{"id":57859,"date":"2024-08-20T13:48:05","date_gmt":"2024-08-20T13:48:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=57859"},"modified":"2026-08-03T08:56:36","modified_gmt":"2026-08-03T08:56:36","slug":"verbindungshaus-austria","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/verbindungshaus-austria\/","title":{"rendered":"Fraternity House Austria"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.0&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Verbindungshaus Austria<\/h2>\n<p>Josef-Hirn-Stra\u00dfe<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/B779DB0E-9949-41DC-8A55-22758CD07E07-scaled.jpeg&#8220; alt=&#8220;Flagge Kaiserj\u00e4germuseum Innsbruck&#8220; title_text=&#8220;B779DB0E-9949-41DC-8A55-22758CD07E07&#8243; disabled_on=&#8220;on|on|on&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; disabled=&#8220;on&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_image][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;66150,57934,66149,57892,66148&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Verbindungshaus Austria&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62043&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Verbindungshaus Austria&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;59547&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Das schmale Geb\u00e4ude mit der auff\u00e4lligen Fassade in der Josef-Hirn-Stra\u00dfe beheimatet Innsbrucks gr\u00f6\u00dfte Studentenverbindung, die <em>Austria<\/em>. Neben dem Eingang ist eine Bronzetafel angebracht, die an das Gr\u00fcndungsdatum der Verbindung am 9. Juni 1864 und ihren Leitspruch \u201e<em>In Veritate Libertas<\/em>\u201c (<em>Anm.: In der Wahrheit liegt die Freiheit<\/em>) erinnert. Damit z\u00e4hlt die <em>Austria<\/em> zu den \u00e4ltesten der vielen Studentenverbindungen Innsbrucks, an deren oft stattlichen Verbindungsh\u00e4usern man vor allem in Wilten und St. Nikolaus immer wieder vorbeigeht. Die \u201e<em>Bude<\/em>\u201c der <em>Austria<\/em> selbst ist j\u00fcngeren Datums. Das Haus wurde von den Mitgliedern 1902 selbst finanziert und gebaut. Auf alten Bildern kann man sehen, dass es anfangs ein alleinstehendes Haus war und erst nach und nach von anderen H\u00e4usern umrahmt wurde. Es sticht zwischen den Wohnh\u00e4usern mit seinem distinguierten Aussehen, den T\u00fcrmchen und Erkern markant heraus. W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs diente es als Milit\u00e4rspital. Heute befinden sich mehrere St\u00fcberl, Bars und R\u00e4umlichkeiten, um gemeinsam zu lernen und feiern im Verbindungshaus.<\/p>\n<p>Wie kam es zur Gr\u00fcndung der mythenumrankten Verbindungen wie der <em>Austria<\/em>? In der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhundert wurden auch an der Innsbrucker Universit\u00e4t politische Begehrlichkeiten unter Studenten und Professoren verfolgt. Vor allem Studenten waren Bef\u00fcrworter der in Innsbruck zahm ausgefallenen Revolution von 1848. Nach\u00a0 dem Aufweichen des Vereinsgesetzes schlossen sie sich in Studentenverbindungen nach dem Vorbild ihrer deutschen Standesgenossen zusammen. Diese Vereine waren zwar keine staatlichen Organisationen, hatten aber mit wenigen Ausnahmen durchaus politischen Hintergrund. Katholizismus, Monarchie, Vielv\u00f6lkerstaat, Deutschnationalismus \u2013 die Definitionen von Vaterland waren vielf\u00e4ltig innerhalb der verschiedenen Studentenb\u00fcnde. Anders als die schlagenden deutschnationalen Burschenschaften, die die k.u.k. Monarchie als verstaubtes und zu \u00fcberkommendes Staatsgebilde sahen, verstand sich die <em>Austria<\/em> als kaisertreu und katholisch. Die bis heute g\u00fcltigen vier Grunds\u00e4tze der <em>Austria<\/em> sind der Glaube (<em>Religio<\/em>), Vaterland (<em>Patria<\/em>), Wissenschaft (<em>Scientia<\/em>) und Freundschaft (<em>Amicitia<\/em>). Katholische Studentenverbindungen bildeten ab dem 19. Jahrhundert das verbindende Element zwischen Kirche, Politik und Universit\u00e4t. Wirft man einen Blick auf die Liste ehemaliger Mitglieder der <em>Austria<\/em>, findet man durch die Jahrzehnte Bisch\u00f6fe ebenso wie Spitzenpolitiker aus dem konservativen Lager. Mehrere Landeshauptm\u00e4nner, Innsbrucker B\u00fcrgermeister und Bundeskanzler Julius Raab waren Mitglieder. Das Gehabe mit S\u00e4bel, B\u00e4ndchen und M\u00fctze bei Veranstaltungen und Prozessionen mag auf den ersten Blick l\u00e4cherlich wirken f\u00fcr nicht eingeweihte Beobachter. Die Br\u00e4uche, Traditionen und Gepflogenheiten sind mit Sicherheit antiquiert und nicht jedermanns Sache. F\u00fcr Au\u00dfenstehende ist die Gedankenwelt der Verbindungen auch nur schwer zu durchschauen und widerspr\u00fcchlich. Mitglieder der <em>Austria<\/em> waren im katholischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagiert. \u00dcber dem Portal steht dazu passend das Bonmot \u201e<em>Erbaut bin ich zum Schutz &amp; Hort f\u00fcr Menschenrecht &amp; freies Wort<\/em>\u201c geschrieben. Andererseits waren mit Engelbert Dollfu\u00df und Kurt Schuschnigg beide Kanzler jener kurzen Epoche, die als <em>Austrofaschismus<\/em> in die \u00f6sterreichische Geschichte eingehen sollte, Mitglieder der <em>Austria<\/em>. \u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Universit\u00e4tsstadt Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Universit\u00e4tsstadt Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;67576&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>1669 gilt als das offizielle Gr\u00fcndungsjahr einer der wichtigsten Institutionen der Innsbrucker Stadtgeschichte. Am 15. Oktober gab Kaiser Leopold I. den Tirolern das\u00a0Privileg des \u201e<em>Haller Salzaufschlags<\/em>\u201c. Diese Steuer auf die begehrte Handelsware aus der hauseigenen Saline machte es m\u00f6glich, eine Universit\u00e4t zu finanzieren. Die Basis f\u00fcr eine Hochschule war bereits gelegt. Die Universit\u00e4t ging aus der Lateinschule hervor, die von den Jesuiten etwas mehr als hundert Jahre zuvor unter Ferdinand I. gegr\u00fcndet worden war. Der Schwerpunkt am Gymnasium lag auf der klassischen humanistischen Bildung. Latein und Griechisch waren notwendige Schwerpunkte im Unterricht, um dem intellektuellen und politischen Diskurs folgen zu k\u00f6nnen. Wissenschaftliche B\u00fccher und viele andere Schriftst\u00fccke wurden in der Fr\u00fchen Neuzeit noch immer auf Latein verfasst. Auch f\u00fcr h\u00f6here Posten im \u00f6ffentlichen Dienst war Latein Voraussetzung. Die Universit\u00e4t brachte neue Ausbildungsm\u00f6glichkeiten nach Innsbruck. Die erste Fakult\u00e4t, die den Lehrbetrieb aufnahm, war die Philosophie. Theologie, Recht und Medizin folgten kurz darauf. Als Papst Innozenz XI. der Universit\u00e4t 1677 seinen Segen gab, war der Betrieb schon voll angelaufen. Professoren und Studenten verschiedenster Nationalit\u00e4t tummelten sich in Innsbruck. Der Jesuitenorden war mit mehreren Lehrst\u00fchlen vertreten, andere Professoren wurden von der Di\u00f6zese Brixen bestellt. Das f\u00fchrte zu Spannungen innerhalb der Universit\u00e4t, vertraten doch die Jesuiten vor allem die Interessen des Landesf\u00fcrsten und Monarchen, w\u00e4hrend die Professoren der Di\u00f6zese die politischen Interessen des Bischofs wahren wollten. Von einer Trennung von Staat, Kirche und Wissenschaft war man in dieser fr\u00fchen Phase der Aufkl\u00e4rung noch weit entfernt. Dabei ging es um Posten, Macht, Geld und Einfluss, nicht nur innerhalb der Stadt.<\/p>\n<p>Ein Studium dauerte f\u00fcr gew\u00f6hnlich sieben Jahre, bevor sich der Absolvent als Zeichen seines Status als Doktor einen Ring \u00fcber den Finger streifen durfte. In den ersten beiden Jahren musste jeder Student der Philosophie widmen, bevor er sich f\u00fcr ein Gebiet entschied. Zum geisteswissenschaftlichen Unterricht kamen Kirchendienste, Theaterauff\u00fchrungen, Musizieren und praktische Dinge wie Fechten und Reiten, die im Leben eines gebildeten jungen Mannes nicht fehlen durften.\u00a0<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t war aber mehr als ein Bildungsinstitut. 1665 hatte Innsbruck den Rang einer Residenzstadt verloren und damit an Prestige und Glanz verloren. Der Universit\u00e4tsbetrieb machte diese Degradierung etwas wett, blieb die Aristokratie so zumindest in Form von Studenten erhalten. Studenten und Professoren ver\u00e4nderten das soziale Gef\u00fcge der Stadt. Im ersten Jahrzehnt nach der Gr\u00fcndung lehrten knapp 50 unterschiedliche Intellektuelle aus aller Herren L\u00e4nder Philosophie in Innsbruck vor \u00fcber 300 Studenten. Bei gesellschaftlichen Anl\u00e4ssen wie Prozessionen stachen Abordnungen wie die <em>Congregation der heiligen Jungfrau<\/em>, die sich aus Mitgliedern der jesuitisch gepr\u00e4gten Universit\u00e4t speiste, hervor. Die Professoren pflegten in ihren je nach Fachgebiet verschiedenfarbigen Samtm\u00e4nteln aufzutreten, die Studenten mit den Schwertern, die sie tragen durften. Die Akademiker sprachen auch auf Deutsch anders als die einheimische Bev\u00f6lkerung, offizielles wurde ohnehin meist auf Latein erledigt. <em>Work hard, play hard<\/em> galt auch damals als Motto. Der von den Professoren streng \u00fcberwachte studentische Alltag in Aula und den H\u00f6rs\u00e4len wurde von einem bunten Mix aus feuchtfr\u00f6hlicher Abendunterhaltung, Ausfl\u00fcgen in die Umgebung Innsbrucks, Musizieren, kirchlichen Prozessionen und Theaterauff\u00fchrungen aufgelockert. Die jungen M\u00e4nner aus besserem Hause traten, anders als die streng und sittlich gekleideten Einwohner Innsbrucks, bunt und keck nach der Art mittelalterlicher Gecken in Erscheinung. Sie sprachen in einer Art und Weise miteinander, die Uneingeweihten als vollkommen l\u00e4cherlich erscheinen musste.<\/p>\n<p>Bei den Studenten handelte es sich trotz ihres gesellschaftlichen Ranges h\u00e4ufig genug nicht um strebsame Mustersch\u00fcler, sondern um junge Burschen, die einen gewissen Lebensstil und Status gewohnt waren. Um den jungen Eliten Herr zu werden, bedurfte es eines eigenen Rechtssystems. Studenten unterlagen bis zu einem gewissen Grad dem Universit\u00e4tsrecht unterlagen, das vom Stadtrecht losgel\u00f6st war. Nur f\u00fcr die Blutgerichtsbarkeit musste die Landesregierung angerufen werden.\u00a0Das schaffte ein diffuses und oft widerspr\u00fcchliches System, in dem ein Teil der Gesellschaft zumindest in manchen Situationen etwas machen durfte, was einem anderen Teil verboten war. Zusammentreffen privilegierter Jugendlicher mit B\u00fcrgern, Dienstboten und Handwerkern lief nicht immer reibungsfrei ab. Die Upper-Class-Teenager waren es gewohnt, Waffen zu tragen und auch zu benutzen. Ehrverletzungen konnten, \u00e4hnlich wie beim Milit\u00e4r, auch in studentischen Kreisen zu Duellen f\u00fchren. Besonders in Paarung mit Alkohol waren Ausschreitungen nicht ungew\u00f6hnlich. So begaben sich im Januar 1674 \u201e<em>nit allein zu n\u00e4chtlicher Zeit Ungelegenheiten, Rumores und ungereimte Handlungen<\/em>\u201c und es wurden \u201e<em>Studenten der Universit\u00e4t angetroffen, die allerlei verbotene Waffen wie Feuerrohr, Pistolen, Terzerol, Stilett, S\u00e4bel, Messer\u2026<\/em>\u201c bei sich hatten. Studenten war es zum Beispiel offiziell auch verboten, \u00fcber den Durst zu trinken. Geschah dies doch in einer der Wirtschaften Innsbrucks, so wurde der junge Delinquent ermahnt. Konnte oder wollte er die Rechnung nicht begleichen, konnte der gesch\u00e4digte Wirt bei Gericht keine Anzeige einbringen, da \u00fcberm\u00e4\u00dfiger der Ausschank alkoholischer Getr\u00e4nke an die Studentenschaft verboten war. Um das Recht durchzusetzen, stellte das Rektorat eine eigene Truppe aus. Die Scharwache war mit Hellebarden bewaffnet und sollte die <em>Rumores<\/em> der Studenten so gut als m\u00f6glich verhindern. Sechs Mann hatten Tag und Nacht bewaffneten Dienst, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Kosten daf\u00fcr teilten sich die Stadt Innsbruck und die Universit\u00e4t. Es gab auch einen eigenen <em>Carcer<\/em>, um \u00dcbelt\u00e4ter bei Wasser und Brot zu verwahren. Freiheitsentzug, Geldbu\u00dfen und sogar Landesverweise konnten von der Universit\u00e4t ausgesprochen werden.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t war auch sonst durch ihre Geschichte hindurch ein Politikum und immer Spiegel des allgemeinen Zeitgeistes. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war sie daf\u00fcr da, staatstreue, katholische Beamten f\u00fcr den Staat auszubilden. Der Name <em>Leopold-Franzens-Universit\u00e4t<\/em> geht auf die beiden Kaiser Leopold und Franz zur\u00fcck, unter denen sie jeweils gegr\u00fcndet wurde. Zweimal wurde die Universit\u00e4t zu einem Lyzeum herabgestuft oder gar ganz abgeschafft. Kaiser Josef II. schloss die Pforten ebenso wie die bayerische Verwaltung w\u00e4hrend der Napoleonischen Kriege. Die jesuitisch gepr\u00e4gten und Studenten und Professoren waren ihnen suspekt und wurden aus dem Bildungssektor verband. Kaiser Franz I., der in der Restauration wieder mehr auf der traditionell katholischen Linie der Habsburger war, nahm 1826 die Neugr\u00fcndung vor. Unter Beobachtung blieb die Universit\u00e4t aber auch im Polizeistaat Metternichs weiterhin. Im Vorm\u00e4rz waren es nationalistisch und liberal gesinnte Kr\u00e4fte, die man f\u00fcrchtete. Die geheime Staatspolizei war nicht nur in den H\u00f6rs\u00e4len, sondern auch sonst in den studentischen Kreisen pr\u00e4sent, um problematisches Gedankengut junger Aufwiegler m\u00f6glichst fr\u00fch im Keim zu ersticken. Die Industrialisierung und die damit einhergehenden neuen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Spielregeln ver\u00e4nderten den Universit\u00e4tsbetrieb. Ganz im Geist der Zeit besch\u00e4ftigte sich die Er\u00f6ffnungsrede des Dekans der philosophischen Fakult\u00e4t Prof. Dr. Joachim Suppan (1794 \u2013 1864), mit einem praktischen Problem der Physik, damit \u201e<em>eine genauere Kenntnis der so wichtigen und n\u00fctzlichen Erfindung der Dampfmaschine auch f\u00fcr die vaterl\u00e4ndische Industrie, wo dieselbe bisher noch keine Anwendung hat<\/em>,\u201c erreicht werde. Dass Supan neben seinen Abschl\u00fcssen in Philosophie und Mathematik auch geweihter Priester war, zeigt den Einfluss, den die Kirche auch im 19. Jahrhundert auf das Bildungswesen hatte. Wie sehr die Universit\u00e4t neben der Kirche der staatlichen Obrigkeit verbunden war, zeigt Supans abschlie\u00dfende Ermahnung in Richtung der Studenten, <em>\u201edereinst dem Vaterlande durch Kenntnis und Tugend ersprie\u00dfliche Dienste zu leisten\u201c<\/em>.\u00a0Die Nationalit\u00e4tenkonflikte der sp\u00e4ten Monarchie spiegelten sich ebenfalls in der Universit\u00e4tsgeschichte wider. Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter des Vereinswesens, im Fall der Universit\u00e4t der Studentenverbindungen. Im Falle Innsbruck waren es vor allem Probleme zwischen deutschsprachigen und italienischsprachigen Studenten, die immer wieder zu Problemen f\u00fchrten und ihren H\u00f6hepunkt in den <em>Fatti di Innsbruck<\/em> fanden. Deutschnational gesinnte Studenten spielten auch in weiterer Folge eine Hauptrolle an der Universit\u00e4t. Viele der jungen M\u00e4nner waren im habsburgischen Gro\u00dfreich aufgewachsen und hatten im Ersten Weltkrieg gedient. Die beh\u00e4bige, parlamentarische Republik \u00d6sterreich gefiel vielen Jungakademikern weniger als neue politischen Bewegungen, die ebenfalls in dieser Zeit aufkamen. Die m\u00e4nnlichen Eliten waren pl\u00f6tzlich nicht mehr alleine unter sich. Frauen und S\u00f6hnen von Handwerksfamilien war das Studium an der Universit\u00e4t lange nicht gestattet, nun war es zumindest theoretisch m\u00f6glich, sich \u00fcber diesen Weg hochzuarbeiten. Den ersten weiblichen Doktor der Juristerei der Universit\u00e4t feierte man f\u00fcnf Jahre nach der Entstehung der Republik. Die Presse notierte:<\/p>\n<p><em>\u201eAm kommenden Samstag wird an der Innsbrucker Universit\u00e4t Fr\u00e4ulein Mitzi Fischer zum Doktor iuris promoviert. Fr\u00e4ulein Fischer ist eine geb\u00fcrtige Wienerin. In Wien absolvierte sie auch das Gymnasium. Nach der Reifepr\u00fcfung oblag sie dem juristischen Studium der Universit\u00e4t Innsbruck. Die zuk\u00fcnftige Doktorin hat s\u00e4mtliche Pr\u00fcfungen mit Auszeichnungen absolviert, m\u00fc\u00dfte also nach dem fr\u00fcheren Brauche sub auspiciis imperatoris promovieren. Jedenfalls ist Fr\u00e4ulein Fischer die erste Dame, die sich an der Innsbrucker Universit\u00e4t den juristischen Doktortitel erwirbt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Begeisterung der teils von der Front des Ersten Weltkrieges heimgekehrten jungen M\u00e4nner flog teils dem als modern und dynamisch wirkenden faschistischen Italien und sp\u00e4ter dem nationalsozialistischen Deutschland zu, die klassische Rollenbilder vertraten. Mit dem Anschluss an das Deutsche Reiche 1938 wurde die Universit\u00e4t ein weiteres Mal umbenannt. Nach dem Krieg wurde aus der <em>Deutschen Alpenuniversit\u00e4t<\/em> wieder die <em>Leopold-Franzens-Universit\u00e4t<\/em>. Erstaunlich ruhig, \u00e4hnlich wie schon 1848, verhielten sich die Studenten in Innsbruck im Jahr 1968. W\u00e4hrend in anderen europ\u00e4ischen St\u00e4dten die Studenten Treiber des Wandels waren, blieb man in Innsbruck unaufgeregt. In Paris flogen Pflastersteine, in Innsbruck gab man sich mit Boykotten und Sit-ins zufrieden. Es gab in den sp\u00e4ten 1960ern und 70ern zwar einzelne Gruppen wie die <em>Kommunistische Gruppe Innsbruck<\/em>, das <em>Komitee f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit Vietnam<\/em>, die sozialistische VSSt\u00d6 oder die liberal-katholische <em>Aktion<\/em> innerhalb der \u00d6H, zu einer Massenbewegung kam es nicht. Der allergr\u00f6\u00dfte Teil der Studenten entstammte der Oberschicht und hatte die Matura in einem katholisch orientierten Gymnasium absolviert. Beethovens alte Weisheit, dass \u201e<em>solange der \u00d6sterreicher noch braun\u00b4s Bier und W\u00fcrstel hat, revoltiert er nicht<\/em>,\u201c traf zu. Nur wenige Studenten konnten sich f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit Vietnam, Mao Zedong und Fidel Castro begeistern. Wer wollte schon die eigene Karriere aufs Spiel setzen, in einem Land, das von der Dreifaltigkeit aus Tiroler Tageszeitung, Bischof Paulus Rusch und dem Landtag mit absoluter Mehrheit der \u00d6VP dominiert wurde? Wer es trotzdem wagte, aufs\u00e4ssige Flugbl\u00e4tter oder linke Literatur zu verbreiten, musste mit medialer Diffamierung, einer R\u00fcge durch das Rektorat oder gar dem Besuch der Staatsgewalt rechnen. Kritisiert wurden nur selten die Professoren, die im 20. Jahrhundert h\u00e4ufig noch Distanziertheit und den unnahbaren Nimbus der Fr\u00fchen Neuzeit verspr\u00fchten oder kaum Hehl aus ihrer politischen Gesinnung machten. Eher war die mangelhafte Ausstattung der bescheidenen Lehrs\u00e4le f\u00fcr die stets zunehmende Anzahl an Studenten. Die gro\u00dfe Ver\u00e4nderung in den Universit\u00e4ten wurde in \u00d6sterreich nicht erk\u00e4mpft, sondern gew\u00e4hlt. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky fielen die die Studiengeb\u00fchren. Bildung wurde f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl junger Menschen leist- und vorstellbar. Die Zahl der Studenten an \u00f6sterreichischen Hochschulen stieg dadurch zwischen 1968 und 1974 von 50.000 auf \u00fcber 73.000 Menschen an.<\/p>\n<p>Trotz aller Widrigkeiten und Kuriosit\u00e4ten durch die Jahrhunderte genoss die Universit\u00e4t Innsbruck seit ihren Anfangstagen meist einen sehr guten Ruf. Lehrende und Studierende sorgten im 20. und 21. Jahrhundert mehrfach f\u00fcr aufsehenerregende Leistungen in der Forschung. Victor Franz Hess wurde f\u00fcr seine Verdienste rund um die Erforschung der kosmischen Strahlung den Nobelpreis f\u00fcr Physik. Auch der Quantenphysiker Anton Zeilinger war an der Universit\u00e4t Innsbruck t\u00e4tig, wenn auch nicht im Jahr 2022 bei seiner Verleihung. Den Nobelpreis f\u00fcr Chemie erhielten auch die Professoren Fritz Pregl, Adolf Windaus und Hans Fischer, wobei auch sie nicht mehr in Innsbruck t\u00e4tig waren. Die Universit\u00e4tsklinik erbrachte sowohl in Forschung und Ausbildung wie auch in der t\u00e4glichen Versorgung der Stadt sehr gute Leistungen und z\u00e4hlt zu den Aush\u00e4ngeschildern Innsbrucks.\u00a0Nicht nur in intellektueller und wirtschaftlicher Hinsicht ist die Universit\u00e4t wichtig f\u00fcr die Stadt. 30.000 Studierende bev\u00f6lkern und pr\u00e4gen das Leben zwischen Nordkette und Patscherkofel. Die Zeit, in der junge Aristokraten in bunten Klamotten bei Prozessionen ausf\u00e4llig werden, sind vor\u00fcber. Mittlerweile sind sie eher auf den Skipisten und Mountainbike-Trails zu finden. Das gr\u00f6\u00dfte Problem, das die jungen Damen und Herren verursachen, sind auch keine Pogrome gegen\u00fcber nicht-deutschen Bev\u00f6lkerungsgruppen. Ein gro\u00dfer Teil der Studierenden des 21. Jahrhunderts kommt selbst aus dem Ausland und treibt die Preise am Wohnungsmarkt seit den 1970erJahren auf Rekordh\u00f6he. Im Oktober 1972 kam es zur Besetzung des Hexenhauses, einer leerstehenden Immobilie der Universit\u00e4t in der Sch\u00f6pfstra\u00dfe 24, die kurzerhand von einer Handvoll Studenten okkupiert wurde. Innsbruck gilt als die teuerste Landeshauptstadt, was Wohnraum betrifft, der Leerstand von Immobilien ist mehr als 50 Jahre nach der Hausbesetzung noch immer ein dr\u00e4ngendes Problem. Wie sehr die Studierenden Innsbruck beleben, merkt man erst, wenn die Ausw\u00e4rtigen zwischen den einzelnen Semestern in ihre Heimat zur\u00fcckkehren. Zehntausende beleben nicht nur das Nachtleben, sondern verpassen der Kleinstadt auch fast 400 Jahre nach der Gr\u00fcndung internationales Flair und hippe Urbanit\u00e4t.\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Das Jahr 1848 und seine Folgen&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Das Jahr 1848 und seine Folgen&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53607&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Das Jahr 1848 nimmt einen mythischen Platz in der europ\u00e4ischen Geschichte ein. Innsbruck war zwar nicht einer der Hotspots wie Paris, Wien, Budapest, Mailand oder Berlin, auch im <em>Heiligen Land Tirol<\/em> hinterlie\u00df das Revolutionsjahr aber seine Spuren. Im Gegensatz zum b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Umland hatte sich in Innsbruck ein aufgekl\u00e4rtes Bildungsb\u00fcrgertum entwickelt. Aufgekl\u00e4rte Menschen wollten keine Untertanen eines Monarchen oder Landesf\u00fcrsten mehr sein, sondern B\u00fcrger mit Rechten und Pflichten gegen\u00fcber einem modernen Staatswesen. Studenten und Freiberufler forderten politische Mitsprache, Pressefreiheit und B\u00fcrgerrechte. Arbeiter verlangten nach besseren L\u00f6hnen und Arbeitsbedingungen. Besonders radikale Liberale und Nationalisten stellten sogar die Allmacht der Kirche in Frage. Im M\u00e4rz 1848 entlud sich in vielen St\u00e4dten dieses sozial und politisch hochexplosive Gemisch in Aufst\u00e4nden und Stra\u00dfenk\u00e4mpfen. In Innsbruck feierten einige Studenten und Professoren die neu erlassene Pressefreiheit mit einem Fackelzug. Im Gro\u00dfen und Ganzen ging die Revolution im gem\u00e4chlichen Tirol aber ruhig vonstatten. Von einem spontanen Ausbruch der Emotionen oder gar einer Revolution zu sprechen w\u00e4re schon eine \u00dcbertreibung, der Termin des Zuges wurde wegen Schlechtwetter vom 20. auf den 21. M\u00e4rz verschoben. Es kam kaum zu antihabsburgischen Ausschreitungen oder \u00dcbergriffen, ein verirrter Stein in ein Fenster der Jesuiten war einer der H\u00f6hepunkte der alpinen Variante der Revolution von 1848. Die Studenten unterst\u00fctzten das Stadtmagistrat sogar dabei, die \u00f6ffentliche Ordnung zu \u00fcberwachen, um so dem Monarchen ihre Dankbarkeit f\u00fcr die neu gew\u00e4hrten Freiheiten und ihre Treue zu zeigen.<\/p>\n<p>Die anf\u00e4ngliche Begeisterung f\u00fcr den Umsturz innerhalb der b\u00fcrgerlichen Eliten wurde in Innsbruck in Folge schnell deutschnationalem, patriotischen Rausch abgel\u00f6st. Am 6. April 1848 wurde vom Gubernator Tirols die deutsche Fahne w\u00e4hrend eines feierlichen Umzugs geschwungen. Auch auf dem Stadtturm wurde eine deutsche <em>Tricolore<\/em> gehisst. W\u00e4hrend sich Studenten, Arbeiter, liberal-nationalistisch gesinnte B\u00fcrger, Republikaner, Anh\u00e4nger einer konstitutionellen Monarchie und katholische Konservative bei gesellschaftlichen Themen wie der Pressefreiheit nicht einig wurden, teilte man die Abneigung gegen die italienische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, die von Piemont und Mailand ausgehend Norditalien erfasst hatte. Innsbrucker Studenten und Sch\u00fctzen zogen mit Unterst\u00fctzung der k.k. Armeef\u00fchrung ins Trentino, um die Unruhen und Aufst\u00e4nde im Keim zu ersticken. Bekannte Mitglieder dieses Korps waren der bereits in die Jahre gekommene Pater Haspinger, der bereits mit Andreas Hofer 1809 zu Felde zog, und Adolf Pichler. Johann Nepomuk Mahl-Schedl, verm\u00f6gender Besitzer von Schloss B\u00fcchsenhausen, stattete sogar eine eigene Kompanie aus, mit der er zur Grenzsicherung \u00fcber den Brenner zog. Die Kriegsfront machte aber nicht an den s\u00fcdlichen Landesgrenzen Halt. Auch die Stadt Innsbruck als politisches und wirtschaftliches Zentrum des multinationalen Kronlandes Tirol und Heimat vieler Italienischsprachiger wurde zur Arena des Nationalit\u00e4tenkonflikts. In Kombination mit reichlich Alkohol bereiteten anti-italienische Gef\u00fchle in Innsbruck mehr Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung als der Ruf nach b\u00fcrgerlichen Freiheiten. Ein Streit zwischen einem deutschsprachigen Handwerker und einem italienischsprachigen Ladiner schaukelte sich derma\u00dfen auf, dass es beinahe zu einem Pogrom gegen\u00fcber den zahlreichen Betrieben und Gastst\u00e4tten von italienischsprachigen Tirolern gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die relative Beschaulichkeit Innsbrucks kam dem in Wien unter Druck stehenden Kaiserhaus recht. Als es in der Hauptstadt auch nach dem M\u00e4rz nicht aufh\u00f6rte zu brodeln, floh Kaiser Ferdinand im Mai nach Tirol. Folgt man den Presseberichten aus dieser Zeit, wurde er von der Bev\u00f6lkerung begeistert empfangen.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Wie hei\u00dft das Land, dem solche Ehre zu Theil wird, wer ist das Volk, das ein solches Vertrauen genie\u00dft in dieser verh\u00e4ngni\u00dfvollen Zeit? St\u00fctzt sich die Ruhe und Sicherheit hier blo\u00df auf die Sage aus alter Zeit, oder liegt auch in der Gegenwart ein Grund, auf dem man bauen kann, den der Wind nicht weg bl\u00e4st, und der Sturm nicht ersch\u00fcttert? Dieses Alipenland hei\u00dft Tirol, gef\u00e4llts dir wohl? Ja, das tirolische Volk allein bew\u00e4hrt in der Mitte des aufgew\u00fchlten Europa die Ehrfurcht und Treue, den Muth und die Kraft f\u00fcr sein angestammtes Regentenhaus, w\u00e4hrend ringsum Auflehnung, Widerspruch. Trotz und Forderung, h\u00e4ufig sogar Aufruhr und Umsturz toben; Tirol allein h\u00e4lt fest ohne Wanken an Sitte und Gehorsam, auf Religion, Wahrheit und Recht, w\u00e4hrend anderw\u00e4rts die Frechheit und L\u00fcge, der Wahnsinn und die Leidenschaften herrschen anstatt folgen wollen. Und w\u00e4hrend im gro\u00dfen Kaiserreiche sich die Bande \u00fcberall lockern, oder gar zu l\u00f6sen drohen; wo die Willk\u00fchr, von den Begierden getrieben, Gesetze umst\u00fcrzt, offenen Aufruhr predigt, t\u00e4glich mit neuen Forderungen losgeht; eigenm\u00e4chtig ephemere- wie das Wetter wechselnde Einrichtungen schafft; w\u00e4hrend Wien, die alte sonst so friedliche Kaiserstadt, sich von der erhitzten Phantasie der Jugend lenken und g\u00e4ngeln l\u00e4\u00dft, und die R\u00e4the des Reichs auf eine schm\u00e4hliche Weise behandelt, nach Laune beliebig, und mit jakobinischer Anma\u00dfung, \u00fcber alle Provinzen verf\u00fcgend, absetzt und anstellt, ja sogar ohne Ehrfurcht, den Kaiser mit Sturm-Petitionen verfolgt; w\u00e4hrend jetzt von allen Seiten her Deputationen mit Ergebenheits-Addressen mit Bittgesuchen und Loyalit\u00e4tsversicherungen dem Kaiser nach Innsbruck folgen, steht Tirol ganz ruhig, gleich einer stillen Insel, mitten im brausenden Meeressturme, und des kleinen V\u00f6lkchens treue Brust bildet, wie seine Berge und Felsen, eine feste Mauer in Gesetz und Ordnung, f\u00fcr den Kaiser und das Vaterland.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Im Juni stieg auch ein junger Franz Josef, damals noch nicht Kaiser, am R\u00fcckweg von den Schlachtfeldern Norditaliens in der Hofburg ab, anstatt direkt nach Wien zu reisen. Innsbruck war wieder Residenzstadt, wenn auch nur f\u00fcr einen Sommer. W\u00e4hrend in Wien, Mailand und Budapest Blut floss, genoss die kaiserliche Familie das Tiroler Landleben. Ferdinand, Franz Karl, seine Frau Sophie und Franz Josef empfingen G\u00e4ste von ausl\u00e4ndischen F\u00fcrstenh\u00f6fen und lie\u00dfen sich im Viersp\u00e4nner zu den Ausflugszielen der Region wie der Weiherburg, zur Stefansbr\u00fccke, nach Kranebitten und hoch hinauf bis Heiligwasser chauffieren und unternahmen Wanderungen. Wenig sp\u00e4ter war es allerdings vorbei mit der Gem\u00fctlichkeit. Der als nicht mehr amtstauglich geltende Ferdinand \u00fcbergab unter sanftem Druck die Fackel der Regentenw\u00fcrde an Franz Josef I. Im Juli 1848 kam es in Wien in der Hofreitschule zur Abhaltung einer ersten parlamentarischen Sitzung. Eine erste Verfassung wurde in Kraft gesetzt. Der Reformwille der Monarchie flachte aber schnell wieder ab. Das neue Parlament war ein Reichsrat, es konnte keine bindenden Gesetze erlassen, der Kaiser besuchte es Zeit seines Lebens nie und verstand auch nicht, warum die Donaumonarchie als von Gott eingesetzt diesen Rat ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Die zart in Gang gesetzte Liberalisierung nahm in den St\u00e4dten trotzdem ihren Lauf. Innsbruck erhielt den Status einer Stadt mit eigenem Statut. Das Innsbrucker Gemeinderecht sah ein B\u00fcrgerrecht vor, das zwar an Besitz oder die Abgabe von Steuern gebunden war, jedoch den Angeh\u00f6rigen der Gemeinde gewisse Rechte gesetzlich zusicherte. Das Heimatrecht konnte durch Geburt, Verehelichung oder au\u00dferordentlicher Verleihung erworben werden und verlieh zumindest den m\u00e4nnlichen Vollj\u00e4hrigen das Wahlrecht auf kommunaler Ebene. Geriet man in finanzielle Notlage, so hatte man das Anrecht auf eine Grundversorgung durch die Stadt. Innerhalb der Stadtregierung setzte sich dank des Mehrheitswahlrechtes nach Zensus die gro\u00dfdeutsch-liberale Fraktion durch, in der H\u00e4ndler, Gewerbetreibende, Industrielle und Gastwirte den Ton angaben. Am 2. Juni 1848 erschien die erste Ausgabe der liberal und gro\u00dfdeutsch gesinnten <em>Innsbrucker Zeitung<\/em>, der obiger Artikel zur Ankunft des Kaisers in Innsbruck entnommen ist. Konservative hingegen lasen das <em>Volksblatt f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>. Gem\u00e4\u00dfigte Leser, die eine konstitutionelle Monarchie bef\u00fcrworteten, konsumierten bevorzugt den <em>Bothen f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>. Mit der Pressefreiheit war es aber schnell wieder vorbei. Die zuvor abgeschaffte Zensur wurde in Teilen wieder eingef\u00fchrt. Herausgeber von Zeitungen mussten einigen Schikanen der Obrigkeit unterziehen. Zeitungen durften nicht gegen Landesregierung, Monarchie oder Kirche schreiben.<\/p>\n<p><em>&#8222;Wer durch Druckschriften andere zu Handlungen auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht, durch welche die gewaltsame Losrei\u00dfung eines Theiles von dem einheitlichen Staatsverbande&#8230; des Kaiserthums \u00d6sterreich bewirkt&#8230; oder der allgemeine \u00f6ster. Reichstag oder die Landtage der einzelnen Kronl\u00e4nder&#8230; gewaltt\u00e4tig st\u00f6rt&#8230; wird mit schwerem Kerker von zwei bis zehn Jahren Haft bestraft.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nachdem Innsbruck 1849 Meran auch offiziell als Landeshauptstadt abgel\u00f6ste hatte und somit auch endg\u00fcltig zum politischen Zentrum Tirols geworden war, bildeten sich Parteien. Mit der Gr\u00fcndung der Katholisch-konservativen Fraktion und den Liberalen bildete sich ein Gedankenpaar heraus, das bis zum Ersten Weltkrieg nicht nur die Politik pr\u00e4gte. Vereine aller Art als politische Vorfeldorganisationen und Zeitungen bildeten die Demarkationslinien, an denen sich die Gesellschaft in allen Fragen des Lebens von der Wiege bis zur Bahre spaltete. Ab 1868 stellte die liberal und gro\u00dfdeutsch orientierte Partei den B\u00fcrgermeister der Stadt Innsbruck. Der Einfluss der Kirche nahm in Innsbruck im Gegensatz zu den Umlandgemeinden ab. Individualismus, Kapitalismus, Nationalismus und Konsum sprangen in die Bresche. Neue Arbeitswelten, Kaufh\u00e4user, Theater, Caf\u00e9s und Tanzlokale verdr\u00e4ngten Religion zwar auch in der Stadt nicht, die Gewichtung wurde durch die 1848 errungenen b\u00fcrgerlichen Freiheiten aber eine andere.<\/p>\n<p>Die wahrscheinlich wichtigste Gesetzes\u00e4nderung im Rahmen des Jahres 1848 war das <em>Grundentlastungspatent<\/em>. In Innsbruck hielt der Klerus, vor allem das Stift Wilten, einen gro\u00dfen Teil des b\u00e4uerlichen Grundbesitzes. Kirche und Adel waren nicht steuerpflichtig. 1848\/49 wurden in \u00d6sterreich Grundherrschaft und Untert\u00e4nigkeitsverh\u00e4ltnis aufgehoben. Abgel\u00f6st wurden damit Grundzinsen, Zehent und Robot. Die Grundherren erhielten im Rahmen der Grundentlastung ein Drittel des Wertes ihrer L\u00e4ndereien vom Staat, ein Drittel wurde als Steuererleichterung gewertet, ein Drittel der Abl\u00f6se mussten die Bauern selbst \u00fcbernehmen. Sie konnten diesen Betrag in Raten innert zwanzig Jahren abzahlen. Die Nachwirkungen sind bis heute zu sp\u00fcren. Die Nachkommen der damals erfolgreichen Bauern genie\u00dfen durch den geerbten Landbesitz, der auf die Grundentlastung 1848 zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, die Fr\u00fcchte des Wohlstandes und auch politischen Einfluss durch Grundst\u00fccksverk\u00e4ufe f\u00fcr Wohnbau, Pachten und Abl\u00f6sen der \u00f6ffentlichen Hand f\u00fcr Infrastrukturprojekte. Die grundbesitzenden Adeligen von einst mussten sich mit der Schmach abfinden, b\u00fcrgerlicher Arbeit nachzugehen. Der \u00dcbergang vom Geburtsrecht zum privilegierten Status innerhalb der Gesellschaft dank finanzieller Mittel, Netzwerken und Ausbildung gelang h\u00e4ufig. Viele Innsbrucker Akademikerdynastien nahmen ihren Ausgang in den Jahrzehnten nach 1848.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die breite Masse \u00e4nderte sich das Leben. Das bis dato unbekannte Ph\u00e4nomen der Freizeit kam auf und beg\u00fcnstigte gemeinsam mit frei verf\u00fcgbarem Einkommen einer gr\u00f6\u00dferen Anzahl an Menschen Hobbies. Zivile Organisationen und Vereine, vom Lesezirkel \u00fcber S\u00e4ngerb\u00fcnde, Feuerwehren und Sportvereine, gr\u00fcndeten sich. Auch im Stadtbild manifestierte sich das Revolutionsjahr. Parks wie der Englische Garten beim Schloss Ambras oder der Hofgarten waren nicht mehr exklusiv der Aristokratie vorbehalten, sondern dienten den B\u00fcrgern als Naherholungsgebiete vom beengten Dasein. In St. Nikolaus entstand der <em>Waltherpark<\/em> als kleine Ruheoase. Einen Stock h\u00f6her er\u00f6ffnete im Schloss B\u00fcchsenhausen Tirols erste Schwimm- und Badeanstalt, wenig sp\u00e4ter folgte ein weiteres Bad in Dreiheiligen. Ausflugsgasth\u00f6fe rund um Innsbruck florierten. Neben den gehobenen Restaurants und Hotels entstand eine Szene aus Gastwirtschaften, in denen sich auch Arbeiter und Angestellte gem\u00fctliche Abende bei Theater, Musik und Tanz leisten konnten.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;1796 &#8211; 1866: Vom Herzen Jesu bis K\u00f6niggr\u00e4tz&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;1796 &#8211; 1866: Vom Herzen Jesu bis K\u00f6niggr\u00e4tz&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53379&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die Zeit zwischen der Franz\u00f6sischen Revolution und der Schlacht bei K\u00f6niggr\u00e4tz 1866 war eine kriegerische Periode. Viele der sp\u00e4teren politischen Grundhaltungen und Animosit\u00e4ten gegen\u00fcber anderen Gruppen sowie der europ\u00e4ische Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, die auch die Geschichte Innsbruck beeinflussen sollten, hatten ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen dieser Zeit. Die Monarchien Europas, angef\u00fchrt von den katholischen Habsburgern, hatten der franz\u00f6sischen Republik den Krieg erkl\u00e4rt. Das revolution\u00e4re Paris war zwar weit weg und ein fl\u00e4chendeckendes Pressewesen zur Verbreitung von Nachrichten stand nicht zur Verf\u00fcgung, \u00fcber Flugbl\u00e4tter und die Kirchenkanzeln wurden die Gottlosigkeit der M\u00f6rder Marie Antoinettes aber erfolgreich verbreitet. Die Angst ging um, dass sich der Wahlspruch der Revolution \u201e<em>Libert\u00e9,\u00a0\u00c9galit\u00e9,\u00a0Fraternit\u00e9<\/em>\u201c samt seinen Grunds\u00e4tzen in Europa ausbreiten k\u00f6nnte. Ein junger General namens Napoleon Bonaparte war mit seiner\u00a0<em>italienischen Armee<\/em>\u00a0im Rahmen der Koalitionskriege auf seinem Italienfeldzug 1796 \u00fcber die Alpen vorger\u00fcckt und traf dort auf die \u00f6sterreichischen Truppen. Es war nicht nur ein Krieg um Territorium und Macht, es war ein Kampf der Systeme. Die <em>Grande Armee<\/em> der revolution\u00e4ren Republik Frankreich traf auf die Truppen der konservativen und katholischen Habsburger. Tiroler Sch\u00fctzen waren aktiv am Kampfgeschehen beteiligt, um die Landesgrenzen gegen die einr\u00fcckenden Franzosen zu verteidigen. Die M\u00e4nner waren es gewohnt, mit Waffen umzugehen und galten als ge\u00fcbte Scharfsch\u00fctzen. Der Historiker Ludwig Denk dr\u00fcckte es in einer Schrift 1860 so aus:<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026Hauptlust des Tirolers ist das Schiessen. Fr\u00fche schon nimmt der Vater den Sohn mit auf die Jagd. Nicht selten sieht man Knaben mit geladenem Gewehr herumlaufen und auf hohe Berge steigen und Vogel oder Eichh\u00f6rnchen schiessen\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die St\u00e4rke von Kompanien wie den 1796 ins Leben gerufenen <em>H\u00f6ttinger Sch\u00fctzen<\/em> lag nicht in der offenen Feldschlacht, sondern im Guerrillakampf. Dar\u00fcber hinaus hatten sie gegen die fortschrittlichste und modernste Armee der damaligen Zeit eine Geheimwaffe auf ihrer Seite: Das Herz Jesu. Seit 1719 waren jesuitische Missionare bis in die hintersten Seitent\u00e4ler unterwegs gewesen und hatten den <em>Herz-Jesu-Kult<\/em> als verbindendes Element erfolgreich im Kampf gegen heidnische Br\u00e4uche und Protestantismus etabliert. Nun, da man den gottlosen revolution\u00e4ren Franzosen gegen\u00fcberstand, war es nur logisch, dass das Herz Jesu nach 1703 erneut sch\u00fctzend \u00fcber die Tiroler Gotteskrieger wachen w\u00fcrde. In aussichtsloser Situation erneuerten die Tiroler Truppen ihren Bund. Gegen jede Wahrscheinlichkeit waren die Sch\u00fctzen erfolgreich in ihrem Abwehrkampf. Der Abt des Klosters Stams beantragte bei den Landst\u00e4nden von nun an allj\u00e4hrlich &#8222;<em>das Fest des g\u00f6ttlichen Herzens Jesu mit feierlichem Gottesdienst zu begehen, wenn Tirol von der drohenden Feindesgefahr befreit werde.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Die gewonnene Schlacht \u00e4nderte nichts am verlorenen Krieg gegen die \u00fcberm\u00e4chtigen Truppen Napoleons, der wiederum nichts an der Tiroler Expansion \u00e4nderte bei gleichzeitigem Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang Innsbrucks. Das habsburgische Territorium hatte sich w\u00e4hrend den Kriegswirren ohne nennenswerte Erfolge auf den Schlachtfeldern, und wohl auch ohne die Hilfe des Herzen Jesu, vergr\u00f6\u00dfert. Das erzbisch\u00f6fliche Trentino war in einem territorialen Kuhhandel mit dem sperrigen Namen Reichsdeputationshauptschluss in den letzten Atemz\u00fcgen des Heiligen R\u00f6mischen Reiches vor dessen Aufl\u00f6sung 1803 zu einem Teil des Kronlandes geworden. Innsbruck hingegen war geschrumpft. Die verstorbenen Soldaten und die kriegsbedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten f\u00fchrten zu einem R\u00fcckgang der Einwohner von gut 9500 um das Jahr 1750 auf etwa 8800 in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Was in nackten Zahlen ausgedr\u00fcckt wenig spektakul\u00e4r klingt, hatte eine Stagnation des Stadtlebens zur Folge. Die jungen M\u00e4nner fehlten als Arbeitskr\u00e4fte, Ehem\u00e4nner und V\u00e4ter. Diese kriegsbedingte Rezession ist kaum Thema in der Stadtgeschichte. Am ehesten kann das fast vollkommene Fehlen biedermeierlicher Architektur im Innsbrucker Stadtbild als Erinnerungsort f\u00fcr diese schwierigen Jahre gesehen werden.\u00a0<\/p>\n<p>Nach den Napoleonischen Kriegen und der Neuordnung Europas am Wiener Kongress blieb es f\u00fcr etwa 30 Jahre ruhig an den Tiroler Landesgrenzen. Das \u00e4nderte sich mit dem italienischen <em>Risorgimento<\/em>, der Nationalbewegung unter F\u00fchrung Sardinien-Piemonts und Frankreichs. 1848, 1859 und 1866 kam es zu den sogenannten <em>Italienischen Einigungskriegen<\/em>. Im Lauf des 19. Jahrhunderts, sp\u00e4testens seit 1848, war es unter jungen M\u00e4nnern der Oberschicht in ganz Europa zu einem regelrechten nationalen Rausch gekommen. Freiwilligenheere schossen \u00fcberall aus dem Boden. Studenten und Akademiker, die sich in ihren Verbindungen zusammentaten, Turner, Sch\u00fctzen, alle wollten ihre neue Liebe zur Nation auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen und unterst\u00fctzten die offiziellen Armeen im Kampf gegen welchen Feind auch immer. Innsbruck war in dieser Zeit als Garnisonsstadt ein wichtiger Versorgungsposten. Nach dem Wiener Kongress war aus dem <em>Tiroler J\u00e4gerkorps<\/em> das\u00a0<em>k.k. Tiroler Kaiserj\u00e4gerregiment<\/em> geworden, eine Eliteeinheit, die in diesen Auseinandersetzungen zum Einsatz kam. Auch freiwillige Einheiten wie die <em>Innsbrucker Akademiker<\/em> oder die Stubaier Sch\u00fctzen k\u00e4mpften in Italien. Tausende fielen im Kampf gegen die Koalition aus dem Erzfeind Frankreich, den als besonders gottlos geltenden <em>Rothemden<\/em> unter Giuseppe Garibaldi und der Bedrohung durch das sich auf Kosten \u00d6sterreichs konstituierende K\u00f6nigreich Italien unter der F\u00fchrung der frankophilen Savoyer aus Piemont. Medien heizten die Stimmung abseits der Frontlinie auf. Die &#8222;<em>Innsbrucker Zeitung<\/em>&#8220; predigte in ihren Artikeln Kaisertreue und gro\u00dfdeutsch-tirolischen Nationalismus, wetterte gegen das Italienertum und Franzosen und pries den Mut Tiroler Soldaten.<\/p>\n<p><em>&#8222;Die starke Besetzung der H\u00f6hen am Ausgange des Valsugana bei Primolano und le Tezze gab schon oft den Innsbrucker-Akademikern I. und den Stubaiern Anla\u00df, freiwillige Ercur:sionen gegen le Tezze, Fonzago und Fastro, als auch auf das rechte Brenta-Ufer und den H\u00f6hen gegen die kleinen Lager von den Sette comuni zu machen&#8230;Am 19. schon haben die Stubaier einige Feinde niedergestreckt, als sie sich das erste mal hinunterwagten, indem sie sich ihnen entgegenschlichen&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die wohl bekannteste Schlacht der <em>Einigungskriege<\/em> fand in Solferino 1859 in der N\u00e4he des Gardasees statt. Entsetzt vom blutigen Geschehen entschloss sich Henry Durant das Rote Kreuz zu gr\u00fcnden. Der Schriftsteller Joseph Roth beschrieb das Geschehen auf den ersten Seiten seines Romans\u00a0<em>Radetzkymarsch<\/em>.<\/p>\n<p><em>\u201eIn der Schlacht bei Solferino befehligte er (Anm.: Leutnant Trotta) als Leutnant der Infanterie einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei Schritte vor sich sah er die wei\u00dfen R\u00fccken seiner Soldaten. Die erste Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und sicher des Sieges. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrunken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Besonders verlustreich f\u00fcr das Kaiserreich \u00d6sterreich war das Jahr 1866. In Italien gingen Venetien und die Lombardei verloren. Im Norden erfuhr das habsburgische Heer in der Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz eine verheerende Niederlage. Nach diesem kurzen \u201eBruderkrieg\u201c \u00fcbernahm Preu\u00dfen die F\u00fchrung im Deutschen Bund, der Nachfolgeorganisation des <em>Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation,<\/em> von den Habsburgern<em>. <\/em>Die Neuorientierung des Kaisertums \u00d6sterreich Richtung Osten bedeutete f\u00fcr Innsbruck, dass man endg\u00fcltig zu einer Stadt an der westlichen Peripherie des Reiches geworden war. Damit einher ging eine Renaissance der nationalen Idee, die vor allem im liberalen Gro\u00dfb\u00fcrgertum Innsbrucks weit verbreitet war. Die Vorliebe f\u00fcr die sogenannte <em>Gro\u00dfdeutsche L\u00f6sung<\/em>, also einer gemeinsamen Staatlichkeit mit dem Deutschen Reich anstatt der <em>k.u.k. Monarchie<\/em>, war in Innsbruck sehr stark ausgepr\u00e4gt. Wie sehr diese Deutsche Frage die Stadt spaltete, zeigte sich noch \u00fcber 30 Jahre sp\u00e4ter, als der Innsbrucker Gemeinderat dem <em>Eisernen Kanzler<\/em> Bismarck, der f\u00fcr den Bruderkrieg zwischen \u00d6sterreich und Deutschland federf\u00fchrend verantwortlich war, eine Stra\u00dfe widmen wollte. W\u00e4hrend sich kaisertreue Konservative entsetzt ob dieses Vorschlages zeigten, waren die gro\u00dfdeutschen Liberalen rund um B\u00fcrgermeister Wilhelm Greil begeistert. Nach dem Zweiten Weltkrieg half die verlorene Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz bei der \u00f6sterreichischen Argumentation von \u00d6sterreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, war man doch bereits 1866 aus einem gesamtdeutschen Staat ausgeschieden.<\/p>\n<p>Bis heute reichen die kriegerischen Auseinandersetzungen an den s\u00fcdlichen Tiroler Landesgrenzen in die Tradition und in das Stadtbild. Allj\u00e4hrlich wurden die Herz-Jesu-Feiern mit gro\u00dfem Pomp in der Presse besprochen und angek\u00fcndigt. Der Kult wurde im 19. und im fr\u00fchen 20. Jahrhundert zum explosiven Gemisch aus Aberglauben, Katholizismus und v\u00f6lkischem Nationalismus gegen alles Franz\u00f6sische und Italienische. Unz\u00e4hlige Soldaten vertrauten ihr Wohl noch im Granatenhagel des Ersten Weltkriegs dem Herzen Jesu an. Neben der Gnadenmutter Cranachs ist das Flammenherz wohl bis heute das beliebteste christliche Motiv im Tiroler Raum und prangt auf der Fassade unz\u00e4hliger H\u00e4user. Mit dem Tummelplatz, dem Milit\u00e4rfriedhof Pradl und dem Kaiserj\u00e4germuseum am Berg Isel besitzt die Stadt mehrere Erinnerungsorte an diese blutigen Konflikte, bei denen viele Innsbrucker ins Feld zogen und nicht mehr zur\u00fcckkehrten.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Der Erste Weltkrieg &#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Der Erste Weltkrieg und die Zeit danach&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53606&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Beinahe h\u00e4tte nicht Gavrilo Princip, sondern ein Innsbrucker Student die Geschicke der Welt ver\u00e4ndert. Der junge Mann prahlte 1913 vor einer Kellnerin mit seinen Pl\u00e4nen, den Thronfolger zu erschie\u00dfen, wurde aber festgenommen vor er sie in die Tat umsetzen konnte. Erst als es ein Jahr sp\u00e4ter tats\u00e4chlich zu den die Welt ver\u00e4ndernden Sch\u00fcssen in Sarajevo kam, erschien am 30. Juni ein Artikel in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> \u00fcber die Ereignisse. Welche Auswirkungen der daraufhin ausgebrochene Erste Weltkrieg auf die Welt und den Alltag der Menschen haben sollte, war nach dem Attentat auf Franz Ferdinand am 28. Juni nicht absehbar. Zwei Tage nach der Ermordung des Habsburgers in Sarajewo lasen Innsbrucker in der Zeitung aber bereits prophetisches: \u201e<em>Wir sind an einem Wendepunkte \u2013 vielleicht an dem Wendepunkte\u201c \u2013 der Geschicke dieses Reiches angelangt<\/em>\u201c. Auch in Innsbruck war die Begeisterung f\u00fcr den Krieg 1914 gro\u00df. Vom Wahlspruch der Zeit \u201e<em>Gott, Kaiser und Vaterland<\/em>\u201c angetrieben, begr\u00fc\u00dften die Menschen den Angriff auf Serbien zum allergr\u00f6\u00dften Teil einhellig. Politiker, Klerus und Presse heizten den allgemeinen Jubel an. Besonders \u201everdient\u201c machten sich bei der Kriegstreiberei die beiden Theologen Joseph Seeber (1856 \u2013 1919) und Anton M\u00fcllner alias <em>Bruder Willram<\/em> (1870 \u2013 1919), die mit ihren Predigten und Schriften wie \u201e<em>Das blutige Jahr<\/em>\u201c den Krieg zu einem Kreuzzug gegen Frankreich und Italien erhoben. Neben dem kaiserlichen Appell \u201e<em>An meine V\u00f6lker<\/em>\u201c, der in allen Medien des Reiches erschien, druckten die <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> am 29. Juli, dem Tag nach der Kriegserkl\u00e4rung \u00d6sterreich-Ungarns an Serbien, einen Artikel rund um die Einnahme Belgrads durch Prinz Eugen im Jahr 1717. Der Ton in den Medien war feierlich, wenn auch nicht ganz ohne b\u00f6se Vorahnung auf das, was kommen sollte.<\/p>\n<p><em>\u201eDer Appell des Kaisers an seine V\u00f6lker wird tief ergreifen. Der innere Hader ist verstummt und die Spekulationen unserer Feinde aus Unruhen und \u00e4hnliche Dinge sind j\u00e4mmerlich zu Schanden geworden. In alter und vielbew\u00e4hrter Treue stehen vor allem auch diesmal die Deutschen zu Kaiser und Reich: auch diesmal bereit, mit ihrem Blute f\u00fcr Dynastie und Vaterland einzustehen. Wir gehen schweren Tagen entgegen; niemand kann auch nur ahnen, was uns das Schicksal bescheiden wird, was es Europa, was es der Welt bescheiden wird. Wir k\u00f6nnen nur mit unserem alten Kaiser auf unsere Kraft und auf Gott vertrauen und die Zuversicht hegen, da\u00df, wenn wir einig find und zusammenhalten, uns der Sieg beschieden sein mu\u00df, denn wir wollten den Krieg nicht und unsere Sache ist die der Gerechtigkeit!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Viele Innsbrucker meldeten sich freiwillig f\u00fcr den Feldzug gegen Serbien, von dem man dachte, er w\u00e4re eine Angelegenheit weniger Wochen oder Monate. Von au\u00dferhalb der Stadt kam eine so gro\u00dfe Anzahl an Freiwilligen zu den Stellungskommissionen, dass Innsbruck beinahe aus allen N\u00e4hten platzte. Wie anders es kommen sollte, konnte keiner ahnen. Schon nach den ersten Schlachten im fernen Galizien war klar, dass es keine Sache von Monaten werden w\u00fcrde. Kaiserj\u00e4ger und andere Tiroler Truppen wurden regelrecht verheizt. Schlechte Ausr\u00fcstung, mangelnder Nachschub und die katastrophale des Oberkommandos unter Konrad von H\u00f6tzendorf brachten Tausenden den Tod oder in Kriegsgefangenschaft, wo Hunger, Misshandlung und Zwangsarbeit warteten. 1915 trat 0 Italien an der Seite Frankreichs und Englands in den Krieg ein. Im ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Geheimvertrag von London wurden dem jungen K\u00f6nigreich f\u00fcr die Unterst\u00fctzung im Kampf gegen die Mittelm\u00e4chte Deutschland und \u00d6sterreich von Seiten der Entente gro\u00dfz\u00fcgige Gebietsgewinne versprochen. Am 23. Mai erkl\u00e4rte der ehemalige Verb\u00fcndete dem Habsburgerreich den Krieg. Bis zur Verlegung der regul\u00e4ren Truppen von der Ostfront hing die Landesverteidigung an den Standsch\u00fctzen, einer Truppe, die aus M\u00e4nnern unter 21, \u00fcber 42 oder mit Untauglichkeitsattest f\u00fcr den regul\u00e4ren Milit\u00e4rdienst bestand. Die Opferzahlen waren dementsprechend hoch. Vom Ortler im Westen \u00fcber den n\u00f6rdlichen Gardasee bis zu den Sextener Dolomiten fanden die Gefechte des Gebirgskriegs statt. Innsbruck war nicht direkt von den Kampfhandlungen betroffen. Zumindest h\u00f6ren konnte man das Kriegsgeschehen aber bis in die Landeshauptstadt, wie in der Zeitung vom 7. Juli 1915 zu lesen war:<\/p>\n<p><em>\u201eBald nach Beginn der Feindseligkeiten der Italiener konnte man in der Gegend der Serlesspitze deutlich Kanonendonner wahrnehmen, der von einem der Kampfpl\u00e4tze im S\u00fcden Tirols kam, wahrscheinlich von der Vielgereuter Hochebene. In den letzten Tagen ist nun in Innsbruck selbst und im Nordosten der Stadt unzweifelhaft der Schall von Gesch\u00fctzdonner festgestellt worden, einzelne starke Schl\u00e4ge, die dumpf, nicht rollend und t\u00f6nend \u00fcber den Brenner her\u00fcberklangen. Eine T\u00e4uschung ist ausgeschlossen. In Innsbruck selbst ist der Donner der Kanonen schwerer festzustellen, weil hier der L\u00e4rm zu gro\u00df ist, es wurde aber doch einmal abends ungef\u00e4hr um 9 Uhr, als einigerma\u00dfen Ruhe herrschte, dieser unzweifelhafte von unseren M\u00f6rsern herr\u00fchrender Donner geh\u00f6rt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Front war zwar weit von Innsbruck entfernt, der Krieg drang aber auch ins zivile Leben ein. Diese totale Einbeziehung der gesamten Gesellschaft ins Geschehen war ein neues Ph\u00e4nomen. Durch die Massenmobilmachung eines gro\u00dfen Teils der arbeitenden m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung kamen viele Betriebe zum vollkommenen Stillstand. Regale in Gesch\u00e4ften blieben leer, der \u00f6ffentliche Verkehr kam zum Erliegen, Handwerker und Arbeiter waren zum Milit\u00e4rdienst verpflichtet. Unternehmen, die noch produzieren konnten, wurden der Kriegswirtschaft untergeordnet. Im <em>Hungerwinter<\/em> 1917 war die Innsbrucker Wirtschaft beinahe g\u00e4nzlich zusammengebrochen. Lebensmittel, Kohle und Brennholz fehlten, Hunger und K\u00e4lte wurden in der Stadt zu erbitterten Feinden von Frauen, Kindern, Verwundeten und nicht Kriegstauglichen. Die Versorgung erfolgte in den letzten Kriegsjahren \u00fcber Bezugsscheine. 500 g Fleisch, 60 g Butter und 2 kg Kartoffel waren die Basiskost pro Person \u2013 pro Woche, wohlgemerkt. Auf Archivbildern kann man die langen Schlangen verzweifelter und hungriger Menschen vor den Lebensmittell\u00e4den sehen. Immer wieder kam es zu Protesten und Streiks. Politiker, Gewerkschafter, Arbeiter und Kriegsheimkehrer sahen ihre Chance auf Umbruch gekommen. Unter dem Motto <em>Friede, Brot und Wahlrecht <\/em>vereinten sich unterschiedlichste Parteien im Widerstand gegen den Krieg. Auch das Stadtbild ver\u00e4nderte sich. In der H\u00f6ttinger Au wurden Baracken zur Unterbringung von Kriegsgefangenen errichtet. Verwundetentransporte brachten eine so gro\u00dfe Zahl Verletzter, dass viele eigentlich zivile Geb\u00e4ude wie die sich gerade im Bau befindliche Universit\u00e4tsbibliothek oder Schloss Ambras in Milit\u00e4rspit\u00e4ler umfunktioniert wurden. Ein Vorg\u00e4nger der Stra\u00dfenbahnlinie 3 wurde eingerichtet, um die Verwundeten vom Bahnhof ins neue Garnisonsspital, die heutige Conradkaserne in Pradl, bringen zu k\u00f6nnen. Um der gro\u00dfen Zahl an Gefallenen Herr zu werden, wurde der Milit\u00e4rfriedhof Pradl angelegt.<\/p>\n<p>Mit dem Kriegsende r\u00fcckte auch die Front n\u00e4her. Im Februar 1918 schaffte es die italienische Luftwaffe, drei Bomben auf Innsbruck abzuwerfen. In der Neuen Freien Presse wurde erstmals \u00fcber den Geheimvertrag von London berichtet, was die Nervosit\u00e4t der Tiroler ob der drohenden Gebietsverluste s\u00fcdlich des Brenners anstachelte. Zu dieser Zeit war den meisten Menschen schon klar, dass der Krieg verloren war, und welches Schicksal Tirol erwarten w\u00fcrde, wie dieser Artikel vom 6. Oktober 1918 zeigt:<\/p>\n<p>\u00a0\u201e<em>Aeu\u00dfere und innere Feinde w\u00fcrfeln heute um das Land Andreas Hofers. Der letzte Wurf ist noch grausamer; sch\u00e4ndlicher ist noch nie ein freies Land geschachert worden. Das Blut unserer V\u00e4ter, S\u00f6hne und Br\u00fcder ist umsonst geflossen, wenn dieser sch\u00e4ndliche Plan Wirklichkeit werden soll. Der letzte Wurf ist noch nicht getan. Darum auf Tiroler, zum Tiroler Volkstag in Brixen am 13. Oktober 1918 (n\u00e4chsten Sonntag). Deutscher Boden mu\u00df deutsch bleiben, Tiroler Boden mu\u00df tirolisch bleiben. Tiroler entscheidet selbst \u00fcber Eure Zukunft!<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Am 4. November vereinbarten \u00d6sterreich-Ungarn und das K\u00f6nigreich Italien schlie\u00dflich einen Waffenstillstand. Das Recht, Gebiete der Monarchie zu besetzen, war ein Teil des Abkommens. Bei den Verb\u00fcndeten im Deutschen Reich schrillten die Alarmglocken. Bereits am n\u00e4chsten Tag r\u00fcckten bayerische Truppen in Innsbruck ein. Deutschland befand sich noch im Krieg mit Italien und hatte Angst, die Front k\u00f6nnte nach Nordtirol und damit n\u00e4her an das eigene Territorium verlegt werden. Zum gro\u00dfen Gl\u00fcck f\u00fcr Innsbruck und die Umgebung kapitulierte aber auch Deutschland eine Woche sp\u00e4ter am 11. November. So blieben die gro\u00dfen Kampfhandlungen zwischen regul\u00e4ren Armeen au\u00dfen vor.<\/p>\n<p>Trotzdem war Innsbruck in Gefahr. Gewaltige Kolonnen an milit\u00e4rischen Kraftfahrzeugen, Z\u00fcge voller Soldaten und tausende ausgezehrte Soldaten, die sich zu Fu\u00df auf den Heimweg von der Front machten, passierten die Stadt. Wer konnte, sprang auf einen der \u00fcberf\u00fcllten Z\u00fcge oder auf ein Auto, um die Front hinter sich zu lassen und nach Hause zu kommen. Im November 1918 kamen mehr als 270 Soldaten bei diesen waghalsigen Man\u00f6vern ums Leben oder mussten in eines der Lazarette der Stadt eingeliefert werden. Die Stadt musste nicht nur die eigenen B\u00fcrger in Zaum halten, die Verpflegung garantieren, sondern sich auch vor Pl\u00fcnderungen sch\u00fctzen. Um die \u00f6ffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, bildete der Tiroler Nationalrat am 5. November eine Volkswehr aus Sch\u00fclern, Studenten, Arbeitern und B\u00fcrgern. Am 23. November 1918 besetzten italienische Truppen die Stadt und das Umland. In Tirol waren \u00fcber 80.000 italienische Soldaten stationiert, etwa 5000 mussten Unterschlupf in der ausgehungerten und elenden Stadt finden. Schulen wurden zu Kasernen. Der beschwichtigende Aufruf an die Innsbrucker von B\u00fcrgermeister Greil, die Stadt ohne Aufruhr zu \u00fcbergeben, hatte Erfolg. Es kam zwar zu vereinzelten Ausschreitungen, Hungerkrawallen und Pl\u00fcnderungen, bewaffnete Auseinandersetzungen mit den Besatzungstruppen oder gar eine bolschewistische Revolution wie in M\u00fcnchen gab es aber nicht.<\/p>\n<p>Die Bilanz des ersten Weltkriegs war verheerend f\u00fcr die Innsbrucker Bev\u00f6lkerung. Mehr als 1200 verloren auf den Schlachtfeldern und in Lazaretten ihr Leben, etwa 600 wurden verwundet. Erinnerungsorte an den Ersten Weltkrieg und seine Opfer finden sich in Innsbruck vor allem an Kirchen und Friedh\u00f6fen. Das Kaiserj\u00e4germuseum am Berg Isel zeigt Uniformen, Waffen und Bilder des Schlachtgeschehens. Den beiden Theologen Anton M\u00fcllner und Josef Seeber sind in Innsbruck Stra\u00dfennamen gewidmet. Auch nach dem Oberbefehlshaber der k.u.k Armee an der S\u00fcdfront, Erzherzog Eugen, wurde eine Stra\u00dfe benannt. Vor dem Hofgarten befindet sich ein Denkmal f\u00fcr den erfolglosen Feldherren. An die italienische Besatzung erinnert der \u00f6stliche Teil des Amraser Milit\u00e4rfriedhofs.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53753&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Politisch motivierte Gewalt pr\u00e4gte \u00d6sterreich neben Hunger und Wohnungsnot in den 1920er und 1930er Jahren. Die beiden gro\u00dfen Volksparteien der jungen Republik, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich feindselig gegen\u00fcber. Beide Parteien bauten paramilit\u00e4rische Bl\u00f6cke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Stra\u00dfe mit Gewalt zu untermauern. Der <em>Republikanische Schutzbund<\/em> auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte <em>Heimwehren<\/em>, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie B\u00fcrgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktion\u00e4re beider Seiten hatten im Krieg an der Front gek\u00e4mpft und waren dementsprechend militarisiert. Die <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> konnte mit Unterst\u00fctzung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zur\u00fcckgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gr\u00fcndung der Republik, marschierten am ersten gesamt\u00f6sterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrm\u00e4nner durch die Stadt, um ihre \u00dcberlegenheit am h\u00f6chsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anh\u00e4nger gewinnen. 1932 z\u00e4hlte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Ber\u00fcchtigt wurde die sogenannte <em>H\u00f6ttinger Saalschlacht<\/em> vom 27. Mai 1932. H\u00f6tting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser <em>roten<\/em> Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof <em>Goldener B\u00e4r<\/em>, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf mit \u00fcber 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.<\/p>\n<p>Nach diesen b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Jahren setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfu\u00df (1892 \u2013 1934) durch. Sein Ziel war die Errichtung des sogenannten <em>\u00d6sterreichischen St\u00e4ndestaats<\/em>, heute besser bekannt unter dem Begriff Austrofaschismus. Der gesamte Staatsapparat wurde analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der <em>Vaterl\u00e4ndischen Front<\/em> geeint werden: Antisozialistisch, autorit\u00e4r, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Nicht wenige Menschen waren froh, dass das Parlament und der Mehrparteienstaat durch einen starken Mann ersetzt wurde, der Ruhe und Ordnung versprach. In Innsbruck kam es w\u00e4hrend dieses in vielen St\u00e4dten \u00d6sterreichs teils blutigen Umsturzes zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. M\u00e4rz wurde das Parteihaus der <em>Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol<\/em> im <em>Hotel Sonne<\/em> ger\u00e4umt. Der Anf\u00fchrer des <em>Republikanischen Schutzbundes<\/em> Gustav Kuprian wurde wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen des Schutzbundes entwaffnet. Die <em>Tiroler Wochenzeitung<\/em> wurde als Parteiorgan gegr\u00fcndet. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt. Die bis dato stark vertretenen Sozialdemokraten wurden aus der Stadtregierung entfernt. Dollfu\u00df war in Tirol \u00fcberaus popul\u00e4r, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg w\u00e4hrend einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am n\u00e4chsten kam. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler B\u00fcrgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot f\u00fcr die Habsburger aufheben zu lassen. Diese Politik wurde von der katholischen Kirche unterst\u00fctzt und schaffte es bis in die Verfassung von 1934: \u201e<em>Im Namen Gottes, des Allm\u00e4chtigen, von dem alles Recht ausgeht, erh\u00e4lt das \u00f6sterreichische Volk f\u00fcr seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf st\u00e4ndischer Grundlage diese Verfassung.\u201c <\/em>Die Bindung an die Kirche verschaffte der Regierung Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die <em>Vaterl\u00e4ndische Front<\/em> mit ihren paramilit\u00e4rischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdr\u00fcckung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zur\u00fcck. Mutma\u00dfliche und echte Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert, die Artikel glorifizierten das l\u00e4ndliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterst\u00fctzt. Schulen wurden nach Geschlechtern getrennt und auch die Lehrpl\u00e4ne unterschieden sich, Hausarbeit f\u00fcr die M\u00e4dchen, vormilit\u00e4rische Erziehung f\u00fcr die Buben. Die Kulturpolitik grenzte sich bewusst vom nationalsozialistischen, antiklerikalen Nachbarn im Norden ab. Theater und Musik sollten \u00d6sterreich als den \u201ebesseren und zivilisierteren\u201c deutschen Staat zeigen.<\/p>\n<p>Der <em>Austrofaschismus<\/em> sorgte aber, wenn \u00fcberhaupt, nur kurz f\u00fcr Ruhe und Ordnung. Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Kanzler Dollfu\u00df ums Leben kam. Hitler, der die Anschl\u00e4ge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich zun\u00e4chst offiziell vom Geschehenen, was den geplanten Umsturz im Keim erstickte. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle \u00fcber die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. In Innsbruck wurde im Gedenken an den zum M\u00e4rtyrer stilisierten ermordeten Bundeskanzler auf \u201e<em>Verf\u00fcgung des Regierungskommiss\u00e4rs der Landeshauptstadt Tirols\u201c<\/em> der Platz vor dem Theater, wo er sich noch zwei Wochen zuvor mit Richard Steidl getroffen hatte, zum <em>Dollfu\u00dfplatz<\/em> umgetauft. Sein Nachfolger an der Staatsspitze war mit Kurt Schuschnigg (1897 \u2013 1977) ein geb\u00fcrtiger Tiroler. Der Kriegsveteran aus alt\u00f6sterreichischem Kleinadel war Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung <em>Austria<\/em>. 1930 hatte der als Rechtsanwalt t\u00e4tige Parlamentarier Schuschnigg die <em>Ostm\u00e4rkische Sturmschar<\/em> gegr\u00fcndet, eine katholisch und antisemitisch gepr\u00e4gte paramilit\u00e4rische Einheit, die das Gegengewicht zu den radikaleren <em>Heimwehrgruppen<\/em> bildeten. Als Unterrichtsminister und Justizminister war er ma\u00dfgeblich f\u00fcr den gesellschaftlichen Rechtsruck im St\u00e4ndestaat mitverantwortlich, unter anderem f\u00fchrte er die Todesstrafe wieder ein. F\u00fcr die Innsbrucker Bev\u00f6lkerung \u00e4nderte sich unter dem neuen Kanzler wenig an der Alltagsmisere. Wirtschaftlich konnte der St\u00e4ndestaat das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumrei\u00dfen. Die staatlichen Investitionen in gro\u00dfe Infrastrukturprojekte kamen nach der Wirtschaftskrise 1931 zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschr\u00e4nkung der sozialen F\u00fcrsorge, die zu Beginn der <em>Ersten Republi<\/em>k eingef\u00fchrt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als \u201e<em>Ausgesteuerte<\/em>\u201c ausgeschlossen. Die Armut lie\u00df die Kriminalit\u00e4tsrate ansteigen, \u00dcberf\u00e4lle, Raube und Diebst\u00e4hle waren an der Tagesordnung. Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bem\u00fchungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem gro\u00dfen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation f\u00fcr viele Menschen prek\u00e4r. Eisenbahn, Industrialisierung, Fl\u00fcchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des M\u00f6glichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweith\u00f6chste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise f\u00fcr Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter h\u00e4ufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnbl\u00f6cke und Obdachlosenunterk\u00fcnfte wie das <em>Wohnheim f\u00fcr Arbeiter<\/em> in der Amthorstra\u00dfe im Jahr 1907 oder die <em>Herberge<\/em> in der Hunoldstra\u00dfe errichtet worden, das gen\u00fcgte aber nicht um der Situation Herr zu werden.<\/p>\n<p>In diesem Klima aus gesellschaftlicher Diktatur und wirtschaftlicher Not entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackensiedlungen, gegr\u00fcndet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgeh\u00e4ngten, die im System keinen Platz fanden. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager in der H\u00f6ttinger Au westlich der Stadt diente Obdachlosen als Notunterkunft. Die bis heute bekannteste und ber\u00fcchtigtste innerst\u00e4dtische Enklave war die <em>Bocksiedlung<\/em> am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und dem sp\u00e4teren Konzentrationslager Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gr\u00fcnderinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Das falsche Parteibuch zu haben gen\u00fcgte, um im Innsbruck des St\u00e4ndestaates keinen leistbaren Wohnraum ergattern zu k\u00f6nnen, Rauth hatte als bekennender Kommunist das allerfalscheste. Sein Flo\u00df, die <em>Arche Noah<\/em>, mit dem er \u00fcber Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte am Flussufer vor dem <em>Gasthof Sandwirt,<\/em> ohne je abzulegen. Nach und nach entstand \u00f6rtlich am Rand der Stadt und sozial am Rand der Gesellschaft eine Siedlung, die von ihrem inoffiziellen B\u00fcrgermeister Johann Bock (1900 \u2013 1975) wie eine unabh\u00e4ngige Kommune geleitet wurde. Er regelte den Alltag in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier. Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges versch\u00e4rften die Wohnsituation in Innsbruck und lie\u00dfen die <em>Bocksiedlung<\/em> wachsen. Um die 50 Unterk\u00fcnfte sollen es am H\u00f6hepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafpl\u00e4tze genutzt, nachdem die letzten dort verwahrten Nationalsozialisten verlegt oder freigelassen worden waren. Die <em>Bockala<\/em> hatten einen f\u00fcrchterlichen Ruf unter den braven B\u00fcrgern der restlichen Stadt, bei aller Geschichtsgl\u00e4ttung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Oft waren es B\u00fcrger, die durch das System fielen, die sich in der <em>Bocksiedlung<\/em> niederlie\u00dfen. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren k\u00f6rperliche Gewalt und Kleinkriminalit\u00e4t an der Tagesordnung. \u00dcberm\u00e4\u00dfiger Alkoholkonsum war g\u00e4ngige Praxis. Asphaltierte Stra\u00dfen, Kanalisation und Sanit\u00e4ranlagen gab es ebenso wenig wie eine regul\u00e4re Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prek\u00e4r, was die st\u00e4ndige Gefahr von Seuchen mit sich brachte. Ausstattung und Bauart der Behausungen waren ebenso heterogen wie ihre Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkusw\u00e4gen, Holzbaracken, Wellblechh\u00fctten, Ziegel- und Betonh\u00e4user. Innerhalb der Bocksiedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten H\u00e4user und W\u00e4gen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden unter Johann Bock sogar ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgerg\u00e4rten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan. Fixe Grenzen gab es keine, <em>Bockala<\/em> zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status. \u00a0<\/p>\n<p>Der Anfang vom Ende der <em>Bocksiedlung<\/em> waren die Olympischen Spielen 1964 und ein Brand in der Siedlung im Jahr zuvor. Eine Urban Legend behauptet, das Feuer sei vom Magistrat gelegt worden, um die R\u00e4umung des Viertels zu beschleunigen und den Bau des <em>Olympischen Dorfes<\/em> zu erm\u00f6glichen. 1967 verhandelten B\u00fcrgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erz\u00e4hlungen nach in alkoholgeschw\u00e4ngerter Atmosph\u00e4re, \u00fcber das weitere Vorgehen und Entsch\u00e4digungen seitens der Gemeinde f\u00fcr die R\u00e4umung. Bis zum faktischen Ende sollte es aber dauern. Erst 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer M\u00e4ngel unter Zwang verlassen. Viele <em>Bockala<\/em> wurden in st\u00e4dtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und dem neu errichteten <em>O-Dorf<\/em> umgesiedelt. Die Sitten der <em>Bocksiedlung<\/em> lebten dort unter neuer Adresse noch einige Jahre fort, was zu einem guten Teil bis heute den schlechten Ruf dieser Stadtviertel ausmacht. Weniger gut verankert im Ged\u00e4chtnis vieler Innsbrucker als die Legenden der Bocksiedlung ist die Zwischenkriegszeit, dabei ist diese Periode oft noch mehr Teil der Alltagskultur als wir wahrnehmen. In Kirchen wie in St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens sind Bilder mit Dollfu\u00df als Besch\u00fctzer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverb\u00e4nde, Rettungsgesellschaften und Alpinverb\u00e4nde, deren Wurzeln in diese Zeit zur\u00fcckreichen. Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und m\u00fchsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv f\u00fcr das Buch \u201e<em>Bocksiedlung. Ein St\u00fcck Innsbruck<\/em>\u201c des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Josef-Hirn-Stra\u00dfe<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":57892,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[36,61,62,83,172,167,87],"tags":[],"class_list":["post-57859","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1796-1866-vom-herzen-jesu-bis-koeniggraetz","category-das-jahr-1848-und-die-industrialisierung","category-der-erste-weltkrieg-und-die-zeit-danach","category-die-zeit-des-austrofaschismus","category-innsbrucker-kulturkampf-und-die-affare-wahrmut","category-universitatsstadt-innsbruck","category-wilten-sieglanger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=57859"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57859\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":70895,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57859\/revisions\/70895"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/57892"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=57859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=57859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=57859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}