{"id":63268,"date":"2025-04-03T06:50:05","date_gmt":"2025-04-03T06:50:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=63268"},"modified":"2026-03-02T14:05:37","modified_gmt":"2026-03-02T14:05:37","slug":"tivoli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/tivoli\/","title":{"rendered":"Tivoli"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Tivoli<\/h2>\n<p>Anton-Eder-Stra\u00dfe \u2013 Stadionstra\u00dfe \u2013 Sillufer<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;58159,66280,62978,66096,66279,65408&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Tivoli&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;63273&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Tivoli&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;63271&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>In Pradl schl\u00e4gt Innsbrucks sportliches Herz. \u00d6stlich des Sillufers befinden sich die gr\u00f6\u00dfte Sport- und Freizeitanlagen der Stadt. Gemeinsam mit den seit der Jahrtausendwende angelegten Wohnblocks, einem Hotel, Einkaufsm\u00f6glichkeiten und der dazugeh\u00f6rigen Infrastruktur wie einem Jugendzentrum und dem Kindergarten bilden sie mittlerweile einen neuen Stadtteil: das Tivoli. Lange Zeit war der Landstrich vor allem Wirtschaftszone. Einmal im Jahr fand hier seit der Fr\u00fchen Neuzeit ein Viehmarkt statt. Die Sill wurde als Energiequelle der Stiftsm\u00fchle nicht nur f\u00fcr das Korn der nahen Felder, sondern auch von weiter entfernt lebenden Bauern genutzt. Entlang des Sillkanals siedelten sich schon fr\u00fch Handwerksbetriebe aller Art an. 1809 weiteten sich die K\u00e4mpfe vom Berg Isel bis zur strategisch wichtigen \u00fcber die Sill Br\u00fccke bei St. Bartlm\u00e4 aus. Erst in den folgenden Jahrzehnten wurde der Landstrich zwischen Wilten, Pradl und Amras zum Ausflugsziel der St\u00e4dter. In der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts wurde Sport zu einem Teil des Alltags von immer mehr Menschen. Die Entwicklung von Sportpl\u00e4tzen entsprach dem Zeitgeist. Die ersten Anlagen entstanden am Ausstellungsgel\u00e4nde, der heutigen Messe, im Saggen. Der knappe Platz zwischen Viaduktb\u00f6gen und Innenstadt wurde aber bald mehr und mehr von Wohnanlagen angeknabbert. 1925 errichtete die Stadt bei den Sillh\u00f6fen erste Sportpl\u00e4tze. Das erste <em>Tivoli<\/em> bestand aus zwei Fu\u00dfballfeldern samt Aschenbahn f\u00fcr Leichtathletik, umz\u00e4unt von einer h\u00f6lzernen, barrikadenartigen Mauer. Auch eine Beleuchtung des Sportplatzes gab es bereits, um abendliche Trainings und Veranstaltungen zu erm\u00f6glichen. Wie die Ideen der gro\u00dfen Radrundfahrten, der Fu\u00dfball WM und der olympischen Spiele fielen auch die Innsbrucker Sportst\u00e4tten dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer, das Tivoli wurde von den Luftangriffen zerst\u00f6rt. In den ersten kargen Jahren nach 1945 nutzten Innsbrucker die wieder frei gewordene Fl\u00e4che als Garten- und Anbaufl\u00e4che. Nachdem die \u00e4rgsten Versorgungskrise abgewendet war, begann auch die Renaissance des Sports. Im Rahmen der Innsbrucker Generalsanierung wurde 1953 das Tivoli-Fu\u00dfballstadion er\u00f6ffnet. Vor mehr als 15.000 Zuschauern feierte der FC Wacker hier acht der insgesamt zehn Meistertitel unter verschiedenen Vereinsnamen. 2000 bezogen die Kicker das <em>Tivoli Neu<\/em> einige hundert Meter weiter s\u00fcdlich. Das neue, moderne Stadion sollte sich als Fluch und Segen herausstellen. Innsbrucker Fu\u00dfball-Puristen \u00e4lteren Semesters trauern nicht nur der einzigartigen Stimmung im engen, alten Stadion nach. Nach zwei Jahren in der ersten Bundesliga mit zwei weiteren Meistertiteln folgte der Zwangsabstieg. Das Highlight der seitdem f\u00fcr Innsbrucks Fu\u00dfballfans wenig erbaulichen Jahre war die Europameisterschaft 2008.<\/p>\n<p>Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit brachte weitere Annehmlichkeiten mit sich. 1958 begann die Planung des Freischwimmbades Tivoli. Dem Architekten Norbert Heltschl gelang mit der Freizeitanlage ein kleines Meisterst\u00fcck. Das Tivoli vereint Leistungssport dank 50-Meter-Bahnen und Sprungturm, Badevergn\u00fcgen, Erholung und Gastronomie im Herzen der Stadt. Innerhalb der einzelnen Bauten wurden \u00fcber die Aktion <em>Kunst am Bau<\/em> mehrere funktionale Kunstwerke integriert. Der <em>Eisb\u00e4rbrunnen<\/em>, die bunte Gestaltung der Umkleidekabinen, das Krokodil-Mosaik an der Restauration und die geschwungene Statue am Spielplatz fallen nur dem ge\u00fcbten Auge auf, begleiten Badeg\u00e4ste aber seit Jahrzehnten. Ikonisch ist der Sprungturm mit der zifferlosen Uhr im Stil der <em>Neuen Sachlichkeit<\/em>. Abgesehen von einigen Erneuerungen und der Umstrukturierung wegen des Baus der umliegenden Wohnanlagen besteht das Schwimmbad im Kern seit \u00fcber 1961 nach Heltschls Pl\u00e4nen. Das Schwimmbad war aber nicht nur ein baulicher Wendepunkt in der Stadtgeschichte. Im pr\u00fcden Ambiente der 1960er war das gemeinsame Baden von Buben und M\u00e4dchen in immer knapper werdenden Outfits vielen braven Tirolern ein Dorn im Auge. Generationen von Jugendlichen haben hier nicht nur Schwimmen gelernt, sondern auch erste romantische Gehversuche unternommen.<\/p>\n<p>Nur durch den S\u00fcdring vom Schwimmbad getrennt befindet sich wenige Meter s\u00fcdlich vom Freibad die <em>Olympiaworld<\/em> mit ihren diversen Sportst\u00e4tten. Das altehrw\u00fcrdige, olympisch-monumentale Eisstadion aus dem Jahr 1964 bietet Platz f\u00fcr \u00fcber 10.000 Zuschauer. Zwei Mal konnte sich hier die Sowjetunion Olympiagold im Eishockey sichern. Der Eisring im Freien war B\u00fchne f\u00fcr die olympischen Eisschnelllauf Bewerbe. Mindestens ebenso wichtig wie f\u00fcr Sportveranstaltungen ist die Olympiahalle f\u00fcr Konzerte. Seit dem legend\u00e4ren Jahr 1973, als <em>Deep Purple<\/em> und die <em>Rolling Stones<\/em> Innsbruck ins Rock\u00b4n\u00b4Roll Zeitalter bef\u00f6rderten, traten immer wieder Weltstars in der Halle und am Eisring auf. 2005 wurde eine zweite, kleinere Eishalle f\u00fcr die Eishockey Weltmeisterschaft in Insnbruck errichtet. W\u00e4hrend der Wintermonate freuen sich Schlittschuhl\u00e4ufer aller Altersklassen auf den t\u00e4glichen Publikumseislauf. In der Wiesengasse am Tivoli erhielten die Innsbrucker Footballer ein Stadion. Seit den fr\u00fchen 1990ern etablierte sich dieser in \u00d6sterreich junge Sport in Innsbruck. Die <em>Tyrolean Raiders<\/em> sind neben den Volleyballern wohl die erfolgreichsten Mannschaftssportler der Stadt. W\u00e4hrend die Fu\u00dfballer seit 2002 zwischen den Ligen 1 und 4 hin- und herpendelten, konnten sich die <em>Raiders<\/em> neben nationalen Titeln auch die Europ\u00e4ische Krone aufsetzen. Zwischen diesen Wettkampfst\u00e4tten findet auch der Breitensport seinen Platz. Hobbysportler und Amateure finden \u00fcber das Tivoli verteilt eine Leichtathletikanlage, Fu\u00dfball-, Tennis- und Beachvolleyballpl\u00e4tze sowie einen Skatepark.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Sportliches Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Sportliches Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53748&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<p>Wer den Beweis ben\u00f6tigt, dass die Innsbrucker stets ein aktives V\u00f6lkchen waren, k\u00f6nnte das Bild \u201e<em>Winterlandschaft\u201c <\/em>des niederl\u00e4ndischen Malers Pieter Bruegel (circa 1525 \u2013 1569) aus dem 16. Jahrhundert bem\u00fchen. Auf seiner R\u00fcckreise von Italien gen Norden hielt der Meister wohl auch in Innsbruck und beobachtete dabei die Bev\u00f6lkerung beim Eislaufen auf dem zugefrorenen Amraser See. Beda Weber beschrieb in seinem <em>Handbuch f\u00fcr Reisende in Tirol <\/em>1851 die Freizeitgewohnheiten der Innsbrucker, darunter auch das Eislaufen am Amraser See. \u201e<em>Der unweit davon (Anm.: Amras) liegende See, eine Lache in der Moosgegend, wird im Winter von den Schlittschuhl\u00e4ufern ben\u00fctzt.<\/em>\u201c Bis heute ist sportliche Kleidung in jeder Lebenslage f\u00fcr Innsbrucker das Normalste der Welt. W\u00e4hrend man in anderen St\u00e4dten \u00fcber Funktionskleidung oder Wander- und Sportschuhe in Restaurants oder B\u00fcros die Nase r\u00fcmpft, f\u00e4llt man am Fu\u00df der Nordkette damit nicht auf.<\/p>\n<p>Das war nicht immer so. Der Weg vom eislaufenden Bauern zum aktiven B\u00fcrger war weit. Muse und frei verf\u00fcgbare Zeit, f\u00fcr Sport wie der Jagd oder Reiten war im Mittelalter und der Fr\u00fchen Neuzeit aber vor allem ein Privileg des Adels. Erst durch die ge\u00e4nderten Lebensumst\u00e4nde des 19. Jahrhunderts hatte ein guter Teil der Bev\u00f6lkerung, vor allem in den St\u00e4dten, zum ersten Mal so etwas wie Freizeit. Mehr und mehr arbeiteten Menschen nicht mehr in der Landwirtschaft, sondern als Arbeiter und Angestellte in B\u00fcros, Werkst\u00e4tten und Fabriken nach geregelten Zeitpl\u00e4nen.<\/p>\n<p>Vorreiter war das bereits fr\u00fch industrialisierte England, wo sich Arbeiter und Angestellte langsam vom Turbokapitalismus der fr\u00fchen Industrialisierung zu befreien begannen. 16-Stunden-Tage waren nicht nur gesundheitlich bedenklich f\u00fcr den Arbeiter, auch Unternehmer merkten, dass eine \u00dcberbelastung unrentabel war. Gesunde und gl\u00fcckliche Arbeiter waren besser f\u00fcr die Produktivit\u00e4t. Seit den 1860er Jahren gab es Bestrebungen, einen 8-Stunden-Tag einzuf\u00fchren. 1873 setzten die \u00f6sterreichischen Buchdrucker eine Arbeitszeit von zehn Stunden pro Tag durch. 1918 stellt man in \u00d6sterreich auf eine 48-Stunden-Woche um. Ab 1930 galten in Industriebetrieben 40 Stunden pro Woche als Normalarbeitszeit. Menschen jeder Schicht, nicht mehr nur die Aristokratie, hatten nun Zeit und Geist f\u00fcr Hobbies, Vereinsleben und sportliche Bet\u00e4tigung.<\/p>\n<p>Es waren vielfach auch englische Touristen, die sportliche Trends, Disziplinen und Ausr\u00fcstung mitbrachten. Der finanzielle Aufwand f\u00fcr das ben\u00f6tigte Equipment bestimmte, ob die Disziplin dem B\u00fcrgertum vorbehalten blieb oder auch Arbeiter sich das Vergn\u00fcgen leisten konnten. Zum Beispiel war das Rodeln bereits um die Jahrhundertweite weit verbreitet w\u00e4hrend Bob und Skeleton elit\u00e4re Sportarten blieben. Der Sport war nicht nur Freizeitbesch\u00e4ftigung, sondern eine Abgrenzung zwischen den einzelnen sozialen Schichten. Arbeiterschaft, B\u00fcrgertum und Aristokratie n\u00e4hrten ihre Identit\u00e4t auch \u00fcber die Sportarten, die sie betrieben. Adelige ritten und jagten in alter W\u00fcrde, B\u00fcrgerliche zeigten ihre Individualit\u00e4t, ihren Wohlstand und ihre Unabh\u00e4ngigkeit durch teure Sportger\u00e4te wie die modernen Fahrr\u00e4der und die Arbeiterschaft jagte in Elferteams B\u00e4llen hinterher oder rangelte. Die Trennung mag nicht mehr bewusst passieren, bis heute kann man aber diese Identifikation der Menschen mit \u201eihrer\u201c Sportart beobachten.<\/p>\n<p>Zur Mitte des 19. Jahrhunderts gesellten sich auch die Sportler \u00e4hnlich den S\u00e4ngern, Museums- und Theaterfreunden, Wissenschaftlern und Literaturfans zueinander. Den Anfang des organisierten Vereinssports in Innsbruck machte der ITV, der <em>Innsbrucker Turnverein<\/em>, der sich 1849 gr\u00fcndete. Das Turnen war der Inbegriff des Sports im deutschsprachigen Raum. Der Wettkampfgedanke stand dabei nicht im Vordergrund. Die meisten Vereine hatten einen politischen Hintergrund. Es gab christliche, sozialistische, und gro\u00dfdeutsche Sportvereine. Sie dienten als Vorfeldorganisation politischer Parteien und Organe. Mehr oder minder alle Vereine hatten Arierparagraphen in ihren Statuten. Juden gr\u00fcndeten deshalb ihre eigenen Sportvereine gr\u00fcndeten. Aus den deutschen Turnvereinen ging, \u00e4hnlich wie aus den Studentenverbindungen, die Nationalbewegung hervor. Die Mitglieder sollten sich k\u00f6rperlich ert\u00fcchtigen, um dem <em>nationalen Volksk\u00f6rper<\/em> im Kriegsfall bestm\u00f6glich zu dienen. Sitzende Berufe, vor allem die akademischen, wurden mehr, Turnen diente als Ausgleich. Sieht man die Turner auf alten Bildern ihre \u00dcbungen und Vorf\u00fchrungen abhalten, f\u00e4llt der stramm milit\u00e4rische Charakter dieser Veranstaltungen auf. Der gro\u00dfdeutsche Agitator Friedrich Ludwig Jahn (1778 \u2013 1852), landl\u00e4ufig bekannt als <em>Turnvater Jahn<\/em>, war nicht nur Vorturner der Nation, sondern auch geistiger Vater des <em>L\u00fctzow\u00b4schen Freikorps<\/em> das gegen Napoleon als eine Art gesamtdeutsches Freiwilligenheer ins Feld zog. Eines der bekanntesten Bonmots, das diesem leidenschaftlichen Antisemiten zugeschrieben wird, lautet \u201e<em>Hass alles Fremden ist des Deutschen Pflicht<\/em>\u201c. Im Saggen erinnern die Jahnstra\u00dfe und ein kleiner Park mit Denkmal an Friedrich Ludwig Jahn.<\/p>\n<p>Zu den ersten Sportanlagen geh\u00f6rten Schwimmb\u00e4der. Die erste Badeanstalt empfing Schwimmer ab 1833 in der H\u00f6ttinger im Freibad am Gie\u00dfen. Weitere B\u00e4der beim Schloss B\u00fcchsenhausen oder die in Frauen- und Herren-Badeanstalt getrennte Anlage neben dem heutigen Sillparkgel\u00e4nde folgten bald. Besonders sch\u00f6n gelegen war das Freischwimmbad <em>Sch\u00f6nruh<\/em> oberhalb des Schloss Ambras, das 1929 kurz nach der Erbauung des Hallenbades in Pradl er\u00f6ffnete. Die Bev\u00f6lkerung war ebenso stark gewachsen wie ihre Lust am Schwimmen als Freizeitbesch\u00e4ftigung. 1961 wurde das Sportangebot am Tivoli um das <em>Freischwimmbad Tivoli<\/em> erweitert.<\/p>\n<p>1883 gr\u00fcndeten die Radfahrer den Verein <em>Bicycle Club<\/em>. Die ersten Radrennen in Frankreich und Gro\u00dfbritannien hatten ab 1869 stattgefunden. Die englische Stadt Coventry war auch Vorreiter bei der Produktion der eleganten Stahlr\u00f6sser, die ein Verm\u00f6gen kosteten. Bereits im selben Jahre hatte die Innsbrucker Presse von den modernen Mitteln des Individualverkehrs berichtet, als sich \u201e<em>einige Herren mit mehreren von der Firma Peterlongo bestellten Velocipedes auf die Stra\u00dfe wagten\u201c<\/em>. 1876 kam es zu einem kurzzeitigen Verbot des Radverkehrs in Innsbruck, da es immer wieder zu Unf\u00e4llen gekommen war. Auch das Radfahren wurde recht z\u00fcgig von staatlicher Seite als Ert\u00fcchtigung erkannt, die man f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke nutzen konnte. Ein Reichs-Kriegsministerialerlass dazu ist in der Presse zu finden:<\/p>\n<p>\u201e<em>Es ist beabsichtigt, wie in den Vorjahren, auch heuer bei den Uebungen mit vereinigten Waffen Radfahrer zu verwenden\u2026 Die Commanden der Infanterie- und Tiroler J\u00e4gerregimenter sowie der Feldj\u00e4ger-Bataillone haben jene Personen, welche als Radfahrer in Evidenz stehen und heuer zur Waffen\u00fcbung verpflichtet sind, zum Einr\u00fccken mit ihrem Fahrrade aufzufordern.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Unter der Regie des M\u00fcnchners Anton Schlumpeter entwickelte sich die Szene vor der Jahrhundertwende weiter. Schlumpeter deckte mit einer Fahrschule, einem Gesch\u00e4ft f\u00fcr Fahrr\u00e4der samt Werkstatt und schlie\u00dflich mit den in seiner Wiltener Fabrik produzierten Fahrradmarke Veldidena die Wertsch\u00f6pfungskette komplett ab. Die <em>Velocipedisten<\/em> siedelten sich 1896 im Rahmen der \u201e<em>Internationalen Ausstellung f\u00fcr k\u00f6rperliche Erziehung, Gesundheitspflege und Sport<\/em>\u201c im Saggen nahe der Viaduktb\u00f6gen mit einer Radrennbahn samt Trib\u00fcne an. Die Innsbrucker Nachrichten berichteten begeistert von dieser Neuerung, war doch der Radsport bis zu den ersten Autorennen europaweit die beliebteste Sportdisziplin:<\/p>\n<p>\u201e<em>Die Innsbrucker Rennbahn, welche in Verbindung mit der internationalen Ausstellung noch im Laufe der n\u00e4chsten Wochen er\u00f6ffnet wird, erh\u00e4lt einen Umfang von 400 Metern bei einer Breite von 6 Metern\u2026 Die Velociped-Rennbahn, um deren Errichtung sich der Pr\u00e4sident des Tiroler Radfahrer-Verbandes Herr Staatsbahn-Oberingenieur R. v. Weinong, das Hauptverdienst erworben hat, wird eine der hervorragendsten und besteingerichteten Radfahrbahnen des Continents sein. Am. 29. d. M<\/em>. (Anm.: Juni 1896)<em> wird auf der Innsbrucker Rennbahn zum erstenmale ein gro\u00dfes internationales Radwettfahren abgehalten, welchem dann in der Zukunft allj\u00e4hrlich regelm\u00e4\u00dfig Velociped-Preisrennen folgen sollen, was der F\u00f6rderung des Radfahr-Sports wie auch des Fremdenverkehrs in Innsbruck sicher in bedeutendem Ma\u00dfe n\u00fctzlich sein wird<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Auf der Zementbahn konnte in der warmen Jahreszeit t\u00e4glich trainiert werden. Die rauchgeschw\u00e4ngerte Luft, w\u00e4hrend die Lokomotiven vorbeifuhren, war f\u00fcr die Lungen wohl nicht zutr\u00e4glich. Nach anf\u00e4nglicher Begeisterung musste Schlumpeter einspringen, um die Radbahn zu retten. Der t\u00fcchtige Unternehmer erkannte, dass die Radfahrer nicht f\u00fcr gen\u00fcgend Betrieb sorgten und begann auf eigene Initiative eine Art Vorg\u00e4nger der heutigen Olympiaworld am Tivoli mit mehreren Einrichtungen f\u00fcr den Sport zu errichten. Neben Radrennen konnten sich die Boxer im Ring messen. Auch Tennispl\u00e4tze lie\u00df er im Saggen errichten. Trotz aller Bem\u00fchungen wurde die Anlage 1901 wieder abgerissen.<\/p>\n<p>Nachhaltiger als der Radsport konnte sich der Fu\u00dfballsport in Innsbruck etablieren. Die Fu\u00dfballer waren wegen des Arierparagraphen, der Matches mit Mannschaften mit j\u00fcdischen Spielern verbot, aus dem Dachverein ITV ausgetreten und gr\u00fcndeten mehrere eigene Vereine. 1903 gr\u00fcndete sich der <em>Verein Fu\u00dfball Innsbruck<\/em>, der sp\u00e4ter zum SVI werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits \u00fcberregionale Fu\u00dfballspiele, zum Beispiel ein 1:1 Unentschieden der Mannschaft des ITV gegen Bayern M\u00fcnchen. Die Spiele wurden auf einem Fu\u00dfballplatz vor dem Sieberer Waisenheim ausgetragen. In Wilten, mittlerweile ein Teil Innsbrucks, entstand 1910 der <em>SK Wilten<\/em>. Der bis heute neben dem Westfriedhof existierende Fu\u00dfballplatz Besele wurde mit Trib\u00fcnen ausgestattet, um der Zuschauermassen Herr werden zu k\u00f6nnen. 1913 gr\u00fcndete sich mit <em>Wacker Innsbruck<\/em> der bis heute erfolgreichste Tiroler Fu\u00dfballverein, der insgesamt unter verschiedenen Namen zehn Mal \u00f6sterreichischer Meister wurde und auch international Erfolge feiern konnte.<\/p>\n<p>Neben den diversen Sommersportarten wurde auch der Wintersport immer popul\u00e4rer. Rodeln war schon zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine beliebte Freizeitbesch\u00e4ftigung auf den H\u00fcgeln rund um Innsbruck. Der erste Eislaufplatz er\u00f6ffnete 1870 als winterliche Alternative zum Schwimmen am Gel\u00e4nde des Freibades in der H\u00f6ttinger Au. Ander als der Wassersport war Eislaufen ein Vergn\u00fcgen, das von Damen und Herren gemeinsam genossen werden konnte. Anstatt sich beim Sonntagsspaziergang zu treffen, konnten junge Paare sich am Eislaufplatz ohne elterliches Beisein verabreden. 1884 gr\u00fcndete sich der Eislaufverein und nutzte das Ausstellungsgel\u00e4nde als Eisbahn. Mit dem Eislaufplatz vor dem <em>k.u.k. Schie\u00dfstand<\/em> in Mariahilf, dem Lansersee, dem Amraser See, der Schwimmanlage H\u00f6ttinger Au und dem Sillkanal in der Kohlstatt standen den Innsbruckern viele M\u00f6glichkeiten zum Eislaufen zur Verf\u00fcgung. Bereits 1908 entstand mit dem IEV auch der erste Eishockeyverein.<\/p>\n<p>Der Skisport, anfangs ein nordisches Vergn\u00fcgen im Tal, breitete sich bald auch als Abfahrtsdisziplin aus. Der Akademische Alpenclub Innsbruck gr\u00fcndete sich 1893 und veranstaltete zwei Jahre sp\u00e4ter das erste Skirennen auf Tiroler Boden von Sistrans zum Schloss Ambras. Das 1867 gegr\u00fcndete <em>Sporthaus Witting<\/em> in der Maria-Theresien-Stra\u00dfe bewies Gesch\u00e4ftssinn und verkaufte noch vor 1900 Ausr\u00fcstung f\u00fcr das gut betuchte Publikum der Skisportler. Nach St. Anton und Kitzb\u00fchel gr\u00fcndete sich 1906 der erste <em>Innsbrucker Skiverein<\/em>. Die Ausr\u00fcstung war einfach und erm\u00f6glichte lange Zeit nur das Fahren auf verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig flachen H\u00e4ngen mit einer Mischung aus alpinem und nordischem Stil \u00e4hnlich dem Langlaufen. Trotzdem wagte man sich in Mutters oder auf der Ferrariwiese die Pisten hinabzud\u00fcsen. Seit 1928 f\u00fchrten zwei Seilschwebebahnen sowohl auf die Nordkette und den Patscherkofel, was den Skisport bedeutend attraktiver machte. Den Durchbruch zum Nationalsport erlangte das Skifahren mit der Ski-WM im Februar 1933 in Innsbruck. Auf nicht abgesteckter Strecke mussten 10 Kilometer und 1500 H\u00f6henmeter zwischen dem Glungezer und Tulfes bew\u00e4ltigt werden. Die beiden Lokalmatadoren Gustav Lantschner und Inge Wersin-Lantschner gewannen bei den Rennen mehrere Medaillen und befeuerten damit den Hype rund um den alpinen Wintersport in Innsbruck.<\/p>\n<p>Innsbruck identifiziert sich bis heute sehr stark mit dem Sport. Mit der Fu\u00dfball-EM 2008, der Radsport-WM 2018 und der Kletter-WM 2018 konnte man an die glorreichen 1930er Jahre mit zwei Skiweltmeisterschaften und die beiden Olympiaden von 1964 und 1976 auch im Spitzensportbereich wieder an die Goldenen Zeiten ankn\u00fcpfen. Trotzdem ist es weniger der Spitzen- als vielmehr der Breitensport, der dazu beitr\u00e4gt, aus Innsbruck die selbsternannte Sporthauptstadt \u00d6sterreichs zu machen. Es gibt kaum einen Innsbrucker, der nicht zumindest den Alpinski anschnallt. Mountainbiken auf den zahlreichen Almen rund um Innsbruck, Skibergsteigen, Sportklettern und Wandern sind \u00fcberdurchschnittlich popul\u00e4r in der Bev\u00f6lkerung und fest im Alltag verankert.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbrucks olympische Renaissance&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Olympische Spiele in Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53755&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Es gibt Ereignisse, die im kollektiven Ged\u00e4chtnis einer Gemeinschaft \u00fcber Generationen hinweg Bestand haben. Man muss nicht dabei gewesen sein, ja noch nicht mal auf der Welt, um zu wissen, dass Franz Klammer\u00a0am Patscherkofel am 5. Februar 1976 in der olympischen Abfahrt in seinem gelben Einteiler zur Goldmedaille raste. Franz Josef I. mag den Patscherkofel 1848 bestiegen haben, zur Legende auf diesem Berg aber wurde <em>Kaiser Franz<\/em> Klammer. \u201e<em>Jawoll! 1;45,73 f\u00fcr unseren Franzi Klammer<\/em>,\u201c schallte es damals aus zahllosen TV-Ger\u00e4ten in \u00d6sterreich. Um dem Nationalhelden Klammer auf seinem Teufelsritt folgen zu k\u00f6nnen, durften die Sch\u00fcler wie bereits 1964 am Tag der Herrenabfahrt zu Hause bleiben. Auch sonst waren die Stra\u00dfen w\u00e4hrend dieses H\u00f6llenrittes leergefegt. Klammer schaffte das, was etliche Kaiser, K\u00f6nige und Politiker nicht geschafft hatten. Er einte die Nation \u00d6sterreich. \u201c<em>Mi hats obageibtlt von oben bis unten, I hatt nie gedacht, dass i Bestzeit foa<\/em>,\u201c gab Klammer im K\u00e4rntner Dialekt beim Siegerinterview zu Protokoll. Kein Tiroler, nobody is perfect, aber die Olympischen Spiele waren f\u00fcr die Gastgebernation \u00d6sterreich schon am zweiten Tag gerettet. 1976 fanden die Olympischen Winterspiele bereits zum zweiten Mal in Innsbruck statt. Eigentlich w\u00e4re Denver an der Reihe gewesen, wegen eines Referendums auf Grund finanzieller und \u00f6kologischer Bedenken trat man in Colorado als Ausrichter zur\u00fcck. Innsbruck setzte sich als Gastgeber im zweiten Versuch gegen Lake Placid, Chamoix und Tampere durch. Zum ersten Mal war man 12 Jahre zuvor Ausrichter der Olympiade gewesen. Vom 29. Januar bis zum 9. Februar 1964 war Innsbruck der Nabel gewesen, nachdem man sich mit der Bewerbung gegen Calgary und Lahti durchgesetzt hatte. Erheblicher Schneemangel bereitete Probleme bei der Durchf\u00fchrung etlicher Events. Nur mit Hilfe des Bundesheeres, das Schnee und Eis aus dem Hochgebirge zu den Wettkampfst\u00e4tten brachte, konnten die 34 Bewerbe \u00fcber die B\u00fchne gehen.<\/p>\n<p>Die Er\u00f6ffnungsfeier im randvollen Berg Isel Stadion ist auf Archivbildern gut nachzuvollziehen. Anders als die aufw\u00e4ndigen Zeremonien der heutigen olympischen Spiele ging das Prozedere in den 60er Jahren noch unspektakul\u00e4r vonstatten. Die <em>Wiltener Stadtmusik<\/em> erfreute die internationalen G\u00e4ste mit Tiroler Blasmusik. Beim Einmarsch der Fahnen konnten Besucher zum ersten Mal im Rahmen von olympischen Spielen die Flagge Nordkoreas erblicken. Die Tiroler Sch\u00fctzen \u00fcberwachten mit Argusaugen die olympische Flamme. Als Logo wurden lediglich die Olympischen Ringe \u00fcber das Wappen der Stadt gelegt, ein Maskottchen gab es noch nicht.Auch die Sportbewerbe waren weniger professionell organisiert als bei heutigen olympischen Spielen. Das Bobrennen fand zum ersten Mal auf einer Kunsteisbahn statt, wenn auch noch nicht im heutigen Igler Eiskanal. Die Eishockeyspiele wurden zum Teil noch in der Messehalle in sehr moderatem Rahmen abgehalten. Skibewerbe, wie der Slalom und Riesenslalom der Damen, in dem sich in jeweils anderer Konstellation die franz\u00f6sischen Schwestern Christine und Marielle Goitschel Gold und Silber umh\u00e4ngen lie\u00dfen, fanden in der Axamer Lizum statt. Am Berg Isel verfolgten laut offiziellen Angaben 80.000 Zuschauer das Spektakel, als sich der Finne Veikko Kankonnen Gold im Skisprung sicherte. Im Eishockeyfinale triumphierte die Sowjetunion vor Schweden. Mit 11 Goldmedaillen sicherte sich die UDSSR auch Platz 1 im Medaillenspiegel, mit vier Goldenen wurde \u00d6sterreich sensationell Zweiter.<\/p>\n<p>Am Berg Isel fand auch die Er\u00f6ffnung der Spiele 1976 statt. Zur Erinnerung an 1964 wurden am Berg Isel w\u00e4hrend der Er\u00f6ffnung zwei Flammen entz\u00fcndet. Die diesmal 37 Bewerbe fanden zu einem gro\u00dfen Teil an den gleichen Wettkampforten in Innsbruck, Axams, Igls und Seefeld statt wie 1964. Eisstadion und Skisprungarena waren noch immer olympiatauglich. In Igls wurde eine neue Kunsteisbahn gebaut. Die Axamer Lizum erhielt eine neue Standbahn, um die Athleten zum Start auf den <em>Hoadl<\/em> zu bringen. Schnee war erneut Mangelware im Vorfeld und man bangte erneut, rechtzeitig schlug das Wetter im letzten Moment aber um und bescherte Innsbruck das Wei\u00dfe Gold. Das <em>Schneemanndl<\/em>, ein runder Schneemann mit Karottennase und Tiroler Hut, das Maskottchen der Spiele von 1976 war wohl ein gutes Omen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung zwischen den beiden olympischen Spielen innerhalb von zw\u00f6lf Jahren war der Status der Athleten. Waren bei den ersten Spielen offiziell nur Amateure am Start, also Sportler, die einem Beruf nachgingen, konnten 1976 Profisportler antreten. Auch die \u00dcbertragungs- und Fotoqualit\u00e4t war um einiges h\u00f6her als bei der ersten Innsbrucker Edition. Fernsehen hatte dem Radio mittlerweile den Rang abgelaufen. Die deutsche Skirennl\u00e4uferin Rosi Mittermaier wurde perfekt in Szene gesetzt bei ihren Fahrten zu Doppelgold und Silber bei den Damenskirennen. Das Eishockeyturnier gewann erneut die Sowjetunion vor Schweden, bereits zum vierten Mal in Folge. Auch der Medaillenspiegel sah am Ende die UDSSR wieder ganz oben, diesmal vor der DDR. \u00d6sterreich konnte nur zwei Goldene erringen. Mit Klammers Gold in der Abfahrt war dies allerdings nur Nebensache. Der Patscherkofel und \u00d6sterreichs <em>Franzi<\/em> sind seither untrennbar miteinander verbunden. Und auch wenn die Innsbrucker nicht ganz so sportlich sind, wie sie gerne w\u00e4ren, den Titel der Olympiastadt kann nach zwei Ausgaben plus einer Universiade und den Youth Olympic Games niemand wegdiskutieren.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die un-sportliche Infrastruktur lie\u00df sich die Stadt, unterst\u00fctzt von Bundesmitteln, bei beiden Spielen nicht lumpen. Nach dem raschen Wiederaufbau der Stadt nach dem Krieg kam es im Vorfeld zu einer Modernisierung der Stadt. Die erste olympische Edition Innsbrucks fiel in die Zeit des Wirtschaftswunders. 1963 wurde die Olympiabr\u00fccke, die den Westen der Stadt mit den Wettkampfst\u00e4tten verband, gebaut. Bis dahin ging der Ost-West Verkehr Innsbrucks kompliziert durch die Innenstadt. Die einzelnen Stra\u00dfen zwischen der Amraser-See-Stra\u00dfe im Osten und der Bachlechnerstra\u00dfe im Westen, aus denen die Hauptverkehrsader S\u00fcdring heute besteht, wurden erst in der Folge ausgebaut und waren bis dahin ruhige Teile der Vorstadt. Wiesen und Felder pr\u00e4gten die Szenerie. Der Vergleich von Luftaufnahmen von 1960 und 2020 ist faszinierend. In Amras standen da, wo sich heute die t\u00e4gliche <em>Rush Hour<\/em> abspielt, bis in die 1970er Jahre Bauernh\u00f6fe und einzelne Wohnh\u00e4user. In der heutigen Egger-Lienz-Stra\u00dfe beim Westbahnhof verlief das Bahnviadukt der Westbahn. Alte Fotos zeigen die Gleise, daneben B\u00e4ume und spielende Kinder. Rund um die heutige <em>Gra\u00dfmayrkreuzung<\/em> entstand fast im Vorbeigehen ein neuer Stadtteil. Das <em>Kaufhaus Forum<\/em>, hier befindet sich heute ein Kino, war eine Sensation und ein Zeichen f\u00fcr die Modernisierung Innsbrucks.<\/p>\n<p>Zwei Mal wurde ein olympisches Dorf aus dem Boden gestanzt und Wohnraum geschaffen, der heute noch in Benutzung ist. Daf\u00fcr wurde ein Teil des ehemaligen Dorfes Arzl auserkoren, das seit 1940 zu Innsbruck geh\u00f6rte. Der heutige Stadtteil <em>O-Dorf<\/em> im Osten der Stadt fungierte w\u00e4hrend der Spiele als Olympisches Dorf f\u00fcr die Athleten, das durch die Reichenauer Br\u00fccke \u00fcber den Inn mit der Innenstadt und den Wettkampfst\u00e4tten verbunden wurde. In der kaum besiedelten Arzler Au wurde 1961 mit dem Bau der ersten Wohnbl\u00f6cke begonnen. Der Arzler Schie\u00dfstand, den man auf einer Landkarte von 1960 noch sehen kann, wurde eine Talstufe weiter nach oben verlegt. In den 1970er Jahren kamen weitere Bl\u00f6cke dazu. Heute ist das O-Dorf, trotz der wenig beschaulichen Hochh\u00e4user im Stil der 1960er und 1970er Jahre, dank seiner Lage am Inn, den Gr\u00fcnfl\u00e4chen und der guten Anbindung an den \u00f6ffentlichen Verkehr ein lebenswertes Gr\u00e4tzel. Viele weitere Bauten in Innsbruck, die w\u00e4hrend der Olympiade als Infrastruktur f\u00fcr Presse und Medien genutzt wurden, gehen ebenfalls auf die Olympischen Spiele zur\u00fcck. Die P\u00e4dagogische Akademie P\u00c4DAK in Wilten, die IVB-Halle und das Landessportheim k\u00f6nnen als olympisches Erbe betrachtet werden. Der wenig pr\u00e4chtige Bau, der das ehemalige <em>Hotel Holiday Inn<\/em> neben der Triumphpforte beherbergt, das in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl an Betreiberwechseln durchmachte, entstand ebenfalls im Rahmen der olympischen Renaissance. Auch ein Erbe der olympischen Spiele ist etwas, das man heute verzweifelt zu \u00e4ndern versucht: Das olympiabedingte Wachstum fiel mit den 60er und 70er Jahren in die fr\u00fche Bl\u00fctezeit des Automobils.<\/p>\n<p>Die Olympischen Spiele waren f\u00fcr Innsbruck aber nicht nur ein Startpunkt in die Moderne was Wintersport und Infrastruktur anbelangt. Die Events beschlossen auch gedanklich den Mief der grauen Nachkriegszeit und verbreiteten ein Gef\u00fchl des Aufbruchs aus dem Status des Provinznestes. Man war vielleicht nicht mehr Residenzstadt wie zu Zeiten Maximilians, zumindest aber wieder auf der internationalen Landkarte vertreten. Kaiser Franz sei Dank!<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Lebensreform und Sozialdemokratie&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Lebensreform und Sozialdemokratie&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62369&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>\u201e<em>Licht Luft und Sonne<\/em>\u201c war das Motto der Lebensreform, einer Sammelbewegung alternativer Lebensmodelle, die im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert in Deutschland im Gleichschritt mit der Entwicklung der Sozialdemokratie ihren Anfang nahm. Beide Str\u00f6mungen waren Reaktionen auf die Lebensbedingungen in den rasant wachsenden St\u00e4dten. Die Urbanisierung wurde von immer mehr Menschen zunehmend als Belastung empfunden. Zwar hatten viele der Arbeiter und Angestellten in Innsbruck in absoluten Zahlen gemessen mehr Mittel zur Verf\u00fcgung als je zuvor, der Druck der sozialen Teilhabe wurde aber auch gr\u00f6\u00dfer. Ab den 1890ern gab es in Innsbruck mehrere Litfa\u00dfs\u00e4ulen, auf denen kunstvoll gestaltete Plakate die neue Vielfalt an Produkten anpriesen. Warenh\u00e4user und Modeausstatter machten die Unterschiede innerhalb der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft sichtbarer als je zuvor. Wer mithalten wollte in der neuen b\u00fcrgerlichen Klasse, musste sich Luxuswaren wie Kaffee leisten k\u00f6nnen. Gleichzeitig stieg die Belastung durch die Industrialisierung. Der Verkehr auf den Stra\u00dfen, die Abgase der Fabriken, die beengten Wohnverh\u00e4ltnisse in den Mietkasernen und die bis dahin unbekannte Hast durch die Durchtaktung der Zeit, die neue Krankheitsbilder wie Neurasthenie salonf\u00e4hig machte, riefen Gegenbewegungen hervor. Innsbruck war zwar nicht mit Paris oder London vergleichbar was Gr\u00f6\u00dfe oder Intensit\u00e4t der Industrialisierung betrifft, die Fallh\u00f6he f\u00fcr viele Bewohner der ehemals l\u00e4ndlichen D\u00f6rfer wie Pradl und die vom Land zugezogenen Arbeitskr\u00e4fte war aber enorm.<\/p>\n<p>Seit 1869 erschien die <em>Deutsche Vierteljahrschrift f\u00fcr \u00f6ffentliche Gesundheitspflege<\/em>, die sich mit der Verbesserung von Ern\u00e4hrung, Hygiene und Wohnraum auseinandersetzte. 1881 wurde <em>die \u00d6sterreichische Gesellschaft f\u00fcr Gesundheitspflege<\/em> gegr\u00fcndet. Private Vereine veranstalteten Aufkl\u00e4rungsveranstaltungen zum sauberen und gesunden Leben. Man betrieb politisches Lobbying zur Errichtung von Parks im \u00f6ffentlichen Raum und der Verbesserung der Infrastruktur wie B\u00e4dern, Krankenh\u00e4usern, Kanalisation und Wasserleitungen. Assanation und Sozialhygiene waren Schlagw\u00f6rter einer b\u00fcrgerlichen Elite, die um ihre Mitmenschen und die Volksgesundheit besorgt war. Anstelle der sozialistischen Revolution sollte der christliche Gedanke der N\u00e4chstenliebe die Gesellschaft voranbringen. Wie alle elit\u00e4ren Bewegungen nahm auch die Lebensreform teils absurde Bl\u00fcten an. Bewegungen wie der Vegetarismus, FKK, Gartenst\u00e4dte, verschiedene esoterische Str\u00f6mungen und andere alternative Lebensformen, die sich bis heute in der einen oder anderen Form erhalten konnten, entstanden in dieser Zeit. Auch der Spiritismus feierte in der Upper Class ein fr\u00f6hliches Dasein parallel zu den Dogmen der katholischen Kirche. Dieser oft wohlmeinende, aber exzentrische Lebensstil der wohlhabenden B\u00fcrgern in ihren Villen im Saggen, Wilten und Pradl, blieb Arbeitern meist verwehrt. Viele Mietzinsburgen waren triste und \u00fcberf\u00fcllte Biotope ohne Infrastruktur wie Sportanlagen oder Parks. Es waren die fr\u00fchen Sozialdemokraten, die sich politisch den Lebensrealit\u00e4ten der Arbeiter stellten. Moderne Wohnsiedlungen sollte funktional, komfortabel, leistbar und mit Gr\u00fcnfl\u00e4chen verbunden sein. Diese Ansichten hatten sich auch in \u00f6ffentlichen Stellen durchgesetzt. Albert Gruber, Professor an der Innsbrucker Gewerbeschule, schrieb 1907:<\/p>\n<p><em>\u201eIch habe zwar oft den Ausspruch geh\u00f6rt, wir in Innsbruck ben\u00f6tigen keine Anlagen, uns gibt das alles die Natur, Das ist aber nicht wahr. Was gibt es sch\u00f6neres, als wenn die Berufsmenschen von der Stelle ihrer T\u00e4tigkeit in ihr Heim durch eine Reihe von Pflanzenanlagen gehen k\u00f6nnen. Es wird dadurch der Weg von und in den Beruf zu einem Erholungsspaziergang. Die Gr\u00fcnde, weshalb Baum- und Gartenpflanzungen im Bereiche der st\u00e4dtischen Bebauung vorteilhaft wirken, sind \u00fcbrigens mannigfaltige. Ich will nicht auf die Wechselbeziehung zwischen Menschen und Pflanze hinweisen, die hinl\u00e4nglich bekannt sein d\u00fcrfte. In anderer Weise wirken die Pflanzen zur Verbesserung der Atmungsluft durch Verminderung des Staubes.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Noch vor dem Ersten Weltkrieg kam es zu Ver\u00e4nderungen im politischen Alltag. Die Sozialdemokratie als politische Bewegung als politische Partei gab es seit 1889 offiziell, gestalterische M\u00f6glichkeiten hatte sie unter der Habsburgermonarchie aber nur sehr eingeschr\u00e4nkt. Sozialismus galt als unchristlich und wurde im Heiligen Land Tirol argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt. Bedeutsam war die Arbeiterbewegung als gesellschaftliches Gegengewicht zu den in Tirol alles dominierenden katholischen Strukturen in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten. 1865 entstand in Innsbruck der erste <em>Tiroler Arbeiterbildungsverein<\/em>. Arbeiter sollten sich ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft bewusst werden vor der anstehenden Weltrevolution. Daf\u00fcr war es unumg\u00e4nglich, ein Mindestma\u00df an Bildung zu besitzen und Lesen und Schreiben zu beherrschen. 10 Jahre sp\u00e4ter gr\u00fcndete Franz Reisch den Allgemeinen Arbeiter-Verein in Innsbruck. Weitere zwei Jahre sp\u00e4ter wurde reichsweit die Allgemeine Arbeiter-, Kranken-, und Invaliden-Casse\u201c an den Start geschickt. Trotz staatlicher Repression kam es immer wieder zu betr\u00e4chtlichen Versammlungen der \u201eRadicalen\u201c. Seit 1893 erschien in Innsbruck die sozialdemokratische Volkszeitung als Gegenstimme zu den katholischen Bl\u00e4ttern. 1899 wurde in der heutigen Maximilianstra\u00dfe die Erste Tiroler Arbeiter-B\u00e4ckerei, kurz ETAB, er\u00f6ffnet. Die Genossenschaft machte es sich zum Ziel, unter guten Arbeits- und Hygienebedingungen hochwertiges Brot zu fairen Preisen herzustellen. Nach mehreren Standortwechseln landete die ETAB in der Hallerstra\u00dfe, wo sie bis 1999 t\u00e4glich frische Backwaren produzierte.<\/p>\n<p>Die ersten freien Wahlen innerhalb der k.u.k. Monarchie zum Reichsrat f\u00fcr alle m\u00e4nnlichen B\u00fcrger im Jahr 1907 ver\u00e4nderten nicht nur die politischen, sondern auch die sozialen Kraftverh\u00e4ltnisse. Der <em>Pofl<\/em> hatte nun politisches Mitspracherecht. Wichtige Gesetze wie Arbeitszeitbeschr\u00e4nkungen und Verbesserung in den Arbeitsbedingungen konnten nun mit mehr Nachdruck verlangt werden. Das Kronland Tirol hatte gemeinsam mit Ober\u00f6sterreich die l\u00e4ngsten Arbeitszeiten in der gesamten Donaumonarchie. Die Gewerkschaftsmitglieder stiegen zahlenm\u00e4\u00dfig zwar auch an, au\u00dferhalb der kleinst\u00e4dtischen Zentren war Tirol aber zu sehr b\u00e4uerlich gepr\u00e4gt, um nennenswerten Druck erzeugen zu k\u00f6nnen. Auf Gemeindeebene blieb das Zensuswahlrecht, das gro\u00dfdeutsch-liberalen und konservativ-klerikalen Politikern jahrzehntelang einen Freifahrtschein an die Macht ausgestellt hatte, bis nach dem Krieg bestehen. Die Erf\u00fcllung der daraus folgenden Forderungen musste auch nach den ersten Gemeinderatswahlen nach 1918 noch warten.<\/p>\n<p>Ein bekannter Innsbrucker Vertreter der Lebensreform und der Sozialdemokratie war Josef Prachensky (1861 \u2013 1931), der Vater des Architekten und Stadtplaners Theodor Prachensky. Er war im deutschsprachigen B\u00f6hmen, damals Teil der K.u.K. Monarchie aufgewachsen. Als gelernter Buchdrucker hatte er auf seiner Wanderschaft in Wien w\u00e4hrend des Buchdruckerstreiks die Arbeiterbewegung f\u00fcr sich entdeckt. Nach seiner Hochzeit mit einer Tirolerin lie\u00df er sich in Innsbruck nieder, wo er als Redakteur f\u00fcr die sozialdemokratische Volkszeitung f\u00fcr Tirol und Vorarlberg arbeitete. Josef Prachensky unterst\u00fctzte den Arbeiter-Consum-Verein, die Tiroler Arbeiterb\u00e4ckerei und gr\u00fcndete den Gastrobetrieb \u201eAlkoholfrei\u201c in der Museumstra\u00dfe, der ganz im Sinne der Lebensreformbewegung und des Sozialismus die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit zum Ziel hatte. Bereits Friedrich Engels (1820 \u2013 1895), der Mitverfasser des Kommunistischen Manifestes, hatte in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts Schnaps und Branntwein als ein \u00dcbel der Arbeiterklasse erkannt hatte. Das Ziel, Menschen vom Alkohol wegzubekommen teilte der Sozialismus wie so vieles mit kirchlichen Vereinen. Die Weltrevolution war mit Suchtkranken ebenso wenig durchf\u00fchrbar wie ein tugendhaftes, gottgef\u00e4lliges Leben. Prachensky war an der Gr\u00fcndung der Sozialdemokratischen Partei Tirols 1890 und nach dem Ersten Weltkrieg an der Gr\u00fcndung des Tiroler Republikanischen Schutzbundes RESCH beteiligt, dem linken Gegenst\u00fcck zu den rechten Heimwehrverb\u00e4nden. Ein besonderes politisches Anliegen war ihm die Einschr\u00e4nkung der Kirche auf den Schulunterricht, der im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch im eigentlich liberalen Innsbruck, das sich an die nationale Schulordnung halten musste, noch sehr gro\u00df war.<\/p>\n<p>Lebensreform und der wachsende Einfluss der Sozialdemokratie beeinflussten auch Kunst und Architektur. Man wollte sich von dem, was Max Weber als protestantische Ethik beschrieb, der Industrie, den Stechuhren, ganz allgemein dem rasenden technischen Fortschritt mit allen Auswirkungen auf den Menschen und das Sozialgef\u00fcge, abgrenzen. Der Mensch als Individuum, nicht seine Wirtschaftsleistung, sollte wieder im Mittelpunkt stehen. Die Kultur der alten Gesellschaft, in der Adel und Klerus \u00fcber dem Rest der Gesellschaft standen, sollte \u00fcberwunden werden. Was dem Arbeiter die Sozialdemokratie, waren der gehobenen B\u00fcrgerschaft Kunst und Architektur. Der Jugendstil war die k\u00fcnstlerische Antwort eines exzentrischen und alternativen Teils des B\u00fcrgertums auf dieses Zur\u00fcck zum Ursprung der Jahrhundertwende. Das verspielte Element war das Gegenteil zum stets symmetrischen und aufger\u00e4umten Historismus. Das Winklerhaus in Wilten ist eines der wenigen Beispiele f\u00fcr den Jugendstil in Innsbruck.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Der Rote Bischof und der Innsbrucker Sittenverfall&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Der Rote Bischof und der Innsbrucker Sittenverfall&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62113&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>In den 1950er Jahren begann sich Innsbruck von den Krisen- und Kriegsjahren der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zu erholen. Am 15. Mai 1955 deklarierte Bundeskanzler Leopold Figl mit den ber\u00fchmten Worten \u201e<em>\u00d6sterreich ist frei<\/em>\u201c und der Unterzeichnung des Staatsvertrages offiziell die politische Wende. In vielen Haushalten etablierte sich in den Jahren, die als <em>Wirtschaftswunder<\/em> in die Geschichte eingingen, moderater Wohlstand. Zwischen 1953 und 1962 erlaubte ein j\u00e4hrliches Wirtschaftswachstum von \u00fcber 6% es einem immer gr\u00f6\u00dferen Teil der Bev\u00f6lkerung von lange Zeit exotischen Dingen wie K\u00fchlschr\u00e4nken, einem eigenen Badezimmer oder gar einem Urlaub im S\u00fcden zu tr\u00e4umen. Diese Zeit brachte nicht nur materielle, sondern auch gesellschaftliche Ver\u00e4nderung mit sich. Die W\u00fcnsche der Menschen wurden mit dem steigenden Wohlstand und dem Lifestyle, der in Werbung und Medien transportiert wurde, ausgefallener. Das Ph\u00e4nomen einer neuen Jugendkultur begann sich zart inmitten der grauen Gesellschaft im kleinen \u00d6sterreich der Nachkriegszeit breit zu machen. Die Begriffe <em>Teenager<\/em> und Schl\u00fcsselkind hielten in den 1950er Jahren im Sprachgebrauch der \u00d6sterreicher Einzug. \u00dcber Filme kam die gro\u00dfe Welt nach Innsbruck. Kinovorf\u00fchrungen und Lichtspieltheater gab es zwar schon um die Jahrhundertwende in Innsbruck, in der Nachkriegszeit passte sich das Programm aber erstmals an ein jugendliches Publikum an. Ein Fernsehger\u00e4t hatte kaum jemand im Wohnzimmer und das Programm war mager. Die zahlreichen Kinos warben mit skandaltr\u00e4chtigen Filmen um die Gunst des Publikums. Ab 1956 erschien die Zeitschrift <em>BRAVO<\/em>. Zum ersten Mal gab es ein Medium, das sich an den Interessen Jugendlicher orientierte. Auf der ersten Ausgabe war Marylin Monroe zu sehen, darunter die Frage: \u201e<em>Haben auch Marylins Kurven geheiratet<\/em>?\u201c Die gro\u00dfen Stars der ersten Jahre waren James Dean und Peter Kraus, bevor in den 60er Jahren die Beatles \u00fcbernahmen. Nach dem <em>Summer of Love<\/em> kl\u00e4rte Dr. Sommer \u00fcber Liebe und Sex auf. Die allm\u00e4chtige Deutungshoheit der Kirche \u00fcber das moralische Verhalten Pubertierender begann zu br\u00f6ckeln, wenn auch nur langsam. Die erste Foto-Love-Story mit nacktem Busen folgte erst 1982. Bis in die 1970er Jahre beschr\u00e4nkten sich die M\u00f6glichkeiten heranwachsender Innsbrucker Gro\u00dfteils auf Wirtshausstuben, Sch\u00fctzenverein und Blasmusik. Erst nach und nach er\u00f6ffneten Bars, Discos, Nachtlokale, Kneipen und Veranstaltungsr\u00e4umlichkeiten. Veranstaltungen wie der <em>5 Uhr Tanztee<\/em> im Sporthotel Igls lockten paarungswillige junge Menschen an. Das <em>Cafe Central<\/em> wurde zur \u201e<em>zweiten Heimat langhaariger Jugendlicher<\/em>\u201c, wie die Tiroler Tageszeitung 1972 entsetzt feststellte. Etablissements wie der <em>Falknerkeller<\/em> in der Gilmstra\u00dfe, der <em>Uptown Jazzsalon<\/em> in H\u00f6tting, der Jazzclub in der Hofgasse, der <em>Clima Club<\/em> im Saggen, der <em>Scotch Club<\/em> in der Angerzellgasse und die <em>Tangente<\/em> in der Bruneckerstra\u00dfe hatten mit der traditionellen Tiroler Bier- und Weinstube nichts gemeinsam. Die Auftritte der Rolling Stones und Deep Purples in der Olympiahalle 1973 waren der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt des Innsbrucker Fr\u00fchlingserwachens. Innsbruck wurde damit zwar nicht zu London oder San Francisco, zumindest einen Hauch Rock\u00b4n\u00b4Roll hatte man aber eingeatmet. Das, was als 68er Bewegung im kulturellen Ged\u00e4chtnis bis heute verankert ist, fand im <em>Heiligen Land<\/em> kaum statt. Weder Arbeiter noch Studenten gingen in Scharen auf die Barrikaden. Der Historiker Fritz Keller bezeichnete die 68er Bewegung \u00d6sterreichs als \u201e<em>Mail\u00fcfterl<\/em>\u201c. Trotzdem war die Gesellschaft still und heimlich im Wandel. Ein Blick in die Jahreshitparaden gibt einen Hinweis darauf. Waren es 1964 noch Kaplan Alfred Flury und Freddy mit \u201e<em>Lass die kleinen Dinge<\/em>\u201c und \u201e<em>Gib mir dein Wort<\/em>\u201c sowie die Beatles mit ihrer deutschen Version von \u201e<em>Komm, gib mir deine Hand<\/em> die die Top 10 dominierten, \u00e4nderte sich der Musikgeschmack in den Jahren bis in die 1970er. Zwar fanden sich auch dann immer noch Peter Alexander und Mireille Mathieu in den Charts. Ab 1967 waren es aber internationale Bands mit fremdsprachigen Texten wie <em>The Rolling Stones, Tom Jones, The Monkees<\/em>, Scott McKenzie, Adriano Celentano oder Simon und Garfunkel, die mit teils gesellschaftskritischen Texten die Top Positionen in gro\u00dfer Dichte einnahmen.<\/p>\n<p>Diese Ver\u00e4nderung rief eine Gegenreaktion hervor. Die Speerspitze der konservativen Konterrevolution war der Innsbrucker Bischof Paulus Rusch. Zigaretten, Alkohol, allzu freiz\u00fcgige Mode, Auslandsurlaube, arbeitende Frauen, Nachtlokale, vorehelicher Geschlechtsverkehr, die 40-Stundenwoche, sonnt\u00e4gliche Sportveranstaltungen, Tanzabende, gemischte Geschlechter in Schule und Freizeit \u2013 das alles war dem strengen Kirchenmann und Anh\u00e4nger des Herz-Jesu-Kultes streng zuwider. Peter Paul Rusch war 1903 in M\u00fcnchen zur Welt gekommen und in Vorarlberg als j\u00fcngstes von drei Kindern in einem gutb\u00fcrgerlichen Haushalt aufgewachsen. Beide Elternteile und seine \u00e4ltere Schwester starben an Tuberkulose, bevor er die Vollj\u00e4hrigkeit erreicht hatte. Rusch musste im jugendlichen Alter von 17 in der kargen Nachkriegszeit fr\u00fch f\u00fcr sich selbst sorgen. Die Inflation hatte das v\u00e4terliche Erbe, das ihm ein Studium h\u00e4tte finanzieren k\u00f6nnen, im Nu aufgefressen. Rusch arbeitete sechs Jahre lange bei der <em>Bank f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>, um sich sein Theologiestudium finanzieren zu k\u00f6nnen. 1927 trat er ins Collegium Canisianum ein, sechs Jahre sp\u00e4ter wurde er zum Priester des Jesuitenordens geweiht. Seine steile Karriere f\u00fchrte den intelligenten jungen Mann als Kaplan zuerst nach Lech und Hohenems und als Leiter des Teilpriesterseminars zur\u00fcck nach Innsbruck. 1938 wurde er Titularbischof von Lykopolis und Apostolischer Administrator f\u00fcr Tirol und Vorarlberg. Als j\u00fcngster Bischof Europas musste er die Schikanen der nationalsozialistischen Machthaber gegen\u00fcber der Kirche \u00fcberstehen. Obwohl seine kritische Einstellung zum Nationalsozialismus bekannt war, wurde Rusch selbst nie inhaftiert. Zu gro\u00df war die Furcht der Machthaber davor, aus dem beliebten jungen Bischof einen M\u00e4rtyrer zu machen.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg stand der sozial und politisch engagierte Bischof an vorderster Front beim Wiederaufbau. Die Kirche sollte wieder mehr Einfluss auf den Alltag der Menschen nehmen. Sein Vater hatte sich vom Zimmermann zum Architekten hochgearbeitet und ihm wohl ein Faible f\u00fcr das Bauwesen mitgegeben. Dazu kamen seine eigenen Erfahrungen bei der BTV. Dank seiner Ausbildung als B\u00e4nker erkannte Rusch die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Kirche sich als Helfer in der Not zu engagieren und zu profilieren. Nicht nur die im Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Kirchen wurden wiederaufgebaut. Die <em>Katholische Jugend<\/em> engagierte sich unter Ruschs F\u00fchrung unentgeltlich bei der Errichtung der <em>Heiligjahrsiedlung<\/em> in der H\u00f6ttinger Au. Die Di\u00f6zese kaufte daf\u00fcr einen Baugrund vom Ursulinenorden. Die Kredite f\u00fcr die Siedler wurden zinsfrei von der Kirche vorgestreckt.\u00a0 Sein rustikales Voranschreiten in der Wohnungsfrage sollte ihm Jahrzehnte sp\u00e4ter den Titel \u201e<em>Roter Bischof\u201c<\/em> bescheren. In den bescheidenen H\u00e4uschen mit Selbstversorgergarten ganz nach der Vorstellung des dogmatischen und gen\u00fcgsamen \u201eArbeiterbischofs\u201c fanden 41 bevorzugt kinderreiche Familien eine neue Heimat.<\/p>\n<p>Durch die Linderung der Wohnungsnot sollten die gr\u00f6\u00dften Bedrohungen im <em>Kalten Krieg<\/em>, Kommunismus und Sozialismus, von seiner Gemeinde fernhalten. Der vom Kommunismus vorgeschriebene Atheismus wie auch der konsumorientierte Kapitalismus, der nach dem Krieg aus den USA schwappend in Westeuropa Einzug gehalten hatte, waren ihm ein Gr\u00e4uel. 1953 erschien Ruschs Buch \u201e<em>Junger Arbeiter, wohin?\u201c.<\/em> Was nach revolution\u00e4rer, linker Lekt\u00fcre aus dem Kreml klingt, zeigte die Grunds\u00e4tze der Christlichen Soziallehre, die sowohl Kapitalismus wie auch Sozialismus gei\u00dfelte. Familien sollten bescheiden leben, um mit den moderaten finanziellen Mitteln eines alleinerziehenden Vaters in christlicher Harmonie zu leben. Unternehmer, Angestellte und Arbeiter sollten eine friedliche Einheit bilden. Kooperation statt Klassenkampf, die Basis der heutigen Sozialpartnerschaft. Jedem sein Platz in christlichem Sinne, eine Art modernes Feudalsystem, das bereits im St\u00e4ndestaat Dollfu\u00df\u00b4 zur Anwendung geplant war. Seine politischen Ansichten teilte er mit Landeshauptmann Eduard Walln\u00f6fer und B\u00fcrgermeister Alois Lugger, die gemeinsam mit dem Bischof die <em>Heilige Dreifaltigkeit<\/em> des konservativen Tirols der Zeit des Wirtschaftswunders bildeten. Dazu kombinierte Rusch einen latenten, in Tirol auch nach 1945 weit verbreiteten katholischen Antisemitismus, der dank Verirrungen wie der Verehrung des <em>Anderle von Rinn <\/em>lange als Tradition halten konnte.<\/p>\n<p>Ein besonderes Anliegen war dem streitbaren Jesuiten Erziehung und Bildung. Die gesellschaftliche Formung quer durch alle Klassen durch die Soldaten Christi konnte in Innsbruck auf eine lange Tradition zur\u00fcckblicken. Der Jesuitenpater und vormalige Gef\u00e4ngnisseelsorger Alois Mathiowitz (1853 \u2013 1922) gr\u00fcndete 1909 in Pradl den <em>Peter-Mayr-Bund<\/em>. Sein Ansatz war es, Jugendliche \u00fcber Freizeitgestaltung und Sport und Erwachsene aus dem Arbeitermilieu durch Vortr\u00e4ge und Volksbildung auf den rechten Weg zu bringen. Das unter seiner \u00c4gide errichtete Arbeiterjugendheim in der Reichenauerstra\u00dfe dient bis heute als Jugendzentrum und Kindergarten. Auch Rusch hatte Erfahrung mit Jugendlichen. 1936 war er in Vorarlberg zum Landesfeldmeister der Pfadfinder gew\u00e4hlt worden. Trotz eines Sprachfehlers war er ein charismatischer Typ, und bei seinen jungen Kollegen und Jugendlichen \u00fcberaus beliebt. Nur eine fundierte Erziehung unter den Fittichen der Kirche nach christlichem Modell konnte seiner Meinung nach das Seelenheil der Jugend retten. Um jungen Menschen eine Perspektive zu geben und sie in geordnete Bahnen mit Heim und Familie zu lenken, wurde das <em>Jugendbausparen<\/em> gest\u00e4rkt. In den Pfarren wurden Kinderg\u00e4rten, Jugendheime und Bildungseinrichtungen wie das <em>Haus der Begegnung<\/em> am Rennweg errichtet, um von Anfang an die Erziehung in kirchlicher Hand zu haben. Der allergr\u00f6\u00dfte Teil des sozialen Lebens der Stadtjugend spielte sich nicht in verruchten Spelunken ab. Den meisten Jugendlichen fehlte schlicht und ergreifend das Geld, um regelm\u00e4\u00dfig in Lokalen zu verkehren. Viele fanden ihren Platz in den halbwegs geordneten Bahnen der katholischen Jugendorganisationen. Neben dem ultrakonservativen Bischof Rusch wuchs eine Generation liberaler Kleriker heran, die sich in die Jugendarbeit einbrachten. In den 1960er und 70er Jahren agierten in Innsbruck zwei kirchliche Jugendbewegungen mit gro\u00dfem Einfluss. Verantwortlich daf\u00fcr waren Sigmund Kripp und Meinrad Schumacher, die mit neuen Ans\u00e4tzen in der P\u00e4dagogik und einem offeneren Umgang mit heiklen Themen wie Sexualit\u00e4t und Rauschmitteln Teenager und junge Erwachsene f\u00fcr sich gewinnen konnten. F\u00fcr die Erziehung der Eliten im Sinne des Jesuitenordens sorgte in Innsbruck seit 1578 die <em>Marianische Kongregation<\/em>. Diese Jugendorganisation, bis heute als MK bekannt, nahm sich den Gymnasialsch\u00fclern an. Die MK war streng hierarchisch strukturiert, um den jungen <em>Soldaten Christi<\/em> von Anfang an Gehorsam beizubringen. 1959 \u00fcbernahm Pater Sigmund Kripp die Leitung der Organisation. Die Jugendlichen errichteten unter seiner F\u00fchrung mit finanzieller Unterst\u00fctzung durch Kirche, Staat, Eltern und mit viel Eigenleistung Projekte wie die <em>Mittergrath\u00fctte<\/em> samt eigener Materialseilbahn im K\u00fchtai und das legend\u00e4re Jugendheim <em>Kennedyhaus<\/em> in der Sillgasse. Bei der Grundsteinlegung dieses Jugendzentrums, das mit knapp 1500 Mitgliedern zum gr\u00f6\u00dften seiner Art in Europa werden sollte, waren Bundeskanzler Klaus und Mitglieder der amerikanischen Botschaft anwesend, war der Bau doch dem ersten katholischen, erst k\u00fcrzlich ermordeten Pr\u00e4sidenten der USA gewidmet.<\/p>\n<p>Die andere kirchliche Jugendorganisation Innsbrucks war das Z6. Stadtjugendseelsorger Kaplan Meinrad Schumacher k\u00fcmmerte sich im Rahmen der <em>Aktion 4-5-6<\/em> um alle Jugendlichen, die in der MK oder der <em>Katholischen Hochsch\u00fclerschaft<\/em> keinen Platz hatten. Arbeiterkinder und Lehrlinge trafen sich in verschiedenen Jugendheimen wie Pradl oder der Reichenau, bevor 1971 das neue, ebenfalls von den Mitgliedern selbst errichtete Zentrum in der namensgebenden Zollerstra\u00dfe 6 er\u00f6ffnet wurde. Die Leitung \u00fcbernahm Josef Windischer. Das Z6 hatte schon mehr mit dem zu tun, was auf der Leinwand von Dennis Hopper und Peter Fonda auf ihren Motorr\u00e4dern in <em>Easy Rider<\/em> vorgezeigt wurde. Hier ging es rauer zu als in der MK. Rockerbanden wie die Santanas, Kleinkriminelle und Drogenabh\u00e4ngige verbrachten ihre Freizeit ebenfalls im Z6. W\u00e4hrend Schumacher mit den \u201ebraven\u201c Jugendlichen oben sein Programm abspulte, bev\u00f6lkerte Windischer mit den <em>Outsiders<\/em> das Untergescho\u00df, um auch den verirrten Sch\u00e4fchen so gut als m\u00f6glich beizustehen.<\/p>\n<p>Ende der 1960er Jahre beschlossen sowohl die MK wie auch das Z6 sich auch f\u00fcr Nichtmitglieder zu \u00f6ffnen. M\u00e4dchen und Bubengruppen wurden teilweise zusammengelegt und auch Nicht-Mitglieder wurden eingelassen. Die beiden Jugendzentren hatten zwar unterschiedliche Zielgruppen, das Konzept aber war gleich. Theologisches Wissen und christliche Moral wurden in spielerischem, altersgerechtem Umfeld vermittelt. Sektionen wie Schach, Fu\u00dfball, Hockey, Basketball, Musik, Kinofilme und ein Partykeller holten die Bed\u00fcrfnisse der Jugendlichen nach Spiel, Sport und der Enttabuisierung der ersten sexuellen Erfahrungen ab. Die Jugendzentren boten einen Raum, in dem sich Jugendliche beider Geschlechter begegnen konnten. Besonders die MK blieb aber eine Institution, die nichts mit dem wilden Leben der 68er, wie es in Filmen gerne transportiert wird, zu tun hatte. So fanden zum Beispiel Tanzkurse nicht im Advent, Fasching oder an Samstagen statt, f\u00fcr unter 17j\u00e4hrige waren sie \u00fcberhaupt verbotene Fr\u00fcchte.<\/p>\n<p>Trotzdem gingen die Jugendzentren zu weit f\u00fcr Bischof Rusch. Die kritischen Beitr\u00e4ge in der MK-Zeitung <em>Wir diskutieren<\/em>, die immerhin eine Auflage von \u00fcber 2000 St\u00fcck erreichte, fanden immer seltener sein Gefallen. Solidarit\u00e4t mit Vietnam war das eine, aber Kritik an Sch\u00fctzen und Bundesheer konnten nicht geduldet werden. Nach jahrelangen Streitigkeiten zwischen Bischof und Jugendzentrum kam es 1973 zum Showdown. Als Pater Kripp sein Buch <em>Abschied von morgen<\/em> ver\u00f6ffentlichte, in dem er von seinem p\u00e4dagogischen Konzept und der Arbeit in der MK berichtete, kam es zu einem nicht \u00f6ffentlichen Verfahren innerhalb der Di\u00f6zese und des Jesuitenordens gegen den Leiter des Jugendzentrums. Trotz massiver Proteste von Eltern und Mitgliedern wurde Kripp entfernt. Weder die innerkirchliche Intervention durch den bedeutenden Theologen Karl Rahner noch eine vom K\u00fcnstler Paul Flora ins Leben gerufene Unterschriftenaktion oder regionale und \u00fcberregionale Emp\u00f6rung in der Presse konnte den allzu liberalen Pater vor dem Zorn Ruschs retten, der sich f\u00fcr die Amtsenthebung sogar den p\u00e4pstlichen Segen aus Rom zusichern lie\u00df.<\/p>\n<p>Im Juli 1974 war es vor\u00fcbergehend auch mit dem Z6 vorbei. Artikel \u00fcber die Antibaby-Pille und Kritik der Z6-Zeitung an der katholischen Kirche waren zu viel f\u00fcr den strengen Bischof. Rusch lie\u00df kurzerhand die Schl\u00fcssel des Jugendzentrums austauschen, eine Methode, die er auch bei der <em>Katholischen Hochsch\u00fclerschaft <\/em>angewendet hatte, als diese sich zu nahe an eine linke Aktionsgruppe ann\u00e4herte. Die Tiroler Tageszeitung vermerkte am 1. August 1974 in einem kleinen Artikel dazu:<\/p>\n<p><em>\u201eIn den letzten Wochen war es zwischen den Erziehern und dem Bischof zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen \u00fcber Grundsatzprobleme gekommen. Nach den Worten des Bischofs h\u00e4tten die im \u201eZ 6\u201c vertretenen Auffassungen \u201emit der kirchlichen Lehre nicht mehr \u00fcbereingestimmt\u201c. So seien den Jugendlichen von der Leitung des Zentrums absolute Gewissensfreiheit ohne gleichzeitige Anerkennung objektiver Normen zugebilligt und auch geschlechtliche Beziehungen vor der Ehe erlaubt worden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sein Festhalten an konservativen Werten und seine Sturheit waren es, die Ruschs Ansehen in seinen letzten 20 Lebensjahren besch\u00e4digten. Als er 1964 zum ersten Bischof der neu gegr\u00fcndeten Di\u00f6zese Innsbruck geweiht wurde, \u00e4nderten sich die Zeiten. Der progressive mit praktischer Lebenserfahrung von einst wurde vom modernen Leben einer neuen Generation und den Bed\u00fcrfnissen der sich etablierenden Konsumgesellschaft \u00fcberholt. Die st\u00e4ndige Kritik des Bischofs am Lebensstil seiner Sch\u00e4fchen und das sture Festhalten an seinen allzu konservativen Werten gepaart mit teils skurrilen Aussagen machten aus dem Mitbegr\u00fcnder der Entwicklungshilfe <em>Bruder in Not<\/em>, dem jungen, anpackenden Bischof des Wiederaufbaus, ab den sp\u00e4ten 1960er Jahren einen Grund f\u00fcr den Kirchenaustritt. Sein Konzept von Umkehr und Bu\u00dfe trieb skurrile Bl\u00fcten. So forderte er von den Tirolern Schuld und S\u00fchne f\u00fcr ihre Verfehlungen w\u00e4hrend der NS-Zeit, bezeichnete aber gleichzeitig die Entnazifizierungsgesetze als zu weitgreifend und streng. Auf die neuen sexuellen Gepflogenheiten und die Abtreibungsgesetze unter Bundeskanzler Kreisky erwiderte er, dass M\u00e4dchen und junge Frauen, die verfr\u00fcht geschlechtlichen Umgang haben, bis zu zw\u00f6lfmal h\u00e4ufiger von Krebserkrankungen der Mutterorgane betroffen seien. Hamburg bezeichnete Rusch als S\u00fcndenbabel und er vermutete, dass die schlichten Gem\u00fcter der Tiroler Bev\u00f6lkerung Ph\u00e4nomenen wie Tourismus und Nachtlokalen nicht gewachsen seien und sie zu unmoralischem Verhalten verf\u00fchrten. Er f\u00fcrchtete, dass Technologie und Fortschritt den Menschen allzu unabh\u00e4ngig von Gott machen. Er war streng gegen die neue Sitte des Doppelverdienstes. Der Mensch sollte mit einem spirituellen Einfamilienhaus mit Gem\u00fcsegarten zufrieden sein und nicht nach mehr streben, Frauen sollten sich auf ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>1973 wurde Bischof Rusch nach 35 Jahren an der Spitze der Kirchengemeinde Tirols und Innsbrucks zum Ehrenb\u00fcrger der Stadt Innsbruck ernannt. 1981 trat er von seinem Amt zur\u00fcck. 1986 fand Innsbrucks erster Bischof seine letzte Ruhe im Dom St. Jakob. Das <em>Bischof-Paulus-Studentenheim<\/em> bei der unter ihm errichteten Kirche Petrus Canisius in der H\u00f6ttinger Au erinnert an ihn.<\/p>\n<p>Das Jugendzentrum Z6 \u00fcbersiedelte nach seiner Schlie\u00dfung 1974 in die Andreas-Hofer-Stra\u00dfe 11, bevor es seine bis heute bestehende Heimst\u00e4tte in der Dreiheiligenstra\u00dfe fand, mitten im Arbeiterviertel der Fr\u00fchen Neuzeit gegen\u00fcber der Pestkirche. Jussuf Windischer blieb nach seiner Mitarbeit in Sozialprojekten in Brasilien in Innsbruck. Der Vater von vier Kindern arbeitete weiterhin mit sozialen Randgruppen, war Dozent an der Sozialakademie, Gef\u00e4ngnisseelsorger und Leiter des Caritas Integrationshauses in Innsbruck.<\/p>\n<p>Auch die MK besteht bis heute, auch wenn es das Kennedyhaus, das direkt nach dem Abschied Kripps von den Mitgliedern in <em>Sigmund-Kripp-Haus<\/em> umbenannt wurde, nicht mehr gibt. Kripp wurde 2005 von seinem ehemaligen Sodalen und sp\u00e4teren Vizeb\u00fcrgermeister wie vor ihm Bischof Rusch zum Ehrenb\u00fcrger der Stadt Innsbruck ernannt.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Eine Republik entsteht&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Eine Erste Republik entsteht&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;62863&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Kaum eine Epoche ist schwerer zu fassen als die Zwischenkriegszeit. Die <em>Roaring Twenties<\/em>, Jazz und Automobile kommen einem ebenso in den Sinn wie Inflation und Wirtschaftskrise. In Gro\u00dfst\u00e4dten wie Berlin geb\u00e4rdeten sich junge Damen als <em>Flappers<\/em> mit Bubikopf, Zigarette und kurzen R\u00f6cken zu den neuen Kl\u00e4ngen lasziv, Innsbrucks Bev\u00f6lkerung geh\u00f6rte als Teil der jungen Republik \u00d6sterreich zum gr\u00f6\u00dften Teil zur Fraktion Armut, Wirtschaftskrise und politischer Polarisierung. Schon die Ausrufung der Republik am Parlament in Wien vor \u00fcber 100.000 mehr oder minder begeisterten, vor allem aber verunsicherten Menschen verlief mit Tumulten, Schie\u00dfereien, zwei Toten und 40 Verletzten alles andere als reibungsfrei. Wie es nach dem Ende der Monarchie und dem Wegfall eines gro\u00dfen Teils des Staatsterritoriums weitergehen sollte, wusste niemand. Das neue \u00d6sterreich erschien zu klein und nicht lebensf\u00e4hig. Der Beamtenstaat des k.u.k. Reiches setzte sich nahtlos unter neuer Fahne und Namen durch. Die Bundesl\u00e4nder als Nachfolger der alten Kronl\u00e4nder erhielten in der Verfassung im Rahmen des F\u00f6deralismus viel Spielraum in Gesetzgebung und Verwaltung. Die Begeisterung f\u00fcr den neuen Staat hielt sich aber in der Bev\u00f6lkerung in Grenzen. Nicht nur, dass die Versorgungslage nach dem Wegfall des allergr\u00f6\u00dften Teils des ehemaligen Riesenreiches der Habsburger miserabel war, die Menschen misstrauten dem Grundgedanken der Republik. Die Monarchie war nicht perfekt gewesen, mit dem Gedanken von Demokratie konnten aber nur die allerwenigsten etwas anfangen. Anstatt Untertan des Kaisers war man nun zwar B\u00fcrger, allerdings nur B\u00fcrger eines Zwergstaates mit \u00fcberdimensionierter und in den Bundesl\u00e4ndern wenig geliebter Hauptstadt anstatt eines gro\u00dfen Reiches. In den ehemaligen Kronl\u00e4ndern, die zum gro\u00dfen Teil christlich-sozial regiert wurden, sprach man gerne vom <em>Wiener Wasserkopf<\/em>, der sich mit den Ertr\u00e4gen der flei\u00dfigen Landbev\u00f6lkerung durchf\u00fcttern lie\u00df.<\/p>\n<p>Auch andere Bundesl\u00e4nder spielten mit dem Gedanken, sich von der Republik abzukoppeln, nachdem der von allen Parteien unterst\u00fctzte Plan sich Deutschland anzuschlie\u00dfen von den Siegerm\u00e4chten des Ersten Weltkriegs untersagt worden war. Die Tiroler Pl\u00e4ne allerdings waren besonders spektakul\u00e4r. Von einem neutralen Alpenstaat mit anderen Bundesl\u00e4ndern, einem Freistaat bestehend aus Tirol und Bayern oder von Kufstein bis Salurn, einem Anschluss an die Schweiz bis hin zu einem katholischen Kirchenstaat unter p\u00e4pstlicher F\u00fchrung gab es viele \u00dcberlegungen. Besonders popul\u00e4r war die naheliegendste L\u00f6sung. In Tirol war es nicht neu, sich als Deutscher zu f\u00fchlen. Warum sich also nicht auch politisch an den gro\u00dfen Bruder im Norden anh\u00e4ngen? Besonders unter st\u00e4dtischen Eliten und Studenten war dieser Wunsch sehr ausgepr\u00e4gt. Der Anschluss an Deutschland erhielt in Tirol bei einer Abstimmung in Tirol einen Zuspruch von 98%, kam aber nie zustande.<\/p>\n<p>Anstatt ein Teil Deutschlands zu werden, unterstand man den ungeliebten <em>Wallschen<\/em>. Knapp zwei Jahre lang besetzten italienische Truppen nach Kriegsende Innsbruck. Bei den Friedensverhandlungen in Paris war wurde der Brenner zur neuen Grenze erkl\u00e4rt. Das historische Tirol war zweigeteilt. Am Brenner stand Milit\u00e4r, um eine Grenze zu sichern, die es vorher nie gab und als unnat\u00fcrlich und ungerecht empfunden wurde. 1924 beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen rund um den Hauptbahnhof nach S\u00fcdtiroler St\u00e4dten zu benennen. Der Bozner Platz sowie die Brixner- und die Salurnerstra\u00dfe tragen ihre Namen bis heute. Viele Menschen zu beiden Seiten des Brenners f\u00fchlten sich verraten. Man hatte den Krieg zwar bei Weitem nicht gewonnen, als Verlierer gegen\u00fcber Italien sah man sich aber nicht. Der Hass auf Italiener erreichte in der Zwischenkriegszeit seinen H\u00f6hepunkt, auch wenn die Besatzungstruppen sich betont milde gab. Eine Passage aus dem Erz\u00e4hlband \u201e<em>Die Front \u00fcber den Gipfeln<\/em>\u201c des nationalsozialistischen Autors Karl Springenschmid aus den 1930ern spiegelt die allgemeine Stimmung wider:<\/p>\n<p><em>\u201e`Walsch (Anm.:Italienisch) werden, das w\u00e4r das \u00c4rgste!` sagt die Junge. <\/em><\/p>\n<p><em>Da nickt der alte Tappeiner blo\u00df und schimpft: `Wei\u00df wohl selber und wir wissen es alle: Walsch werden, das w\u00e4r das \u00c4rgste.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ungemach drohte auch in der Innenpolitik. Die Revolution in Russland und der darauffolgende B\u00fcrgerkrieg mit Millionen von Todesopfern, Enteignung und kompletter Systemumkehr warf ihren langen Schatten bis nach \u00d6sterreich. Die Aussicht auf <em>sowjetische Zust\u00e4nde<\/em> machte den Menschen Angst. \u00d6sterreich war tief gespalten. Hauptstadt und Bundesl\u00e4nder, Stadt und Land, B\u00fcrger, Arbeiter und Bauern \u2013 im Vakuum der ersten Nachkriegsjahre wollte jede Gruppe die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten. Die Kulturk\u00e4mpfe der sp\u00e4ten Monarchie zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialisten setzte sich nahtlos fort. Die Kluft bestand nicht nur auf politischer Ebene. Moral, Familie, Freizeitgestaltung, Erziehung, Glaube, Rechtsverst\u00e4ndnis \u2013 jeder Lebensbereich war betroffen. Wer sollte regieren? Wie sollten Verm\u00f6gen, Rechte und Pflichten verteilt werden. Ein kommunistischer Umsturz war besonders in Tirol keine reale Gefahr, lie\u00df sich aber medial gut als Bedrohung instrumentalisieren, um die Sozialdemokratie in Verruf zu bringen. 1919 hatte sich in Innsbruck zwar ein <em>Arbeiter-, Bauer- und Soldatenrat <\/em>nach sowjetischem Vorbild ausgerufen, sein Einfluss blieb aber gering und wurde von keiner Partei unterst\u00fctzt. Ab 1920 bildeten sich offiziell sogenannten Soldatenr\u00e4te, die aber christlich-sozial dominiert waren. Das b\u00e4uerliche und b\u00fcrgerliche Lager rechts der Mitte militarisierte sich mit der <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> professioneller und konnte sich \u00fcber st\u00e4rkeren Zulauf freuen als linke Gruppen, auch dank kirchlicher Unterst\u00fctzung. Die Sozialdemokratie wurde von den Kirchkanzeln herab und in konservativen Medien als <em>Judenpartei<\/em> und heimatlose Vaterlandsverr\u00e4ter bezeichnet. Allzu gerne gab man ihnen die Schuld am verlorenen Krieg und den Folgen gab. Der Tiroler Anzeiger brachte die Volks\u00e4ngste auf den Punkt: <em>\u201cWehe dem christlichen Volke, wenn bei den Wahlen die Juden=Sozi siegen!\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Der Innsbrucker Gemeinderat umfasste mit der neuen Gemeinderatsordnung, die das allgemeine Wahlrecht aller Erwachsenen vorsah, von 1919 40 Mitglieder. Von 24.644 zur Wahlurne gerufenen B\u00fcrgern machten unglaubliche 24.060 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Bereits im ersten Gemeinderat mit freien Wahlen waren drei Frauen vertreten. W\u00e4hrend in den l\u00e4ndlichen Bezirken die <em>Tiroler Volkspartei<\/em> als Zusammenschluss aus <em>Bauernbund<\/em>, <em>Volksverein<\/em> und <em>Katholischer Arbeiterschaft<\/em> dominierte, konnte die Sozialdemokratie unter der F\u00fchrung von Martin Rapoldi trotz des starken Gegenwindes in Innsbruck bei den ersten Wahlen 1919 stets zwischen 30 und 50% der Stimmen erringen. Dass es mit dem B\u00fcrgermeistersessel f\u00fcr die Sozialdemokraten nicht klappte, lag an den Mehrheiten im Gemeinderat durch B\u00fcndnisse der anderen Parteien. Liberale und <em>Tiroler Volkspartei<\/em> stand der Sozialdemokratie gegen\u00fcber mindestens so ablehnend gegen\u00fcber wie der Bundeshauptstadt Wien und den italienischen Besatzern.<\/p>\n<p>Die hohe Politik war aber nur der Rahmen des eigentlichen Elends. Die als <em>Spanische Grippe<\/em> in die Geschichte eingegangene Epidemie forderte in den Jahren nach dem Krieg auch in Innsbruck ihren Tribut. Genaue Zahlen wurden nicht erfasst, weltweit sch\u00e4tzt man die Zahl der Todesopfer auf 27 \u2013 50 Millionen. In Innsbruck sollen es in der Bl\u00fctezeit der Spanischen Grippe um die 100 Opfer t\u00e4glich gewesen sein, die der Krankheit zum Opfer fielen. Viele Innsbrucker waren von den Schlachtfeldern nicht nach Hause zur\u00fcckgekehrt und fehlten als V\u00e4ter, Ehem\u00e4nner und Arbeitskr\u00e4fte. Viele von denen, die es zur\u00fcckgeschafft hatten, waren verwundet und von den Kriegsgr\u00e4ueln gezeichnet. Noch im Februar 1920 veranstaltete der \u201e<em>Tiroler Ausschuss der Sibirier\u201c<\/em> im <em>Gasthof Brein\u00f6\u00dfl<\/em> <em>\u201e\u2026zu Gunsten des Fondes zur Heimbef\u00f6rderung unserer Kriegsgefangenen\u2026<\/em>\u201c einen Benefizabend. Noch lange nach dem Krieg bedurfte das Land Tirol Hilfe von ausw\u00e4rts, um die Bev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren. Unter der \u00dcberschrift \u201e<em>Erhebliche Ausdehnung der amerikanischen Kinderhilfsaktion in Tirol<\/em>\u201c stand am 9. April 1921 in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> zu lesen: \u201e<em>Den Bed\u00fcrfnissen des Landes Tirol Rechnung tragend, haben die amerikanischen Vertreter f\u00fcr Oesterreich in hochherzigster Weise die t\u00e4gliche Mahlzeitenanzahl auf 18.000 Portionen erh\u00f6ht<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Dazu kam die Arbeitslosigkeit. Vor allem Beamte und Mitarbeiter im \u00f6ffentlichen Dienst, hatten ihre Arbeit verloren, nachdem der V\u00f6lkerbund seine Anleihe an herbe Sparma\u00dfnahmen gekn\u00fcpft hatte. Die Geh\u00e4lter im \u00f6ffentlichen Dienst wurden gek\u00fcrzt. Es kam immer wieder zu Streiks. Der Tourismus als Wirtschaftsfaktor war ob der Probleme in den umliegenden, vom Krieg ebenfalls gebeutelten L\u00e4ndern inexistent. Die vor dem Krieg boomende Baubranche brach komplett ein. Innsbrucks gr\u00f6\u00dfte Firme <em>Huter &amp; S\u00f6hne<\/em> hatte 1913 \u00fcber 700 Mitarbeiter, am H\u00f6hepunkt der Wirtschaftskrise 1933 waren es nur noch 18. Der Mittelstand brach zu einem guten Teil zusammen. Der durchschnittliche Innsbrucker war mittellos und mangelern\u00e4hrt. Oft konnten nicht mehr als 800 Kalorien pro Tag zusammengekratzt werden. Die Kriminalit\u00e4tsrate war in diesem Klima der Armut h\u00f6her als je zuvor. Viele Menschen verloren ihre Bleibe. 1922 waren in Innsbruck 3000 Familien auf Wohnungssuche trotz eines st\u00e4dtischen Notwohnungsprogrammes, das bereits mehrere Jahre in Kraft war. In alle verf\u00fcgbaren Objekte wurden Wohnungen gebaut. Am 11. Februar 1921 fand sich in einer langen Liste in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> \u00fcber die einzelnen Projekte, die betrieben wurden unter anderem dieser Posten:<\/p>\n<p>\u201e<em>Das st\u00e4dtische Krankenhaus hat die Seuchenbaracke in Pradl aufgelassen und der Stadtgemeinde zur Herstellung von Notwohnungen zur Verf\u00fcgung gestellt. Zur Errichtung von 7 Notwohnungen wurde der erforderliche Kredit von 295 K (Anm.: Kronen) bewilligt.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>In den ersten Jahren passierte nur sehr wenig. Dann erwachte die Politik aus ihrer Lethargie. Die Krone, ein Relikt aus der Monarchie, wurde 1m 1. Januar 1925 vom Schilling als offizielle W\u00e4hrung \u00d6sterreichs abgel\u00f6st. Die alte W\u00e4hrung hatte gegen\u00fcber dem Dollar zwischen 1918 und 1922 mehr als 95% ihres Wertes respektive dem Wechselkurses vor dem Krieg verloren. Innsbruck begann, wie viele andere \u00f6sterreichische Gemeinden, eigenes Geld zu drucken. Die Menge des Geldes, das im Umlauf war, stieg zwischen 1920 und 1922 von 12 Milliarden Kronen auf \u00fcber 3 Billionen Kronen an. Eine epochale Inflation war die Folge davon.<\/p>\n<p>Mit der W\u00e4hrungssanierung nach der V\u00f6lkerbundanleihe unter Kanzler Ignaz Seipel rappelten sich aber nicht nur Banken und B\u00fcrger auf, auch die Bauauftr\u00e4ge der \u00f6ffentlichen Hand nahmen wieder zu. Innsbruck modernisierte sich. Es trat das ein, was Wirtschaftswissenschaftler eine Scheinbl\u00fcte nennen. Diese kurzzeitige, wirtschaftliche Erholung war eine <em>Bubble,<\/em> bescherte der Stadt Innsbruck aber gro\u00dfe Projekte wie das Tivoli, das St\u00e4dtische Hallenbad, die H\u00f6henstra\u00dfe auf die Hungerburg, die Bergbahnen auf den Berg Isel und die Nordkette, neue Schulen und Wohnbl\u00f6cke. Die Stadt kaufte den Achensee und errichtete als Hauptaktion\u00e4r der TIWAG das Kraftwerk in Jenbach. In der Reichenau entstand 1925 der erste Flughafen, der Innsbruck 65 Jahre nach der Er\u00f6ffnung der Bahnlinie auch in den Luftverkehr involvierte. 1930 verband die Universit\u00e4tsbr\u00fccke die Klinik in Wilten und die H\u00f6ttinger Au. An der Sill entstanden die Pembaurbr\u00fccke und die Prinz-Eugen-Br\u00fccke. Die Handschrift der neuen, gro\u00dfen Massenparteien in der Gestaltung dieser Projekte ist dabei nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Die erste Republik war eine schwere Geburt aus den \u00dcberbleibseln der einstigen Monarchie und sie sollte nicht lange halten. Trotz der Nachkriegsprobleme passierte in der Ersten Republik aber auch viel Positives. Aus Untertanen wurden B\u00fcrger. Was in der Zeit Maria Theresias begann, wurde nun unter neuen Vorzeichen weitergef\u00fchrt. Der Wechsel vom Untertanen zum B\u00fcrger zeichnete sich nicht nur durch ein neues Wahlrecht, sondern vor allem durch die verst\u00e4rkte Obsorge des Staates aus. Staatliche Regelungen, Schulen, Kinderg\u00e4rten, Arbeits\u00e4mter, Krankenh\u00e4user und st\u00e4dtische Wohnanlagen traten an die Stelle des Wohlwollens des Grundherrn, Landesf\u00fcrsten, wohlhabender B\u00fcrger, der Monarchie und der Kirche.<\/p>\n<p>Bis heute basiert vieles im \u00f6sterreichischen Staatswesen sowie im Innsbrucker Stadtbild und der Infrastruktur auf dem, was nach dem Zusammenbruch der Monarchie entstanden war. In Innsbruck gibt es keine bewussten Erinnerungsorte an die Entstehung der Ersten Republik in \u00d6sterreich. Die denkmalgesch\u00fctzten Wohnanlagen wie der <em>Schlachthofblock<\/em>, der <em>Pembaurblock<\/em> oder der <em>Mandelsbergerblock<\/em> oder die <em>Pembaurschule<\/em> sind Stein gewordene Zeitzeugen. Der Weltspartag erinnert seit 1925 allj\u00e4hrlich an die Einf\u00fchrung des Schillings. Kinder und Erwachsene sollten zum verantwortungsvollen Umgang mit Geld erzogen werden.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Luftangriffe auf Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Luftangriffe auf Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53501&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Wie der Lauf der Geschichte der Stadt unterliegt auch ihr Aussehen einem st\u00e4ndigen Wandel. Besonders gut sichtbare Ver\u00e4nderungen im Stadtbild erzeugten die Jahre rund um 1500 und zwischen 1850 bis 1900, als sich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen in besonders schnellem Tempo abspielten. Das einschneidendste Ereignis mit den gr\u00f6\u00dften Auswirkungen auf das Stadtbild waren aber wohl die Luftangriffe auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg, als aus der \u201e<em>Heimatfront<\/em>\u201c der Nationalsozialisten ein tats\u00e4chlicher Kriegsschauplatz wurde. Die Lage am Fu\u00dfe des Brenners war \u00fcber Jahrhunderte ein Segen f\u00fcr die Stadt gewesen, nun wurde sie zum Verh\u00e4ngnis. Innsbruck war ein wichtiger Versorgungsbahnhof f\u00fcr den Nachschub an der Italienfront. In der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1943 erfolgte der erste alliierte Luftangriff auf die schlecht vorbereitete Stadt. 269 Menschen fielen den Bomben zum Opfer, 500 wurden verletzt und mehr als 1500 obdachlos. \u00dcber 300 Geb\u00e4ude, vor allem in Wilten und der Innenstadt, wurden zerst\u00f6rt und besch\u00e4digt. Am Montag, den 18. Dezember fanden sich in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em>, dem Vorg\u00e4nger der <em>Tiroler Tageszeitung<\/em>, auf der Titelseite allerhand propagandistische Meldungen vom erfolgreichen und heroischen Abwehrkampf der Deutschen Wehrmacht an allen Fronten gegen\u00fcber dem B\u00fcndnis aus <em>Anglo-Amerikanern<\/em> und <em>dem Russen<\/em>, nicht aber vom Bombenangriff auf Innsbruck.<\/p>\n<p><strong><em>Bombenterror \u00fcber Innsbruck<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Innsbruck, 17. Dez. Der 16. Dezember wird in der Geschichte Innsbrucks als der Tag vermerkt bleiben, an dem der Luftterror der Anglo-Amerikaner die Gauhauptstadt mit der ganzen Schwere dieser gemeinen und brutalen Kampfweise, die man nicht mehr Kriegf\u00fchrung nennen kann, getroffen hat. In mehreren Wellen flogen feindliche Kampfverb\u00e4nde die Stadt an und richteten ihre Angriffe mit zahlreichen Spreng- und Brandbomben gegen die Wohngebiete. Schwerste Sch\u00e4den an Wohngeb\u00e4uden, an Krankenh\u00e4usern und anderen Gemeinschaftseinrichtungen waren das traurige, alle bisherigen Sch\u00e4den \u00fcbersteigende Ergebnis dieses verbrecherischen \u00dcberfalles, der \u00fcber zahlreiche Familien unserer Stadt schwerste Leiden und empfindliche Belastung der Lebensf\u00fchrung, das bittere Los der Vernichtung liebgewordenen Besitzes, der Zerst\u00f6rung von Heim und Herd und der Heimatlosigkeit gebracht hat. Grenzenloser Ha\u00df und das gl\u00fchende Verlangen diese unmenschliche Untat mit schonungsloser Sch\u00e4rfe zu vergelten, sind die einzige Empfindung, die au\u00dfer der Auseinandersetzung mit den eigenen und den Gemeinschaftssorgen alle Gem\u00fcter bewegt. Wir alle blicken voll Vertrauen auf unsere Soldaten und erwarten mit Zuversicht den Tag, an dem der F\u00fchrer den Befehl geben wird, ihre geballte Kraft mit neuen Waffen gegen den Feind im Westen einzusetzen, der durch seinen Mord- und Brandterror gegen Wehrlose neuerdings bewiesen hat, da\u00df er sich von den asiatischen Bestien im Osten durch nichts unterscheidet \u2013 es w\u00e4re denn durch gr\u00f6\u00dfere Feigheit. Die Luftschutzeinrichtungen der Stadt haben sich ebenso bew\u00e4hrt, wie die Luftschutzdisziplin der Bev\u00f6lkerung. Bis zur Stunde sind 26 Gefallene gemeldet, deren Zahl sich aller Voraussicht nach nicht wesentlich erh\u00f6hen d\u00fcrfte. Die Hilfsma\u00dfnahmen haben unter F\u00fchrung der Partei und tatkr\u00e4ftigen Mitarbeit der Wehrmacht sofort und wirkungsvoll eingesetzt. <\/em><\/p>\n<p>Diese durch Zensur und Gleichschaltung der Medien fantasievoll gestaltete Nachricht schaffte es gerade mal auf Seite 3. Prominenter wollte man die schlechte Vorbereitung der Stadt auf das absehbare Bombardement wohl nicht dem Volksk\u00f6rper pr\u00e4sentieren. Ganz so gro\u00df wie 1938 nach dem Anschluss, als Hitler am 5. April von 100.000 Menschen in Innsbruck begeistert empfangen worden war, war die Begeisterung f\u00fcr den Nationalsozialismus nicht mehr. Zu gro\u00df waren die Sch\u00e4den an der Stadt und die pers\u00f6nlichen, tragischen Verluste in der Bev\u00f6lkerung. Dass die sterblichen \u00dcberreste der Opfer des Luftangriffes vom 15. Dezember 1943 am heutigen Landhausplatz vor dem neu errichteten Gauhaus als Symbol nationalsozialistischer Macht im Stadtbild aufgebahrt wurden, zeugt von trauriger Ironie des Schicksals.<\/p>\n<p>Im J\u00e4nner 1944 begann man Luftschutzstollen und andere Schutzma\u00dfnahmen zu errichten. Die Arbeiten wurden zu einem gro\u00dfen Teil von Gefangenen des Konzentrationslagers Reichenau durchgef\u00fchrt. Insgesamt wurde Innsbruck zwischen 1943 und 1945 zweiundzwanzig Mal angegriffen. Dabei wurden knapp 3833, also knapp 50%, der Geb\u00e4ude in der Stadt besch\u00e4digt und 504 Menschen starben. In den letzten Kriegsmonaten war an Normalit\u00e4t nicht mehr zu denken. Die Bev\u00f6lkerung lebte in dauerhafter Angst. Die Schulen wurden bereits vormittags geschlossen. An einen geregelten Alltag war nicht mehr zu denken. Die Stadt wurde zum Gl\u00fcck nur Opfer gezielter Angriffe. Deutsche St\u00e4dte wie Hamburg oder Dresden wurden von den Alliierten mit Feuerst\u00fcrmen mit Zehntausenden Toten innerhalb weniger Stunden komplett dem Erdboden gleichgemacht. Viele Geb\u00e4ude wie die Jesuitenkirche, das Stift Wilten, die Servitenkirche, der Dom, das Hallenbad in der Amraserstra\u00dfe wurden getroffen. Besondere Behandlung erfuhren w\u00e4hrend der Angriffe historische Geb\u00e4ude und Denkm\u00e4ler. Das <em>Goldene Dachl<\/em> wurde mit einer speziellen Konstruktion ebenso gesch\u00fctzt wie der Sarkophag Maximilians in der Hofkirche. Die Figuren der Hofkirche, die <em>Schwarzen Mannder<\/em>, wurden nach Kundl gebracht. Die Madonna Lucas Cranachs aus dem Innsbrucker Dom wurde w\u00e4hrend des Krieges ins \u00d6tztal \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Luftschutzstollen s\u00fcdlich von Innsbruck an der Brennerstra\u00dfe und die Kennzeichnungen von H\u00e4usern mit Luftschutzkellern mit ihren schwarzen Vierecken und den wei\u00dfen Kreisen und Pfeilen kann man heute noch begutachten. Zwei der Stellungen der Flugabwehrgesch\u00fctze, mittlerweile nur noch zugewachsene Mauerreste, k\u00f6nnen am Lanser K\u00f6pfl oberhalb von Innsbruck besichtigt werden. In Pradl, wo neben Wilten die meisten Geb\u00e4ude besch\u00e4digt wurden, weisen an den betroffenen H\u00e4usern Bronzetafeln mit dem Hinweis auf den Wiederaufbau auf einen Bombentreffer hin.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Kunst am Bau: Die Nachkriegszeit in Innsbruck&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Kunst am Bau: Die Nachkriegszeit &#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;59763&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Wie nach dem Ersten Weltkrieg war auch nach 1945 die Wohnungsnot eines der dr\u00e4ngendsten Probleme. Innsbruck war bei den Luftangriffen stark in Mitleidenschaft gezogen worden und Geld f\u00fcr Neubauten war knapp. Als in den 1950er Jahren die ersten Wohnanlagen errichtet wurden, war Sparsamkeit das Gebot der Stunde. Viele der ab den 1950er Jahren errichteten Geb\u00e4ude sind zwar architektonisch wenig attraktiv, sie beherbergen aber durchaus interessante Kunstwerke. Ab 1949 gab es in \u00d6sterreich das Projekt <em>Kunst am Bau<\/em>. Bei staatlich durchgef\u00fchrten Bauten sollten 2% der Gesamtausgaben in die k\u00fcnstlerische Gestaltung flie\u00dfen. Die Umsetzung des Baurechts und somit auch die Verwaltung der Budgets oblag damals wie heute den Bundesl\u00e4ndern. \u00dcber diese \u00f6ffentliche Auftragsvergabe sollten K\u00fcnstler finanziell unterst\u00fctzt werden. In den kargen Nachkriegsjahren waren auch erfolgreiche und praktisch veranlagte K\u00fcnstler wie Oswald Haller (1908 \u2013 1981), der sein Geld mit Gebrauchsgraphiken und Plakaten f\u00fcr den Tourismus verdiente, in die Bredouille gekommen. Erstmals tauchte die Idee 1919 in der Weimarer Republik auf und wurde ab 1934 von den Nationalsozialisten fortgesetzt. \u00d6sterreich griff Kunst am Bau nach dem Krieg auf, um den \u00f6ffentlichen Raum im Rahmen des Wiederaufbaus zu gestalten. Die \u00f6ffentliche Hand, die Aristokratie und B\u00fcrgertum als Bautr\u00e4ger vergangener Jahrhunderte abl\u00f6ste, stand unter massivem finanziellem Druck. Trotzdem sollten die vor allem auf Funktion ausgerichteten Wohnbauprojekte nicht ganz schmucklos daherkommen. Die mit der Gestaltung der Kunstwerke betrauten Tiroler K\u00fcnstler wurden in ausgeschriebenen Wettbewerben ermittelt. Der bekannteste unter ihnen war Max Weiler, der vielleicht prominenteste K\u00fcnstler im Tirol der Nachkriegszeit, der in Innsbruck unter anderem f\u00fcr die Fresken in der Theresienkirche auf der Hungerburg verantwortlich war. Weitere prominente Namen sind Helmut Rehm (1911 \u2013 1991), Walter Honeder (1906 \u2013 2006), Fritz Berger (1916 \u2013 2002) und Emmerich Kerle (1916 \u2013 2010). Viele dieser K\u00fcnstler wurden nicht nur von der <em>Bundesgewerbeschule Innsbruck<\/em>, der heutigen HTL, und der Akademie der Bildenden K\u00fcnste in Wien, sondern auch von der kollektiven Erfahrung w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus und dem Krieg gepr\u00e4gt. Fritz Berger hatte seinen rechten Arm und ein Auge verloren und musste lernen, mit der linken Hand zu arbeiten. Kerle diente in Finnland als Kriegsmaler. Er wurde an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste in Wien unter anderem von Josef M\u00fcllner unterrichtet, einem K\u00fcnstler, der sich mit B\u00fcsten Adolf Hitlers, Siegfrieds aus der Nibelungensage und dem bis heute umstrittenen Karl-Lueger-Denkmal in Wien in die Kunstgeschichte eingetragen hatte. Wie ein gro\u00dfer Teil der Tiroler Bev\u00f6lkerung wollten diese K\u00fcnstler wie auch Politiker und Beamte nach den harten und leidvollen Kriegsjahren Ruhe und Frieden, um Gras \u00fcber das Geschehen der letzten Jahrzehnte wachsen zu lassen. Die im Rahmen von Kunst am Bau entstandenen Werke reflektieren diese Haltung nach einem neuen Sittenbild. Es war das erste Mal, dass abstrakte, gestaltlose Kunst Eingang in den \u00f6ffentlichen Raum Innsbrucks fand, wenn auch nur in unkritischem Rahmen. M\u00e4rchen, Sagen, religi\u00f6se Symbole waren beliebte Motive, die auf den Sgraffitos, Mosaiken, Wandbildern und Statuen verewigt wurden. Man k\u00f6nnte von einer Art zweiter Welle der Biedermaierkunst sprechen, die den kleinb\u00fcrgerlichen Lebensstil der Menschen nach dem Krieg symbolisierte. Die Kunst sollte auch ein neues Bewusstsein und Bild dessen schaffen, was als typisch \u00d6sterreichisch galt. Noch 1955 betrachtete sich jeder zweite \u00d6sterreicher als Deutscher. Die unterschiedlich ausgef\u00fchrten Motive zeigen Freizeitaktivit\u00e4ten, Kleidungsstile und Vorstellungen der sozialen Ordnung und gesellschaftlichen Normen der Nachkriegszeit. Frauen wurden h\u00e4ufig in Tracht und Dirndl, M\u00e4nner in Lederhosen dargestellt. Die konservative Idealvorstellung der Geschlechterrollen wurden in der Kunst verarbeitet. Flei\u00dfig arbeitende V\u00e4ter, brave Ehefrauen, die sich um Haus und Herd k\u00fcmmerten und Kinder, die in der Schule eifrig lernen waren das Idealbild bis weit in die 1970er Jahre. Ein Leben wie aus einem Film mit Peter Alexander. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, findet viele der noch heute sichtbaren Kunstwerke auf H\u00e4usern in Pradl und Wilten. Die Mischung aus reizloser Architektur und zeitgen\u00f6ssischen Kunstwerken der gerne verdr\u00e4ngten, in Filmen und Erz\u00e4hlungen lange idealisierten und verkl\u00e4rten Nachkriegszeit, ist sehenswert. Besonders sch\u00f6ne Beispiele finden sich an den Fassaden in der Pacherstra\u00dfe, der Hunoldstra\u00dfe, der Ing.-Thommenstra\u00dfe, am Innrain, der Landesberufsschule Mandelsbergerstra\u00dfe oder im Innenhof zwischen Landhausplatz und Maria-Theresienstra\u00dfe.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sillufer \/ Pradl<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":58159,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[82,148,153,150,47,88,79],"tags":[],"class_list":["post-63268","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-amras-pradl","category-der-rote-bischof-und-innsbrucks-sittenverfall","category-eine-erste-republik-entsteht","category-lebensreform-und-sozialdemokratie","category-luftangriffe-auf-innsbruck","category-olympische-spiele-in-innsbruck","category-sportliches-innsbruck"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63268","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63268"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63268\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/58159"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}