{"id":65660,"date":"2025-08-05T10:42:00","date_gmt":"2025-08-05T10:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=65660"},"modified":"2026-04-27T12:54:01","modified_gmt":"2026-04-27T12:54:01","slug":"gasthaus-zum-riesen-haymon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/gasthaus-zum-riesen-haymon\/","title":{"rendered":"Haymon Giant Inn"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Gasthaus zum Riesen Haymon<\/h2>\n<p>Haymongasse 4<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;65445,65633,69763,69765&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Riese Haymon&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;65674&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Gasthaus Riese Haymon&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;65663&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Das <em>Gasthaus zum Riesen Haymon<\/em> ist ein fixer Bestandteil Wiltens. Betrachtet man den Werdegang dieses Traditionshauses, kann man die Geschichte des Stadtteils vom Mittelalter bis ins Hier und Heute nachvollziehen. Anders als der <em>Goldene Adler<\/em> oder das <em>Wei\u00dfe Kreuz<\/em> entstand der <em>Haymon<\/em> nicht in der Fr\u00fchen Neuzeit als Gasthof f\u00fcr Reisende und H\u00e4ndler. Lange stand an dieser Stelle ein Bauernhaus, eine der vielen Landwirtschaften unter der Herrschaft des Abtes von Wilten. Im 15. Jahrhundert wurde das Geb\u00e4ude im gotischen Stil ausgebaut. Die m\u00e4chtigen Kreuzgew\u00f6lbe im Inneren legen davon bis heute Zeugnis ab. Die Grafen von Lodron lie\u00dfen das Bauernhaus 1679 zum <em>Ansitz Augenweidstein<\/em> ausbauen. Das steinerne Eingangstor ist ein \u00dcberbleibsel dieser Aufstockung. Ein Votivbild der in Wilten seit der Sp\u00e4tantike verehrten <em>Lieben Frau unter den vier S\u00e4ulen<\/em> gibt dem Besucher ganz im barocken Stil der Zeit folgenden frommen Segen:<\/p>\n<p>\u201e<em>Durch g\u00f6ttliche Mutter besch\u00fctzt sey Augenweydstein, an allen N\u00f6then und Gefahren wird ihr Hilf erfahren.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Erst 1840 er\u00f6ffnete im <em>Ansitz Augenweidstein<\/em> eine Gastwirtschaft. Es war die Zeit, in der sich f\u00fcr viele der Besitzer aus der Klasse der Aristokratie M\u00f6glichkeit und Notwendigkeit gleicherma\u00dfen aufdr\u00e4ngten, ihre Immobilien zu Geld in Gastronomie- und Freizeitwirtschaft zu machen oder als Gasth\u00f6fe zu verpachten. S\u00fcdlich des Stiftes gab es bereits seit dem 17. Jahrhundert einen Betrieb, das heutige Bierstindl. Mit dem Wachstum der Stadt wurden auch die Ausfl\u00fcgler an kirchlichen Feiertagen und Spazierg\u00e4nger am Berg Isel mehr und erm\u00f6glichten genug Gesch\u00e4ftsgang f\u00fcr ein zweites Gasthaus. 12 Jahre sp\u00e4ter ersteigerte Johann Gruber den <em>Haymon<\/em> und f\u00fchrte ihn unter der Bewilligung des Abtes von Wilten. Um den Platz im ehemaligen Palazzo auszun\u00fctzen, vermietete man einige der vielen R\u00e4umlichkeiten als Wohnungen, wie eine <em>Quartier-Anzeige<\/em> in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> des Jahres 1857 zeigt:<\/p>\n<p><em>\u201eIm Gasthause zum Haymon Nr. 6 in Wilten\u2026 zwei sch\u00f6ne Quartiere im 3. Stock, jedes mit drei heizbaren Zimmer, K\u00fcche und Speisgew\u00f6lbe, Holzh\u00fctten und Waschkuceh-Antehei, Estrichkammer\u2026 zu vermiethen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Der <em>Riese Haymon<\/em> wechselte in den folgenden Jahrzehnten h\u00e4ufig Besitzer und P\u00e4chter. Was stabil blieb und auch das Ende der Monarchie \u00fcberdauerte, waren die Beliebtheit innerhalb der Innsbrucker B\u00fcrgerschaft wie auch die enge Verbindung zum Stift Wilten und damit zu konservativen politischen Vereinen und Vorfeldorganisationen. In den wirtschaftlich harten Jahren der Zwischenkriegszeit waren diese beiden Faktoren f\u00fcr das Weiterbestehen des Betriebs lebensnotwendig. Der <em>Riese Haymon<\/em> beherbergte das katholische <em>Vereins-Jugendheim Wilten<\/em>. Vereine und Institutionen wie der <em>Erzherzog Karl Ludwig Veteranenverein<\/em>, die <em>Tiroler Landsmannschaft<\/em>, die <em>Wiltener Sch\u00fctzen<\/em> und katholische Studentenverbindungen wie die <em>Cimbria<\/em> erkoren das Gasthaus zum Vereinslokal. Auf der hauseigenen B\u00fchne kamen St\u00fccke mit zum Publikum passendem politischem Anstrich und vielsagenden Titeln wie \u201e<em>Das eigene Blut<\/em>\u201c zur Auff\u00fchrung. W\u00e4hrend der Jahre des Austrofaschismus unter den Kanzlern Dollfu\u00df und Schuschnigg hielt die Ortsgruppe der Einheitspartei <em>Vaterl\u00e4ndische Front<\/em> im Riesen Haymon ihre Sprechstunden ab und organisierte Vortr\u00e4ge f\u00fcr Vereine wie das <em>Mutterschutzwerk<\/em>. Als Teil des kirchlich-politischen Netzwerkes beherbergte der Riese Haymon bei Veranstaltungen und Aufm\u00e4rschen ausw\u00e4rtige Mitglieder der <em>Heimatwehr<\/em>. Auch zwischen 1938 und 1945 blieb das Gasthaus der Kirche verbunden. W\u00e4hrend katholische Vereine und Kl\u00f6ster von den Nationalsozialisten sofort nach der Macht\u00fcbernahme aufgel\u00f6st wurden, hielt sich das <em>Gasthaus zum Riesen Haymon<\/em> eine Zeit lang als Stachel im Fleisch des antiklerikalen Regimes. Der Wirt Heinrich Pfeifer verlor erst nach mehreren Anzeigen wegen \u201epolitischer Unzuverl\u00e4ssigkeit\u201c, unter anderem verweigerte er die Beflaggung des Hauses zum F\u00fchrergeburtstag, die Konzession. Nach dem Krieg kam es deswegen vor dem Volksgerichtshof Innsbruck zu einem Prozess zwischen Pfeifer und dem ehemaligen Blockwart, der ihn angezeigt hatte. Es waren vor allem Prozesse wie dieser, die Staatsanw\u00e4lte und Richter m Rahmen der <em>Entnazifizierung<\/em> zum gr\u00f6\u00dften Teil besch\u00e4ftigten. Das Gesch\u00e4ft im Haymon lief bald wieder an. In den Jahren des Wirtschaftswachstums der 1950er Jahre konnten sich das Gasthaus wieder erholen. Der Kastaniengarten, die heimeligen Stuben und die traditionell \u00f6sterreichischen Speisen, die serviert wurden, entsprachen dem Bed\u00fcrfnis der Innsbrucker nach der \u201eguten, alten Zeit\u201c. Dazu passte auch die neue Gestaltung des \u00c4u\u00dferen. Die gro\u00dffl\u00e4chigen Fassadenmalereien von Raimund W\u00f6rle (1896 \u2013 1979) aus dem Jahr 1956 zeigen Thyrsus und Haymon, zwei Ritter, auf die der Legende nach die Gr\u00fcndung des Stiftes Wilten zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Interessant ist die nachkriegszeitliche Darstellung der beiden Sagenfiguren. W\u00f6rle, der als Teenager w\u00e4hrend seiner Schulzeit auf der Staatsgewerbeschule Innsbruck Unterricht beim bekannten Maler Rafael Thaler erhalten hatte, war vor dem Krieg Mitglied der <em>Secession Innsbruck<\/em> gewesen. Die schillernden R\u00fcstungen der beiden Figuren und die kubische Darstellung der Gesichter tr\u00e4gt sp\u00e4te Z\u00fcge des Jugendstils. Neben dem einen Baumstamm haltenden Thyrsus, dem geb\u00fcrtigen Tiroler, der in der Sage vom aus dem Norden eingewanderten Haymon im Zweikampf erschlagen wurde, steht der \u00f6sterreichische Wappenschild. Thyrsus ist auf dem Bild zwar weiterhin ein blonder H\u00fcne, allerdings mit \u00f6sterreichischer Nationalit\u00e4t. Germanisch sollte er auch nach den Jahren des Nationalsozialismus sein, deutsch nicht mehr unbedingt. Als der Betrieb in den 1990er Jahren ins Stocken geriet und seine Pforten schloss, sammelten Innsbrucker Unterschriften, um den Riesen Haymon zu erhalten. Nach mehreren P\u00e4chterwechseln mit verschiedenen Konzepten kann man heute wieder die gutb\u00fcrgerliche K\u00fcche in den alten Gem\u00e4uern im Wiltener Oberdorf genie\u00dfen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Thyrsus, Haymon und die Bajuwaren&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Thyrsus, Haymon und die Bajuwaren&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;65875&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Nach dem Verschwinden des westr\u00f6mischen Reiches und der dazugeh\u00f6renden Verwaltung \u00fcbernahmen germanische St\u00e4mme die Kontrolle \u00fcber das Gebiet des heutigen Innsbrucks. In Nordtirol tummelten sich zwischen den Herrschaften des <em>Imperium Romanum<\/em> und Kaiser Karls (748 \u2013 814), in der Zeit also, die als V\u00f6lkerwanderung, Sp\u00e4tantike oder Fr\u00fchmittelalter bezeichnet wird, eine ganze Reihe von V\u00f6lkerschaften. Neben den romanisierten Breonen waren es Goten, Langobarden, Bajuwaren, Sueven und Slawen, die sich in den Landstrichen n\u00f6rdlich des Brenners neben-, hinter- und durcheinander ansiedelten. Im mittleren Inntal konnten sich die Bajuwaren als regionale Macht durchsetzen. Bei der Landnahme wurde zwar das r\u00f6mische <em>Castell Veldidena<\/em> zerst\u00f6rt, ansonsten war f\u00fcr die breonisch-romanisierte Bev\u00f6lkerung der \u00dcbergang wahrscheinlich aber weniger pl\u00f6tzlich und kriegerisch als viel mehr flie\u00dfend. Die Bajuwaren waren keine barbarischen Zerst\u00f6rer, sondern standen seit Jahrhunderten mit der r\u00f6mischen Welt in der einen oder anderen Form im Austausch. Kampfhandlungen waren wohl die Ausnahme. Die Kulturen vermischten sich nach und nach in einer Zeit, in der das Herrschaftsgef\u00fcge eher von loser Natur war. Die Alltagssprache der Menschen war eine Form des Germanischen, schon fr\u00fch hatte sich als Schriftsprache aber Latein durchgesetzt. Das wichtigste \u00dcberbleibsel der R\u00f6mer und bald schon verbindendes Element war aber das Christentum. Ab dem 8. Jahrhundert waren die Bajuwaren christianisiert. Unter Kaiser Karl wurde aus den \u201ebarbarischen\u201c Bajuwaren die christlichen Herz\u00f6ge von Bayern und mit ihnen das Inntal zu einem Teil des <em>Heiligen R\u00f6mischen Reiches<\/em>, das sich \u00fcber weite Teile Zentraleuropas und Norditaliens erstreckte. Sie st\u00fctzten sich in der Verwaltung auf die kirchlichen Strukturen der R\u00f6mer, waren Kleriker doch vielfach die einzigen Schriftgelehrten. Anstatt die regionalen Magistrate der R\u00f6mischen Kaiser herrschte nun eine geharnischte Aristokratie als Lehensm\u00e4nner des vom Papst gesalbten Frankenk\u00f6nigs Karl im Namen Gottes \u00fcber die Untertanen, die davon unbehelligt weiterhin in er Landwirtschaft malochen mussten. Der christliche Kirchenvater Paulus hatte in seinem <em>R\u00f6merbrief <\/em>die theologische Basis f\u00fcr dieses System gelegt:<\/p>\n<p><em>Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt \u00fcber ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit au\u00dfer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.\u00a0Denn die Gewalt haben, muss man nicht f\u00fcrchten wegen guter, sondern wegen b\u00f6ser Werke. Willst du dich aber nicht f\u00fcrchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber B\u00f6ses, so f\u00fcrchte dich; denn sie tr\u00e4gt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der B\u00f6ses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst best\u00e4ndig bedacht.<\/em><\/p>\n<p>Kulturell zeigte sich das Christentum auch im alpinen Raum anpassungsf\u00e4hig an Traditionen und Br\u00e4uche. Die M\u00e4rtyrer und Heiligen des Christentums ersetzten die heidnische Vielg\u00f6tterei. Alte Feste wie die Wintersonnwende, Erntedank oder der Fr\u00fchlingsbeginn wurden in den christlichen Kalender integriert und von Weihnachten, Allerheiligen und Ostern ersetzt. Beliebte Legenden um wunderkr\u00e4ftige Pflanzen, unheilbringende Berggipfel, zauberkundige Wesen wie die <em>Saligen Fr\u00e4ulein<\/em>, verwunschene K\u00f6nige und andere Sagengestalten konnten problemlos parallel zum Christentum verehrt werden.<\/p>\n<p>Zwei der bis heute in Innsbruck popul\u00e4rsten unter ihnen spielen die Hauptrolle im Gr\u00fcndungsmythos des Stiftes Wilten. Ein au\u00dferordentlich kr\u00e4ftiger Ritter, bekannt als Riese Haymon begab sich irgendwann zwischen Sp\u00e4tantike und fr\u00fchem Mittelalter nach Tirol. Hier traf er auf den alteingesessenen Riesen Thyrsus von Seefeld. W\u00e4hrend der germanische Haymon modern mit Schwert und Schild ausgestattet war, hatte Thyrsus, der zwar einen romanisierten Namen trug, in der Legende aber als wilder Alpenbewohner dargestellt wird, nur einen Baumstamm als Waffe zur Verf\u00fcgung. Es kam, wie es kommen musste, das Schwert schlug die h\u00f6lzerne Keule und Thyrsus lag in seinem Blut erschlagen am Boden. In Reue \u00fcber seine Tat trat Haymon zum Christentum \u00fcber und lie\u00df sich vom Bischof von Chur taufen. Anstatt wie geplant eine milit\u00e4rische Burganlage zu bauen, errichtete der Gel\u00e4uterte auf den Ruinen der r\u00f6mischen Festung Veldidena ein Kloster. Trotz der neu gefundenen Fr\u00f6mmigkeit war die Zeit der Heldentaten f\u00fcr ihn aber noch nicht vorbei. In der nahen Sillschlucht aber hauste ein furchterregender Drache, der nicht nur jede Nacht den Neubau verw\u00fcstete, sondern auch eine sinnvolle Besiedlung des Landstrichs unm\u00f6glich machte. Haymon t\u00f6tete das Untier, schnitt ihm die Zunge ab und vermachte sie seiner eigenen Stiftung. Nach seiner Karriere als Drachent\u00f6ter \u00fcbergab Haymon das Kloster den Benediktinerm\u00f6nchen vom Tegernsee und trat als Laienbruder selbst dem Orden bei. Die Menschen der Region waren dem Riesen f\u00fcr die Befreiung vom Drachen so dankbar, dass sie sich gerne in die abgabenpflichtige Obhut des Stiftes Wilten begaben, um das einst wilde Land als Bauern fruchtbar zu bestellen. Und die Moral von der Geschichte? Haymon steht f\u00fcr die anfangs gewaltbereiten, sp\u00e4ter aber edlen und wohlt\u00e4tigen germanischen Besiedler, Thyrsus f\u00fcr die mutigen und wilden, am Ende aber doch unterlegenen Bewohner der Region zwischen Seefelder Plateau und Brenner. Der Drache symbolisiert das b\u00f6se, zerst\u00f6rerische und unchristliche Heidentum, das vom konvertierten Germanen ausgemerzt wird. Die Klosterbr\u00fcder, reich beschenkt vom tapferen Ritter, sind die ordnende Hand, ohne die nichts funktionieren w\u00fcrde. Die <em>Haymonsage<\/em> und ihre Moral zeigten sich im Laufe der Jahrhunderte je nach Zeitgeist ebenso flexibel wie das Christentum bei seiner Einf\u00fchrung in der Sp\u00e4tantike. Einmal war Haymon ein Adliger vom Rhein, der nach dem Tod Karls des Gro\u00dfen nach Tirol kam, ein anderes Mal unterwegs zwischen Ravenna und Deutschland als Gefolgsmann des ostgotischen K\u00f6nigs Theoderich, besser bekannt als Dietrich von Bern. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert standen die Konvertierung <em>Haymons<\/em>, der Schutz der b\u00e4uerlichen Untertanen durch das christliche Rittertum und die Klostergr\u00fcndung im Mittelpunkt, um das segensreiche Feudalwesen zu untermauern. In einem Artikel in den <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> vom 2. Oktober hingegen lie\u00df der Autor Dr. Franz W\u00f6\u00df das katholische Element des Klosterbaus fast komplett beiseite und betonte das heldenhafte Deutsche, bevor er sich der heilt\u00e4tigen Wirkung des Thyrsus\u00f6ls widmete, das die Seefelder Bauern seit dem Mittelalter aus den \u00f6lhaltigen Schiefersteinen gewannen. In dieser Version der Sage zog sich Haymon nach seinen Heldentaten in die Wildnis in Seefeld als Einsiedler zur\u00fcck anstatt als Kleriker sein Leben im Stift Wilten zu beenden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum wollte man sich vom Germanentum so weit als m\u00f6glich distanzieren. Die 1956 an der Fassade des \u201e<em>Gasthauses Zum Riesen Haymon<\/em>\u201c entstandene Wandmalerei zeigt den unterlegenen Thyrsus, mit \u00f6sterreichischem Wappenschild, ganz im Sinne des Opfermythos der Nachkriegszeit.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Denunziation vor dem Innsbrucker Volksgericht&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Denunzianten vor dem Innsbrucker Volksgerichtshof &#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;65650&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Erschienen: Tiroler Tageszeitung \/ 14. Juni 1946\u200b<\/p>\n<p>Vorsitzender: OLGR. Dr. Pfaundler<\/p>\n<p>Beisitzer: Dr. Sternbach.<\/p>\n<p>Staatsanwalt: Dr. Riccabona<\/p>\n<p>Schriftf\u00fchrer: Dr. G\u00f6g1.<\/p>\n<p>Vertreter der franz\u00f6sischen Justizdirektion; Capt. Hinsberger<\/p>\n<p>Verteidiger: RA.-Anw\u00e4rter Dr. Kellner.<\/p>\n<p>Angeklagter: Franz Wolf, Bundesbahnsekret\u00e4r, 46 Jahre alt, in Innsbruck-Wilten wohnhaft.<\/p>\n<p>Tatbestand: Der 46j\u00e4hrige, ehemalige Bundes Bahnsekret\u00e4r Franz Wolf aus Innsbruck-Wilten ist seit 23. Mai 1938 Mitglied der NSDAP, mit der Nr. 7.295.000 und wurde im August 1938 Blockleiter in der Ortsgruppe Wilten-Ost, 1941 Zellenleiter der NSDAP. und war seit 1942 \u00fcberdies Mitglied der SA. Auch seine Frau, seine Schwester und sein Schwager sind Parteigenossen, Wolf wohnte im Gasthof \u201eRiesen Haymon&#8220; in Wilten und zeigte den Gastwirt Heinrich Pfeifer wiederholt beim Ortsgruppenleiter wegen politischer Sachen an. Er \u00e4u\u00dferte sich ihm gegen\u00fcber: \u201eDiese schwarze Brut mu\u00df wegkommen und meldete dem Ortsgrnppenleiter, da\u00df Pfeifer an Hitlers Geburtstag nicht beflaggt und bei Parteisammlungen \u201eein zynisches und eines Gesch\u00e4ftsmannes vollkommen unw\u00fcrdiges Verhalten an den Tag gelegt habe, \u00fcberdies sei der \u201eRiese Haymon\u201c eine schwarze Hochburg und Tummelplatz der schwarzen Br\u00fcder und er bitte nachdr\u00fccklich um Abhilfe&#8220;. Auf die wiederholten Anzeigen des Blockleiters wurde der Gastbetrieb am 1. April 1943 geschlossen und im M\u00e4rz 1945 wurde Pfeifer wegen politischer Unzuverl\u00e4ssigkeit die Konzession entzogen. Der Ortsgruppenleiter Machek, der beim \u201eRiesen Haymon\u201c viel verkehrte und dem Wirt nicht aufs\u00e4ssig war, meinte einmal: \u201ePfeifer, was haben Sie denn immer mit dem Wolf, er macht immer Anzeigen. Vertragt euch doch.\u201c<\/p>\n<p>Verwantwortung: Gibt einleitend zu, fr\u00fcher bei der <em>Freien Gewerkschaft<\/em> und dann bei der <em>Vaterl\u00e4ndischen Front<\/em> gewesen zu sein. SA-Mann sei er von 1942 bis 1944 gewesen. Vom Vorsitzenden befragt, warum er die Anzeigen gegen Pfeifer gemacht habe, erkl\u00e4rt Wolf, das sei \u00fcber Auftrag des damaligen Ortsgruppenleiters Feuerstein geschehen, auf den er sich dann auch noch im Zuge des weiteren Verh\u00f6rs ausredet. Im \u00dcbrigen mu\u00df er dann doch zugeben, da\u00df er die verschiedenen Anzeigen gegen Pfeifer erstattet habe. Neu war, da\u00df Wolf den Pfeifer auch deswegen anzeigte, weil am Trauertage f\u00fcr Stalingrad in Pfeifers Gasthaus gesungen worden sei. Da\u00df durch seine Anzeige dem Pfeifer schwerer Schaden entstehen sollte, habe er nicht beabsichtigt.<\/p>\n<p>Zeugenaussagen: Gastwirt Pfeifer best\u00e4tigt als Zeuge, da\u00df ihm durch die Anzeigen des Wolf wirtschaftlicher Schaden durch die Schlie\u00dfung und die sp\u00e4tere Konzessionsentziehung entstanden sei. Eine Beflaggung an Hitlers Geburtstag sei deshalb unterblieben, weil die Fensterst\u00f6cke in Umbau waren. Die Beflaggung des Hauses sei Sache des Hausmeisters gewesen.<\/p>\n<p>Ein anderer Zeuge schilderte den Angeklagten als den Schecken der ganzen Haymongasse, denn Wolf lief mit allem, was ihm anzeigenswert schien, zur Ortsgruppe.<\/p>\n<p>Vertagung: Ueber Beschlu\u00df des Volksgerichtshofes wurde hierauf die Verhandlung zwecks Einvernahme weiterer Zeugen, Einholung neuer Akten und neuerlicher Erhebungen bei der Kriminalpolizei auf unbestimmte Zeit vertagt.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Quartiere der Ausw\u00e4rtigen Heimatwehrm\u00e4nner&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Quartiere der ausw\u00e4rtigen Heimatwehrm\u00e4nner.&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;65655&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Erschienen: Innsbrucker Nachrichten \/ 8. November 1928<\/p>\n<p>Die Landesleitung der Tiroler Heimatwehr teilt mit: Vielfache Anfragen, die an uns ergangen sind, beweisen die lebhafte Anteilnahme, die man in allen vaterl\u00e4ndischen Kreisen der Bev\u00f6lkerung dem kommenden Heimatwehr-Aufmarsch entgegenbringt. Mancher erwartet an diesem Tage alte Freunde und Bekannte wiederzusehen, oder Verwandte aus anderen Bundesl\u00e4ndern bei dieser Gelegenheit in Innsbruck begr\u00fc\u00dfen zu k\u00f6nnen. Um der Innsbrucker Bev\u00f6lkerung eine leichtere Verst\u00e4ndigung mit unseren G\u00e4sten zu erm\u00f6glichen, geben wir heute die Quartiere bekannt, die den einzelnen Landesleistungen f\u00fcr ihre Leute zugewiesen sind:<\/p>\n<p>Steiermark: Kloster Wilten, Servitenkloster, Jugendheim St. Bartlm\u00e4, Gasth\u00e4user Bierstindl, Riese Haymon, Tivoli, Buchhof, Sonnenburgerhof, Ferrarihof, Flughafen, Schlo\u00df Amras<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Besitzver\u00e4nderung&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Besitzver\u00e4nderung Riese Haymon&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;65641&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Erschienen: Innsbrucker Tagblatt \/ 13. Oktober 1877<\/p>\n<p>Das Gasthaus zum Riesen Haymon in Wilten soll durch Kauf in den Besitz des gegenw\u00e4rtigen P\u00e4chters der Stindlwirtschschaft gelangen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53753&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Politische Polarisierung pr\u00e4gte neben Hunger das Leben der Menschen in den 1920er und 1930er Jahren. Der Zusammenbruch der Monarchie hatte zwar eine Republik hervorgebracht, die beiden gro\u00dfen Volksparteien, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich aber feindselig wie zwei Skorpione gegen\u00fcber. Beide Parteien bauten paramilit\u00e4rische Bl\u00f6cke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Stra\u00dfe mit Gewalt zu untermauern. Der <em>Republikanische Schutzbund<\/em> auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte <em>Heimwehren<\/em>, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie B\u00fcrgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktion\u00e4re beider Seiten hatten im Krieg an der Front gek\u00e4mpft und waren dementsprechend militarisiert. Die <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> konnte im l\u00e4ndlichen Tirol dank der Unterst\u00fctzung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zur\u00fcckgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gr\u00fcndung der Republik, marschierten am Ersten gesamt\u00f6sterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrm\u00e4nner durch die Stadt, um ihre \u00dcberlegenheit am h\u00f6chsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Als Mannschaftsquartier der steirischen Truppen diente unter anderem das Stift Wilten. \u00a0<\/p>\n<p>Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anh\u00e4nger gewinnen. 1932 z\u00e4hlte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Ber\u00fcchtigt wurde die sogenannte <em>H\u00f6ttinger Saalschlacht<\/em> vom 27. Mai 1932. H\u00f6tting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser <em>roten<\/em> Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof <em>Goldener B\u00e4r<\/em>, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf, der mit \u00fcber 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten durch eine Stichwunde endete. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.<\/p>\n<p>Nach jahrelangen b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfu\u00df (1892 \u2013 1934) durch und schalteten das Parlament aus. In Innsbruck kam es dabei zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. M\u00e4rz wurde das Parteihaus der <em>Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol<\/em> im <em>Hotel Sonne<\/em> ger\u00e4umt, der -Anf\u00fchrer des Republikanischen Schutzbundes Gustav Kuprian wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen entwaffnet. Das Ziel Dollfu\u00df\u00b4 war die Errichtung des sogenannten <em>\u00d6sterreichischen St\u00e4ndestaats<\/em>, einem Einparteienstaat ohne Opposition unter Beschneidung elementarer Rechte wie Presse- oder Versammlungsfreiheit. In Tirol wurde 1933 die <em>Tiroler Wochenzeitung<\/em> neu gegr\u00fcndet um als Parteiorgan zu fungieren. Der gesamte Staatsapparat sollten analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der <em>Vaterl\u00e4ndischen Front<\/em> geeint werden: Antisozialistisch, autorit\u00e4r, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt, was zur Folge hatte, dass nur noch konservative Gemeinder\u00e4te vertreten waren.<\/p>\n<p>Dollfu\u00df war in Tirol \u00fcberaus popul\u00e4r, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg w\u00e4hrend einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am n\u00e4chsten kam. Sein politischer Kurs wurde von der katholischen Kirche unterst\u00fctzt, die es sogar in die Maiverfassung von 1934 schaffte: \u201e<em>Im Namen Gottes, des Allm\u00e4chtigen, von dem alles Recht ausgeht, erh\u00e4lt das \u00f6sterreichische Volk f\u00fcr seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf st\u00e4ndischer Grundlage diese Verfassung.\u201c <\/em>Die Bindung an die Kirche verschaffte der Regierung Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die <em>Vaterl\u00e4ndische Front<\/em> mit ihren paramilit\u00e4rischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdr\u00fcckung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zur\u00fcck. Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. 1934 zerst\u00f6rten Mitglieder der Heimwehr das Denkmal des Sozialdemokraten Martin Rapoldi in Kranebitten. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert. Die Artikel glorifizierten das l\u00e4ndliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterst\u00fctzt. Die Geschlechtertrennung an Schulen und die Umgestaltung der Lehrpl\u00e4ne f\u00fcr M\u00e4dchen bei gleichzeitiger vormilit\u00e4rischer Ert\u00fcchtigung der Buben war im Sinn eines gro\u00dfen Teils der Bev\u00f6lkerung. Auch die traditionell orientierte Kulturpolitik, mit der sich \u00d6sterreich als das <em>bessere<\/em> Deutschland unter der antiklerikalen nationalsozialistischen F\u00fchrung positionierte, gefiel dem konservativen Teil der Gesellschaft. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler B\u00fcrgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot f\u00fcr die Habsburger aufheben zu lassen, das unausgesprochene Fernziel der Neuinstallation der Monarchie durch die Christlichsozialen erfreute sich also einer breiten Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Dollfu\u00df ums Leben kam. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle \u00fcber die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. Hitler, der die Anschl\u00e4ge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich, die \u00f6sterreichischen Gruppen der verbotenen Partei wurden dadurch eingeschr\u00e4nkt. In Innsbruck wurde auf \u201e<em>Verf\u00fcgung des Regierungskommiss\u00e4rs der Landeshauptstadt Tirols\u201c<\/em> der Platz vor dem Tiroler Landestheater als <em>Dollfu\u00dfplatz<\/em> gef\u00fchrt. Hier hatte sich Dollfu\u00df bei einer Kundgebung zwei Wochen vor seinem Tod noch mit dem aus Tirol stammenden Heimwehrf\u00fchrer Richard Steidle getroffen. Steidle war selbst mehrmals Opfer politischer Gewalt geworden. 1932 wurde er nach der H\u00f6ttinger Saalschlacht in der Stra\u00dfenbahn attackiert, im Jahr darauf vor seinem Haus in der Leopoldstra\u00dfe Opfer eines Schussattentats. Nach der Machtergreifung durch die NSDAP kam er in das Konzentrationslager Buchenhausen, wo er 1940 starb.<\/p>\n<p>Dollfu\u00df\u00b4 Nachfolger als Kanzler Kurt Schuschnigg (1897 \u2013 1977) war geb\u00fcrtiger Tiroler und Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung <em>Austria<\/em>. Er betrieb lange Zeit eine Rechtsanwaltskanzlei in Innsbruck. 1930 gr\u00fcndete er eine paramilit\u00e4rische Einheit namens <em>Ostm\u00e4rkische Sturmscharen<\/em>, die das Gegengewicht der Christlich-Sozialen zu den radikalen Heimwehrgruppen bildeten. Nach dem Februaraufstand 1934 war er als Justizminister im Kabinett Dollfu\u00df mitverantwortlich f\u00fcr die Hinrichtung mehrerer Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Vor allem wirtschaftlich konnte aber auch der Austrofaschismus das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumrei\u00dfen. Die Wirtschaftskrise, die 1931 auch \u00d6sterreich erreichte und die radikale, populistische Politik der NSDAP befeuerte, schlug hart zu. Die staatlichen Investitionen in gro\u00dfe Infrastrukturprojekte kamen zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschr\u00e4nkung der sozialen F\u00fcrsorge, die zu Beginn der <em>Ersten Republi<\/em>k eingef\u00fchrt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als \u201e<em>Ausgesteuerte<\/em>\u201c ausgeschlossen. Die Armut lie\u00df die Kriminalit\u00e4tsrate ansteigen, \u00dcberf\u00e4lle, Raube und Diebst\u00e4hle h\u00e4uften sich.<\/p>\n<p>Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bem\u00fchungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem gro\u00dfen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation f\u00fcr viele Menschen prek\u00e4r. Eisenbahn, Industrialisierung, Fl\u00fcchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des M\u00f6glichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweith\u00f6chste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise f\u00fcr Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter h\u00e4ufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnbl\u00f6cke und Obdachlosenunterk\u00fcnfte entstanden wie das Wohnheim f\u00fcr Arbeiter in der Amthorstra\u00dfe im Jahr 1907, die Herberge in der Hunoldstra\u00dfe und der Pembaurblock, das gen\u00fcgte aber nicht um der Situation Herr zu werden. Aus dieser Not und Verzweiflung entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackend\u00f6rfer und Siedlungen, gegr\u00fcndet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgeh\u00e4ngten, die im System keinen Platz fanden. Im Kriegsgefangenenlager in der H\u00f6ttinger Au quartierten sich nach dessen Ausmusterung Menschen in den Baracken ein. Die bis heute bekannteste und ber\u00fcchtigtste war die <em>Bocksiedlung<\/em> am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und den Baracken des Konzentrationslagers Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien in Baracken und Wohnw\u00e4gen an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gr\u00fcnderinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Rauth war nicht nur wirtschaftlich, sondern als bekennender Kommunist in Tiroler Lesart auch moralisch arm. Sein Flo\u00df, die <em>Arche Noah<\/em>, mit dem er \u00fcber Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte vor dem Gasthof Sandwirt.<\/p>\n<p>Nach und nach entstand ein Bereich gleicherma\u00dfen am Rand der Stadt wie auch der Gesellschaft, der vom inoffiziellen B\u00fcrgermeister der Siedlung Johann Bock (1900 \u2013 1975) wie eine unabh\u00e4ngige Kommune geleitet wurde. Er regelte die Agenden in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier.<\/p>\n<p>Die <em>Bockala<\/em> hatten einen f\u00fcrchterlichen Ruf unter den braven B\u00fcrgern der Stadt. Bei aller Geschichtsgl\u00e4ttung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren k\u00f6rperliche Gewalt und Kleinkriminalit\u00e4t an der Tagesordnung. \u00dcberm\u00e4\u00dfiger Alkoholkonsum war g\u00e4ngige Praxis. Die Stra\u00dfen waren nicht asphaltiert. Flie\u00dfendes Wasser, Kanalisation und Sanit\u00e4ranlagen gab es ebenso wenig wie eine regul\u00e4re Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prek\u00e4r, was die st\u00e4ndige Gefahr von Seuchen mit sich brachte.<\/p>\n<p>Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Es waren vielfach Menschen, die durch das System fielen, die sich in der Bocksiedlung niederlie\u00dfen. Das falsche Parteibuch zu haben konnte gen\u00fcgen, um im Innsbruck der 1930er keinen Wohnraum ergattern zu k\u00f6nnen. Karl Jaworak, der 1924 ein Attentat auf Bundeskanzler Ignaz Seipel ver\u00fcbte, lebte nach seiner Haft und Deportation in ein Konzentrationslager w\u00e4hrend des NS-Regimes ab 1958 an der Adresse Reichenau 5a.<\/p>\n<p>Die Ausstattung der Behausungen der Bocksiedlung war ebenso heterogen wie die Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkusw\u00e4gen, Holzbaracken, Wellblechh\u00fctten, Ziegel- und Betonh\u00e4user. Die Bocksiedlung hatte auch keine fixen Grenzen. <em>Bockala<\/em> zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status, der zu einem gro\u00dfen Teil in der Imagination der Bev\u00f6lkerung entstand.<\/p>\n<p>Innerhalb der Siedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten H\u00e4user und W\u00e4gen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgerg\u00e4rten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan.<\/p>\n<p>Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges versch\u00e4rften die Wohnsituation in Innsbruck und lie\u00dfen die <em>Bocksiedlung<\/em> wachsen. Um die 50 Unterk\u00fcnfte sollen es am H\u00f6hepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafpl\u00e4tze genutzt, nachdem die letzten inhaftierten Nationalsozialisten, die dort verwahrt wurden, verlegt oder freigelassen worden waren, allerdings z\u00e4hlte das KZ nicht zur Bocksiedlung im engeren Sinn.<\/p>\n<p>Der Anfang vom Ende waren die Olympischen Spielen von 1964 und ein Brand in der Siedlung ein Jahr zuvor. B\u00f6se Zungen behaupten, dieser sei gelegt worden, um die R\u00e4umung zu beschleunigen.\u00a0 1967 verhandelten B\u00fcrgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erz\u00e4hlungen nach in alkoholgeschw\u00e4ngerter Atmosph\u00e4re, \u00fcber das weitere Vorgehen und Entsch\u00e4digungen seitens der Gemeinde f\u00fcr die R\u00e4umung. 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer M\u00e4ngel ger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Viele ehemalige Bewohner der <em>Bocksiedlung<\/em> wurden nach den Olympischen Spielen in st\u00e4dtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und im <em>O-Dorf<\/em> einquartiert. Die Sitten der <em>Bocksiedlung<\/em> lebten noch einige Jahre fort, was den schlechten Ruf der st\u00e4dtischen Wohnbl\u00f6cke dieser Stadtviertel bis heute ausmacht.<\/p>\n<p>Eine Aufarbeitung dessen, was von vielen Historikern als <em>Austrofaschismus<\/em> bezeichnet wird, ist in \u00d6sterreich bisher kaum passiert. So sind in der Kirche St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens noch Bilder mit Dollfu\u00df als Besch\u00fctzer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. In vielen Belangen reicht das Erbe der gespaltenen Situation der Zwischenkriegszeit in die Gegenwart. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverb\u00e4nde, Rettungsgesellschaften und Alpinverb\u00e4nde, deren Wurzeln in diese Zeit zur\u00fcckreichen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und m\u00fchsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv f\u00fcr das Buch \u201e<em>Bocksiedlung. Ein St\u00fcck Innsbruck<\/em>\u201c des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Das Stift Wilten als ordnende Hand&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Das Stift Wilten als ordnende Hand im Mittelalter&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;70199&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>\u201e<em>\u00d6sterreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus<\/em>,\u201c so steht es heute in Artikel 1 des \u00d6sterreichischen Bundesverfassungsgesetzes geschrieben. Ministerien und ihre lokalen Vertretungen, die Magistrate, sind Vertreter einer s\u00e4kularen Republik. Anders als in vielen anderen Regionen, sind in \u00d6sterreich Staat und Religion getrennt. Das war nicht immer so. \u00dcber Jahrhunderte war es der Klerus, der Recht und Verwaltung aus\u00fcbten. Kirchliche Institutionen wie Kl\u00f6ster waren dank ihrer gebildeten und schreibkundigen Br\u00fcder in der Sp\u00e4tantike die wichtigsten Verwaltungseinheiten, um Strukturen, Herrschaft, Gesetze, Besitzverh\u00e4ltnisse, Infrastruktur und \u00f6ffentliche Ordnung zu orchestrieren. In Wilten f\u00fchrte eine kleine Gemeinschaft von Seelsorgern die Gesch\u00e4fte der Region zwischen Nordkette und Brenner. Bereits im 6. Jahrhundert gab es nachweislich eine Kirche im heutigen Wilten. Die bayerischen Herz\u00f6ge, die im fr\u00fchen Mittelalter das Inntal zu ihrer Herrschaft z\u00e4hlten, nutzten die gebildeten Kirchenm\u00e4nner nur allzu gerne, um die Verwaltung des Gebietes in geregelten Bahnen zu halten. 1128 \u00fcbergab der Brixner Bischof Reginbert das Kloster an den damals frisch gegr\u00fcndeten Pr\u00e4monstratenserorden. Im Archiv des Stift Wilten ist die Urkunde, die die \u00dcbernahme durch den Pr\u00e4monstratenserorden aus dem Jahr 1138 best\u00e4tigt, noch erhalten. Bedenkt man, dass das Stammkloster in Premontre in Frankreich von Ordensstifter Norbert von Xanten erst 1120 gegr\u00fcndet wurde, erfolgte die Ausbreitung nach Tirol sehr schnell. Ausgehend von Frankreich schaffte es der Orden innerhalb weniger Jahrzehnte in ganz Europa vertreten zu sein. Der Armutsgedanke war bei den Pr\u00e4monstratensern nicht so ausgepr\u00e4gt wie bei den zeitgleich aufkommenden Franziskanern oder Dominikanern. Der ab 1582 als Heiliger verehrte Norbert war zwar ein Kirchenreformator, seine Abstammung aus dem Adel und seine politische Rolle als Erzbischof von Magdeburg und Berater des K\u00f6nigs konnte er bei aller Spiritualit\u00e4t nicht verleugnen. Mit der \u00dcbernahme der kirchlichen Rechte und Pflichten war die Grundherrschaft \u00fcber L\u00e4ndereien verbunden, \u00fcber die das Stift verf\u00fcgen konnte. Das Hochstift Brixen \u00fcberschrieb dem Stift Wilten 1140 seinen ganzen Grundbesitz zwischen Berg Isel, Sill und Inn. Der m\u00e4chtige bayerische Herzog <em>Heinrich der L\u00f6we<\/em> schenkte dem Stift einen Erbhof aus seinem Besitz. Dazu kamen der Mentlberg und L\u00e4ndereien im Sellraintal. Tirols vielleicht sch\u00f6nster Talschluss L\u00fcsens ist bis heute ebenso in kirchlichem Besitz wie das Gasthaus Heiligwasser in Igls.<\/p>\n<p>Dank des Landbesitzes war das Stift auch ein politischer Player. In diesen L\u00e4ndereien hatte das Stift die niedere Gerichtsbarkeit, was alles umfasste, was nicht dem Blutgericht unterlag. 1180 war es das Stift Wilten, das den\u00a0Grafen von Andechs\u00a0die Gebiete s\u00fcdlich des Inns \u00fcberlie\u00df, auf dem die Innsbruck gegr\u00fcndet wurde. Nicht nur 1180, auch 1339 und 1453 konnte die Erweiterung Innsbrucks erst nach dem Landerwerb von den Wiltenern erfolgen. In Angelegenheiten der Seelsorge und des Messdienstes war die Stadt vom Abt abh\u00e4ngig. So war das Recht, Beerdigungen durchzuf\u00fchren lange ein Privileg des Stifts Wilten. Erst im sp\u00e4ten Mittelalter erhielt Innsbruck dieses Privileg selbst. Die Pfarrkirche St. Jakob war lediglich eine Filialkirche. Mit viel Voraussicht lie\u00df sich das Stift Wilten als Gegenleistung f\u00fcr den Landverkauf nicht nur kirchliche, sondern auch weltliche Sonderrechte vertraglich verankern. Die <em>Kleine Sill<\/em>, ein Kanal, der im Hochmittelalter angelegt worden war, versorgte die Stadt mit Wasser, das f\u00fcr die Handwerksbetriebe der Stadt unerl\u00e4sslich war. Da der Kanal durch die L\u00e4ndereien des Stiftes floss, hatte der Abt bis ins 16. Jahrhundert wie \u00fcber so vieles andere die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber das Nutzungsrecht. Das Stift besa\u00df auch das wichtige M\u00fchlrecht. Amraser, Pradler und Innsbrucker Bauern mussten im Mittelalter zu den Wiltener M\u00fchlen an der Sill pilgern, um ihr Korn zu mahlen. Ging mittelalterlichen St\u00e4dten das Brot aus, drohten Unruhen und Aufst\u00e4nde, war Getreide doch der Hauptbestandteil des t\u00e4glichen Speiseplans. Das Wohl des Innsbrucker Stadtrates hing von Wilten ab, in vielen Dingen war man von der Gunst des Abtes abh\u00e4ngig. Das Verh\u00e4ltnis zwischen der kirchlichen Macht in Wilten in Person des Abtes und der weltlichen in Innsbruck in Person des Landesf\u00fcrsten \u00e4hnelte dem andauernden Streit zwischen Papst und Kaiser im Mittelalter.<\/p>\n<p>Neben den wirtschaftlichen Agenden war Innsbruck lange auch in Bildungsfragen vom Stift Wilten abh\u00e4ngig. Eine Klosterschule wurde 1313 erw\u00e4hnt. <em>Ruedger der Schulmeister<\/em> fand als Dorfmeister sogar noch 10 Jahre eher Eingang in die Chronik Wiltens. Neben reger Tafelmalerei wurden von den Sch\u00fclern wohl auch B\u00fccher kopiert. Die Stadtschule bei der Kirche St. Jakob, einer Filiale des Stiftes Wilten, stand ebenfalls indirekt unter der \u00c4gide des Abtes. Bis 1561 verhinderten die \u00c4bte erfolgreich weitere Klosteransiedlungen in Innsbruck, um den Einflussbereich des Stiftes in der Stadt aufrechtzuerhalten. Erst in der Gegenreformation schaffte es der aus Spanien stammende, sich \u00fcber viele \u00f6rtliche Gepflogenheiten hinwegsetzende Landesf\u00fcrst und sp\u00e4tere Kaiser Ferdinand I. mit den Jesuiten auch in der Stadt einen Orden anzusiedeln, um die Residenzstadt unabh\u00e4ngiger zu machen. Die Messen an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern oder Taufen wurden trotzdem in Wilten gefeiert. Ab dem 16. Jahrhundert begann der Einfluss der Kirche nach und nach zu schmelzen, auch wenn er sich noch \u00fcber Jahrhunderte in der einen oder anderen Form halten konnte. Bis ins 20. Jahrhundert waren die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat um die Oberhoheit in verschiedenen Lebensbereich der Untertanen und B\u00fcrger, die die Macht- und Gesellschaftspolitik bestimmte. In der Zwischenkriegszeit war der katholische Glaube noch Staatsr\u00e4son des St\u00e4ndestaates unter den Bundeskanzlern Dollfu\u00df und Schuschnigg, in der Bildungspolitik f\u00fchrt bis heute in vielen Grundsatzfragen kein Weg an der Kirche vorbei. Heute haben die \u00c4bte von Wilten zwar keine politische Macht mehr, der Grundbesitz und der Wohlstand, der sich in den R\u00e4umlichkeiten des Stiftes widerspiegelt, sind ihnen aber nicht abhandengekommen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Auferstanden aus Ruinen&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Auferstanden aus Ruinen die Nachkriegszeit in Innsbruck&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;63476&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Nach Kriegsende kontrollierten US-Truppen f\u00fcr zwei Monate Tirol. Anschlie\u00dfend \u00fcbernahm die Siegermacht Frankreich die Verwaltung. Den Tirolern blieb die sowjetische Besatzung, die \u00fcber Ost\u00f6sterreich hereinbrach, erspart. Besonders in den ersten drei Nachkriegsjahren war der Hunger der gr\u00f6\u00dfte Feind der Menschen. Der Mai 1945 brachte nicht nur das Kriegsende, sondern auch Schnee. Der Winter 1946\/47 ging als besonders kalt und lang in die Tiroler Klimageschichte ein, der Sommer als besonders hei\u00df und trocken. Es kam zu Ernteausf\u00e4llen von bis zu 50%. Die Versorgungslage war vor allem in der Stadt in der unmittelbaren Nachkriegszeit katastrophal. Die t\u00e4gliche Nahrungsmittelbeschaffung wurde zur lebensgef\u00e4hrlichen Sorge im Alltag der Innsbrucker. Neben den eigenen B\u00fcrgern mussten auch tausende von <em>Displaced Persons<\/em>, freigekommenen Zwangsarbeitern und Besatzungssoldaten ern\u00e4hrt werden. Um diese Aufgabe zu bew\u00e4ltigen, war die Tiroler Landesregierung auf die Hilfe von au\u00dferhalb angewiesen. Der Vorsitzende der UNRRA <em>(Anm.: United Nations Relief and Rehabilitation Administration<\/em>), die Kriegsgebiete mit dem N\u00f6tigsten versorgte, Fiorello La Guardia z\u00e4hlte \u00d6sterreich \u201e<em>zu jenen V\u00f6lkern der Welt, die dem Hungertod am n\u00e4chsten sind.<\/em>\u201c Milch, Brot, Eier, Zucker, Mehl, Fett \u2013 von allem war zu wenig da. Die franz\u00f6sische Besatzung konnte den Bedarf an ben\u00f6tigten Kilokalorien pro Kopf nicht abdecken, fehlte es doch der eigenen Bev\u00f6lkerung und den Einsatzkr\u00e4ften oft an der Versorgung. Bis 1946 entnahmen sie der Tiroler Wirtschaft sogar G\u00fcter.<\/p>\n<p>Die Lebensmittelversorgung erfolgte schon wenige Wochen nach Kriegsende \u00fcber Lebensmittelkarten. Erwachsene mussten eine Best\u00e4tigung des Arbeitsamtes vorlegen, um an diese Karten zu kommen. Die Rationen unterschieden sich je nach Kategorie der Arbeiter. Schwerstarbeiter, Schwangere und stillende M\u00fctter erhielten Lebensmittel im \u201eWert\u201c von 2700 Kalorien. Handwerker mit leichten Berufen, Beamte und Freiberufler erhielten 1850 Kilokalorien, Angestellte 1450 Kalorien. Hausfrauen und andere \u201eNormalverbraucher\u201c konnten nur 1200 Kalorien beziehen. Zus\u00e4tzlich gab es Initiativen wie Volksk\u00fcchen oder Ausspeisungen f\u00fcr Schulkinder, die von ausl\u00e4ndischen Hilfsorganisationen \u00fcbernommen wurden. Aus Amerika kamen Carepakete von der Wohlfahrtsorganisation <em>Cooperative for American Remittances to Europe<\/em>. Viele Kinder wurden im Sommer zu Pflegehaushalten in die Schweiz verschickt, um wieder zu Kr\u00e4ften zu kommen und ein paar zus\u00e4tzliche Kilo auf die Rippen zu bekommen.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle reichten all diese Ma\u00dfnahmen allerdings nicht aus. Vor allem Hausfrauen und andere \u201eNormalverbraucher\u201c litten unter den geringen Zuteilungen. Viele Innsbrucker machten sich trotz der Gefahr, festgenommen zu werden, auf den Weg in die umliegenden D\u00f6rfer, um zu hamstern. Wer Geld hatte, bezahlte teils utopische Preise bei den Bauern. Wer keins hatte, musste um Nahrungsmittel betteln. Frauen, deren M\u00e4nner gefallen, in Gefangenschaft oder vermisst waren, sahen in Extremf\u00e4llen keinen anderen Ausweg, als sich zu prostituieren. Diese Frauen, besonders die ungl\u00fccklichen, die schwanger wurden, mussten \u00fcber sich und ihren Nachwuchs \u00fcbelste Beschimpfungen ergehen lassen. Vom legalen Schwangerschaftsabbruch war man in \u00d6sterreich noch 30 Jahre entfernt.<\/p>\n<p>Die Politik stand dem zu einem gro\u00dfen Teil machtlos gegen\u00fcber. Alle Interessen zu befrieden, war schon in normalen Zeiten unm\u00f6glich. Viele Entscheidung zwischen dem Parlament in Wien, dem Tiroler Landtag und dem Innsbrucker Rathaus waren f\u00fcr die Menschen nicht nachvollziehbar. W\u00e4hrend Kinder auf Obst und Vitamine verzichten mussten, wurde von manchen Bauern legal gewinnbringender Schnaps gebrannt. Amtsgeb\u00e4ude und Gewerbebetriebe bekamen vom Elektrizit\u00e4tswerk Innsbruck freie Hand, w\u00e4hrend den Privathaushalten ab Oktober 1945 der Zugang zum Strom an mehreren Tagzeiten eingeschr\u00e4nkt wurde. Selbige Benachteiligung der Haushalte gegen\u00fcber der Wirtschaft galt f\u00fcr die Versorgung mit Kohle. Die alten Gr\u00e4ben zwischen Stadt und Land wurden gr\u00f6\u00dfer und hasserf\u00fcllter. Innsbrucker warfen der Umlandbev\u00f6lkerung vor, bewusst Lebensmittel f\u00fcr den Schwarzmarkt zur\u00fcckzuhalten. Es kam zu \u00dcberf\u00e4llen, Diebst\u00e4hlen und Holzschl\u00e4gerungen. Transporte am Bahnhof wurden von bewaffneten Einheiten bewacht. Sich Lebensmittel aus einem Lager anzueignen war illegal und Alltag zu gleich. Kinder und Jugendliche streunten hungrig durch die Stadt und nahmen jede Gelegenheit sich etwas zu Essen oder Brennmaterial zu besorgen wahr. Der erste Tiroler Landeshauptmann Gruber, w\u00e4hrend des Krieges selbst illegal im Widerstand, hatte zwar Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situation der Menschen, die sich gegen das System auflehnten, konnte aber nichts daran \u00e4ndern. Auch dem Innsbrucker B\u00fcrgermeister Anton Melzer waren die H\u00e4nde gebunden. Es war nicht nur schwierig, die Bed\u00fcrfnisse aller Interessensgruppen unter einen Hut zu bringen, immer wieder kam es unter der Beamtenschaft zu F\u00e4llen von Korruption und Gef\u00e4lligkeiten gegen\u00fcber Verwandten und Bekannten. Grubers Nachfolger am Landeshauptmannsessel Alfons Wei\u00dfgatterer musste gleich mehrere kleine Aufst\u00e4nde \u00fcberstehen, als sich der Volkszorn Luft machte und Steine Richtung Landhaus flogen Die Antwort der Landesregierung erfolgte \u00fcber die <em>Tiroler Tageszeitung<\/em>. Das Blatt war 1945 unter der Verwaltung der US-Streitkr\u00e4fte zur Demokratisierung und Entnazifizierung gegr\u00fcndet worden, ging aber bereits im Folgejahr an die Schl\u00fcssel GmbH unter Leitung des \u00d6VP Politikers Joseph Moser. Dank der hohen Auflage und ihrem fast unmittelbaren Einfluss auf den Inhalt konnte die Tiroler Landesregierung die \u00f6ffentliche Stimmung lenken:<\/p>\n<p>\u201e<em>Sind etwa die zerbrochenen Fensterscheiben, die gestern vom Landhaus auf die Stra\u00dfe klirrten, geeignete Argumente, um unseren Willen zum Wiederaufbau zu beweisen? Sollten wir uns nicht daran erinnern, dass noch niemals in irgendeinem Lande wirtschaftliche Schwierigkeiten durch Demonstrationen und Kundgebungen beseitigt worden sind?<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Mindestens gleich schlecht war die Wohnsituation. Gesch\u00e4tzte 30.000 Innsbrucker waren obdachlos, lebten auf engstem Raum bei Verwandten oder in Barackensiedlungen wie dem ehemaligen Arbeitslager in der Reichenau, in der vom Volksmund \u201eAusl\u00e4nderlager\u201c genannten Barackensiedlung f\u00fcr Vertriebene aus den ehemals deutschen Gebieten Europas oder der <em>Bocksiedlung<\/em>. Weniges erinnert noch an den desastr\u00f6sen Zustand, in dem sich Innsbruck nach den Luftangriffen der letzten Kriegsjahre in den ersten Nachkriegsjahren befand. Zehntausende B\u00fcrger halfen mit, Schutt und Tr\u00fcmmer von den Stra\u00dfen zu schaffen. Die Maria-Theresien-Stra\u00dfe, die Museumstra\u00dfe, das Bahnhofsviertel, Wilten oder die Pradlerstra\u00dfe w\u00e4ren wohl um einiges ansehnlicher, h\u00e4tte man nicht die L\u00f6cher im Stra\u00dfenbild schnell stopfen m\u00fcssen, um so schnell als m\u00f6glich Wohnraum f\u00fcr die vielen Obdachlosen und R\u00fcckkehrer zu schaffen. \u00c4sthetik aber war ein Luxus, den man sich in dieser Situation nicht leisten konnte. Die ausgezehrte Bev\u00f6lkerung ben\u00f6tigte neuen Wohnraum, um den gesundheitssch\u00e4dlichen Lebensbedingungen, in denen Gro\u00dffamilien teils in Einraumwohnungen einquartiert waren, zu entfliehen.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Notlage gef\u00e4hrdet die Behaglichkeit des Heims. Sie zehrt an den Wurzeln der Lebensfreude. Niemand leidet mehr darunter als die Frau, deren Gl\u00fcck es bildet, einen zufriedenen, trauten Familienkreis, um sich zu sehen. Welche Anspannung der seelischen Kraft erfordern der t\u00e4glich zerm\u00fcrbende Kampf um ein bisschen Einkauf, die M\u00fchsal des Schlangestehens, die Entt\u00e4uschungen der Absagen und Abweisungen und der Blick in den unmutigen Gesichtern der von Entbehrungen gepeinigten Lieben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Was in der <em>Tiroler Tageszeitung<\/em> zu lesen stand, war nur ein Teil der harten Alltagsrealit\u00e4t. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg, als die Spanische Grippe viele Opfer forderte, kam es auch 1945 zu einem Anstieg gef\u00e4hrlicher Infektionen. Impfstoffe gegen Tuberkulose konnten im ersten Winter nicht geliefert werden. Auch Krankenhausbetten waren Mangelware. Auch wenn sich die Situation nach 1947 entspannte, blieben die Lebensumst\u00e4nde in Tirol prek\u00e4r. Bis es zu merklichen Verbesserungen kam, dauerte es Jahre. Die Lebensmittelrationierungen wurde am 1. Juli 1953 eingestellt. Im selben Jahr konnte B\u00fcrgermeister Greiter verk\u00fcnden, dass alle w\u00e4hrend der Luftangriffe zerst\u00f6rten Geb\u00e4ude wieder in Stand gesetzt worden waren.<\/p>\n<p>Zu verdanken war dies auch den Besatzern. Die franz\u00f6sischen Truppen unter Emile Bethouart verhielten sich sehr milde und kooperativ gegen\u00fcber dem ehemaligen Feind und begegneten der Tiroler Kultur und Bev\u00f6lkerung freundlich und aufgeschlossen. Stand man der Besatzungsmacht anfangs feindlich gesinnt gegen\u00fcber &#8211; schon wieder war ein Krieg verloren gegangen &#8211; wich die Skepsis der Innsbrucker mit der Zeit. Die Soldaten waren vor allem bei den Kindern beliebt wegen der Schokoladen und S\u00fc\u00dfigkeiten, die sie verteilten. Viele Menschen erhielten innerhalb der franz\u00f6sischen Verwaltung Arbeit. Manch ein Tiroler sah dank der Uniformierten <em>der 4. Marokkanischen Gebirgsdivision<\/em>, die bis September 1945 den Gro\u00dfteil der Soldaten stellten, zum ersten Mal dunkelh\u00e4utige Menschen. Die Besatzer stellten, soweit dies in ihren M\u00f6glichkeiten lag, auch die Versorgung sicher. Zeitzeugen erinnern sich mit Grauen an die Konservendosen, die sie als Hauptnahrungsmittel erhielten. Um die Logistik zu erleichtern legten die Franzosen bereits 1946 den Grundstein f\u00fcr den neuen Flughafen auf der <em>Ulfiswiese<\/em> in der H\u00f6ttinger Au, der den 20 Jahre zuvor er\u00f6ffneten in der Reichenau nach zwei Jahren Bauzeit ersetzte. Das Franzosendenkmal am Landhausplatz erinnert an die franz\u00f6sische Besatzungszeit. Am <em>Emile-Bethouart-Steg<\/em>, der St. Nikolaus und die Innenstadt \u00fcber den Inn verbindet, befindet sich eine Gedenktafel, die die Beziehung zwischen Besatzung und Bev\u00f6lkerung gut zum Ausdruck bringt:<\/p>\n<p><em>\u201eAls Sieger gekommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Als Besch\u00fctzer geblieben.<\/em><\/p>\n<p><em>Als Freund in die Heimat zur\u00fcckgekehrt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Neben den materiellen N\u00f6ten bestimmte das kollektive Kriegstrauma die Gesellschaft. Die Erwachsenen der 1950er Jahre waren Produkte der Erziehung der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus. M\u00e4nner, die an der Front gek\u00e4mpft hatten, konnten als Kriegsverlierer nur in bestimmten Kreisen von ihren grauenhaften Erlebnissen sprechen, Frauen hatten meist gar kein Forum zur Verarbeitung ihrer \u00c4ngste und Sorgen. H\u00e4usliche Gewalt und Alkoholismus waren weit verbreitet. Lehrer, Polizisten, Politiker und Beamte kamen vielfach aus der nationalsozialistischen Anh\u00e4ngerschaft, die nicht einfach mit dem Ende des Krieges verschwand, sondern lediglich \u00f6ffentlich totgeschwiegen wurde. Am <em>Innsbrucker Volksgerichtshof<\/em> kam es unter der Regie der Siegerm\u00e4chte zwar zu einer gro\u00dfen Anzahl an Verfahren gegen Nationalsozialisten, die Anzahl an Verurteilungen spiegelte aber nicht das Ausma\u00df des Geschehens wider. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Beschuldigten kam frei. Besonders belastete Vertreter des Systems kamen f\u00fcr einige Zeit ins Gef\u00e4ngnis, konnten aber nach Verb\u00fc\u00dfung der Haft relativ unbehelligt an ihr altes Leben ankn\u00fcpfen, zumindest im Beruflichen. Nicht nur wollte man einen Schlussstrich unter die letzten Jahrzehnte ziehen, man ben\u00f6tigte die T\u00e4ter von gestern, um die Gesellschaft von heute am Laufen zu halten.<\/p>\n<p>Das Problem an dieser Strategie des Verdr\u00e4ngens war, dass niemand die Verantwortung f\u00fcr das Geschehene \u00fcbernahm, auch wenn vor allem zu Beginn die Begeisterung und Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Nationalsozialismus gro\u00df war. Es gab kaum eine Familie, die nicht mindestens ein Mitglied mit einer wenig r\u00fchmlichen Geschichte zwischen 1933 und 1945 hatte. Scham \u00fcber das, was seit 1938 und in den Jahren in der Politik \u00d6sterreichs geschehen war mischte sich zur Angst davor, von den Besatzungsm\u00e4chten USA, Gro\u00dfbritannien, Frankreich und die UDSSR als Kriegsschuldiger \u00e4hnlich wie 1918 behandelt zu werden. Es entstand ein Klima, in dem niemand, weder die daran beteiligte noch die nachfolgende Generation \u00fcber das Geschehene sprach. Diese Haltung verhinderte lange die Aufarbeitung dessen, was seit 1933 geschehen war. Der Mythos von \u00d6sterreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, der erst mit der Aff\u00e4re Waldheim in den 1980er Jahren langsam zu br\u00f6ckeln begann, war geboren. Polizisten, Lehrer, Richter \u2013 sie alle wurden trotz ihrer politischen Gesinnung an ihrem Platz gelassen. Die Gesellschaft brauchte sie, um am Laufen zu bleiben.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr den gro\u00dfz\u00fcgig ausgebreiteten Mantel des Vergessens mit gro\u00dfem Bezug zu Innsbruck ist die Vita des Arztes Burghard Breitner (1884-1956). Breitner wuchs in einem wohlbetuchten b\u00fcrgerlichen Haushalt auf. Die <em>Villa Breitner<\/em> am Mattsee war Sitz eines Museums \u00fcber den vom Vater verehrten deutschnationalen Dichter Josef Viktor Scheffel. Nach der Matura entschied sich Breitner gegen eine Karriere in der Literatur und f\u00fcr ein Medizinstudium. Anschlie\u00dfend beschloss er seinen Milit\u00e4rdienst und begann seine Karriere als Arzt. 1912\/13 diente er als Milit\u00e4rarzt im Balkankrieg. 1914 verschlug es ihn an die Ostfront, wo er in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Als Arzt k\u00fcmmerte er sich im Gefangenenlager aufopferungsvoll um seine Kameraden. Erst 1920 sollte er als Held und \u201e<em>Engel von Sibirien<\/em>\u201c aus dem Gefangenenlager wieder nach \u00d6sterreich zur\u00fcckkehren. 1932 begann seine Laufbahn an der Universit\u00e4t Innsbruck. 1938 stand Breitner vor dem Problem, dass er auf Grund des j\u00fcdischen Hintergrundes seiner Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits den \u201e<em>Gro\u00dfen Ariernachweis<\/em>\u201c nicht erbringen konnte. Auf Grund seines guten Verh\u00e4ltnisses zum Rektor der Uni Innsbruck und zu wichtigen Nationalsozialisten konnte er aber schlussendlich an der Universit\u00e4tsklinik weiterarbeiten. W\u00e4hrend des NS-Regimes war Breitner als Vorstand der Klinik Innsbruck f\u00fcr Zwangssterilisierungen und \u201e<em>freiwillige Entmannungen<\/em>\u201c verantwortlich, auch wenn er wohl keine der Operationen pers\u00f6nlich durchf\u00fchrte. Nach dem Krieg schaffte es der \u201eEngel von Sibirien\u201c mit einigen M\u00fchen sich durch das Entnazifizierungsverfahren zu winden. 1951 wurde er als Kandidat des <em>VDU<\/em>, einem politischen Sammelbecken \u00fcberzeugter Nationalsozialisten, als Kandidat f\u00fcr die Bundespr\u00e4sidentschaftswahl aufgestellt. 1952 wurde Breitner Rektor der Universit\u00e4t Innsbruck. Nach seinem Tod widmete ihm die Stadt Innsbruck ein Ehrengrab am Westfriedhof Innsbruck. In der Reichenau ist ihm in unmittelbarer N\u00e4he des Standortes des ehemaligen Konzentrationslagers eine Stra\u00dfe gewidmet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Innsbruck und der Nationalsozialismus&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Innsbruck und der Nationalsozialismus&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53649&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>In den 1920er und 30er wuchs und gedieh die NSDAP auch in Tirol. Die erste Ortsgruppe der NSDAP in Innsbruck wurde bereits 1923 gegr\u00fcndet. Mit \u201e<em>Der Nationalsozialist \u2013 Kampfblatt f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>\u201c erschien ein eigenes Wochenblatt. 1933 erlebte die NSDAP mit dem R\u00fcckenwind aus Deutschland auch in Innsbruck einen kometenhaften Aufstieg. Die allgemeine Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit der B\u00fcrger und theatralisch inszenierte Fackelz\u00fcge durch die Stadt samt hakenkreuzf\u00f6rmiger Bergfeuer auf der Nordkette im Wahlkampf verhalfen der Partei zu einem gro\u00dfen Zugewinn. \u00dcber 1800 Innsbrucker waren Mitglied der SA, die ihr Quartier in der B\u00fcrgerstra\u00dfe 10 hatte. Konnten die Nationalsozialisten bei ihrem ersten Antreten bei einer Gemeinderatswahl 1921 nur 2,8% der Stimmen erringen, waren es bei den Wahlen 1933 bereits 41%. Die Modernit\u00e4t der Partei mit ihrem demonstrativ-revolution\u00e4ren Antiklerikalismus und die Aufstiegsm\u00f6glichkeiten, die sie bot, sprach vor allem junge Menschen an. Wer bereits oben war, sehnte sich nach den Zeiten vor dem allgemeinen Wahlrecht zur\u00fcck, als Sozialdemokraten noch nichts zu melden hatten. Neun Mandatare, darunter der sp\u00e4tere B\u00fcrgermeister Egon Denz und der Gauleiter Tirols Franz Hofer, zogen in den Gemeinderat ein. Nicht nur die Wahl Hitlers zum Reichskanzler in Deutschland, auch Kampagnen und Manifestationen in Innsbruck verhalfen der ab 1934 in \u00d6sterreich verbotenen Partei zu diesem Ergebnis. Wie \u00fcberall waren es auch in Innsbruck vor allem junge Menschen, die sich f\u00fcr den Nationalsozialismus begeisterten. Das Neue, das Aufr\u00e4umen mit alten Hierarchien und Strukturen wie der katholischen Kirche, der Umbruch und der noch nie dagewesene Stil zogen sie an. Besonders unter den gro\u00dfdeutsch gesinnten Burschen der Studentenverbindungen und vielfach auch unter Professoren war der Nationalsozialismus beliebt.<\/p>\n<p>Als der Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland im M\u00e4rz 1938 erfolgte, kam es zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Szenen. Bereits im Vorfeld des Einmarsches war es immer wieder zu Aufm\u00e4rschen und Kundgebungen der Nationalsozialisten gekommen, nachdem das Verbot der Partei aufgehoben worden war. Noch bevor Bundeskanzler Schuschnigg seine letzte Rede an das Volk vor der Macht\u00fcbergabe an die Nationalsozialisten mit den Worten \u201e<em>Gott sch\u00fctze \u00d6sterreich<\/em>\u201c am 11. M\u00e4rz 1938 geschlossen hatte, rotteten sich bereits die Nationalsozialisten in der Innenstadt zusammen um den Einmarsch der deutschen Truppen vorzufeiern. Die Polizei des St\u00e4ndestaates war dem Aufruhr der organisierten Manifestationen teils gewogen, teils stand sie dem Treiben machtlos gegen\u00fcber. Landhaus und Maria-Theresien-Stra\u00dfe wurden zwar abgeriegelt und mit Maschinengewehrst\u00e4nden gesichert, an ein Durchgreifen seitens der Exekutive war aber nicht zu denken. \u201e<em>Ein Volk \u2013 ein Reich \u2013 ein F\u00fchrer<\/em>\u201c hallte durch die Stadt. Die Bedrohung des deutschen Milit\u00e4rs und der Aufmarsch von SA-Truppen beseitigten die letzten Zweifel. Mehr und mehr schloss sich die begeisterte Bev\u00f6lkerung an. Am Tiroler Landhaus, damals noch in der Maria-Theresienstra\u00dfe, sowie im provisorischen Hauptquartier der Nationalsozialisten im Gasthaus <em>Alt-Innsprugg<\/em>, wurde die Hakenkreuzfahne gehisst.<\/p>\n<p>Am 12. M\u00e4rz empfingen die Innsbrucker das deutsche Milit\u00e4r frenetisch. Um die Gastfreundschaft gegen\u00fcber den Nationalsozialisten sicherzustellen, lie\u00df B\u00fcrgermeister Egon Denz jedem Arbeiter einen Wochenlohn auszahlen. Am 5. April besuchte Adolf Hitler pers\u00f6nlich Innsbruck, um sich von der Menge feiern zu lassen. Archivbilder zeigen eine euphorische Menschenmenge in Erwartung des heilsversprechenden F\u00fchrers. Auf der Nordkette wurden Bergfeuer in Hakenkreuzform entz\u00fcndet. Die Volksbefragung am 10. April ergab eine Zustimmung von \u00fcber 99% zum Anschluss \u00d6sterreichs an Deutschland. Die Menschen waren nach der wirtschaftlichen Not der Zwischenkriegszeit, der Wirtschaftskrise und den Regierungen unter Dollfu\u00df und Schuschnigg m\u00fcde und wollten Ver\u00e4nderung. Welche Art von Ver\u00e4nderung, war im ersten Moment weniger wichtig als die Ver\u00e4nderung an und f\u00fcr sich. \u201e<em>Es denen da oben zu zeigen<\/em>\u201c, das war Hitlers Versprechen. Wehrmacht und Industrie boten jungen Menschen eine Perspektive, auch denen, die mit der Ideologie des Nationalsozialismus an und f\u00fcr sich wenig anfangen konnten. Der nostalgisch gehegte gro\u00dfdeutsche Traum hatte lange Tradition in Tirol. Das Versprechen, die deutschsprachigen S\u00fcdtiroler Heim ins Reich zu holen und damit das Unrecht der Brennergrenze auszumerzen war ebenfalls ein gerne geh\u00f6rtes Versprechen. Dass es immer wieder zu Gewaltausbr\u00fcchen kam, war f\u00fcr die Zwischenkriegszeit in \u00d6sterreich ohnehin nicht un\u00fcblich. Anders als heute war Demokratie nichts, woran sich jemand in der kurzen, von politischen Extremen gepr\u00e4gten Zeit zwischen der Monarchie 1918 bis zur Ausschaltung des Parlaments unter Dollfu\u00df 1933 h\u00e4tte gew\u00f6hnen k\u00f6nnen. Was faktisch nicht in den K\u00f6pfen der Bev\u00f6lkerung existiert, muss man nicht abschaffen.<\/p>\n<p>Tirol und Vorarlberg wurden in einem Reichsgau zusammengefasst mit Innsbruck als Hauptstadt. Auch wenn der Nationalsozialismus von einem guten Teil der Bev\u00f6lkerung skeptisch gesehen wurde, gab es kaum organisierten oder gar bewaffneten Widerstand, dazu waren der katholische Widerstand OE5 und die Linke in Tirol nicht stark genug. Unorganisiertes subversives Verhalten der Bev\u00f6lkerung, vor allem in den erzkatholischen Landgemeinden rund um Innsbruck gab es vereinzelt. Zu allumfassend dominierte der Machtapparat den Alltag der Menschen. Viele Arbeitsstellen und sonstige Annehmlichkeiten des Lebens waren an eine zumindest \u00e4u\u00dferlich parteitreue Gesinnung gebunden. Eine Inhaftierung blieb dem gr\u00f6\u00dften Teil der Bev\u00f6lkerung zwar erspart, die Angst davor war aber allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Das Regime unter Hofer und Gestapochef Werner Hilliges leistete auch ganze Arbeit bei der Unterdr\u00fcckung. InTirol war die Kirche das gr\u00f6\u00dfte Hindernis. W\u00e4hrend des Nationalsozialismus wurde die katholische Kirche systematisch bek\u00e4mpft. Katholische Schulen wurden umfunktioniert, Jugendorganisationen und Vereine verboten, Kl\u00f6ster geschlossen, der Religionsunterricht abgeschafft und eine Kirchensteuer eingef\u00fchrt. Besonders hartn\u00e4ckige Pfarrer wie Otto Neururer wurden in Konzentrationslager gebracht. Auch Lokalpolitiker wie die sp\u00e4teren Innsbrucker B\u00fcrgermeister \u00a0Franz Greiter und Anton Melzer, der im Ersten Weltkrieg f\u00fcr Gott, Kaiser und Vaterland einen Arm verloren hatte, mussten fl\u00fcchten oder wurden verhaftet. Gewalt und die Verbrechen an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, dem Klerus, politisch Verd\u00e4chtigen, Zivilpersonen und Kriegsgefangenen auch nur \u00fcberblicksm\u00e4\u00dfig zusammenzufassen w\u00fcrde den Rahmen sprengen. Das Hauptquartier der Gestapo befand sich in der Herrengasse 1. Hier wurden Verd\u00e4chtige schwer misshandelt und teils mit F\u00e4usten zu Tode gepr\u00fcgelt. 1941 wurde in der Rossau in der N\u00e4he des Bauhofs Innsbruck das Arbeitslager Reichenau errichtet. Verd\u00e4chtige Personen aller Art wurden hier zu Zwangsarbeiten in sch\u00e4bigen Baracken verwahrt. \u00dcber 130 Personen fanden in diesem Lager bestehend aus 20 Baracken den Tod durch Krankheit, die schlechten Bedingungen, Arbeitsunf\u00e4lle oder Hinrichtungen. Auch im 10 km von Innsbruck entfernten Dorf Kematen kamen im Messerschmitt Werk Gefangene zum Zwangseinsatz. Darunter waren politische H\u00e4ftlinge, russische Kriegsgefangene und Juden. Zu den Zwangsarbeiten geh\u00f6rten unter anderem die Errichtung der <em>S\u00fcdtiroler Siedlungen<\/em> in der Endphase oder die Stollen zum Schutz vor den Luftangriffen im S\u00fcden Innsbrucks. In der Klinik Innsbruck wurden Behinderte und vom System als nicht genehm empfundene Menschen wie Homosexuelle zwangssterilisiert.<\/p>\n<p>Die Erinnerungsorte an die Zeit des Nationalsozialismus sind rar ges\u00e4t. Das Tiroler Landhaus mit dem Befreiungsdenkmal und das Geb\u00e4ude der Alten Universit\u00e4t sind die beiden auff\u00e4lligsten Denkm\u00e4ler. Der Vorplatz der Universit\u00e4t und eine kleine S\u00e4ule am s\u00fcdlichen Eingang der Klinik wurden ebenfalls im Gedenken an das wohl dunkelste Kapitel \u00d6sterreichs Geschichte gestaltet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Glaube, Kirche, Obrigkeit und Herrschaft&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Glaube, Kirche, Obrigkeit und Herrschaft&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53360&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die F\u00fclle an Kirchen, Kapellen, Kruzifixen, Statuen und Malereien im \u00f6ffentlichen Raum wirkt auf viele Besucher Innsbrucks aus anderen L\u00e4ndern eigenartig. Nicht nur Gottesh\u00e4user, auch viele Privath\u00e4user sind mit Darstellungen Jesu, Marias, Heiliger und biblischen Szenen geschm\u00fcckt. Der christliche Glaube und seine Institutionen waren in ganz Europa \u00fcber Jahrhunderte alltagsbestimmend, Innsbruck als Residenzstadt der streng katholischen Habsburger und Hauptstadt des selbsternannten <em>Heiligen Landes Tirol<\/em> wurde bei der Ausstattung mit kirchlichen Bauwerkern besonders reich begl\u00fcckt. Kirchen sind in Zahl und Dimension umgelegt auf die Verh\u00e4ltnisse vergangener Zeiten gigantische Erscheinungen im Stadtbild. Innsbruck mit seinen etwa 5000 Einwohnern besa\u00df im 16. Jahrhundert mehrere Kirchen, die in Pracht und Gr\u00f6\u00dfe jedes andere Geb\u00e4ude \u00fcberstrahlte, auch die Pal\u00e4ste der Aristokratie. Das Kloster Wilten war ein Riesenkomplex inmitten eines kleinen Bauerndorfes, das sich darum gruppierte.<\/p>\n<p>Die r\u00e4umlichen Ausma\u00dfe der Gottesh\u00e4user spiegelt die Bedeutung im politischen und sozialen Gef\u00fcge wider. Die Kirche war f\u00fcr viele Innsbrucker nicht nur moralische Instanz, sondern auch weltlicher Grundherr. Der Bischof von Brixen war formal hierarchisch dem Landesf\u00fcrsten gleichgestellt. Die Bauern arbeiteten auf den Landg\u00fctern des Bischofs gleich wie auf den Landg\u00fctern eines weltlichen F\u00fcrsten. Der Klerus hatte die Steuer- und Rechtshoheit \u00fcber seine Untertanen. Die kirchlichen Grundbesitzer galten vielfach sogar als besonders fordernd gegen\u00fcber ihren Untertanen. Gleichzeitig war es auch in Innsbruck der Klerus, der sich in gro\u00dfen Teilen um das Sozialwesen, Krankenpflege, Armen- und Waisenversorgung, Speisungen und Bildung sorgte. Der Einfluss der Kirche reichte in die materielle Welt \u00e4hnlich wie es heute der Staat mit Finanzamt, Polizei, Schulwesen und Arbeitsamt tut. Was uns mittlerweile Demokratie, Parlament und Marktwirtschaft sind, waren den Menschen vergangener Jahrhunderte Bischof, Bibel, christliche Erbauungsliteratur und Pfarrer: Eine Realit\u00e4t, die die Ordnung aufrecht h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Zu glauben, alle Kirchenm\u00e4nner w\u00e4ren zynische Machtmenschen gewesen, die ihre ungebildeten Untertanen ausn\u00fctzten, ist nicht richtig. Der Gro\u00dfteil sowohl des Klerus wie auch der Adeligen war fromm und gottergeben, wenn auch auf eine aus heutiger Sicht nur schwer verst\u00e4ndliche Art und Weise. Es war nicht der Fall, dass jedem Aberglauben blind nachgegeben wurde und Menschen willk\u00fcrlich auf anonyme Anzeigen hingerichtet wurden Verletzungen der Religion und Sitten wurden in der sp\u00e4ten Neuzeit vor weltlichen Gerichten verhandelt und streng geahndet. Die Anklage bei Verfehlungen lautete H\u00e4resie, worunter eine Vielzahl an Vergehen zusammengefasst wurde. Sodomie, also jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, Zauberei, Hexerei, Gottesl\u00e4sterung \u2013 kurz jede Abwendung vom rechten Gottesglauben, konnte mit Verbrennung geahndet werden. Das Verbrennen sollte die Verurteilten gleichzeitig reinigen und sie samt ihrem s\u00fcndigen Treiben endg\u00fcltig vernichten, um das B\u00f6se aus der Gemeinschaft zu tilgen. Bis in die Angelegenheiten des t\u00e4glichen Lebens regelte die Kirche lange Zeit das allt\u00e4gliche Sozialgef\u00fcge der Menschen. Kirchenglocken bestimmten den Zeitplan der Menschen. Ihr Klang rief zur Arbeit, zum Gottesdienst oder informierte als Totengel\u00e4ut \u00fcber das Dahinscheiden eines Mitglieds der Gemeinde. Menschen konnten einzelne Glockenkl\u00e4nge und ihre Bedeutung voneinander unterscheiden. Sonn- und Feiertage strukturierten die Zeit. Fastentage regelten den Speiseplan. Familienleben, Sexualit\u00e4t und individuelles Verhalten hatten sich an den von der Kirche vorgegebenen Moral zu orientieren. Das Seelenheil im n\u00e4chsten Leben war f\u00fcr viele Menschen wichtiger als das Lebensgl\u00fcck auf Erden, war dies doch ohnehin vom determinierten Zeitgeschehen und g\u00f6ttlichen Willen vorherbestimmt. Fegefeuer, letztes Gericht und H\u00f6llenqualen waren Realit\u00e4t und verschreckten und disziplinierten auch Erwachsene.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Teile des Innsbrucker B\u00fcrgertums von den Ideen der Aufkl\u00e4rung nach den Napoleonischen Kriegen zumindest sanft wachgek\u00fcsst wurde, blieb der Gro\u00dfteil der Menschen weiterhin der Mischung aus konservativem Katholizismus und abergl\u00e4ubischer Volksfr\u00f6mmigkeit verbunden. Religiosit\u00e4t war nicht unbedingt eine Frage von Herkunft und Stand, wie die gesellschaftlichen, medialen und politischen Auseinandersetzungen entlang der Bruchlinie zwischen Liberalen und Konservativ immer wieder aufzeigten. Seit der <em>Dezemberverfassung<\/em> von 1867 war die freie Religionsaus\u00fcbung zwar gesetzlich verankert, Staat und Religion blieben aber eng verkn\u00fcpft. Die <em>Wahrmund-Aff\u00e4re<\/em>, die sich im fr\u00fchen 20. Jahrhundert ausgehend von der Universit\u00e4t Innsbruck \u00fcber die gesamte K.u.K. Monarchie ausbreitete, war nur eines von vielen Beispielen f\u00fcr den Einfluss, den die Kirche bis in die 1970er Jahre hin aus\u00fcbte. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg nahm diese politische Krise, die die gesamte Monarchie erfassen sollte in Innsbruck ihren Anfang. Ludwig Wahrmund (1861 \u2013 1932) war Ordinarius f\u00fcr Kirchenrecht an der Juridischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck. Wahrmund, vom Tiroler Landeshauptmann eigentlich daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt, um den Katholizismus an der als zu liberal eingestuften Innsbrucker Universit\u00e4t zu st\u00e4rken, war Anh\u00e4nger einer aufgekl\u00e4rten Theologie. Im Gegensatz zu den konservativen Vertretern in Klerus und Politik sahen Reformkatholiken den Papst nur als spirituelles Oberhaupt, nicht aber als weltlich Instanz, an. Studenten sollten nach Wahrmunds Auffassung die L\u00fccke und die Gegens\u00e4tze zwischen Kirche und moderner Welt verringern, anstatt sie einzuzementieren. Seit 1848 hatten sich die Gr\u00e4ben zwischen liberal-nationalen, sozialistischen, konservativen und reformorientiert-katholischen Interessensgruppen und Parteien vertieft. Gro\u00dfdeutsch-national orientierte Innsbrucker orientierten sich in die Richtung des modernen Staates Preu\u00dfen unter Kanzler Bismarck, der den Einfluss der Kirche zur\u00fcckdr\u00e4ngen beziehungsweise dem Staat Untertan machen wollte. Eine der heftigsten Bruchlinien verlief durch das Bildungs- und Hochschulwesen entlang der Frage, wie sich das \u00fcbernat\u00fcrliche Gebaren und die Ansichten der Kirche, die noch immer ma\u00dfgeblich die Universit\u00e4ten besetzten, mit der modernen Wissenschaft vereinbaren lie\u00dfen. Liberale und katholische Studenten verachteten sich gegenseitig und krachten immer aneinander. Bis 1906 war Wahrmund Teil der <em>Leo-Gesellschaft<\/em>, die die F\u00f6rderung der Wissenschaft auf katholischer Basis zum Ziel hatte, bevor er zum Obmann der Innsbrucker Ortsgruppe des Vereins <em>Freie Schule<\/em> wurde, der f\u00fcr eine komplette Entklerikalisierung des gesamten Bildungswesens eintrat. Vom Reformkatholiken wurde er zu einem Verfechter der kompletten Trennung von Kirche und Staat. Seine Vorlesungen erregten immer wieder die Aufmerksamkeit der Obrigkeit. Angeheizt von den Medien fand der Kulturkampf zwischen liberalen Deutschnationalisten, Konservativen, Christlichsozialen und Sozialdemokraten in der Person Ludwig Wahrmunds eine ideale Projektionsfl\u00e4che. Was folgte waren Ausschreitungen, Streiks, Schl\u00e4gereien zwischen Studentenverbindungen verschiedener Couleur und Ausrichtung und gegenseitige Diffamierungen unter Politikern. Die <em>Los-von-Rom Bewegung<\/em> des Deutschradikalen Georg Ritter von Sch\u00f6nerer (1842 \u2013 1921) krachte auf der B\u00fchne der Universit\u00e4t Innsbruck auf den politischen Katholizismus der Christlichsozialen. Die deutschnationalen Akademiker erhielten Unterst\u00fctzung von den ebenfalls antiklerikalen Sozialdemokraten sowie von B\u00fcrgermeister Greil, auf konservativer Seite sprang die Tiroler Landesregierung ein. Die <em>Wahrmund Aff\u00e4re<\/em> schaffte es als <em>Kulturkampfdebatte<\/em> bis in den Reichsrat. F\u00fcr Christlichsoziale war es ein \u201e<em>Kampf des freisinnigen Judentums gegen das Christentum<\/em>\u201c in dem sich \u201e<em>Zionisten, deutsche Kulturk\u00e4mpfer, tschechische und ruthenische Radikale<\/em>\u201c in einer \u201e<em>internationalen Koalition<\/em>\u201c als \u201e<em>freisinniger Ring des j\u00fcdischen Radikalismus und des radikalen Slawentums<\/em>\u201c pr\u00e4sentierten. Wahrmund hingegen bezeichnete in der allgemein aufgeheizten Stimmung katholische Studenten als \u201e<em>Verr\u00e4ter und Parasiten<\/em>\u201c. Als Wahrmund 1908 eine seiner Reden, in der er Gott, die christliche Moral und die katholische Heiligenverehrung anzweifelte, in Druck bringen lie\u00df, erhielt er eine Anzeige wegen Gottesl\u00e4sterung. Nach weiteren teils gewaltt\u00e4tigen Versammlungen sowohl auf konservativer und antiklerikaler Seite, studentischen Ausschreitungen und Streiks musste kurzzeitig sogar der Unibetrieb eingestellt werden. Wahrmund wurde zuerst beurlaubt, sp\u00e4ter an die deutsche Universit\u00e4t Prag versetzt. Auch in der Ersten Republik war die Verbindung zwischen Kirche und Staat stark. Der christlich-soziale, als <em>Eiserner Pr\u00e4lat<\/em> in die Geschichte eingegangen Ignaz Seipel schaffte es in den 1920er Jahren bis ins h\u00f6chste Amt des Staates. Bundeskanzler Engelbert Dollfu\u00df sah seinen St\u00e4ndestaat als Konstrukt auf katholischer Basis als Bollwerk gegen den Sozialismus. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Tirol Kirche und Politik in Person von Bischof Rusch und Kanzler Walln\u00f6fer ein Gespann. Erst dann begann eine ernsthafte Trennung. Die Kirchenaustritte der letzten Jahrzehnte haben der offiziellen Mitgliederzahl zwar eine Delle versetzt und Freizeitevents werden besser besucht als Sonntagsmessen. Glaube und Kirche haben noch immer ihren fixen Platz im Alltag der Innsbrucker, wenn auch oft unbemerkt. Die r\u00f6misch-katholische Kirche besitzt aber noch immer viel Grund in und rund um Innsbruck, auch au\u00dferhalb der Mauern der jeweiligen Kl\u00f6ster und Ausbildungsst\u00e4tten. Etliche Schulen in und rund um Innsbruck stehen ebenfalls unter dem Einfluss konservativer Kr\u00e4fte und der Kirche. Und wer immer einen freien Feiertag genie\u00dft, ein Osterei ans andere peckt oder eine Kerze am Christbaum anz\u00fcndet, muss nicht Christ sein, um als Tradition getarnt im Namen Jesu zu handeln.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53500&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Wer in \u00d6sterreich unterwegs ist, kennt die Kuppeln und Zwiebelt\u00fcrme der Kirchen in D\u00f6rfern und St\u00e4dten. Sie sind das typische Kennzeichen des Architekturstils Barock, der in der Zeit der Gegenreformation seine Bl\u00fctezeit erlebte und pr\u00e4gen das Innsbrucker Stadtbild bis heute. Die bekanntesten Gottesh\u00e4user wie der Dom, die Johanneskirche oder die Jesuitenkirche, sind im Stile des Barocks gehalten. Prachtvoll und prunkvoll sollten Gottesh\u00e4user sein, ein Symbol des Sieges des rechten Glaubens. Die \u00fcberbordende, alles durchdringende Fr\u00f6mmigket von Eliten und Untertanen spiegelte sich in Kunst und Kultur wider: Gro\u00dfes Drama, Pathos, Leiden, Glanz und Herrlichkeit vereinten sich zum Barock, der den gesamten katholisch orientierten Einflussbereich der Habsburger und ihrer Verb\u00fcndeten zwischen Spanien und Ungarn nachhaltig pr\u00e4gte. Die Baumeisterfamilie Gumpp und Johann Georg Fischer ver\u00e4nderten Innsbrucks Stadtbild ab dem 17. Jahrhundert nachhaltig. Das Alte Landhaus in der Altstadt, das Neue Landhaus in der Maria-Theresien-Stra\u00dfe, die unz\u00e4hligen Palazzi, Bilder, Figuren \u2013 der Barock war im 17. und 18. Jahrhundert das stilbildende Element des Hauses Habsburg und brannte sich in den Alltag ein. Das B\u00fcrgertum wollte den Adeligen und F\u00fcrsten nicht nachstehen und lie\u00dfen ihre Privath\u00e4user im Stile des Barocks errichten. Auf Bauernh\u00e4usern prangen Heiligenbilder, Darstellungen der Mutter Gottes und des Herzen Jesu.<\/p>\n<p>Barock war aber mehr als eine architektonische Stilrichtung, es war ein Lebensgef\u00fchl, das seinen Ausgang nach dem Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges nahm. Die T\u00fcrkengefahr aus dem Osten, die in der zweimaligen Belagerung Wiens gipfelte, bestimmte die Au\u00dfenpolitik des Reiches, w\u00e4hrend die Reformation die Innenpolitik dominierte. Die Barockkultur war ein zentrales Element des Katholizismus und der politischen Darstellung derselben in der \u00d6ffentlichkeit, das Gegenmodell zum spr\u00f6den und strengen Lebensentwurf Calvins und Luthers. Feiertage mit christlichem Hintergrund wurden eingef\u00fchrt, um den Alltag der Menschen aufzuhellen. Architektur, Musik und Malerei waren reich, f\u00fcllig und \u00fcppig. In Theaterh\u00e4usern wie dem <em>Comedihaus<\/em> in Innsbruck wurden Dramen mit religi\u00f6sem Hintergrund aufgef\u00fchrt. Kreuzwege mit Kapellen und Darstellungen des gekreuzigten Jesus durchzogen die Landschaft. Die Volksfr\u00f6mmigkeit in Form der Wallfahrten, Marien- und Heiligenverehrung hielt Einzug in den Kirchenalltag. Multiple Krisen pr\u00e4gten den Alltag der Menschen. Neben Krieg und Hunger brach die Pest im 17. Jahrhundert besonders h\u00e4ufig aus. Die<em> Barockfr\u00f6mmigkeit<\/em> wurde zur Erziehung der Untertanen eingesetzt, um diese Plagen als Ausdruck der Unzufriedenheit Gottes durch einen gef\u00e4lligen Lebenswandel auszumerzen. Auch wenn der Ablasshandel in der Zeit nach dem 16. Jahrhundert keine g\u00e4ngige Praxis mehr in der katholischen Kirche war, so gab es doch noch eine rege Vorstellung von Himmel und H\u00f6lle. Durch ein tugendhaftes Leben, sprich ein Leben im Einklang mit katholischen Werten und gutem Verhalten als Untertan gegen\u00fcber der g\u00f6ttlichen Ordnung, konnte man dem Paradies einen gro\u00dfen Schritt n\u00e4herkommen. Die sogenannte <em>Christliche Erbauungsliteratur<\/em> war nach der Schulreformation des 18. Jahrhunderts und der Zunahme der Lesef\u00e4higkeit in der Bev\u00f6lkerung die beliebteste Lekt\u00fcre. Das Leiden des Gekreuzigten f\u00fcr die Menschheit galt als Symbol f\u00fcr die M\u00fchsal der Untertanen auf Erden innerhalb des Feudalsystems. Mit Votivbildern baten Menschen um Beistand in schweren Zeiten oder bedankten sich vor allem bei der Mutter Gottes f\u00fcr \u00fcberstandene Gefahren und Krankheiten. Besonders eindrucksvolle Votivbilder kann man in der Wiltener Basilika bewundern. Der Historiker Ernst Hanisch beschrieb den Barock und den Einfluss, den er auf die \u00f6sterreichische Lebensart hatte, so:<\/p>\n<p>\u201e<em>\u00d6sterreich entstand in seiner modernen Form als Kreuzzugsimperialismus gegen die T\u00fcrken und im Inneren gegen die Reformatoren. Das brachte B\u00fcrokratie und Milit\u00e4r, im \u00c4u\u00dferen aber Multiethnien. Staat und Kirche probierten den intimen Lebensbereich der B\u00fcrger zu kontrollieren. Jeder musste sich durch den Beichtstuhl reformieren, die Sexualit\u00e4t wurde eingeschr\u00e4nkt, die normengerechte Sexualit\u00e4t wurden erzwungen. Menschen wurden systematisch zum Heucheln angeleitet.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Die Rituale und das untert\u00e4nige Verhalten gegen\u00fcber der Obrigkeit hinterlie\u00dfen ihre Spuren in der Alltagskultur, die katholische L\u00e4nder wie \u00d6sterreich und Italien bis heute von protestantisch gepr\u00e4gten Regionen wie Deutschland, England oder Skandinavien unterscheiden. Die Leidenschaft f\u00fcr akademische Titel der \u00d6sterreicher hat ihren Ursprung in den barocken Hierarchien. Der Ausdruck <em>Barockf\u00fcrst<\/em> bezeichnet einen besonders patriarchal-g\u00f6nnerhaften Politiker, der mit gro\u00dfen Gesten sein Publikum zu becircen wei\u00df. W\u00e4hrend man in Deutschland politische Sachlichkeit sch\u00e4tzt, ist der Stil von \u00f6sterreichischen Politikern theatralisch, ganz nach dem \u00f6sterreichischen Bonmot des \u201e<em>Schaumamal<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Tourismus: Von alpiner Sommerfrische zur Piefke Saga&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Tourismusland Tirol&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53667&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>In den 1990er Jahren sorgte eine \u00f6sterreichische Fernsehserie f\u00fcr einen Skandal. Die <em>Piefke Saga<\/em> aus der Feder des Tiroler Schriftstellers Felix Mitterer beschrieb in vier skurril-entlarvend-am\u00fcsanten Folgen die Beziehung zwischen der deutschen Urlauberfamilie Sattmann und ihren Gastgebern in einem fiktiven Tiroler Urlaubsort. Bei aller Skepsis gegen\u00fcber dem Tourismus in seinen heutigen teils extremen Ausw\u00fcchsen sollte man nicht vergessen, dass der Fremdenverkehr im 19. Jahrhundert ein wichtiger Faktor in Innsbruck und Umgebung war, der die Entwicklung der Region nachhaltig antrieb, nicht nur wirtschaftlich.<\/p>\n<p>Die ersten Reisenden, die Innsbruck ansteuerten, waren Pilger und Business People. H\u00e4ndler, Gesellen auf der Walz, Beamte, Soldaten, Entourage adeliger G\u00e4ste bei Hof, Fachkr\u00e4fte verschiedener Gewerbe, Bergleute, Kleriker, Wallfahrer und Wissenschaftler waren die ersten Touristen, die es in die Stadt zwischen Italien und Deutschland zog. Reisen war teuer, gef\u00e4hrlich und m\u00fchsam. Zudem war es einem gro\u00dfen Teil der Untertanen ohne Einwilligung ihres Grundherrn oder Abtes nicht gestattet, die eigene Scholle zu verlassen. Wer sich fortbewegte, tat dies im Normalfall auf des Schusters Rappen. Zwar verdienten die Innsbrucker Gasth\u00f6fe und Wirte bereits im Mittelalter und der Fr\u00fchen Neuzeit an den Reisenden, von Fremdenverkehr wie wir ihn heute verstehen war aber noch keine Rede. Der fing an, als es einige Verr\u00fcckte erstmals auf die Berggipfel zog. Dazu bedurfte es neben einer wachsenden Mittelschicht auch einer neuen Einstellung gegen\u00fcber den Alpen. Lange waren die Berge eine reine Bedrohung f\u00fcr die Menschen gewesen. Es waren vor allem Briten, die sich aufmachten, sich nach den Weltmeeren auch die Gebirge dieser Erde untertan zu machen. \u00dcber Reiseberichte verbreitete sich ab dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert, der Epoche der Romantik, die Kunde von der Natursch\u00f6nheit der Alpen. Der erste fremdsprachige Reisef\u00fchrer f\u00fcr Tirol, <em>Travells through the Rhaetian Alps von Jean Francois Beaumont<\/em> erschien 1796.<\/p>\n<p>Neben der alpinen Attraktion waren es die wilden und exotischen <em>Eingeborenen<\/em> Tirols, die international f\u00fcr Aufsehen sorgten. Der b\u00e4rtige Revoluzzer namens Andreas Hofer, der es mit seinem Bauernheer geschafft hatte, Napoleons Armee in die Knie zu zwingen, erzeugte bei den Briten, den notorischen Erzfeinden der Franzosen, ebenso gro\u00dfes Interesse wie bei deutschen Nationalisten n\u00f6rdlich der Alpen, die in ihm einen fr\u00fchen Protodeutschen sahen. Die Tiroler galten als unbeugsamer Menschenschlag, archetypisch und ungez\u00e4hmt, \u00e4hnlich den Germanen unter Arminius, die das Imperium Romanum herausgefordert hatten. Die Beschreibungen Innsbrucks aus der Feder des Autors Beda Weber (1798 \u2013 1858) und andere Reiseberichte in der boomenden Presselandschaft dieser Zeit trugen dazu bei, ein attraktives Bild Innsbrucks zu pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Nun mussten die wilden Alpen nur noch der Masse an Touristen zug\u00e4nglich gemacht werden, die zwar gerne den fr\u00fchen Abenteurern auf ihren Expeditionen nacheifern wollten, deren Risikobereitschaft und Fitness mit den W\u00fcnschen nicht schritthalten konnten. Der <em>Deutsche Alpenverein<\/em> er\u00f6ffnete 1869 eine Sektion Innsbruck, nachdem der 1862 <em>\u00d6sterreichische Alpenverein<\/em> wenig erfolgreich war. Angetrieben vom gro\u00dfdeutschen Gedanken vieler Mitglieder fusionierten die beiden Institutionen 1873. Der <em>Alpenverein<\/em> ist bis heute b\u00fcrgerlich gepr\u00e4gt, sein sozialdemokratisches Pendant sind die <em>Naturfreunde<\/em>. Das Wegenetz wuchs durch dessen Erschlie\u00dfung ebenso wie die Zahl an H\u00fctten, die G\u00e4ste beherbergen konnten. Das Transitland Tirol besa\u00df unz\u00e4hlige Saumpfade und Fu\u00dfwege, die seit Jahrhunderten bestanden, und als Basis f\u00fcr den Alpinismus dienten. Kleine Gasth\u00f6fe, Bauernh\u00f6fe und Stationen entlang der Postwege dienten als Unterk\u00fcnfte. Der Tiroler Theologe Franz Senn (1831 \u2013 1884) und der Schriftsteller Adolf Pichler (1819 \u2013 1900) waren ma\u00dfgeblich an der Vermessung Tirols und der Erstellung von Kartenmaterial beteiligt. Anders als gerne behauptet, waren die Tiroler nicht geborene Bergsteiger, sondern mussten sich die F\u00e4higkeiten die Bergwelt zu erobern erst beibringen lassen. Bis dato waren Berge vor allem eins: gef\u00e4hrlich und m\u00fchsam im landwirtschaftlichen Alltag. Sie zu besteigen, war zuvor kaum jemandem in den Sinn gekommen. Die Alpenvereine bildeten auch Bergf\u00fchrer aus. Ab der Jahrhundertwende kam neben Wandern und Bergsteigen der Skisport in Mode. Lifte gab es noch nicht, um auf die Berge zu gelangen, musste man sich der Felle bedienen, die heute noch auf Tourenski geklebt werden. Erst ab den 1920ern konnte nach dem Bau der Seilbahnen auf die Nordkette und dem Patscherkofel eine zahlungskr\u00e4ftige Klientel den modernen Luxus von Bergbahnen beim Skivergn\u00fcgen genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es bedurfte neuer Hotels, Caf\u00e9s, Gasth\u00e4user, Gesch\u00e4fte und Transportmittel, um die Bed\u00fcrfnisse der G\u00e4ste zu befriedigen. Wer zu Hause in London oder Paris flie\u00dfend Wasser und einen Telefonanschluss hatte, wollte im Urlaub nicht mit einem Plumpsklo am Gang oder vor dem Haus Vorlieb nehmen. Die sogenannten Gasth\u00f6fe ersten und zweiten Ranges waren f\u00fcr den Transitverkehr geeignet, um gehobene Touristen zu empfangen waren sie aber nicht ausgestattet. Wirte in der Stadt und in den D\u00f6rfern rund um Innsbruck z\u00e4hlten bis ins 19. Jahrhundert zur gehobenen Mittelschicht, was das Einkommen betraf. Oft waren sie Bauern, die im Nebenerwerb eine Ausschank hatten und Speisen verkauften. Sie hatten, wie das Beispiel Andreas Hofers zeigt, durchaus auch Ansehen und Einfluss innerhalb der lokalen Gesellschaft. Als Treffpunkte der Einheimischen und Knotenpunkte im Post- und Warenverkehr waren sie oft gut informiert \u00fcber das Geschehen in der kleinen und gro\u00dfen Welt. Da sie aber weder Mitglieder einer Zunft waren noch zum B\u00fcrgertum gez\u00e4hlt wurden, z\u00e4hlte der Beruf des Gastwirtes nicht zu den ehrbarsten Berufen. Das \u00e4nderte sich mit der Professionalisierung der Tourismuswirtschaft. Unternehmer wie Robert Ni\u00dfl, der 1865 Schloss B\u00fcchsenhausen \u00fcbernahm und in eine Bierbrauerei umbaute, investierten in die Infrastruktur. Aus ehemaligen Adelsansitzen wie der Weiherburg wurden Gasth\u00f6fe und Hotels. Die Revolution vollzog sich in Innsbruck nicht 1848 auf den Barrikaden, sondern im Tourismus einige Jahrzehnte sp\u00e4ter, als findige B\u00fcrger die Aristokratie als Besitzer von Schl\u00f6ssern wie B\u00fcchsenhausen und der Weiherburg abl\u00f6sten.<\/p>\n<p>Der 1849 er\u00f6ffnete \u00d6sterreichische Hof galt lange als Platzhirsch moderner Hotellerie, war offiziell aber nur ein Abklatsch eines Grand Hotels. Erst mit dem <em>Grand Hotel Europa<\/em> hatte 1869 bekam in Innsbruck ein Haus ersten Ranges ge\u00f6ffnet. Die Bl\u00fctezeit der Gasth\u00f6fe in der Altstadt war vor\u00fcber. 1892 folgte mit dem zeitgeistigen <em>Reformhotel Habsburger Hof<\/em> ein zweiter gro\u00dfer Betrieb. Wo heute das Metropolkino steht, war der Kaiserhof als Neubau errichtet worden. Der <em>Habsburger Hof<\/em> bot seinen G\u00e4sten bereits elektrisches Licht, eine absolute Sensation. Ebenfalls auf der bis dato unverbauten Fl\u00e4che vor dem Bahnhof war der <em>Arlberger Hof<\/em> angesiedelt. Was heute eher als Wettbewerbsnachteil angesehen w\u00fcrde, war zu dieser Zeit ein Verkaufsargument. Bahnh\u00f6fe waren die Zentren moderner St\u00e4dte. Die Bahnhofspl\u00e4tze waren keine \u00fcberf\u00fcllten Verkehrsknotenpunkte wie heute, sondern mond\u00e4ne und gepflegte Orte vor den architektonisch anspruchsvoll gestalteten Hallen, in denen die Z\u00fcge ankamen.<\/p>\n<p>Die Anzahl der G\u00e4ste stieg langsam, aber stetig an. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges z\u00e4hlte Innsbruck 200.000 G\u00e4ste. Im Juni 1896 berichteten die <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em>:<\/p>\n<p><em>\u201eDer Fremdenverkehr in Innsbruck bezifferte sich im Monat Mai auf 5647 Personen. Darunter befanden sich (au\u00dfer 2763 Reisenden aus Oesterreich-Ungarn) 1974 Reichsdeutsche, 282 Engl\u00e4nder, 65 Italiener, 68 Franzosen, 53 Amerikaner, 51 Russen und 388 Personen aus verschiedenen anderen L\u00e4ndern.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Neben der Menge an Reisenden, die einen Einfluss auf das Leben in der Kleinstadt Innsbruck hatten, war es auch die Internationalit\u00e4t der Besucher, die Innsbruck nach und nach einen neuen Anstrich gaben. Neben der rein touristischen Infrastruktur wurde auch die Entwicklung der allgemeinen Neuerungen beschleunigt. Die wohlhabenden G\u00e4ste konnten kaum in Gastst\u00e4tten mit Senkgruben hinterm Haus verkehren. Nat\u00fcrlich w\u00e4re eine Kanalisation ohnehin am Plan gestanden, der Wirtschaftsfaktor Tourismus aber erm\u00f6glichte und beschleunigte die Mittelfreistellung f\u00fcr die Gro\u00dfprojekte der Jahrhundertwende. Das ver\u00e4nderte nicht nur das Aussehen der Stadt, sondern auch den Alltag und das Arbeitsleben der Menschen. Findige Unternehmer wie Heinrich Menardi schafften es, die Wertsch\u00f6pfungskette, um kostenpflichtige Urlaubsfreuden neben Kost und Logis zu erweitern. Er er\u00f6ffnete 1880 die <em>Lohnkutscherei und Autovermietung Heinrich Menardi<\/em> f\u00fcr Ausflugsfahrten in die alpine Umgebung. Anfangs mit Kutschen, nach dem 1. Weltkrieg mit Bussen und PKW, wurden zahlungskr\u00e4ftige Touristen bis nach Venedig chauffiert. Das Unternehmen besteht bis heute und hat seinen Firmensitz mittlerweile im <em>Menardihaus<\/em> in der Wilhelm-Greil-Strasse 17 gegen\u00fcber des Landhausplatzes, auch wenn man sich von der Transport- und Handelsbranche im Lauf der Zeit auf die eintr\u00e4glichere Immobilienwirtschaft verlegt hat. Auch der lokale Handel profitierte von der zahlungskr\u00e4ftigen Klientel aus dem Ausland. 1909 gab es bereits drei dezidierte <em>Touristen-Ausr\u00fcstungsgesch\u00e4fte<\/em> neben den wenige Jahre zuvor frisch er\u00f6ffneten mond\u00e4nen Warenh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Innsbruck und die umgebenden Orte waren auch f\u00fcr Kururlaub, dem Vorg\u00e4nger des heutigen Wellness, bei der betuchte Kunden sich in alpinem Umfeld von unterschiedlichsten Krankheiten erholten, bekannt. Der <em>Igler Hof<\/em>, damals <em>Grandhotel Igler Hof<\/em> und das Sporthotel Igls, verstr\u00f6men heute noch teilweise den Chic dieser Zeit. Michael Obexer, der Gr\u00fcnder des Kurortes Igls und Besitzer des Grandhotels, war ein Tourismuspionier. In Egerdach bei Amras und in M\u00fchlau, gab es zwei Kurb\u00e4der. So bekannt wie die Hotspots der Zeit in Bad Ischl, Marienbad oder Baden bei Wien waren die Anlagen nicht, wie man auf alten Fotos und Postkarten sehen kann, die Anwendungen mit Sole, Dampf, Gymnastik, sogar Magnetismus, entsprachen aber dem damaligen Standard dessen, was heute teilweise noch bei Kur- und Wellnessurlaubern beliebt ist. Bad Egerdach bei Innsbruck war als Heilquelle seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Die Quelle sollte Gicht, Hautkrankheiten, An\u00e4mie, ja sogar die im 19. Jahrhundert als Vorg\u00e4ngerin des Burnouts als Neurasthenie bekannte Nervenkrankheit beheben. Die Kapelle der Anstalt besteht bis heute gegen\u00fcber dem SOS Kinderdorf. Die Badeanstalt in M\u00fchlau existierte seit 1768 und wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Gasthaus mit Kuranstalt ganz im Stil der Zeit umgebaut. Die ehemalige Badeanstalt ist heute ein sehenswertes Wohnhaus in der Anton-Rauch-Stra\u00dfe. Das spektakul\u00e4rste touristische Projekt, das Innsbruck jemals erlebte, war aber wohl Hoch Innsbruck, die heutige Hungerburg. Nicht nur die Hungerburgbahn und Hotels, sogar ein eigener See wurde hier nach der Jahrhundertwende geschaffen, um G\u00e4ste anzuziehen.<\/p>\n<p>Einer der ehemaligen Besitzer des Grund und Bodens der <em>Hungerburg<\/em> und Innsbrucker Tourismuspionier, Richard von Attlmayr, war am Vorg\u00e4nger des heutigen Tourismusverbandes ma\u00dfgeblich beteiligt. Seit 1881 k\u00fcmmerte sich der <em>Innsbrucker Versch\u00f6nerungsverein<\/em> um Befriedigung der steigenden Bed\u00fcrfnisse der G\u00e4ste. Der Verein k\u00fcmmerte sich um die Anlage von Wander- und Spazierwegen, dem Aufstellen von B\u00e4nken und der Erschlie\u00dfung unwegsamer Gebiete wie der M\u00fchlauer Klamm oder der Sillschlucht. Die markanten gr\u00fcnen B\u00e4nke entlang vieler Wege erinnern bis heute an den noch immer existierenden Verein. 1888 Jahre sp\u00e4ter gr\u00fcndeten die Profiteure des Fremdenverkehrs in Innsbruck die <em>Kommission zur F\u00f6rderung des Tourismus<\/em>, den Vorg\u00e4nger des heutigen Tourismusverbands. Durch vereinte Kr\u00e4fte in Werbung und Qualit\u00e4tssicherung bei den Beherbergungsbetrieben hofften die einzelnen Betriebe, den Tourismus weiter anzukurbeln.<\/p>\n<p><em>\u201eAllj\u00e4hrlich mehrt sich die Zahl der \u00fcberseeischen Pilger, die unser Land und dessen gletscherbekr\u00f6nte Berge zum Verdrusse unserer freundnachbarlichen Schweizer besuchen und manch klingenden Dollar zur\u00fccklassen. Die Engl\u00e4nder fangen an Tirol ebenso interessant zu finden wie die Schweiz, die Zahl der Franzosen und Niederl\u00e4nder, die den Sommer bei uns zubringen, mehrt sich von Jahr zu Jahr.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Postkarten waren die ersten massentauglichen <em>Influencer<\/em> der Tourismusgeschichte. Viele Betriebe lie\u00dfen ihre eigenen Postkarten drucken. Verlage produzierten unz\u00e4hlige Sujets der beliebtesten Sehensw\u00fcrdigkeiten der Stadt. Es ist interessant zu sehen, was damals als sehenswert galt und auf den Karten abgebildet wurde. Anders als heute waren es vor allem die zeitgen\u00f6ssisch modernen Errungenschaften der Stadt: der Leopoldbrunnen, das Stadtcaf\u00e9 beim Theater, die Kettenbr\u00fccke, die Zahnradbahn auf die Hungerburg oder die 1845 er\u00f6ffnete Stefansbr\u00fccke an der Brennerstra\u00dfe, die als Steinbogen aus Quadern die Sill \u00fcberquerte, waren die Attraktionen. Auch Andreas Hofer war ein gut funktionierendes Testimonial auf den Postkarten: Der <em>Gasthof Schupfen<\/em> in dem Andreas Hofer sein Hauptquartier hatte und der Berg Isel mit dem gro\u00dfen Andreas-Hofer-Denkmal waren gerne abgebildete Motive.<\/p>\n<p>1914 gab es in Innsbruck 17 Hotels, die G\u00e4ste anlockten. Dazu kamen die Sommer- und Winterfrischler in Igls und dem Stubaital. Der Erste Weltkrieg lie\u00df die erste touristische Welle mit einem Streich versanden. Gerade als sich der Fremdenverkehr Ende der 1920er Jahre langsam wieder erholt hatte, kamen mit der Wirtschaftskrise und Hitlers <em>1000 Mark Sperre<\/em>, mit der er die \u00f6sterreichische Regierung 1933 unter Druck setzen wollte, um das Verbot der NSDAP zu beenden, die n\u00e4chsten D\u00e4mpfer.<\/p>\n<p>Es bedurfte des <em>Wirtschaftswunders<\/em> der 1950er und 1960er, um den Tourismus in Innsbruck nach den Zerst\u00f6rungen wieder anzukurbeln. Zwischen 1955 und 1972 verf\u00fcnffachen sich die N\u00e4chtigungszahlen in Tirol. Nach den beschwerlichen Kriegsjahren und dem Wiederaufbau der europ\u00e4ischen Wirtschaft Jahren konnten Tirol und Innsbruck den Fremdenverkehr langsam, aber stetig stabil als Einnahmequelle etablieren, auch abseits der offiziellen Hotels und Pensionen. Viele Innsbrucker Familien r\u00fcckten in den ohnehin engen Wohnungen zusammen, um die Haushaltskasse durch die Vermietung von Betten an G\u00e4ste aus dem Ausland aufzubessern. Der Tourismus brachte nicht nur Devisen, sondern erm\u00f6glichte es den Einheimischen ein neues Image nach innen und au\u00dfen von sich zu kreieren. Gleichzeitig erm\u00f6glichte der Wirtschaftsaufschwung immer mehr Innsbruckern einen Urlaub im Ausland. Besonders beliebt waren die Str\u00e4nde Italiens. Aus den Kriegsfeinden vergangener Jahrzehnte wurden G\u00e4ste und Gastgeber.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haymongasse 4<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":65445,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[154,16,171,83,32,113,67,164,48,87],"tags":[],"class_list":["post-65660","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-auferstanden-aus-ruinen-die-nachkriegszeit-in-innsbruck","category-barock","category-das-stift-wilten-als-ordnende-hand","category-die-zeit-des-austrofaschismus","category-glaube-kirche-obrigkeit-und-herrschaft","category-historische-gaststaetten","category-innsbruck-und-der-nationalsozialismus","category-haymon-und-die-bajuwaren","category-tourismusland-tirol","category-wilten-sieglanger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65660"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65660\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/65445"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}