Spitalskirche

Maria-Theresien-Strasse 2

Deckenfresko Spitalskirche Innsbruck

Im 16. Jahrhundert, als Innsbrucks Neustadt stark wuchs, wurde sowohl das Gotteshaus vor den Stadtmauern wie auch das Stadtspital, das direkt daran angeschlossen war, vergrößert. Die große Glocke, die heute noch erklingt und nach ihrem Gießer Löfflerglocke genannt wird, geht ebenfalls auf die frühe Neuzeit zurück. Die Spitalskirche selbst in ihrem heutigen barocken Aussehen entstand zwischen 1700 und 1705 nach den Plänen von Johann Martin Gumpp, nachdem der ursprünglich Bau dem großen Erdbeben von 1689 zum Opfer gefallen war. Große Teile des Innenlebens aus dieser Zeit sind bis heute erhalten geblieben. Die Deckengemälde hingegen wurden bei Luftangriffen im 2. Weltkrieg zerstört. Die nach dem Krieg neu gestalteten Fresken im expressionistischen Stil von Hans Andre sind sehenswerte. Das Eckhaus Maria-Theresienstraße / Marktplatz, das 1888 anstatt des Spitals errichtet wurde, ist heute ein Wohnhaus mit Geschäften im Erdgeschoss.

Die Historie der Spitalskirche und des Stadtspitals ist eng mit der Entwicklung der Kranken-, Alters und Armenversorgung der Stadt Innsbruck verbunden. Über dieses Kapitel der Innsbrucker Geschichte lässt sich gut nachempfinden, wie sich die Obsorge für Untertanen und Bürger weg von der Kirche in Richtung des modernen Sozialstaats verlagerte. Als Menschen des 21. Jahrhunderts erwarten wir von einem Spitalsaufenthalt, das Krankenhaus wieder gesund zu verlassen. Bis ins 18. Jahrhundert waren Spitäler, so auch in Innsbruck, eher die Endstation vor dem Jenseits unter christlicher Obhut und Pflege. Das Spital wurde von einer karitativen Bruderschaft von Innsbrucker Bürgern gegründet und durch Spenden der Kirche und wohlhabender Innsbrucker betrieben. Die Spitalskapelle wurde erstmals im Jahr 1329 urkundlich erwähnt. Das Hospiz wurde außerhalb der Innsbrucker Stadtmauern angelegt, um die Verbreitung von Krankheiten innerhalb der engen Gassen so gut als möglich zu vermeiden. Die Aufgabe des Hospizes war es nicht nur Kranke zu pflegen, sondern auch sich um Mittellose  zu kümmern. Die eigene Familie war noch immer die erste und wichtigste Instanz in Notfällen. Handwerker organisierten einen Teil der Sozialfürsorge für arbeitsunfähige Mitglieder oder deren Witwen und Waisen ebenfalls selbst. Menschen ohne Familie, Knechte, Dienstboten und Kinderlose, wurden aber, anders als oft dargestellt, nicht im Stich gelassen. Mittellose Frauen konnten in Spitälern niederkommen. Ältere und notleidende Bürger wurden mit Kleidung, Nahrung und Pflege versorgt. Auch Waisen und uneheliche Kinder wurden aufgenommen. Durch diese Einrichtungen unterschied sich die Stadt von den Dörfern, wo die Kranken- und Altersversorgung wesentlich schlechter war und Knechte oft bis an ihr Lebensende arbeiten mussten. Wohlhabendere Mitglieder der Bruderschaft hatten als zahlende Mitglieder dabei die Aussicht auf bessere Pflege und Versorgung als Nichtmitglieder. Im Spital wurden auch Almosen an die Ärmsten verteilt. Man kann durchaus von einer frühen Form der sozialen Fürsorge auf kommunaler Ebene, einer nichtstaatlichen Wohlfahrt, sprechen. Bis ins 19. Jahrhundert, in vielen Bereichen bis nach dem Ersten Weltkrieg, war nicht der Zentralstaat, sondern die Gemeinde oder Gönner für die Fürsorge von Armen, Kranken, Waisen, Alten und Arbeitsunfähigen zuständig. Kaiser Maximilian I. zum Beispiel ließ am heutigen Domplatz ein Spital für alte und kranke Mitglieder seines Hofpersonals planen, das nach ihm als „Kaiserspital“ benannt wurde. Die Kirche war häufig mitverantwortlich und Organisator dieser Sozialarbeit.

Hinter der Spitalskirche befand sich seit 1509 der Friedhof. Schon damals war es üblich, die Toten etwas abseits des Geschehens zu gestatten. Das Recht, Beerdigungen abzuhalten, war lange ein Privileg des Stifts Wilten, an dem Innsbruck im kirchenrechtlichen Sinn hing. Erst im späten Mittelalter erhielt Innsbruck das Recht Beerdigungen durchzuführen vom Stift Wilten, das für kirchliche Angelegenheiten in Innsbruck zuständig war. Bei der heutigen Spitalskirche befand sich bis 1888 auch das Stadtspital Innsbrucks, bevor es an seinen heutigen Platz am Westende der Anichstraße übersiedelte, wo es sich zu beeindruckender Größe entwickelte. Beda Weber beschrieb die Pflegeanstalt in seinem Handbuch für Reisende in Tirol als Teil seines Innsbruck Reiseführers:

„An die Kirche schließt sich das Spital an, dessen vorzüglicher Wohlthäter König Heinrich von Böhmen ist, welcher im Jahre 1307 ansehnliche Gefälle dazu anwies. Die Zahl der darin verpflegten Kranken, Irren und Pfründner übestehgt wenigsten die Zahl von 100… Neben dem Spitale besteht auch ein sogenanntes Bruderhaus für 36 arme Weiber und Dienstmägde, welche darin freie Wohnung, Wäsche, Holz und täglich 6 Kreuzer genießen. Aus dem Krankenhause tritt man auf den Gottesacker von Gärten und Feldern umfangen und von Arkaden eingefaßt.“

Bis zu den Entdeckungen in Mikrobiologie und Medizin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Robert Koch (1843 – 1910) oder Louis Pasteur (1922 – 1895) war Hygiene in der Krankenpflege ein unterschätzter Faktor. Die Zustände im alten Spital wurden so beschrieben:

„Für die gesamten Spitalsgebäude stand nur ein Brunnen im Hof, von dem das Wasser in alle Räume getragen werden musste, zur Verfügung. Eine Kanalisation fehlte; es gab einzig Abortgruben. Die Küche lag ebenerdig und gleich dahinter befand sich das Leichenzimmer, in dem auch die Aufbahrungen vorgenommen wurden. Der Keller diente zugleich als Trocken- und Desinfektionsraum. Die Schwestern mussten einen Backofen so lange heizen, bis alle Läuse tot waren. Der Garten war für die männlichen und weiblichen Patienten abgeteilt. In einem Stöcklgebäude waren die Irren untergebracht; zwei Zimmer standen für die ruhigen Patienten zur Verfügung, dann drei Tobzellen und eine Teeküche…. Typhuskranke wurden überhaupt nicht abgesondert. Wenn Deliranten ihre Betten verlassen wollten, dann wurde einfach ein festes Gitter um das Bett aufgestellt.“

Bereits vor dem Umzug war das Stadtspital ein Lehrkrankenhaus und eng mit der Universität verbunden. Die Lehrtätigkeit war einer der Hauptgründe für die Übersiedlung und Ausbau, das rapide Bevölkerungswachstum der andere. Nach der Wiedereröffnung der Universität 1826 waren es nur etwas mehr als 20 Studenten, die Ausmaße des heutigen Studiums- und Klinikbetriebes wäre damals unvorstellbar gewesen. Innsbrucks Klinik ist heute bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, geachtet und geschätzt. Die Universitätsklinik ist heute beinahe ein eigener Stadtteil und zählt zu den größten Arbeitgebern der Stadt.

Glaube, Kirche, Obrigkeit und Herrschaft

Im Schatten des Doms zu St. Jakob befindet sich das Gebäude, das die erste Stadtschule Innsbrucks beheimatete. Eine Klosterschule in Wilten wurde bereits 1313 erwähnt. Die Bildungsstätte trat wahrscheinlich bereits im 13. Jahrhundert ihren Dienst an, als Innsbruck langsam von einer Niederlassung offiziell zur Stadt wurde. Eine erste Erwähnung fand die Schule 1469 und blieb an dieser Stelle bis 1768 in Betrieb. Es ist kein Zufall, dass sich die Schule im 14. Jahrhundert in der Nähe der Kirche ansiedelte. Der Schulmeister wurde zwar vom Gemeinderat der Stadt Innsbruck bestellt, die Obhut über die Ausbildung der Zöglinge aber oblag der Kirche. Natürlich besuchte nicht jedes Kind die mittelalterliche Schule. Es waren vor allem die Kinder des Bürgertums und der Oberen der Handwerkszünfte, die für ihren Beruf Lesen, Schreiben, Religion, teilweise Latein und Rechnen lernen sollten. Bis ins 18. Jahrhundert waren es auch fast ausschließlich Buben, die in den Genuss schulischer Bildung kamen. Eine eigene Schule für Mädchen entstand im 17. Jahrhundert. Hinter der heutigen Spitalskirche siedelten 1689 die Ursulinen an, die sich um den Unterricht für Mädchen kümmerten. Graf Hieronymus Ferrari d´Occhieppo stiftete 30.000 Gulden, mit denen Nonnen aus Freising in Bayern nach Innsbruck geholt werden konnten. Die Kosten für die Stadtschule trugen wohlhabende Bürger und die Stadt selbst. Begabte Kinder aus weniger betuchten Schichten oder gar Waisenkinder wurden als Gegenleistung für den Kirchendienst unterrichtet. Die Lebenserhaltungskosten dieser Schüler wurden ebenfalls teils von anderen Stadtbürgern übernommen. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen wurden die Zöglinge auch im Chorgesang ausgebildet. In den Tagen vor Weihnachten ging der Schulmeister mit den Sängern zu den wohlhabenden Bürgern und Adeligen. Daraus entwickelte sich das Sternsingen, das bis heute ein fixer Brauch rund um den Dreikönigstag ist. Pfarrkirche und Stadt profitierten von dieser Verquickung von Bildung und Kirche gleichermaßen. Die Qualität des Gottesdienstes und der Seelsorge waren damals kein alleiniges Interesse der Kirche, sondern Sache des Stadtrats. Innsbruck wollte wachsen und fähige Handwerker und Händler anlocken. Religion spielte eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und somit bei der Wahl des Wohnortes. Mit der Wandlung Innsbrucks vom Dorf zur Stadt waren neue Berufsgruppen und damit auch neue Anforderungen an die Bildung dazugekommen. Zunehmend mussten auch Handwerker für kaufmännische Tätigkeiten zumindest Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen besitzen. Deutsche Schulen, die sogenannten Normalschulen, zum Beispiel in St. Nikolaus, machten der ersten Stadtschule nach und nach Konkurrenz. Mit dem Jesuitengymnasium, der Lateinschule, das im 16. Jahrhundert in Innsbruck eingerichtet wurde, verlor die Stadtschule an Bedeutung. Als unter Maria Theresia die neue Schulordnung erlassen wurde, übersiedelte die Stadtschule in die heutige Kiebachgasse. Damit einher ging nicht nur eine örtliche Transformation, auch in der strukturellen und inhaltlichen Ausrichtung änderte sich vieles.  Der aufgeklärte Staatsapparat Maria Theresias hatte großes Interesse daran, die Erziehung der Kinder nicht mehr im Wildwuchs Gemeinden und der Kirche zu überlassen, wie es über Jahrhunderte hinweg geschehen war. Von jungen Jahren an sollten Kinder zwar katholisch erzogen werden, ihre Treue sollte aber auch dem Staat dienen. Heute dient die alte Stadtschule als Wohnsitz des Bischofs.

Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst

Wer in Österreich unterwegs ist, kennt die Kuppen und Zwiebeltürme der Kirchen in Dörfern und Städten. Diese Form der Kirchtürme entstand in der Zeit der Gegenreformation und ist ein typisches Kennzeichen des Barock. Prachtvoll und prunkvoll sollten Gotteshäuser sein, ein Symbol des Sieges des rechten Glaubens. Die Religiosität spiegelte sich in der Kunst wider: Großes Drama, Pathos, Leiden, Glanz und Herrlichkeit vereinten sich zum Barock.  Barock war nicht nur eine Stilrichtung, es war ein Lebensgefühl, das seinen Ausgang zur Mitte des 17. Jahrhunderts nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der Mitteleuropa schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte, nahm. Die Türkengefahr aus dem Osten, die in der zweimaligen Belagerung Wiens gipfelte, bestimmte die Politik, während die Reformation den christlichen Glauben spaltete. Nach den Entbehrungen dieser turbulenten Jahre und der theologischen Streitigkeiten sollte der öffentliche Raum in einem neuen Stil, abseits der dunklen Gotik neu erstrahlen. Die Bedeutung des Religiösen gegenüber dem Weltlichen sowie die Einflussnahme des Religiösen auf das Weltliche nahmen nach der kritischen Renaissance wieder zu. Die Barockkultur war ein zentrales Element des Katholizismus und der politischen Darstellung derselben in der Öffentlichkeit. Der Alltag der Menschen wurde von Feiertagen mit christlichem Hintergrund aufgehellt. Architektur, Musik und Malerei waren reich, füllig und üppig. Man wollte den katholischen Glauben gegenüber dem protestantischen für die Bevölkerung attraktiver machen. Der Strenge Calvins und Luthers, die den Fehler machten, die Volksfrömmigkeit in Form der Wallfahrten, Marien- und Heiligenverehrung als Aberglauben abzutun, ja sogar verbieten zu lassen, gefiel nicht allen. Die Macht des Kaisers wurde vom Papst legitimiert. Die Ideen Martin Luthers und anderer Reformatoren waren nicht nur katholischen Herrschern ein Dorn im Auge. Der Barockstil wurde in der Zeit der Gegenreformation häufig als eine Art Propagandamittel gegen die Reformation genutzt, um die Einheit von Kaisertum und Katholizismus in all seiner Pracht zu demonstrieren. Man musste nicht lesen können, um die allgegenwärtige Bildsprache zu verstehen. Prunk und Protz statt puritanischer Genügsamkeit und sparsamer Lebensart, die Reformatoren zu eigen war. Kreuzwege mit Kapellen durchzogen die Landschaft. Auch absolutistische Fürsten wählten den Barock als architektonisches und künstlerisches Stilmittel, um ihre Macht in der Mode der Zeit zu demonstrieren. Jesus wurde verstärkt als der Gekreuzigte dargestellt, um sein Leiden für die Welt hervorzuheben und so das Leiden der Masse der bäuerlichen Bevölkerung innerhalb des Feudalsystems zu rechtfertigen. Neben Kirchen sind es die prunkvollen Schlösser und Parkanlagen, die in ganz Europa in dieser Zeit errichtet wurden. Das Bürgertum wollte den Adeligen und Fürsten nicht nachstehen und ließen ihre Privathäuser im Stile des Barocks errichten. Auf Bauernhäusern prangen ebenfalls häufig Heiligenbilder, Darstellungen der Mutter Gottes und des Herzen Jesu als eine Art bäuerlicher Barock.

Das Stadtbild Innsbrucks veränderte sich enorm. Viele Palazzi der Neustadt, der heutigen Maria-Theresienstraße erstrahlten unter den Baumeistern der Familie Gumpp (94), oder Johann Georg Fischers. Einer der bekanntesten Vertreter in der Malerei war Franz Altmutter. Seine Bilder verbinden auf überfrachtete Art und Weise Himmel und Erde. Die Antike als Vorbild wie es in der Renaissance üblich war, hatte ausgedient. Die bekanntesten Gotteshäuser Innsbrucks wie der Dom, die Johanneskirche oder die Jesuitenkirche, sind im Stile des Barocks gehalten. Die gotische Altstadt wurde mit Ausnahme des Helblinghaus in ihrem Stil erhalten. Um- und Neubauten sowie Innenräume wurden aber häufig barock ausgestattet. Das Alte Landhaus in der Altstadt, das Neue Landhaus in der Maria-Theresien-Straße, die unzähligen Palazzi, Bilder, Figuren – der Barock war im 17. und 18. Jahrhundert das stilbildende Element des Hauses Habsburg und brannte sich in den Alltag ein. Besonders in Österreich gab es das Phänomen der Barockfrömmigkeit, die von Kaiser und Fürsten zur Erziehung der Untertanen eingesetzt wurde. Auch wenn der Ablass, das Freikaufen von Sünden, in der Zeit nach dem 16. Jahrhundert keine gängige Praxis mehr in der katholischen Kirche war, so gab es doch noch eine rege Vorstellung von Himmel und Hölle. Durch ein tugendhaftes Leben, sprich ein Leben im Einklang mit katholischen Werten und gutem Verhalten als Untertan gegenüber der göttlichen Ordnung, konnte man dem Paradies einen großen Schritt näherkommen. Die sogenannte christliche Erbauungsliteratur war in der Bevölkerung beliebt und zeigte vor, wie das Leben zu führen war. Der Historiker Ernst Hanisch beschrieb den Barock und den Einfluss, den er auf die österreichische Lebensart hatte, so:

Österreich entstand in seiner modernen Form als Kreuzzugsimperialismus gegen die Türken und im Inneren gegen die Reformatoren. Das brachte Bürokratie und Militär, im Äußeren aber Multiethnien. Staat und Kirche probierten den intimen Lebensbereich der Bürger zu kontrollieren. Jeder musste sich durch den Beichtstuhl reformieren, die Sexualität wurde eingeschränkt, die normengerechte Sexualität wurden erzwungen. Menschen wurden systematisch zum Heucheln angeleitet.

Die Rituale und das untertänige Verhalten gegenüber der Obrigkeit hinterließen auch im Alltag ihre Spuren in Verhalten und sozialer Alltagskultur, die katholische Länder wie Österreich und Italien bis heute von protestantisch geprägten Regionen wie Deutschland oder Skandinavien unterscheiden. Die Leidenschaft für akademische Titel der Österreicher hat ihren Ursprung in den barocken Hierarchien. Diese Hierarchien manifestierten sich in einem feudalen System der Patronage, das heute als Vitamin B Korruption im Kleinen begünstigt. Auch die Sprache, das typisch österreichische „Schaumamal“ zum Beispiel, lässt auf barocke Art und Weise dem Sprecher mehr Handlungsspielraum als eine konkrete Aussage. Während man in Deutschland politische Sachlichkeit schätzt, ist der Stil von Politikern in Österreich eher theatralisch, angelehnt an die katholischen Prozessionen, die in protestantischen Ländern nicht Teil des Alltags waren. Der konservative politische Beamte Bernhard Bonelli, der vor Gericht mit einer Zeichnung des Lieben Gottes, die sein Sohn angefertigt hatte, anmerkte, er wäre für einen guten Ausgangs der Verhandlung wallfahrten gegangen, mag skurril erscheinen, ist aber nichts weiter als eine Ausprägung der barocken Tradition Österreichs. Der Ausdruck Barockfürst bezeichnet noch immer einen besonders patriarchal-gönnerhaften Politiker, der mit großen Gesten sein Publikum zu becircen weiß. Es ist kein Zufall, dass die ersten fixen Theater im deutschsprachigen Raum ebenfalls in der Zeit der Gegenreformation entstanden. Nur langsam konnte sich die Aufklärung ausgehend von England und Frankreich, quasi als eine Art Gegenbewegung zur absoluten Frömmigkeit des Barock, durchsetzen. Der bekannteste aufgeklärte Vertreter der Habsburger war Josef II., der Sohn Maria Theresias. Unter ihm begann auch Österreich sich des säkularen Lebens stärker zu besinnen. Beamte, Militärs, Universitätsprofessoren, Lehrer, Juristen, Mediziner und aufgeklärte Theologen wagten sich aus der Deckung um die Vormachtstellung der Kirche, besonders der Jesuiten im Bildungsbereich in Frage zu stellen. Im konservativen Tirol wurden diese Schritte besonders misstrauisch beäugt. Wie man sieht, prägen Barockbauten, aber auch Gebräuche wie Prozessionen, Feiertage und Festlichkeiten, die in dieser Zeit entstanden, das Leben in Österreich bis heute.

Die Baumeister Gumpp und die Barockisierung Innsbrucks

Die Familie Gumpp bestimmt bis heute sehr stark das Aussehen Innsbrucks. Vor allem die barocken Teile der Stadt sind auf die Hofbaumeister zurückzuführen. Der Begründer der Dynastie in Tirol, Christoph Gumpp (1600-1672) war eigentlich Tischler. Die Gumpps waren aus dem Schwabenland nach Tirol gekommen. Gumpp war eigentlich Tischler, sein Talent allerdings hatte ihn für höhere Weihen auserkoren. Den Beruf des Architekten gab es zu dieser Zeit noch nicht. Michelangelo und Leonardo Da Vinci galten in ihrer Zeit als Handwerker, nicht als Künstler. Christoph Gumpp trat in die Fußstapfen der von Ferdinand II. hochgeschätzten Renaissance-Architekten aus Italien. Gumpps Tätigkeit als Hofbaumeister begann 1633 und er sollte diesen Titel an die nächsten beiden Generationen weitervererben. Über die folgenden Jahrzehnte sollte Innsbruck einer kompletten Renovierung unterzogen werden. Neue Zeiten bedurften eines neuen Designs, abseits des düsteren, von der Gotik geprägten Mittelalters. Die Gumpps traten nicht nur als Baumeister in Erscheinung. Sie waren Tischler, Maler, Kupferstecher und Architekten, was ihnen erlaubte, ähnlich der Bewegung der Tiroler Moderne rund um Franz Baumann und Clemens Holzmeister Anfang des 20. Jahrhunderts, Projekte ganzheitlich umzusetzen. Johann Martin Gumpp der Ältere, Georg Anton Gumpp und Johann Martin Gumpp der Jüngere waren für viele der bis heute prägendsten Gebäude zuständig. So stammen die Wiltener Stiftskirche, die Mariahilfkirche, die Johanneskirche und die Spitalskirche von den Gumpps.  Neben Kirchen und ihrer Arbeit als Hofbaumeister machten sie sich auch als Planer von Profanbauten einen Namen. Viele der Bürgerhäuser und Stadtpaläste Innsbrucks wie das Taxispalais oder das Alte Landhaus in der Maria-Theresien-Straße wurden von Ihnen entworfen. Das Meisterstück aber war das Comedihaus, das Christoph Gumpp für Leopold V. und Claudia de Medici im ehemaligen Ballhaus plante. Die überdimensionierten Maße des damals richtungsweisenden Theaters, das in Europa zu den ersten seiner Art überhaupt gehörte, erlaubte nicht nur die Aufführung von Theaterstücken, sondern auch Wasserspiele mit echten Schiffen und aufwändige Pferdeballettaufführungen. Das Comedihaus war ein Gesamtkunstwerk an und für sich, das in seiner damaligen Bedeutung wohl mit dem Festspielhaus in Bayreuth des 19. Jahrhunderts oder der Elbphilharmonie heute verglichen werden muss. Das ehemalige Wohnhaus der Familie Gumpp kann heute noch begutachtet werden, es beherbergt heute die Konditorei Munding, eines der traditionsreichsten Cafés der Stadt.

Luftangriffe auf Innsbruck

In der Geschichte Innsbrucks gab es viele Umwälzungen. Rund um die Jahre 1500 und 1900 kam es durch politische und wirtschaftliche Veränderungen zu Wandeln im Stadtbild. Das einschneidendste Erlebnis waren aber wohl die Luftangriffe auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg. Neben der Lebensmittelknappheit waren die Menschen an der von den Nationalsozialisten so genannten „Heimatfront“ in der Stadt vor allem von den Bombenangriffen der Alliierten betroffen. Innsbruck war zwar nicht so arg von den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs in Mitleidenschaft gezogen wie andere Städte, auch hier war der Schaden aber erheblich. Deutschland hatte 1943 die nördlichen Teile Italiens besetzt. Innsbruck war ein wichtiger Versorgungsbahnhof für den Nachschub an der Front. In der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1943 erfolgte der erste alliierte Luftangriff auf die schlecht vorbereitete Stadt. 269 Menschen fielen den Bomben zum Opfer, 500 wurden verletzt und mehr als 1500 obdachlos. Über 300 Gebäude, vor allem in Wilten und der Innenstadt, wurden zerstört und beschädigt. Am Montag, den 18. Dezember fanden sich in den Innsbrucker Nachrichten, dem Vorgänger der Tiroler Tageszeitung, auf der Titelseite allerhand propagandistische Meldungen vom erfolgreichen und heroischen Abwehrkampf der Deutschen Wehrmacht an allen Fronten gegenüber dem Bündnis aus Anglo-Amerikanern und dem Russen, nicht aber vom Bombenangriff auf Innsbruck.

Bombenterror über Innsbruck

Innsbruck, 17. Dez. Der 16. Dezember wird in der Geschichte Innsbrucks als der Tag vermerkt bleiben, an dem der Luftterror der Anglo-Amerikaner die Gauhauptstadt mit der ganzen Schwere dieser gemeinen und brutalen Kampfweise, die man nicht mehr Kriegführung nennen kann, getroffen hat. In mehreren Wellen flogen feindliche Kampfverbände die Stadt an und richteten ihre Angriffe mit zahlreichen Spreng- und Brandbomben gegen die Wohngebiete. Schwerste Schäden an Wohngebäuden, an Krankenhäusern und anderen Gemeinschaftseinrichtungen waren das traurige, alle bisherigen Schäden übersteigende Ergebnis dieses verbrecherischen Überfalles, der über zahlreiche Familien unserer Stadt schwerste Leiden und empfindliche Belastung der Lebensführung, das bittere Los der Vernichtung liebgewordenen Besitzes, der Zerstörung von Heim und Herd und der Heimatlosigkeit gebracht hat. Grenzenloser Haß und das glühende Verlangen diese unmenschliche Untat mit schonungsloser Schärfe zu vergelten, sind die einzige Empfindung, die außer der Auseinandersetzung mit den eigenen und den Gemeinschaftssorgen alle Gemüter bewegt. Wir alle blicken voll Vertrauen auf unsere Soldaten und erwarten mit Zuversicht den Tag, an dem der Führer den Befehl geben wird, ihre geballte Kraft mit neuen Waffen gegen den Feind im Westen einzusetzen, der durch seinen Mord- und Brandterror gegen Wehrlose neuerdings bewiesen hat, daß er sich von den asiatischen Bestien im Osten durch nichts unterscheidet – es wäre denn durch größere Feigheit. Die Luftschutzeinrichtungen der Stadt haben sich ebenso bewährt, wie die Luftschutzdisziplin der Bevölkerung. Bis zur Stunde sind 26 Gefallene gemeldet, deren Zahl sich aller Voraussicht nach nicht wesentlich erhöhen dürfte. Die Hilfsmaßnahmen haben unter Führung der Partei und tatkräftigen Mitarbeit der Wehrmacht sofort und wirkungsvoll eingesetzt.

Diese durch Zensur und Gleichschaltung der Medien fantasievoll gestaltete Nachricht schaffte es gerade mal auf Seite 3. Prominenter wollte man die schlechte Vorbereitung der Stadt auf das absehbare Bombardement wohl nicht dem Volkskörper präsentieren. Ganz so groß wie 1938 nach dem Anschluss, als Hitler am 5. April von 100.000 Menschen in Innsbruck begeistert empfangen worden war, dürfte die Begeisterung für den Nationalsozialismus nicht mehr gewesen sein. Zu groß waren die Schäden an der Stadt und die persönlichen, tragischen Verluste in der Bevölkerung. Im Jänner 1944 begann man Luftschutzstollen und andere Schutzmaßnahmen zu errichten. Die Arbeiten wurden zu einem großen Teil von Gefangenen des Konzentrationslagers Reichenau durchgeführt.

Insgesamt wurde Innsbruck zwischen 1943 und 1945 zweiundzwanzig Mal angegriffen. Dabei wurden knapp 3833, also knapp 50%, der Gebäude in der Stadt beschädigt und 504 Menschen starben. Innsbruck wurde zum Glück nur Opfer gezielter Angriffe. Große deutsche Städte wie Dresden wurden von den Alliierten mit Feuerstürmen mit Zehntausenden Toten innerhalb weniger Stunden komplett dem Erdboden gleichgemacht. Viele Gebäude wie die Jesuitenkirche, das Stift Wilten, die Servitenkirche, der Dom, das Hallenbad in der Amraserstraße wurden getroffen. Eine besondere Behandlung erfuhren während der Angriffe historische Gebäude. Das Goldene Dachl wurde mit einer speziellen Konstruktion ebenso geschützt wie der Sarkophag Maximilians in der Hofkirche. Die Figuren der Hofkirche, die Schwarzen Mannder, wurden nach Kundl gebracht. Die Gnadenmutter, das berühmte Bild aus dem Innsbrucker Dom, wurde während des Krieges ins Ötztal überführt. Weniges erinnert in Innsbruck noch an die Luftangriffe, es sei denn, man bezeichnet die Bausünden der Nachkriegszeit als Erinnerungsorte. Es mag ein großes Glück sein, dass die Altstadt gut erhalten blieb. Die Maria-Theresien-Straße, die Museumstraße, das Bahnhofsviertel, Wilten oder die Pradlerstraße wären wohl noch um einiges ansehnlicher, hätte man nicht die Löcher im Straßenbild stopfen müssen. Der Luftschutzstollen südlich von Innsbruck an der Brennerstraße und die Kennzeichnungen von Häusern mit Luftschutzkellern mit ihren schwarzen Vierecken und den weißen Kreisen kann man heute noch begutachten. In Pradl, wo neben Wilten die meisten Gebäude beschädigt wurden, weisen die grauen Tafeln mit dem Hinweis auf den Wiederaufbau des jeweiligen Gebäudes auf einen Bombentreffer hin.