{"id":66887,"date":"2025-10-01T10:53:59","date_gmt":"2025-10-01T10:53:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/?p=66887"},"modified":"2026-01-08T13:25:13","modified_gmt":"2026-01-08T13:25:13","slug":"landeskonservatorium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/landeskonservatorium\/","title":{"rendered":"Tyrolean State Conservatory"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; specialty=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.24.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; specialty_columns=&#8220;2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_row_inner _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column_inner saved_specialty_column_type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Titel und Adresse&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; text_text_color=&#8220;#000000&#8243; header_font=&#8220;|on|||&#8220; header_text_align=&#8220;center&#8220; header_text_color=&#8220;#e09900&#8243; header_font_size=&#8220;42px&#8220; header_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_2_text_color=&#8220;#e09900&#8243; background_color=&#8220;rgba(255,255,255,0.8)&#8220; background_layout=&#8220;dark&#8220; custom_padding=&#8220;20px|20px|20px|20px|true|true&#8220; header_font_size_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220; border_radii=&#8220;on|10px|10px|10px|10px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Tiroler Landeskonservatorium<\/h2>\n<p>Paul-Hofhaimer-Gasse 6<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_gallery gallery_ids=&#8220;66908&#8243; fullwidth=&#8220;on&#8220; admin_label=&#8220;Galerie Landeskonservatorium&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; pagination_text_color=&#8220;#E09900&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;66909&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_gallery][\/et_pb_column_inner][\/et_pb_row_inner][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_toggle title=&#8220;Wissenswert&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Landeskonservatorium&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;66896&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<p>Gemeinsam mit dem <em>Tiroler Landestheater<\/em> und dem Landesmuseum <em>Ferdinandeum<\/em> ist das Tiroler Landeskonservatorium das dritte Wahrzeichen der b\u00fcrgerlichen Emanzipation in Innsbruck. Der Bau des heute etwas versteckten Geb\u00e4udes begann zwar erst 1910, Architektur und Entstehungsgeschichte sind aber charakteristisch f\u00fcr das 19. Jahrhundert. Eduard Klingler entwarf den kompakten neobarocken Bau in einem f\u00fcr die sp\u00e4te Monarchie typischen Stil. Wie viele Geb\u00e4ude bildet auch beim Landeskonservatorium die H\u00f6ttinger Breccie das Fundament. Ein Balkon kr\u00f6nt die klassizistischen S\u00e4ulen am Eingang. Der mittlere Teil der Fassade tr\u00e4gt reich geschm\u00fcckte Fensterb\u00f6gen mit den zeitgen\u00f6ssisch beliebten Kapitellchen ganz im Stil der Antike. Die standesgem\u00e4\u00dfe Unterbringung der Innsbrucker Musikelite war \u00fcberf\u00e4llig. Als Klinglers Bau kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges fertiggestellt war, hatte der Musikverein bereits an die 100 Jahre am Buckel. 1816 gr\u00fcndeten Johann Herzog, Franz Craffonara und der Benediktinerpater Martin Goller die <em>Akademische Musikgesellschaft<\/em>. Ein Jahr sp\u00e4ter suchten sie beim <em>k.k. Landesgubernium<\/em> um die Erlaubnis zur Gr\u00fcndung eines Musikvereins an. Nicht nur standen Vereine unter Generalverdacht des Subversiven, die b\u00fcrokratischen M\u00fchlen in der Polizeihofstelle in Wien mahlten langsam, die Pr\u00fcfung des Anliegens und die Vergabe der offiziellen Genehmigung zur Gr\u00fcndung des eingetragenen Vereins dauerte mehr als ein Jahr, bevor der <em>Musikverein Innsbruck <\/em>im Juli 1818 offiziell aus der Taufe gehoben werden konnte.<\/p>\n<p>Nicht nur die Gr\u00fcndung des Vereins an und f\u00fcr sich, auch das Thema Musik im Allgemeinen hatte etwas Anr\u00fcchiges. Die neue K\u00fcnstlergeneration galt als schwierig und aufm\u00fcpfig. \u00dcber Jahrhunderte hatten Aristokratie und Kirche das Monopol auf Musik. Der Jesuitenorden war in Innsbruck f\u00fcr Auswahl und Produktion der christlich-erbaulichen St\u00fccke zust\u00e4ndig, die unter der Genehmigung der Landesf\u00fcrsten aufgef\u00fchrt werden durften. Au\u00dferhalb von Gottesh\u00e4usern war gehobener Musikgenuss eine Angelegenheit f\u00fcr adelige M\u00e4zen, die sich Hofmusiker hielten. Mit Mozart, besonders aber mit Beethoven begann sich das zu \u00e4ndern, wobei ersterer Freimaurer und zweiterer ein Bewunderer Napoleons war, der sich mehr als freigeistiger Unternehmer<em>,<\/em> denn als untert\u00e4niger Hofk\u00fcnstler sah. Die gesellschaftliche Ver\u00e4nderung und zunehmende Professionalisierung im Musikbusiness war ein Beispiel f\u00fcr die Aneignung und \u00dcbernahme aristokratischer Traditionen der neuen b\u00fcrgerlichen Eliten. Der <em>Innsbrucker Musikverein<\/em> sollte sicherstellen, dass die musikalische Qualit\u00e4t in der Stadt durch geeignete Ausbildung sichergestellt wurde. Der Unterricht startete im November 1818 in den R\u00e4umlichkeiten des ehemals jesuitischen Lyzeums. Neben Musik wurde auch Deklamation gelehrt, also \u201e<em>Sprache, Geberden und Minenspiel\u201c<\/em>. Besonders dieses Fach wurde von der Obrigkeit unter Zensur gestellt und argw\u00f6hnisch beobachtet, bevor es 1827 f\u00fcr einige Jahrzehnte komplett verboten wurde.<\/p>\n<p>Nach zehn Jahren hatte der Verein \u00fcber 100 Mitglieder. Er bestand aus finanziell unterst\u00fctzenden Ehrenmitgliedern und aktiven Musikern. Die Gesellschaft teilte sich in eine Lehranstalt und einen \u201e<em>Verein zur Bef\u00f6rderungs-Mittel des Vergn\u00fcgens\u201c<\/em>. Die S\u00f6hne der Vereinsmitglieder hatten Vorrang, wenn es um einen der begrenzten Pl\u00e4tze ging, Frauen durften in den ersten Jahren nicht inskribieren. Mit Ausnahme mittelloser Theologiestudenten, f\u00fcr die der Unterricht gratis war, war ein Schulgeld f\u00e4llig. Die unterst\u00fctzenden Mitglieder finanzierten Instrumente und Auff\u00fchrungen. Mindestens vier \u00f6ffentliche <em>Produkcionen<\/em> sollten pro Jahr stattfinden. Der Musikverein \u00fcbernahm auch Kirchenmusik in der Jesuitenkirche und veranstaltete mit der konservativen Kasinogesellschaft Benefizkonzerte f\u00fcr den Armenfond. Die Musiker peppten auch offizielle Veranstaltungen und Empf\u00e4nge auf. B\u00fcrgertum, Kirche, Monarchie und Armee fanden so in der klanglichen Gestaltung des st\u00e4dtischen Alltags zueinander. Eines der ersten Mitglieder neben Goller und Craffonara sowie der erste Dirigent war Oberleutnant Johann G\u00e4nsbacher (1778 \u2013 1844). \u00dcber eine Karriere in der Armee schaffte er den gesellschaftlichen Aufstieg. Der Sohn des Sterzinger Schulmeisters war von seinem Vater schon fr\u00fch zur Gesangsausbildung in den Chor der Pfarre St. Jakob in Innsbruck geschickt worden. Ab 1797 k\u00e4mpfte er in den Koalitionskriegen, bevor er als Kaiserj\u00e4ger in Innsbruck stationiert wurde. G\u00e4nsbacher schuf 1822 zu Ehren des Besuchs vonZar Alexander, Kaiser Franz und Clemens von Metternich in Innsbruck den <em>Alexander-Marsch<\/em>. Nachdem er in Innsbruck keine dauerhafte Anstellung fand, \u00fcbersiedelte er als Domkapellmeister von St. Stephan nach Wien.<\/p>\n<p>Unter dem wohl prominentesten und einflussreichsten seiner vielen Leiter Josef Pembaur (1848 \u2013 1923) \u00fcbersiedelte der <em>Musikverein<\/em> an den heutigen Standort im Angerzell. Die stetig steigenden Mitgliederzahlen und die steigenden Anforderungen an modernen Unterricht erforderten mehrere Ortswechsel, bevor die Stadt sich 1906 dazu entschloss, dem Verein das Grundst\u00fcck hinter dem Ferdinandeum f\u00fcr den Bau einer eigenen Heimst\u00e4tte zu \u00fcberlassen. 1912 konnte man schlie\u00dflich den kleinen neoklassizistischen Palast neben dem Landesmuseum beziehen.<\/p>\n<p>Auch nach dem Ende der Monarchie blieb die Musik in der Hand der Konservativen. Nach der Machtergreifung der <em>Christlichsozialen<\/em> unter Kanzler Engelbert Dollfu\u00df und den damit einhergehenden \u00c4nderungen in Schulwesen und Kultur \u00d6sterreichs, kam es zu einer Aufwertung f\u00fcr die mittlerweile etablierte Einrichtung. In \u201e<em>Anerkennung der mehr als hundertj\u00e4hrigen erfolgreichen T\u00e4tigkeit des ersten Tiroler Musiklehrinstitutes<\/em>\u201c durfte man sich ab 1934 ganz im Sinne der \u00f6sterreichischen Identit\u00e4tspolitik dieser Jahre <em>Konservatorium<\/em> nennen. Die Nationalsozialisten l\u00f6sten den Verein auf und f\u00fchrten die Ausbildungsst\u00e4tte als \u201e<em>Musikschule der Gauhauptstadt Innsbruck<\/em>\u201c fort. 1987 kam es zur Trennung von Konservatorium und Musikschule, die ins Geb\u00e4ude der Ursulinenschule umsiedelte. Heute studieren zuk\u00fcnftige Musiker, Dirigenten und klassische S\u00e4nger am \u201eKons\u201c in mehreren Fachrichtungen. Neben diesen beiden Ausbildungsst\u00e4tten ging auch das Symphonieorchester Innsbruck aus dem <em>Innsbrucker Musikverein<\/em> hervor. Den beiden ehemaligen Mitgliedern Josef G\u00e4nsbacher und Josef Pembaur sind Stra\u00dfennamen in Innsbruck gewidmet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Romantik, sonnenlose Sommer und Entschuldigungskarten&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Romantik, sonnenlose Sommer und Entschuldigungskarten&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;60950&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Dank der Universit\u00e4t, ihrer Professoren und den jungen Menschen, die sie anzog und produzierte, schnupperte auch Innsbruck im 18. Jahrhundert in der \u00c4ra Maria Theresias die Morgenluft der Aufkl\u00e4rung, wenn auch schaumgebremst von der jesuitischen Fakult\u00e4tsleitung. 1741 gr\u00fcndete sich mit der <em>Societas Academica Litteraria<\/em> im Taxispalais ein Gelehrtenzirkel. 1777 begr\u00fcndete sich die Freimaurerloge <em>Zu den drei Bergen<\/em>, vier Jahre sp\u00e4ter die Tirolische Gesellschaft f\u00fcr K\u00fcnste und Wissenschaft. Der Geist der Vernunft in der Zeit Maria Theresias und Kaiser Josefs hielt auch in Innsbrucks Elite Einzug. Angestachelt von der Franz\u00f6sischen Revolution bekannten sich einige Studenten gar zu den Jakobinern. Unter Kaiser Franz wurden all diese Vereinigungen nach der Kriegserkl\u00e4rung an Frankreich 1794 verboten und streng \u00fcberwacht. Aufkl\u00e4rerische Ideen waren bereits vor der Franz\u00f6sischen Revolution in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung verp\u00f6nt. Sp\u00e4testens nach der Enthauptung von Marie Antoinette, der Schwester des Kaisers, und dem Kriegsausbruch zwischen der Republik Frankreich und den Monarchien Europas, galten sie als gef\u00e4hrlich. Wer wollte schon als Jakobiner gelten, wenn es darum ging, die Heimat zu verteidigen?<\/p>\n<p>Nach den Napoleonischen Kriegen begann Innsbruck nur langsam sich zu erholen, sowohl wirtschaftlich wie auch gedanklich. Der wohl bekannteste Schriftsteller der \u00f6sterreichischen Romantik Adalbert Stifter (1805 -1868) beschrieb das Innsbruck der 1830er in seinem Reisebericht <em>Tirol und Vorarlberg<\/em> folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Wirtsh\u00e4user waren schlecht, die Pflaster erb\u00e4rmlich, lange Dachrinnen \u00fcberragten die engen Stra\u00dfen, die von beiden Seiten von dumpfen Gew\u00f6lben eingefasst waren\u2026 die sch\u00f6nen Ufer des Inns waren ungepflastert, daf\u00fcr aber mit Kehrichthaufen bedeckt und von Kloaken durchzogen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die kleine Stadt am Rande des Kaiserreiches hatte etwas mehr als 12.000 Einwohner, <em>\u201eohne die Soldaten, Studenten und Fremden zu rechnen\u201c<\/em>. Universit\u00e4t, Gymnasium, <em>Lesekasino<\/em>, Musikverein, Theater und Museum zeugten von sich entwickelnder, moderner urbaner Kultur. Es gab ein <em>Deutsches Kaffeehaus<\/em>, eine <em>Restauration im Hofgarten<\/em> und mehrere traditionelle Gasth\u00f6fe wie das <em>Weisse Kreuz<\/em>, den <em>\u00d6sterreichischen Hof<\/em>, die <em>Traube<\/em>, das <em>Katzung<\/em>, das <em>Munding<\/em>, die jeweils <em>Goldenen Adler, Stern<\/em> und <em>Hirsch<\/em>. Nach 1830 wurden die offenen Abwasserkan\u00e4le verriegelt und hygienischer gestaltet, Stra\u00dfen ausgebessert, Br\u00fccken saniert. Auch die \u00fcberf\u00e4llige und vor den Kriegswirren begonnene Begradigung und Z\u00e4hmung von Inn und Sill wurden angegangen. Die gr\u00f6\u00dfte Neuerung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung trug sich 1830 zu, als \u00d6llampen die Stadt auch in der Nacht erhellten. Es war wohl nur ein schummriges D\u00e4mmerlicht, das aus den \u00fcber 150 auf S\u00e4ulen und Armleuchtern angebrachten Lampen entstand, f\u00fcr Zeitgenossen war es aber eine wahrhaftige Revolution.<\/p>\n<p>Die bayerische Besatzung war verschwunden, die Ideen der Denker der Aufkl\u00e4rung und der Franz\u00f6sischen Revolution hatten sich aber in einigen K\u00f6pfen des st\u00e4dtischen Milieus verfangen. Nat\u00fcrlich waren es keine atheistischen, sozialistischen oder gar umst\u00fcrzlerischen Gedanken, die sich breit machten. Es ging vor allem um wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Teilhabe des B\u00fcrgertums. Das Vereinswesen feierte eine Renaissance. Was heute wenig spektakul\u00e4r klingt, war zur Regierungszeit Metternichs aufsehenerregend. Zwischen dem Beginn der Napoleonischen Kriege mit dem revolution\u00e4ren Frankreich 1797 und dem Wiener Kongress waren Vereine allgemein verboten gewesen. Wer auf sich hielt, trat nun einer dieser neuartigen Gesellschaften bei. <em>\u201eIn Innsbruck besteht ein Musikverein, ein landwirthschaftlicher und ein montanistisch-geognostischer,\u201c <\/em>stand etwa im Reisef\u00fchrer Beda Webers wie ein Qualit\u00e4tssiegel f\u00fcr die Stadt zu lesen. Es galt das tugendhafte Miteinander zum Wohl der weniger Beg\u00fcterten und die Erziehung der Massen mit dem Treiben in den Vereinen zu forcieren. Wissenschaft, Literatur, Theater und Musik, aber auch Initiativen wie der <em>Innsbrucker Versch\u00f6nerungsverein<\/em>, aber auch praktische Institutionen wie die Freiwillige Feuerwehr etablierten sich als S\u00e4ulen einer bis dato nicht gekannten Zivilgesellschaft. Einer der ersten Vereine, die sich bildeten, war der Musikverein Innsbruck, aus dem das Tiroler Landeskonservatorium hervorging. M\u00e4nner und Frauen waren ganz im Zeitgeist nicht Mitglieder in den gleichen Vereinen. Frauen engagierten sich vor allem in der Wohlfahrt wie dem <em>Frauenverein zur Bef\u00f6rderung der Kleinkinder-Bewahranstalten und weiblichen Industrie-Schule<\/em>. Teilnahme am politischen Diskurs von weiblicher Seite war nicht erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Neben der christlichen N\u00e4chstenliebe waren wohl auch Geltungsdrang und Prestige gro\u00dfe Anreize f\u00fcr die Mitglieder, sich in den Vereinen zu engagieren. Man traf sich, um zu sehen und gesehen zu werden. Gute Taten, das Zeigen von Bildung und tugendhafte Lebensf\u00fchrung waren damals wie heute die beste PR f\u00fcr die eigene Person.<\/p>\n<p>Das Vereinsleben diente auch als Unterhaltung an langen Abenden ohne elektrisches Licht, Fernsehen und Internet. In den Gastst\u00e4tten und Kaffeeh\u00e4usern trafen sich Studenten, Beamte, Mitglieder des niederen Adels und Akademiker, um ihr Gedankengut auszutauschen. Dabei handelte es sich nicht nur um hochgeistig Abstraktes, sondern auch um profane Realpolitik wie die Aussetzung der Binnenz\u00f6lle, die das Leben der Menschen unn\u00f6tig teuer machten. Kulturell entdeckte die b\u00fcrgerliche Bildungselite in Romantik und Biedermeier die kulturelle Flucht in eine heile Vergangenheit f\u00fcr sich. Nach den Jahrzehnten politischer Verwirrung, Krieg und Not wollte man, \u00e4hnlich wie nach 1945, Ablenkung von der j\u00fcngsten Vergangenheit. Die Antike und ihre Denker feierten in Innsbruck wie in ganz Europa eine zweite Renaissance. Stilbildend waren Denker der Romantik des 18. und fr\u00fchen 19. Jahrhunderts wie Winckelmann, Lessing oder Hegel. Den Griechen wurde \u201e<em>edle Einfalt und stille Gr\u00f6\u00dfe<\/em>\u201c attestiert. Goethe wollte das \u201e<em>Land der Griechen mit der Seele suchen<\/em>\u201c und machte sich auf nach Italien, um dort seine Sehnsucht nach der guten, vorchristlichen Zeit zu suchen, in dem die Menschen des <em>Goldenen Zeitalters<\/em> ein ungezwungenes Verh\u00e4ltnis mit ihren G\u00f6ttern pflegten. R\u00f6mische Tugenden der Stoa wurden als Leitbilder in die Moderne transportiert und bildeten die Basis f\u00fcr b\u00fcrgerliche Gen\u00fcgsamkeit und den Patriotismus, der gro\u00df in Mode kam. Philologen durchk\u00e4mmten die Texte antiker Schriftsteller und Philosophen und transportierten ein gef\u00e4lliges \u201e<em>Best of<\/em>\u201c ins 19. Jahrhundert. S\u00e4ulen, Sphinxe, B\u00fcsten und Statuen mit klassischen Proportionen schm\u00fcckten Pal\u00e4ste, Verwaltungsgeb\u00e4ude und Museen wie das Ferdinandeum. Studenten und Intellektuelle wie der Brite Lord Byron wurden so sehr vom <em>Panhellenismus<\/em> und der Idee des Nationalismus ergriffen, dass sie im griechischen Unabh\u00e4ngigkeitskampf gegen das osmanische Reich ihr Leben aufs Spiel setzten. In Innsbruck wurde nach dem Ende des Heiligen R\u00f6mischen Reiches der Pangermanismus zur politischen Mode des liberalen B\u00fcrgertums.<\/p>\n<p>Kanzler Clemens von Metternichs (1773 \u2013 1859) Polizeistaat hielt diese gesellschaftlichen Regungen lange Zeit unter Kontrolle. Zeitungen, Flugbl\u00e4tter, Schriften mussten sich an die Vorgaben der strengen Zensur anpassen oder im Untergrund verbreitet werden. Autoren wie Hermann von Gilm (1812 \u2013 1864) und Johann Senn (1792 \u2013 1857), an beide erinnern heute Stra\u00dfen in Innsbruck, verbreiteten in Tirol anonym politisch motivierte Literatur. Der vielleicht bekannteste Public Intellectual des Vorm\u00e4rz war wahrscheinlich Adolf Pichler (1819 \u2013 1900), dem bereits kurz nach seinem Ableben unter g\u00e4nzlich anderen Vorzeichen in der Stadtpolitik der sp\u00e4ten Monarchie ein Denkmal gewidmet wurde und nach dem heute das Bundesrealgymnasium am gleichnamigen Platz gewidmet ist. B\u00fccher und Vereine standen unter Generalverdacht. Der Innsbrucker Musikverein lehrte im Rahmen seiner Ausbildung auch die Deklamation, das Vortragen von Texten, Musik und Reden, die Inhalte wurden von der Obrigkeit streng \u00fcberwacht. Alle Arten von Vereinen wie <em>die Innsbrucker Liedertafel <\/em>und Studentenverbindungen, sogar die Mitglieder des Ferdinandeums wurden ausspioniert. Die sich in den Arbeitervierteln formierenden sozialen Bewegungen wurden von der Geheimpolizei Metternichs ganz besonders ins Visier genommen. Auch die Sch\u00fctzen standen, trotz ihrer demonstrativen Kaisertreue, auf der Liste der zu observierenden Institutionen. Als zu aufs\u00e4ssig galten sie, nicht nur gegen\u00fcber fremden M\u00e4chten, sondern auch gegen\u00fcber der Wiener Zentralstaatlichkeit. Der Mix aus gro\u00dfdeutsch-nationalem Gedankengut und tirolischem Patriotismus vorgetragen mit dem Pathos der Romantik mutet heute eigenartig harmlos an, war aber dem metternich\u00b4schen Staatsapparat weder geheuer noch genehm.<\/p>\n<p>Politischer Aktivismus war aber ein Randph\u00e4nomen, das nur eine kleine Elite besch\u00e4ftigte. Nachdem die Bergwerke und Salinen im 17. Jahrhundert ihre Rentabilit\u00e4t verloren hatten und auch der Transit ob der neuen Handelsrouten \u00fcber den Atlantik an wirtschaftlicher Bedeutung einb\u00fc\u00dfte, war Tirol zu einem armen Landstrich geworden. Die Napoleonischen Kriege hatten \u00fcber 20 Jahre lang gew\u00fctet. Das Jahr 1809 ging als <em>Tiroler Heldenzeitalter<\/em> in die Geschichtsschreibung des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts ein, die Folgen des Heldenhaften wurden kaum beleuchtet. Das Kaisertum \u00d6sterreich z\u00e4hlte zwar zu den Siegerm\u00e4chten nach dem Wiener Kongress, die wirtschaftliche Lage war aber erb\u00e4rmlich. Wie nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts waren auch in den Koalitionskriegen viele M\u00e4nner nicht mehr nach Hause zur\u00fcckgekehrt. Die Universit\u00e4t, die junge Aristokraten in den Wirtschaftskreislauf der Stadt zog, wurde erst 1826 wieder er\u00f6ffnet. Anders als Industriestandorte in B\u00f6hmen, M\u00e4hren, Preu\u00dfen oder England war die schwer erreichbare Stadt in den Alpen erst am Anfang der Entwicklung hin zu einem modernen Arbeitsmarkt. Auch der Tourismus steckte noch in den Kinderschuhen und war keine <em>Cash Cow<\/em>. Es ist kein Wunder, dass kaum Geb\u00e4ude im Biedermeier-Stil in Innsbruck erhalten sind. Und dann war da noch ein Vulkan am anderen Ende der Welt, der die Geschicke der Stadt Innsbruck \u00fcber Geb\u00fchr beeinflusste. 1815 war in Indonesien der Tambora ausgebrochen und hatte eine riesige Staub-, Schwefel- und Aschewolke um die Welt geschickt. 1816 ging als <em>Jahr ohne Sommer<\/em> in die Geschichte ein. In ganz Europa kam es zu Wetterkapriolen, \u00dcberschwemmungen und Missernten. Die Alpen, ein ohnehin schwieriger Teil der Erde, um Landwirtschaft zu betreiben, waren davon nicht ausgenommen.<\/p>\n<p>Die wirtschaftlichen Verwerfungen und Preissteigerungen f\u00fchrten zu Not und Elend vor allem in den \u00e4rmeren Teilen der Bev\u00f6lkerung. Die Armenf\u00fcrsorge war im 19. Jahrhundert eine Aufgabe der Gemeinden, f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit der Unterst\u00fctzung wohlhabender B\u00fcrger als M\u00e4zen mit dem Gedanken der christlichen N\u00e4chstenliebe. Staat, Gemeinde, Kirche und die neu entstehende Zivilgesellschaft in Form von Vereinen begannen sich um das Wohl der \u00e4rmsten Bev\u00f6lkerungsteile zu k\u00fcmmern. Es gab Benefizkonzerte, Sammlungen und Spendenaufrufe. \u00a0Die Ma\u00dfnahmen enthielten oft eine aufgekl\u00e4rte Komponente, auch wenn die Mittel zum Zweck heute eigenartig und fremd erscheinen. In Innsbruck trat zum Beispiel eine Bettelordnung in Kraft, die besitzlosen Menschen ein Eheverbot auferlegte. Knapp 1000 B\u00fcrger waren als Almosenbezieher und Bettler klassifiziert.<\/p>\n<p>Als die Not immer gr\u00f6\u00dfer wurde und die Stadtkassen leerer, kam es in Innsbruck zu einer Innovation, die f\u00fcr \u00fcber 100 Jahre Bestand haben sollte: Die <em>Neujahrs-Entschuldigungskarte<\/em>. Auch damals war es Brauch, am ersten Tag des Jahres seine Verwandten zu besuchen, um sich gegenseitig ein <em>Gutes Neues Jahr<\/em> zu w\u00fcnschen. Ebenfalls war es Brauch, dass notleidende Familien und Bettler an die T\u00fcren der wohlhabenden B\u00fcrger klopften, um zu Neujahr um Almosen zu bitten. Mit der Einf\u00fchrung der Neujahrs-Entschuldigungskarte schlug man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Die K\u00e4ufer der Karte konnten institutionalisiert und in geregelten Bahnen ihre \u00e4rmeren Mitglieder, \u00e4hnlich wie es heutzutage mit dem Kauf der Stra\u00dfenzeitung <em>Zwanziger<\/em> m\u00f6glich ist, unterst\u00fctzen. Gleichzeitig diente die Neujahrs-Entschuldigungskarte dazu, sich durch ihren Versand vor den wenig geliebten Pflichtbesuchen bei der Verwandtschaft zu dr\u00fccken. Wer die Karte an seine Haust\u00fcre h\u00e4ngte, signalisierte den Bed\u00fcrftigen auch, dass weiteres Fragen um Almosen nicht von N\u00f6ten sei, da man seinen Beitrag bereits abgedungen hatte. Zu guter Letzt wurden die edlen Spender auch noch in den Medien wohlwollend erw\u00e4hnt, damit jeder sehen konnte, wie sehr sie sich im Namen der N\u00e4chstenliebe um ihre weniger beg\u00fcterten Mitmenschen k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Die Neujahrs-Entschuldigungskarten waren ein voller Erfolg. Bei ihrer Premiere zum Jahreswechsel von 1819 auf 1820 wurden bereits 600 St\u00fcck verkauft. Viele Gemeinden \u00fcbernahmen das Innsbrucker Rezept. In der Zeitschrift \u201e<em>Der Kaiserlich-k\u00f6niglich priviligierte Bothe von und f\u00fcr Tirol und Vorarlberg<\/em>\u201c wurden am 12. Februar die Erl\u00f6se f\u00fcr Bruneck, Bozen, Trient, Rovereto, Schwaz, Imst, Bregenz und Innsbruck ver\u00f6ffentlicht. Auch sonstige Institutionen wie Feuerwehren und Vereine \u00fcbernahmen die gut funktionierende Sitte, um Spenden f\u00fcr ihr Anliegen zu schaffen. Der Bau der Neuen H\u00f6ttinger Pfarrkirche wurde neben Spenden zu einem guten Teil aus den Erl\u00f6sen eigens aufgelegter Entschuldigungskarten finanziert. Die mannigfaltige Gestaltung reichte von christlichen Motiven \u00fcber Portraits bekannter Pers\u00f6nlichkeiten, Amtsgeb\u00e4ude, Neubauten, Sehensw\u00fcrdigkeiten und Kuriosit\u00e4ten. Im Stadtarchiv Innsbruck k\u00f6nnen viele der Designs noch ausgehoben werden.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Klingler, Huter, Retter &#038; Co: Baumeister der Erweiterung&#8220; open=&#8220;on&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Klingler, Huter, Retter &#038; Co: Baumeister der Erweiterung&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53750&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>is heute pr\u00e4gen die Geb\u00e4ude der sp\u00e4ten Monarchie das Stadtbild Innsbrucks. Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gingen als <em>Gr\u00fcnderzeit<\/em> in die \u00f6sterreichische Geschichte ein. Nach einer Wirtschaftskrise 1873 begann sich die Stadt im Wiederaufschwung auszudehnen. Von 1880 bis 1900 wuchs Innsbrucks Bev\u00f6lkerung von 20.000 auf 26.000 Einwohner an. Das 1904 eingemeindete Wilten verdreifachte sich von 4000 auf 12.000. Zwischen 1850 und 1900 wuchs die Anzahl an Geb\u00e4uden innerhalb der Stadt von 600 auf \u00fcber 900 Geb\u00e4ude an, die meisten davon waren anders als die fr\u00fchneuzeitlichen, kleinen Objekte mehrst\u00f6ckige Zinsh\u00e4user. Im Zuge technischer Innovationen ver\u00e4nderte sich auch die Infrastruktur. Gas, Wasser, Elektrizit\u00e4t wurden Teil des Alltags von immer mehr Menschen. Das alte Stadtspital wich dem neuen Krankenhaus. Im Saggen entstanden das Waisenhaus und das Greisenasyl Sieberers.<\/p>\n<p>Die Geb\u00e4ude, die in den jungen Stadtvierteln gebaut wurden, waren ein Spiegel dieser neuen Gesellschaft. Unternehmer, Freiberufler, Angestellte und Arbeiter mit politischem Stimmrecht entwickelten andere Bed\u00fcrfnisse als Untertanen ohne dieses Recht. Ab den 1870er Jahren entstand in Innsbruck ein modernes Banksystem. Die Kreditinstitute wie die 1821 gegr\u00fcndete Sparkasse oder die Kreditanstalt, deren 1910 errichtetes Geb\u00e4ude bis heute wie ein kleiner Palast in der Maria-Theresien-Stra\u00dfe thront, erm\u00f6glichten nicht nur die Aufnahme von Krediten, sondern traten auch selbst als Bauherren auf. Die Zinsh\u00e4user die entstanden, erm\u00f6glichten auch Nicht-Wohnungseigent\u00fcmern ein modernes Leben. Anders als im l\u00e4ndlichen Bereich Tirols, wo Bauernfamilien samt Knechten und M\u00e4gden in Bauernh\u00e4usern im Verbund einer Sippschaft lebten, kam das Leben in der Stadt dem Familienleben, das wir heute kennen, nahe. Der Wohnraum musste dem entsprechen. Der Lifestyle der St\u00e4dter verlangte nach Mehrzimmerwohnungen und freien Fl\u00e4chen zur Erholung nach der Arbeitszeit. Das wohlhabende B\u00fcrgertum bestehend aus Unternehmern und Freiberuflern hatte den Adel zwar noch nicht \u00fcberholt, den Abstand aber verringert. Sie waren es, die nicht nur private Bauprojekte beauftragten, sondern \u00fcber ihre Stellung im Gemeinderat auch \u00fcber \u00f6ffentliche Bauten entschieden.<\/p>\n<p>Die 40 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren f\u00fcr Baufirmen, Handwerker, Baumeister und Architekten eine Art Goldgr\u00e4berzeit. Die Geb\u00e4ude spiegelten die Weltanschauung ihrer Bauherren wider. Baumeister vereinten dabei mehrere Rollen und ersetzten oft den Architekten. Die meisten Kunden hatten sehr klare Vorstellungen, was sie wollten. Es sollten keine atemberaubenden Neukreationen sein, sondern Kopien und Anlehnungen an bestehende Geb\u00e4ude. Ganz im Geist der Zeit entwarfen die Innsbrucker Baumeister nach dem Wunsch der finanziell potenten Auftraggeber die Geb\u00e4ude in den Stilen des Historismus und des Klassizismus sowie des Tiroler Heimatstils. Die Wahl des Stils der beim Bau des Eigenheimes zur Anwendung kam, war oft nicht nur optisches, sondern auch ideologisches Statement des Bauherrn. Liberale bevorzugten meist den Klassizismus, Konservative waren dem Tiroler Heimatstil zugetan. W\u00e4hrend der Heimatstil sich neobarock und mit vielen Malereien zeigte, waren klare Formen, Statuen und S\u00e4ulen stilpr\u00e4gende Elemente bei der Anlage neuer Geb\u00e4ude des Klassizismus. In einem teils w\u00fcsten Stilmix wurden die Vorstellungen, die Menschen vom klassischen Griechenland und dem antiken Rom hatten, verwirklicht. Nicht nur Bahnh\u00f6fe und \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude, auch gro\u00dfe Mietsh\u00e4user und ganze Stra\u00dfenz\u00fcge, sogar Kirchen und Friedh\u00f6fe entstanden entlang der alten Flurwege in diesem Design. Das gehobene B\u00fcrgertum zeigte sein Faible f\u00fcr die Antike mit neoklassizistischen Fassaden. Katholische Traditionalisten lie\u00dfen Heiligenbilder und Darstellungen der Landesgeschichte Tirols in Wandmalereien auf ihren Heimatstilh\u00e4usern anfertigen. W\u00e4hrend im Saggen und Wilten der Neoklassizismus dominiert, finden sich in Pradl Gro\u00dfteils Geb\u00e4ude im konservativen Heimatstil.<\/p>\n<p>Viele Bauexperten r\u00fcmpften lange Zeit die Nase \u00fcber die Bauten der Empork\u00f6mmlinge und Neureichen. Heinrich Hammer schrieb in seinem Standardwerk \u201e<em>Kunstgeschichte der Stadt Innsbruck<\/em>\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eSchon diese erste rasche Erweiterung der Stadt fiel nun freilich in jene bauk\u00fcnstlerisch unfruchtbare Epoche, in der die Architektur, statt eine selbstst\u00e4ndige, zeiteigene Bauweise auszudenken, der Reihe nach die Baustile der Vergangenheit wiederholte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Zeit der gro\u00dfen Villen, die die Adelsansitze vergangener Tage mit b\u00fcrgerlicher Note nachahmten, kam mangels Platzgr\u00fcnden nach einigen wilden Jahrzehnten an ihr Ende. Eine weitere Bebauung des Stadtgebietes mit Einzelh\u00e4usern war nicht mehr m\u00f6glich, zu eng war der Platz geworden. Der Bereich Falkstra\u00dfe \/ G\u00e4nsbachstra\u00dfe \/ Bienerstra\u00dfe gilt bis heute als <em>Villensaggen<\/em>, die Gebiete \u00f6stlich als <em>Blocksaggen<\/em>. In Wilten und Pradl kam es zu dieser Art der Bebauung gar nicht erst gar nicht. Trotzdem versiegelten Baumeister im Goldrausch immer mehr Boden. Albert Gruber hielt zu diesem Wachstum 1907 eine mahnende Rede, in der er vor Wildwuchs in der Stadtplanung und Bodenspekulation warnte.<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist die schwierigste und verantwortungsvollste Aufgabe, welche unsere Stadtv\u00e4ter trifft. Bis zu den 80er Jahren (Anm.: 1880), sagen wir im Hinblick auf unsere Verh\u00e4ltnisse, ist noch ein gewisses langsames Tempo in der Stadterweiterung eingehalten worden. Seit den letzten 10 Jahren jedoch, kann man sagen, erweitern sich die St\u00e4dtebilder ungeheuer rasch. Es werden alte H\u00e4user niedergerissen und neue an ihrer Stelle gesetzt. Nat\u00fcrlich, wenn dieses Niederrei\u00dfen und Aufbauen planlos, ohne jede \u00dcberlegung, nur zum Vorteil des einzelnen Individuums getrieben wird, dann entstehen zumeist Ungl\u00fccke, sogenannte architektonische Verbrechen. Um solche planlose, der Allgemeinheit nicht zum Frommen und Nutzen gereichende Bauten zu verh\u00fcten, mu\u00df jede Stadt daf\u00fcr sorgen, da\u00df nicht der Einzelne machen kann, was er will: es mu\u00df die Stadt dem schrankenlosen Spekulantentum auf dem Gebiete der Stadterweiterung eine Grenze setzen. Hierher geh\u00f6rt vor allem die Bodenspekulation.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine Handvoll Baumeister und das Bauamt Innsbruck begleiteten diese Entwicklung in Innsbruck. Bezeichnet man Wilhelm Greil als B\u00fcrgermeister der Erweiterung, verdient der geb\u00fcrtige Wiener Eduard Klingler (1861 \u2013 1916) wohl den Titel als deren Architekt. Klingler pr\u00e4gte das Stadtbild Innsbrucks in seiner Funktion als Beamter und Baumeister wesentlich mit. 1883 begann er f\u00fcr das Land Tirol zu arbeiten. 1889 trat er zum st\u00e4dtischen Bauamt \u00fcber, das er ab 1902 leitete.\u00a0 In Innsbruck gehen unter anderem die Handelsakademie, die Leitgebschule, der Friedhof Pradl, die Dermatologische Klinik im Klinikareal, der St\u00e4dtische Kindergarten in der Michael-Gaismair-Stra\u00dfe, die <em>Trainkaserne<\/em> (Anm.: heute ein Wohnhaus), die Markthalle und das Tiroler Landeskonservatorium auf Klinglers Konto als Leiter des Bauamtes. Ein sehenswertes Geb\u00e4ude im Heimatstil nach seinem Entwurf ist das Ulrichhaus am Berg Isel, das heute den Alt-Kaiserj\u00e4ger-Club beheimatet.<\/p>\n<p>Das bedeutendste Innsbrucker Baub\u00fcro war <em>Johann Huter &amp; S\u00f6hne<\/em>. Johann Huter \u00fcbernahm die Ziegelei seines Vaters. 1856 erwarb er das erste Firmengel\u00e4nde, die <em>Hutergr\u00fcnde<\/em>, am Innrain. Drei Jahre sp\u00e4ter entstand in der Meranerstra\u00dfe der erste repr\u00e4sentative Hauptsitz. Die Firmeneintragung gemeinsam mit seinen S\u00f6hnen Josef und Peter stellte 1860 den offiziellen Startschuss des bis heute existierenden Unternehmens dar. <em>Huter &amp; S\u00f6hne<\/em> verstand sich wie viele seiner Konkurrenten als kompletter Dienstleister. Eine eigene Ziegelei, eine Zementfabrik, eine Tischlerei und eine Schlosserei geh\u00f6rten ebenso zum Unternehmen wie das Planungsb\u00fcro und die eigentliche Baufirma. 1906\/07 errichteten die Huters ihren eigenen Firmensitz in der Kaiser-Josef-Stra\u00dfe 15 im typischen Stil der letzten Vorkriegsjahre. Das herrschaftliche Haus vereint den Tiroler Heimatstil umgeben von Garten und Natur mit neogotischen und neoromanischen Elementen. Bekannte von <em>Huter &amp; S\u00f6hne<\/em> errichtete Geb\u00e4ude in Innsbruck sind das Kloster der Ewigen Anbetung, die Pfarrkirche St. Nikolaus, das erste Geb\u00e4ude der neuen Klinik und mehrere Geb\u00e4ude am Claudiaplatz. Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs besch\u00e4ftigte die Baufirma mehr als 700 Personen.<\/p>\n<p>Der zweite gro\u00dfe Player war Josef Retter (1872 \u2013 1954). Der geb\u00fcrtige Nieder\u00f6sterreicher mit Tiroler Wurzeln absolvierte eine Maurerlehre bevor er die <em>k.k. Staatsgewerbeschule<\/em> in Wien und die Werkmeisterschule der baugewerblichen Abteilung besuchte. Nach Berufserfahrungen \u00fcber das Gebiet der Donaumonarchie verteilt in Wien, Kroatien und Bozen konnte er dank der Mitgift seiner Ehefrau im Alter von 29 Jahren seine eigene Baufirma mit Sitz in Innsbruck er\u00f6ffnen. Wie Huter beinhaltete auch sein Unternehmen ein S\u00e4gewerk, ein Sand- und Schotterwerk und eine Werkstatt f\u00fcr Steinmetzarbeiten. 1904 er\u00f6ffnete er in der Sch\u00f6pfstra\u00dfe 23a seine Wohn- und B\u00fcrogeb\u00e4ude, das bis heute als <em>Retterhaus<\/em> bekannt ist. Der neugotische, dunkle Bau mit dem markanten Erker mit S\u00e4ulen und einem T\u00fcrmchen wird von einem sehenswerten Mosaik, die eine Allegorie der Architektur darstellt, geschm\u00fcckt. Das Giebelrelief zeigt die Verbindung von Kunst und Handwerk, einem Symbol f\u00fcr den Werdegang Retters. Sein Unternehmen pr\u00e4gte vor allem Wilten und den Saggen. Mit einem Neubau des Akademischen Gymnasiums, dem burg\u00e4hnlichen Schulgeb\u00e4ude f\u00fcr die Handelsakademie, der Evangelischen Christuskirche im Saggen, dem Zelgerhaus in der Anichstra\u00dfe, der Sonnenburg in Wilten und dem neugotischen Schloss Mentlberg am Sieglanger realisierte er viele der bedeutendsten Geb\u00e4ude dieser Epoche in Innsbruck.<\/p>\n<p>Sp\u00e4tberufen aber mit einem \u00e4hnlich praxisorientieren Hintergrund, der typisch f\u00fcr die Baumeister des 19. Jahrhunderts war, startete Anton Fritz 1888 sein Baub\u00fcro. Er wuchs abgelegen in Graun im Vinschgau auf. Nach Stationen als Polier, Stuckateur und Maurer beschloss er mit 36 Jahren die Gewerbeschule in Innsbruck zu besuchen. Talent und Gl\u00fcck bescherten ihm mit der Villa im Landhausstil in der Karmelitergasse 12 seinen Durchbruch als Planer. Seine Baufirma besch\u00e4ftigte zur Bl\u00fctezeit 150 Personen. 1912, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem damit einhergehenden Einbruch der Baubranche, \u00fcbergab er sein Unternehmen an seinen Sohn Adalbert. Das eigene Wohnhaus in der M\u00fcllerstra\u00dfe 4, das Haus Mader in der Glasmalereistra\u00dfe sowie H\u00e4user am Claudiaplatz und dem Sonnenburgplatz z\u00e4hlen zu den Hinterlassenschaften von Anton Fritz.<\/p>\n<p>Mit Carl Kohnle, Carl Albert, Karl Lubomirski und Simon Tommasi hatte Innsbruck weitere Baumeister, die sich mit typischen Geb\u00e4uden des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts im Stadtbild verewigten. Sie alle lie\u00dfen Innsbrucks neue Stra\u00dfenz\u00fcge im architektonisch vorherrschenden Zeitgeist der letzten 30 Jahre der Donaumonarchie erstrahlen. Wohnh\u00e4user, Bahnh\u00f6fe, Amtsgeb\u00e4ude und Kirchen im Riesenreich zwischen der Ukraine und Tirol schauten sich fl\u00e4chendeckend \u00e4hnlich. Nur z\u00f6gerlich kamen neue Str\u00f6mungen wie der Jugendstil auf. In Innsbruck war es der M\u00fcnchner Architekt Josef Bachmann, der mit der Neugestaltung der Fassade des Winklerhauses einen neuen Akzent in der b\u00fcrgerlichen Gestaltung setzte. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges setzte die Baut\u00e4tigkeit aus. Nach dem Krieg war die Zeit des neoklassizistischen Historismus und Heimatstils endg\u00fcltig Geschichte. Die Zeiten waren karger und die Anforderungen an Wohnbau hatte sich ge\u00e4ndert. Wichtiger als eine repr\u00e4sentative Fassade und gro\u00dfe, herrschaftliche R\u00e4ume wurden in der Zeit der Wohnungsnot der kargen, jungen Republik Deutsch\u00f6sterreich leistbarer Wohnraum und moderne Ausstattung mit sanit\u00e4ren Anlagen. Auch die professionellere Ausbildung der Baumeister und Architekten an der k.k. Staatsgewerbeschule trug ihren Teil zu einem neuen Verst\u00e4ndnis des Bauwesens bei als sie die oftmals autodidaktischen Veteranen der Goldgr\u00e4berzeit des Klassizismus hatten. Spazierg\u00e4nge im Saggen und in Teilen von Wilten und Pradl versetzen bis heute zur\u00fcck in die <em>Gr\u00fcnderzeit<\/em>. Der Claudiaplatz und der Sonnenburgplatz z\u00e4hlen zu den eindr\u00fccklichsten Beispielen. Die Baufirma <em>Huter und S\u00f6hne<\/em> existiert bis heute. Das Unternehmen ist mittlerweile im Sieglanger in der Josef-Franz-Huter-Stra\u00dfe, benannt nach dem Firmengr\u00fcnder. Das Wohnhaus in der Kaiser-Josef-Stra\u00dfe tr\u00e4gt zwar nicht mehr den Schriftzug der Firma, ist aber in seiner Opulenz noch immer ein sehenswertes Relikt dieser Zeit, die Innsbrucks \u00c4u\u00dferes f\u00fcr immer ver\u00e4nderte. Neben seinem Wohnhaus in der Sch\u00f6pfstra\u00dfe beherbergt Wilten ein zweites Geb\u00e4ude der Familie Retter. Am Innrain gegen\u00fcber der Uni befindet sich die <em>Villa Retter<\/em>. Josef Retters \u00e4lteste Tochter Maria Josefa, die selbst bei der Reformp\u00e4dagogin Maria Montessori erzogen wurde, er\u00f6ffnete 1932 das erst \u201e<em>Haus des Kindes<\/em>\u201c Innsbrucks. \u00dcber dem Eingang zeigt ein Portrait den M\u00e4zen Josef Retter, die S\u00fcdfassade schm\u00fcckt ein Mosaik im typischen Stil der 1930er Jahre, das auf den urspr\u00fcnglichen Zweck des Geb\u00e4udes hinweist. Ein l\u00e4chelndes, blondes M\u00e4dchen umarmt seine Mutter, die ein Buch in der Hand hat, und seinen Vater, der einen Hammer tr\u00e4gt. Auch die kleine Grabkapelle am Westfriedhof, die als Familiengrabst\u00e4tte der Retters fungiert, ist eine sehenswerte Hinterlassenschaft dieser f\u00fcr Innsbruck bedeutenden Familie.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Wilhelm Greil: DER B\u00fcrgermeister Innsbrucks&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Wilhelm Greil: DER B\u00fcrgermeister Innsbrucks&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53535&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Akteure der Stadtgeschichte war Wilhelm Greil (1850 \u2013 1923). Von 1896 bis 1923 bekleidete der Unternehmer das Amt des B\u00fcrgermeisters, nachdem er vorher bereits als Vizeb\u00fcrgermeister die Geschicke der Stadt mitgestaltet hatte. Es war die Zeit des Wachstums, der Eingemeindung ganzer Stadtviertel, technischer Innovationen und neuer Medien. Die vier Jahrzehnte zwischen der Wirtschaftskrise 1873 und dem Ersten Weltkrieg von einem nie dagewesenen Wirtschaftswachstum und einer rasenden Modernisierung gekennzeichnet. Private Investitionen in Infrastruktur wie Eisenbahn, Energie und Strom waren vom Staat gew\u00fcnscht und wurden steuerlich beg\u00fcnstigt, um die L\u00e4nder und St\u00e4dte der kr\u00e4nkelnden Donaumonarchie in die Moderne zu f\u00fchren. Die Wirtschaft der Stadt boomte. Betriebe in den neuen Stadtteilen Pradl und Wilten entstanden und lockten Arbeitskr\u00e4fte an. Auch der Tourismus brachte frisches Kapital in die Stadt. Die Ansammlung an Menschen auf engstem Raum unter teils prek\u00e4ren Hygieneverh\u00e4ltnissen brachte gleichzeitig aber auch Probleme mit sich. Besonders die Randbezirke der Stadt und die umliegenden D\u00f6rfer wurden regelm\u00e4\u00dfig von Typhus heimgesucht.\u00a0<\/p>\n<p>Die Innsbrucker Stadtpolitik, in der Greil sich bewegte, war vom Kampf liberaler und konservativer Kr\u00e4fte gepr\u00e4gt. Greil geh\u00f6rte der &#8222;<em>Deutschen Volkspartei<\/em>&#8220; an, einer liberalen und national-gro\u00dfdeutschen Partei. Was heute als Widerspruch erscheint, liberal und national, war im 19. Jahrhundert ein politisch \u00fcbliches und gut funktionierendes Gedankenpaar. Der <em>Pangermanismus<\/em> war keine politische Besonderheit einer rechtsradikalen Minderheit, sondern besonders in deutschsprachigen St\u00e4dten des Reiches eine Str\u00f6mung der Mitte, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg durch fast alle Parteien hindurch in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung Bedeutung hatte. Innsbrucker, die auf sich hielten, bezeichneten sich nicht als \u00d6sterreicher, sondern als Deutsche. Wer Ausgaben der liberalen <em>Innsbrucker Nachrichten<\/em> der Zeit rund um die Jahrhundertwende unter die Lupe nimmt, findet unz\u00e4hlige Artikel, in denen das Gemeinsame zwischen dem Deutschen Reich und den deutschsprachigen L\u00e4ndern zum Thema des Tages gemacht wurde, w\u00e4hrend man sich von anderen Volksgruppen innerhalb des multinationalen Habsburgerreiches distanzierte. Greil war ein geschickter Politiker, der sich innerhalb der vorgegebenen Machtstrukturen seiner Zeit bewegte. Er wusste sich um die traditionellen Kr\u00e4fte, die Monarchie und den Klerus geschickt zu man\u00f6vrieren und sich mit ihnen zu arrangieren.\u00a0<\/p>\n<p>Steuern, Gesellschaftspolitik, Bildungswesen, Wohnbau und die Gestaltung des \u00f6ffentlichen Raumes wurden mit Leidenschaft und Eifer diskutiert. Bedingt durch eine Wahlordnung, die auf das Stimmrecht \u00fcber Verm\u00f6gensklassen aufgebaut war, konnten nur etwa 10% der gesamten Innsbrucker Bev\u00f6lkerung zur Wahlurne schreiten. Frauen waren prinzipiell ausgeschlossen. Dabei galt das relative Wahlrecht innerhalb der drei Wahlk\u00f6rper, was so viel hei\u00dft wie: <em>The winner takes it all<\/em>. Greil wohne passenderweise \u00e4hnlich wie ein Renaissancef\u00fcrst. Er entstammte der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Upper Class. Sein Vater konnte es sich leisten, im Palais Lodron in der Maria-Theresienstra\u00dfe die Homebase der Familie zu gr\u00fcnden. Massenparteien wie die Sozialdemokratie konnten sich bis zur Wahlrechtsreform der Ersten Republik nicht durchsetzen. Konservative hatten es in Innsbruck auf Grund der Bev\u00f6lkerungszusammensetzung, besonders bis zur Eingemeindung von Wilten und Pradl, ebenfalls schwer. B\u00fcrgermeister Greil konnte auf 100% R\u00fcckhalt im Gemeinderat bauen, was die Entscheidungsfindung und Lenkung nat\u00fcrlich erheblich vereinfachte. Bei aller Effizienz, die Innsbrucker B\u00fcrgermeister bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung an den Tag legten, sollte man nicht vergessen, dass das nur m\u00f6glich war, weil sie als Teil einer Elite aus Unternehmern, Handelstreibenden und Freiberuflern ohne nennenswerte Opposition und R\u00fccksichtnahme auf andere Bev\u00f6lkerungsgruppen wie Arbeitern, Handwerkern und Angestellten in einer Art gew\u00e4hlten Diktatur durchregierten. Das Reichsgemeindegesetz von 1862 verlieh St\u00e4dten wie Innsbruck und damit den B\u00fcrgermeistern gr\u00f6\u00dfere Befugnisse. Es verwundert kaum, dass die Amtskette, die Greil zu seinem 60. Geburtstag von seinen Kollegen im Gemeinderat verliehen bekam, den Ordensketten des alten Adels erstaunlich \u00e4hnelte.\u00a0<\/p>\n<p>Unter Greils \u00c4gide und dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, angeheizt von privaten Investitionen, erweiterte sich Innsbruck im Eiltempo. Der Gemeinderat kaufte ganz im Stil eines Kaufmanns vorausschauend Grund an, um der Stadt Neuerungen zu erm\u00f6glichen. Der Politiker Greil konnte sich bei den gro\u00dfen Bauprojekten der Zeit auf die Beamten und Stadtplaner Eduard Klingler, Jakob Albert und Theodor Prachensky st\u00fctzen. Infrastrukturprojekte wie das neue Rathaus in der Maria-Theresienstra\u00dfe 1897, die Er\u00f6ffnung der Mittelgebirgsbahn, die Hungerburgbahn und die <em>Karwendelbahn<\/em> wurden w\u00e4hrend seiner Regierungszeit umgesetzt. Weitere gut sichtbare Meilensteine waren die Erneuerung des Marktplatzes und der Bau der Markthalle.\u00a0Neben den prestigetr\u00e4chtigen Gro\u00dfprojekten entstanden in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aber viele unauff\u00e4llige Revolutionen. Vieles, was in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts vorangetrieben wurde, geh\u00f6rt heute zum Alltag. F\u00fcr die Menschen dieser Zeit waren diese Dinge aber eine echte Sensation und lebensver\u00e4ndernd. Bereits Greils Vorg\u00e4nger B\u00fcrgermeister Heinrich Falk (1840 \u2013 1917) hatte erheblich zur Modernisierung der Stadt und zur Besiedelung des Saggen beigetragen. Seit 1859 war die Beleuchtung der Stadt mit Gasrohrleitungen stetig vorangeschritten. Mit dem Wachstum der Stadt und der Modernisierung wurden die Senkgruben, die in Hinterh\u00f6fen der H\u00e4user als Abort dienten und nach Entleerung an umliegende Landwirte als D\u00fcnger verkauft wurden, zu einer Unzumutbarkeit f\u00fcr immer mehr Menschen. 1880 wurde das <em>Raggeln<\/em>, so der Name im Volksmund f\u00fcr die Entleerung der Aborte, in den Verantwortungsbereich der Stadt \u00fcbertragen. Zwei pneumatische Maschinen sollten den Vorgang zumindest etwas hygienischer gestalten. Zwischen 1887 und 1891 wurde Innsbruck mit einer modernen Hochdruckwasserleitung ausgestattet, \u00fcber die auch Wohnungen in h\u00f6her gelegenen Stockwerken mit frischem Wasser versorgt werden konnten. Wer auf sich hielt und es sich leisten konnte, hatte damit erstmals die Gelegenheit eine Sp\u00fcltoilette im Eigenheim zu installieren.\u00a0<\/p>\n<p>Greil setzte diesen Feldzug der Modernisierung fort. Nach jahrzehntelangen Diskussionen wurde 1903 mit dem Bau einer modernen Schwemmkanalisation begonnen. Ausgehend von der Innenstadt wurden immer mehr Stadtteile an diesen heute allt\u00e4glichen Luxus angeschlossen. 1908 waren nur die <em>Koatlackler<\/em> Mariahilf und St. Nikolaus nicht an das Kanalsystem angeschlossen. Auch der neue Schlachthof im Saggen erh\u00f6hte Hygiene und Sauberkeit in der Stadt. Schlecht kontrollierte Hofschlachtungen geh\u00f6rten mit wenigen Ausnahmen der Vergangenheit an. Das Vieh kam im Zug am Sillspitz an und wurde in der modernen Anlage fachgerecht geschlachtet. Greil \u00fcberf\u00fchrte auch das Gaswerk in Pradl und das Elektrizit\u00e4tswerk in M\u00fchlau in st\u00e4dtischen Besitz. Die Stra\u00dfenbeleuchtung wurde im 20. Jahrhundert von den Gaslaternen auf elektrisches Licht umgestellt. 1888 \u00fcbersiedelte das Krankenhaus von der Maria-Theresienstra\u00dfe an seinen heutigen Standort.\u00a0B\u00fcrgermeister und Gemeinderat konnten sich bei dieser<em> Innsbrucker Renaissance <\/em>neben der wachsenden Wirtschaftskraft in der Vorkriegszeit auch auf M\u00e4zen aus dem B\u00fcrgertum st\u00fctzen. Waren technische Neuerungen und Infrastruktur Sache der Liberalen, verblieb die F\u00fcrsorge der \u00c4rmsten weiterhin bei klerikal gesinnten Kr\u00e4ften, wenn auch nicht mehr bei der Kirche selbst. Freiherr Johann von Sieberer stiftete das Greisenasyl und das Waisenhaus im Saggen. Leonhard Lang stiftete das Geb\u00e4ude in der Maria-Theresienstra\u00dfe, in der sich bis heute das Rathaus befindet gegen das Versprechen der Stadt ein Lehrlingsheim zu bauen.\u00a0<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur boomenden Vorkriegs\u00e4ra war die Zeit nach 1914 vom Krisenmanagement gepr\u00e4gt. In seinen letzten Amtsjahren begleitete Greil Innsbruck am \u00dcbergang von der Habsburgermonarchie zur Republik durch Jahre, die vor allem durch Hunger, Elend, Mittelknappheit und Unsicherheit gepr\u00e4gt waren. Er war 68 Jahre alt, als italienische Truppen nach dem Ersten Weltkrieg die Stadt besetzten und Tirol am Brenner geteilt wurde. Das Ende der Monarchie und des Zensuswahlrechts bedeuteten auch den Niedergang der Liberalen in Innsbruck, auch wenn Greil das in seiner aktiven Karriere nur teilweise miterlebte. 1919 konnten die Sozialdemokraten in Innsbruck zwar zum ersten Mal den Wahlsieg davontragen, dank der Mehrheiten im Gemeinderat blieb Greil aber B\u00fcrgermeister. 1928 verstarb er als Ehrenb\u00fcrger der Stadt Innsbruck im Alter von 78 Jahren. Die Wilhelm-Greil-Stra\u00dfe war noch zu seinen Lebzeiten nach ihm benannt worden.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53753&#8243; saved_tabs=&#8220;all&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Politische Polarisierung pr\u00e4gte neben Hunger das Leben der Menschen in den 1920er und 1930er Jahren. Der Zusammenbruch der Monarchie hatte zwar eine Republik hervorgebracht, die beiden gro\u00dfen Volksparteien, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich aber feindselig wie zwei Skorpione gegen\u00fcber. Beide Parteien bauten paramilit\u00e4rische Bl\u00f6cke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Stra\u00dfe mit Gewalt zu untermauern. Der <em>Republikanische Schutzbund<\/em> auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte <em>Heimwehren<\/em>, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie B\u00fcrgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktion\u00e4re beider Seiten hatten im Krieg an der Front gek\u00e4mpft und waren dementsprechend militarisiert. Die <em>Tiroler Heimatwehr<\/em> konnte im l\u00e4ndlichen Tirol dank der Unterst\u00fctzung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zur\u00fcckgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gr\u00fcndung der Republik, marschierten am Ersten gesamt\u00f6sterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrm\u00e4nner durch die Stadt, um ihre \u00dcberlegenheit am h\u00f6chsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Als Mannschaftsquartier der steirischen Truppen diente unter anderem das Stift Wilten. \u00a0<\/p>\n<p>Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anh\u00e4nger gewinnen. 1932 z\u00e4hlte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Ber\u00fcchtigt wurde die sogenannte <em>H\u00f6ttinger Saalschlacht<\/em> vom 27. Mai 1932. H\u00f6tting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser <em>roten<\/em> Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof <em>Goldener B\u00e4r<\/em>, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf, der mit \u00fcber 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten durch eine Stichwunde endete. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.<\/p>\n<p>Nach jahrelangen b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfu\u00df (1892 \u2013 1934) durch und schalteten das Parlament aus. In Innsbruck kam es dabei zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. M\u00e4rz wurde das Parteihaus der <em>Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol<\/em> im <em>Hotel Sonne<\/em> ger\u00e4umt, der -Anf\u00fchrer des Republikanischen Schutzbundes Gustav Kuprian wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen entwaffnet. Das Ziel Dollfu\u00df\u00b4 war die Errichtung des sogenannten <em>\u00d6sterreichischen St\u00e4ndestaats<\/em>, einem Einparteienstaat ohne Opposition unter Beschneidung elementarer Rechte wie Presse- oder Versammlungsfreiheit. In Tirol wurde 1933 die <em>Tiroler Wochenzeitung<\/em> neu gegr\u00fcndet um als Parteiorgan zu fungieren. Der gesamte Staatsapparat sollten analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der <em>Vaterl\u00e4ndischen Front<\/em> geeint werden: Antisozialistisch, autorit\u00e4r, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt, was zur Folge hatte, dass nur noch konservative Gemeinder\u00e4te vertreten waren.<\/p>\n<p>Dollfu\u00df war in Tirol \u00fcberaus popul\u00e4r, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg w\u00e4hrend einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am n\u00e4chsten kam. Sein politischer Kurs wurde von der katholischen Kirche unterst\u00fctzt. Das gab ihm Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die <em>Vaterl\u00e4ndische Front<\/em> mit ihren paramilit\u00e4rischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdr\u00fcckung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zur\u00fcck. Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. 1934 zerst\u00f6rten Mitglieder der Heimwehr das Denkmal des Sozialdemokraten Martin Rapoldi in Kranebitten. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert. Die Artikel glorifizierten das l\u00e4ndliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterst\u00fctzt. Die Geschlechtertrennung an Schulen und die Umgestaltung der Lehrpl\u00e4ne f\u00fcr M\u00e4dchen bei gleichzeitiger vormilit\u00e4rischer Ert\u00fcchtigung der Buben war im Sinn eines gro\u00dfen Teils der Bev\u00f6lkerung. Auch die traditionell orientierte Kulturpolitik, mit der sich \u00d6sterreich als das <em>bessere<\/em> Deutschland unter der antiklerikalen nationalsozialistischen F\u00fchrung positionierte, gefiel dem konservativen Teil der Gesellschaft. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler B\u00fcrgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot f\u00fcr die Habsburger aufheben zu lassen, das unausgesprochene Fernziel der Neuinstallation der Monarchie durch die Christlichsozialen erfreute sich also einer breiten Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Dollfu\u00df ums Leben kam. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle \u00fcber die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. Hitler, der die Anschl\u00e4ge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich, die \u00f6sterreichischen Gruppen der verbotenen Partei wurden dadurch eingeschr\u00e4nkt. In Innsbruck wurde auf \u201e<em>Verf\u00fcgung des Regierungskommiss\u00e4rs der Landeshauptstadt Tirols\u201c<\/em> der Platz vor dem Tiroler Landestheater als <em>Dollfu\u00dfplatz<\/em> gef\u00fchrt. Hier hatte sich Dollfu\u00df bei einer Kundgebung zwei Wochen vor seinem Tod noch mit dem aus Tirol stammenden Heimwehrf\u00fchrer Richard Steidle getroffen. Steidle war selbst mehrmals Opfer politischer Gewalt geworden. 1932 wurde er nach der H\u00f6ttinger Saalschlacht in der Stra\u00dfenbahn attackiert, im Jahr darauf vor seinem Haus in der Leopoldstra\u00dfe Opfer eines Schussattentats. Nach der Machtergreifung durch die NSDAP kam er in das Konzentrationslager Buchenhausen, wo er 1940 starb.<\/p>\n<p>Dollfu\u00df\u00b4 Nachfolger als Kanzler Kurt Schuschnigg (1897 \u2013 1977) war geb\u00fcrtiger Tiroler und Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung <em>Austria<\/em>. Er betrieb lange Zeit eine Rechtsanwaltskanzlei in Innsbruck. 1930 gr\u00fcndete er eine paramilit\u00e4rische Einheit namens <em>Ostm\u00e4rkische Sturmscharen<\/em>, die das Gegengewicht der Christlich-Sozialen zu den radikalen Heimwehrgruppen bildeten. Nach dem Februaraufstand 1934 war er als Justizminister im Kabinett Dollfu\u00df mitverantwortlich f\u00fcr die Hinrichtung mehrerer Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Vor allem wirtschaftlich konnte aber auch der Austrofaschismus das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumrei\u00dfen. Die Wirtschaftskrise, die 1931 auch \u00d6sterreich erreichte und die radikale, populistische Politik der NSDAP befeuerte, schlug hart zu. Die staatlichen Investitionen in gro\u00dfe Infrastrukturprojekte kamen zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschr\u00e4nkung der sozialen F\u00fcrsorge, die zu Beginn der <em>Ersten Republi<\/em>k eingef\u00fchrt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als \u201e<em>Ausgesteuerte<\/em>\u201c ausgeschlossen. Die Armut lie\u00df die Kriminalit\u00e4tsrate ansteigen, \u00dcberf\u00e4lle, Raube und Diebst\u00e4hle h\u00e4uften sich.<\/p>\n<p>Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bem\u00fchungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem gro\u00dfen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation f\u00fcr viele Menschen prek\u00e4r. Eisenbahn, Industrialisierung, Fl\u00fcchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des M\u00f6glichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweith\u00f6chste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise f\u00fcr Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter h\u00e4ufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnbl\u00f6cke und Obdachlosenunterk\u00fcnfte entstanden wie das Wohnheim f\u00fcr Arbeiter in der Amthorstra\u00dfe im Jahr 1907, die Herberge in der Hunoldstra\u00dfe und der Pembaurblock, das gen\u00fcgte aber nicht um der Situation Herr zu werden. Aus dieser Not und Verzweiflung entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackend\u00f6rfer und Siedlungen, gegr\u00fcndet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgeh\u00e4ngten, die im System keinen Platz fanden. Im Kriegsgefangenenlager in der H\u00f6ttinger Au quartierten sich nach dessen Ausmusterung Menschen in den Baracken ein. Die bis heute bekannteste und ber\u00fcchtigtste war die <em>Bocksiedlung<\/em> am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und den Baracken des Konzentrationslagers Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien in Baracken und Wohnw\u00e4gen an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gr\u00fcnderinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Rauth war nicht nur wirtschaftlich, sondern als bekennender Kommunist in Tiroler Lesart auch moralisch arm. Sein Flo\u00df, die <em>Arche Noah<\/em>, mit dem er \u00fcber Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte vor dem Gasthof Sandwirt.<\/p>\n<p>Nach und nach entstand ein Bereich gleicherma\u00dfen am Rand der Stadt wie auch der Gesellschaft, der vom inoffiziellen B\u00fcrgermeister der Siedlung Johann Bock (1900 \u2013 1975) wie eine unabh\u00e4ngige Kommune geleitet wurde. Er regelte die Agenden in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier.<\/p>\n<p>Die <em>Bockala<\/em> hatten einen f\u00fcrchterlichen Ruf unter den braven B\u00fcrgern der Stadt. Bei aller Geschichtsgl\u00e4ttung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren k\u00f6rperliche Gewalt und Kleinkriminalit\u00e4t an der Tagesordnung. \u00dcberm\u00e4\u00dfiger Alkoholkonsum war g\u00e4ngige Praxis. Die Stra\u00dfen waren nicht asphaltiert. Flie\u00dfendes Wasser, Kanalisation und Sanit\u00e4ranlagen gab es ebenso wenig wie eine regul\u00e4re Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prek\u00e4r, was die st\u00e4ndige Gefahr von Seuchen mit sich brachte.<\/p>\n<p>Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Es waren vielfach Menschen, die durch das System fielen, die sich in der Bocksiedlung niederlie\u00dfen. Das falsche Parteibuch zu haben konnte gen\u00fcgen, um im Innsbruck der 1930er keinen Wohnraum ergattern zu k\u00f6nnen. Karl Jaworak, der 1924 ein Attentat auf Bundeskanzler Pr\u00e4lat Ignaz Seipel ver\u00fcbte, lebte nach seiner Haft und Deportation in ein Konzentrationslager w\u00e4hrend des NS-Regimes ab 1958 an der Adresse Reichenau 5a.<\/p>\n<p>Die Ausstattung der Behausungen der Bocksiedlung war ebenso heterogen wie die Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkusw\u00e4gen, Holzbaracken, Wellblechh\u00fctten, Ziegel- und Betonh\u00e4user. Die Bocksiedlung hatte auch keine fixen Grenzen. <em>Bockala<\/em> zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status, der zu einem gro\u00dfen Teil in der Imagination der Bev\u00f6lkerung entstand.<\/p>\n<p>Innerhalb der Siedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten H\u00e4user und W\u00e4gen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgerg\u00e4rten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan.<\/p>\n<p>Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges versch\u00e4rften die Wohnsituation in Innsbruck und lie\u00dfen die <em>Bocksiedlung<\/em> wachsen. Um die 50 Unterk\u00fcnfte sollen es am H\u00f6hepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafpl\u00e4tze genutzt, nachdem die letzten inhaftierten Nationalsozialisten, die dort verwahrt wurden, verlegt oder freigelassen worden waren, allerdings z\u00e4hlte das KZ nicht zur Bocksiedlung im engeren Sinn.<\/p>\n<p>Der Anfang vom Ende waren die Olympischen Spielen von 1964 und ein Brand in der Siedlung ein Jahr zuvor. B\u00f6se Zungen behaupten, dieser sei gelegt worden, um die R\u00e4umung zu beschleunigen.\u00a0 1967 verhandelten B\u00fcrgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erz\u00e4hlungen nach in alkoholgeschw\u00e4ngerter Atmosph\u00e4re, \u00fcber das weitere Vorgehen und Entsch\u00e4digungen seitens der Gemeinde f\u00fcr die R\u00e4umung. 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer M\u00e4ngel ger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Viele ehemalige Bewohner der <em>Bocksiedlung<\/em> wurden nach den Olympischen Spielen in st\u00e4dtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und im <em>O-Dorf<\/em> einquartiert. Die Sitten der <em>Bocksiedlung<\/em> lebten noch einige Jahre fort, was den schlechten Ruf der st\u00e4dtischen Wohnbl\u00f6cke dieser Stadtviertel bis heute ausmacht.<\/p>\n<p>Eine Aufarbeitung dessen, was von vielen Historikern als <em>Austrofaschismus<\/em> bezeichnet wird, ist in \u00d6sterreich bisher kaum passiert. So sind in der Kirche St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens noch Bilder mit Dollfu\u00df als Besch\u00fctzer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. In vielen Belangen reicht das Erbe der gespaltenen Situation der Zwischenkriegszeit in die Gegenwart. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverb\u00e4nde, Rettungsgesellschaften und Alpinverb\u00e4nde, deren Wurzeln in diese Zeit zur\u00fcckreichen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und m\u00fchsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv f\u00fcr das Buch \u201e<em>Bocksiedlung. Ein St\u00fcck Innsbruck<\/em>\u201c des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][et_pb_toggle title=&#8220;Andreas Hofer und die Tiroler Erhebung von 1809&#8243; open_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; open_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; closed_toggle_text_color=&#8220;#e09900&#8243; closed_toggle_background_color=&#8220;#ffffff&#8220; icon_color=&#8220;#e09900&#8243; open_icon_color=&#8220;#e09900&#8243; admin_label=&#8220;Andreas Hofer und die Tiroler Erhebung von 1809&#8243; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; title_text_color=&#8220;#e09900&#8243; title_font_size=&#8220;18px&#8220; border_radii=&#8220;on|5px|5px|5px|5px&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; global_module=&#8220;53390&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Die Zeit der Napoleonischen Kriege bescherte dem Land Tirol ein nationales Epos und mit Andreas Hofer einen Helden, dessen Glanz bis in die heutige Zeit strahlt. Subtrahiert man allerdings die sorgsam konstruierte Legende vom Tiroler Aufstand gegen die Fremdherrschaft, war die Zeit vor und nach 1809 ein dunkles Kapitel in der Innsbrucker Stadtgeschichte, gepr\u00e4gt von wirtschaftlichen N\u00f6ten, Kriegsverheerung und mehreren Pl\u00fcnderungen. Das K\u00f6nigreich Bayern war w\u00e4hrend der Napoleonischen Kriege mit Frankreich verb\u00fcndet und konnte in mehreren Auseinandersetzungen zwischen 1796 und 1805 das Land Tirol von den Habsburgern \u00fcbernehmen. Innsbruck war nicht mehr Hauptstadt eines Kronlandes, sondern nur noch eine von vielen Kreishauptst\u00e4dten der Verwaltungseinheit <em>Innkreis<\/em>. Einnahmen aus Maut und Zoll sowie auf das Haller Salz verlie\u00dfen das Land Richtung Norden. Die britische Kolonialsperre gegen Napoleon hatte zur Folge, dass der stets florierende und Wohlstand bringende Innsbrucker Fernhandel und das Transportwesen als Wirtschaftszweige einbrachen. Innsbrucker B\u00fcrger mussten bayerische Soldaten in ihren H\u00e4usern einquartieren. Die Aufhebung der Tiroler Landesregierung, des Guberniums und des Tiroler Landtags bedeuteten aber nicht nur den Verlust von Status, sondern auch von Arbeitspl\u00e4tzen und finanziellen Mitteln. Ganz vom Geist der Aufkl\u00e4rung, der Vernunft und der Franz\u00f6sischen Revolution beseelt, machten sich die neuen Landesherren daran, die althergebrachte Ordnung umzukrempeln. W\u00e4hrend die Stadt, wie es zu jeder Zeit ist, unter dem Kriegstreiben finanziell litt, er\u00f6ffneten sich gesellschaftspolitisch durch den Umbruch neue M\u00f6glichkeiten. <em>Der Krieg ist der Vater aller Dinge<\/em>, vielen B\u00fcrgern kam der frische Wind nicht ungelegen. Moderne Gesetze wie die <em>Gassen-S\u00e4uberungs-Ordnung<\/em> oder eine verpflichtende Pockenimpfung sollten Sauberkeit und Gesundheit in der Stadt zutr\u00e4glich sein. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts verstarb noch immer eine betr\u00e4chtliche Anzahl von Menschen an Krankheiten, die auf mangelnde Hygiene und verseuchtem Trinkwasser zur\u00fcckzuf\u00fchren waren. Ein neues Steuersystem wurde eingef\u00fchrt und die Befugnisse des Adels weiter verringert. Die bayerische Verwaltung erlaubt das 1797 verbotene Vereinswesen wieder. Auch das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der Kirche aus dem Bildungswesen gefiel liberalen Innsbruckern. So wurde der Benediktinerpater und sp\u00e4tere Mitbegr\u00fcnder des Musikvereins Innsbrucks Martin Goller wurde nach Innsbruck berufen, um die musikalische Ausbildung zu forcieren.<\/p>\n<p>Diese Reformen behagten einem gro\u00dfen Teil der Tiroler Bev\u00f6lkerung nicht. Katholische Prozessionen und religi\u00f6se Feste fielen dem aufkl\u00e4rerischen Programm der neuen Landesherren zum Opfer. 1808 wurde vom bayerischen K\u00f6nig f\u00fcr seinen gesamten Herrschaftsbereich das Gemeindeedikt eingef\u00fchrt. Die Untertanen wurden darin verpflichtet \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude, Brunnen, Wege, Br\u00fccken und andere Infrastruktur in Stand zu halten. F\u00fcr die Tiroler Bauern, die seit Jahrhunderten von Fronarbeit gr\u00f6\u00dftenteils befreit waren, bedeutete das eine zus\u00e4tzliche Belastung und war ein Affront gegen ihren Standesstozl. Der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte, war die Aushebung junger M\u00e4nner zum Dienst in der bayrisch-napoleonischen Armee, obwohl Tiroler seit dem <em>Landlibell<\/em>, einem Gesetz Kaiser Maximilians, nur f\u00fcr die Verteidigung der eigenen Grenzen herangezogen werden durften. Am 10. April kam es bei einer Aushebung in Axams bei Innsbruck zu einem Tumult, der schlie\u00dflich zu einem Aufstand f\u00fchrte. <em>F\u00fcr Gott, Kaiser und Vaterland<\/em> kamen Abteilungen der Tiroler Landesverteidigung zusammen, um den kleinen Armeeteil und die Verwaltungsbeamten der Bayern aus Innsbruck zu vertreiben. Angef\u00fchrt wurden die Sch\u00fctzen von Andreas Hofer (1767 \u2013 1810), einen Wirt, Wein- und Pferdeh\u00e4ndler aus dem S\u00fcdtiroler Passeiertal bei Meran. Ihm zur Seite standen nicht nur weitere Tiroler wie Pater Haspinger, Peter Mayr und Josef Speckbacher, sondern im Hintergrund auch der Habsburger Erzherzog Johann.<\/p>\n<p>In Innsbruck angekommen pl\u00fcnderten die Sch\u00fctzen nicht nur offizielle Einrichtungen. Wie bereits beim Bauernaufstand unter Michael Gaismair war der Heldenmut nicht nur von Adrenalin, sondern auch von Alkohol befl\u00fcgelt. Der wilde Mob war f\u00fcr die Stadt wohl sch\u00e4dlicher als die bayrischen Verwalter seit 1805. Vor allem gegen b\u00fcrgerliche Damen und den kleinen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungsanteil Innsbrucks kam es zu heftigen Ausschreitungen der \u201eBefreier\u201c.<\/p>\n<p>Im Juli 1809 hatten Bayern und Franzosen die Kontrolle \u00fcber Innsbruck nach dem mit den Habsburgern geschlossenen <em>Frieden von Znaim<\/em>, der vielen bis heute als Wiener Verrat am Land Tirol gilt, zur\u00fcckerlangt. Was nun folgte, war das, was als <em>Tiroler Erhebung<\/em> unter Andreas Hofer, der mittlerweile das Oberkommando \u00fcber die Tiroler Landesverteidigung \u00fcbernommen hatte, in die Geschichtsb\u00fccher eingehen sollte. Insgesamt drei Mal konnten die Tiroler Aufst\u00e4ndischen den Sieg vom Schlachtfeld tragen. Besonders bekannt ist die 3. Schlacht im August 1809 am Berg Isel. \u201e<em>Innsbruck sieht und h\u00f6rt, was es noch nie geh\u00f6rt und gesehen: eine Schlacht von 40.000 Kombattanten\u2026<\/em>\u201c F\u00fcr kurze Zeit war Andreas Hofer in Ermangelung regul\u00e4rer Tatsachen Oberkommandant Tirols, auch f\u00fcr zivile Angelegenheiten. Finanziell \u00e4nderte sich die missliche Lage Innsbrucks nicht. Anstelle der bayerischen und franz\u00f6sischen Soldaten mussten die Stadtb\u00fcrger nun ihre Landsleute aus dem Bauernregiment beherbergen und verk\u00f6stigen und Abgaben f\u00fcr die neue Landesregierung entrichten. Besonders die liberalen und verm\u00f6genden Eliten der Stadt waren nicht gl\u00fccklich mit den neuen Stadtherren. Die von ihm als Landeskommandant erlassenen Verordnungen erinnern eher an einen Gottesstaat als ein Gesetzwerk des 19. Jahrhunderts. Frauen durften nur noch z\u00fcchtig verh\u00fcllt auf die Stra\u00dfe gehen, Tanzveranstaltungen wurden verboten und freiz\u00fcgige Denkm\u00e4ler wie die am <em>Leopoldsbrunnen<\/em> zu besichtigenden Nymphen wurden aus dem \u00f6ffentlichen Raum verbannt. Bildungsagenden sollten wieder an den Klerus gehen. Liberale und Intellektuelle wurden verhaftet, daf\u00fcr wurde das <em>Rosenkranzbeten<\/em> zum Gebot. Am Ende gab es im Herbst 1809 in der vierten und letzten Schlacht am Berg Isel eine empfindliche Niederlage gegen die franz\u00f6sische \u00dcbermacht. Die Regierung in Wien hatte die Tiroler Aufst\u00e4ndischen vor allem als taktischen Prellbock im Krieg gegen Napoleon benutzt. Bereits zuvor hatte der Kaiser das Land Tirol offiziell im Friedensvertrag von Sch\u00f6nbrunn wieder abtreten m\u00fcssen. Innsbruck war zwischen 1810 und 1814 wieder unter bayrischer Verwaltung. Auch die Bev\u00f6lkerung war nur noch m\u00e4\u00dfig motiviert, Krieg zu f\u00fchren. Wilten wurde von den Kampfhandlungen stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Dorf schrumpfte von \u00fcber 1000 Einwohnern auf knapp 700. Hofer selbst war zu dieser Zeit bereits ein von der Belastung dem Alkohol gezeichneter Mann. Er wurde gefangengenommen und am 20. Januar 1810 in Mantua hingerichtet. Zu allem \u00dcberfluss wurde das Land geteilt. Das Etschtal und das Trentino wurden Teil des von Napoleon aus dem Boden gestampften K\u00f6nigreich Italien, das Pustertal wurde den franz\u00f6sisch kontrollierten <em>Illyrischen Provinzen<\/em> angeschlossen.<\/p>\n<p>Der \u201e<em>Freiheitskampf<\/em>\u201c symbolisiert bis heute f\u00fcr das Tiroler Selbstverst\u00e4ndnis. Lange Zeit galt Andreas Hofer als unumstrittener Held und als Prototyp des wehrhaften, vaterlandstreuen und standhaften Tirolers. Der Underdog, der sich gegen die fremde \u00dcbermacht und unheilige Sitten wehrte. Tats\u00e4chlich war Hofer wohl ein charismatischer Anf\u00fchrer, ein politisch aber unbegabter und konservativ-klerikaler, simpler Geist. Seine Taktik bei der 3. Schlacht am Berg Isel \u201e<em>Grad nit aufferlassen tiat sie<\/em>\u201c (Ann.: Ihr d\u00fcrft sie nur nicht heraufkommen lassen) fasst sein Wesen wohl ganz gut zusammen. In konservativen Kreisen Tirols wie den Sch\u00fctzen wird Hofer unkritisch und kultisch verehrt. Das Tiroler Sch\u00fctzenwesen ist gelebtes Brauchtum, das sich zwar modernisiert hat, in vielen dunklen Winkeln aber noch reaktion\u00e4r ausgerichtet ist. Wiltener, Amraser, Pradler und H\u00f6ttinger Sch\u00fctzen marschieren immer noch eintr\u00e4chtig neben Klerus, Trachtenvereinen und Marschmusikkapellen bei kirchlichen Prozessionen und schie\u00dfen in die Luft, um alles \u00dcbel von Tirol und der katholischen Kirche fernzuhalten. \u00dcber die Stadt verteilt erinnern viele Denkm\u00e4ler an das Jahr 1809. Die zweite H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts erfuhr eine Heroisierung der K\u00e4mpfer, die als deutsches Bollwerk gegen fremde V\u00f6lkerschaften charakterisiert wurden. Der Berg Isel wurde der Stadt f\u00fcr die Verehrung der Freiheitsk\u00e4mpfer vom Stift Wilten, der katholischen Instanz Innsbrucks, zur Verf\u00fcgung gestellt. Andreas Hofer und seinen Mitstreitern Josef Speckbacher, Peter Mayer, Pater Haspinger und Kajetan Sweth wurden im Stadtteil Wilten, das in der Zeit des gro\u00dfdeutsch-liberal dominierten Gemeinderats 1904 zu Innsbruck kam und lange unter der Verwaltung des Stiftes gestanden hatte, Stra\u00dfennamen gewidmet. Das kurze Rote Gassl im alten Kern von Wilten erinnert an die Tiroler Sch\u00fctzen, die, in ihnen wohl f\u00e4lschlich nachgesagten roten Uniformen, dem siegreichen Feldherrn Hofer nach dem Sieg in der zweiten Berg Isel Schlacht an dieser Stelle in Massen gehuldigt haben sollen. In Tirol wird Andreas Hofer bis heute gerne f\u00fcr alle m\u00f6glichen Initiativen und Pl\u00e4ne vor den Karren gespannt. Vor allem im Nationalismus des 19. Jahrhunderts berief man sich immer wieder auf den verkl\u00e4rten Helden Andreas Hofer. Hofer wurde \u00fcber Gem\u00e4lde, Flugbl\u00e4tter und Schauspiele zur Ikone stilisiert. Aber auch heute noch kann man das Konterfei des Obersch\u00fctzen sehen, wenn sich Tiroler gegen unliebsame Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung, den Transitbestimmungen der EU oder der FC Wacker gegen ausw\u00e4rtige Fu\u00dfballvereine zur Wehr setzen. Das Motto lautet dann \u201e<em>Mannder, s\u00b4isch Zeit<\/em>!\u201c. Die Legende vom wehrf\u00e4higen Tiroler Bauern, der unter Tags das Feld bestellt und sich abends am Schie\u00dfstand zum Scharfsch\u00fctzen und Verteidiger der Heimat ausbilden l\u00e4sst, wird immer wieder gerne aus der Schublade geholt zur St\u00e4rkung der \u201eechten\u201c Tiroler Identit\u00e4t. Die Feiern zum Todestag Andreas Hofers am 20. Februar locken bis heute regelm\u00e4\u00dfig Menschenmassen aus allen Landesteilen Tirols in die Stadt. Erst in den letzten Jahrzehnten setzte eine kritische Betrachtung des erzkonservativen und mit seiner Aufgabe als Tiroler Landeskommandanten wohl \u00fcberforderten Sch\u00fctzenhauptmanns ein, der angestachelt von Teilen der Habsburger und der katholischen Kirche nicht nur Franzosen und Bayern, sondern auch das liberale Gedankengut der Aufkl\u00e4rung vehement aus Tirol fernhalten wollte.<\/p>\n<p>[\/et_pb_toggle][\/et_pb_column][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul-Hofhaimer-Gasse 6<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":66908,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","wds_primary_category":0,"footnotes":""},"categories":[39,83,81,15,140,54],"tags":[],"class_list":["post-66887","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-andreas-hofer-und-die-tiroler-erhebung-von-1809","category-die-zeit-des-austrofaschismus","category-eduard-klingler-der-baumeister-der-erweiterung","category-innenstadt-2","category-romantik-sonnenlose-sommer-und-entschuldigungskarten","category-wilhelm-greil-der-buergermeister-innsbrucks"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66887"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66887\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/66908"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66887"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.discover-innsbruck.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}