Goldenes Dachl

Herzog-Friedrich-Straße

Als Innsbruck an Bedeutung für das Land Tirol zunahm, ließ Landesfürst Friedrich IV. um 1420 den Neuhof an der Stelle des heutigen Goldenen Dachls erbauen, um seine Innsbrucker Residenz von der Andechser Burg dorthin umzusiedeln. Seinem Nachfolger als Landesfürst Tirols Kaiser Maximilian war der Neuhof zu klein. Der Hofstaat des Kaisers war um einiges größer als der des Landesfürsten. Er siedelte in die Hofburg um, die mehr Platz bot. Den prunkvollen Erker mit seinen 2657 vergoldeten Schindeln, das heutige Goldene Dachl, ließ er an den Neuhof anbauen, um einen Platz zu haben, von dem aus er dem Geschehen am Stadtplatz folgen konnte. Wo sich heute Brautleute an ihrem schönsten Tag ablichten lassen, fanden zu Zeiten Maximilians Ritterturniere statt. Gleichzeitig war der Erker ein Zeichen der landesfürstlichen Macht im Herzen der Stadt. Die Reliefs unter dem Erker zeigen die Gebiete, über die Maximilian herrschte. Von links nach rechts werden die Wappen Österreichs, Ungarns, des Heiligen Römischen Reichs, Deutschlands, Burgunds, Mailands, der Steiermark und Tirols von Rittern und Tierfiguren bewacht.

Hofbaumeister Türing war der ausführende Architekt des Gebäudes. Der Erker wurde mit Szenen aus dem mittelalterlichen, höfischen Leben verziert, ganz nach dem Geschmack Maximilians. Dafür zuständig war Maximilians Hofmaler Jörg Kölderer, der viele Gebäude und Räume, die rund um 1500 entstanden, mit seiner Kunst schmückte. Auch das Jagdbuch, das Fischereibuch und das Zeugbuch, das das Treiben rund um die Waffenproduktion im Zeughaus zeigt, stammen aus seiner Feder. Die Reliefs auf der Vorderseite zeigen den Kaiser mit seinen beiden Ehefrauen Maria von Burgund und Bianca Maria Sforza. Interessant dabei ist das Erscheinungsbild der beiden Frauen. Die Hochzeit mit Maria von Burgund wurde von Maximilian stets als Liebeshochzeit dargestellt, seine zweite Ehefrau soll er eher geschäftsmäßig geheiratet haben. Während die erste Ehefrau Maria von Burgund züchtig und mit Haube ihr Haar verhüllend dargestellt wird, wallen die Locken der Mailänderin Bianca Maria Sforza weit hinab. Maria von Burgund war als junge, schöne Frau bei einem Reitunfall gestorben. Sie schenkte den Habsburgern im großen Wandel rund um 1500 mit Karl und Ferdinand generationsübergreifend gleich zwei Kaiser. Für Maximilian und den ausführenden Künstler war sie die idealisierte und verklärte Frau, als die sie am Goldenen Dachl bis heute zu sehen ist. Einige Figuren und Reliefs geben Forschern bis heute Rätsel auf. Eines davon, die Geheimschrift, die am Band hinter den Tänzern und Personen auf den oberen Reliefplatten zu sehen ist, wurde erst 2020 entschlüsselt. Die Zeichen geben verschlüsselt Folgendes zu verstehen: “Ego sum lux mundi qui sequitur me non ambulabit in tenebris sed habebit lucem vitae dicit dominus”, übersetzt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in Finsternis wandeln, sondern wird im Licht wohnen, so spricht der Herr.“ An der Decke unter dem Erker befinden sich putzige Figuren, einige davon in für das 16. Jahrhundert wohl anzüglicher Pose. Unter dem Erker auch eine Gedenktafel für den verurteilten und hingerichteten Jakob Hutter zu sehen.

Das Gebäude, dessen Teil der Prunkerker ist, wurde 1780 zu einer Kaserne. 1822 erhielt die Fassade während eines Umbaus zum Mietshaus ihr heutiges Aussehen. Heute kann man im Goldenen Dachl ein kleines Museum besuchen, das sich um die Stadtgeschichte Innsbrucks und Maximilian dreht. Im Goldenen Dachl befindet sich auch das Innsbrucker Standesamt, in dem sich Innsbrucker Paare bis heute das Ja-Wort geben. Besonders malerisch ist der Platz vor dem Prunkerker zur Weihnachtszeit, wenn der Christkindlmarkt samt Christbaum aufgebaut wird.

Der Innsbrucker Hexenprozess von 1485

Das Mittelalter wird oft als dunkles Zeitalter der Menschheit dargestellt. Die ungebildete Bevölkerung trägt in Filmen für gewöhnlich graue Kleidung, Klerus und Aristokratie sind egoistische Machthaber ohne Sinn für das allgemeine Wohl. Diese Darstellung ist natürlich nicht korrekt. Weder war das Mittelalter eine triste Epoche, tatsächlich war die Zeit bis 1500 sogar ausgesprochen farbenfroh, noch war sie von Gesetzlosigkeit und Willkür geprägt, wie ein berühmtes Beispiel aus Innsbruck beweist. Unter dem Landesfürsten Sigmund spielte sich 1485 eine Kuriosität ab, die große Auswirkungen auf ein finsteres Kapitel der europäischen Geschichte der nächsten Jahrhunderte haben sollte. Es war die Zeit, in der Innsbruck als Residenzstadt überdurchschnittlich wuchs. Beamte, Soldaten, Händler und anderes fremdes Volk erregte Unsicherheit, ebenso wie die vielen gesellschaftlichen Veränderungen die sich zutrugen. Trotzdem war Innsbruck noch immer klein genug, dass jeder jeden kannte. Neid und Missgunst waren Teil des Alltags. Streitigkeiten und Unpässlichkeiten über Denunziation zu regeln, war auch damals ein von einigen Mitbürgern gerne in Anspruch genommenes Mittel. Der Inquisitor Heinrich Kramer, Autor des Hexenhammers, unternahm in diesem Innsbruck einen ersten Versuch eines Hexenprozesses. Kramer war ein frauenfeindlicher, abergläubischer, vom Glauben an den Teufel und die Apokalypse getriebener, unglücklicherweise vom Papst mit einer Vollmacht zur Hexenjagd ausgestatteter religiöser Eiferer. Er war im Elsass geboren, damals ein Teil der Habsburgermonarchie.  Ähnlich einem Schausteller zog er als wandernder Inquisitor durch die deutschen Länder. In Predigten rund um das Thema Magie und Hexerei legte er dar, Magisches wie Liebes- oder Krankheitszauber, Flüche, Teufelsanbetung, Beschwörung, Gotteslästerung magische Artefakte wie Knochen ungetaufter Kinder, Holzsplitter eines Galgens – die Verdachtsmomente und Gründe, wegen derer man der Hexerei angeklagt werden konnte im Innsbruck des 15. Jahrhunderts waren mannigfaltig. Es gab im Aberglauben der Menschen schwarze, also schädliche, und weiße, helfende Magie. Heilige wurden um Beistand gebeten, Flüche hingegen gefürchtet. Prozessionen und Gebete sollten helfen, dem Teufel und der Verdammung als Endgegner im Leben nach dem Tod zu entgehen. Schädliche Gegenstände wie Knochensplitter Ungetaufter oder Holzstücke eines Galgens brachten Unglück. Wer die Menschen des Mittelalters aus heutiger Sicht für Hinterwäldler hält, beobachte moderne Sportler, die sich vor dem Wettkampf bekreuzigen oder ertappe sich selbst dabei, an Glücksbringer zu glauben, bevor er sich ein Urteil bildet. Die Umstände waren andere. Nahrungsmittel waren dauerhaft krank, was zum vermehrten Auftreten von Krankheiten und Missbildungen aller Art führten. Die Sterblichkeit bei Kindern bis zum Alter von 10 Jahren lag bei annähernd 50%. Medizinische Versorgung im heutigen Sinne war nicht vorhanden, was bereits kleine Beschwerden zu einem großen Leiden machen konnte. Wetterberichte, anhand derer Bauern ihre Tätigkeit hätten ausrichten können, gab es ebenfalls nicht. Krankheiten, Schmerzen, Unfruchtbarkeit, Impotenz, lokale Hagelschauer, die die Ernte des einen Bauern vernichteten und des Nachbarn verschonten, vieles wurde überirdischen Mächten zugeschrieben. Nach getaner Aufklärung der Zuhörer, ermunterte der Inquisitor sein Publikum der Hexerei Verdächtige zu melden. Es kam zu Untersuchungen und Verhören. 50 Personen, der Großteil davon Frauen, standen nach Denunziation durch Mitbürger wegen des Vorwurfs der Häresie im Verdacht der Hexerei. Sieben Personen wurden offiziell angeklagt. Es war der Brixner Bischof Golser, der rettend einschritt. Sein Gesandter stellte schwere Verfahrensmängel fest. Ein Anwalt wurde dazu erkoren, alle sieben Angeklagten Frauen zu vertreten. Schließlich wurden alle Verdächtigen freigelassen. Der Bischof forderte Kramer auf, Tirol zu verlassen. „In der Praxis zeigte sich seine Dummheit, denn er unterstellt vieles, was gar nicht erwiesen war,“ schrieb Golser in einem Brief. Kramer wurde vom Bischof des Landes verwiesen. Dieser für ihn enttäuschende Prozess war der Startschuss einer zweifelhaften Karriere für den in seiner Ehre beleidigten Kramer. Im Anschluss an diese Episode verfasste er sein Werk Der Hexenhammer. Er leitete es sogar bezugnehmend auf Innsbruck ein mit „aber was, wenn ich alle (Fälle) berichten wollte, die allein in jener Stadt gefunden worden sind? Es hieße, ein Buch zu verfassen.“ Das Mittelalter war nicht wie oft vermittelt eine Zeit der Hexenverbrennungen im großen Stil. Diese dunkle Episode sollte erst im 16. Jahrhundert starten, mitgetragen von der rabiaten Gegenreformation der Jesuiten und angeleitet unter anderem vom Hexenhammer Kramers.  Wobei zu bemerken ist, dass die meisten Hexenprozesse nicht vor der Inquisition, sondern vor weltlichen Gerichten verhandelt wurden. Religion, Aberglaube, Magie und Justiz konnten nicht streng getrennt werden. Häresie war ein weltliches Verbrechen. Die Prozesse sollten, zumindest am Papier, nach gewissen Richtlinien geführt werden. Die Folter war geregelt, was sie nicht weniger fürchterlich machte, zumindest aber ein wenig der Willkür wegnahm. In Europa starben geschätzt 100 – 150.000 Menschen als Ketzer, Hexen und Zauberer, viele mehr wurden gefoltert und gefangen gehalten. Dabei traf es Eliten, die Neid erregten ebenso wie Randgruppen und sozial schwache, die als Sündenböcke für Unwetter, Krankheit und sonstiges Unglück herhalten mussten. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau war dabei etwa 1:3. Innsbruck allerdings, sollte nach 1485 von weiteren Hexenverfolgungswellen verschont bleiben. Das Einschreiten Golsers und die Innsbrucker Bürgerschaft haben dabei wohl eine entscheidende Rolle gespielt.

Reform und Revolution: Jakob Hutter und Michael Gaismair

Die ersten Regierungsjahre Kaiser Ferdinands I. als Landesfürst von Tirol waren von theologischen und sozialen Unruhen gekennzeichnet. Wie in vielen deutschen Ländern breitete sich auch in Tirol reformatorisches Gedankengut aus. Gleichzeitig nahmen auch die sozialen und materiellen Spannungen zu. Das neue Recht, das über die von Maximilian eingeführte Verwaltung eingeführt worden war, stand dem Gewohnheitsrecht gegenüber. Die bäuerliche Jagd im Wald und das Suchen nach Feuerholz waren illegal geworden. Die Abwehr der osmanischen Gefahr war kostenintensiv und forderte auch von den Tirolern Steuern, obwohl sie fern von Wien davon nichts spürten. In Tirol traten zu dieser Zeit mit Jakob Hutter (1500 – 1536) und Michael Gaismair (1490 – 1532) zwei Männer auf den Plan, die die bestehende Ordnung bedrohten und dafür mit dem Leben bezahlten.

Jakob Hutter war die Galionsfigur der vor allem im Inntal und im Südtiroler Pustertal aktiven Wiedertäufer, die von den Habsburgern unter Ferdinand I. und der Kirche als Ketzer verfolgt wurden. Die Zeit nach Maximilian (83) war von sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt. Die Schulden waren nach den vielen Kriegen hoch. Neue Gesetze verboten den Bauern den Fruchtgenuss der vormals frei zu nutzenden Wälder, das schloss auch die Jagd ein. Große Teile der Tiroler Wirtschaft waren an die Fugger (85) verpachtet. Die ersten Anzeichen der Kleinen Eiszeit verursachten vermehrt Missernten. Viele Menschen sahen darin eine Strafe Gottes für das sündige Leben der Menschen. Sekten prägten die reine Lehre der Religion. Die Wiedertäufer lehnten die Kindertaufe ab. Menschen sollten frei als erwachsene und mündige Bürger ihren Willen, dem Christentum beizutreten, kundtun. Für den streng gläubigen und papsttreuen Landesfürsten Ferdinand stellten sie eine Bedrohung dar, dem Volk waren sie gleichzeitig willkommene Sündenböcke. Bereits 1524 wurden drei Wiedertäufer in Innsbruck vor dem Goldenen Dachl wegen Ketzerei am Scheiterhaufen verbrannt. Das Verbrennen sollte den Verurteilten in gleichem Maße reinigen wie auch endgültig vernichten, um das Böse aus der Gemeinschaft zu tilgen. Die Anklage lautete Häresie, worunter eine Vielzahl an Vergehen zusammengefasst wurde. Sodomie, also jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, Zauberei, Hexerei, Gotteslästerung – kurz jede Abwendung vom rechten Gottesglauben, konnte mit Verbrennung geahndet werden, musste aber nicht. Tausende von ihnen wurden 1529 des Landes verwiesen und wanderten nach Mähren, die heutige Tschechei, aus. Einer von ihnen war Jakob Hutter. Aufgewachsen in Südtirol wanderte er in jungen Jahren nach Prag aus, um dort das Hutmachergewerbe zu erlernen. Seine Reisen führten ihn nach Kärnten, wo er wahrscheinlich zum ersten Mal mit den Wiedertäufern und ihren Lehren in Verbindung kam. Von hier aus verbreiteten sie ihre Lehren bis zur Ausweisung. Als die Religionsgemeinschaft 1535 auch aus Mähren vertrieben wurden, kam Jakob Hutter wieder zurück nach Tirol. Er wurde gefangengenommen, nach Innsbruck gebracht und im Kräuterturm gefoltert. Er fand als Anführer der Häretiker für sein Wirken 1536 vor dem Goldenen Dachl am Scheiterhaufen sein Ende. Die Gemeinde der Hutterischen Brüder kam nach ihrer endgültigen Vertreibung aus den deutschen Ländern und langen Irrfahrten und Fluchten quer durch Europa im 19. Jahrhundert in Nordamerika an. Noch heute gibt es einige hundert Hutterer Kolonien in Kanada und den USA, die noch immer nach dem Gebot der Jerusalemer Gütergemeinschaft in einer Art kommunistischem Urchristentum leben. Wie die Mennoniten und die Amisch leben die Hutterer meist isoliert von der Außenwelt und haben sich eine eigene Form der an das Deutsche angelehnten Sprache erhalten. In Innsbruck erinnern eine kleine Tafel am Goldenen Dachl sowie eine Straße im Westen der Stadt an Jakob Hutter. 2008 hatten die Bischöfe von Brixen und Innsbruck gemeinsam mit den Landeshauptleuten Nord- und Südtirols in einem Brief an den Ältestenrat der Hutterischen Brüder das knapp 500 Jahre vergangene Unrecht an der Täufergemeinschaft eingestanden. 2015 wurde im Saggen eein paar Schritte südwestlich des Panoramagebäudes der Huttererpark eröffnet, in dem das Denkmal „Übrige Brocken“ an das Schicksal und Leid der Verfolgten erinnert.

Der größte Aufruhr im Zuge der Reformation in Tirol war der Bauernaufstand ab 1525, der eng mit dem Namen Michael Gaismairs verbunden ist. Anders als Hutter, der vor allem eine spirituelle Erneuerung forderte, wollte Gaismair auch soziale Veränderungen vorantreiben. Der Tiroler Aufstand war ein Teil dessen, was als Deutscher Bauernkrieg große Teile des Heiligen Römischen Reiches (73) erschütterte. Es war zum Teil reformatorischer, theologischer Eifer, zum Teil Unzufriedenheit mit der sozialen Lage und Güterverteilung, was die Aufständischen antrieb. Anders als Martin Luther, war Gaismair kein Theologe. Als Sohn eines Bergwerksunternehmers erhielt er schulische Bildung. Während seiner Arbeit in Diensten des Bischofs von Brixen sah er, wie die landesherrschaftliche Verwaltung und Rechtsprechung die Untertanen behandelten. Er beteiligte sich im Mai 1525 an der Erhebung gegen den Klerus in Brixen. Ein aufgebrachter Mob drang in das Kloster Neustift und Besitztümer des Bischofs von Brixen in Südtirol ein. Neben gewöhnlicher Plünderung waren vor allem die Urbare, die Aufzeichnungen rund um Besitz, Schulden und Verpflichtungen der Bauern gegenüber dem Grundherrn, die vernichtet wurden. Der Bischof war gleichzeitig weltlicher Fürst und galt als besonders strenger Landesherr. Mit dem Grundbesitz war auch die Gerichtsbarkeit verbunden, was dem Klerus die Oberherrschaft über die Untertanen ermöglichte, so es sich nicht um Delikte handelte, die der Blutsgerichtbarkeit unterlagen. Die Bewegung nahm schnell Fahrt auf und breitete sich vor allem in den südlichen Landesteilen rasant aus. Der gebildete Gaismair wurde von den Aufständischen zum Hauptmann erkoren, um Verhandlungen mit dem Tiroler Landesfürsten, Ferdinand I. am Landtag in Innsbruck zu führen. Im ganzen Land war es zu kleineren Erhebungen gekommen. Auch das Stift Wilten wurde von unzufriedenen Untertanen belagert. Gaismair erarbeitete eine utopische Art Landesverfassung. Damit wollte er nicht am Landesfürsten Ferdinand selbst rütteln, sondern ihn bitten im Namen Gottes das Land gerechter zu gestalten und verwalten. Der Klerus sollte sich um das Seelenheil der Untertanen statt um Politik kümmern. Land und Güter wie Bergwerkserträge sollten sozial gerecht verteilt, Zinsen gestrichen werden. Die Einschränkungen von Jagd und Fischerei, die Ferdinands Vorgänger Maximilian I. (83) den Tirolern auferlegte, sollten wieder aufgehoben werden. Diese Anliegen wurden in den 62 Meraner Artikeln gesammelt, die später auf 96 Innsbrucker Artikel erweitert wurden. Während Gaismair und seine Abordnung im Juni 1525 in Innsbruck mit Ferdinand und seinen Beamten verhandelten, ebbte die Revolution in den südlichen Landesteilen rund um Brixen und Meran ab. Gaismair wurde verhaftet und im Kräuterturm in Innsbruck eingekerkert. Nach knapp zwei Monaten konnte er im Oktober 1525 flüchten, um seinen Kampf von Sterzing aus weiterzuführen. Nach einigen Niederlagen begab er sich in die benachbarte, gegen die Habsburger aufständische Schweiz, wo er den Reformer und Revolutionär Huldyrich Zwingli kennenlernte. Hier schrieb er seine sozialrevolutionäre Landesordnung nieder, die einen christlichen Bauern-, Handwerker- und Knappenstaat vorsah, in dem Güter vergemeinschaftet werden sollten. Die Art und Weise, in der Gaismair formulierte, ist interessant. So lautete einer der Artikel:

Was den Zehent betriff, so soll ihn jeder geben nach dem Gebot Gottes, un er soll wie folgt verwendet werden: Jede Pfarre habe einen Priester nach der Lehre des Apostels Paulus, den den Menschen das Wort Gottes verkündet… was übrig bleibt, ist den Armen zu geben.“

Weiterhin war er auch Heeresführer der Widerstandsgruppe gegen die Habsburger. Der Ruf seiner militärischen Erfolge kam bis in die Republik Venedig, die sich seit dem Krieg 1477 mit Siegmund dem Münzreichen in ständigem Konflikt befand. Gaismair wurde als Condottiere, als Heerführer, engagiert. Bald fiel er aber auch hier in Ungnade. Nicht nur schloss Venedig Frieden mit den Habsburgern, auch seine antikatholische Haltung und seine unangepasste Lebensweise erregten Missgunst und Neid. 1532 wurde auf seinem Landsitz bei Venedig mit mehr als 40 Messerstichen ermordet. Welche der vielen Mächte, die er gegen sich aufgebracht hatte, dahintersteckte, ist nicht geklärt. Nicht weniger interessant als sein Leben ist sein Werdegang post mortem. Gaismair schaffte es nie zum allgemeinen Ruhm Andreas Hofers (99) in Tirol. In Schulen wird bis heute kaum über ihn gelehrt. Anders als Hofer, der sich als braver Katholik von der Obrigkeit gegen eine fremde Macht vor den Karren spannen ließ, war Gaismair ein Aufständischer, ein Unangenehmer und Querdenker. Im 20. Jahrhundert entdeckten die Nationalsozialisten wie auch die Linke Gaismair als Galionsfigur. 1899 war ein Theaterstück über den Bauernführer von Franz Kranewitter erschienen. Von nun an wurde Gaismair je nach Bedarf als Kämpfer gegen Monarchie und Klerus, von den Nationalsozialisten als deutscher Held und Befreier der Bauern oder der Linken als früher Kommunist gedeutet. Die 68er Generation feierte den eigentlich frommen und gottesfürchtigen Revolutionär für seine Ideen zur Vergemeinschaftung von Eigentum. Der Tiroler Journalist und Historiker Claus Gatterer schrieb zur ständigen Umdeutung der Figur Gaismairs:

Wieviel Wahrheit darf ein Volk über seine Vergangenheit, über Wachsen und Werden seiner Gegenwart erfahren?.... Der jeweiligen Ideologie entsprechend, werden altverdiente Helden und Heilige von den Sockeln gestürzt, und durch andere, bis dahin missachtet, ersetzt; oder es wird einem etablierten Heiligen kurzerhand eine neue Biographie verpasst, die namentlich in der Motivation des Handelns sich mit aktuellen Erfordernissen passt.

Anders als für Andreas Hofer gibt es für Michael Gaismair und den Bauernaufstand von 1525 kaum Erinnerungsorte in Innsbruck. In Wilten erinnern eine Straße und eine Hauptschule an ihn.

Siegmund der Münzreiche

Einer der populärsten Habsburger in der Geschichte Innsbrucks trägt den Beinamen der „Münzreiche“. Er schaffte es zur gleichen Zeit eine Renaissance der Stadt Innsbruck einzuleiten und das Land Tirol an den finanziellen Abgrund zu treiben. Siegmund von Tirol (1427 – 1496) startete schon denkbar schlecht in sein Amt als Landesfürst. Als sein Vater Friedrich IV. (79) starb, war Siegmund erst 12 Jahre alt. Deshalb nahm ihn der sein Onkel Friedrich III., der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und Vater Maximilians I., in unfreiwillige Obhut und Vormundschaft. Man könnte sagen, Siegmund startete seine Karriere als Geisel des Kaisers, seines Vetters. Tirol war mittlerweile eine reiche Grafschaft, die direkte Kontrolle darüber wollte der Kaiser nur ungern aufgeben. Erst als die Tiroler Landstände gegen diese Bevormundung protestierten, konnte Siegmund sein Amt antreten. Der Tiroler Landtag, die vier Stände, hatte die Regierungsgeschäfte in Ermangelung eines Landesfürsten übernommen und so erstmals politisches Gewicht bewiesen. Mit 18 Jahren zog Siegmund in Innsbruck ein, um die Amtsgeschäfte zu übernehmen. 1449 heiratete Eleonore, eine schottische Prinzessin. Im selben Jahr erließ er die Schwazer Bergordnung, die zum Vorbild für alle Bergwerke der Habsburger werden sollte. Den Bergbeamten wurden, ähnlich den Universitäten, mehr Rechte innerhalb ihres Wirkungsbereiches gegeben. Für die Bergarbeiter gab es Sonderregelungen innerhalb der Gesellschaft, waren sie doch heiß begehrte Arbeitskräfte. Man kann durchaus von einer frühen sozial- und arbeitsrechtlichen Vereinbarung sprechen. Die Nachfrage nach Fleisch, einem raren Gut im normalen Volk, durchaus leistbar für die neue, wohlhabendere Schicht, stieg an. Das hatte eine Veränderung der Landwirtschaft zur Folge, die vor allem im Tiroler Unterland östlich Innsbrucks die Viehzucht als einträglichere Quelle als den Ackerbau für sich entdeckte. 1484 ließ Siegmund die Münzprägeanstalt von Meran in Südtirol nach Hall verlegen, was ihm den Beinamen Siegmund der Münzreiche einbrachte. Für die kleine Stadt Hall, die ja in unmittelbarer Umgebung von Innsbruck liegt, sowie für Innsbruck selbst, bedeutete das eine immense Aufwertung. In Wahrheit war Siegmund aber trotz des reichen Landes, das er von Friedrich IV. geerbt hatte, auf Grund seines opulenten Lebenswandels nicht besonders münzreich im Gegensatz zu seinem Vater, der ungerechterweise den weniger schmeichelhaften Spitznamen "Friedl mit der leeren Tasche" erhielt. In zweiter Ehe hatte er Katharina von Sachsen, eine Dame aus kurfürstlichem hocharistokratischem Haus, geheiratet. Es war wohl auch dem Einfluss und der Hofhaltung seiner beiden Ehefrauen zu verdanken, dass die Ausgaben des Münzreichen auf lange Sicht die Einnahmen aus Steuern, Salinen und den Bergwerken überstiegen. Man kann von circa 2000 Stadtbürgern zu dieser Zeit ausgehen. Der Hofstaat Sigmunds dürfte aus 500 Personen bestanden haben. Diese „Fremden“ erregten in Innsbruck Aufsehen. Bei der Hochzeit 1484 umfasste allein der Zug der Braut 54 Wagen, deren Teilnehmer in Innsbruck einquartiert und verköstigt werden mussten. Auch seine mehr als 30 ihm nachgesagten unehelichen Kinder waren der Stabilität seiner Regierung nicht zuträglich. Innsbruck war unterdessen zu einem Anziehungspunkt für Handwerker, Goldschmiede und Künstler geworden. Der Stadtturm beim Alten Rathaus als Ausdruck des städtischen Wohlstands und erste Teile der Hofburg wurden unter Siegmund erbaut. Ein Glasmaler siedete sich in Innsbruck an und begründete die Tradition der Glasmalerei in Innsbruck. Um 1900 war die Glasmalerei Innsbruck in der heutigen Glasmalereistraße einer der weltweit führenden Betriebe mit Niederlassungen in New York und München. Die Hofbibliothek wuchs unter Siegmunds humanistisch gelehrten Gästen. Bücher waren in der Zeit vor der Erfindung des Buchdrucks ein teures Hobby. Auch fahrendes Volk und Schausteller waren am Hof gerne gesehen, um die einheimischen und internationalen Gäste zu unterhalten. Die Stadt blühte unter Hofstaat und Säckel Siegmunds erstmals richtig auf. Gleichzeitig wurden die Zeiten aber auch rauer für die, die mit dem neuen Lebensrhythmus der Stadt nicht mithalten konnten. Die Abgehängten, die heute von Populisten politisch angesprochen werden, gab es schon damals. Der Hexenprozesse von 1485 (81) fanden in einem Klima aus Neid, Missgunst und Skepsis gegenüber den neuen Sitten statt. Als Siegmund 1496 starb, war er bereits entmachtet und hatte 1490 die Herrschaft über Tirol an Kaiser Maximilian I. übergeben müssen. Bei den Tiroler Landständen war Siegmund nicht besonders populär. Auf ihren Druck hin musste er deshalb bereits zu Lebzeiten seinen Platz räumen. Ein verlorener Krieg mit den Schweizer Eidgenossen verpflichtete ihn zu Zahlungen. Sein Hof war am Ende seiner Regierungszeit übermäßig aufgebläht und teuer, bis zu 500 Personen gehörten ihm an, unter anderem der Burgriese Nikolaus Haidl. Bedenkt man, dass dieser Hofstaat von den Abgaben des Landadels und der Bauernschaft ernährt werden musste, kann man den Unmut der Landstände wohl nur zu gut verstehen. Er musste habsburgische Besitzungen im Elsass und dem heutigen Breisgau an Karl den Kühnen von Burgund, den zukünftigen Schwiegervater Maximilians I. (83) verpfänden. Die österreichischen Vorlande verkaufte er zu einem Spottpreis an das Herzogtum Bayern, die Tiroler Silberbergwerke verpfändete er an Jakob Fugger ((85). Trotzdem, auf Grund der Entwicklung, die Innsbruck unter seiner Regentschaft nahm und seines originellen Beinamens, zählt er heute noch zu den bekanntesten und bedeutendsten Habsburgern in der Geschichte der Stadt.

Maximilian I. und seine Zeit

Maximilian zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der europäischen und der Innsbrucker Stadtgeschichte. Über Tirol soll der passionierte Jäger gesagt haben: "Tirol ist ein grober Bauernkittel, der aber gut wärmt." Er machte Innsbruck in seiner Regierungszeit zu einem der wichtigsten Zentren des Heiligen Römischen Reichs. „Wer immer sich im Leben kein Gedächtnis macht, der hat nach seinem Tod kein Gedächtnis und derselbe Mensch wird mit dem Glockenton vergessen.“ Dieser Angst wirkte Maximilian höchst erfolgreich aktiv entgegen. Unter ihm spielten Propaganda, Bild und Medien eine immer stärkere Rolle, bedingt auch durch den aufkeimenden Buchdruck. Maximilian nutzte Kunst und Kultur, um sich präsent zu halten. So hielt er sich eine Reichskantorei, eine Musikkapelle, die vor allem bei öffentlichen Auftritten und Empfängen internationaler Gesandter zum Einsatz kam. Das Goldene Dachl, die Hofburg, die Hofkirche und das Innsbrucker Zeughaus wurden von ihm maßgeblich initiiert, ebenso die Befestigung der Straßen und Gassen der Altstadt durch Pflasterung. Er ließ den Handelsweg im heutigen Mariahilf verlegen und verbesserte die Wasserversorgung der Stadt. 1499 veranlasste Maximilian die Salvatorikapelle, ein Spital für die notleidenden Innsbrucker, die keinen Anspruch auf einen Platz im Stadtspital der Bruderschaft hatten umzubauen. Durch den kaiserlichen Hof, der immer wieder in Innsbruck ansässig war, bildete sich auch eine rege Bautätigkeit von außen. Gesandte und Politiker fremder Mächte sowie Adelige ließen sich ihren Wohnsitz in Innsbruck bauen oder übernachteten in den Wirtshäusern der Stadt. Kulturell war es vor allem seine zweite Ehefrau Bianca Maria Sforza, die Innsbruck förderte. Nicht nur die Hochzeit fand hier statt, sie residierte auch lange Zeit hier, war die Stadt doch näher an ihrer Heimat Mailand als die anderen Residenzen Maximilians. Sie brachte ihren gesamten Hofstaat aus der Renaissancemetropole mit in die deutschen Länder nördlich der Alpen. Innsbruck wurde unter Maximilian aber nicht nur auf künstlerischer Ebene zu einem Zentrum des Reiches, auch wirtschaftlich brummte die Stadt. Unter anderem war Innsbruck Zentrale des Postdienstes im Kaiserreich. Die Familie Thurn und Taxis (84) erhielt das Monopol auf diesen wichtigen Dienst und wählte Innsbruck als Zentrale ihrer privaten Reichspost. Die Fugger (85) unterhielten eine Kontorei in Innsbruck. Diplomaten aus ganz Europa und dem osmanischen Reich waren zu Gast in der Stadt. Neben seiner ihm gerne unterstellten Liebe für die Tiroler Natur waren ihm die Kostbarkeiten wie das Haller Salz und das Schwazer Silber mindestens ebenso teuer und nützlich. Seinen aufwändigen Hofstaat, die Wahl zum König durch die Kurfürsten und die vielen Kriege finanzierte sich Maximilian unter anderem durch Verpfändung der Bodenschätze des Landes an die reiche Kaufmannsfamilie Fugger aus Augsburg. Durch eine beginnende Zentralisierung seiner Hausmacht und eine effizientere Verwaltung nahm Maximilian eine gedachte Einheit Österreichs vorweg.  Beginnend mit ihm war die Kaiserkrone des Heiligen Römische Reichs, auch dank der finanziellen Kraft Tirols, fest in Habsburger Hand. Zu verdanken war diese Entwicklung einer geschickten Außenpolitik mit Krieg und Heirat. 1486 wurde Maximilian zum Kaiser gewählt, 1493 wurde gekrönt. Im 15. Jahrhundert allerdings war es schwer durch das politisch zerstückelte Italien nach Rom zu reisen. Die Habsburger standen zu dieser Zeit mit Venedig und Mailand auf Kriegsfuß. Die Serenissima Republica di San Marco verweigerte Maximilian den Durchzug. 1508 ließ er sich pragmatisch in Trient zum erwählten römischen Kaiser krönen, jedoch nicht salben. Das machte seinen Vater Friedrich III. zum letzten in Rom gesalbten Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Der Krieg mit Venedig endete zwar nicht mit einem Sieg Maximilians, Tirol wurden aber die eigentlich italienischen Gebiete des Trentino endgültig zugeschlagen. Die Südgrenze des Landes Tirol bei Riva sollte bis 1918 Bestand haben.

Häufig wird Maximilian auch als letzter Ritter und erster Kanonier bezeichnet. Er lebte in einer Zeit des Übergangs zwischen feudaler Armee unter der Führung der einzelnen Landesfürsten, die dem Kaiser unterstanden, und Söldnerheeren, die vom Landesherrn selbst bezahlt und unterhalten werden mussten. Die Rechnung der Finanzierung dieser Heere wurde unter anderem auch mit Tiroler Reichtum aus Salinen und Bergwerken bezahlt. In der Waffenherstellung konnte Maximilian auf das Fachwissen der Büchsenmeister aufbauen, die sich bereits unter seinem Vorgänger Siegmund in den Gießereien in Hötting etabliert hatten. Der berühmteste von ihnen war Peter „Löffler“ Laiminger. Die Geschichte der Löfflers ist im Roman Der Meister des siebten Siegels ausgezeichnet verarbeitet. Er erkannte aber auch, dass man Macht nicht nur am Schlachtfeld erringen kann. "Bella gerant alii, sed tu felix Austria nube! (Mögen andere Krieg führen, du glückliches Österreich, heirate!)" Hochzeiten waren seit jeher ein beliebtes Mittel zum Machterwerb, Maximilian aber perfektionierte diese Methode des Gambelns um Einfluss und Ländereien. Durch die Hochzeit mit seiner ersten Ehefrau Maria von Burgund konnte er große Gebietsgewinne verzeichnen. Das von Siegmund dem Münzreichen an Karl von Burgund verpfändete Vorderösterreich mit Elsass und Breisgau fielen ebenso an ihn wie das wohlhabende Burgund. Er stellte die Hochzeit mit Maria gerne als Liebeshochzeit dar. Ob das der Wahrheit entspricht, man möchte es dem jungen Mann wünschen, oder es eine Zweckhochzeit war wie die Ehen dieser Zeit in der Hocharistokratie für gewöhnlich waren, ist nicht ganz geklärt. Maria von Burgund allerdings war die Begründerin seiner Dynastie und es ließ sie wohl auch deshalb als besonders hübsch und geliebt am Goldenen Dachl darstellen. Durch die Hochzeit mit Maria von Burgund kamen aus den modernen Handelsstädten Brügge Modernisierung der Verwaltung und eine neue Art und Weise den Staat zu denken. Burgund war zu dieser Zeit am Weg zum modernen Flächenstaat in der Nähe zu Frankreich und zählte zu den wohlhabendsten Regionen Europas. Nachdem Maria bei einem Reitunfall tödlich verunglückte, heiratete er in zweiter Ehe Bianca Maria Sforza von Mailand, um den Machtbereich nach Süden zu stabilisieren. Auch seine Nachkommen waren vor dem Hochzeitsmanager Maximilian nicht sicher. Maximilian begründet die spanische Linie der Habsburger, die sich 200 Jahre lang halten konnte. Sein Sohn Philipp "der Schöne" wurde mit Johanna "der Wahnsinnigen" von Kastilien verheiratet. Sogar seine Enkel wurden im Spiel um Macht eingesetzt. Die Kinder von Philipp, Maria und Ferdinand, wurden von Maximilian schon im Kindesalter mit den Kindern des Königs von Ungarn und dem König von Polen in der Doppelhochzeit von Wien verheiratet. Als der König von Ungarn in der Schlacht von Mohacs fiel, ging auch die Krone Ungarns, Böhmens und Kroatiens an die Habsburger. Sein Enkel Karl V. regierte als Regent von Spanien und als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches über ein Riesenreich.

Bei den Tiroler Bauern war Maximilian nicht besonders beliebt. Viele Tiroler mussten auf den Schlachtfeldern des Kaisers den kaiserlichen Willen durchsetzen. Die Kriege gegen die Schweizer Eidgenossen im Westen und die Republik Venedig im Süden verlangten den wehrfähigen Männern oft mehr als nur die Landesverteidigung ab. Zudem beschnitt Maximilian die bäuerlichen Rechte der Allmende. Holzschlag, Jagd und Fischerei wurden dem Landesherrn unterstellt und waren kein Allgemeingut mehr. Das hatte negative Auswirkungen auf die bäuerliche Selbstversorgung. Fleisch und Fisch, im Mittelalter für lange Zeit ein Teil des Speiseplans gewesen. Mit den Beschränkungen und den neuen Gesetzen wurden der Verzehr gewöhnter Nahrungsmittel wie eben Wild seltener. Es war um 1500, dass aus Jägern Wilderer wurden. Mit den Tiroler Bischöfen von Brixen und Trient, den größten Grundherren Tirols, musste er eine Einigung erzielen über die Superiorität im Land. Über den geschickten politischen Zug des Tiroler Landlibells von 1511 konnte sich Maximilian die Zuneigung und Treue der Untertanen erkaufen. Maximilian gestand den Tirolern in einer Art Verfassung zu, dass sie als Soldaten nur für den Krieg zur Verteidigung des eigenen Landes herangezogen werden dürfen. So konnte er den Einfluss der Bischöfe im Land beschneiden und sie wehr- und steuerpflichtig in seinen Machtbereich einbinden

Maximilian zu fassen, ist für Tiroler schwierig. Er soll regelrecht verliebt in sein Land Tirol gewesen sein. Liebesbekundungen eines Kaisers schmeicheln natürlich der Volksseele bis heute. Die allgemeine Darstellung ist durchaus verklärt positiv. Seine Hinterlassenschaft in der Stadt Innsbruck lassen oberflächlich betrachtet auch kein anderes Bild zu. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch korrekt. Er machte Innsbruck zu einer Residenzstadt und trieb die Modernisierung der Infrastruktur voran. Während er das Heilige Römische Reich intern befriedete, führte er in der Außenpolitik insgesamt 27 Kriege. Innsbruck wurde zum Zentrum der Rüstungsindustrie und wuchs in Bedeutung und räumlicher Ausdehnung. Die Schulden, die er dafür aufnahm und das Landesvermögen, das er an die Fugger verpfändete, prägten Tirol nach seinem Tod mindestens ebenso wie die strengen Gesetze, die er der einfachen Bevölkerung verordnete. Sein Sohn Ferdinand I. erbte die schwere Last seines Vaters. 1525 kam es in Tirol unter Michael Gaismair wie in vielen anderen Deutschen Ländern dieser Zeit zu Bauernaufständen. Maximilian mag für sie verantwortlich gewesen sein, erlebt hat er sie nicht mehr. In der heutigen Volksseele sind die harten Zeiten auch nicht mehr so präsent wie das Goldene Dachl und die in der Schule gelernten weichen Fakten und Legenden rund um den einflussreichen Kaiser. 2019 überschlug man sich mit den Feierlichkeiten zum 500. Todestag des für Innsbruck wohl wichtigsten Habsburgers. Der Wiener wurde wohlwollend eingebürgert. Salzburg hat Mozart, Innsbruck Maximilian, einen Kaiser, den Tiroler, ob seiner damals nicht ungewöhnlichen Leidenschaft für die Jagd passend zur gewünschten Identität Innsbrucks als rauen Gesellen, der am liebsten in den Bergen ist, angepasst haben. Sein markantes Gesicht prangt heute auf allerhand Konsumartikeln, vom Käse bis zum Skilift steht der Kaiser für allerhand Profanes Pate. Lediglich für politische Agenden lässt er sich weniger gut vor den Karren spannen als Andreas Hofer. Wahrscheinlich ist es für den Durchschnittsbürger einfacher, sich mit einem revolutionären Wirt zu identifizieren als mit einem Kaiser.

Friedrich IV.: Innsbruck wird Residenzstaddt

Friedrich IV. (1382 – 1439) lebte in einer bewegten Zeit der habsburgischen Geschichte. Sein Vater Leopold III. hatte für kurze Zeit nach dem Tod seines Bruders die habsburgischen Erblande wieder vereint. Friedrich und seine zwei Brüder teilten sich die Regentschaft wieder. So wurde er zum Begründert der Tiroler Linie des Hauses Habsburg. Friedrich übernahm ab 1406 neben der Regentschaft in Vorderösterreich auch die Grafschaft Tirol. Vorderösterreich? Also Vorarlberg? Nicht ganz. Unter Vorderösterreich verstand sich der Besitz der Habsburger unter anderem in der Schweiz, in Vorarlberg, im Elsass, in Baden-Württemberg. Tirol und Vorderösterreich wurden seit Friedrich gemeinsam verwaltet als Oberösterreich. Für uns, die wir in den Nationalstaaten des 19. und 20. Jahrhunderts aufgewachsen sind, ist diese Verbindung verschiedenster Ländereien quer durch Europa unter einem Landesfürsten oder Geschlecht schwer vorstellbar. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit war es ebenso gängige Praxis wie Tausch, Verkauf oder Aufteilung von Ländereien innerhalb der mächtigen europäischen Adelsgeschlechter. Die Städtepartnerschaft mit der deutschen Stadt Freiburg geht auf diese Zeit zurück, in der das Breisgau im Südwesten der heutigen Republik denselben Herrscher hatte wie Tirol. Friedrich war von früher Jugend an häufig in kostspielige Kriege und Konflikte gegen äußere Gegner sowie Konkurrenz innerhalb des Heiligen Römischen Reiches verwickelt. Friedrichs Kriege zählten zu den letzten, die von Ritterheeren geprägt waren. Appenzeller Aufständische in der heutigen Schweiz, eine innertirolische Fehde mit Heinrich von Rottenburg und ein Aufstand in Trient verlangten seine innen- und außenpolitische Aufmerksamkeit. Ebenso bewegt wie die Epoche Friedrichs, war auch sein eigenes Leben. Es war die Zeit, in der es durch Unfrieden und Spaltung in der Kirche mehr als einen Papst gab. Religion war im Alltag der Menschen allgegenwärtig und wichtiger Teil des Lebens. Auf dem Konzil von Konstanz (1414 – 1418) sollte über den innerkirchlichen Streit Einigkeit erlangt werden. Der böhmische Geistliche und frühe Kirchenreformator des europäischen Festlandes Jan Hus fand auf dem Scheiterhaufen den Tod. Die Kirche war gespalten. Es gab neben einem Papst in Rom auch einen Papst im französischen Avignon. Friedrich stellte sich auf die Seite Papstes Johannes XXIII und verhalf diesem zur Flucht. Der König des Heiligen Römischen Reiches Sigismund, der auf den Gegenpapst setzte, ließ Friedrich dafür mit der Acht belegen und einsperren. Das bedeutete nicht nur den Freiheitsentzug, sondern auch den Verlust seiner Länder und einen Ausschluss aus er Kirche. Nach abenteuerlicher Flucht aus der Haft wieder in Innsbruck angelangt, konnte sich Friedrich aber rehabilitieren. Dafür musste er der Bevölkerung, vor allem dem landbesitzenden Kleinadel, von dem er unterstützt wurde, und den Städten, Reformen zugestehen. So kam es, dass auch die Landbevölkerung im Tiroler Landtag, vertreten war. Neben Klerus, Adel und den Städten durften durch Friedrichs Gesetzänderung auch die Gerichte, die für die Verwaltung der Landgemeinden zuständig waren, ihre Vertreter in den Landtag entsenden. Wegen dieser Zugeständnisse, seinem unsteten Leben und den teuren Kriegen wurde er von seinen politischen Gegnern spöttisch "Friedl mit der leeren Tasche" genannt. Dieser Ausdruck blieb im Volksmund erhalten, auch wenn Friedrich am Ende seiner Regentschaft durch die reichen Silberfunde in Schwaz und Gossensass sowie durch Zölle und Maut auf den Handel zwischen Venedig und Augsburg einer der reichsten Fürsten Europas seiner Zeit war.

Friedrichs größter Verdienst und das, worauf seine Bedeutung und Bekanntheit in der Geschichte Innsbrucks basieren, war der Umzug seines Hofes in die Stadt. Innsbrucks Wohlstand und Bedeutung gründete sich dank seiner Lage zwischen den deutschen und italienischen Städten schon damals auf den Verkehr. Das bewog Friedrich zu einem Umzug seiner Residenz vom etwas abgelegenen Meran nach Innsbruck. Dafür ließ er mit dem Neuhof, das Maximilian zum Prunkerker mit dem Goldenen Dachl umbauen ließ, ein neues Gebäude errichten. Meran war der Stammsitz der Grafen von Tirol gewesen und blieb noch bis 1849 die offizielle Tiroler Landeshauptstadt, in der Bedeutung für die Tiroler Wirtschaft und Regierungsgeschäfte hatte spätestens seit Friedrichs Umzug Innsbruck die Nase vorn. Unter seine Regentschaft wurden die Lauben in der Herzog-Friedrich-Straße angelegt. Europaweit war das 15. Jahrhundert wegen des tendenziell schlechteren Klimas als in den Vorperioden eine wirtschaftlich schwierige Zeit, geprägt von Missernten. Durch Handel und den Impuls, den die Übersiedlung des Hofstaats brachte, blühte Innsbruck aber gegen den Trend der Zeit auf. Mit dem Hofstaat kamen Beamte, Handwerker und Militärs, die Geld in die Stadt brachten. Vor allem die Handwerkszünfte sollten zum Wirtschaftsmotor und zur Basis für die spätere frühindustrielle Fertigung werden. Das Geld zog Händler an. Das mobile Volk brachte neue Gedanken und neue Sitten in die Stadt. Gastwirtschaften eröffneten und baten Abwechslung im Alltag. Fahrende Theater und Schaukünstler kamen in die Stadt. Es ist schwer zu sagen, wie sich die Übersiedlung der Residenz von 1420 konkret auf Innsbrucks Bevölkerungszahl auswirkte. Der Hofstaat Friedrichs brachte mit seiner neuen Art zu wirtschaften aber ein neues soziales Gefüge. Wie in vielen europäischen Städten im deutschsprachigen Raum schwappte die Urbanisierung aus den italienischen Ländern über und brachte eine Spezialisierung der Berufswelt und noch stärkerer Arbeitsteilung. Zuzug und Veränderungen sorgten auch für Probleme. Die Xenophobie der abergläubischen, oft analphabetischen und wenig gebildeten Bevölkerung nahm nicht im gleichen Tempo ab, wie sich die Zustände änderten. Soziale Spannungen zwischen Alteingesessenen und neuen Bürgern, Handerkern, Händlern, Bauern und Mitgliedern des Hofstaates waren Alltag im Innsbruck Friedrichs. Durch die Silberfunde und die damit einhergehende Bergwerkswirtschaft im nahen Schwaz wurde das Sozialgefüge auch in Innsbruck beeinflusst. Die Macht der Zünfte nahm zu. Zwar war Innsbruck vom Umland abhängig, was die Versorgung mit Lebensmitteln betraf, durch den wachsenden Wohlstand der Stadt war es aber leichter sich durch diese Krisenzeit zu manövrieren als in rein ländlichen Gebieten. Als Friedrich starb, war Tirol dank der Silberfunde in Schwaz, es war die größte Mine Europas, zu einem wichtigen Land innerhalb des Habsburgerreiches aufgestiegen. Innsbruck war zwar gewachsen, noch immer aber eine kleine Stadt. Friedrich war der letzte Tiroler Landesfürst, der als Grablege das von Meinhard II. gegründete Stift Stams wählte.

Baumeisterdynastie Türing: Innsbruck wird Weltstadt

Siegmund der Münzreiche war es, der im 15. Jahrhundert Niklas Türing nach Innsbruck holte. Die Türings waren eine Steinmetz- und Baumeisterfamilie aus dem heutigen Schwaben, das damals als Vorderösterreich zur Habsburgermonarchie gehörte. Die Stadt war zur Residenzstadt der Fürsten von Tirol und dank der Silberminen in Schwaz und der Münzprägeanstalt in Hall zu einem bedeutenden Zentrum geworden. Für Baumeister war eine goldene Zeit angebrochen, die unter Maximilian (83) nochmals mehr an Fahrt aufnehmen sollte. Als eine der wichtigsten Städte im Heiligen Römischen Reich war es für die Aristokratie von Vorteil eine eigene Residenz in oder rund um Innsbruck zu haben, um Landesfürst, Kaiser und Wirtschaft möglichst nahe zu sein. Die Politik spielte sich in der Zeit vor Presse, Post und E-Mail vor allem im direkten Kontakt ab. Es kam zu einem wahren Bauboom. Die Türings prägten das gotische Innsbruck in der Übergangszeit zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit. Die frühe Gotik und später die Renaissance hatte im Lauf des Spätmittelalters Europa mit einem neuen Verständnis von Architektur und Ästhetik in ein neues architektonisches Gewand getaucht. Bauten wie Notre Dame oder der Minster of York setzten den Trend, der ganz Europa bis zum Einsetzen des Barocks prägen sollte. Spitze Türme, Rippengewölbe, Erker und verspielte Schnitzereien, die den höfischen Alltag darstellen sind einige typische Merkmale, die den heterogenen Stil erkennbar machen. Vor allem in der Altstadt kann man das Wirken der Türings gut nachverfolgen. Viele der Bürgerhäuser weisen noch gotische Grundrisse, Innenhöfe und Schnitzereien auf. Auf Niklas Türing geht das berühmte Goldene Dachl zu einem guten Teil zurück. Er schuf auch die Statue des Burgriesen Haidl, eines besonders großen Mitglieds der Leibgarde Siegmunds, die heute im Stadtturm zu besichtigen ist. Kaiser Maximilian schätzte ihn derart hoch ein, dass er es ihm gestattete das Familienwappen der Türings und seiner Frau, einen Brunnen und einen Fisch, im Gewölbe des Goldenen Dachls zu verewigen. Sein Sohn Gregor verewigte sich unter anderem am Trautsonhaus in der Herzog-Friedrich-Straße und am Burgriesenhaus in der Domgasse. Der letzte der Türings mit Einfluss auf die Innsbrucker Bauszene war Niklas Türing der Jüngere, der mit Andrea Crivelli gemeinsam die Planungen an der Hofkirche begann. Im 16. und 17. Jahrhundert begann der Einfluss der Gotik vor allem im heutigen Österreich nachzulassen. Vor allem Kirchen wurden im Rahmen der Gegenreformation (86) zunehmend im Barockstil (93) um- und neugebaut. In Innsbrucks Osten erinnert heute die Türingstraße an diese bedeutende Familie der Innsbrucker Stadtgeschichte.

Innsbruck und das Haus Habsburg

Über 700 Jahre prägten die Habsburger Europa. Innsbruck war durch die Jahrhunderte immer wieder Schicksalsort dieser Herrscherdynastie. Ausgehend vom mittelalterlichen Herzogtum Österreich waren sie am Zenit ihrer Macht Herren über ein „Reich, in dem die Sonne nie untergeht“. Durch Kriege und geschickte Heirats- und Machtpolitik saßen sie in verschiedenen Epochen an den Schalthebeln der Macht zwischen Spanien im Westen und der Ukraine im Osten Europas. Über Jahrhunderte waren die Habsburger Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Dabei darf man sich die Habsburger nicht, wie dies oft aus der Perspektive des modernen Nationalstaats getan wird, als die Herren Österreichs vorstellen. Die Habsburger waren über viele Jahrhunderte ein europäisches Herrscherhaus, zu deren Einflussbereich verschiedenste Territorien gehörten. Der Landstrich der heute als Österreich bekannt ist, war für lange Zeit so etwas wie die Keimzelle ihrer Macht. Der erste bedeutende Habsburger Rudolf I. (1218 – 1291) hatte seine Stammburg, die Habsburg, im heutigen Aargau und beherrschte eine Grafschaft im heutigen Südwesten Deutschlands und der Schweiz. Erst nach gewonnener Auseinandersetzung mit Ottokar von Böhmen errang er die Herzogtümer Österreich und Steiermark. Manche der Landesherren, zum Beispiel Karl V. oder Ferdinand I., hatten weder eine besondere Beziehung zu Österreich noch brachten sie diesem deutschen Land besondere Zuneigung entgegen. Ferdinand wurde am spanischen Hof erzogen. Maximilians Enkel Karl V. war in Burgund aufgewachsen. Als er mit 17 Jahren zum ersten Mal spanischen Boden betrat, um das Erbe seiner Mutter Johanna über die Reiche Kastilien und Aragorn anzutreten, Spanien existierte damals als Land ebenso wenig wie Österreich, Deutschland oder Italien, konnte er kein Wort spanisch. Als er 1519 zum Deutschen Kaiser gewählt wurde, sprach er kein Wort Deutsch. Trotzdem waren beide Landesherren von Tirol und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Herrscher arbeiteten nicht für ihr Land, sie waren darum bemüht den Besitz und Einflussbereich ihrer Dynastie zu stärken. Es gab keine Bürger mit Reisepass und Rechten, sondern Untertanen, die ihrem jeweiligen Landesherrn zu Treue verpflichtet waren.

Die Grafschaft Tirol kam 1363 unter Rudolf IV. (76) zum Herrschaftsgebiet der Habsburger. Es wurde samt seinen Untertanen vertraglich und nüchtern vererbt. Kaiser Maximilian I. (83) konnte durch Kriege und seine legendäre Heiratspolitik mit etwas Geschick und noch mehr Glück aus dem Herrscherhaus Habsburg eines der größten Reiche der Weltgeschichte machen. Die Casa de Austria hatte durch die Spanische Krone im 16. und 17. Jahrhundert auch Ländereien in Amerika in ihren Einflussbereich. Habsburgs Kinder wurden zu jeder Zeit vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in königlicher Strenge dazu erzogen, politisch verheiratet zu werden. Widerspruch dagegen gab es keinen. Man mag sich das höfische Leben als prunkvoll vorstellen, Privatsphäre war in all dem Luxus nicht vorgesehen. Das Leben des Einzelnen galt nichts, man musste seine Pflicht gegenüber der Dynastie erfüllen. Jeder einzelne war ein politisches Gut, das man bestmöglich im Sinne der Macht verkaufen musste. Minderjährige wurden an fremde Höfe verheiratet und mussten sich in fremden Kulturen zurechtfinden. Sie erhielten je nach Epoche eine gediegene Ausbildung, allerdings nicht um einen Beruf auszuführen, sondern nur um Regierungsgeschäfte zu führen. Viele Habsburger waren höchst gebildete Zeitgenossen und durchaus reflektiert. Teilweise waren sie Opfer der dynastischen Verbindung, traten im Laufe Jahrhunderte durch Heirat innerhalb der eigenen Verwandtschaft die Zeichen des Inzests in Aussehen, Psyche und Intelligenz doch verstärkt zum Vorschein. Die seit Rudolf typische Unterlippe und die markante Nase waren die harmlosen Zeichen der innerfamiliären Hochzeiten, schwerwiegender waren Behinderungen und Fehlgeburten. Quer über den Globus bis nach Brasilien und Mexiko reichten die Eheverbindungen. Welche Auswirkungen diese strenge Erziehung und die Zwangsverheiratung hatte, lässt sich am Beispiel Rudolfs sehen, der sich gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben nahm. Die bedeutendste politische Habsburgerin Maria Theresia (1717 – 1780) und ihre politisch klugen Berater verwandelten im 18. Jahrhundert, ganz im Geiste der Zeit die Komposition aus einzelnen Ländern und verstreuten Territorien unter der Krone der Habsburger langsam in etwas, das einem modernen Flächenstaat nahekam. Ihr Sohn Josef II. probierte das Reich im Geiste der Aufklärung zu reformieren, scheiterte aber am Unwillen großer Teile der Bevölkerung, seinem eigenen nüchternen Charisma und seinem frühen Tod. Franz Josef I. (1830 – 1916) herrschte zwischen 1848 und 1916 über ein multiethnisches Vielvölkerreich. Zu diesem Zeitpunkt war das neoabsolutistisch regierte Kaiserreich etwas aus der Mode gefallen. Österreich hatte seit 1867 zwar ein Parlament und eine Verfassung, der Kaiser betrachtete diese Regierung allerdings als „seine“. Minister waren dem Kaiser gegenüber verantwortlich, der über der Regierung stand. Im Nationalismus des 19. Jahrhunderts und dem 1. Weltkrieg zerbrach das Reich, das in wechselhafter Zusammensetzung unter der Herrschaft dieser Dynastie über Jahrhunderte hinweg die Geschicke vieler Generationen geprägt hatte. Am 28. Oktober wurde die Republik Tschechoslowakei ausgerufen, am 29. Oktober verabschiedeten sich Kroaten, Slowenen und Serben aus der Monarchie um den SHS-Staat, den Vorgänger Jugoslawiens auszurufen. Der letzte Kaiser Karl dankte am 11. November ab.  Am 12. November erklärte sich „Deutschösterreich zur demokratischen Republik, in der alle Gewalt vom Volke ausgeht“.

Ein Teil dieses ständig sich verändernden Habsburgerreichs war seit 1363 die Stadt Innsbruck. Durch die strategische Lage zwischen den italienischen Städten wie Venedig, Florenz und Mailand und deutschen Zentren wie Augsburg und Regensburg kam Innsbruck spätestens nach der Erhebung zur Residenzstadt unter Kaiser Maximilian ein besonderer Platz im Reich zu. Besonders zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert hinterließen Kaiser, Könige- und Königinnen sowie die Tiroler Landesfürsten ihre Spuren in der Stadt. Als konservatives Land war Tirol immer wieder Rückzugsort während turbulenter Zeiten. Tirol war Provinz und wildes Land, jedoch auch ein Rückzugsort vom „Wilden Osten“. Karl V. (1500 – 1558) floh während einer Auseinandersetzung mit dem protestantischen Schmalkaldischen Bund für einige Zeit nach Innsbruck. Ferdinand I. (1793 – 1875) ließ seine Familie fern der osmanischen Bedrohung im Osten Österreichs in Innsbruck verweilen. Mit dem kinderlosen Tod Erzherzog Sigmund Franz´ endete 1665 die Tiroler Linie der Habsburger. Innsbruck war keine Residenz mehr, beherbergte aber immer noch Universität und Landesbehörden und konnte sich so einen Teil seiner Bedeutung innerhalb des Habsburgerreichs erhalten. Kaiser Franz Stephan von Lothringen, der Gatte Maria Theresias, verstarb während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Sohnes in der Stadt. Kaiser Ferdinand brachte sich 1848 während der Revolution in Wien in Innsbruck in Sicherheit. Auch Franz Josef I. genoss kurz vor seiner Krönung im Sommer 1848 gemeinsam mit seinem Bruder Maximilian, der später als Kaiser von Mexiko von Aufständischen Nationalisten erschossen wurde, die Abgeschiedenheit Innsbrucks. Eine Tafel am Alpengasthof Heiligwasser über Igls erinnert daran, dass der Monarch hier im Rahmen seiner Besteigung des Patscherkofels nächtigte. In der K.u.K. Monarchie des 19. Jahrhunderts war Innsbruck der westliche Außenposten eines Riesenreiches, das sich bis in die heutige Ukraine erstreckte und eine Vielzahl von Nationalitäten umfasste. Oft wurde und wird das späte Habsburgerreich despektierlich als Völkerkerker bezeichnet. Bei allen nationalen, wirtschaftlichen und demokratiepolitischen Problemen, die es in den Vielvölkerstaaten gab, die in verschiedenen Kompositionen und Ausprägungen den Habsburgern unterstanden, die Nationalstaaten, die nachfolgten, schafften es teilweise wesentlich schlechter die Interessen von Minderheiten und kulturellen Unterschiede innerhalb ihres Territoriums unter einen Hut zu bringen. Seit der EU-Osterweiterung wird die Habsburgermonarchie von einigen wohlmeinenden Historikern als ein vormoderner Vorgänger der Europäischen Union gesehen. Gemeinsam mit der katholischen Kirche prägten die Habsburger den öffentlichen Raum über Architektur, Kunst und Kultur. Goldenes Dachl, Hofburg, die Triumphpforte, der Leopoldsbrunnen und viele weitere Bauwerke erinnern bis heute an die Präsenz dieser europäischen Herrscherfamilie in Innsbruck, die mehr als fünf Jahrhunderte überdauerte.