Der socialdemokratische Wählerverein in Wilten
Erschienen: Innsbrucker Nachrichten / 7. November 1898
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Josef Prachensky war einer der Vorreiter der Sozialdemokratie in Innsbruck. Auf einer Veranstaltung referierte er zu den Verhältnissen in der Wiltener Schule.
Der socialdemokratische Wählerverein in Wilten
Der socialdemokratische Wählerverein in Wilten hielt am Sonntag in der Restauration zum Fischnaller eine Versammlung, in welcher der Referent Holzhammer den Unterschied und die Berührungspuncte der Socialdemokraten und Anarchisten auseinandersetzte. Nachdem er aus geführt und dargethan hatte, dass die Socialdemokraten, welche die Anwendung von Gewaltmitteln verabscheuen, mit den Anarchisten der That nicht nur nichts gemein, sondern alle Ursache haben, diese als ihre grimmigsten und schädlichsten Gegner anzusehen, weil dieselben den herrschenden Classen Gelegenheit bieten, aus den Gewaltthaten der Anarchisten Waffen gegen die Socialdemokraten zu schmieden, unterzog er das Programm der theoretischen Anarchisten einer Kritik und wies nach, dass diese Partei überhaupt nicht mehr den Namen Anarchisten verdiene, weil sie die Ordnung in dem von ihnen gedachten Staatswesen auf die Gemeinsamkeit des Vorgehens der Productions-Genossenschaften aufbauen, deren Mitglieder durch gegenseitige Verträge verpflichtet werden sollen, sich den Beschlüssen der Majorität zu fügen. Da nun die Gesetze nichts anderes sind oder sein, sollen als der in bestimmten Normen zum Ausdruck gebrachte Volkswille, so kann von einer Gesetzlosigkeit im geplanten Staat der theoretischen Anarchisten nicht die Rede sein. Manche ihrer Forderungen gleichen im Princip völlig denen der Socialdemokraten und einige davon wie z. B. die Verstaatlichung der meisten Verkehrswege und Verkehrsmittel (Eisenbahnen, Post, Telegraph, Tramway) sind sogar schon im heutigen Staate verwirklicht und eine Menge andere wie Wasserversorgung, Straßenreinigung, Beleuchtung sind vielerorten, wo es nicht schon geschehen ist, im Begriff verwirklicht zu werden. Daß dies so rasch als möglich geschehe und überhaupt alle Productionsmittel welch immer für Art in den Besitz des Staates übergehen und jedermann sein Wohl im Wohl des Ganzen suche, das ist das Programm der Socialdemokraten, während die verruchten Anarchisten der That überhaupt kein Programm haben und jedwede Unterwerfung des Einzelnen zum Wohl der Gesellschaft verneinen. Nachdem der Referent für diese seine Ausführungen mit reichem Beifall belohnt worden war, brachte der Referent Prachensky die Schulverhältnisse in Wilten zur Sprache, um durch die öffentliche Behandlung die dort herrschenden Missstände beseitigen zu helfen. Prachensky wies zunächst auf die Ueberfüllung dieser Schule hin, wodurch der Unterricht so zu Schaden komme, dass hier mehr Kinder in ein und derselben Classe länger als ein Jahr sitzenbleiben müssen, als dies in anderen Schulen der Fall ist. Wilten, welches derzeit 9000 Einwohner hat, hat bloß eine einzige Schule, während Innsbruck mit seinen 25000 Einwohnern nicht weniger als sechs Schulen aufweist. Das ist ein schreiendes Missverhältnis und verlangt dringend eine Abhilfe, auf welche die arme Bevölkerung, welche nicht in der Lage ist, ihre Kinder ins Pädagogium zu schicken, geradezu ein Recht hat, zumal die reiche Gemeinde in der glücklichen Lage ist, hier Abhilfe zu schaffen. Der Redner tadelt ferner, dass die Gemeinde zur Bestreitung der Lehrmittel für arme Kinder so gut wie nichts thue, da der dafür ausgeworfene Betrag von 80 fl. ganz unzulänglich ist. Ein weiterer von der Partei des Redners beanständeter Nachtheil liege in der Thatsache, dass der Religionsunterricht in der Mädchenschule auf Kosten der übrigen Lehrfächer erweitert werde. Seit Beginn des Schuljahres sind erst 45 Tage verflossen und doch halte man im Katechismus bereits auf Seite 41. Die Kinder wären nicht im Stande einen so großen Stoff in so kurzer Zeit zu bewältigen, wenn die Schulschwestern nicht vor Beginn der Religionsstunde die Kinder auf diese vorbereiteten und den Unterricht verkürzten. Zum Schlusse bringt der Redner noch die schlechte Besoldung der Lehrer zur Sprache und verlangt, dass die Gemeinde ihre Lehrer anständig bezahle, damit sie sich sorglos ihrem schweren und eminent wichtigen Dienste hingeben können. Während in Innsbruck kein einziger Lehrerunter 100″ fl.Gehalt bezieht, hat im mindesten ebenso theueren Wilten erst der Schulleiter, welcher bereits *6 Dienstjahre hinter sich hat. 1000 fl. Die übrigen Lehrer haben wesentlich weniger Gehalt und man kann sich leicht denken, mit welchen Sorgen sie an die Arbeit gehen müssen. Die Kinder sind das kostbarste Gut der Bevölkerung, und die Volksschulbildunq ist das einzige, was die armen Eltern ihren Kindern für den harten Kampf um das Dasein mit auf den Weg geben können; Redner beantragt daher, die Partei möge dahin wirken, dass die Wiltener Lehrer ebenso besoldet werden, wie die von Innsbruck. Ueber den ganzen Complex der Schulfrage knüpfte sich eine längere Debatte, die schließlich damit endete, dass der Ausschuss mit dem Studium der ganzen Angelegenheit betraut wurde, um für den Fall, als der Appell an die Oeffentlichkeit fruchtlos bleiben oder die Forderungen nur mit halben Maßregeln beantwortet würden, in einer großen Volksversammlung eingehend zu erörtern und Mittel und Wege ausfindig zu machen, um den gerügten Uebelständen endlich ein Ziel zu setzen und zeitgemäße Reformen zu erzwingen. Dieser Antrag wurde mit großem Beifalle einstimmig angenommen, worauf interne Vereinsangelegen heilen und Anträge zur Verhandlung kamen