Leopoldsbrunnen

Universitätsstraße 1

Hofburg Innsbruck

Der Leopoldsbrunnen, der den Platz vor dem Tiroler Landestheater dominiert, erinnert an den Habsburger Leopold V.. Als der Tiroler Landesfürst 1632 das Zeitliche segnete, war der barocke Brunnen noch nicht fertiggestellt. Die Figuren, die heute den Brunnen schmücken, wurden zu Lebzeiten Leopolds entlang des Rennwegs und im Hofgarten aufgestellt. Es sollte bis zur Tiroler Landesausstellung 1893 dauern die gesamte Komposition zu beenden. Nicht nur Leopold V. war der ideale Habsburger für diesen Anlass und den Zeitgeist, auch die Motive aus der Renaissance passten ins Jahr 1893, deren Leitarchitektur der Klassizismus war. Die griechische Götterwelt verbunden mit dem mächtigen Habsburgerfürsten waren das Perfect Match, um den Platz vor dem Theater im Stil der Zeit aufzuputzen. Dabei wäre es keine 100 Jahre zuvor fast um die Figuren geschehen gewesen. Als Andreas Hofer als Landeskommandant Tirols 1809 unter anderem auch die Geschicke der Stadt Innsbruck lenkte, waren ihm die allzu freizügigen Figuren ein Dorn im Auge. Er wollte die Bronzestatuen einschmelzen lassen, um daraus Geschützmunition anfertigen zu lassen. Der erzkonservative Hofer wollte die barbusigen Nymphen und die Vielgötterei der Antike vor den Augen der erhofft frommen Bevölkerung verbergen. Ein Teil des aufgeklärten Innsbrucker Bürgertums allerdings schaffte es die Kunstwerke zu verstecken. Die Figuren des Brunnens sind nur Kopien, die Originale können im Tiroler Landesmuseum bestaunt werden. Das Besondere am Brunnen ist, dass die Figur des Pferds des Reiterstandbilds steht ohne sich am Schwanz „abzustützen“. Ein Bleigewicht im Schwanz sorgt dafür, dass Ross und Reiter nicht umkippen. Zu seiner Zeit war diese Courbette die einzige Bronzeskulptur eines aufbäumenden Pferdes dieser Art nördlich der Alpen. 2022 wurde diejenige unter den Nymphen, deren Gestik dazu einlädt, ein Selfie mit ihr zu machen, von ihrem Platz entwendet. Ob es ein Nachahmer und Verehrer Hofers war oder eine „bsoffene Gschicht“, wird wohl so bald nicht zu klären sein. Nach einigen Wochen, in denen die Stadt über dem Kriminalfall gebrütet hatte, tauchte die Figur im Olympischen Dorf am Innradweg wieder auf.

Leopold V. & Claudia de Medici: Glanz und Gloria in Innsbruck

Als Maximilian III. von Österreich kinderlos starb, brauchte es einen Ersatz als Statthalter Tirols. Leopold (1586 – 1632), im Jahr 1618 noch Bischof von Passau, wurde auserkoren, um die Regierungsgeschäfte im reichen Tirol zu führen. 1625 verzichtete der nunmehr zum Herzog erhobene Leopold V. auf seine kirchlichen Würden um heiraten und eine neue Tiroler Linie des Hauses Habsburg gründen zu können. Als Braut wurde Claudia de Medici (1604 – 1648) vom mächtigen und reichen Fürstengeschlecht aus der Toskana auserkoren. Die Medici hatten mit Baumwoll- und Textilhandel, vor allem aber mit Finanzgeschäften, im Florenz des späten Mittelalters ein Vermögen verdient und waren zu politischer Macht gekommen. Anders als die Fugger, die im 15. Jahrhundert einen ähnlichen Werdegang nördlich der Alpen hinlegten, übten sie nicht nur indirekt politischen Einfluss aus. Cosimo I. (1519 – 1574) konnte 1537 für seine Dynastie die erbliche Herzogswürde erringen und den Aufstieg in die europäische Hocharistokratie ebnen. Unter den Medici war Florenz das kulturelle Zentrum Europas geworden. Botticelli, Leonardo da Vinci und Michelangelo waren die Speerspitzen der Renaissance, die von der Toskana ausging. Machiavelli revolutionierte mit seinen Schriften das politische Denken. Die Basilika, die Boboli Gärten und der Palazzo Pitti entstanden unter den Medici. Das Hochzeitsfest zwischen Leopold und Claudia soll eines der prächtigsten Feste in der Geschichte der Stadt gewesen sein und zwei Wochen lang die Stadt Innsbruck in Atem halten haben. „Bären, Türken und Mohren“ sollen Hochzeitsgesellschaft und Bevölkerung in Staunen versetzt haben. Weniger prächtig war die Regierungszeit Leopolds, die von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges geprägt war. In der heutigen Schweiz kämpften mehrere Mächte um Graubünden und die wichtigen Alpenpässe, die durch diese Region führten. 1632 bedrohten die für ihre Brutalität berüchtigten Schweden die Tiroler Landesgrenzen, konnten aber abgewehrt werden. Trotz der hohen Ausgaben für die Grenzsicherung trieb Leopold das kulturelle Leben in der Residenzstadt Innsbruck voran. Er ließ das Ballhaus Dogana, das heutige Kongresszentrum, errichten. Bereits in Passau ließ er ein Jesuitenkloster installieren und ein Gymnasium gründen. In Innsbruck wurde unter Leopold mit dem Bau der Jesuitenkirche begonnen und so die Mission Ferdinands I. vorangetrieben. Am Platz vor dem Tiroler Landestheater erinnert ein Brunnen an diesen wichtigen Tiroler Landesfürsten des 17. Jahrhunderts. Claudia de Medici war in zweiter Ehe mit Leopold V. verheiratet. Die gebildete Renaissancefürstin galt als überaus intelligent und fähig, was sie nach dem frühen Tod ihres Gatten ab 1632 unter Beweis stellen durfte. Claudia schaffte es als Landesfürstin über geschickte Politik und den Ausbau der Tiroler Landesverteidigungsanlagen gemeinsam mit ihrem Kanzler Wilhelm Bienner auch nach dem Tod Leopolds den Dreißigjährigen Krieg mehr oder minder von Tirol fernzuhalten. Bei Scharnitz an der heutigen deutschen Grenze wurden Verteidigungsanlagen errichtet und nach der Primadonna Tirols Porta Claudia genannt. Überreste davon sind noch heute zu besichtigen. Dafür machten sich die beiden bei den Tiroler Ständevertretern nicht unbedingt beliebt. Der gebürtige Schwabe Biener, der mit einer rigiden Sparpolitik die Landesfinanzen sanierte, wurde nach dem Tod Claudia de Medicis 1648 von den Tiroler Landständen gefangengenommen und nach einem Schauprozess enthauptet. Kulturell bereicherte die Florentinerin die Landeshauptstadt sehr. Nicht nur war sie eine Förderin von Theater und Musik, auch die Manieren, die sie aus Italien mitbrachte, veränderten den Hofstaat. Florenz war seit Jahrhunderten nicht nur eine der reichsten Städte, die Mode des Hofstaats der Medici war, auch wenn ihre Blütezeit vorüber war, noch immer stilgebend für ganz Europa. Ein Hauch Florenz und Medici prägt Innsbruck bis heute: Sowohl in der Jesuitenkirche als auch in der Pfarrkirche Mariahilf prangt bis heute das Wappen ihrer Familie mit den auffallenden roten Kugeln und den Lilien.

Innsbruck und das Haus Habsburg

Über 700 Jahre prägten die Habsburger Europa. Innsbruck war durch die Jahrhunderte immer wieder Schicksalsort dieser Herrscherdynastie. Ausgehend vom mittelalterlichen Herzogtum Österreich waren sie am Zenit ihrer Macht Herren über ein „Reich, in dem die Sonne nie untergeht“. Durch Kriege und geschickte Heirats- und Machtpolitik saßen sie in verschiedenen Epochen an den Schalthebeln der Macht zwischen Spanien im Westen und der Ukraine im Osten Europas. Über Jahrhunderte waren die Habsburger Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Dabei darf man sich die Habsburger nicht, wie dies oft aus der Perspektive des modernen Nationalstaats getan wird, als die Herren Österreichs vorstellen. Die Habsburger waren über viele Jahrhunderte ein europäisches Herrscherhaus, zu deren Einflussbereich verschiedenste Territorien gehörten. Der Landstrich der heute als Österreich bekannt ist, war für lange Zeit so etwas wie die Keimzelle ihrer Macht. Der erste bedeutende Habsburger Rudolf I. (1218 – 1291) hatte seine Stammburg, die Habsburg, im heutigen Aargau und beherrschte eine Grafschaft im heutigen Südwesten Deutschlands und der Schweiz. Erst nach gewonnener Auseinandersetzung mit Ottokar von Böhmen errang er die Herzogtümer Österreich und Steiermark. Manche der Landesherren, zum Beispiel Karl V. oder Ferdinand I., hatten weder eine besondere Beziehung zu Österreich noch brachten sie diesem deutschen Land besondere Zuneigung entgegen. Ferdinand wurde am spanischen Hof erzogen. Maximilians Enkel Karl V. war in Burgund aufgewachsen. Als er mit 17 Jahren zum ersten Mal spanischen Boden betrat, um das Erbe seiner Mutter Johanna über die Reiche Kastilien und Aragorn anzutreten, Spanien existierte damals als Land ebenso wenig wie Österreich, Deutschland oder Italien, konnte er kein Wort spanisch. Als er 1519 zum Deutschen Kaiser gewählt wurde, sprach er kein Wort Deutsch. Trotzdem waren beide Landesherren von Tirol und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Herrscher arbeiteten nicht für ihr Land, sie waren darum bemüht den Besitz und Einflussbereich ihrer Dynastie zu stärken. Es gab keine Bürger mit Reisepass und Rechten, sondern Untertanen, die ihrem jeweiligen Landesherrn zu Treue verpflichtet waren.

Die Grafschaft Tirol kam 1363 unter Rudolf IV. (76) zum Herrschaftsgebiet der Habsburger. Es wurde samt seinen Untertanen vertraglich und nüchtern vererbt. Kaiser Maximilian I. (83) konnte durch Kriege und seine legendäre Heiratspolitik mit etwas Geschick und noch mehr Glück aus dem Herrscherhaus Habsburg eines der größten Reiche der Weltgeschichte machen. Die Casa de Austria hatte durch die Spanische Krone im 16. und 17. Jahrhundert auch Ländereien in Amerika in ihren Einflussbereich. Habsburgs Kinder wurden zu jeder Zeit vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in königlicher Strenge dazu erzogen, politisch verheiratet zu werden. Widerspruch dagegen gab es keinen. Man mag sich das höfische Leben als prunkvoll vorstellen, Privatsphäre war in all dem Luxus nicht vorgesehen. Das Leben des Einzelnen galt nichts, man musste seine Pflicht gegenüber der Dynastie erfüllen. Jeder einzelne war ein politisches Gut, das man bestmöglich im Sinne der Macht verkaufen musste. Minderjährige wurden an fremde Höfe verheiratet und mussten sich in fremden Kulturen zurechtfinden. Sie erhielten je nach Epoche eine gediegene Ausbildung, allerdings nicht um einen Beruf auszuführen, sondern nur um Regierungsgeschäfte zu führen. Viele Habsburger waren höchst gebildete Zeitgenossen und durchaus reflektiert. Teilweise waren sie Opfer der dynastischen Verbindung, traten im Laufe Jahrhunderte durch Heirat innerhalb der eigenen Verwandtschaft die Zeichen des Inzests in Aussehen, Psyche und Intelligenz doch verstärkt zum Vorschein. Die seit Rudolf typische Unterlippe und die markante Nase waren die harmlosen Zeichen der innerfamiliären Hochzeiten, schwerwiegender waren Behinderungen und Fehlgeburten. Quer über den Globus bis nach Brasilien und Mexiko reichten die Eheverbindungen. Welche Auswirkungen diese strenge Erziehung und die Zwangsverheiratung hatte, lässt sich am Beispiel Rudolfs sehen, der sich gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben nahm. Die bedeutendste politische Habsburgerin Maria Theresia (1717 – 1780) und ihre politisch klugen Berater verwandelten im 18. Jahrhundert, ganz im Geiste der Zeit die Komposition aus einzelnen Ländern und verstreuten Territorien unter der Krone der Habsburger langsam in etwas, das einem modernen Flächenstaat nahekam. Ihr Sohn Josef II. probierte das Reich im Geiste der Aufklärung zu reformieren, scheiterte aber am Unwillen großer Teile der Bevölkerung, seinem eigenen nüchternen Charisma und seinem frühen Tod. Franz Josef I. (1830 – 1916) herrschte zwischen 1848 und 1916 über ein multiethnisches Vielvölkerreich. Zu diesem Zeitpunkt war das neoabsolutistisch regierte Kaiserreich etwas aus der Mode gefallen. Österreich hatte seit 1867 zwar ein Parlament und eine Verfassung, der Kaiser betrachtete diese Regierung allerdings als „seine“. Minister waren dem Kaiser gegenüber verantwortlich, der über der Regierung stand. Im Nationalismus des 19. Jahrhunderts und dem 1. Weltkrieg zerbrach das Reich, das in wechselhafter Zusammensetzung unter der Herrschaft dieser Dynastie über Jahrhunderte hinweg die Geschicke vieler Generationen geprägt hatte. Am 28. Oktober wurde die Republik Tschechoslowakei ausgerufen, am 29. Oktober verabschiedeten sich Kroaten, Slowenen und Serben aus der Monarchie um den SHS-Staat, den Vorgänger Jugoslawiens auszurufen. Der letzte Kaiser Karl dankte am 11. November ab.  Am 12. November erklärte sich „Deutschösterreich zur demokratischen Republik, in der alle Gewalt vom Volke ausgeht“.

Ein Teil dieses ständig sich verändernden Habsburgerreichs war seit 1363 die Stadt Innsbruck. Durch die strategische Lage zwischen den italienischen Städten wie Venedig, Florenz und Mailand und deutschen Zentren wie Augsburg und Regensburg kam Innsbruck spätestens nach der Erhebung zur Residenzstadt unter Kaiser Maximilian ein besonderer Platz im Reich zu. Besonders zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert hinterließen Kaiser, Könige- und Königinnen sowie die Tiroler Landesfürsten ihre Spuren in der Stadt. Als konservatives Land war Tirol immer wieder Rückzugsort während turbulenter Zeiten. Tirol war Provinz und wildes Land, jedoch auch ein Rückzugsort vom „Wilden Osten“. Karl V. (1500 – 1558) floh während einer Auseinandersetzung mit dem protestantischen Schmalkaldischen Bund für einige Zeit nach Innsbruck. Ferdinand I. (1793 – 1875) ließ seine Familie fern der osmanischen Bedrohung im Osten Österreichs in Innsbruck verweilen. Mit dem kinderlosen Tod Erzherzog Sigmund Franz´ endete 1665 die Tiroler Linie der Habsburger. Innsbruck war keine Residenz mehr, beherbergte aber immer noch Universität und Landesbehörden und konnte sich so einen Teil seiner Bedeutung innerhalb des Habsburgerreichs erhalten. Kaiser Franz Stephan von Lothringen, der Gatte Maria Theresias, verstarb während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Sohnes in der Stadt. Kaiser Ferdinand brachte sich 1848 während der Revolution in Wien in Innsbruck in Sicherheit. Auch Franz Josef I. genoss kurz vor seiner Krönung im Sommer 1848 gemeinsam mit seinem Bruder Maximilian, der später als Kaiser von Mexiko von Aufständischen Nationalisten erschossen wurde, die Abgeschiedenheit Innsbrucks. Eine Tafel am Alpengasthof Heiligwasser über Igls erinnert daran, dass der Monarch hier im Rahmen seiner Besteigung des Patscherkofels nächtigte. In der K.u.K. Monarchie des 19. Jahrhunderts war Innsbruck der westliche Außenposten eines Riesenreiches, das sich bis in die heutige Ukraine erstreckte und eine Vielzahl von Nationalitäten umfasste. Oft wurde und wird das späte Habsburgerreich despektierlich als Völkerkerker bezeichnet. Bei allen nationalen, wirtschaftlichen und demokratiepolitischen Problemen, die es in den Vielvölkerstaaten gab, die in verschiedenen Kompositionen und Ausprägungen den Habsburgern unterstanden, die Nationalstaaten, die nachfolgten, schafften es teilweise wesentlich schlechter die Interessen von Minderheiten und kulturellen Unterschiede innerhalb ihres Territoriums unter einen Hut zu bringen. Seit der EU-Osterweiterung wird die Habsburgermonarchie von einigen wohlmeinenden Historikern als ein vormoderner Vorgänger der Europäischen Union gesehen. Gemeinsam mit der katholischen Kirche prägten die Habsburger den öffentlichen Raum über Architektur, Kunst und Kultur. Goldenes Dachl, Hofburg, die Triumphpforte, der Leopoldsbrunnen und viele weitere Bauwerke erinnern bis heute an die Präsenz dieser europäischen Herrscherfamilie in Innsbruck, die mehr als fünf Jahrhunderte überdauerte.

Andreas Hofer und die Tiroler Erhebung von 1809

Die Zeit der napoleonischen Kriege bescherte dem Land Tirol ein nationales Epos und einen Helden, dessen Glanz bis in die heutige Zeit strahlt. Grund dafür war nach 1703 einmal mehr eine Auseinandersetzung mit dem nördlichen Nachbarn und dessen Verbündeten. Das Königreich Bayern war während der Napoleonischen Kriege, wie schon während des Spanischen Erbfolgekrieges (96) mit Frankreich verbündet und konnte in mehreren Etappen des Kriegs zwischen 1796 und 1805 Tirol erobern. Innsbruck war nicht mehr Landeshauptstadt Tirols, sondern nur noch eine von vielen Kreishauptstädten der Verwaltungseinheit Innkreis. Das Land hing von bayerischem Wohlwollen ab. Steuern wurden erhöht, Befugnisse verringert. Prozessionen und religiöse Feste der konservativen und frommen Tiroler fielen dem aufklärerischen Programm der von der französischen Revolution geprägten neuen Landesherren zum Opfer. Strengen Katholiken wie dem später als Kriegstreiber auftretenden Pater Haspinger waren auch Maßnahmen wie die von den Bayern verordneten Pockenimpfungen zuwider. Das und die Aushebung zum Dienst in der bayrisch-napoleonischen Armee, obwohl Tiroler seit dem Landlibell, einem Gesetz Kaiser Maximilians (83), nur für die Verteidigung der eigenen Grenzen herangezogen werden durften, führte zu ersten Unruhen. Am 10. April kam es bei einer Aushebung in Axams bei Innsbruck zu einem Tumult, der schließlich zu einem Aufstand führte. Für Gott, Kaiser und Vaterland kamen Abteilungen der Tiroler Landesverteidigung zusammen, um den kleinen Armeeteil und die Verwaltungsbeamten der Bayern aus der Stadt zu vertreiben. Dabei plünderten sie auch Innsbrucker Häuser, deren teilweise liberale Bevölkerung der modernen bayrischen Verwaltung nicht in allem abgeneigt war. Napoleon war bekannt dafür, unterworfene Gebiete mit Toleranz ähnlich einer Pax Romana zu behandeln, solange die neuen Bürger sich nicht auflehnten. Teilen der Bürgerschaft wäre dieser frische Wind, der aus dem revolutionären Frankreich herüberwehte, auch wenn Napoleon sich mittlerweile vom Konsul zum Kaiser erhoben hatte, lieber gewesen als die konservativen Habsburger. Der Mob und die Schützen vereint waren für die Stadt wohl wesentlich schädlicher als die bayrischen Verwalter seit 1805. Vor allem gegen den kleinen jüdischen Bevölkerungsanteil Innsbrucks kam es zu heftigen Ausschreitungen der erzkonservativen katholischen Triumphatoren unter Andreas Hofer. Schon einen Monat später hatten Bayern und Franzosen Innsbruck aber wieder zurückerobert. Was nun folgte, war das, was als Tiroler Erhebung unter Andreas Hofer, der mittlerweile das Oberkommando über die Tiroler Landesverteidigung übernommen hatte, in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Insgesamt drei Mal konnten die Tiroler Aufständischen den Sieg vom Schlachtfeld tragen und die Stadt „befreien“ oder verteidigen. Besonders bekannt ist die 3. Schlacht im August 1809 am Berg Isel. „Innsbruck sieht und hört, was es noch nie gehört und gesehen: eine Schlacht von 40.000 Kombattanten…“ Für kurze Zeit war Andreas Hofer in Ermangelung regulärer Tatsachen Oberkommandant Tirols, auch für zivile Angelegenheiten. Die Kosten für Kost und Logis dieses Bauernregiments musste die Stadt Innsbruck tragen. Seine Antrittsrede, die er an die Bürger der Stadt hielt, findet sich noch auf einer Tafel vor dem Eingang des Gasthofs Goldener Adler in der Altstadt. Am Ende gab es im Herbst 1809 allerdings in der vierten und letzten Schlacht am Berg Isel eine empfindliche Niederlage gegen die französische Übermacht. Hofer selbst war zu dieser Zeit bereits ein von der Belastung dem Alkohol gezeichneter Mann. Konservative Kräfte und die Regierung in Wien hatten ihn vor allem als taktischen Prellbock im Krieg gegen Napoleon benutzt. Bereits zuvor hatte der Kaiser das Land Tirol offiziell im Friedensvertrag von Schönbrunn wieder abtreten müssen. Innsbruck war zwischen 1810 und 1814 wieder unter bayrischer Verwaltung. Andreas Hofer wurde gefangengenommen und am 20. Januar 1810 in Mantua in Norditalien hingerichtet.

In drei siegreichen und einer verlorenen Schlacht am Berg Isel hatte der "Sandwirt" 1809 in der Tiroler Erhebung gegen die bayrischen Besatzer Tirols gekämpft. Dieser „Freiheitskampf“ symbolisiert bis heute für das Tiroler Selbstverständnis. Lange Zeit galt Andreas Hofer, der Wirt aus dem Südtiroler Passeiertal als unumstrittener Held und als Prototyp des wehrhaften, vaterlandstreuen und standhaften Tirolers. Der Underdog, der sich gegen die fremde Übermacht und unheilige Sitten wehrte. Tatsächlich war Hofer wohl ein charismatischer Anführer, politisch aber unbegabter und konservativ-klerikaler, simpler Geist. Seine Taktik bei der 3. Schlacht am Berg Isel „Grad nit aufferlassen tiat sie“ (Ann.: Ihr dürft sie nur nicht heraufkommen lassen) fasst dies wohl ganz gut zusammen. Die von ihm als Landeskommandant erlassenen Gesetze erinnern eher an einen Tiroler Gottesstaat als ein modernes Land des 19. Jahrhunderts. So sollten Frauen züchtig verhüllt auf die Straßen gehen, die Bildung wieder vollinhaltlich an den Klerus gehen und allzu freizügige Denkmäler wie die heute am Leopoldsbrunnen zu besichtigenden Nymphen aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Liberale und Intellektuelle wurden teils verhaftet, dafür wurde das Rosenkranzbeten zum Gebot. In Tirol wurde und wird er trotzdem gerne für alle möglichen Initiativen und Pläne vor den Karren gespannt. Vor allem im Nationalismus des 19. Jahrhunderts berief man sich immer wieder auf den verklärten Helden Andreas Hofer. Hofer wurde über Gemälde, Flugblätter und Schauspiele zur Ikone stilisiert. Aber auch heute noch kann man das Konterfei des Oberschützen sehen, wenn sich Tiroler gegen unliebsame Maßnahmen der Bundesregierung, den Transitbestimmungen der EU oder der FC Wacker gegen auswärtige Fußballvereine zur Wehr setzen. Das Motto lautet dann „Mannder, s´isch Zeit!“.  1896 wurde der Kampf der Tiroler gegen Bayern und Franzosen am Riesenrundgemälde festgehalten. Dieses Gemälde kann im Museum 1809 am Berg Isel noch bewundert werden.

In konservativen Kreisen Tirols wie den Schützen wird Hofer unkritisch und kultisch verehrt. Das Tiroler Schützenwesen ist noch gelebtes Brauchtum, das sich zwar modernisiert hat, in vielen dunklen Winkeln aber noch den Mief des Reaktionären mit sich trägt. Wiltener, Amraser, Pradler und Höttinger Schützen marschieren immer noch einträchtig neben dem Klerus, Trachtenvereinen und Marschmusikkapellen bei kirchlichen Prozessionen und schießen in die Luft, um alles Übel von der katholischen Kirche fernzuhalten. Die Legende vom wehrfähigen Tiroler Bauern, der unter Tags das Feld bestellt und sich abends am Schießstand zum Scharfschützen und Verteidiger der Heimat ausbilden lässt, wird immer wieder gerne aus der Schublade geholt zur Stärkung der „echten“ Tiroler Identität. Auch in der Schule lernen Kinder noch recht einseitig die Geschichte von den bösen Franzosen und den braven Tirolern unter ihrem Anführer Andreas Hofer. In den letzten Jahrzehnten allerdings setzte eine kritische Betrachtung des erzkonservativen und mit seiner Aufgabe als Tiroler Landeskommandanten wohl überforderten Schützenhauptmanns ein, der angestachelt von Teilen der Habsburger (77) und der katholischen Kirche nicht nur Franzosen und Bayern, sondern auch das liberale Gedankengut der Aufklärung vehement aus Tirol fernhalten wollte. Der Todestag Andreas Hofers am 20. Februar lockt bis heute regelmäßig fromme Schützen aus allen Landesteilen Tirols in die Landeshauptstadt.  In Innsbruck erinnern die Andreas-Hofer-Straße, der Berg Isel und viele Denkmäler an Andreas Hofer und die Tiroler Erhebung von 1809.

Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst

Wer in Österreich unterwegs ist, kennt die Kuppen und Zwiebeltürme der Kirchen in Dörfern und Städten. Diese Form der Kirchtürme entstand in der Zeit der Gegenreformation und ist ein typisches Kennzeichen des Barock. Prachtvoll und prunkvoll sollten Gotteshäuser sein, ein Symbol des Sieges des rechten Glaubens. Die Religiosität spiegelte sich in der Kunst wider: Großes Drama, Pathos, Leiden, Glanz und Herrlichkeit vereinten sich zum Barock.  Barock war nicht nur eine Stilrichtung, es war ein Lebensgefühl, das seinen Ausgang zur Mitte des 17. Jahrhunderts nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der Mitteleuropa schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte, nahm. Die Türkengefahr aus dem Osten, die in der zweimaligen Belagerung Wiens gipfelte, bestimmte die Politik, während die Reformation den christlichen Glauben spaltete. Nach den Entbehrungen dieser turbulenten Jahre und der theologischen Streitigkeiten sollte der öffentliche Raum in einem neuen Stil, abseits der dunklen Gotik neu erstrahlen. Die Bedeutung des Religiösen gegenüber dem Weltlichen sowie die Einflussnahme des Religiösen auf das Weltliche nahmen nach der kritischen Renaissance wieder zu. Die Barockkultur war ein zentrales Element des Katholizismus und der politischen Darstellung derselben in der Öffentlichkeit. Der Alltag der Menschen wurde von Feiertagen mit christlichem Hintergrund aufgehellt. Architektur, Musik und Malerei waren reich, füllig und üppig. Man wollte den katholischen Glauben gegenüber dem protestantischen für die Bevölkerung attraktiver machen. Der Strenge Calvins und Luthers, die den Fehler machten, die Volksfrömmigkeit in Form der Wallfahrten, Marien- und Heiligenverehrung als Aberglauben abzutun, ja sogar verbieten zu lassen, gefiel nicht allen. Die Macht des Kaisers wurde vom Papst legitimiert. Die Ideen Martin Luthers und anderer Reformatoren waren nicht nur katholischen Herrschern ein Dorn im Auge. Der Barockstil wurde in der Zeit der Gegenreformation häufig als eine Art Propagandamittel gegen die Reformation genutzt, um die Einheit von Kaisertum und Katholizismus in all seiner Pracht zu demonstrieren. Man musste nicht lesen können, um die allgegenwärtige Bildsprache zu verstehen. Prunk und Protz statt puritanischer Genügsamkeit und sparsamer Lebensart, die Reformatoren zu eigen war. Kreuzwege mit Kapellen durchzogen die Landschaft. Auch absolutistische Fürsten wählten den Barock als architektonisches und künstlerisches Stilmittel, um ihre Macht in der Mode der Zeit zu demonstrieren. Jesus wurde verstärkt als der Gekreuzigte dargestellt, um sein Leiden für die Welt hervorzuheben und so das Leiden der Masse der bäuerlichen Bevölkerung innerhalb des Feudalsystems zu rechtfertigen. Neben Kirchen sind es die prunkvollen Schlösser und Parkanlagen, die in ganz Europa in dieser Zeit errichtet wurden. Das Bürgertum wollte den Adeligen und Fürsten nicht nachstehen und ließen ihre Privathäuser im Stile des Barocks errichten. Auf Bauernhäusern prangen ebenfalls häufig Heiligenbilder, Darstellungen der Mutter Gottes und des Herzen Jesu als eine Art bäuerlicher Barock.

Das Stadtbild Innsbrucks veränderte sich enorm. Viele Palazzi der Neustadt, der heutigen Maria-Theresienstraße erstrahlten unter den Baumeistern der Familie Gumpp (94), oder Johann Georg Fischers. Einer der bekanntesten Vertreter in der Malerei war Franz Altmutter. Seine Bilder verbinden auf überfrachtete Art und Weise Himmel und Erde. Die Antike als Vorbild wie es in der Renaissance üblich war, hatte ausgedient. Die bekanntesten Gotteshäuser Innsbrucks wie der Dom, die Johanneskirche oder die Jesuitenkirche, sind im Stile des Barocks gehalten. Die gotische Altstadt wurde mit Ausnahme des Helblinghaus in ihrem Stil erhalten. Um- und Neubauten sowie Innenräume wurden aber häufig barock ausgestattet. Das Alte Landhaus in der Altstadt, das Neue Landhaus in der Maria-Theresien-Straße, die unzähligen Palazzi, Bilder, Figuren – der Barock war im 17. und 18. Jahrhundert das stilbildende Element des Hauses Habsburg und brannte sich in den Alltag ein. Besonders in Österreich gab es das Phänomen der Barockfrömmigkeit, die von Kaiser und Fürsten zur Erziehung der Untertanen eingesetzt wurde. Auch wenn der Ablass, das Freikaufen von Sünden, in der Zeit nach dem 16. Jahrhundert keine gängige Praxis mehr in der katholischen Kirche war, so gab es doch noch eine rege Vorstellung von Himmel und Hölle. Durch ein tugendhaftes Leben, sprich ein Leben im Einklang mit katholischen Werten und gutem Verhalten als Untertan gegenüber der göttlichen Ordnung, konnte man dem Paradies einen großen Schritt näherkommen. Die sogenannte christliche Erbauungsliteratur war in der Bevölkerung beliebt und zeigte vor, wie das Leben zu führen war. Der Historiker Ernst Hanisch beschrieb den Barock und den Einfluss, den er auf die österreichische Lebensart hatte, so:

Österreich entstand in seiner modernen Form als Kreuzzugsimperialismus gegen die Türken und im Inneren gegen die Reformatoren. Das brachte Bürokratie und Militär, im Äußeren aber Multiethnien. Staat und Kirche probierten den intimen Lebensbereich der Bürger zu kontrollieren. Jeder musste sich durch den Beichtstuhl reformieren, die Sexualität wurde eingeschränkt, die normengerechte Sexualität wurden erzwungen. Menschen wurden systematisch zum Heucheln angeleitet.

Die Rituale und das untertänige Verhalten gegenüber der Obrigkeit hinterließen auch im Alltag ihre Spuren in Verhalten und sozialer Alltagskultur, die katholische Länder wie Österreich und Italien bis heute von protestantisch geprägten Regionen wie Deutschland oder Skandinavien unterscheiden. Die Leidenschaft für akademische Titel der Österreicher hat ihren Ursprung in den barocken Hierarchien. Diese Hierarchien manifestierten sich in einem feudalen System der Patronage, das heute als Vitamin B Korruption im Kleinen begünstigt. Auch die Sprache, das typisch österreichische „Schaumamal“ zum Beispiel, lässt auf barocke Art und Weise dem Sprecher mehr Handlungsspielraum als eine konkrete Aussage. Während man in Deutschland politische Sachlichkeit schätzt, ist der Stil von Politikern in Österreich eher theatralisch, angelehnt an die katholischen Prozessionen, die in protestantischen Ländern nicht Teil des Alltags waren. Der konservative politische Beamte Bernhard Bonelli, der vor Gericht mit einer Zeichnung des Lieben Gottes, die sein Sohn angefertigt hatte, anmerkte, er wäre für einen guten Ausgangs der Verhandlung wallfahrten gegangen, mag skurril erscheinen, ist aber nichts weiter als eine Ausprägung der barocken Tradition Österreichs. Der Ausdruck Barockfürst bezeichnet noch immer einen besonders patriarchal-gönnerhaften Politiker, der mit großen Gesten sein Publikum zu becircen weiß. Es ist kein Zufall, dass die ersten fixen Theater im deutschsprachigen Raum ebenfalls in der Zeit der Gegenreformation entstanden. Nur langsam konnte sich die Aufklärung ausgehend von England und Frankreich, quasi als eine Art Gegenbewegung zur absoluten Frömmigkeit des Barock, durchsetzen. Der bekannteste aufgeklärte Vertreter der Habsburger war Josef II., der Sohn Maria Theresias. Unter ihm begann auch Österreich sich des säkularen Lebens stärker zu besinnen. Beamte, Militärs, Universitätsprofessoren, Lehrer, Juristen, Mediziner und aufgeklärte Theologen wagten sich aus der Deckung um die Vormachtstellung der Kirche, besonders der Jesuiten im Bildungsbereich in Frage zu stellen. Im konservativen Tirol wurden diese Schritte besonders misstrauisch beäugt. Wie man sieht, prägen Barockbauten, aber auch Gebräuche wie Prozessionen, Feiertage und Festlichkeiten, die in dieser Zeit entstanden, das Leben in Österreich bis heute.