{"id":64081,"date":"2025-05-06T15:20:01","date_gmt":"2025-05-06T15:20:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=64081"},"modified":"2026-03-26T13:51:54","modified_gmt":"2026-03-26T13:51:54","slug":"tiroler-glasmalerei-und-mosaikanstalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/tiroler-glasmalerei-und-mosaikanstalt\/","title":{"rendered":"Tyrolean Glass Painting and Mosaic Institute"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt<\/h2>\n<p>Glasmalereistra\u00dfe \/ M\u00fcllerstra\u00dfe<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;63838,64134,66166,64132,64131,64130,65127,64127,64126,66146,64123,64128,64459,66145&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;64085&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;64083&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<p>Die Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt war nicht der gr\u00f6\u00dfte, wahrscheinlich aber der international aufsehenerregendste Industriebetrieb Innsbrucks im sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert. Der Einfluss, den das Unternehmen und seine Gr\u00fcnder auf die Stadt hatten, kann kaum hoch genug eingesch\u00e4tzt werden. Die Architektur des Fabriksgeb\u00e4udes in Wilten spiegelt die au\u00dfergew\u00f6hnlichen Fertigkeiten der K\u00fcnstler und Handwerker wider. Anders als viele andere Unternehmer legten die kunstsinnigen Firmengr\u00fcnder viel Wert auf die \u00c4sthetik ihrer Anlage. Der Mitbegr\u00fcnder der Firma und Baumeister Josef von Stadl schuf ein Fabriksgeb\u00e4ude, das in seinem Kern bis heute besteht. Die Anlage musste den Spagat zwischen Kunstwerkstatt, Ausstellungsraum, B\u00fcros und industrieller Fertigung bei gro\u00dfen Auftr\u00e4gen mit mehr als hundert Fenstern schaffen. Betritt man den 1870 er\u00f6ffneten Komplex von der M\u00fcllerstra\u00dfe, f\u00e4llt die von Mosaiken umrahmte Marmortafel auf, die an die Besuche Kaisers Franz Josef. I erinnert. Die Statue der Heiligen Barbara \u00fcber dem Eingang blieb wie der restliche Kern des dreist\u00f6ckigen Hauptgeb\u00e4udes trotz vieler Umbauarbeiten bis heute erhalten. Das neoromanische, mit Goldlettern geschm\u00fcckte Haupthaus erinnert in seiner Formensprache an eine Kirche. Eine mittelalterlich anmutende Lampe in den Landesfarben h\u00e4ngt vor dem Eingang. Im Innenhof zeugen mehrere erhaltene Arbeiten in verschiedenen Stilrichtungen von der Kunstfertigkeit verschiedener Epochen. Gegen\u00fcber dem Eingangsportal schm\u00fccken ein Habsburger Wappenschild mit Doppeladler und eine orthodox anmutende Darstellung der Mutter Gottes mit Christk\u00f6nig am Scho\u00df in Gold die Fassade. Im Hinterhof des Hauptgeb\u00e4udes kann man die 1884 angebauten Fertigungshallen und Werkst\u00e4tten begutachten. Ein Mosaik der Muttergottes im Jugendstil h\u00e4ngt etwas abseits im Gang zwischen den Geb\u00e4udetrakten. Der Giebel der westlichen Fassade in der Glasmalereistra\u00dfe wird von einer Madonna mit Christuskind in Gold gekr\u00f6nt.<\/p>\n<p>Mindestens ebenso interessant wie das Geb\u00e4ude ist die Geschichte der Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt. Nach Jahrhunderten, in denen die Glasmalerei in der Bedeutungslosigkeit versunken war, schaffte dieses Handwerk im Windschatten der neuen Architekturstile des Historismus und unter der Patenschaft K\u00f6nig Ludwigs in Form Deutschlands erster industrieller Glasmalereianstalt ein Comeback. In Tirol bedurfte es vieler Zuf\u00e4lle und drei bemerkenswerter M\u00e4nner, um dieses f\u00fcr Sakralbauten wichtige Handwerk aus der Taufe zu heben. Die Steinacher Josef von Stadl und Georg Mader sowie der Innsbrucker Albert Neuhauser gr\u00fcndeten die Tiroler Glasmalerei 1861. Vier Jahre sp\u00e4ter waren bereits \u00fcber 450 Fenster entstanden. Die Werkst\u00e4tte wuchs, was einen Umzug in das <em>Baur\u00b4sche Haus<\/em> des Textilfabrikanten Franz Baur n\u00f6tig machte. Bald wurden auch diese R\u00e4umlichkeiten zu klein f\u00fcr das Unternehmen und die Zukunftsplanung. 1869 wurde mit dem Bau der neuen Fabriksgel\u00e4ndes in Wilten begonnen. Noch im selben Jahr begann die Produktion des hauseigenen Rohstoffes Glas unter der technischen Leitung des T\u00fcftlers Neuhauser in der Werkst\u00e4tte. Als der Platz innerhalb der Fabrik f\u00fcr die Glasproduktion zu eng wurde, entstand 1872 auf den Wiltener Feldern am Platz der heutigen Sch\u00f6pfstra\u00dfe 19 eine werkseigene Kathedralglash\u00fctte, in der der kostbare Rohstoff in gr\u00f6\u00dferen Umfang bis 1899 produziert wurde.<\/p>\n<p>Nach der Wirtschaftskrise von 1873 florierte die Baubranche unter den massenhaften Auftr\u00e4gen der \u00f6ffentlichen Hand und mit ihr die Tiroler Glasmalerei. Von Anfang an zeichnete sich die Glasmalerei durch ihre guten Verbindungen und ihr gro\u00dfes Netzwerk nicht nur innerhalb der Donaumonarchie aus. Bereits 1871 verlie\u00df der erste \u00dcberseeauftrag das Werk Richtung USA. In dieser Zeit war man Stammgast auf den damals popul\u00e4ren Weltausstellungen. 1874 musste Neuhauser das Unternehmen aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden verlassen. Ihm folgte Albert Jele als neuer Direktor der Glasmalerei und Gesellschafter nach. Unter seiner \u00c4gide expandierte das Unternehmen markant. Jele war Kunsthistoriker, weitgereist und beherrschte mehrere Sprachen. Mit ihren internationalen Niederlassungen wurde die Tiroler Glasmalerei zum Global Player ihrer Branche. 1880 expandierte das Unternehmen nach Wien. Jugendstilk\u00fcnstler, Expressionisten und moderne Architekten hatten die bunten Fenster aus Wilten f\u00fcr Projekte au\u00dferhalb des Kirchenbaus f\u00fcr sich entdeckt. Bis nach Indien und Australien wurden die Kunstwerke geliefert. 1891 er\u00f6ffnete die neue Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung eine Niederlassung in New York, um den Einfuhrz\u00f6llen in die USA in H\u00f6he von 45% zu entgehen. Neuhauser gr\u00fcndete w\u00e4hrenddessen die Tiroler Mosaikanstalt. 1900 fusionierte sein Soloprojekt mit dem Stammbetrieb zur <em>Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt<\/em>. In Innsbruck tragen die Pfarrkirchen in St. Nikolaus, Dreiheiligen und in H\u00f6tting, die Basilika Wilten, das Kloster zur Ewigen Anbetung, das Collegium Canisianum sowie die Wirtschaftskammer, die TIWAG am Landhausplatz und die Klinik Mosaiken des Wiltener Kunstbetriebes. Auch die beiden Friedh\u00f6fe in Pradl und Wilten zeigen an verschiedenen Stellen die Fertigkeiten der Mosaikanstalt. An den niedrigen Geb\u00e4uden in der M\u00fcllerstra\u00dfe erinnert ein Mosaik \u00fcber dem Eingang an den einstigen Zweck des ansonsten unauff\u00e4lligen Hauses. Das anschlie\u00dfende Geb\u00e4ude Glasmalereistra\u00dfe 8 wurde im folgenden Jahr vom Innsbrucker Baumeister Anton Fritz als Wohnhaus f\u00fcr Jele an die kurz zuvor angelegte Glasmalereistra\u00dfe gebaut. Der Architekt brach nicht mit der neoromanischen Vorlage des gegen\u00fcberliegenden Fabrikgeb\u00e4udes und verwendete die kirchlich anmutenden Rundb\u00f6gen sowie Jugendstilelemente. \u00dcber der Eingangst\u00fcr zeigt ein Fenster im Stil der Jahrhundertwende ein Boot. 1929 kaufte die Familie Mader das Haus und lie\u00df es von Franz Baumann im Stil der <em>Neuen Sachlichkeit<\/em> unter Beibehaltung des urspr\u00fcnglichen Baukernes um einen dritten Stock erh\u00f6hen. Auch wenn die goldenen Zeiten des Glasmalereihandwerks mit dem Ende der Monarchie vor\u00fcber waren, konnte sich der Betrieb halten. Frische Inputs wechselnder K\u00fcnstler und k\u00fcnstlerischer Leiter, darunter gro\u00dfe Namen wie Hans Andre, Max Weiler, Ernst Nepo, Max Spielmann, hielten den Betrieb am Laufen. 1929 erfolgte gemeinsam mit der Aufstockung des Haus Mader in der Glasmalereistra\u00dfe ein Umbau nach den Pl\u00e4nen Franz Baumanns. 1944 wurde die Glasmalerei- und Mosaikanstalt bei einem Luftangriff schwer besch\u00e4digt. Direkt nach dem Krieg wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Seit 2000 befindet sich im westlichen Teil des denkmalgesch\u00fctzten Geb\u00e4udes ein Gasthaus. Bis heute produziert der Betrieb hochwertige Bleiverglasungen, mittlerweile in f\u00fcnfter Generation. Vom Historismus der Belle Epoque bis zum Expressionismus der Zwischenkriegszeit und zur abstrakten Kunst nach 1945 begleitete die Glasmalerei die Tiroler Architektur- und Kunstszene seit \u00fcber 150 Jahren. Die bekanntesten Arbeiten in Innsbruck sind wohl die Fenster des St\u00e4dtischen Bades in der Salurnerstra\u00dfe, der St. Nikolauskirche und der Evangelischen Christuskirche.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Success Story der Innsbrucker Glasmaler&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Success Story der Innsbrucker Glasmaler&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;64114&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten von Amerika galten in der Vorkriegszeit als <em>Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten<\/em>, wo aus Tellerw\u00e4schern Million\u00e4re wurden. Diese Erfolgsgeschichten sind aber kein exklusives Ph\u00e4nomen der Neuen Welt. Auch in der noch nicht bis ins letzte durchregelten Gesellschaft der Donaumonarchie konnten t\u00fcchtige und f\u00e4hige Menschen aus b\u00e4uerlichen Schichten, der Arbeiterschaft oder Handwerker ohne formale Ausbildung, Bef\u00e4higungspr\u00fcfung oder staatlicher Genehmigung erstaunliche Aufstiege hinlegen. Die drei Gr\u00fcnder der <em>Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt<\/em>, Josef von Stadl, Georg Mader und Albert Neuhauser, sind Beispiele f\u00fcr eine solche Erfolgsstory aus der Innsbrucker Stadtgeschichte. W\u00e4hrend sich die meisten Innsbrucker Industrie- und Handwerksbetriebe auf die Versorgung des lokalen Marktes mit altbew\u00e4hrten, soliden Produkten und Konsumg\u00fctern konzentrierten, war die Glasmalerei eines der wenigen innovativen und exportorientierten Unternehmen seiner Zeit.<\/p>\n<p>Josef von Stadl (1828 \u2013 1893) wuchs auf dem elterlichen Bauernhof mit Gastwirtschaft in Steinach am Brenner auf. Schon als Kind musste er im Betrieb mithelfen. Die harte Arbeit bescherte ihm mit neun Jahren eine Knochenhautentz\u00fcndung am Arm. Schwere k\u00f6rperliche Arbeit wurde ihm dadurch unm\u00f6glich. Stattdessen besuchte der zeichnerisch talentierte Bub die Musterhauptschule in Innsbruck, das heutige BORG. 1848 schloss er sich den Tiroler Scharfsch\u00fctzen seines Heimatortes an, wurde aber nicht zum Kampfeinsatz an den Landesgrenzen herangezogen. Anschlie\u00dfend sammelte er Erfahrungen als Schlosser und Drechsler. Der handwerklich begabte junge Mann arbeitete 1853 beim Wiederaufbau der Kirche in Steinach nach einem Dorfband mit. Bald erkannte man seine F\u00e4higkeiten und er stieg nach und nach vom Arbeiter zum Baumeister auf.<\/p>\n<p>Georg Mader (1824 \u2013 1881) stammte ebenfalls aus Steinach. Auch er musste schon in jungen Jahren als Knecht arbeiten. Auf Patronage seines Bruders, ein Geistlicher, konnte der fromme Jugendliche bei einem Maler eine Lehre absolvieren, musste seine Passion aber aufgeben, um in der heimischen M\u00fchle mitzuarbeiten. Nach seiner Gesellenwanderung beschloss er, sich auf die Malerei zu konzentrieren. In M\u00fcnchen vertiefte er bei Kaulbach und Schraudolph seine Kenntnisse. Nach Arbeiten am Dom zu Speyer kehrte er nach Tirol zur\u00fcck. Als Historienmaler hielt er sich mit Auftr\u00e4gen der Kirche \u00fcber Wasser.<\/p>\n<p>Albert Neuhauser (1832 \u2013 1901) lernte in der Glaserei und Spenglerei seines Vaters. Auch er musste den ihm angedachten Karriereweg fr\u00fch aufgeben. Bereits im Alter von zehn Jahren stellten sich Lungenprobleme ein. Statt im erfolgreichen v\u00e4terlichen Betrieb zu arbeiten, reist er nach Venedig. Murano beherbergte seit Jahrhunderten die besten Betriebe der kunstvollen Glaserzeugung. Fasziniert von diesem Gewerbe besuchte er gegen den Willen seines Vaters die Glasmalereianstalt in M\u00fcnchen. Die Produkte der kurz zuvor gegr\u00fcndeten bayerischen Fabrik entsprachen nicht seinen Qualit\u00e4tsvorstellungen. In der v\u00e4terlichen Wohnung in der Herzog-Friedrich-Stra\u00dfe unternahm er, \u00e4hnlich den Nerds, die hundert Jahre sp\u00e4ter den Grundstein f\u00fcr den Personal Computer in der eigenen Garage legen sollten, erste eigene Versuche mit dem Werkstoff Glas.<\/p>\n<p>Die T\u00fcfteleien und Experimente Neuhausers weckten die Neugierde seines Freundes von Stadl. Er stellte den Kontakt zum kunstsinnigen Mader her. 1861 beschlossen die drei, ihre Expertise in einem offiziellen Unternehmen zu b\u00fcndeln. Heute w\u00fcrde man bei der Betriebsgr\u00fcndung wohl von einem Startup sprechen. Neuhauser \u00fcbernahm den technischen und kaufm\u00e4nnischen Teil sowie die Produktentwicklung, Von Stadl k\u00fcmmerte sich um die dekorativen Aspekte und den Kontakt zu Baumeistern und Mader \u00fcbernahm die figurale Gestaltung der zum gr\u00f6\u00dften Teil f\u00fcr Kirchen geschaffenen Werke. Die erste Niederlassung bestehend aus zwei Malern und einem Brenner entstand im dritten Stock des Gasthofs zur Rose in der Altstadt. Der Rohstoff kam aus England, da das einheimische Glas den hohen Qualit\u00e4tsstandards Neuhausers nicht entsprach. Auf den Import allerdings wurden 25% Zoll aufgeschlagen. Gemeinsam mit einem Chemielehrer schaffte Neuhauser es nach einer Reise nach Birmingham und viel T\u00fcftelei, die gew\u00fcnschten Anforderungen selbst zu erzielen.<\/p>\n<p>Josef von Stadl heiratete 1867 die Malerin und Arzttochter Maria Pfefferer. Aus dem Bauernbuben aus dem Wipptal mit dem kaputten Arm war nicht nur ein Mitglied des gehobenen B\u00fcrgertums geworden, die Mitgift seiner Gattin erlaubte es ihm auch finanziell unabh\u00e4ngig zu leben. 1869 beschlossen die drei Gesellschafter mit der finanziellen Unterst\u00fctzung von Neuhausers Vater die erfolgreiche Glasmalerei zu vergr\u00f6\u00dfern. Wie dynamisch und wenig reguliert diese als <em>Gr\u00fcnderzeit<\/em> in die Geschichte eingegangene Boom-Periode war, zeigt das Beispiel der Glash\u00fctte auf den Wiltener Feldern, die 1872 als zus\u00e4tzlicher Teil der Tiroler <em>Glasmalerei<\/em> in Betrieb ging. Nur 110 Tage nach dem offiziell von der Gemeindeverwaltung Wiltens nie genehmigten Baustart wurde mit der Fertigung begonnen.<\/p>\n<p>Beginnend mit Neuhauser, der das Unternehmen auf Grund gesundheitlicher Probleme bereits 1874 verlassen musste, \u00fcberlie\u00dfen die drei Firmengr\u00fcnder ihr Startup bald anderen, blieben der Tiroler Glasmalerei aber als Gesellschafter erhalten. Neben ihren T\u00e4tigkeiten f\u00fcr das gemeinsame Unternehmen arbeitete jeder der drei Gesellschafter erfolgreich an eigenen Projekten in ihren jeweiligen T\u00e4tigkeitsfeldern.<\/p>\n<p>Von Stadl pr\u00e4gte Innsbruck nachhaltig. Die Anzahl der Mitarbeiter der Glasmalerei war in der Bl\u00fctezeit auf \u00fcber 70 gestiegen. Nach von Stadls Pl\u00e4nen entstanden 1878 Wohnh\u00e4user f\u00fcr die Angestellten, Arbeiter, K\u00fcnstler und Handwerker des Unternehmens. Die <em>Glasmalereisiedlung<\/em> umfasste die bis heute bestehenden H\u00e4user in der M\u00fcllerstra\u00dfe 39 \u2013 57, Sch\u00f6pfstra\u00dfe 18 &#8211; 24 und Speckbacherstra\u00dfe 14 \u2013 16. Sie unterscheiden sich in ihrer Architektur markant von den umliegenden H\u00e4usern der sp\u00e4ten Gr\u00fcnderzeit. Von Stadl war sparsamer mit dem Schmuck der H\u00e4user, daf\u00fcr aber auf einen kleinen Vorgarten bedacht. Arbeiter und Angestellte, die diese H\u00e4user bewohnten, sollten das Gef\u00fchl haben, den Bewohnern der Villen im Cottagestil im Saggen in keiner Hinsicht unterlegen zu sein. Es war nicht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr gro\u00dfe Unternehmen dieser Zeit eigene Siedlungen zu planen, man denke an die Siemensstadt in Berlin, es zeigt aber das Selbstverst\u00e4ndnis und eine Vision in die Zukunft, wenn ein Betrieb wie die Glasmalerei sich gegen\u00fcber seinen Mitarbeitern nicht nur als Arbeit- und Lohngeber, sondern auch als Unterkunftsf\u00fcrsorger versteht. Die Landesgeb\u00e4rklinik in Wilten war ein weiteres Gro\u00dfprojekt in Innsbruck, das unter von Stadls Feder entstand. Nach Bau des Vinzentinums 1878 wurde er zum Ehrenb\u00fcrger und Di\u00f6zesan-Architekten von Brixen ernannt. Von Papst Leo XIII. wurde ihm f\u00fcr seine Verdienste der St. Gregor Orden verliehen. Die St. Nikolauskirche, f\u00fcr die die Tiroler Glasmalerei die Fenster hergestellt hatte, wurde zu seiner letzten Ruhest\u00e4tte.<\/p>\n<p>Georg Mader arbeitete weiterhin als Maler an Sakralbauten. Bereits 1868 wurde er Mitglied der Kunstakademie Wien. Als er 1881 einen Schlaganfall erlitt, wurde er zur Rehabilitation nach Badgastein gebracht. Der Kurort in Salzburg war damals Treffpunkt des europ\u00e4ischen Hochadels und gehobenen B\u00fcrgertums. Inmitten der High Society verstarb der ehemalige M\u00fcllergeselle als wohlhabender Mann.<\/p>\n<p>Der rastlose und kreative Neuhauser reiste nach seinem R\u00fccktritt vom Posten als Direktor der Tiroler Glasmalerei erneut nach Venedig, um mit neuer Inspiration die erste Mosaikanstalt \u00d6sterreichs zu gr\u00fcnden. Die Fusion der beiden Betriebe im Jahr 1900 \u00f6ffnete ein breiteres Spektrum an M\u00f6glichkeiten. F\u00fcr seine k\u00fcnstlerischen Verdienste erhielt er den Franz-Josephs-Orden. In Wilten wurde die Neuhauserstra\u00dfe nach ihm benannt.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbrucks Industrielle Revolutionen&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Innsbrucks Industrielle Revolutionen&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;58380&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Im 15. Jahrhundert begann sich in Innsbruck eine erste fr\u00fche Form der Industrialisierung zu entwickeln. Die Metallverarbeitung florierte unter der aufsteigenden Bauwirtschaft in der boomenden Residenzstadt und der Herstellung von Waffen und R\u00fcstungen. Viele Faktoren trafen daf\u00fcr zusammen. Die verkehrsg\u00fcnstige Lage der Stadt, die Verf\u00fcgbarkeit von Wasserkraft, Innsbrucks politischer Aufstieg, das Knowhow der Handwerker und die Verf\u00fcgbarkeit von Kapital unter Maximilian erm\u00f6glichten den Aufbau von Infrastruktur. Glocken- und Waffengie\u00dfer wie die L\u00f6fflers errichteten in H\u00f6tting, M\u00fchlau und Dreiheiligen Betriebe, die zu den f\u00fchrenden Werken Europas ihrer Zeit geh\u00f6rten. Entlang des Sillkanals nutzten M\u00fchlen und Betriebe die Wasserkraft zur Energiegewinnung. Pulverstampfer und Silberschmelzen hatten sich in der Silbergasse, der heutigen Universit\u00e4tsstra\u00dfe, angesiedelt. In der heutigen Adamgasse gab es eine Munitionsfabrik, die 1636 explodierte.<\/p>\n<p>Die Metallverarbeitung kurbelte auch andere Wirtschaftszweige an. Anfang des 17. Jahrhunderts waren 270 Betriebe in Innsbruck ans\u00e4ssig, die Meister, Gesellen und Lehrlinge in Lohn und Brot hatten. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Innsbrucker war zwar noch immer in der Verwaltung t\u00e4tig, Gewerbe, Handwerk und das Geld, das sich damit verdienen lie\u00df, zogen aber eine neue Schicht von Menschen an. Es kam zu einer Umschichtung innerhalb der Stadt. B\u00fcrger und Betriebe wurden von der Beamtenschaft und dem Adel aus der Neustadt verdr\u00e4ngt. Die meisten der barocken Palazzi, die heute die Maria-Theresienstra\u00dfe schm\u00fccken, entstanden im 17. Jahrhundert w\u00e4hrend Dreiheiligen und St. Nikolaus zu Innsbrucks Industrie- und Arbeitervierteln wurden. Neben der Metallverarbeitung rund um die Silbergasse siedelten sich auch Gerber, Tischler, Wagner, Baumeister, Steinmetze und andere Handwerker der fr\u00fchen Industrialisierung hier an.<\/p>\n<p>Die Industrie \u00e4nderte nicht nur die Spielregeln im Sozialen durch den Zuzug neuer Arbeitskr\u00e4fte und ihrer Familien, sie hatte auch Einfluss auf die Erscheinung Innsbrucks. Die Arbeiter waren, anders als die Bauern, keines Herren Untertanen. Unternehmer waren zwar nicht von edlem Blut, sie hatten aber oft mehr Kapital zur Verf\u00fcgung als die Aristokratie. Die alten Hierarchien bestanden zwar noch, begannen aber zumindest etwas br\u00fcchig zu werden. Die neuen B\u00fcrger brachten neue Mode mit und kleideten sich anders. Kapital von au\u00dferhalb kam in die Stadt. Wohnh\u00e4user und Kirchen f\u00fcr die neu zugezogenen Untertanen entstanden. Die gro\u00dfen Werkst\u00e4tten ver\u00e4nderten den Geruch und den Klang der Stadt. Die H\u00fcttenwerke waren laut, der Rauch der \u00d6fen verpestete die Luft. Innsbruck war von einer kleinen Siedlung an der Innbr\u00fccke zu einer Proto-Industriestadt geworden.<\/p>\n<p>Das Wachstum wurde Ende des 18. Jahrhunderts f\u00fcr einige Jahrzehnte von den Napoleonischen Kriegen gebremst. Die zweite Welle der Industrialisierung erfolgte im Verh\u00e4ltnis zu anderen europ\u00e4ischen Regionen in Innsbruck sp\u00e4t. Ein Grund daf\u00fcr war die sp\u00e4te Etablierung eines funktionierenden Bankenwesens in der Stadt. Katholiken galten B\u00e4nker noch immer als \u201eWucherer und Borger\u201c und das Gesch\u00e4ft mit dem Geld galt als unanst\u00e4ndig. Ohne Finanzierung konnten aber auch gro\u00dfe Unternehmungen nicht gegr\u00fcndet werden. Die Tiroler Landesregierung hatte zwar 1715 die so genannte <em>Banko<\/em> gegr\u00fcndet und in der Herzog-Friedrich-Stra\u00dfe gab es die Privatbank Bederunger, erst mit der Gr\u00fcndung der ersten Filiale der Sparkasse wurde es m\u00f6glich, sein Geld nicht mehr unter dem Kopfpolster zu verwahren. Nach 1850 begann man Kredite zu vergeben, was die Gr\u00fcndung heimischer gr\u00f6\u00dferer Betriebe erm\u00f6glichte. Das <em>Kleine Handwerk<\/em>, die b\u00e4uerliche Herstellung von allerlei Gebrauchsgegenst\u00e4nden vor allem im weniger arbeitsintensiven Winter, und die ehemaligen in Z\u00fcnften organisierten Handwerksbetriebe der Stadt gerieten unter den Errungenschaften der modernen Warenherstellung unter Druck. In St. Nikolaus, Wilten, M\u00fchlau und Pradl entstanden entlang des M\u00fchlbaches und des Sillkanals moderne Fabriken. Viele innovative Betriebsgr\u00fcnder kamen von au\u00dferhalb Innsbrucks. Im heutigen Haus Innstra\u00dfe 23 gr\u00fcndete der aus der Lausitz nach Innsbrucker \u00fcbersiedelte Peter Walde 1777 sein Unternehmen, in dem aus Fett gewonnene Produkte wie Talglichter und Seifen hergestellt wurden. Acht Generationen sp\u00e4ter besteht Walde als eines der \u00e4ltesten Familienunternehmen \u00d6sterreichs noch immer. Im denkmalgesch\u00fctzten Stammhaus mit gotischem Gew\u00f6lbe kann man heute das Ergebnis der jahrhundertelangen Tradition in Seifen- und Kerzenform kaufen. Franz Josef Adam kam aus dem Vinschgau, um die bis dato gr\u00f6\u00dfte Brauerei der Stadt in einem ehemaligen Adelsansitz zu gr\u00fcnden. 1838 kam die Spinnmaschine \u00fcber die Dornbirner Firma <em>Herrburger &amp; Rhomberg <\/em>\u00fcber den Arlberg nach Pradl. <em>H&amp;R<\/em> hatte ein Grundst\u00fcck an den Sillgr\u00fcnden erworben. Der Platz eignete sich dank der Wasserkraft des Flusses ideal f\u00fcr die schweren Maschinen der Textilindustrie. Neben der traditionellen Schafwolle wurde nun auch Baumwolle verarbeitet.\u00a0<\/p>\n<p>Wie 400 Jahre zuvor ver\u00e4nderte auch die Zweite Industrielle Revolution die Stadt und den Alltag ihrer Einwohner nachhaltig. Stadtteile wie M\u00fchlau, Pradl und Wilten wuchsen rasant. Die Betriebe standen oft mitten in den Wohngebieten. \u00dcber 20 Betriebe nutzten um 1900 noch immer den Sillkanal. Die <em>Haidm\u00fchle<\/em> in der Salurnerstra\u00dfe bestand von 1315 bis 1907. In der Dreiheiligenstra\u00dfe wurde eine Textilfabrik mit der Energie des Sillkanals versorgt. Der L\u00e4rm und die Abgase der Motoren waren f\u00fcr die Anrainer die H\u00f6lle, wie ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1912 zeigt:<\/p>\n<p><em>\u201eEntr\u00fcstung ruft bei den Bewohnern des n\u00e4chst dem Hauptbahnhofe gelegenen Stadtteiles der seit einiger Zeit in der hibler\u00b4schen Feigenkaffeefabrik aufgestellte Explosionsmotor hervor. Der L\u00e4rm, welchen diese Maschine fast den ganzen Tag ununterbrochen verbreitet, st\u00f6rt die ganz Umgebung in der empfindlichsten Weise und mu\u00df die umliegenden Wohnungen entwerten. In den am Bahnhofplatze liegenden Hotels sind die fr\u00fcher so gesuchten und beliebten Gartenzimmer kaum mehr zu vermieten. Noch schlimmer als der ruhest\u00f6rende L\u00e4rm aber ist der Qualm und Gestank der neuen Maschine\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aristokraten, die sich zu lange auf ihrem Geburtsverdienst auf der faulen Haut ausruhten, w\u00e4hrend sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spielregeln \u00e4nderten, mussten ihre Anwesen an den neuen Geldadel verkaufen. Im <em>Palais Sarnthein<\/em> gegen\u00fcber der Triumphpforte, 1689 von Johann Anton Gumpp f\u00fcr David Graf Sarnthein noch als barocker Ansitz geplant, zog die Waffenfabrik und das Gesch\u00e4ft von Johann Peterlongo ein. Geschickte Mitglieder des Adelsstandes nutzten ihre Voraussetzungen und investierten Familienbesitz und Ertr\u00e4ge aus der b\u00e4uerlichen Grundentlastung von 1848 in Industrie und Wirtschaft. Der steigende Arbeitskr\u00e4ftebedarf wurde von ehemaligen Knechten und Landwirten ohne Land gedeckt. W\u00e4hrend sich die neue verm\u00f6gende Unternehmerklasse Villen in Wilten, Pradl und dem Saggen bauen lie\u00df und mittlere Angestellte in Wohnh\u00e4usern in denselben Vierteln wohnten, waren die Arbeiter in Arbeiterwohnheimen und Massenunterk\u00fcnften untergebracht. Die einen sorgten in Betrieben wie dem Gaswerk, dem Steinbruch oder in einer der Fabriken f\u00fcr den Wohlstand, w\u00e4hrend ihn die anderen konsumierten. Schichten von 12 Stunden in engen, lauten und ru\u00dfigen Bedingungen forderten den Arbeitern alles ab. Zu einem Verbot der Kinderarbeit kam es erst ab den 1840er Jahren. Frauen verdienten nur einen Bruchteil dessen, was M\u00e4nner bekamen. Die Arbeiter wohnten oft in von ihren Arbeitgebern errichteten Mietskasernen und waren ihnen mangels eines Arbeitsrechtes auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Es gab weder Sozial- noch Arbeitslosenversicherungen. Wer nicht arbeiten konnte, war auf die Wohlfahrtseinrichtungen seines Heimatortes angewiesen. Angemerkt sei, dass sich dieser f\u00fcr uns furchterregende Alltag der Arbeiter nicht von den Arbeitsbedingungen in den D\u00f6rfern unterschied, sondern sich daraus entwickelte. Auch in der Landwirtschaft waren Kinderarbeit, Ungleichheit und prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse die Regel.<\/p>\n<p>Die Industrialisierung betraf aber nicht nur den materiellen Alltag. Innsbruck erfuhr eine Gentrifizierung wie man sie heute in angesagten Gro\u00dfstadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg in Berlin beobachten kann. Der Wechsel vom b\u00e4uerlichen Leben des Dorfes in die Stadt beinhaltete mehr als einen \u00f6rtlichen Wechsel. Wie die Menschen die Verst\u00e4dterung des ehemals l\u00e4ndlichen Bereichs erlebten, l\u00e4sst uns der Innsbrucker Schriftsteller Josef Leitgeb in einem seiner Texte wissen:\u00a0<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026viel fremdes, billig gekleidetes Volk, in wachsenden Wohnblocks zusammengedr\u00e4ngt, morgens, mittags und abends die Stra\u00dfen f\u00fcllend, wenn es zur Arbeit ging oder von ihr kam, aus Werkst\u00e4tten, L\u00e4den, Fabriken, vom Bahndienst, die Gesichter oft bla\u00df und vorzeitig alternd, in Haltung, Sprache und Kleidung nichts Pers\u00f6nliches mehr, sondern ein Allgemeines, massenhaft Wiederholtes und Wiederholbares: st\u00e4dtischer Arbeitsmensch. Bahnhof und Gaswerk erschienen als Kern dieser neuen, uns\u00e4glich fremden Landschaft.\u201c<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr viele Innsbrucker kam es nach dem Revolutionsjahr 1848 und den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten zu einer Verb\u00fcrgerlichung. Geschichten, von Menschen, die mit Flei\u00df, Gl\u00fcck, Talent und etwas finanzieller Starthilfe aufstiegen, gab es immer wieder. Bekannte Innsbrucker Beispiele au\u00dferhalb der Hotellerie und Gastronomie, die bis heute existieren sind die Tiroler Glasmalerei, der Lebensmittelhandel H\u00f6rtnagl oder die Seifenfabrik Walde. Erfolgreiche Unternehmer \u00fcbernahmen die einstige Rolle der adeligen Grundherren. Gemeinsam mit den zahlreichen Akademikern bildeten sie eine neue Schicht, die auch politisch mehr und mehr Einfluss gewann. Beda Weber schrieb dazu 1851:\u00a0\u201e<em>Ihre gesellschaftlichen Kreise sind ohne Zwang, es verr\u00e4th sich schon deutlich etwas Gro\u00dfst\u00e4dtisches, das man anderw\u00e4rts in Tirol nicht so leicht antrifft.&#8220;\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Auch die Arbeiter verb\u00fcrgerlichten. War der Grundherr am Land noch Herr \u00fcber das Privatleben seiner Knechte und M\u00e4gde und konnte bis zur Sexualit\u00e4t \u00fcber die Freigabe zur Ehe \u00fcber deren Lebenswandel bestimmen, waren die Arbeiter nun individuell zumindest etwas freier. Sie wurden zwar nur schlecht bezahlt, immerhin erhielten sie aber nun ihren eigenen Lohn anstelle von Kost und Logis und konnten ihre Privatangelegenheiten f\u00fcr sich regeln ohne grundherrschaftliche Vormundschaft.\u00a0<\/p>\n<p>Die Kehrseite dieser neu gewonnen Selbstbestimmung traten vor allem in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung zu Tage. Es gab kaum staatliche Infrastruktur f\u00fcr Kranken- und Familienf\u00fcrsorge. Krankenvorsorge, Pension, Altersheime und Kinderg\u00e4rten waren noch nicht erfunden, hatte die b\u00e4uerliche Gro\u00dffamilie diese Aufgaben vielfach bis jetzt \u00fcbernommen. In den Arbeitervierteln tummelten sich unter Tags unbeaufsichtigte Kinder: Betroffen waren vor allem die kleinsten, die noch nicht unter die Schulpflicht fielen. 1834 gr\u00fcndete sich nach einem Aufruf des Tiroler Landesgubernators ein Frauenverein, der <em>Kinderverwahranstalten<\/em> in den Arbeitervierteln St. Nikolaus, Dreiheiligen und in Angerzell, der heutigen Museumstra\u00dfe, betrieb. Ziel war es nicht nur die Kinder von der Stra\u00dfe fernzuhalten und sie mit Kleidung und Nahrung zu versorgen, sondern ihnen auch Manieren, z\u00fcchtige Ausdrucksweise und tugendhaftes Verhalten beizubringen. Die W\u00e4rterinnen sorgten mit strenger Hand f\u00fcr \u201eReinlichkeit, Ordnung und Folgsamkeit\u201c daf\u00fcr, dass die Kinder zumindest ein Mindestma\u00df an F\u00fcrsorge erfuhren. Die ehemalige <em>Bewahranstalt<\/em> in der Paul-Hofhaimer-Gasse hinter dem Ferdinandeum gibt es bis heute. Der klassizistische Bau beherbergt heute den Integrationskindergarten der Caritas und einen Betriebskindergarten des Landes Tirol.\u00a0<\/p>\n<p>Innsbruck ist keine traditionelle Arbeiterstadt. Zur Bildung einer bedeutenden Arbeiterbewegung wie in Wien kam es in Tirol trotzdem nie. Innsbruck war immer schon vorwiegend Handels- und Universit\u00e4tsstadt. Zwar gab es Sozialdemokraten und eine Handvoll Kommunisten, die Zahl der Arbeiter war aber immer zu klein, um wirklich etwas zu bewegen. Maiaufm\u00e4rsche werden vom Gro\u00dfteil der Menschen maximal wegen billiger Schnitzel und Freibier besucht. Auch sonst gibt es kaum Erinnerungsorte an die Industrialisierung und die Errungenschaften der Arbeiterschaft. In der St.-Nikolaus-Gasse und in vielen Mietzinsh\u00e4usern in Wilten und Pradl haben sich vereinzelt H\u00e4user erhalten, die einen Eindruck vom Alltag der Innsbrucker Arbeiterschaft geben.\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Das Jahr 1848 und seine Folgen&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Das Jahr 1848 und seine Folgen&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53607&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Das Jahr 1848 nimmt einen mythischen Platz in der europ\u00e4ischen Geschichte ein. Die Hotspots waren zwar nicht im abgeschiedenen Tirol, sondern in den gro\u00dfen Metropolen wie Paris, Wien, Budapest, Mailand oder Berlin zu finden, auch im <em>Heiligen Land<\/em> hinterlie\u00df das Revolutionsjahr aber kr\u00e4ftige Spuren.\u00a0 Im Gegensatz zum b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Umland hatte sich in Innsbruck ein aufgekl\u00e4rtes Bildungsb\u00fcrgertum entwickelt. Aufgekl\u00e4rte Menschen wollten keine Untertanen eines Monarchen oder Landesf\u00fcrsten mehr sein, sondern B\u00fcrger mit Rechten und Pflichten gegen\u00fcber einem Staat. Studenten und Freiberufler forderten politische Mitsprache, Pressefreiheit und B\u00fcrgerrechte. Arbeiter verlangten nach besseren L\u00f6hnen und Arbeitsbedingungen. Besonders radikale Liberale und Nationalisten stellten sogar die Allmacht der Kirche in Frage.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1848 entlud sich in vielen St\u00e4dten Europas dieses sozial und politisch hochexplosive Gemisch in Aufst\u00e4nden. In Innsbruck feierten Studenten und Professoren die neu erlassene Pressefreiheit mit einem Fackelzug. Im Gro\u00dfen und Ganzen ging die Revolution im gem\u00e4chlichen Tirol aber ruhig vonstatten. Von einem spontanen Ausbruch der Emotionen zu sprechen w\u00e4re verwegen, der Termin des Zuges wurde wegen Schlechtwetter vom 20. auf den 21. M\u00e4rz verschoben. Es kam kaum zu antihabsburgischen Ausschreitungen oder \u00dcbergriffen, ein verirrter Stein in ein Fenster der Jesuiten war einer der H\u00f6hepunkte der alpinen Variante der Revolution von 1848. Die Studenten unterst\u00fctzten das Stadtmagistrat sogar dabei, die \u00f6ffentliche Ordnung zu \u00fcberwachen, um so dem Monarchen ihre Dankbarkeit f\u00fcr die neu gew\u00e4hrten Freiheiten und ihre Treue zu zeigen.<\/p>\n<p>Die anf\u00e4ngliche Begeisterung f\u00fcr b\u00fcrgerliche Revolution wurde in Innsbruck schnell von deutschnationalem, patriotischen Rausch abgel\u00f6st. Am 6. April 1848 wurde vom Gubernator Tirols die deutsche Fahne w\u00e4hrend eines feierlichen Umzugs geschwungen. Auch auf dem Stadtturm wurde eine deutsche <em>Tricolore<\/em> gehisst. W\u00e4hrend sich Studenten, Arbeiter, liberal-nationalistisch gesinnte B\u00fcrger, Republikaner, Anh\u00e4nger einer konstitutionellen Monarchie und katholische Konservative bei gesellschaftlichen Themen wie der Pressefreiheit nicht einig wurden, teilte man die Abneigung gegen die italienische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, die von Piemont und Mailand ausgehend Norditalien erfasst hatte. Innsbrucker Studenten und Sch\u00fctzen zogen mit Unterst\u00fctzung der k.k. Armeef\u00fchrung ins Trentino, um die Unruhen und Aufst\u00e4nde im Keim zu ersticken. Bekannte Mitglieder dieses Korps waren der bereits in die Jahre gekommene Pater Haspinger, der bereits mit Andreas Hofer 1809 zu Felde zog, und Adolf Pichler. Johann Nepomuk Mahl-Schedl, verm\u00f6gender Besitzer von Schloss B\u00fcchsenhausen, stattete sogar eine eigene Kompanie aus, mit der er zur Grenzsicherung \u00fcber den Brenner zog.<\/p>\n<p>Auch die Stadt Innsbruck als politisches und wirtschaftliches Zentrum des multinationalen Kronlandes Tirol und Heimat vieler Italienischsprachiger wurde zur Arena dieses Nationalit\u00e4tenkonflikts. In Kombination mit reichlich Alkohol bereiteten anti-italienische Gef\u00fchle in Innsbruck mehr Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung als die nach b\u00fcrgerlichen Freiheiten. Ein Streit zwischen einem deutschsprachigen Handwerker und einem italienischsprachigen Ladiner schaukelte sich derma\u00dfen auf, dass es beinahe zu einem Pogrom gegen\u00fcber den zahlreichen Betrieben und Gastst\u00e4tten von italienischsprachigen Tirolern gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die relative Beschaulichkeit Innsbrucks kam dem unter Druck stehenden Kaiserhaus recht. Als es in Wien auch nach dem M\u00e4rz nicht aufh\u00f6rte zu brodeln, floh Kaiser Ferdinand im Mai nach Tirol. Folgt man den Presseberichten aus dieser Zeit, wurde er von der Bev\u00f6lkerung begeistert empfangen.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Wie hei\u00dft das Land, dem solche Ehre zu Theil wird, wer ist das Volk, das ein solches Vertrauen genie\u00dft in dieser verh\u00e4ngni\u00dfvollen Zeit? St\u00fctzt sich die Ruhe und Sicherheit hier blo\u00df auf die Sage aus alter Zeit, oder liegt auch in der Gegenwart ein Grund, auf dem man bauen kann, den der Wind nicht weg bl\u00e4st, und der Sturm nicht ersch\u00fcttert? Dieses Alipenland hei\u00dft Tirol, gef\u00e4llts dir wohl? Ja, das tirolische Volk allein bew\u00e4hrt in der Mitte des aufgew\u00fchlten Europa die Ehrfurcht und Treue, den Muth und die Kraft f\u00fcr sein angestammtes Regentenhaus, w\u00e4hrend ringsum Auflehnung, Widerspruch. Trotz und Forderung, h\u00e4ufig sogar Aufruhr und Umsturz toben; Tirol allein h\u00e4lt fest ohne Wanken an Sitte und Gehorsam, auf Religion, Wahrheit und Recht, w\u00e4hrend anderw\u00e4rts die Frechheit und L\u00fcge, der Wahnsinn und die Leidenschaften herrschen anstatt folgen wollen. Und w\u00e4hrend im gro\u00dfen Kaiserreiche sich die Bande \u00fcberall lockern, oder gar zu l\u00f6sen drohen; wo die Willk\u00fchr, von den Begierden getrieben, Gesetze umst\u00fcrzt, offenen Aufruhr predigt, t\u00e4glich mit neuen Forderungen losgeht; eigenm\u00e4chtig ephemere- wie das Wetter wechselnde Einrichtungen schafft; w\u00e4hrend Wien, die alte sonst so friedliche Kaiserstadt, sich von der erhitzten Phantasie der Jugend lenken und g\u00e4ngeln l\u00e4\u00dft, und die R\u00e4the des Reichs auf eine schm\u00e4hliche Weise behandelt, nach Laune beliebig, und mit jakobinischer Anma\u00dfung, \u00fcber alle Provinzen verf\u00fcgend, absetzt und anstellt, ja sogar ohne Ehrfurcht, den Kaiser mit Sturm-Petitionen verfolgt; w\u00e4hrend jetzt von allen Seiten her Deputationen mit Ergebenheits-Addressen mit Bittgesuchen und Loyalit\u00e4tsversicherungen dem Kaiser nach Innsbruck folgen, steht Tirol ganz ruhig, gleich einer stillen Insel, mitten im brausenden Meeressturme, und des kleinen V\u00f6lkchens treue Brust bildet, wie seine Berge und Felsen, eine feste Mauer in Gesetz und Ordnung, f\u00fcr den Kaiser und das Vaterland.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Im Juni stieg auch ein junger Franz Josef, damals noch nicht Kaiser, am R\u00fcckweg von den Schlachtfeldern Norditaliens in der Hofburg ab, anstatt direkt nach Wien zu reisen. Innsbruck war wieder Residenzstadt, wenn auch nur f\u00fcr einen Sommer. W\u00e4hrend in Wien, Mailand und Budapest Blut floss, genoss die kaiserliche Familie das Tiroler Landleben. Ferdinand, Franz Karl, seine Frau Sophie und Franz Josef empfingen G\u00e4ste von ausl\u00e4ndischen F\u00fcrstenh\u00f6fen und lie\u00dfen sich im Viersp\u00e4nner zu den Ausflugszielen der Region wie der Weiherburg, zur Stefansbr\u00fccke, nach Kranebitten und hoch hinauf bis Heiligwasser chauffieren. Wenig sp\u00e4ter war es allerdings vorbei mit der Gem\u00fctlichkeit. Der als nicht mehr amtstauglich geltende Ferdinand \u00fcbergab unter sanftem Druck die Fackel der Regentenw\u00fcrde an Franz Josef I. Im Juli 1848 kam es in Wien in der Hofreitschule zur Abhaltung einer ersten parlamentarischen Sitzung. Eine erste Verfassung wurde in Kraft gesetzt. Der Reformwille der Monarchie flachte aber schnell wieder ab. Das neue Parlament war ein Reichsrat, es konnte keine bindenden Gesetze erlassen, der Kaiser besuchte es Zeit seines Lebens nie und verstand auch nicht, warum die Donaumonarchie als von Gott eingesetzt diesen Rat ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Die zart in Gang gesetzte Liberalisierung nahm in den St\u00e4dten trotzdem ihren Lauf. Innsbruck erhielt den Status einer Stadt mit eigenem Statut. Das Innsbrucker Gemeinderecht sah ein B\u00fcrgerrecht vor, das zwar an Besitz oder die Abgabe von Steuern gebunden war, jedoch den Angeh\u00f6rigen der Gemeinde gewisse Rechte gesetzlich zusicherte. Das Heimatrecht konnte durch Geburt, Verehelichung oder au\u00dferordentlicher Verleihung erworben werden und verlieh zumindest den m\u00e4nnlichen Vollj\u00e4hrigen das Wahlrecht auf kommunaler Ebene. Geriet man in finanzielle Notlage, so hatte man das Anrecht auf eine Grundversorgung durch die Stadt.<\/p>\n<p>Innerhalb der Stadtregierung setzte sich dank des Mehrheitswahlrechtes nach Zensus die gro\u00dfdeutsch-liberale Fraktion durch, in der H\u00e4ndler, Gewerbetreibende, Industrielle und Gastwirte den Ton angaben. Am 2. Juni 1848 erschien die erste Ausgabe der liberal und gro\u00dfdeutsch gesinnten <em>Innsbrucker Zeitung<\/em>, der obiger Artikel zur Ankunft des Kaisers in Innsbruck entnommen ist. Konservative hingegen lasen das <em>Volksblatt f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>. Gem\u00e4\u00dfigte Leser, die eine konstitutionelle Monarchie bef\u00fcrworteten, konsumierten bevorzugt den <em>Bothen f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>. Mit der Pressefreiheit war es aber schnell wieder vorbei. Die zuvor abgeschaffte Zensur wurde in Teilen wieder eingef\u00fchrt. Herausgeber von Zeitungen mussten einigen Schikanen der Obrigkeit unterziehen. Zeitungen durften nicht gegen Landesregierung, Monarchie oder Kirche schreiben.<\/p>\n<p><em>&#8222;Wer durch Druckschriften andere zu Handlungen auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht, durch welche die gewaltsame Losrei\u00dfung eines Theiles von dem einheitlichen Staatsverbande&#8230; des Kaiserthums \u00d6sterreich bewirkt&#8230; oder der allgemeine \u00f6ster. Reichstag oder die Landtage der einzelnen Kronl\u00e4nder&#8230; gewaltt\u00e4tig st\u00f6rt&#8230; wird mit schwerem Kerker von zwei bis zehn Jahren Haft bestraft.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nachdem Innsbruck 1849 Meran auch offiziell als Landeshauptstadt abgel\u00f6ste hatte und somit auch endg\u00fcltig zum politischen Zentrum Tirols geworden war, bildeten sich Parteien. Ab 1868 stellte die liberal und gro\u00dfdeutsch orientierte Partei den B\u00fcrgermeister der Stadt Innsbruck. Der Einfluss der Kirche nahm in Innsbruck im Gegensatz zu den Umlandgemeinden ab. Individualismus, Kapitalismus, Nationalismus und Konsum sprangen in die Bresche. Neue Arbeitswelten, Kaufh\u00e4user, Theater, Caf\u00e9s und Tanzlokale verdr\u00e4ngten Religion zwar auch in der Stadt nicht, die Gewichtung wurde durch die 1848 errungenen b\u00fcrgerlichen Freiheiten aber eine andere.<\/p>\n<p>Die vielleicht wichtigste Gesetzes\u00e4nderung war das <em>Grundentlastungspatent<\/em>. In Innsbruck hielt der Klerus, vor allem das Stift Wilten, einen gro\u00dfen Teil des b\u00e4uerlichen Grundbesitzes. Kirche und Adel waren nicht steuerpflichtig. 1848\/49 wurden in \u00d6sterreich Grundherrschaft und Untert\u00e4nigkeitsverh\u00e4ltnis aufgehoben. Abgel\u00f6st wurden damit Grundzinsen, Zehent und Robot. Die Grundherren erhielten im Rahmen der Grundentlastung ein Drittel des Wertes ihrer L\u00e4ndereien vom Staat, ein Drittel wurde als Steuererleichterung gewertet, ein Drittel der Abl\u00f6se mussten die Bauern selbst \u00fcbernehmen. Sie konnten diesen Betrag in Raten innert zwanzig Jahren abzahlen.<\/p>\n<p>Die Nachwirkungen sind bis heute zu sp\u00fcren. Die Nachkommen der damals erfolgreichen Bauern genie\u00dfen durch den geerbten Landbesitz, der auf die Grundentlastung 1848 zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, die Fr\u00fcchte des Wohlstandes und auch politischen Einfluss durch Grundst\u00fccksverk\u00e4ufe f\u00fcr Wohnbau, Pachten und Abl\u00f6sen der \u00f6ffentlichen Hand f\u00fcr Infrastrukturprojekte. Die grundbesitzenden Adeligen von einst mussten sich mit der Schmach abfinden, b\u00fcrgerlicher Arbeit nachzugehen. Der \u00dcbergang vom Geburtsrecht zum privilegierten Status innerhalb der Gesellschaft dank finanzieller Mittel, Netzwerken und Ausbildung gelang h\u00e4ufig. Viele Innsbrucker Akademikerdynastien nahmen ihren Ausgang in den Jahrzehnten nach 1848.<\/p>\n<p>Das bis dato unbekannte Ph\u00e4nomen der Freizeit kam, wenn auch f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil nur sp\u00e4rlich, auf und beg\u00fcnstigte gemeinsam mit frei verf\u00fcgbarem Einkommen einer gr\u00f6\u00dferen Anzahl an Menschen Hobbies. Zivile Organisationen und Vereine, vom Lesezirkel \u00fcber S\u00e4ngerb\u00fcnde, Feuerwehren und Sportvereine, gr\u00fcndeten sich. Auch im Stadtbild manifestierte sich das Revolutionsjahr. Parks wie der Englische Garten beim Schloss Ambras oder der Hofgarten waren nicht mehr exklusiv der Aristokratie vorbehalten, sondern dienten den B\u00fcrgern als Naherholungsgebiete vom beengten Dasein. In St. Nikolaus entstand der <em>Waltherpark<\/em> als kleine Ruheoase. Einen Stock h\u00f6her er\u00f6ffnete im Schloss B\u00fcchsenhausen Tirols erste Schwimm- und Badeanstalt, wenig sp\u00e4ter folgte ein weiteres Bad in Dreiheiligen. Ausflugsgasth\u00f6fe rund um Innsbruck florierten. Neben den gehobenen Restaurants und Hotels entstand eine Szene aus Gastwirtschaften, in denen sich auch Arbeiter und Angestellte gem\u00fctliche Abende bei Theater, Musik und Tanz leisten konnten.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Klingler, Huter, Retter &#038; Co: Baumeister der Erweiterung&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Klingler, Huter, Retter &#038; Co: Baumeister der Erweiterung&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53750&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>is heute pr\u00e4gen die Geb\u00e4ude der sp\u00e4ten Monarchie das Stadtbild Innsbrucks. Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gingen als <em>Gr\u00fcnderzeit<\/em> in die \u00f6sterreichische Geschichte ein. Nach einer Wirtschaftskrise 1873 begann sich die Stadt im Wiederaufschwung auszudehnen. Von 1880 bis 1900 wuchs Innsbrucks Bev\u00f6lkerung von 20.000 auf 26.000 Einwohner an. Das 1904 eingemeindete Wilten verdreifachte sich von 4000 auf 12.000. Zwischen 1850 und 1900 wuchs die Anzahl an Geb\u00e4uden innerhalb der Stadt von 600 auf \u00fcber 900 Geb\u00e4ude an, die meisten davon waren anders als die fr\u00fchneuzeitlichen, kleinen Objekte mehrst\u00f6ckige Zinsh\u00e4user. Im Zuge technischer Innovationen ver\u00e4nderte sich auch die Infrastruktur. Gas, Wasser, Elektrizit\u00e4t wurden Teil des Alltags von immer mehr Menschen. Das alte Stadtspital wich dem neuen Krankenhaus. Im Saggen entstanden das Waisenhaus und das Greisenasyl Sieberers.<\/p>\n<p>Die Geb\u00e4ude, die in den jungen Stadtvierteln gebaut wurden, waren ein Spiegel dieser neuen Gesellschaft. Unternehmer, Freiberufler, Angestellte und Arbeiter mit politischem Stimmrecht entwickelten andere Bed\u00fcrfnisse als Untertanen ohne dieses Recht. Ab den 1870er Jahren entstand in Innsbruck ein modernes Banksystem. Die Kreditinstitute wie die 1821 gegr\u00fcndete Sparkasse oder die Kreditanstalt, deren 1910 errichtetes Geb\u00e4ude bis heute wie ein kleiner Palast in der Maria-Theresien-Stra\u00dfe thront, erm\u00f6glichten nicht nur die Aufnahme von Krediten, sondern traten auch selbst als Bauherren auf. Die Zinsh\u00e4user die entstanden, erm\u00f6glichten auch Nicht-Wohnungseigent\u00fcmern ein modernes Leben. Anders als im l\u00e4ndlichen Bereich Tirols, wo Bauernfamilien samt Knechten und M\u00e4gden in Bauernh\u00e4usern im Verbund einer Sippschaft lebten, kam das Leben in der Stadt dem Familienleben, das wir heute kennen, nahe. Der Wohnraum musste dem entsprechen. Der Lifestyle der St\u00e4dter verlangte nach Mehrzimmerwohnungen und freien Fl\u00e4chen zur Erholung nach der Arbeitszeit. Das wohlhabende B\u00fcrgertum bestehend aus Unternehmern und Freiberuflern hatte den Adel zwar noch nicht \u00fcberholt, den Abstand aber verringert. Sie waren es, die nicht nur private Bauprojekte beauftragten, sondern \u00fcber ihre Stellung im Gemeinderat auch \u00fcber \u00f6ffentliche Bauten entschieden.<\/p>\n<p>Die 40 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren f\u00fcr Baufirmen, Handwerker, Baumeister und Architekten eine Art Goldgr\u00e4berzeit. Die Geb\u00e4ude spiegelten die Weltanschauung ihrer Bauherren wider. Baumeister vereinten dabei mehrere Rollen und ersetzten oft den Architekten. Die meisten Kunden hatten sehr klare Vorstellungen, was sie wollten. Es sollten keine atemberaubenden Neukreationen sein, sondern Kopien und Anlehnungen an bestehende Geb\u00e4ude. Ganz im Geist der Zeit entwarfen die Innsbrucker Baumeister nach dem Wunsch der finanziell potenten Auftraggeber die Geb\u00e4ude in den Stilen des Historismus und des Klassizismus sowie des Tiroler Heimatstils. Die Wahl des Stils der beim Bau des Eigenheimes zur Anwendung kam, war oft nicht nur optisches, sondern auch ideologisches Statement des Bauherrn. Liberale bevorzugten meist den Klassizismus, Konservative waren dem Tiroler Heimatstil zugetan. W\u00e4hrend der Heimatstil sich neobarock und mit vielen Malereien zeigte, waren klare Formen, Statuen und S\u00e4ulen stilpr\u00e4gende Elemente bei der Anlage neuer Geb\u00e4ude des Klassizismus. In einem teils w\u00fcsten Stilmix wurden die Vorstellungen, die Menschen vom klassischen Griechenland und dem antiken Rom hatten, verwirklicht. Nicht nur Bahnh\u00f6fe und \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude, auch gro\u00dfe Mietsh\u00e4user und ganze Stra\u00dfenz\u00fcge, sogar Kirchen und Friedh\u00f6fe entstanden entlang der alten Flurwege in diesem Design. Das gehobene B\u00fcrgertum zeigte sein Faible f\u00fcr die Antike mit neoklassizistischen Fassaden. Katholische Traditionalisten lie\u00dfen Heiligenbilder und Darstellungen der Landesgeschichte Tirols in Wandmalereien auf ihren Heimatstilh\u00e4usern anfertigen. W\u00e4hrend im Saggen und Wilten der Neoklassizismus dominiert, finden sich in Pradl Gro\u00dfteils Geb\u00e4ude im konservativen Heimatstil.<\/p>\n<p>Viele Bauexperten r\u00fcmpften lange Zeit die Nase \u00fcber die Bauten der Empork\u00f6mmlinge und Neureichen. Heinrich Hammer schrieb in seinem Standardwerk \u201e<em>Kunstgeschichte der Stadt Innsbruck<\/em>\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eSchon diese erste rasche Erweiterung der Stadt fiel nun freilich in jene bauk\u00fcnstlerisch unfruchtbare Epoche, in der die Architektur, statt eine selbstst\u00e4ndige, zeiteigene Bauweise auszudenken, der Reihe nach die Baustile der Vergangenheit wiederholte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Zeit der gro\u00dfen Villen, die die Adelsansitze vergangener Tage mit b\u00fcrgerlicher Note nachahmten, kam mangels Platzgr\u00fcnden nach einigen wilden Jahrzehnten an ihr Ende. Eine weitere Bebauung des Stadtgebietes mit Einzelh\u00e4usern war nicht mehr m\u00f6glich, zu eng war der Platz geworden. Der Bereich Falkstra\u00dfe \/ G\u00e4nsbachstra\u00dfe \/ Bienerstra\u00dfe gilt bis heute als <em>Villensaggen<\/em>, die Gebiete \u00f6stlich als <em>Blocksaggen<\/em>. In Wilten und Pradl kam es zu dieser Art der Bebauung gar nicht erst gar nicht. Trotzdem versiegelten Baumeister im Goldrausch immer mehr Boden. Albert Gruber hielt zu diesem Wachstum 1907 eine mahnende Rede, in der er vor Wildwuchs in der Stadtplanung und Bodenspekulation warnte.<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist die schwierigste und verantwortungsvollste Aufgabe, welche unsere Stadtv\u00e4ter trifft. Bis zu den 80er Jahren (Anm.: 1880), sagen wir im Hinblick auf unsere Verh\u00e4ltnisse, ist noch ein gewisses langsames Tempo in der Stadterweiterung eingehalten worden. Seit den letzten 10 Jahren jedoch, kann man sagen, erweitern sich die St\u00e4dtebilder ungeheuer rasch. Es werden alte H\u00e4user niedergerissen und neue an ihrer Stelle gesetzt. Nat\u00fcrlich, wenn dieses Niederrei\u00dfen und Aufbauen planlos, ohne jede \u00dcberlegung, nur zum Vorteil des einzelnen Individuums getrieben wird, dann entstehen zumeist Ungl\u00fccke, sogenannte architektonische Verbrechen. Um solche planlose, der Allgemeinheit nicht zum Frommen und Nutzen gereichende Bauten zu verh\u00fcten, mu\u00df jede Stadt daf\u00fcr sorgen, da\u00df nicht der Einzelne machen kann, was er will: es mu\u00df die Stadt dem schrankenlosen Spekulantentum auf dem Gebiete der Stadterweiterung eine Grenze setzen. Hierher geh\u00f6rt vor allem die Bodenspekulation.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine Handvoll Baumeister und das Bauamt Innsbruck begleiteten diese Entwicklung in Innsbruck. Bezeichnet man Wilhelm Greil als B\u00fcrgermeister der Erweiterung, verdient der geb\u00fcrtige Wiener Eduard Klingler (1861 \u2013 1916) wohl den Titel als deren Architekt. Klingler pr\u00e4gte das Stadtbild Innsbrucks in seiner Funktion als Beamter und Baumeister wesentlich mit. 1883 begann er f\u00fcr das Land Tirol zu arbeiten. 1889 trat er zum st\u00e4dtischen Bauamt \u00fcber, das er ab 1902 leitete.\u00a0 In Innsbruck gehen unter anderem die Handelsakademie, die Leitgebschule, der Friedhof Pradl, die Dermatologische Klinik im Klinikareal, der St\u00e4dtische Kindergarten in der Michael-Gaismair-Stra\u00dfe, die <em>Trainkaserne<\/em> (Anm.: heute ein Wohnhaus), die Markthalle und das Tiroler Landeskonservatorium auf Klinglers Konto als Leiter des Bauamtes. Ein sehenswertes Geb\u00e4ude im Heimatstil nach seinem Entwurf ist das Ulrichhaus am Berg Isel, das heute den Alt-Kaiserj\u00e4ger-Club beheimatet.<\/p>\n<p>Das bedeutendste Innsbrucker Baub\u00fcro war <em>Johann Huter &amp; S\u00f6hne<\/em>. Johann Huter \u00fcbernahm die Ziegelei seines Vaters. 1856 erwarb er das erste Firmengel\u00e4nde, die <em>Hutergr\u00fcnde<\/em>, am Innrain. Drei Jahre sp\u00e4ter entstand in der Meranerstra\u00dfe der erste repr\u00e4sentative Hauptsitz. Die Firmeneintragung gemeinsam mit seinen S\u00f6hnen Josef und Peter stellte 1860 den offiziellen Startschuss des bis heute existierenden Unternehmens dar. <em>Huter &amp; S\u00f6hne<\/em> verstand sich wie viele seiner Konkurrenten als kompletter Dienstleister. Eine eigene Ziegelei, eine Zementfabrik, eine Tischlerei und eine Schlosserei geh\u00f6rten ebenso zum Unternehmen wie das Planungsb\u00fcro und die eigentliche Baufirma. 1906\/07 errichteten die Huters ihren eigenen Firmensitz in der Kaiser-Josef-Stra\u00dfe 15 im typischen Stil der letzten Vorkriegsjahre. Das herrschaftliche Haus vereint den Tiroler Heimatstil umgeben von Garten und Natur mit neogotischen und neoromanischen Elementen. Bekannte von <em>Huter &amp; S\u00f6hne<\/em> errichtete Geb\u00e4ude in Innsbruck sind das Kloster der Ewigen Anbetung, die Pfarrkirche St. Nikolaus, das erste Geb\u00e4ude der neuen Klinik und mehrere Geb\u00e4ude am Claudiaplatz. Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs besch\u00e4ftigte die Baufirma mehr als 700 Personen.<\/p>\n<p>Der zweite gro\u00dfe Player war Josef Retter (1872 \u2013 1954). Der geb\u00fcrtige Nieder\u00f6sterreicher mit Tiroler Wurzeln absolvierte eine Maurerlehre bevor er die <em>k.k. Staatsgewerbeschule<\/em> in Wien und die Werkmeisterschule der baugewerblichen Abteilung besuchte. Nach Berufserfahrungen \u00fcber das Gebiet der Donaumonarchie verteilt in Wien, Kroatien und Bozen konnte er dank der Mitgift seiner Ehefrau im Alter von 29 Jahren seine eigene Baufirma mit Sitz in Innsbruck er\u00f6ffnen. Wie Huter beinhaltete auch sein Unternehmen ein S\u00e4gewerk, ein Sand- und Schotterwerk und eine Werkstatt f\u00fcr Steinmetzarbeiten. 1904 er\u00f6ffnete er in der Sch\u00f6pfstra\u00dfe 23a seine Wohn- und B\u00fcrogeb\u00e4ude, das bis heute als <em>Retterhaus<\/em> bekannt ist. Der neugotische, dunkle Bau mit dem markanten Erker mit S\u00e4ulen und einem T\u00fcrmchen wird von einem sehenswerten Mosaik, die eine Allegorie der Architektur darstellt, geschm\u00fcckt. Das Giebelrelief zeigt die Verbindung von Kunst und Handwerk, einem Symbol f\u00fcr den Werdegang Retters. Sein Unternehmen pr\u00e4gte vor allem Wilten und den Saggen. Mit einem Neubau des Akademischen Gymnasiums, dem burg\u00e4hnlichen Schulgeb\u00e4ude f\u00fcr die Handelsakademie, der Evangelischen Christuskirche im Saggen, dem Zelgerhaus in der Anichstra\u00dfe, der Sonnenburg in Wilten und dem neugotischen Schloss Mentlberg am Sieglanger realisierte er viele der bedeutendsten Geb\u00e4ude dieser Epoche in Innsbruck.<\/p>\n<p>Sp\u00e4tberufen aber mit einem \u00e4hnlich praxisorientieren Hintergrund, der typisch f\u00fcr die Baumeister des 19. Jahrhunderts war, startete Anton Fritz 1888 sein Baub\u00fcro. Er wuchs abgelegen in Graun im Vinschgau auf. Nach Stationen als Polier, Stuckateur und Maurer beschloss er mit 36 Jahren die Gewerbeschule in Innsbruck zu besuchen. Talent und Gl\u00fcck bescherten ihm mit der Villa im Landhausstil in der Karmelitergasse 12 seinen Durchbruch als Planer. Seine Baufirma besch\u00e4ftigte zur Bl\u00fctezeit 150 Personen. 1912, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem damit einhergehenden Einbruch der Baubranche, \u00fcbergab er sein Unternehmen an seinen Sohn Adalbert. Das eigene Wohnhaus in der M\u00fcllerstra\u00dfe 4, das Haus Mader in der Glasmalereistra\u00dfe sowie H\u00e4user am Claudiaplatz und dem Sonnenburgplatz z\u00e4hlen zu den Hinterlassenschaften von Anton Fritz.<\/p>\n<p>Mit Carl Kohnle, Carl Albert, Karl Lubomirski und Simon Tommasi hatte Innsbruck weitere Baumeister, die sich mit typischen Geb\u00e4uden des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts im Stadtbild verewigten. Sie alle lie\u00dfen Innsbrucks neue Stra\u00dfenz\u00fcge im architektonisch vorherrschenden Zeitgeist der letzten 30 Jahre der Donaumonarchie erstrahlen. Wohnh\u00e4user, Bahnh\u00f6fe, Amtsgeb\u00e4ude und Kirchen im Riesenreich zwischen der Ukraine und Tirol schauten sich fl\u00e4chendeckend \u00e4hnlich. Nur z\u00f6gerlich kamen neue Str\u00f6mungen wie der Jugendstil auf. In Innsbruck war es der M\u00fcnchner Architekt Josef Bachmann, der mit der Neugestaltung der Fassade des Winklerhauses einen neuen Akzent in der b\u00fcrgerlichen Gestaltung setzte. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges setzte die Baut\u00e4tigkeit aus. Nach dem Krieg war die Zeit des neoklassizistischen Historismus und Heimatstils endg\u00fcltig Geschichte. Die Zeiten waren karger und die Anforderungen an Wohnbau hatte sich ge\u00e4ndert. Wichtiger als eine repr\u00e4sentative Fassade und gro\u00dfe, herrschaftliche R\u00e4ume wurden in der Zeit der Wohnungsnot der kargen, jungen Republik Deutsch\u00f6sterreich leistbarer Wohnraum und moderne Ausstattung mit sanit\u00e4ren Anlagen. Auch die professionellere Ausbildung der Baumeister und Architekten an der k.k. Staatsgewerbeschule trug ihren Teil zu einem neuen Verst\u00e4ndnis des Bauwesens bei als sie die oftmals autodidaktischen Veteranen der Goldgr\u00e4berzeit des Klassizismus hatten. Spazierg\u00e4nge im Saggen und in Teilen von Wilten und Pradl versetzen bis heute zur\u00fcck in die <em>Gr\u00fcnderzeit<\/em>. Der Claudiaplatz und der Sonnenburgplatz z\u00e4hlen zu den eindr\u00fccklichsten Beispielen. Die Baufirma <em>Huter und S\u00f6hne<\/em> existiert bis heute. Das Unternehmen ist mittlerweile im Sieglanger in der Josef-Franz-Huter-Stra\u00dfe, benannt nach dem Firmengr\u00fcnder. Das Wohnhaus in der Kaiser-Josef-Stra\u00dfe tr\u00e4gt zwar nicht mehr den Schriftzug der Firma, ist aber in seiner Opulenz noch immer ein sehenswertes Relikt dieser Zeit, die Innsbrucks \u00c4u\u00dferes f\u00fcr immer ver\u00e4nderte. Neben seinem Wohnhaus in der Sch\u00f6pfstra\u00dfe beherbergt Wilten ein zweites Geb\u00e4ude der Familie Retter. Am Innrain gegen\u00fcber der Uni befindet sich die <em>Villa Retter<\/em>. Josef Retters \u00e4lteste Tochter Maria Josefa, die selbst bei der Reformp\u00e4dagogin Maria Montessori erzogen wurde, er\u00f6ffnete 1932 das erst \u201e<em>Haus des Kindes<\/em>\u201c Innsbrucks. \u00dcber dem Eingang zeigt ein Portrait den M\u00e4zen Josef Retter, die S\u00fcdfassade schm\u00fcckt ein Mosaik im typischen Stil der 1930er Jahre, das auf den urspr\u00fcnglichen Zweck des Geb\u00e4udes hinweist. Ein l\u00e4chelndes, blondes M\u00e4dchen umarmt seine Mutter, die ein Buch in der Hand hat, und seinen Vater, der einen Hammer tr\u00e4gt. Auch die kleine Grabkapelle am Westfriedhof, die als Familiengrabst\u00e4tte der Retters fungiert, ist eine sehenswerte Hinterlassenschaft dieser f\u00fcr Innsbruck bedeutenden Familie.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcllerstrasse 10<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":63838,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[61,156,114,87],"tags":[],"class_list":["post-64081","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-das-jahr-1848-und-die-industrialisierung","category-die-success-story-der-innsbrucker-glasmaler","category-innsbrucks-industrielle-revolutionen","category-wilten-sieglanger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64081","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64081"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64081\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/63838"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}