Winklerhaus

Ecke Leopoldstraße/Maximilianstraße

Wissenswert

Das Winklerhaus bleibt den Augen unaufmerksamer Spaziergänger häufig verborgen. Zu Unrecht, ist es doch nicht nur eines der wenigen Jugendstilbauwerke Innsbrucks, sondern auch eines der bemerkenswertesten Häuser der Stadt. Die beiden Gebäudeteile, bestehend aus einem Geschäftstrakt in der Leopoldstraße und einem Wohntrakt in der Maximilianstraße, heben sich deutlich von der gesamten umliegenden Architektur ab. Der Innsbrucker Stadtapotheker Franz Winkler (1833 – 1895) ließ 1873 das Gebäude auf seine heutige Höhe aufstocken. Sein Nachfolger als Hausherr und Innsbrucker Rechtsanwalt Josef Winkler engagierte den Münchner Architekten Anton Bachmann, um die klassizistische Fassade gegen die aktuelle Jugendstilfassade austauschen zu lassen. Von der Leopoldstraße aus kann man die Fassade mit den reichen und ausladenden Ornamenten bewundern. Die Tiere, Fabelwesen und Masken auf den Kapitellen sind typisch für den verspielten Jugendstil. In der Frieszone über dem Geschäftstrakt befindet sich das Mosaik einer byzantinischen Madonna, eine für Innsbruck äußerst ungewöhnliche Darstellung der Heiligen Maria. Anstelle der leidenden Muttergottes zeigt sie Edelsteingeschmeide und reichen Kopfschmuck. Über dem Eingangsbereich des Geschäfts im Erdgeschoß verrenken sich Moriskentänzer die Glieder, eine Reminiszenz des Künstlers an die Stadtgeschichte Innsbruck. Dieser höfische Tanz aus der Zeit Maximilians wurde auch am Goldenen Dachl für die Nachwelt in Skulpturform festgehalten. Der Teil des Winklerhauses in der Maximilianstraße ist weniger bunt, aber nicht weniger sehenswert. Besonders der mit zwei Fabelwesen verzierte Erker weist auf einen fantasievollen und kreativen Bauherrn hin:

"Sehe jeder wie er's treibe,
Sehe jeder wo er bleibe,
Und wer steht,
dass er nicht falle."

Der Jugendstil war Ausdruck eines neuen bürgerlichen Selbstverständnisses rund um die Jahrhundertwende. Er war eine Art der Auflehnung althergebrachter Werte, die die Aristokratie trotz der Veränderungen nach 1848 vor allem in der österreichischen Monarchie noch verkörperte. Aufgeklärte Bürger empfanden sich zunehmend als Individuen abseits katholisch geprägter Hierarchien und der neuen Technokratie. Sinnlichkeit und Natur gegen Rationalität und Standesdenken, Körperbewusstsein als Zeichen einer neuen Zeit. Lebensreformer verabscheuten die neue Durchtaktung der Zeit und sich in jeder Hinsicht der galoppierenden Technologisierung und Vernunft unterwerfen zu müssen. Der Mensch, Körper, Geist und Seele in Verbindung mit der Natur sollten im Mittelpunkt stehen. Der Jugendstil als Kunstrichtung lehnte sich an diese Strömung an. Ähnlich der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert sollte eine Form der Mystik abseits der strukturierten und nüchternen Realität wieder ins Leben zurückkehren. Der Prunk deutete eine neue, bessere Zeit an, ein Goldenes Zeitalter. Die klaren Formen des Klassizismus und die pure Vernunft, die damit repräsentiert wurde, sollten mit der Verspieltheit des Jugendstils überwunden werden.

Das Winklerhaus stellt einen Gegensatz zum Großteil der um das Jahr 1900 in Innsbruck errichteten Gebäude dar. Anschaulich wird dies, wenn man die Architektur des Winklerhauses mit der strengen Hauptpost in der Maximilianstraße gegenüber vergleicht, die im typischen Stil der k.uk. Amtsgebäude 1908 geplant wurde. Anders als in Wien, von wo aus der Jugendstil von Künstlern wie Otto Wagner und Gustav Klimt seinen Siegeszug antrat, konnte sich diese Stilrichtung in Tirol nie richtig durchsetzen. Stadtapotheker Franz Winkler hingegen zeigte sich nicht nur bei der Wahl seines Wohnsitzes, sondern auch bei der Gestaltung seiner letzten Ruhestätte aufgeschlossen gegenüber moderner Kunst. Ein expressiv-modernistisches, kubistisches Bild schmückt die Familiengrablege der Winklers in den Arkaden des Westfriedhofes in Wilten.

Josef Prachensky: Lebensreform und Sozialdemokratie

Industrialisierung und Verbürgerlichung des 19. Jahrhunderts veränderten die Gesellschaft im Guten wie im Schlechten. Die Urbanisierung wurde von immer mehr Menschen zunehmend als Belastung empfunden. Zwar hatten viele der Arbeiter und Angestellten in Innsbruck in absoluten Zahlen gemessen mehr Mittel zur Verfügung als je zuvor, der Druck der sozialen Teilhabe wurde aber auch größer. Ab den 1890ern gab es in Innsbruck mehrere Litfaßsäulen, auf denen kunstvoll gestaltete Plakate die neue Vielfalt an Produkten anpriesen. Warenhäuser und Modeausstatter machten die Unterschiede innerhalb der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft sichtbarer als je zuvor. Wer mithalten wollte in der neuen bürgerlichen Klasse, musste sich die Mitgliedschaft in der neuen Konsumgesellschaft leisten können. Gleichzeitig stieg die Belastung durch die Industrialisierung. Der Verkehr auf den Straßen, die Abgase der Fabriken, die beengten Wohnverhältnisse in den Mietkasernen und die bis dahin unbekannte Hast durch die Durchtaktung der Zeit, die neue Krankheitsbilder wie Neurasthenie salonfähig machte, riefen Gegenbewegungen hervor. Innsbruck war zwar nicht mit Paris oder London vergleichbar was Größe oder Intensität der Industrialisierung betrifft, die Fallhöhe für viele Bewohner der ehemals ländlichen Dörfer wie Pradl und die vom Land zugezogenen Arbeitskräfte war aber enorm.

Licht Luft und Sonne“ war das Motto der Lebensreform, einer Sammelbewegung alternativer Lebensmodelle, die im späten 19. Jahrhundert in Deutschland im Gleichschritt mit der Entwicklung der Sozialdemokratie ihren Anfang nahm. Beide Ideen waren Reaktionen auf die Lebensbedingungen in den rasant wachsenden Städten. Schon vor der politischen Teilhabe beeinflussten Lebensreform und Sozialdemokratie Gesellschaft, Kunst und Architektur. Man wollte sich von dem, was Max Weber als protestantische Ethik beschrieb, der Industrie, den Stechuhren, ganz allgemein dem rasenden technischen Fortschritt mit allen Auswirkungen auf den Menschen und das Sozialgefüge, abgrenzen. Der Mensch als Individuum, nicht seine Wirtschaftsleistung, sollte wieder im Mittelpunkt stehen. Was dem Arbeiter Karl Marx´ Schriften, waren der gehobenen Bürgerschaft Kunst und Architektur. Der Jugendstil war der künstlerische Ausdruck auf dieses „Zurück zum Ursprung“ der Jahrhundertwende. Das verspielte Element war das Gegenteil zum stets symmetrischen und aufgeräumten Historismus. Das Winklerhaus ist eines der wenigen im Stadtbild erhaltenen Zeugnisse dieses Zeitgeistes. Seit 1869 erschien die Deutsche Vierteljahrschrift für öffentliche Gesundheitspflege, die sich mit der Verbesserung von Ernährung, Hygiene und Wohnraum auseinandersetzte. 1881 wurde die Österreichische Gesellschaft für Gesundheitspflege gegründet. Private Vereine veranstalteten Aufklärungsveranstaltungen zum sauberen und gesunden Leben. Man betrieb politisches Lobbying zur Errichtung von Parks im öffentlichen Raum und der Verbesserung der Infrastruktur wie Bädern, Krankenhäusern, Kanalisation und Wasserleitungen. Assanation und Sozialhygiene waren Schlagwörter einer bürgerlichen Elite, die um ihre Mitmenschen und die Volksgesundheit besorgt war. Anstelle der sozialistischen Revolution sollte der christliche Gedanke der Nächstenliebe die Gesellschaft voranbringen. Wie alle elitären Bewegungen nahm auch die Lebensreform teils absurde und sektenartige Blüten an. Bewegungen wie der Vegetarismus, FKK, Gartenstädte, verschiedene esoterische Strömungen und andere alternative Lebensformen, die sich bis heute in der einen oder anderen Form erhalten konnten, entstanden in dieser Zeit. Auch Orientalismus und Spiritismus feierten in der Upper Class ein fröhliches Dasein.

Dieser oft wohlmeinende, aber exzentrische Lebensstil blieb Arbeitern meist verwehrt, bildete aber in vielerlei Hinsicht den ideologischen Kern im realpolitischen Handeln einer damals jungen Partei. Die frühen Sozialdemokraten stellten sich den Lebensrealitäten der Arbeiter und suchten nach Verbesserung abseits der Ideenlehre. Die Grundforderungen waren den heutigen erstaunlich ähnlich, wenn auch auf anderem Niveau. Die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Wohnsituation standen ganz oben auf der Wunschliste der meisten Menschen. Viele Mietzinsburgen waren triste und überfüllte Biotope ohne Infrastruktur wie Sportanlagen oder Parks. Moderne Wohnsiedlungen sollte funktional, komfortabel, leistbar und mit Grünflächen verbunden sein. Diese Ansichten hatten sich auch in öffentlichen Stellen durchgesetzt. Albert Gruber, Professor an der Innsbrucker Gewerbeschule, schrieb 1907:

„Ich habe zwar oft den Ausspruch gehört, wir in Innsbruck benötigen keine Anlagen, uns gibt das alles die Natur, Das ist aber nicht wahr. Was gibt es schöneres, als wenn die Berufsmenschen von der Stelle ihrer Tätigkeit in ihr Heim durch eine Reihe von Pflanzenanlagen gehen können. Es wird dadurch der Weg von und in den Beruf zu einem Erholungsspaziergang. Die Gründe, weshalb Baum- und Gartenpflanzungen im Bereiche der städtischen Bebauung vorteilhaft wirken, sind übrigens mannigfaltige. Ich will nicht auf die Wechselbeziehung zwischen Menschen und Pflanze hinweisen, die hinlänglich bekannt sein dürfte. In anderer Weise wirken die Pflanzen zur Verbesserung der Atmungsluft durch Verminderung des Staubes.“

Noch vor dem Ersten Weltkrieg kam es zu Veränderungen im politischen Alltag. Die Sozialdemokratie als politische Partei gab es seit 1889 offiziell, gestalterische Möglichkeiten hatte sie unter der Habsburgermonarchie aber nur sehr eingeschränkt. Sozialismus galt als unchristlich und wurde im Heiligen Land Tirol argwöhnisch beäugt. Bedeutsam war die Arbeiterbewegung als weltlich organisiertes gesellschaftliches Gegengewicht und Ersatz zu den in Tirol alles dominierenden katholischen Strukturen. 1865 entstand in Innsbruck der erste Tiroler Arbeiterbildungsverein. Arbeiter sollten sich ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft bewusst werden vor der anstehenden Weltrevolution. Dafür war es unumgänglich, ein Mindestmaß an Bildung zu besitzen und Lesen und Schreiben zu beherrschen. 10 Jahre später gründete Franz Reisch den Allgemeinen Arbeiter-Verein in Innsbruck. Weitere zwei Jahre später wurde reichsweit die „Allgemeine Arbeiter-, Kranken-, und Invaliden-Casse“ an den Start geschickt. Trotz staatlicher Repression kam es immer wieder zu beträchtlichen Versammlungen der „Radicalen“. Seit 1893 erschien in Innsbruck die sozialdemokratische Volkszeitung für Tirol und Vorarlberg als Gegenstimme zu den katholischen Blättern. Hier startete ein junger Buchdrucker aus dem Osten der k.u.k. Monarchie seine Karriere in der Innsbrucker Stadtpolitik. Der gebürtige Böhme Josef Prachensky (1861 – 1931) hatte auf seiner Meisterwanderung in Wien während des Buchdruckerstreiks die Arbeiterbewegung für sich entdeckt. Ob er sich zuerst in die Stadt oder seine spätere Frau verliebte, kann nicht mehr ganz nachvollzogen werden. Was wir wissen ist, dass er die Leitung der Printanstalt übernahm, die die sozialdemokratische Arbeiterzeitung herausgab. Prachensky war an der Gründung der Sozialdemokratischen Partei Tirols 1890 maßgeblich beteiligt. 1899 war er als treibende Kraft mit dabei, als in der heutigen Maximilianstraße die Erste Tiroler Arbeiter-Bäckerei, kurz ETAB, eröffnete. Die Genossenschaft machte es sich zum Ziel, unter guten Arbeits- und Hygienebedingungen hochwertiges Brot zu fairen Preisen herzustellen. Nach mehreren Standortwechseln landete die ETAB in der Hallerstraße, wo sie bis 1999 täglich frische Backwaren produzierte. Mit seinen Ansichten und Firmengründungen erarbeitete er sich rasch einen Ruf als Anarchist, einer politischen Strömung innerhalb der Linken, die sich um die Jahrhundertwende einer gewissen Beliebtheit erfreute, gleichermaßen aber wegen ihres oft gewalttätigen Aktionismus einen anrüchigen und gefürchteten Ruf besaß. Josef Prachensky unterstützte neben der ETAB den „Arbeiter-Consum-Verein“ und gründete die Getränkehalle Alkoholfrei in der Museumstraße 16, einem Lokal, das ganz im Sinne der Lebensreformbewegung und des Sozialismus die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit innerhalb der Arbeiterschaft zum Ziel hatte. Wo früher nach dem christlichen Kalender gefastet wurde, sollte nun nach den Maßen der individuellen Vernunft zum eigenen Wohl der Verzicht Geist und Körper reinigen. Auch Friedrich Engels (1820 – 1895), der Mitverfasser des Kommunistischen Manifestes, hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Schnaps und Branntwein als ein Übel der Arbeiterklasse erkannt hatte. Das Ziel, Menschen vom Alkohol wegzubekommen teilte der Sozialismus wie so vieles im Sozialen mit Vereinen diverser Konfessionen innerhalb des Christentums Abstinenz predigten. Alkoholiker konnten weder die Weltrevolution starten noch ein gottgefälliges Leben nach den Vorstellungen der Kirche führen, egal ob katholisch, lutherisch oder calvinistisch. Wie wenig dieser Ansatz im Innsbruck der Belle Epoque fruchtete, zeigt die Umfirmierung des Lokals von Alkoholfrei auf Reform bereits nach kurzer Zeit samt dazugehörigem Ausschank von Alkohol und dem folgenden Konkurs Prachenskys. Ein besonderes politisches Anliegen war ihm die Einschränkung der Kirche auf den Schulunterricht, der im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch im eigentlich liberalen Innsbruck, das sich an die nationale Schulordnung halten musste, noch sehr groß war. Die liberale Bildungsreform von 1869 hätte den Klerus zwar aus den Schulen drängen sollen, faktisch war der Einfluss aber noch sehr groß. Prachensky setzte sich dafür ein, Kindern aus Arbeiterfamilien zumindest eine anständige Schulbildung angedeihen zu lassen, um ihnen ein Mindestmaß an Chance auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu ermöglichen. Seine Forderungen zur Zeit der Jahrhundertwende nach besserer und einheitlicher Besoldung des Lehrpersonals, einer Reduzierung des Anteils des Religionsunterrichtes, Unterstützung für weniger begüterte Kinder und Verringerung der Klassengröße wirken erstaunlich modern.

Die ersten freien Wahlen innerhalb der k.u.k. Monarchie zum Reichsrat für alle männlichen Bürger im Jahr 1907 veränderten die politischen und sozialen Kraftverhältnisse und gaben den Sozialdemokraten Rückenwind, auch wenn auf Gemeindeebene noch das Zensuswahlrecht galt. Der Pofl hatte nun politisches Mitspracherecht. Wichtige Gesetze wie Arbeitszeitbeschränkungen und Verbesserung in den Arbeitsbedingungen konnten nun mit mehr Nachdruck verlangt werden. Das Kronland Tirol hatte gemeinsam mit Oberösterreich die längsten Arbeitszeiten in der gesamten Donaumonarchie. Die Gewerkschaftsmitglieder stiegen zahlenmäßig zwar an, außerhalb der kleinstädtischen Zentren war Tirol aber zu sehr bäuerlich geprägt, um nennenswerten Druck erzeugen zu können. Als nach der Ausrufung der Republik 1918 auch auf Kommunalebene zum ersten Mal nach dem allgemeinen und freien Wahlrecht über die Zusammensetzung des Gemeinderates gewählt wurde, konnten die Sozialdemokraten erstmals die meisten Stimmen erringen. Die Erfüllung der daraus folgenden Forderungen musste auch nach den ersten Gemeinderatswahlen nach 1918 noch warten. Innsbruck war rot, bestimmend für die großen Fragen der Politik blieb aber die konservative Politik der Landesregierung. In Innsbruck spielten sich zwar keine bürgerkriegsähnlichen Szenen wie in den Arbeiterhochburgen wie Wien, Linz oder Steyr ab, zu Schlägereien, Mordanschlägen und Gewalt kam es aber häufig. Prachensky, der sich als Sozialdemokrat immer gegen das Prädikat des „Radicalen“ gewehrt hatte, wurde in die Grabenkämpfe der Zwischenkriegszeit hineingezogen und gründete den Tiroler Ableger des Republikanischen Schutzbundes RESCH, dem Gegenstück zu den rechten Heimwehrverbänden.

Das Jahr 1848 und seine Folgen

Das Jahr 1848 nimmt einen mythischen Platz in der europäischen Geschichte ein. Innsbruck war zwar nicht einer der Hotspots wie Paris, Wien, Budapest, Mailand oder Berlin, auch im Heiligen Land Tirol hinterließ das Revolutionsjahr aber seine Spuren. Im Gegensatz zum bäuerlich geprägten Umland hatte sich in Innsbruck ein aufgeklärtes Bildungsbürgertum entwickelt. Aufgeklärte Menschen wollten keine Untertanen eines Monarchen oder Landesfürsten mehr sein, sondern Bürger mit Rechten und Pflichten gegenüber einem modernen Staatswesen. Studenten und Freiberufler forderten politische Mitsprache, Pressefreiheit und Bürgerrechte. Arbeiter verlangten nach besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen. Besonders radikale Liberale und Nationalisten stellten sogar die Allmacht der Kirche in Frage. Im März 1848 entlud sich in vielen Städten dieses sozial und politisch hochexplosive Gemisch in Aufständen und Straßenkämpfen. In Innsbruck feierten einige Studenten und Professoren die neu erlassene Pressefreiheit mit einem Fackelzug. Im Großen und Ganzen ging die Revolution im gemächlichen Tirol aber ruhig vonstatten. Von einem spontanen Ausbruch der Emotionen oder gar einer Revolution zu sprechen wäre schon eine Übertreibung, der Termin des Zuges wurde wegen Schlechtwetter vom 20. auf den 21. März verschoben. Es kam kaum zu antihabsburgischen Ausschreitungen oder Übergriffen, ein verirrter Stein in ein Fenster der Jesuiten war einer der Höhepunkte der alpinen Variante der Revolution von 1848. Die Studenten unterstützten das Stadtmagistrat sogar dabei, die öffentliche Ordnung zu überwachen, um so dem Monarchen ihre Dankbarkeit für die neu gewährten Freiheiten und ihre Treue zu zeigen.

Die anfängliche Begeisterung für den Umsturz innerhalb der bürgerlichen Eliten wurde in Innsbruck in Folge schnell deutschnationalem, patriotischen Rausch abgelöst. Am 6. April 1848 wurde vom Gubernator Tirols die deutsche Fahne während eines feierlichen Umzugs geschwungen. Auch auf dem Stadtturm wurde eine deutsche Tricolore gehisst. Während sich Studenten, Arbeiter, liberal-nationalistisch gesinnte Bürger, Republikaner, Anhänger einer konstitutionellen Monarchie und katholische Konservative bei gesellschaftlichen Themen wie der Pressefreiheit nicht einig wurden, teilte man die Abneigung gegen die italienische Unabhängigkeitsbewegung, die von Piemont und Mailand ausgehend Norditalien erfasst hatte. Innsbrucker Studenten und Schützen zogen mit Unterstützung der k.k. Armeeführung ins Trentino, um die Unruhen und Aufstände im Keim zu ersticken. Bekannte Mitglieder dieses Korps waren der bereits in die Jahre gekommene Pater Haspinger, der bereits mit Andreas Hofer 1809 zu Felde zog, und Adolf Pichler. Johann Nepomuk Mahl-Schedl, vermögender Besitzer von Schloss Büchsenhausen, stattete sogar eine eigene Kompanie aus, mit der er zur Grenzsicherung über den Brenner zog. Die Kriegsfront machte aber nicht an den südlichen Landesgrenzen Halt. Auch die Stadt Innsbruck als politisches und wirtschaftliches Zentrum des multinationalen Kronlandes Tirol und Heimat vieler Italienischsprachiger wurde zur Arena des Nationalitätenkonflikts. In Kombination mit reichlich Alkohol bereiteten anti-italienische Gefühle in Innsbruck mehr Gefahr für die öffentliche Ordnung als der Ruf nach bürgerlichen Freiheiten. Ein Streit zwischen einem deutschsprachigen Handwerker und einem italienischsprachigen Ladiner schaukelte sich dermaßen auf, dass es beinahe zu einem Pogrom gegenüber den zahlreichen Betrieben und Gaststätten von italienischsprachigen Tirolern gekommen wäre.

Die relative Beschaulichkeit Innsbrucks kam dem in Wien unter Druck stehenden Kaiserhaus recht. Als es in der Hauptstadt auch nach dem März nicht aufhörte zu brodeln, floh Kaiser Ferdinand im Mai nach Tirol. Folgt man den Presseberichten aus dieser Zeit, wurde er von der Bevölkerung begeistert empfangen.

"Wie heißt das Land, dem solche Ehre zu Theil wird, wer ist das Volk, das ein solches Vertrauen genießt in dieser verhängnißvollen Zeit? Stützt sich die Ruhe und Sicherheit hier bloß auf die Sage aus alter Zeit, oder liegt auch in der Gegenwart ein Grund, auf dem man bauen kann, den der Wind nicht weg bläst, und der Sturm nicht erschüttert? Dieses Alipenland heißt Tirol, gefällts dir wohl? Ja, das tirolische Volk allein bewährt in der Mitte des aufgewühlten Europa die Ehrfurcht und Treue, den Muth und die Kraft für sein angestammtes Regentenhaus, während ringsum Auflehnung, Widerspruch. Trotz und Forderung, häufig sogar Aufruhr und Umsturz toben; Tirol allein hält fest ohne Wanken an Sitte und Gehorsam, auf Religion, Wahrheit und Recht, während anderwärts die Frechheit und Lüge, der Wahnsinn und die Leidenschaften herrschen anstatt folgen wollen. Und während im großen Kaiserreiche sich die Bande überall lockern, oder gar zu lösen drohen; wo die Willkühr, von den Begierden getrieben, Gesetze umstürzt, offenen Aufruhr predigt, täglich mit neuen Forderungen losgeht; eigenmächtig ephemere- wie das Wetter wechselnde Einrichtungen schafft; während Wien, die alte sonst so friedliche Kaiserstadt, sich von der erhitzten Phantasie der Jugend lenken und gängeln läßt, und die Räthe des Reichs auf eine schmähliche Weise behandelt, nach Laune beliebig, und mit jakobinischer Anmaßung, über alle Provinzen verfügend, absetzt und anstellt, ja sogar ohne Ehrfurcht, den Kaiser mit Sturm-Petitionen verfolgt; während jetzt von allen Seiten her Deputationen mit Ergebenheits-Addressen mit Bittgesuchen und Loyalitätsversicherungen dem Kaiser nach Innsbruck folgen, steht Tirol ganz ruhig, gleich einer stillen Insel, mitten im brausenden Meeressturme, und des kleinen Völkchens treue Brust bildet, wie seine Berge und Felsen, eine feste Mauer in Gesetz und Ordnung, für den Kaiser und das Vaterland."

Im Juni stieg auch ein junger Franz Josef, damals noch nicht Kaiser, am Rückweg von den Schlachtfeldern Norditaliens in der Hofburg ab, anstatt direkt nach Wien zu reisen. Innsbruck war wieder Residenzstadt, wenn auch nur für einen Sommer. Während in Wien, Mailand und Budapest Blut floss, genoss die kaiserliche Familie das Tiroler Landleben. Ferdinand, Franz Karl, seine Frau Sophie und Franz Josef empfingen Gäste von ausländischen Fürstenhöfen und ließen sich im Vierspänner zu den Ausflugszielen der Region wie der Weiherburg, zur Stefansbrücke, nach Kranebitten und hoch hinauf bis Heiligwasser chauffieren und unternahmen Wanderungen. Wenig später war es allerdings vorbei mit der Gemütlichkeit. Der als nicht mehr amtstauglich geltende Ferdinand übergab unter sanftem Druck die Fackel der Regentenwürde an Franz Josef I. Im Juli 1848 kam es in Wien in der Hofreitschule zur Abhaltung einer ersten parlamentarischen Sitzung. Eine erste Verfassung wurde in Kraft gesetzt. Der Reformwille der Monarchie flachte aber schnell wieder ab. Das neue Parlament war ein Reichsrat, es konnte keine bindenden Gesetze erlassen, der Kaiser besuchte es Zeit seines Lebens nie und verstand auch nicht, warum die Donaumonarchie als von Gott eingesetzt diesen Rat benötigt.

Die zart in Gang gesetzte Liberalisierung nahm in den Städten trotzdem ihren Lauf. Innsbruck erhielt den Status einer Stadt mit eigenem Statut. Das Innsbrucker Gemeinderecht sah ein Bürgerrecht vor, das zwar an Besitz oder die Abgabe von Steuern gebunden war, jedoch den Angehörigen der Gemeinde gewisse Rechte gesetzlich zusicherte. Das Heimatrecht konnte durch Geburt, Verehelichung oder außerordentlicher Verleihung erworben werden und verlieh zumindest den männlichen Volljährigen das Wahlrecht auf kommunaler Ebene. Geriet man in finanzielle Notlage, so hatte man das Anrecht auf eine Grundversorgung durch die Stadt. Innerhalb der Stadtregierung setzte sich dank des Mehrheitswahlrechtes nach Zensus die großdeutsch-liberale Fraktion durch, in der Händler, Gewerbetreibende, Industrielle und Gastwirte den Ton angaben. Am 2. Juni 1848 erschien die erste Ausgabe der liberal und großdeutsch gesinnten Innsbrucker Zeitung, der obiger Artikel zur Ankunft des Kaisers in Innsbruck entnommen ist. Konservative hingegen lasen das Volksblatt für Tirol und Vorarlberg. Gemäßigte Leser, die eine konstitutionelle Monarchie befürworteten, konsumierten bevorzugt den Bothen für Tirol und Vorarlberg. Mit der Pressefreiheit war es aber schnell wieder vorbei. Die zuvor abgeschaffte Zensur wurde in Teilen wieder eingeführt. Herausgeber von Zeitungen mussten einigen Schikanen der Obrigkeit unterziehen. Zeitungen durften nicht gegen Landesregierung, Monarchie oder Kirche schreiben.

"Wer durch Druckschriften andere zu Handlungen auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht, durch welche die gewaltsame Losreißung eines Theiles von dem einheitlichen Staatsverbande... des Kaiserthums Österreich bewirkt... oder der allgemeine öster. Reichstag oder die Landtage der einzelnen Kronländer... gewalttätig stört... wird mit schwerem Kerker von zwei bis zehn Jahren Haft bestraft."

Nachdem Innsbruck 1849 Meran auch offiziell als Landeshauptstadt abgelöste hatte und somit auch endgültig zum politischen Zentrum Tirols geworden war, bildeten sich Parteien. Mit der Gründung der Katholisch-konservativen Fraktion und den Liberalen bildete sich ein Gedankenpaar heraus, das bis zum Ersten Weltkrieg nicht nur die Politik prägte. Vereine aller Art als politische Vorfeldorganisationen und Zeitungen bildeten die Demarkationslinien, an denen sich die Gesellschaft in allen Fragen des Lebens von der Wiege bis zur Bahre spaltete. Ab 1868 stellte die liberal und großdeutsch orientierte Partei den Bürgermeister der Stadt Innsbruck. Der Einfluss der Kirche nahm in Innsbruck im Gegensatz zu den Umlandgemeinden ab. Individualismus, Kapitalismus, Nationalismus und Konsum sprangen in die Bresche. Neue Arbeitswelten, Kaufhäuser, Theater, Cafés und Tanzlokale verdrängten Religion zwar auch in der Stadt nicht, die Gewichtung wurde durch die 1848 errungenen bürgerlichen Freiheiten aber eine andere.

Die wahrscheinlich wichtigste Gesetzesänderung im Rahmen des Jahres 1848 war das Grundentlastungspatent. In Innsbruck hielt der Klerus, vor allem das Stift Wilten, einen großen Teil des bäuerlichen Grundbesitzes. Kirche und Adel waren nicht steuerpflichtig. 1848/49 wurden in Österreich Grundherrschaft und Untertänigkeitsverhältnis aufgehoben. Abgelöst wurden damit Grundzinsen, Zehent und Robot. Die Grundherren erhielten im Rahmen der Grundentlastung ein Drittel des Wertes ihrer Ländereien vom Staat, ein Drittel wurde als Steuererleichterung gewertet, ein Drittel der Ablöse mussten die Bauern selbst übernehmen. Sie konnten diesen Betrag in Raten innert zwanzig Jahren abzahlen. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Die Nachkommen der damals erfolgreichen Bauern genießen durch den geerbten Landbesitz, der auf die Grundentlastung 1848 zurückzuführen ist, die Früchte des Wohlstandes und auch politischen Einfluss durch Grundstücksverkäufe für Wohnbau, Pachten und Ablösen der öffentlichen Hand für Infrastrukturprojekte. Die grundbesitzenden Adeligen von einst mussten sich mit der Schmach abfinden, bürgerlicher Arbeit nachzugehen. Der Übergang vom Geburtsrecht zum privilegierten Status innerhalb der Gesellschaft dank finanzieller Mittel, Netzwerken und Ausbildung gelang häufig. Viele Innsbrucker Akademikerdynastien nahmen ihren Ausgang in den Jahrzehnten nach 1848.

Auch für die breite Masse änderte sich das Leben. Das bis dato unbekannte Phänomen der Freizeit kam auf und begünstigte gemeinsam mit frei verfügbarem Einkommen einer größeren Anzahl an Menschen Hobbies. Zivile Organisationen und Vereine, vom Lesezirkel über Sängerbünde, Feuerwehren und Sportvereine, gründeten sich. Auch im Stadtbild manifestierte sich das Revolutionsjahr. Parks wie der Englische Garten beim Schloss Ambras oder der Hofgarten waren nicht mehr exklusiv der Aristokratie vorbehalten, sondern dienten den Bürgern als Naherholungsgebiete vom beengten Dasein. In St. Nikolaus entstand der Waltherpark als kleine Ruheoase. Einen Stock höher eröffnete im Schloss Büchsenhausen Tirols erste Schwimm- und Badeanstalt, wenig später folgte ein weiteres Bad in Dreiheiligen. Ausflugsgasthöfe rund um Innsbruck florierten. Neben den gehobenen Restaurants und Hotels entstand eine Szene aus Gastwirtschaften, in denen sich auch Arbeiter und Angestellte gemütliche Abende bei Theater, Musik und Tanz leisten konnten.

Die Success Story der Innsbrucker Glasmaler

Die Vereinigten Staaten von Amerika galten in der Vorkriegszeit als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo aus Tellerwäschern Millionäre wurden. Diese Erfolgsgeschichten sind aber kein exklusives Phänomen der Neuen Welt. Auch in der noch nicht bis ins letzte durchregelten Gesellschaft der Donaumonarchie konnten tüchtige und fähige Menschen aus bäuerlichen Schichten, der Arbeiterschaft oder Handwerker ohne formale Ausbildung, Befähigungsprüfung oder staatlicher Genehmigung erstaunliche Aufstiege hinlegen. Die drei Gründer der Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt, Josef von Stadl, Georg Mader und Albert Neuhauser, sind Beispiele für eine solche Erfolgsstory aus der Innsbrucker Stadtgeschichte. Während sich die meisten Innsbrucker Industrie- und Handwerksbetriebe auf die Versorgung des lokalen Marktes mit altbewährten, soliden Produkten und Konsumgütern konzentrierten, war die Glasmalerei eines der wenigen innovativen und exportorientierten Unternehmen seiner Zeit.

Die Geschichte jedes einzelnen Akteurs, der unterschiedlichen Fähigkeiten und Lebenswege, die sie mitbrachten, ist interessant. Josef von Stadl (1828 – 1893) wuchs auf dem elterlichen Bauernhof mit Gastwirtschaft in Steinach am Brenner auf. Schon als Kind musste er im Betrieb mithelfen. Die harte Arbeit bescherte ihm mit neun Jahren eine Knochenhautentzündung am Arm. Schwere körperliche Arbeit wurde ihm dadurch unmöglich. Stattdessen besuchte der zeichnerisch talentierte Bub die Musterhauptschule in Innsbruck, das heutige BORG. 1848 schloss er sich den Tiroler Scharfschützen seines Heimatortes an, wurde aber nicht zum Kampfeinsatz an den Landesgrenzen herangezogen. Anschließend sammelte er Erfahrungen als Schlosser und Drechsler. Der handwerklich begabte junge Mann arbeitete 1853 beim Wiederaufbau der Kirche in Steinach nach einem Brand mit. Bald erkannte man seine Fähigkeiten und er stieg nach und nach vom Arbeiter zum Baumeister auf. Georg Mader (1824 – 1881) stammte ebenfalls aus Steinach. Auch er musste schon in jungen Jahren als Knecht arbeiten. Auf Patronage seines Bruders, ein Geistlicher, konnte der fromme Jugendliche bei einem Maler eine Lehre absolvieren, musste seine Passion aber aufgeben, um in der heimischen Mühle mitzuarbeiten. Nach seiner Gesellenwanderung beschloss er, sich auf die Malerei zu konzentrieren. In München vertiefte er beim Unternehmen Kaulbach und Schraudolph seine Kenntnisse. Nach Arbeiten am Dom zu Speyer kehrte er nach Tirol zurück. Als Historienmaler hielt er sich mit Aufträgen der Kirche über Wasser. Albert Neuhauser (1832 – 1901) lernte in der Glaserei und Spenglerei seines Vaters. Auch er musste den ihm angedachten Karriereweg früh aufgeben. Bereits im Alter von zehn Jahren stellten sich Lungenprobleme ein. Statt im erfolgreichen väterlichen Betrieb zu arbeiten, reist er nach Venedig. Murano beherbergte seit Jahrhunderten die besten Betriebe der kunstvollen Glaserzeugung. Fasziniert von diesem Gewerbe besuchte er gegen den Willen seines Vaters die Glasmalereianstalt in München. Die Produkte der kurz zuvor gegründeten bayerischen Fabrik entsprachen nicht seinen Qualitätsvorstellungen. In der väterlichen Wohnung in der Herzog-Friedrich-Straße unternahm er, ähnlich den Nerds, die hundert Jahre später den Grundstein für den Personal Computer in der eigenen Garage legen sollten, erste eigene Versuche mit dem Werkstoff Glas.

Die Tüfteleien und Experimente Neuhausers weckten die Neugierde seines Freundes von Stadl. Er stellte den Kontakt zum kunstsinnigen Mader her. 1861 beschlossen die drei, ihre Expertise in einem offiziellen Unternehmen zu bündeln. Heute würde man bei der Betriebsgründung wohl von einem Startup sprechen. Neuhauser übernahm den technischen und kaufmännischen Teil sowie die Produktentwicklung, Von Stadl kümmerte sich um die dekorativen Aspekte und den Kontakt zu Baumeistern und Mader übernahm die figurale Gestaltung der zum größten Teil für Kirchen geschaffenen Werke. Die erste Niederlassung bestehend aus zwei Malern und einem Brenner entstand im dritten Stock des Gasthofs zur Rose in der Altstadt. Der Rohstoff kam aus England, da das einheimische Glas den hohen Qualitätsstandards Neuhausers nicht entsprach. Auf den Import allerdings wurden 25% Zoll aufgeschlagen. Gemeinsam mit einem Chemielehrer schaffte Neuhauser es nach einer Reise nach Birmingham und viel Tüftelei, die gewünschten Anforderungen ans Material selbst zu erzielen.

Josef von Stadl heiratete 1867 die Malerin und Arzttochter Maria Pfefferer. Aus dem Bauernbuben aus dem Wipptal mit dem kaputten Arm war nicht nur ein Mitglied des gehobenen Bürgertums geworden, die Mitgift seiner Gattin erlaubte es ihm auch finanziell unabhängig zu leben. 1869 beschlossen die drei Gesellschafter mit der finanziellen Unterstützung von Neuhausers Vater die erfolgreiche Glasmalerei zu vergrößern. Wie dynamisch und wenig reguliert diese als Gründerzeit in die Geschichte eingegangene Boom-Periode war, zeigt das Beispiel der Glashütte auf den Wiltener Feldern, die 1872 als zusätzlicher Teil der Tiroler Glasmalerei in Betrieb ging. Nur 110 Tage nach dem offiziell von der Gemeindeverwaltung Wiltens nie genehmigten Baustart wurde mit der Fertigung begonnen. Beginnend mit Neuhauser, der das Unternehmen auf Grund gesundheitlicher Probleme bereits 1874 verlassen musste, überließen die drei Firmengründer ihr florierendes Startup bald anderen, blieben der Tiroler Glasmalerei aber als Gesellschafter erhalten. Neben ihren Tätigkeiten für das gemeinsame Unternehmen arbeitete jeder der drei Gesellschafter erfolgreich an eigenen Projekten in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern.

Von Stadl prägte Innsbruck nachhaltig. Die Anzahl der Mitarbeiter der Glasmalerei war in der Blütezeit auf über 70 gestiegen. Nach von Stadls Plänen entstanden 1878 Wohnhäuser für die Angestellten, Arbeiter, Künstler und Handwerker des Unternehmens. Die Glasmalereisiedlung umfasste die bis heute bestehenden Häuser in der Müllerstraße 39 – 57, Schöpfstraße 18 - 24 und Speckbacherstraße 14 – 16. Sie unterscheiden sich in ihrer Architektur markant von den umliegenden Häusern der späten Gründerzeit. Von Stadl war sparsamer mit dem Schmuck der Häuser, dafür aber auf einen kleinen Vorgarten bedacht. Arbeiter und Angestellte, die diese Häuser bewohnten, sollten das Gefühl haben, den Bewohnern der Villen im Cottagestil im Saggen in keiner Hinsicht unterlegen zu sein. Es war nicht ungewöhnlich für große Unternehmen dieser Zeit eigene Siedlungen zu planen, man denke an die Siemensstadt in Berlin, es zeigt aber das Selbstverständnis und eine Vision in die Zukunft, wenn ein Betrieb wie die Glasmalerei sich gegenüber seinen Mitarbeitern nicht nur als Arbeit- und Lohngeber, sondern auch als Unterkunftsfürsorger versteht. Die Landesgebärklinik in Wilten war ein weiteres Großprojekt in Innsbruck, das unter von Stadls Feder entstand. Nach Bau des Vinzentinums 1878 wurde er zum Ehrenbürger und Diözesan-Architekten von Brixen ernannt. Von Papst Leo XIII. wurde ihm für seine Verdienste der St. Gregor Orden verliehen. Die St. Nikolauskirche, für die die Tiroler Glasmalerei die Fenster hergestellt hatte, wurde zu seiner letzten Ruhestätte.

Georg Mader arbeitete weiterhin als Maler an Sakralbauten. Bereits 1868 wurde er Mitglied der Kunstakademie Wien. Als er 1881 einen Schlaganfall erlitt, wurde er zur Rehabilitation nach Badgastein gebracht. Der Kurort in Salzburg war damals Treffpunkt des europäischen Hochadels und gehobenen Bürgertums. Inmitten der High Society verstarb der ehemalige Müllergeselle als wohlhabender Mann.

Der rastlose und kreative Neuhauser reiste nach seinem Rücktritt vom Posten als Direktor der Tiroler Glasmalerei erneut nach Venedig, um mit neuer Inspiration die erste Mosaikanstalt Österreichs zu gründen. Die Fusion der beiden Betriebe im Jahr 1900 öffnete ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten. Für seine künstlerischen Verdienste erhielt er den Franz-Josephs-Orden. In Wilten wurde die Neuhauserstraße nach ihm benannt.