaft. In Wien und Zatek in der heutigen Tschechei, engagierte er sich in Gewerkschaft und der kurz zuvor offiziell gegr\u00fcndeten <em>Sozialdemokratischen Partei<\/em>. 1904 \u00fcbersiedelte er nach Innsbruck, wo der Mitzwanziger bald als ambitionierter Organisator und mitrei\u00dfender Redner auffiel. Dank seiner sprachlichen Begabung \u00fcbernahm er in den folgenden Jahren die <em>Volkszeitung<\/em>, das Sprachrohr der Tiroler Sozialdemokratie. Trotz anf\u00e4nglicher Euphorie f\u00fcr den Kriegseintritt auch auf Seiten der Sozialdemokratie setzte sich der als antiklerikaler <em>Pfaffenfresser<\/em> bekannte Rapoldi bald f\u00fcr den Frieden und die Einf\u00fchrung des allgemeinen Wahlrechts auch auf Kommunalebene ein. In den fr\u00fchen Jahren der Ersten Republik legte er eine kurze, aber steile Karriere hin. Er wurde zum Landtagsabgeordneten in Tirol und Mitglied des ersten Nationalrates in Wien erkoren. In Innsbruck schaffte er es die Sozialdemokraten zur st\u00e4rksten Partei im Gemeinderat zu machen.\u00a0 Auf Grund der antisozialistischen Haltung der anderen Fraktionen im Gemeinderat konnte er aber den B\u00fcrgermeisterposten nie besetzen. Besondere Anliegen waren ihm der Wohnungsbau und die st\u00e4dtische Energieversorgung. W\u00e4hrend Rapoldis Zeit im Gemeinderat entstanden in Dreiheiligen und Pradl die Gro\u00dfprojekte <em>Schlachthofblock<\/em> und der <em>Pembaurblock<\/em> samt Schule und Kindergarten. Er war ma\u00dfgeblich am Aufbau der Innsbrucker Lichtwerke, den heutigen <em>Innsbrucker Kommunalbetrieben<\/em>, beteiligt. Sein gr\u00f6\u00dfter Verdienst war der Erwerb des Achensees und die Achenseebahn. Bereits 1911 verhandelte die Stadt Innsbruck unter Wilhelm Greil mit dem bayerischen Stift Fiecht, um den See f\u00fcr ein Kraftwerk f\u00fcr das Elektrizit\u00e4tswerk der Stadt Innsbruck zu erstehen. Der Krieg unterbrach das Vorhaben. 1919 begannen die Verhandlungen zwischen dem Gemeinderat und dem Kloster \u00fcber den Kauf des Achensees von Neuem. Der Kaufpreise wurde schlie\u00dflich auf 1,2 Millionen Kronen plus den Eigenbedarf an Strom des Stiftes festgesetzt. Die Finanzierung gestaltete sich in der klammen Nachkriegszeit schwierig. Bis 1924 gab es von Seite des Bundes eine Steuererleichterung f\u00fcr Gemeinden f\u00fcr Wasserkraftwerksbauten. In letzter Minute konnte die <em>TIWAG<\/em>, die Tiroler Wasserkraft AG, mit der Stadt Innsbruck als Mehrheitseigent\u00fcmer gegr\u00fcndet und der Kauf vollzogen werden. Die Legende besagt, dass man wegen der Inflation zwischen 1919 und 1924 f\u00fcr den Wert des Kaufpreises zum Zeitpunkt der Zahlung keinen See, sondern nur noch einen Herrenanzug erstehen konnte. Als die Stadt den See 60 Jahre sp\u00e4ter an die TIWAG verkaufte, lukrierte man fast eine Milliarde Schilling, genug, um die Schulden der Stadt zu tilgen. 1926 verstarb der <em>Rote Tischlergeselle<\/em> mit jungen 46 Jahren an den Folgen einer Nierenentz\u00fcndung.<\/p>\n<p>Nicht weniger eindrucksvoll ist die Vita seiner Frau Maria. Im elterlichen Haushalt in W\u00f6rgl kam sie fr\u00fch mit sozialdemokratischen Ideen in Kontakt. Die gelernte Buchhalterin \u00fcbersiedelte nach Innsbruck. Wahrscheinlich bei ihrer Arbeit f\u00fcr die Krankenkasse lernte sie ihren zuk\u00fcnftigen Ehemann kennen, den sie 1905 heiratete. Trotz ihrer beiden kleinen T\u00f6chter engagierte sich Maria bereits 1912 auf der Landesfrauenkonferenz der Sozialdemokratinnen. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie weiterhin in der Sozialdemokratie aktiv. Als Mitarbeiterin der <em>Volkszeitung<\/em> kam sie in den Jahren des Austrofaschismus immer wieder ins Visier der <em>Vaterl\u00e4ndischen Front<\/em>. Nachdem die Volkszeitung im Rahmen der Zensur durch das Regime verboten wurde, musste sie sich als erwerbslose Witwe durchschlagen. Sie er\u00f6ffnete ein Stempelgesch\u00e4ft in der Altstadt. Gleichzeitig war sie im Untergrund an der <em>Roten Hilfe<\/em>, der Unterst\u00fctzung von Familien inhaftierter Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes. W\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie f\u00fcr kurze Zeit inhaftiert. Nach dem Krieg trat sie auch in offizieller Funktion aus dem Schatten ihres jung verstorbenen Gatten Martin. Von 1946 \u2013 1959 war sie Mitglied des Innsbrucker Gemeinderats. Sie setzte sich f\u00fcr soziale Agenden wie Altersheime, Kinderheime, die Verbesserung der Lebensmittel- und Krankenversorgung in der Nachkriegszeit ein. Als Mitglied des Tiroler Hilfswerks, des Stadtschulrats des Kuratoriums des Waisenheimes Sieberer und des Verwaltungsausschusses des Innsbrucker Realgymnasiums f\u00fcr M\u00e4dchen<\/p>\n<p>Martin und Maria Rapoldi sind in einem sehenswerten Ehrengrab am Westfriedhof beigesetzt. Der 1927 er\u00f6ffnete Park in Pradl tr\u00e4gt ebenfalls den Namen der beiden erinnerungsw\u00fcrdigen Stadtpolitiker. In Kranebitten errichtete die Sozialdemokratische Partei nach Rapoldis fr\u00fchem Tod ein Denkmal f\u00fcr ihn, das 1934 von Mitgliedern der <em>Tiroler Heimwehr <\/em>zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53753&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Politisch motivierte Gewalt pr\u00e4gte \u00d6sterreich neben Hunger und Wohnungsnot in den 1920er und 1930er Jahren. Die beiden gro\u00dfen Volksparteien der jungen Republik, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich feindselig gegen\u00fcber. Beide Parteien bauten paramilit\u00e4rische Bl\u00f6cke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Stra\u00dfe mit Gewalt zu untermauern. Der <em>Republikanische Schutzbund<\/em> auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte <em>Heimwehren<\/em>, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie B\u00fcrgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktion\u00e4re beider Seiten hatten im Krieg an der Front gek\u00e4mpft und waren dementsprechend militarisiert. Die <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> konnte mit Unterst\u00fctzung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zur\u00fcckgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gr\u00fcndung der Republik, marschierten am ersten gesamt\u00f6sterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrm\u00e4nner durch die Stadt, um ihre \u00dcberlegenheit am h\u00f6chsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anh\u00e4nger gewinnen. 1932 z\u00e4hlte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Ber\u00fcchtigt wurde die sogenannte <em>H\u00f6ttinger Saalschlacht<\/em> vom 27. Mai 1932. H\u00f6tting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser <em>roten<\/em> Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof <em>Goldener B\u00e4r<\/em>, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf mit \u00fcber 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.<\/p>\n<p>Nach diesen b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Jahren setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfu\u00df (1892 \u2013 1934) durch. Sein Ziel war die Errichtung des sogenannten <em>\u00d6sterreichischen St\u00e4ndestaats<\/em>, heute besser bekannt unter dem Begriff Austrofaschismus. Der gesamte Staatsapparat wurde analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der <em>Vaterl\u00e4ndischen Front<\/em> geeint werden: Antisozialistisch, autorit\u00e4r, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Nicht wenige Menschen waren froh, dass das Parlament und der Mehrparteienstaat durch einen starken Mann ersetzt wurde, der Ruhe und Ordnung versprach. In Innsbruck kam es w\u00e4hrend dieses in vielen St\u00e4dten \u00d6sterreichs teils blutigen Umsturzes zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. M\u00e4rz wurde das Parteihaus der <em>Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol<\/em> im <em>Hotel Sonne<\/em> ger\u00e4umt. Der Anf\u00fchrer des <em>Republikanischen Schutzbundes<\/em> Gustav Kuprian wurde wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen des Schutzbundes entwaffnet. Die <em>Tiroler Wochenzeitung<\/em> wurde als Parteiorgan gegr\u00fcndet. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt. Die bis dato stark vertretenen Sozialdemokraten wurden aus der Stadtregierung entfernt. Dollfu\u00df war in Tirol \u00fcberaus popul\u00e4r, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg w\u00e4hrend einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am n\u00e4chsten kam. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler B\u00fcrgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot f\u00fcr die Habsburger aufheben zu lassen. Diese Politik wurde von der katholischen Kirche unterst\u00fctzt und schaffte es bis in die Verfassung von 1934: \u201e<em>Im Namen Gottes, des Allm\u00e4chtigen, von dem alles Recht ausgeht, erh\u00e4lt das \u00f6sterreichische Volk f\u00fcr seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf st\u00e4ndischer Grundlage diese Verfassung.\u201c <\/em>Die Bindung an die Kirche verschaffte der Regierung Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die <em>Vaterl\u00e4ndische Front<\/em> mit ihren paramilit\u00e4rischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdr\u00fcckung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zur\u00fcck. Mutma\u00dfliche und echte Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert, die Artikel glorifizierten das l\u00e4ndliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterst\u00fctzt. Schulen wurden nach Geschlechtern getrennt und auch die Lehrpl\u00e4ne unterschieden sich, Hausarbeit f\u00fcr die M\u00e4dchen, vormilit\u00e4rische Erziehung f\u00fcr die Buben. Die Kulturpolitik grenzte sich bewusst vom nationalsozialistischen, antiklerikalen Nachbarn im Norden ab. Theater und Musik sollten \u00d6sterreich als den \u201ebesseren und zivilisierteren\u201c deutschen Staat zeigen.<\/p>\n<p>Der <em>Austrofaschismus<\/em> sorgte aber, wenn \u00fcberhaupt, nur kurz f\u00fcr Ruhe und Ordnung. Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Kanzler Dollfu\u00df ums Leben kam. Hitler, der die Anschl\u00e4ge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich zun\u00e4chst offiziell vom Geschehenen, was den geplanten Umsturz im Keim erstickte. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle \u00fcber die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. In Innsbruck wurde im Gedenken an den zum M\u00e4rtyrer stilisierten ermordeten Bundeskanzler auf \u201e<em>Verf\u00fcgung des Regierungskommiss\u00e4rs der Landeshauptstadt Tirols\u201c<\/em> der Platz vor dem Theater, wo er sich noch zwei Wochen zuvor mit Richard Steidl getroffen hatte, zum <em>Dollfu\u00dfplatz<\/em> umgetauft. Sein Nachfolger an der Staatsspitze war mit Kurt Schuschnigg (1897 \u2013 1977) ein geb\u00fcrtiger Tiroler. Der Kriegsveteran aus alt\u00f6sterreichischem Kleinadel war Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung <em>Austria<\/em>. 1930 hatte der als Rechtsanwalt t\u00e4tige Parlamentarier Schuschnigg die <em>Ostm\u00e4rkische Sturmschar<\/em> gegr\u00fcndet, eine katholisch und antisemitisch gepr\u00e4gte paramilit\u00e4rische Einheit, die das Gegengewicht zu den radikaleren <em>Heimwehrgruppen<\/em> bildeten. Als Unterrichtsminister und Justizminister war er ma\u00dfgeblich f\u00fcr den gesellschaftlichen Rechtsruck im St\u00e4ndestaat mitverantwortlich, unter anderem f\u00fchrte er die Todesstrafe wieder ein. F\u00fcr die Innsbrucker Bev\u00f6lkerung \u00e4nderte sich unter dem neuen Kanzler wenig an der Alltagsmisere. Wirtschaftlich konnte der St\u00e4ndestaat das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumrei\u00dfen. Die staatlichen Investitionen in gro\u00dfe Infrastrukturprojekte kamen nach der Wirtschaftskrise 1931 zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschr\u00e4nkung der sozialen F\u00fcrsorge, die zu Beginn der <em>Ersten Republi<\/em>k eingef\u00fchrt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als \u201e<em>Ausgesteuerte<\/em>\u201c ausgeschlossen. Die Armut lie\u00df die Kriminalit\u00e4tsrate ansteigen, \u00dcberf\u00e4lle, Raube und Diebst\u00e4hle waren an der Tagesordnung. Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bem\u00fchungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem gro\u00dfen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation f\u00fcr viele Menschen prek\u00e4r. Eisenbahn, Industrialisierung, Fl\u00fcchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des M\u00f6glichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweith\u00f6chste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise f\u00fcr Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter h\u00e4ufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnbl\u00f6cke und Obdachlosenunterk\u00fcnfte wie das <em>Wohnheim f\u00fcr Arbeiter<\/em> in der Amthorstra\u00dfe im Jahr 1907 oder die <em>Herberge<\/em> in der Hunoldstra\u00dfe errichtet worden, das gen\u00fcgte aber nicht um der Situation Herr zu werden.<\/p>\n<p>In diesem Klima aus gesellschaftlicher Diktatur und wirtschaftlicher Not entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackensiedlungen, gegr\u00fcndet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgeh\u00e4ngten, die im System keinen Platz fanden. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager in der H\u00f6ttinger Au westlich der Stadt diente Obdachlosen als Notunterkunft. Die bis heute bekannteste und ber\u00fcchtigtste innerst\u00e4dtische Enklave war die <em>Bocksiedlung<\/em> am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und dem sp\u00e4teren Konzentrationslager Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gr\u00fcnderinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Das falsche Parteibuch zu haben gen\u00fcgte, um im Innsbruck des St\u00e4ndestaates keinen leistbaren Wohnraum ergattern zu k\u00f6nnen, Rauth hatte als bekennender Kommunist das allerfalscheste. Sein Flo\u00df, die <em>Arche Noah<\/em>, mit dem er \u00fcber Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte am Flussufer vor dem <em>Gasthof Sandwirt,<\/em> ohne je abzulegen. Nach und nach entstand \u00f6rtlich am Rand der Stadt und sozial am Rand der Gesellschaft eine Siedlung, die von ihrem inoffiziellen B\u00fcrgermeister Johann Bock (1900 \u2013 1975) wie eine unabh\u00e4ngige Kommune geleitet wurde. Er regelte den Alltag in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier. Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges versch\u00e4rften die Wohnsituation in Innsbruck und lie\u00dfen die <em>Bocksiedlung<\/em> wachsen. Um die 50 Unterk\u00fcnfte sollen es am H\u00f6hepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafpl\u00e4tze genutzt, nachdem die letzten dort verwahrten Nationalsozialisten verlegt oder freigelassen worden waren. Die <em>Bockala<\/em> hatten einen f\u00fcrchterlichen Ruf unter den braven B\u00fcrgern der restlichen Stadt, bei aller Geschichtsgl\u00e4ttung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Oft waren es B\u00fcrger, die durch das System fielen, die sich in der <em>Bocksiedlung<\/em> niederlie\u00dfen. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren k\u00f6rperliche Gewalt und Kleinkriminalit\u00e4t an der Tagesordnung. \u00dcberm\u00e4\u00dfiger Alkoholkonsum war g\u00e4ngige Praxis. Asphaltierte Stra\u00dfen, Kanalisation und Sanit\u00e4ranlagen gab es ebenso wenig wie eine regul\u00e4re Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prek\u00e4r, was die st\u00e4ndige Gefahr von Seuchen mit sich brachte. Ausstattung und Bauart der Behausungen waren ebenso heterogen wie ihre Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkusw\u00e4gen, Holzbaracken, Wellblechh\u00fctten, Ziegel- und Betonh\u00e4user. Innerhalb der Bocksiedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten H\u00e4user und W\u00e4gen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden unter Johann Bock sogar ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgerg\u00e4rten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan. Fixe Grenzen gab es keine, <em>Bockala<\/em> zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status. \u00a0<\/p>\n<p>Der Anfang vom Ende der <em>Bocksiedlung<\/em> waren die Olympischen Spielen 1964 und ein Brand in der Siedlung im Jahr zuvor. Eine Urban Legend behauptet, das Feuer sei vom Magistrat gelegt worden, um die R\u00e4umung des Viertels zu beschleunigen und den Bau des <em>Olympischen Dorfes<\/em> zu erm\u00f6glichen. 1967 verhandelten B\u00fcrgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erz\u00e4hlungen nach in alkoholgeschw\u00e4ngerter Atmosph\u00e4re, \u00fcber das weitere Vorgehen und Entsch\u00e4digungen seitens der Gemeinde f\u00fcr die R\u00e4umung. Bis zum faktischen Ende sollte es aber dauern. Erst 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer M\u00e4ngel unter Zwang verlassen. Viele <em>Bockala<\/em> wurden in st\u00e4dtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und dem neu errichteten <em>O-Dorf<\/em> umgesiedelt. Die Sitten der <em>Bocksiedlung<\/em> lebten dort unter neuer Adresse noch einige Jahre fort, was zu einem guten Teil bis heute den schlechten Ruf dieser Stadtviertel ausmacht. Weniger gut verankert im Ged\u00e4chtnis vieler Innsbrucker als die Legenden der Bocksiedlung ist die Zwischenkriegszeit, dabei ist diese Periode oft noch mehr Teil der Alltagskultur als wir wahrnehmen. In Kirchen wie in St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens sind Bilder mit Dollfu\u00df als Besch\u00fctzer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverb\u00e4nde, Rettungsgesellschaften und Alpinverb\u00e4nde, deren Wurzeln in diese Zeit zur\u00fcckreichen. Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und m\u00fchsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv f\u00fcr das Buch \u201e<em>Bocksiedlung. Ein St\u00fcck Innsbruck<\/em>\u201c des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Josef Prachensky: Lebensreform und Sozialdemokratie&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Lebensreform und Sozialdemokratie&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62369&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Industrialisierung und Verb\u00fcrgerlichung des 19. Jahrhunderts ver\u00e4nderten die Gesellschaft im Guten wie im Schlechten. Die Urbanisierung wurde von immer mehr Menschen zunehmend als Belastung empfunden. Zwar hatten viele der Arbeiter und Angestellten in Innsbruck in absoluten Zahlen gemessen mehr Mittel zur Verf\u00fcgung als je zuvor, der Druck der sozialen Teilhabe wurde aber auch gr\u00f6\u00dfer. Ab den 1890ern gab es in Innsbruck mehrere Litfa\u00dfs\u00e4ulen, auf denen kunstvoll gestaltete Plakate die neue Vielfalt an Produkten anpriesen. Warenh\u00e4user und Modeausstatter machten die Unterschiede innerhalb der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft sichtbarer als je zuvor. Wer mithalten wollte in der neuen b\u00fcrgerlichen Klasse, musste sich die Mitgliedschaft in der neuen Konsumgesellschaft leisten k\u00f6nnen. Gleichzeitig stieg die Belastung durch die Industrialisierung. Der Verkehr auf den Stra\u00dfen, die Abgase der Fabriken, die beengten Wohnverh\u00e4ltnisse in den Mietkasernen und die bis dahin unbekannte Hast durch die Durchtaktung der Zeit, die neue Krankheitsbilder wie Neurasthenie salonf\u00e4hig machte, riefen Gegenbewegungen hervor. Innsbruck war zwar nicht mit Paris oder London vergleichbar was Gr\u00f6\u00dfe oder Intensit\u00e4t der Industrialisierung betrifft, die Fallh\u00f6he f\u00fcr viele Bewohner der ehemals l\u00e4ndlichen D\u00f6rfer wie Pradl und die vom Land zugezogenen Arbeitskr\u00e4fte war aber enorm.<\/p>\n<p>\u201e<em>Licht Luft und Sonne<\/em>\u201c war das Motto der Lebensreform, einer Sammelbewegung alternativer Lebensmodelle, die im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert in Deutschland im Gleichschritt mit der Entwicklung der Sozialdemokratie ihren Anfang nahm. Beide Ideen waren Reaktionen auf die Lebensbedingungen in den rasant wachsenden St\u00e4dten. Schon vor der politischen Teilhabe beeinflussten Lebensreform und Sozialdemokratie Gesellschaft, Kunst und Architektur. Man wollte sich von dem, was Max Weber als protestantische Ethik beschrieb, der Industrie, den Stechuhren, ganz allgemein dem rasenden technischen Fortschritt mit allen Auswirkungen auf den Menschen und das Sozialgef\u00fcge, abgrenzen. Der Mensch als Individuum, nicht seine Wirtschaftsleistung, sollte wieder im Mittelpunkt stehen. Was dem Arbeiter Karl Marx\u00b4 Schriften, waren der gehobenen B\u00fcrgerschaft Kunst und Architektur. Der Jugendstil war der k\u00fcnstlerische Ausdruck auf dieses \u201e<em>Zur\u00fcck zum Ursprung<\/em>\u201c der Jahrhundertwende. Das verspielte Element war das Gegenteil zum stets symmetrischen und aufger\u00e4umten Historismus. Das <em>Winklerhaus<\/em> ist eines der wenigen im Stadtbild erhaltenen Zeugnisse dieses Zeitgeistes. Seit 1869 erschien die <em>Deutsche Vierteljahrschrift f\u00fcr \u00f6ffentliche Gesundheitspflege<\/em>, die sich mit der Verbesserung von Ern\u00e4hrung, Hygiene und Wohnraum auseinandersetzte. 1881 wurde <em>die \u00d6sterreichische Gesellschaft f\u00fcr Gesundheitspflege<\/em> gegr\u00fcndet. Private Vereine veranstalteten Aufkl\u00e4rungsveranstaltungen zum sauberen und gesunden Leben. Man betrieb politisches Lobbying zur Errichtung von Parks im \u00f6ffentlichen Raum und der Verbesserung der Infrastruktur wie B\u00e4dern, Krankenh\u00e4usern, Kanalisation und Wasserleitungen. Assanation und Sozialhygiene waren Schlagw\u00f6rter einer b\u00fcrgerlichen Elite, die um ihre Mitmenschen und die Volksgesundheit besorgt war. Anstelle der sozialistischen Revolution sollte der christliche Gedanke der N\u00e4chstenliebe die Gesellschaft voranbringen. Wie alle elit\u00e4ren Bewegungen nahm auch die Lebensreform teils absurde und sektenartige Bl\u00fcten an. Bewegungen wie der Vegetarismus, FKK, Gartenst\u00e4dte, verschiedene esoterische Str\u00f6mungen und andere alternative Lebensformen, die sich bis heute in der einen oder anderen Form erhalten konnten, entstanden in dieser Zeit. Auch Orientalismus und Spiritismus feierten in der <em>Upper Class<\/em> ein fr\u00f6hliches Dasein.<\/p>\n<p>Dieser oft wohlmeinende, aber exzentrische Lebensstil blieb Arbeitern meist verwehrt, bildete aber in vielerlei Hinsicht den ideologischen Kern im realpolitischen Handeln einer damals jungen Partei. Die fr\u00fchen Sozialdemokraten stellten sich den Lebensrealit\u00e4ten der Arbeiter und suchten nach Verbesserung abseits der Ideenlehre. Die Grundforderungen waren den heutigen erstaunlich \u00e4hnlich, wenn auch auf anderem Niveau. Die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Wohnsituation standen ganz oben auf der Wunschliste der meisten Menschen. Viele Mietzinsburgen waren triste und \u00fcberf\u00fcllte Biotope ohne Infrastruktur wie Sportanlagen oder Parks. Moderne Wohnsiedlungen sollte funktional, komfortabel, leistbar und mit Gr\u00fcnfl\u00e4chen verbunden sein. Diese Ansichten hatten sich auch in \u00f6ffentlichen Stellen durchgesetzt. Albert Gruber, Professor an der Innsbrucker Gewerbeschule, schrieb 1907:<\/p>\n<p><em>\u201eIch habe zwar oft den Ausspruch geh\u00f6rt, wir in Innsbruck ben\u00f6tigen keine Anlagen, uns gibt das alles die Natur, Das ist aber nicht wahr. Was gibt es sch\u00f6neres, als wenn die Berufsmenschen von der Stelle ihrer T\u00e4tigkeit in ihr Heim durch eine Reihe von Pflanzenanlagen gehen k\u00f6nnen. Es wird dadurch der Weg von und in den Beruf zu einem Erholungsspaziergang. Die Gr\u00fcnde, weshalb Baum- und Gartenpflanzungen im Bereiche der st\u00e4dtischen Bebauung vorteilhaft wirken, sind \u00fcbrigens mannigfaltige. Ich will nicht auf die Wechselbeziehung zwischen Menschen und Pflanze hinweisen, die hinl\u00e4nglich bekannt sein d\u00fcrfte. In anderer Weise wirken die Pflanzen zur Verbesserung der Atmungsluft durch Verminderung des Staubes.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Noch vor dem Ersten Weltkrieg kam es zu Ver\u00e4nderungen im politischen Alltag. Die Sozialdemokratie als politische Partei gab es seit 1889 offiziell, gestalterische M\u00f6glichkeiten hatte sie unter der Habsburgermonarchie aber nur sehr eingeschr\u00e4nkt. Sozialismus galt als unchristlich und wurde im Heiligen Land Tirol argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt. Bedeutsam war die Arbeiterbewegung als weltlich organisiertes gesellschaftliches Gegengewicht und Ersatz zu den in Tirol alles dominierenden katholischen Strukturen. 1865 entstand in Innsbruck der erste <em>Tiroler Arbeiterbildungsverein<\/em>. Arbeiter sollten sich ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft bewusst werden vor der anstehenden Weltrevolution. Daf\u00fcr war es unumg\u00e4nglich, ein Mindestma\u00df an Bildung zu besitzen und Lesen und Schreiben zu beherrschen. 10 Jahre sp\u00e4ter gr\u00fcndete Franz Reisch den <em>Allgemeinen Arbeiter-Verein<\/em> in Innsbruck. Weitere zwei Jahre sp\u00e4ter wurde reichsweit die \u201e<em>Allgemeine Arbeiter-, Kranken-, und Invaliden-Casse<\/em>\u201c an den Start geschickt. Trotz staatlicher Repression kam es immer wieder zu betr\u00e4chtlichen Versammlungen der \u201e<em>Radicalen<\/em>\u201c. Seit 1893 erschien in Innsbruck die sozialdemokratische <em>Volkszeitung f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em> als Gegenstimme zu den katholischen Bl\u00e4ttern. Hier startete ein junger Buchdrucker aus dem Osten der k.u.k. Monarchie seine Karriere in der Innsbrucker Stadtpolitik. Der geb\u00fcrtige B\u00f6hme Josef Prachensky (1861 \u2013 1931) hatte auf seiner Meisterwanderung in Wien w\u00e4hrend des <em>Buchdruckerstreiks <\/em>die Arbeiterbewegung f\u00fcr sich entdeckt. Ob er sich zuerst in die Stadt oder seine sp\u00e4tere Frau verliebte, kann nicht mehr ganz nachvollzogen werden. Was wir wissen ist, dass er die Leitung der Printanstalt \u00fcbernahm, die die sozialdemokratische <em>Arbeiterzeitung<\/em> herausgab. Prachensky war an der Gr\u00fcndung der Sozialdemokratischen Partei Tirols 1890 ma\u00dfgeblich beteiligt. 1899 war er als treibende Kraft mit dabei, als in der heutigen Maximilianstra\u00dfe die <em>Erste Tiroler Arbeiter-B\u00e4ckerei<\/em>, kurz ETAB, er\u00f6ffnete. Die Genossenschaft machte es sich zum Ziel, unter guten Arbeits- und Hygienebedingungen hochwertiges Brot zu fairen Preisen herzustellen. Nach mehreren Standortwechseln landete die ETAB in der Hallerstra\u00dfe, wo sie bis 1999 t\u00e4glich frische Backwaren produzierte. Mit seinen Ansichten und Firmengr\u00fcndungen erarbeitete er sich rasch einen Ruf als Anarchist, einer politischen Str\u00f6mung innerhalb der Linken, die sich um die Jahrhundertwende einer gewissen Beliebtheit erfreute, gleicherma\u00dfen aber wegen ihres oft gewaltt\u00e4tigen Aktionismus einen anr\u00fcchigen und gef\u00fcrchteten Ruf besa\u00df. Josef Prachensky unterst\u00fctzte neben der ETAB den \u201e<em>Arbeiter-Consum-Verein<\/em>\u201c und gr\u00fcndete die <em>Getr\u00e4nkehalle Alkoholfrei<\/em> in der Museumstra\u00dfe 16, einem Lokal, das ganz im Sinne der Lebensreformbewegung und des Sozialismus die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit innerhalb der Arbeiterschaft zum Ziel hatte. Wo fr\u00fcher nach dem christlichen Kalender gefastet wurde, sollte nun nach den Ma\u00dfen der individuellen Vernunft zum eigenen Wohl der Verzicht Geist und K\u00f6rper reinigen. Auch Friedrich Engels (1820 \u2013 1895), der Mitverfasser des Kommunistischen Manifestes, hatte in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts Schnaps und Branntwein als ein \u00dcbel der Arbeiterklasse erkannt hatte. Das Ziel, Menschen vom Alkohol wegzubekommen teilte der Sozialismus wie so vieles im Sozialen mit Vereinen diverser Konfessionen innerhalb des Christentums Abstinenz predigten. Alkoholiker konnten weder die Weltrevolution starten noch ein gottgef\u00e4lliges Leben nach den Vorstellungen der Kirche f\u00fchren, egal ob katholisch, lutherisch oder calvinistisch. Wie wenig dieser Ansatz im Innsbruck der Belle Epoque fruchtete, zeigt die Umfirmierung des Lokals von <em>Alkoholfrei<\/em> auf <em>Reform<\/em> bereits nach kurzer Zeit samt dazugeh\u00f6rigem Ausschank von Alkohol und dem folgenden Konkurs Prachenskys. Ein besonderes politisches Anliegen war ihm die Einschr\u00e4nkung der Kirche auf den Schulunterricht, der im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch im eigentlich liberalen Innsbruck, das sich an die nationale Schulordnung halten musste, noch sehr gro\u00df war. Die liberale Bildungsreform von 1869 h\u00e4tte den Klerus zwar aus den Schulen dr\u00e4ngen sollen, faktisch war der Einfluss aber noch sehr gro\u00df. Prachensky setzte sich daf\u00fcr ein, Kindern aus Arbeiterfamilien zumindest eine anst\u00e4ndige Schulbildung angedeihen zu lassen, um ihnen ein Mindestma\u00df an Chance auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu erm\u00f6glichen. Seine Forderungen zur Zeit der Jahrhundertwende nach besserer und einheitlicher Besoldung des Lehrpersonals, einer Reduzierung des Anteils des Religionsunterrichtes, Unterst\u00fctzung f\u00fcr weniger beg\u00fcterte Kinder und Verringerung der Klassengr\u00f6\u00dfe wirken erstaunlich modern.<\/p>\n<p>Die ersten freien Wahlen innerhalb der k.u.k. Monarchie zum Reichsrat f\u00fcr alle m\u00e4nnlichen B\u00fcrger im Jahr 1907 ver\u00e4nderten die politischen und sozialen Kraftverh\u00e4ltnisse und gaben den Sozialdemokraten R\u00fcckenwind, auch wenn auf Gemeindeebene noch das Zensuswahlrecht galt. Der <em>Pofl<\/em> hatte nun politisches Mitspracherecht. Wichtige Gesetze wie Arbeitszeitbeschr\u00e4nkungen und Verbesserung in den Arbeitsbedingungen konnten nun mit mehr Nachdruck verlangt werden. Das Kronland Tirol hatte gemeinsam mit Ober\u00f6sterreich die l\u00e4ngsten Arbeitszeiten in der gesamten Donaumonarchie. Die Gewerkschaftsmitglieder stiegen zahlenm\u00e4\u00dfig zwar an, au\u00dferhalb der kleinst\u00e4dtischen Zentren war Tirol aber zu sehr b\u00e4uerlich gepr\u00e4gt, um nennenswerten Druck erzeugen zu k\u00f6nnen. Als nach der Ausrufung der Republik 1918 auch auf Kommunalebene zum ersten Mal nach dem allgemeinen und freien Wahlrecht \u00fcber die Zusammensetzung des Gemeinderates gew\u00e4hlt wurde, konnten die Sozialdemokraten erstmals die meisten Stimmen erringen. Die Erf\u00fcllung der daraus folgenden Forderungen musste auch nach den ersten Gemeinderatswahlen nach 1918 noch warten. Innsbruck war rot, bestimmend f\u00fcr die gro\u00dfen Fragen der Politik blieb aber die konservative Politik der Landesregierung. In Innsbruck spielten sich zwar keine b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Szenen wie in den Arbeiterhochburgen wie Wien, Linz oder Steyr ab, zu Schl\u00e4gereien, Mordanschl\u00e4gen und Gewalt kam es aber h\u00e4ufig. Prachensky, der sich als Sozialdemokrat immer gegen das Pr\u00e4dikat des \u201e<em>Radicalen<\/em>\u201c gewehrt hatte, wurde in die Grabenk\u00e4mpfe der Zwischenkriegszeit hineingezogen und gr\u00fcndete den Tiroler Ableger des Republikanischen Schutzbundes RESCH, dem Gegenst\u00fcck zu den rechten Heimwehrverb\u00e4nden.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pembaurstra\u00dfe 31 \u2013 41 <\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":55423,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[82,159,83,153,150,84],"tags":[],"class_list":["post-53938","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-amras-pradl","category-die-rapoldis","category-die-zeit-des-austrofaschismus","category-eine-erste-republik-entsteht","category-lebensreform-und-sozialdemokratie","category-theodorf-prachensky-beamter-zwischen-kaiser-und-republik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53938"}],"version-history":[{"count":26,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71095,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53938\/revisions\/71095"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/55423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}