{"id":62529,"date":"2025-03-12T08:39:03","date_gmt":"2025-03-12T08:39:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=62529"},"modified":"2026-03-25T09:09:25","modified_gmt":"2026-03-25T09:09:25","slug":"leopoldstrase-wiltener-platzl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/leopoldstrase-wiltener-platzl\/","title":{"rendered":"Leopoldstra\u00dfe &amp; Wiltener Platzl"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Leopoldstra\u00dfe &amp; Wiltener Platzl<\/h2>\n<p>Leopoldstra\u00dfe<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_image src=&#8220;https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/5C7A62CA-BCC0-4F9B-AA2F-74C9C3E6CEA5.jpeg&#8220; alt=&#8220;Karwendelbr\u00fccke Innsbruck&#8220; title_text=&#8220;Karwendelbr\u00fccke Innsbruck&#8220; disabled_on=&#8220;on|on|on&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; disabled=&#8220;on&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_image][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;62546,60844,59182,61615,57232&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Wiltener Platzl&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62536&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Leopoldstra\u00dfe &#038; Wiltener Platzl&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62532&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<p>Das <em>Wiltener Platzl<\/em>, heute beliebter Treffpunkt f\u00fcr Innsbrucks Jugend und Studentenschaft, hat seine Wurzeln, wenn man so will, in der R\u00f6mischen Antike. An der Ecke Leopoldstra\u00dfe \/ Dr.-Karl-von-Grabmayr-Stra\u00dfe erinnert ein Wandbild aus den 1950er Jahren an das r\u00f6mische Milit\u00e4rlager Veldidena, das direkt an der Auffahrt zur <em>Via Raetia<\/em> Richtung Brenner lag. Vier m\u00e4chtige Wacht\u00fcrme und eine \u00fcber 2 m dicke Mauer begrenzten die Burg, in der mehr als 500 Soldaten stationiert waren. \u00dcber den Verkehrsweg hielt ein neuer Lifestyle Einzug im Inntal. Rund um das Milit\u00e4rlager entstand ein Handelsst\u00fctzpunkt, ein Dorf mit Schenke, Waffenschmideden, Ziegeleien und Handwerk. Das Land rund um Veldidena musste gerodet werden f\u00fcr die Nutztiere. Ausr\u00fcstung und Kleidung mussten hergestellt und repariert werden, die M\u00e4nner verpflegt und unterhalten.\u00a0 Auch die bajuwarische Landnahme hielt das Wachstum des Dorfes rund um das Stift Wilten mit seinem Zentrum beim heutigen <em>Gasthof Haymon<\/em> nicht auf. <em>Wiltein<\/em> bestand laut dem Urbar des Stifts aus dem gro\u00dfen Meierhof, 2 M\u00fchlen, 12 Bauernh\u00f6fen, 5 Fronlehen, 30 kleinen H\u00e4uschen und ein <em>Preuhaus<\/em>, in dem das Bier f\u00fcr das fr\u00f6hliche Klosterleben produziert wurde. Lange bevor die Innsbrucker Hauptverkehrsachse S\u00fcdring ab den 1960er Jahren gnadenlos das Stadtgebiet durchschnitt, entwickelte sich entlang der Leopoldstra\u00dfe zwischen der Glockengie\u00dferei Gra\u00dfmayr und der Triumphpforte eine Art mittelalterlicher <em>Speckg\u00fcrtel<\/em>. Am <em>Unteren Dorfplatz<\/em> entstand schon im Mittelalter ein zweites Ortszentrum. Anfang des 17. Jahrhunderts z\u00e4hlte das Dorf 80 H\u00e4user und stattliche 600 Einwohner. 1775 war Wilten bis zur heutigen Leopoldstra\u00dfe 22 gewachsen. 56 Stadth\u00e4user und 80 Landwirtschaften, dazu f\u00fcnf Gasth\u00e4user und sieben Adelssitze beheimateten circa 1000 Menschen. W\u00e4hrend im Stift und dem <em>Leuthaus<\/em> die Administration des Dorfes, der Pfarren und L\u00e4ndereien des Klosters beheimatet waren, spielte sich hier, wo heute <em>Wiltener Platzl<\/em> und <em>Kaisersch\u00fctzenplatz<\/em> sind, das wirtschaftliche und zivile Leben ab. H\u00e4ndler und Reisende zogen von der Brennerstra\u00dfe nach Innsbruck, um an der Zollstation bei der Triumphpforte ihren Obolus abzuliefern. Aus den Bauernh\u00e4usern, die sich rund um den Dorfbrunnen angesiedelt hatten, entwickelten sich entlang dieser Hauptverkehrsader im Lauf der Zeit b\u00fcrgerliche Wohnh\u00e4user, Adelssitze, Handwerksbetriebe und Gesch\u00e4fte. Die Vielfalt der architektonischen Stile zeugt bis heute vom lebhaften Treiben durch die Jahrhunderte. Das Haus Leopoldstra\u00dfe 27 beheimatete sp\u00e4testens seit 1428 einen Hufschmied. Gemeinsam mit Hausnummer 25 bildet es ein wunderbares Beispiel f\u00fcr Wohnh\u00e4user der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts und die Architektur des Biedermeier. Nicht nur erzeugte die wirtschaftlich karge Zeit nach den Napoleonischen Kriegen eine Flaute in der Baubranche, viele der wenig ansehnlichen Geb\u00e4ude dieser Zeit wurden vom Furor des Historismus nach 1880 hinweggefegt. Gar bis ins 12. Jahrhundert zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst sich der Kern des gegen\u00fcberliegenden Hauses in der Leopoldstra\u00dfe 30 und 32. Wo sich heute eine Modeboutique und Wohnungen befinden, konnten H\u00e4ndler vor der Stadtgrenze Innsbrucks ihre Waren im <em>Materialisten Ladele<\/em> abladen und so die an der Zollstation zu erwartende Belastung verringern. Das mit barocken Malereien geschm\u00fcckte, quadratische Geb\u00e4ude in der heutigen Liebeneggstra\u00dfe 2 entwickelte sich gemeinsam mit dem <em>Welsbergschl\u00f6ssl<\/em> in der Leopoldstra\u00dfe 35 im 15. Jahrhundert vom Bauernhof zum <em>Ansitz Liebenegg<\/em>. 1601 wurden die beiden H\u00e4user als Freisitz best\u00e4tigt, zu dem auch ein Bauernhaus mit Anger geh\u00f6rte. 1824 lie\u00df der k.k. Gubernialregistrator den <em>Ansitz Liebenegg<\/em> auf vier Stockwerke erh\u00f6hen und in ein Mietshaus umbauen. Das prunkvolle Herrenhaus in der Leopoldstra\u00dfe 22 ist als <em>Steidlevilla<\/em> bekannt. Der Bau geht in seinem Kern auf das 17. Jahrhundert zur\u00fcck, wurde im 19. Jahrhundert aber vom Adelsansitz ganz im Stil der b\u00fcrgerlichen Bauwut in eine neoklassizistische Villa verwandelt. Namensgeber war der Mitgr\u00fcnder des <em>Bundes der Tiroler Antisemiten<\/em> und Tiroler Heimwehrf\u00fchrer Richard Steidle. Hier ereignete sich in den politischen Wirren der Zwischenkriegszeit eine True Crime Story in Form eines politischen Attentats. Steidler wurde vor seiner Villa 1933 vom deutschen Nationalsozialisten Werner von Alversleben angeschossen und schwer verwundet. \u00a0Etwas weiter Richtung Innenstadt befindet sich eines der urigsten Innsbrucker Gasth\u00e4user. 1901 er\u00f6ffneten die Trentiner Heinrich und Maria Steneck das <em>Weinrestaurant Steneck<\/em>. Das Lokal war besonders bei der italienischsprachigen Bev\u00f6lkerung Innsbrucks beliebt. Den Innsbruckern waren die <em>Wallschen<\/em> zwar lange nicht genehm, die au\u00dfergew\u00f6hnlich gute Gastronomie wurde trotzdem gerne angenommen. Sowohl der sp\u00e4tere italienische Ministerpr\u00e4siden Alcide de Gasperi als junger Student an der Universit\u00e4t Innsbruck wie auch Benito Mussolini sollen hier w\u00e4hrend ihrer Zeit in Innsbruck Spezialit\u00e4ten und Wein aus ihrer Heimat genossen haben, bevor sie die Geschicke Europas mitbestimmten. Generationen von Innsbruckern haben im <em>Stenni<\/em>, wie das mittlerweile in die Jahre gekommene Lokal liebevoll genannt wird, Schnitzel, W\u00fcrstel und Pommes zu leistbaren Preisen genossen. Als Heinrich Steneck am 22. Dezember 1953 das Zeitliche segnete, nahmen die Innsbrucker Nachrichten im Namen der ganzen Stadt r\u00fchrend Abschied vom Gr\u00fcnder dieser Innsbrucker Institution.<\/p>\n<p>Der steigende Verkehr seit den 1980ern nahm dem ehemaligen Dorfzentrum seinen Charme. Erst mit der j\u00fcngsten Neugestaltung des <em>Wiltener Platzls<\/em> ist es gelungen, diesem geschichtstr\u00e4chtigen Platz wieder zu attraktiveren. Der modern angelegte Dorfplatz mit Brunnen und Sitzgelegenheit wird als Treffpunkt von Anwohnern und Spazierg\u00e4ngern dankend angenommen. Zwischen den beiden Geb\u00e4uden des Ansitz Liebenegg befindet sich heute das moderne Geb\u00e4ude, in dem der Stadtteiltreff Wilten, ein Angebot der <em>Innsbrucker Sozialen Dienste<\/em> untergebracht ist. Ihre Tradition als Handelszentrum au\u00dferhalb der Innenstadt setzen die Leopoldstra\u00dfe und das <em>Wiltener Platzl<\/em> bis heute fort. Anders als andere Hauptstra\u00dfen der Randviertel florieren hier Gesch\u00e4fte aller Art. Boutiquen, Ateliers und andere kleine Shops schaffen es, sich im j\u00fcngsten hippen <em>Gr\u00e4tzel<\/em> ebenso wie alteingesessene und neue Lokale am Wiltener Platzl zu behaupten.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbruck als Teil des Imperium Romanum&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#E09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#FFFFFF&#8220; closed_toggle_background_color=&#8220;#FFFFFF&#8220; icon_color=&#8220;#E09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#E09900&#8243; admin_label=&#8220;Innsbruck als Teil des Imperium Romanum&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#E09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; border_width_all=&#8220;0px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;57899&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Das Inntal war nat\u00fcrlich nicht erst mit der der r\u00f6mischen Eroberung besiedeltes Gebiet. Die als wild, r\u00e4uberisch und barbarisch beschrieben Alpenbewohner wurden von griechischen und r\u00f6mischen Schriftstellern mit dem recht diffusen Sammelbegriff \u201e<em>Raeter<\/em>\u201c tituliert. Sich selbst bezeichneten diese Menschen wahrscheinlich nicht so. Heute versteht die Forschung unter dem Begriff Raeter die Einwohner Tirols, des unteren Engadin und des Trentino, dem Gebiet der <em>Fritzens-Sanzeno Kultur<\/em>, benannt nach ihren gro\u00dfen arch\u00e4ologischen Fundorten. Zweigeschossige H\u00e4user mit Steinfundamenten gruppiert in Haufend\u00f6rfern, \u00e4hnliche Sprachidiome, Brandopferpl\u00e4tze wie der <em>Goldb\u00fchel<\/em> in Igls und Keramikfunde deuten auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund und wirtschaftlichem Austausch der Ethnien und Verb\u00e4nde zwischen Vorarlberg, dem Gardasee und Istrien hin. Auch mit anderen Volksgruppen wie den Kelten im Westen oder Etruskern im S\u00fcden gab es Funden nach zu urteilen bereits vor den r\u00f6mischen Eroberungen regen Austausch. Etruskische Schriftzeichen wurden f\u00fcr Aufzeichnungen aller Art verwendet.<\/p>\n<p>Im Bereich des heutigen Innsbrucks lebten nach r\u00f6mischer Lesart die Breonen, ein Volksstamm innerhalb der Raeter. Diese Bezeichnung hielt sich auch nach dem Untergang des <em>Imperium Romanum<\/em> bis zur bairischen Besiedlung im 9. Jahrhundert. Es gab zwar keine <em>Breonische Volksfront<\/em>, das Zitat aus <em>Life of Brian<\/em> k\u00f6nnte so aber wohl auch im vorchristlichen Innsbruck gefallen sein:<\/p>\n<p><em>\u201eMal abgesehen von der Medizin, den sanit\u00e4ren Einrichtungen, dem Schulwesen, Wein, der \u00f6ffentlichen Ordnung, der Bew\u00e4sserung, Stra\u00dfen, der Wasseraufbereitung und der allgemeinen Krankenkassen, was, frage ich euch, haben die R\u00f6mer je f\u00fcr uns getan?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ein klimatisches Ph\u00e4nomen, das als <em>R\u00f6misches Klimaoptimum<\/em> in die Geschichtsschreibung einging, machte den Bereich n\u00f6rdlich der Alpen f\u00fcr das <em>Imperium Romanum <\/em>interessant und \u00fcber die Alpen\u00fcberg\u00e4nge zug\u00e4nglich. Aus strategischer Sicht war die Eroberung ohnehin \u00fcberf\u00e4llig. Die r\u00f6mischen Truppen in Gallien im Westen und Illyrien an der Adria im Osten sollten verbunden, Einf\u00e4lle barbarischer V\u00f6lker in oberitalienische Siedlungen verhindert und Wege f\u00fcr Handel, Reisende und Milit\u00e4r ausgebaut und gesichert werden. Das Inntal als wichtiger Korridor f\u00fcr Truppenbewegungen, Kommunikation und Handel am \u00e4u\u00dferen Rand des r\u00f6mischen Wirtschaftsraums musste unter r\u00f6mische Kontrolle gebracht werden. Der Verkehrsweg zwischen dem heutigen Seefelder Sattel und dem Brennerpass existierte bereits vor der r\u00f6mischen Eroberung, war allerdings keine befestigte, moderne Stra\u00dfe, die den Anspr\u00fcchen der r\u00f6mischen Anforderungen entsprach.<\/p>\n<p>Im Jahr 15 vor der Zeitenwende eroberten die Feldherren Tiberius und Drusus, beide Stiefs\u00f6hnen Kaiser Augustus den Bereich des heutigen Innsbrucks. Drusus zog von Verona nach Trient und anschlie\u00dfend der Etsch entlang \u00fcber den Brenner ins Gebiet des heutigen Innsbrucks. Dort k\u00e4mpften die r\u00f6mischen Truppen gegen die lokal ans\u00e4ssigen Breonen. Bereits unter Augustus` Nachfolger Tiberius wurde die r\u00f6mische Administration ausgerollt. Dem Milit\u00e4r folgte die Verwaltung. Das heutige Tirol wurde am Fluss Ziller geteilt. Das Gebiet \u00f6stlich des Ziller wurde Teil der Provinz <em>Noricum,<\/em> Innsbruck hingegen wurde ein Teil der Provinz <em>Raetia et Vindelicia<\/em>. Sie reichte von der heutigen Innerschweiz mit dem Gotthardmassiv im Westen bis zum Alpenvorland n\u00f6rdlich des Bodensees, dem Brenner im S\u00fcden und eben dem Ziller im Osten. Der Ziller als Grenze hat im kirchenrechtlichen Sinn bei der Einteilung Tirols bis heute Bestand. Das Gebiet \u00f6stlich des Ziller geh\u00f6rt zum Bistum Salzburg, w\u00e4hrend Tirol westlich vom Ziller zum Bistum Innsbruck z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ob die R\u00f6mer die Siedlungen und Kultpl\u00e4tze zwischen Zirl und Wattens w\u00e4hrend ihres Eroberungsfeldzuges zerst\u00f6rten, ist unklar. Der Brandopferplatz am <em>Goldb\u00fchel<\/em> in Igls wurde nach dem Jahr 15 nicht mehr genutzt. Auch \u00fcber den Umgang mit den Eroberten sind keine pr\u00e4zisen Quellen vorhanden. Die Siedlungen der breonischen Bev\u00f6lkerung befanden sich auf den h\u00f6her gelegenen Schuttkegeln wie Amras und Wilten und oberhalb des Inntals, das ein sumpfiges Gebiet war. Die R\u00f6mer siedelten sich in der Gegend des heutigen Stiftes Wilten an. Die r\u00f6mischen Truppen griffen bei der Sicherung und Anlage der Verkehrswege mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Know-How der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung zur\u00fcck. Heute w\u00fcrde man wohl sagen, dass nach der \u00dcbernahme mit wichtigen Human Resources bed\u00e4chtig umgegangen wurde. \u00a0<\/p>\n<p>Die bald <em>Via Raetia<\/em> genannte Stra\u00dfe machte der <em>Via Claudia Augusta<\/em>, die \u00fcber den Reschen- und Fernpass Italien und Bayern verband, als wichtigsten Verkehrsweg \u00fcber die Alpen den Rang streitig. Im 3. Jahrhundert nach der Zeitenwende wurde die Brennerroute zur <em>via publica<\/em> ausgebaut. F\u00fcr schlecht ausgestattete Handelsz\u00fcge war sie in Teilen zu steil, um zur Hauptroute zu werden, der Verkehr nahm aber merklich zu und damit die Bedeutung des Wipp- und Inntals. Etwas \u00fcber f\u00fcnf Meter breit verlief sie vom Brenner bis zur Ferrariwiese oberhalb Wiltens \u00fcber den Berg Isel bis zum heutigen <em>Gasthaus Haymon<\/em>. Im Abstand von 20 bis 40 km Entfernung gab es Raststationen mit Unterk\u00fcnften, Restauration und St\u00e4llen. In Sterzing, am Brenner, in Matrei und Innsbruck entwickelten sich bei diesen r\u00f6mischen <em>Mansiones<\/em> D\u00f6rfer, in denen sich die r\u00f6mische Kultur zu etablieren begann.<\/p>\n<p>\u00dcber dieses Stra\u00dfennetz war die Siedlung und sp\u00e4ter das Milit\u00e4rlager <em>Castell Veldidena<\/em> in einen Wirtschafts- und Ideenraum von Gro\u00dfbritannien \u00fcber das Baltikum bis Nordafrika eingebunden. Die Bev\u00f6lkerung begann sich an die Gegebenheiten als Durchzugs- und Versorgungsstation anzupassen. Schmieden waren erste Schritte einer fr\u00fchen Metallverarbeitungsindustrie und auch Herbergen gr\u00fcndeten sich. Die R\u00f6mer brachten viele ihrer Kulturleistungen wie das kaiserliche M\u00fcnzwesen, Glas- und Ziegelproduktion, die lateinische Sprache, Badh\u00e4user, Thermen, Schulen und Wein mit \u00fcber den Brenner. R\u00f6misches Recht und Verwaltung hielten Einzug. \u00dcber den Milit\u00e4rdienst im r\u00f6mischen Heer konnten Menschen sozial aufsteigen. Mit einem kaiserlichen Erlass des Jahres 212 wurden die breonischen Untertanen zu r\u00f6mischen Vollb\u00fcrgern mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten. Nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion des Imperium Romanum geworden war, wurde auch der Tiroler Raum missioniert. Die bisch\u00f6fliche Verwaltung ging von Brixen in S\u00fcdtirol und Trient aus.<\/p>\n<p>Im Stadtbild ist vom r\u00f6mischen Innsbruck kaum noch etwas vorhanden. Ausstellungsst\u00fccke sind im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum zu bewundern. In verschiedenen Ausgrabungsprojekten wurden rund um das heutige Stift Wilten Grabst\u00e4tten und \u00dcberreste wie Mauern, M\u00fcnzen, Ziegel und Alltagsgegenst\u00e4nde aus der r\u00f6mischen Zeit in Innsbruck gefunden. Der Kern des <em>Leuthauses <\/em>neben dem Stift geht auf die R\u00f6merzeit zur\u00fcck. Einen der r\u00f6mischen Meilensteine der ehemaligen Hauptverkehrsader \u00fcber den Brenner kann man in der Wiesengasse in der N\u00e4he des Tivolistadions besichtigen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbrucks Industrielle Revolutionen&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Innsbrucks Industrielle Revolutionen&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;58380&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Im 15. Jahrhundert begann sich in Innsbruck eine erste fr\u00fche Form der Industrialisierung zu entwickeln. Die Metallverarbeitung florierte unter der aufsteigenden Bauwirtschaft in der boomenden Residenzstadt und der Herstellung von Waffen und R\u00fcstungen. Viele Faktoren trafen daf\u00fcr zusammen. Die verkehrsg\u00fcnstige Lage der Stadt, die Verf\u00fcgbarkeit von Wasserkraft, Innsbrucks politischer Aufstieg, das Knowhow der Handwerker und die Verf\u00fcgbarkeit von Kapital unter Maximilian erm\u00f6glichten den Aufbau von Infrastruktur. Glocken- und Waffengie\u00dfer wie die L\u00f6fflers errichteten in H\u00f6tting, M\u00fchlau und Dreiheiligen Betriebe, die zu den f\u00fchrenden Werken Europas ihrer Zeit geh\u00f6rten. Entlang des Sillkanals nutzten M\u00fchlen und Betriebe die Wasserkraft zur Energiegewinnung. Pulverstampfer und Silberschmelzen hatten sich in der Silbergasse, der heutigen Universit\u00e4tsstra\u00dfe, angesiedelt. In der heutigen Adamgasse gab es eine Munitionsfabrik, die 1636 explodierte.<\/p>\n<p>Die Metallverarbeitung kurbelte auch andere Wirtschaftszweige an. Anfang des 17. Jahrhunderts waren 270 Betriebe in Innsbruck ans\u00e4ssig, die Meister, Gesellen und Lehrlinge in Lohn und Brot hatten. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Innsbrucker war zwar noch immer in der Verwaltung t\u00e4tig, Gewerbe, Handwerk und das Geld, das sich damit verdienen lie\u00df, zogen aber eine neue Schicht von Menschen an. Es kam zu einer Umschichtung innerhalb der Stadt. B\u00fcrger und Betriebe wurden von der Beamtenschaft und dem Adel aus der Neustadt verdr\u00e4ngt. Die meisten der barocken Palazzi, die heute die Maria-Theresienstra\u00dfe schm\u00fccken, entstanden im 17. Jahrhundert w\u00e4hrend Dreiheiligen und St. Nikolaus zu Innsbrucks Industrie- und Arbeitervierteln wurden. Neben der Metallverarbeitung rund um die Silbergasse siedelten sich auch Gerber, Tischler, Wagner, Baumeister, Steinmetze und andere Handwerker der fr\u00fchen Industrialisierung hier an.<\/p>\n<p>Die Industrie \u00e4nderte nicht nur die Spielregeln im Sozialen durch den Zuzug neuer Arbeitskr\u00e4fte und ihrer Familien, sie hatte auch Einfluss auf die Erscheinung Innsbrucks. Die Arbeiter waren, anders als die Bauern, keines Herren Untertanen. Unternehmer waren zwar nicht von edlem Blut, sie hatten aber oft mehr Kapital zur Verf\u00fcgung als die Aristokratie. Die alten Hierarchien bestanden zwar noch, begannen aber zumindest etwas br\u00fcchig zu werden. Die neuen B\u00fcrger brachten neue Mode mit und kleideten sich anders. Kapital von au\u00dferhalb kam in die Stadt. Wohnh\u00e4user und Kirchen f\u00fcr die neu zugezogenen Untertanen entstanden. Die gro\u00dfen Werkst\u00e4tten ver\u00e4nderten den Geruch und den Klang der Stadt. Die H\u00fcttenwerke waren laut, der Rauch der \u00d6fen verpestete die Luft. Innsbruck war von einer kleinen Siedlung an der Innbr\u00fccke zu einer Proto-Industriestadt geworden.<\/p>\n<p>Das Wachstum wurde Ende des 18. Jahrhunderts f\u00fcr einige Jahrzehnte von den Napoleonischen Kriegen gebremst. Die zweite Welle der Industrialisierung erfolgte im Verh\u00e4ltnis zu anderen europ\u00e4ischen Regionen in Innsbruck sp\u00e4t. Ein Grund daf\u00fcr war die sp\u00e4te Etablierung eines funktionierenden Bankenwesens in der Stadt. Katholiken galten B\u00e4nker noch immer als \u201eWucherer und Borger\u201c und das Gesch\u00e4ft mit dem Geld galt als unanst\u00e4ndig. Ohne Finanzierung konnten aber auch gro\u00dfe Unternehmungen nicht gegr\u00fcndet werden. Die Tiroler Landesregierung hatte zwar 1715 die so genannte <em>Banko<\/em> gegr\u00fcndet und in der Herzog-Friedrich-Stra\u00dfe gab es die Privatbank Bederunger, erst mit der Gr\u00fcndung der ersten Filiale der Sparkasse wurde es m\u00f6glich, sein Geld nicht mehr unter dem Kopfpolster zu verwahren. Nach 1850 begann man Kredite zu vergeben, was die Gr\u00fcndung heimischer gr\u00f6\u00dferer Betriebe erm\u00f6glichte. Das <em>Kleine Handwerk<\/em>, die b\u00e4uerliche Herstellung von allerlei Gebrauchsgegenst\u00e4nden vor allem im weniger arbeitsintensiven Winter, und die ehemaligen in Z\u00fcnften organisierten Handwerksbetriebe der Stadt gerieten unter den Errungenschaften der modernen Warenherstellung unter Druck. In St. Nikolaus, Wilten, M\u00fchlau und Pradl entstanden entlang des M\u00fchlbaches und des Sillkanals moderne Fabriken. Viele innovative Betriebsgr\u00fcnder kamen von au\u00dferhalb Innsbrucks. Im heutigen Haus Innstra\u00dfe 23 gr\u00fcndete der aus der Lausitz nach Innsbrucker \u00fcbersiedelte Peter Walde 1777 sein Unternehmen, in dem aus Fett gewonnene Produkte wie Talglichter und Seifen hergestellt wurden. Acht Generationen sp\u00e4ter besteht Walde als eines der \u00e4ltesten Familienunternehmen \u00d6sterreichs noch immer. Im denkmalgesch\u00fctzten Stammhaus mit gotischem Gew\u00f6lbe kann man heute das Ergebnis der jahrhundertelangen Tradition in Seifen- und Kerzenform kaufen. Franz Josef Adam kam aus dem Vinschgau, um die bis dato gr\u00f6\u00dfte Brauerei der Stadt in einem ehemaligen Adelsansitz zu gr\u00fcnden. 1838 kam die Spinnmaschine \u00fcber die Dornbirner Firma <em>Herrburger &amp; Rhomberg <\/em>\u00fcber den Arlberg nach Pradl. <em>H&amp;R<\/em> hatte ein Grundst\u00fcck an den Sillgr\u00fcnden erworben. Der Platz eignete sich dank der Wasserkraft des Flusses ideal f\u00fcr die schweren Maschinen der Textilindustrie. Neben der traditionellen Schafwolle wurde nun auch Baumwolle verarbeitet.\u00a0<\/p>\n<p>Wie 400 Jahre zuvor ver\u00e4nderte auch die Zweite Industrielle Revolution die Stadt und den Alltag ihrer Einwohner nachhaltig. Stadtteile wie M\u00fchlau, Pradl und Wilten wuchsen rasant. Die Betriebe standen oft mitten in den Wohngebieten. \u00dcber 20 Betriebe nutzten um 1900 noch immer den Sillkanal. Die <em>Haidm\u00fchle<\/em> in der Salurnerstra\u00dfe bestand von 1315 bis 1907. In der Dreiheiligenstra\u00dfe wurde eine Textilfabrik mit der Energie des Sillkanals versorgt. Der L\u00e4rm und die Abgase der Motoren waren f\u00fcr die Anrainer die H\u00f6lle, wie ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1912 zeigt:<\/p>\n<p><em>\u201eEntr\u00fcstung ruft bei den Bewohnern des n\u00e4chst dem Hauptbahnhofe gelegenen Stadtteiles der seit einiger Zeit in der hibler\u00b4schen Feigenkaffeefabrik aufgestellte Explosionsmotor hervor. Der L\u00e4rm, welchen diese Maschine fast den ganzen Tag ununterbrochen verbreitet, st\u00f6rt die ganz Umgebung in der empfindlichsten Weise und mu\u00df die umliegenden Wohnungen entwerten. In den am Bahnhofplatze liegenden Hotels sind die fr\u00fcher so gesuchten und beliebten Gartenzimmer kaum mehr zu vermieten. Noch schlimmer als der ruhest\u00f6rende L\u00e4rm aber ist der Qualm und Gestank der neuen Maschine\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aristokraten, die sich zu lange auf ihrem Geburtsverdienst auf der faulen Haut ausruhten, w\u00e4hrend sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spielregeln \u00e4nderten, mussten ihre Anwesen an den neuen Geldadel verkaufen. Im <em>Palais Sarnthein<\/em> gegen\u00fcber der Triumphpforte, 1689 von Johann Anton Gumpp f\u00fcr David Graf Sarnthein noch als barocker Ansitz geplant, zog die Waffenfabrik und das Gesch\u00e4ft von Johann Peterlongo ein. Geschickte Mitglieder des Adelsstandes nutzten ihre Voraussetzungen und investierten Familienbesitz und Ertr\u00e4ge aus der b\u00e4uerlichen Grundentlastung von 1848 in Industrie und Wirtschaft. Der steigende Arbeitskr\u00e4ftebedarf wurde von ehemaligen Knechten und Landwirten ohne Land gedeckt. W\u00e4hrend sich die neue verm\u00f6gende Unternehmerklasse Villen in Wilten, Pradl und dem Saggen bauen lie\u00df und mittlere Angestellte in Wohnh\u00e4usern in denselben Vierteln wohnten, waren die Arbeiter in Arbeiterwohnheimen und Massenunterk\u00fcnften untergebracht. Die einen sorgten in Betrieben wie dem Gaswerk, dem Steinbruch oder in einer der Fabriken f\u00fcr den Wohlstand, w\u00e4hrend ihn die anderen konsumierten. Schichten von 12 Stunden in engen, lauten und ru\u00dfigen Bedingungen forderten den Arbeitern alles ab. Zu einem Verbot der Kinderarbeit kam es erst ab den 1840er Jahren. Frauen verdienten nur einen Bruchteil dessen, was M\u00e4nner bekamen. Die Arbeiter wohnten oft in von ihren Arbeitgebern errichteten Mietskasernen und waren ihnen mangels eines Arbeitsrechtes auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Es gab weder Sozial- noch Arbeitslosenversicherungen. Wer nicht arbeiten konnte, war auf die Wohlfahrtseinrichtungen seines Heimatortes angewiesen. Angemerkt sei, dass sich dieser f\u00fcr uns furchterregende Alltag der Arbeiter nicht von den Arbeitsbedingungen in den D\u00f6rfern unterschied, sondern sich daraus entwickelte. Auch in der Landwirtschaft waren Kinderarbeit, Ungleichheit und prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse die Regel.<\/p>\n<p>Die Industrialisierung betraf aber nicht nur den materiellen Alltag. Innsbruck erfuhr eine Gentrifizierung wie man sie heute in angesagten Gro\u00dfstadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg in Berlin beobachten kann. Der Wechsel vom b\u00e4uerlichen Leben des Dorfes in die Stadt beinhaltete mehr als einen \u00f6rtlichen Wechsel. Wie die Menschen die Verst\u00e4dterung des ehemals l\u00e4ndlichen Bereichs erlebten, l\u00e4sst uns der Innsbrucker Schriftsteller Josef Leitgeb in einem seiner Texte wissen:\u00a0<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026viel fremdes, billig gekleidetes Volk, in wachsenden Wohnblocks zusammengedr\u00e4ngt, morgens, mittags und abends die Stra\u00dfen f\u00fcllend, wenn es zur Arbeit ging oder von ihr kam, aus Werkst\u00e4tten, L\u00e4den, Fabriken, vom Bahndienst, die Gesichter oft bla\u00df und vorzeitig alternd, in Haltung, Sprache und Kleidung nichts Pers\u00f6nliches mehr, sondern ein Allgemeines, massenhaft Wiederholtes und Wiederholbares: st\u00e4dtischer Arbeitsmensch. Bahnhof und Gaswerk erschienen als Kern dieser neuen, uns\u00e4glich fremden Landschaft.\u201c<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr viele Innsbrucker kam es nach dem Revolutionsjahr 1848 und den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten zu einer Verb\u00fcrgerlichung. Geschichten, von Menschen, die mit Flei\u00df, Gl\u00fcck, Talent und etwas finanzieller Starthilfe aufstiegen, gab es immer wieder. Bekannte Innsbrucker Beispiele au\u00dferhalb der Hotellerie und Gastronomie, die bis heute existieren sind die Tiroler Glasmalerei, der Lebensmittelhandel H\u00f6rtnagl oder die Seifenfabrik Walde. Erfolgreiche Unternehmer \u00fcbernahmen die einstige Rolle der adeligen Grundherren. Gemeinsam mit den zahlreichen Akademikern bildeten sie eine neue Schicht, die auch politisch mehr und mehr Einfluss gewann. Beda Weber schrieb dazu 1851:\u00a0\u201e<em>Ihre gesellschaftlichen Kreise sind ohne Zwang, es verr\u00e4th sich schon deutlich etwas Gro\u00dfst\u00e4dtisches, das man anderw\u00e4rts in Tirol nicht so leicht antrifft.&#8220;\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Auch die Arbeiter verb\u00fcrgerlichten. War der Grundherr am Land noch Herr \u00fcber das Privatleben seiner Knechte und M\u00e4gde und konnte bis zur Sexualit\u00e4t \u00fcber die Freigabe zur Ehe \u00fcber deren Lebenswandel bestimmen, waren die Arbeiter nun individuell zumindest etwas freier. Sie wurden zwar nur schlecht bezahlt, immerhin erhielten sie aber nun ihren eigenen Lohn anstelle von Kost und Logis und konnten ihre Privatangelegenheiten f\u00fcr sich regeln ohne grundherrschaftliche Vormundschaft.\u00a0<\/p>\n<p>Die Kehrseite dieser neu gewonnen Selbstbestimmung traten vor allem in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung zu Tage. Es gab kaum staatliche Infrastruktur f\u00fcr Kranken- und Familienf\u00fcrsorge. Krankenvorsorge, Pension, Altersheime und Kinderg\u00e4rten waren noch nicht erfunden, hatte die b\u00e4uerliche Gro\u00dffamilie diese Aufgaben vielfach bis jetzt \u00fcbernommen. In den Arbeitervierteln tummelten sich unter Tags unbeaufsichtigte Kinder: Betroffen waren vor allem die kleinsten, die noch nicht unter die Schulpflicht fielen. 1834 gr\u00fcndete sich nach einem Aufruf des Tiroler Landesgubernators ein Frauenverein, der <em>Kinderverwahranstalten<\/em> in den Arbeitervierteln St. Nikolaus, Dreiheiligen und in Angerzell, der heutigen Museumstra\u00dfe, betrieb. Ziel war es nicht nur die Kinder von der Stra\u00dfe fernzuhalten und sie mit Kleidung und Nahrung zu versorgen, sondern ihnen auch Manieren, z\u00fcchtige Ausdrucksweise und tugendhaftes Verhalten beizubringen. Die W\u00e4rterinnen sorgten mit strenger Hand f\u00fcr \u201eReinlichkeit, Ordnung und Folgsamkeit\u201c daf\u00fcr, dass die Kinder zumindest ein Mindestma\u00df an F\u00fcrsorge erfuhren. Die ehemalige <em>Bewahranstalt<\/em> in der Paul-Hofhaimer-Gasse hinter dem Ferdinandeum gibt es bis heute. Der klassizistische Bau beherbergt heute den Integrationskindergarten der Caritas und einen Betriebskindergarten des Landes Tirol.\u00a0<\/p>\n<p>Innsbruck ist keine traditionelle Arbeiterstadt. Zur Bildung einer bedeutenden Arbeiterbewegung wie in Wien kam es in Tirol trotzdem nie. Innsbruck war immer schon vorwiegend Handels- und Universit\u00e4tsstadt. Zwar gab es Sozialdemokraten und eine Handvoll Kommunisten, die Zahl der Arbeiter war aber immer zu klein, um wirklich etwas zu bewegen. Maiaufm\u00e4rsche werden vom Gro\u00dfteil der Menschen maximal wegen billiger Schnitzel und Freibier besucht. Auch sonst gibt es kaum Erinnerungsorte an die Industrialisierung und die Errungenschaften der Arbeiterschaft. In der St.-Nikolaus-Gasse und in vielen Mietzinsh\u00e4usern in Wilten und Pradl haben sich vereinzelt H\u00e4user erhalten, die einen Eindruck vom Alltag der Innsbrucker Arbeiterschaft geben.\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Wallschen und die Fatti di Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Wallschen und die Fatti di Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;66473&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Vorurteile und Rassismus gegen\u00fcber Zuwanderern waren und sind in Innsbruck wie in allen Gesellschaften \u00fcblich. Egal ob syrische Fl\u00fcchtlinge seit 2015 oder t\u00fcrkische Gastarbeiter in den 1970er und 80er Jahren, das Fremde erzeugt meist wenig wohlgesonnene Animosit\u00e4ten im durchschnittlichen Tiroler. Heute m\u00f6gen Italien das liebste Reiseziel der Innsbrucker und Pizzerien Teil des gastronomischen Alltags sein, lange Zeit waren unsere s\u00fcdlichen Nachbarn die am argw\u00f6hnischsten be\u00e4ugte Bev\u00f6lkerungsgruppe. Was um 1900 dem Wiener Juden und <em>Ziegelb\u00f6hmen <\/em>waren, waren dem Tiroler die <em>Wall\u00b4schen<\/em>.<\/p>\n<p>Die Abneigung gegen\u00fcber Italienern kann in Innsbruck auf eine lange Tradition zur\u00fcckblicken. Italien als eigenst\u00e4ndigen Staat gab es zwar nicht, viele kleine Grafschaften, Stadtstaaten und F\u00fcrstent\u00fcmer zwischen dem Gardasee und Sizilien pr\u00e4gten die politische Landschaft. Auch sprachlich und kulturell unterschieden sich die einzelnen Regionen. Trotzdem begann man im Laufe der Zeit, sich als Italiener zu verstehen. W\u00e4hrend des Mittelalters und der Fr\u00fchen Neuzeit waren sie vor allem als Mitglieder der Beamtenschaft, des Hofstaates Bankiers oder gar Gattinnen diverser Landesf\u00fcrsten in Innsbruck ans\u00e4ssig. Die Abneigung zwischen <em>Italienern<\/em> und <em>Deutschen<\/em> war gegenseitig. Die einen galten wahlweise als ehrlos, unzuverl\u00e4ssig, hochn\u00e4sig, eitel, moralisch verdorben und faul, die anderen als unzivilisiert, barbarisch, ungebildet und Schweine.<\/p>\n<p>Mit den Kriegen zwischen 1848 und 1866 erreichte der Hass auf alles Italienische ein neues Hoch im <em>Heiligen Land Tirol<\/em>, obwohl viele <em>Wallsche<\/em> in der k.u.k. Armee dienten und auch die Landbev\u00f6lkerung gr\u00f6\u00dftenteils unter den italienischsprachigen Tirolern loyal zur Monarchie stand. Die Italiener unter Garibaldi galten als gottlose Aufr\u00fchrer und Republikaner und wurden von den Kirchkanzeln zwischen Kufstein und Riva del Garda sowohl auf Italienisch wie auch auf Deutsch gegei\u00dfelt.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Rolle im Konflikt spielte die Tiroler Presselandschaft, die nach der Liberalisierung 1867 einen Aufschwung erlebte. Was heute <em>Social Media<\/em> zur gesellschaftlichen Spaltung beitr\u00e4gt, \u00fcbernahmen damals Zeitungen. Konservative, Katholiken, Gro\u00dfdeutsche, Liberale und Sozialisten hatten jeweils ihre eigenen Presseorgane. Treue Leser dieser wenig neutralen Bl\u00e4tter lebten in ihrer Meinungsblase. Auf italienischer Seite ragte der im Krieg vom \u00f6sterreichischen Milit\u00e4r wegen Hochverrats am W\u00fcrgegalgen hingerichtete Sozialist Cesare Battisti (1875 \u2013 1916) heraus. Der Publizist und Politiker, der in Wien studiert hatte und deswegen vielen nicht nur als Feind, sondern als Verr\u00e4ter galt, befeuerte den Konflikt in den Zeitungen <em>Il Popolo<\/em> und <em>L\u00b4Avvenire<\/em> immer wieder mit spitzer Feder befeuerte.<\/p>\n<p>Auch Vereine spielten bei der Verh\u00e4rtung der Fronten eine tragende Rolle. 1867 war nicht nur das Pressegesetz reformiert worden, auch Vereine konnten nun einfacher gegr\u00fcndet werden. Das l\u00f6ste einen regelrechten Boom aus. Sportvereine, Turnerschaften, Theatergruppen, Sch\u00fctzen oder die <em>Innsbrucker Liedertafel<\/em> dienten oft als eine Art Vorfeldorganisation, die sich politisch verorteten und auch agitierten. Die Vereinsmitglieder trafen sich in eigenen Lokalen und veranstalteten regelm\u00e4\u00dfig Vereinsabende, vielfach auch \u00f6ffentlich. Besonders politisch aktiv und extremistisch in ihren Meinungen waren die Studentenverbindungen. Die jungen M\u00e4nner entstammten dem gehobenen B\u00fcrgertum oder der Aristokratie und waren sowohl gewohnt anzuschaffen als auch Waffen zu tragen. Ein Drittel der Studenten in Innsbruck war in einer Verbindung, davon war knapp die H\u00e4lfte deutschnational orientiert. Anders als heute war es nicht ungew\u00f6hnlich, dass sie sich in voller Wichs in ihrer Couleur, also der Uniform samt S\u00e4bel, Barett und Band in der \u00d6ffentlichkeit zeigten, nicht selten auch mit Stock und Revolver bewaffnet.<\/p>\n<p>Es wundert daher nicht, dass ihr Habitat ein besonderer Brandherd war. Einer der gr\u00f6\u00dften politischen Streitpunkte in der Autonomiedebatte bzw. dem Wunsch, sich dem K\u00f6nigreich Italien anzuschlie\u00dfen, war eine eigene italienische Universit\u00e4t. Durch den Verlust Paduas hatten italienischst\u00e4mmige Tiroler keine M\u00f6glichkeit mehr, das Studium in ihrer Muttersprache im Inland zu absolvieren. Obwohl ein Besuch der Hochschule eigentlich nur eine Angelegenheit einer kleinen Elite war, konnten irredentistische, anti-\u00f6sterreichische Tiroler Abgeordnete aus dem Trentino das Thema als Symbol f\u00fcr die angestrebte Autonomie immer wieder emotional aufladen und den Hass auf Habsburg sch\u00fcren. Die Diskussion, ob man eine Universit\u00e4t in Triest, der bevorzugte Ort der italienischsprachigen Vertreter, Innsbruck, Trient oder Rovereto anvisieren sollte, entspann sich \u00fcber Jahre hinweg. Wilhelm Greil wurde f\u00fcr sein inkorrektes Verhalten gegen\u00fcber der italienischen Bev\u00f6lkerung vom k.k. Statthalter ermahnt, waren doch alle Sprachgruppen innerhalb der Monarchie seit 1867 von Gesetz wegen gleich zu behandeln. \u00a0<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die von Deutschnationalen bef\u00fcrchtete \u00dcberfremdung durch italienische Studenten war, zeigt ein Blick in die Statistik. Fakten wurden auch damals im Diskurs oft durch Bauchgef\u00fchl und rassistisch motivierten Populismus ersetzt. Nach der Eingemeindung Pradls und Wiltens 1904 hatte Innsbruck etwas \u00fcber 50.000 Einwohner. Der Anteil der Studenten lag mit etwas \u00fcber 1000 bei unter 2%. Von den etwa 3000 italienischst\u00e4mmigen, die meisten davon <em>Welschtiroler<\/em> aus dem Trentino, waren nur etwas \u00fcber 100 an der Universit\u00e4t inskribiert. Den Gro\u00dfteil der <em>Wallschen<\/em> machten Arbeiter, Wirte, H\u00e4ndler und Soldaten aus. Viele lebten schon lange in und rund um Innsbruck. Besonders in Wilten lie\u00dfen sich viele nieder. Bald fand sich im etwas g\u00fcnstigeren Arbeiterdorf am unteren Stadtplatz eine kleine Diaspora zusammen. Anton Gutmann vertrieb in seiner Kellerei-Genossenschaft Riva in der Leopoldstra\u00dfe 30 italienische Weine, gegen\u00fcber konnte man im Gasthaus Steneck Spezialit\u00e4ten s\u00fcdlich des Brenners gut und g\u00fcnstig essen. Der \u00fcberwiegende Teil war Teil einer anderen Alltagskultur, sprach als Untertanen der Monarchie aber ausgezeichnet Deutsch, nur ein kleiner Teil kam aus Dalmatien oder Triest und war tats\u00e4chlich fremdsprachig. Auch sie gr\u00fcndeten dem Zeitgeist verpflichtet Sportvereine wie den <em>Club Ciclistico<\/em> oder die <em>Unione Ginnastica<\/em>, sozialistisch orientierte Arbeiter- und Konsumorganisationen, Musikvereine und Studentenverbindungen.<\/p>\n<p>Obwohl auch unter ihnen die Studenten nur einen geringen Teil ausmachten, wurde ihnen und der Forderung nach einem Institut mit italienisch als Pr\u00fcfungs- und Unterrichtssprache \u00fcberdurchschnittliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. Konservative und deutschnationale Politiker, Studenten und Medien sahen durch eine italienische Universit\u00e4t das Tiroler Deutschtum in Gefahr. Zu den ethnischen und rassistischen Ressentiments gegen\u00fcber den s\u00fcdl\u00e4ndischen Nachbarn kam besonders bei Katholiken auch die Angst vor Charakteren wie Cesare Battisti, der als Sozialist ohnehin das leibhaftig B\u00f6se verk\u00f6rperte. B\u00fcrgermeister Wilhelm Greil nutzte die allgemeine Feindseligkeit gegen\u00fcber italienischsprachigen Einwohnern und Studenten in \u00e4hnlich populistischer Manier wie es sein Wiener Amtskollege Karl Lueger in Wien mit der antisemitischen Stimmungsmache tat.<\/p>\n<p>Nach einigem Hin und Her wurde im September 1904 beschlossen, eine provisorische rechtswissenschaftliche Fakult\u00e4t in Innsbruck zu gr\u00fcnden. Das sollte die Studenten trennen, ohne eine der Gruppen zu vergr\u00e4men. Von Anfang an stand das Projekt aber unter keinem guten Stern. Niemand wollte der Universit\u00e4t die n\u00f6tigen R\u00e4umlichkeiten vermieten. Schlie\u00dflich stellte der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Baumeister Anton Fritz eine Wohnung in einem seiner Mietzinsh\u00e4user in der Liebeneggstra\u00dfe 8 zur Verf\u00fcgung. Bei der Antrittsvorlesung und der feierlichen Abendveranstaltung im <em>Gasthaus zum Wei\u00dfen Kreuz<\/em> am 3. November waren Promis wie Battisti oder der sp\u00e4tere italienische Ministerpr\u00e4sident Alcide de Gasperi anwesend. Je sp\u00e4ter der Abend desto ausgelassener die Stimmung. Als Schm\u00e4hrufe wie \u201e<em>Porchi tedeschi<\/em>\u201c und \u201e<em>Abbasso Austria<\/em>\u201c (Anm.: <em>Deutsche Schweine und Nieder mit \u00d6sterreich<\/em>) fielen, eskalierte die Situation. Eine mit St\u00f6cken, Messern und Revolvern bewaffnete Meute deutschsprachiger Studenten belagerte das <em>Wei\u00dfe Kreuz,<\/em> in dem sich die ebenfalls zu einem gro\u00dfen Teil bewaffneten Italiener verschanzten. Ein Trupp Kaiserj\u00e4ger konnte den ersten Tumult erfolgreich aufl\u00f6sen. Dabei wurde der Kunstmaler August Pezzey (1875 \u2013 1904) durch einen Stich mit dem Bajonett irrt\u00fcmlich von einem \u00fcbertrieben nerv\u00f6sen Soldaten t\u00f6dlich verwundet.<\/p>\n<p>Die <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> erschienen nach den n\u00e4chtlichen Aktivit\u00e4ten am 4. November unter der Headline: \u201e<em>Deutsches Blut geflossen!<\/em>\u201c. Der anwesende Redakteur berichtete von 100 bis 200 Revolversch\u00fcssen, die von den Italienern auf die \u201e<em>Schar von deutschen Studenten<\/em>\u201c abgegeben wurden, die sich vor dem Gasthaus zum Wei\u00dfen Kreuz versammelt hatten. Die neun dadurch Verletzten wurden namentlich aufgez\u00e4hlt, anschlie\u00dfend folgte eine erstaunlich detaillierte Erz\u00e4hlung des Geschehenen inklusive der Verwundung Pezzeys. Die Nachricht \u00fcber den Tod des jungen Mannes l\u00f6ste einen Sturm an Racheakten und Gewalttaten aus. Zu den \u00fcberzeugten Deutschnationalen gesellten sich, wie bei jedem Aufruhr, Schaulustige und Randalierer, die Spa\u00df daran hatten, in der Anonymit\u00e4t der Masse \u00fcber die Str\u00e4nge zu schlagen ohne gro\u00dfartige politische \u00dcberzeugung. W\u00e4hrend die in Haft genommenen Italiener im vollkommen \u00fcberf\u00fcllten Gef\u00e4ngnis die martialische Hymne <em>Inno di Garibaldi<\/em> anstimmten, kam es in der Stadt zu schweren Ausschreitungen gegen italienische Lokale und Betriebe. Die R\u00e4umlichkeiten des <em>Gasthauses zum Wei\u00dfen Kreuz<\/em> wurden in monarchietreuer Manier bis auf ein Portr\u00e4t Kaiser Franz Josefs vollkommen verw\u00fcstet. Randalierer bewarfen den Wohnsitz des Statthalters, das Palais Trapp, mit Steinen, da seine Frau italienische Wurzeln hatte. Das von Anton Fritz der Universit\u00e4t zur Verf\u00fcgung gestellte Geb\u00e4ude in der Liebeneggstra\u00dfe wurde ebenso zerst\u00f6rt wie der private Wohnsitz des Baumeisters.<\/p>\n<p>Der in den Wirren zu Tode gekommene, aus einer Ladiner Familie stammende August Pezzey, wurde in einem nationalen Rausch von Politikern und der Presse zum \u201eDeutschen Helden\u201c erkl\u00e4rt. Er erhielt am Innsbrucker Westfriedhof ein Ehrengrab. Bei seinem Begr\u00e4bnis mit Tausenden Trauernden, verlas B\u00fcrgermeister Greil eine pathetische Rede:<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026Ein herrlich sch\u00f6ner Tod war Dir beschieden auf dem Felde der Ehre f\u00fcr das deutsche Volk\u2026 Im Kampfe gegen freche welsche Gewalttaten hast Du Dein Leben ausgehaucht als M\u00e4rtyrer f\u00fcr die deutsche Sache\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Berichte von den <em>Fatti di Innsbruck<\/em> schafften es in die internationale Presse und trugen entscheidend zum R\u00fccktritt des \u00f6sterreichischen Ministerpr\u00e4sidenten Ernest von Koerber bei. Je nach Medium wurden die Italiener als ehrlose Banditen oder mutige Nationalhelden, die \u00d6sterreicher als pangermanistische Barbaren oder Bollwerk gegen das <em>Wallsche<\/em> gesehen. Am 17. November, nur zwei Wochen nach der feierlichen Er\u00f6ffnung, wurde die italienische Fakult\u00e4t in Innsbruck wieder aufgel\u00f6st. Eine eigene Universit\u00e4t blieb der Sprachgruppe innerhalb \u00d6sterreich-Ungarns bis zum Ende der Monarchie 1918 verwehrt. Die lange Tradition, Italiener als ehrlos und faul zu betrachten, wurde mit dem Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente noch mehr befeuert. Bis heute halten viele Tiroler die negativen Vorurteile gegen\u00fcber ihren s\u00fcdlichen Nachbarn lebendig.\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Kunst am Bau: Die Nachkriegszeit in Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Kunst am Bau: Die Nachkriegszeit &#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;59763&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Wie nach dem Ersten Weltkrieg war auch nach 1945 die Wohnungsnot eines der dr\u00e4ngendsten Probleme. Innsbruck war bei den Luftangriffen stark in Mitleidenschaft gezogen worden und Geld f\u00fcr Neubauten war knapp. Als in den 1950er Jahren die ersten Wohnanlagen errichtet wurden, war Sparsamkeit das Gebot der Stunde. Viele der ab den 1950er Jahren errichteten Geb\u00e4ude sind zwar architektonisch wenig attraktiv, sie beherbergen aber durchaus interessante Kunstwerke. Ab 1949 gab es in \u00d6sterreich das Projekt <em>Kunst am Bau<\/em>. Bei staatlich durchgef\u00fchrten Bauten sollten 2% der Gesamtausgaben in die k\u00fcnstlerische Gestaltung flie\u00dfen. Die Umsetzung des Baurechts und somit auch die Verwaltung der Budgets oblag damals wie heute den Bundesl\u00e4ndern. \u00dcber diese \u00f6ffentliche Auftragsvergabe sollten K\u00fcnstler finanziell unterst\u00fctzt werden. In den kargen Nachkriegsjahren waren auch erfolgreiche und praktisch veranlagte K\u00fcnstler wie Oswald Haller (1908 \u2013 1981), der sein Geld mit Gebrauchsgraphiken und Plakaten f\u00fcr den Tourismus verdiente, in die Bredouille gekommen. Erstmals tauchte die Idee 1919 in der Weimarer Republik auf und wurde ab 1934 von den Nationalsozialisten fortgesetzt. \u00d6sterreich griff Kunst am Bau nach dem Krieg auf, um den \u00f6ffentlichen Raum im Rahmen des Wiederaufbaus zu gestalten. Die \u00f6ffentliche Hand, die Aristokratie und B\u00fcrgertum als Bautr\u00e4ger vergangener Jahrhunderte abl\u00f6ste, stand unter massivem finanziellem Druck. Trotzdem sollten die vor allem auf Funktion ausgerichteten Wohnbauprojekte nicht ganz schmucklos daherkommen. Die mit der Gestaltung der Kunstwerke betrauten Tiroler K\u00fcnstler wurden in ausgeschriebenen Wettbewerben ermittelt. Der bekannteste unter ihnen war Max Weiler, der vielleicht prominenteste K\u00fcnstler im Tirol der Nachkriegszeit, der in Innsbruck unter anderem f\u00fcr die Fresken in der Theresienkirche auf der Hungerburg verantwortlich war. Weitere prominente Namen sind Helmut Rehm (1911 \u2013 1991), Walter Honeder (1906 \u2013 2006), Fritz Berger (1916 \u2013 2002) und Emmerich Kerle (1916 \u2013 2010). Viele dieser K\u00fcnstler wurden nicht nur von der <em>Bundesgewerbeschule Innsbruck<\/em>, der heutigen HTL, und der Akademie der Bildenden K\u00fcnste in Wien, sondern auch von der kollektiven Erfahrung w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus und dem Krieg gepr\u00e4gt. Fritz Berger hatte seinen rechten Arm und ein Auge verloren und musste lernen, mit der linken Hand zu arbeiten. Kerle diente in Finnland als Kriegsmaler. Er wurde an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste in Wien unter anderem von Josef M\u00fcllner unterrichtet, einem K\u00fcnstler, der sich mit B\u00fcsten Adolf Hitlers, Siegfrieds aus der Nibelungensage und dem bis heute umstrittenen Karl-Lueger-Denkmal in Wien in die Kunstgeschichte eingetragen hatte. Wie ein gro\u00dfer Teil der Tiroler Bev\u00f6lkerung wollten diese K\u00fcnstler wie auch Politiker und Beamte nach den harten und leidvollen Kriegsjahren Ruhe und Frieden, um Gras \u00fcber das Geschehen der letzten Jahrzehnte wachsen zu lassen. Die im Rahmen von Kunst am Bau entstandenen Werke reflektieren diese Haltung nach einem neuen Sittenbild. Es war das erste Mal, dass abstrakte, gestaltlose Kunst Eingang in den \u00f6ffentlichen Raum Innsbrucks fand, wenn auch nur in unkritischem Rahmen. M\u00e4rchen, Sagen, religi\u00f6se Symbole waren beliebte Motive, die auf den Sgraffitos, Mosaiken, Wandbildern und Statuen verewigt wurden. Man k\u00f6nnte von einer Art zweiter Welle der Biedermaierkunst sprechen, die den kleinb\u00fcrgerlichen Lebensstil der Menschen nach dem Krieg symbolisierte. Die Kunst sollte auch ein neues Bewusstsein und Bild dessen schaffen, was als typisch \u00d6sterreichisch galt. Noch 1955 betrachtete sich jeder zweite \u00d6sterreicher als Deutscher. Die unterschiedlich ausgef\u00fchrten Motive zeigen Freizeitaktivit\u00e4ten, Kleidungsstile und Vorstellungen der sozialen Ordnung und gesellschaftlichen Normen der Nachkriegszeit. Frauen wurden h\u00e4ufig in Tracht und Dirndl, M\u00e4nner in Lederhosen dargestellt. Die konservative Idealvorstellung der Geschlechterrollen wurden in der Kunst verarbeitet. Flei\u00dfig arbeitende V\u00e4ter, brave Ehefrauen, die sich um Haus und Herd k\u00fcmmerten und Kinder, die in der Schule eifrig lernen waren das Idealbild bis weit in die 1970er Jahre. Ein Leben wie aus einem Film mit Peter Alexander. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, findet viele der noch heute sichtbaren Kunstwerke auf H\u00e4usern in Pradl und Wilten. Die Mischung aus reizloser Architektur und zeitgen\u00f6ssischen Kunstwerken der gerne verdr\u00e4ngten, in Filmen und Erz\u00e4hlungen lange idealisierten und verkl\u00e4rten Nachkriegszeit, ist sehenswert. Besonders sch\u00f6ne Beispiele finden sich an den Fassaden in der Pacherstra\u00dfe, der Hunoldstra\u00dfe, der Ing.-Thommenstra\u00dfe, am Innrain, der Landesberufsschule Mandelsbergerstra\u00dfe oder im Innenhof zwischen Landhausplatz und Maria-Theresienstra\u00dfe.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53753&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Politische Polarisierung pr\u00e4gte neben Hunger das Leben der Menschen in den 1920er und 1930er Jahren. Der Zusammenbruch der Monarchie hatte zwar eine Republik hervorgebracht, die beiden gro\u00dfen Volksparteien, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich aber feindselig wie zwei Skorpione gegen\u00fcber. Beide Parteien bauten paramilit\u00e4rische Bl\u00f6cke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Stra\u00dfe mit Gewalt zu untermauern. Der <em>Republikanische Schutzbund<\/em> auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte <em>Heimwehren<\/em>, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie B\u00fcrgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktion\u00e4re beider Seiten hatten im Krieg an der Front gek\u00e4mpft und waren dementsprechend militarisiert. Die <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> konnte im l\u00e4ndlichen Tirol dank der Unterst\u00fctzung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zur\u00fcckgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gr\u00fcndung der Republik, marschierten am Ersten gesamt\u00f6sterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrm\u00e4nner durch die Stadt, um ihre \u00dcberlegenheit am h\u00f6chsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Als Mannschaftsquartier der steirischen Truppen diente unter anderem das Stift Wilten. \u00a0<\/p>\n<p>Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anh\u00e4nger gewinnen. 1932 z\u00e4hlte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Ber\u00fcchtigt wurde die sogenannte <em>H\u00f6ttinger Saalschlacht<\/em> vom 27. Mai 1932. H\u00f6tting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser <em>roten<\/em> Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof <em>Goldener B\u00e4r<\/em>, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf, der mit \u00fcber 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten durch eine Stichwunde endete. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.<\/p>\n<p>Nach jahrelangen b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfu\u00df (1892 \u2013 1934) durch und schalteten das Parlament aus. In Innsbruck kam es dabei zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. M\u00e4rz wurde das Parteihaus der <em>Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol<\/em> im <em>Hotel Sonne<\/em> ger\u00e4umt, der -Anf\u00fchrer des Republikanischen Schutzbundes Gustav Kuprian wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen entwaffnet. Das Ziel Dollfu\u00df\u00b4 war die Errichtung des sogenannten <em>\u00d6sterreichischen St\u00e4ndestaats<\/em>, einem Einparteienstaat ohne Opposition unter Beschneidung elementarer Rechte wie Presse- oder Versammlungsfreiheit. In Tirol wurde 1933 die <em>Tiroler Wochenzeitung<\/em> neu gegr\u00fcndet um als Parteiorgan zu fungieren. Der gesamte Staatsapparat sollten analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der <em>Vaterl\u00e4ndischen Front<\/em> geeint werden: Antisozialistisch, autorit\u00e4r, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt, was zur Folge hatte, dass nur noch konservative Gemeinder\u00e4te vertreten waren.<\/p>\n<p>Dollfu\u00df war in Tirol \u00fcberaus popul\u00e4r, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg w\u00e4hrend einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am n\u00e4chsten kam. Sein politischer Kurs wurde von der katholischen Kirche unterst\u00fctzt. Das gab ihm Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die <em>Vaterl\u00e4ndische Front<\/em> mit ihren paramilit\u00e4rischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdr\u00fcckung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zur\u00fcck. Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. 1934 zerst\u00f6rten Mitglieder der Heimwehr das Denkmal des Sozialdemokraten Martin Rapoldi in Kranebitten. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert. Die Artikel glorifizierten das l\u00e4ndliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterst\u00fctzt. Die Geschlechtertrennung an Schulen und die Umgestaltung der Lehrpl\u00e4ne f\u00fcr M\u00e4dchen bei gleichzeitiger vormilit\u00e4rischer Ert\u00fcchtigung der Buben war im Sinn eines gro\u00dfen Teils der Bev\u00f6lkerung. Auch die traditionell orientierte Kulturpolitik, mit der sich \u00d6sterreich als das <em>bessere<\/em> Deutschland unter der antiklerikalen nationalsozialistischen F\u00fchrung positionierte, gefiel dem konservativen Teil der Gesellschaft. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler B\u00fcrgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot f\u00fcr die Habsburger aufheben zu lassen, das unausgesprochene Fernziel der Neuinstallation der Monarchie durch die Christlichsozialen erfreute sich also einer breiten Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Dollfu\u00df ums Leben kam. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle \u00fcber die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. Hitler, der die Anschl\u00e4ge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich, die \u00f6sterreichischen Gruppen der verbotenen Partei wurden dadurch eingeschr\u00e4nkt. In Innsbruck wurde auf \u201e<em>Verf\u00fcgung des Regierungskommiss\u00e4rs der Landeshauptstadt Tirols\u201c<\/em> der Platz vor dem Tiroler Landestheater als <em>Dollfu\u00dfplatz<\/em> gef\u00fchrt. Hier hatte sich Dollfu\u00df bei einer Kundgebung zwei Wochen vor seinem Tod noch mit dem aus Tirol stammenden Heimwehrf\u00fchrer Richard Steidle getroffen. Steidle war selbst mehrmals Opfer politischer Gewalt geworden. 1932 wurde er nach der H\u00f6ttinger Saalschlacht in der Stra\u00dfenbahn attackiert, im Jahr darauf vor seinem Haus in der Leopoldstra\u00dfe Opfer eines Schussattentats. Nach der Machtergreifung durch die NSDAP kam er in das Konzentrationslager Buchenhausen, wo er 1940 starb.<\/p>\n<p>Dollfu\u00df\u00b4 Nachfolger als Kanzler Kurt Schuschnigg (1897 \u2013 1977) war geb\u00fcrtiger Tiroler und Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung <em>Austria<\/em>. Er betrieb lange Zeit eine Rechtsanwaltskanzlei in Innsbruck. 1930 gr\u00fcndete er eine paramilit\u00e4rische Einheit namens <em>Ostm\u00e4rkische Sturmscharen<\/em>, die das Gegengewicht der Christlich-Sozialen zu den radikalen Heimwehrgruppen bildeten. Nach dem Februaraufstand 1934 war er als Justizminister im Kabinett Dollfu\u00df mitverantwortlich f\u00fcr die Hinrichtung mehrerer Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Vor allem wirtschaftlich konnte aber auch der Austrofaschismus das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumrei\u00dfen. Die Wirtschaftskrise, die 1931 auch \u00d6sterreich erreichte und die radikale, populistische Politik der NSDAP befeuerte, schlug hart zu. Die staatlichen Investitionen in gro\u00dfe Infrastrukturprojekte kamen zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschr\u00e4nkung der sozialen F\u00fcrsorge, die zu Beginn der <em>Ersten Republi<\/em>k eingef\u00fchrt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als \u201e<em>Ausgesteuerte<\/em>\u201c ausgeschlossen. Die Armut lie\u00df die Kriminalit\u00e4tsrate ansteigen, \u00dcberf\u00e4lle, Raube und Diebst\u00e4hle h\u00e4uften sich.<\/p>\n<p>Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bem\u00fchungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem gro\u00dfen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation f\u00fcr viele Menschen prek\u00e4r. Eisenbahn, Industrialisierung, Fl\u00fcchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des M\u00f6glichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweith\u00f6chste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise f\u00fcr Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter h\u00e4ufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnbl\u00f6cke und Obdachlosenunterk\u00fcnfte entstanden wie das Wohnheim f\u00fcr Arbeiter in der Amthorstra\u00dfe im Jahr 1907, die Herberge in der Hunoldstra\u00dfe und der Pembaurblock, das gen\u00fcgte aber nicht um der Situation Herr zu werden. Aus dieser Not und Verzweiflung entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackend\u00f6rfer und Siedlungen, gegr\u00fcndet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgeh\u00e4ngten, die im System keinen Platz fanden. Im Kriegsgefangenenlager in der H\u00f6ttinger Au quartierten sich nach dessen Ausmusterung Menschen in den Baracken ein. Die bis heute bekannteste und ber\u00fcchtigtste war die <em>Bocksiedlung<\/em> am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und den Baracken des Konzentrationslagers Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien in Baracken und Wohnw\u00e4gen an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gr\u00fcnderinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Rauth war nicht nur wirtschaftlich, sondern als bekennender Kommunist in Tiroler Lesart auch moralisch arm. Sein Flo\u00df, die <em>Arche Noah<\/em>, mit dem er \u00fcber Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte vor dem Gasthof Sandwirt.<\/p>\n<p>Nach und nach entstand ein Bereich gleicherma\u00dfen am Rand der Stadt wie auch der Gesellschaft, der vom inoffiziellen B\u00fcrgermeister der Siedlung Johann Bock (1900 \u2013 1975) wie eine unabh\u00e4ngige Kommune geleitet wurde. Er regelte die Agenden in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier.<\/p>\n<p>Die <em>Bockala<\/em> hatten einen f\u00fcrchterlichen Ruf unter den braven B\u00fcrgern der Stadt. Bei aller Geschichtsgl\u00e4ttung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren k\u00f6rperliche Gewalt und Kleinkriminalit\u00e4t an der Tagesordnung. \u00dcberm\u00e4\u00dfiger Alkoholkonsum war g\u00e4ngige Praxis. Die Stra\u00dfen waren nicht asphaltiert. Flie\u00dfendes Wasser, Kanalisation und Sanit\u00e4ranlagen gab es ebenso wenig wie eine regul\u00e4re Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prek\u00e4r, was die st\u00e4ndige Gefahr von Seuchen mit sich brachte.<\/p>\n<p>Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Es waren vielfach Menschen, die durch das System fielen, die sich in der Bocksiedlung niederlie\u00dfen. Das falsche Parteibuch zu haben konnte gen\u00fcgen, um im Innsbruck der 1930er keinen Wohnraum ergattern zu k\u00f6nnen. Karl Jaworak, der 1924 ein Attentat auf Bundeskanzler Pr\u00e4lat Ignaz Seipel ver\u00fcbte, lebte nach seiner Haft und Deportation in ein Konzentrationslager w\u00e4hrend des NS-Regimes ab 1958 an der Adresse Reichenau 5a.<\/p>\n<p>Die Ausstattung der Behausungen der Bocksiedlung war ebenso heterogen wie die Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkusw\u00e4gen, Holzbaracken, Wellblechh\u00fctten, Ziegel- und Betonh\u00e4user. Die Bocksiedlung hatte auch keine fixen Grenzen. <em>Bockala<\/em> zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status, der zu einem gro\u00dfen Teil in der Imagination der Bev\u00f6lkerung entstand.<\/p>\n<p>Innerhalb der Siedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten H\u00e4user und W\u00e4gen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgerg\u00e4rten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan.<\/p>\n<p>Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges versch\u00e4rften die Wohnsituation in Innsbruck und lie\u00dfen die <em>Bocksiedlung<\/em> wachsen. Um die 50 Unterk\u00fcnfte sollen es am H\u00f6hepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafpl\u00e4tze genutzt, nachdem die letzten inhaftierten Nationalsozialisten, die dort verwahrt wurden, verlegt oder freigelassen worden waren, allerdings z\u00e4hlte das KZ nicht zur Bocksiedlung im engeren Sinn.<\/p>\n<p>Der Anfang vom Ende waren die Olympischen Spielen von 1964 und ein Brand in der Siedlung ein Jahr zuvor. B\u00f6se Zungen behaupten, dieser sei gelegt worden, um die R\u00e4umung zu beschleunigen.\u00a0 1967 verhandelten B\u00fcrgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erz\u00e4hlungen nach in alkoholgeschw\u00e4ngerter Atmosph\u00e4re, \u00fcber das weitere Vorgehen und Entsch\u00e4digungen seitens der Gemeinde f\u00fcr die R\u00e4umung. 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer M\u00e4ngel ger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Viele ehemalige Bewohner der <em>Bocksiedlung<\/em> wurden nach den Olympischen Spielen in st\u00e4dtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und im <em>O-Dorf<\/em> einquartiert. Die Sitten der <em>Bocksiedlung<\/em> lebten noch einige Jahre fort, was den schlechten Ruf der st\u00e4dtischen Wohnbl\u00f6cke dieser Stadtviertel bis heute ausmacht.<\/p>\n<p>Eine Aufarbeitung dessen, was von vielen Historikern als <em>Austrofaschismus<\/em> bezeichnet wird, ist in \u00d6sterreich bisher kaum passiert. So sind in der Kirche St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens noch Bilder mit Dollfu\u00df als Besch\u00fctzer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. In vielen Belangen reicht das Erbe der gespaltenen Situation der Zwischenkriegszeit in die Gegenwart. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverb\u00e4nde, Rettungsgesellschaften und Alpinverb\u00e4nde, deren Wurzeln in diese Zeit zur\u00fcckreichen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und m\u00fchsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv f\u00fcr das Buch \u201e<em>Bocksiedlung. Ein St\u00fcck Innsbruck<\/em>\u201c des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leopoldstrasse<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":59182,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[166,83,112,114,120,87],"tags":[],"class_list":["post-62529","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-wallschen-und-die-fatti-di-innsbruck","category-die-zeit-des-austrofaschismus","category-innsbruck-als-teil-des-imperium-romanum","category-innsbrucks-industrielle-revolutionen","category-kunst-am-bau-die-nachkriegszeit","category-wilten-sieglanger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62529"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62529\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/59182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}