Andechsburg

Innrain 1

Andechsburg
Wissenswert

Wo heute Kneipen und Geschäfte sind, befand sich für viele Jahrhunderte Innsbrucks Militärstützpunkt. Um 1200 ließen die Grafen von Andechs am Platz des heutigen Andechshofs am Altstadteingang eine Burg errichten, um die kostbarste Einnahmequelle der Stadt, die zollpflichtige Innbrücke, zu schützen. Eine Abbildung des Inntores an der Fassade gibt einen Eindruck davon, wie die Befestigungsanlage samt Stadttor im Mittelalter und der Frühen Neuzeit aussah. An die Burg schloss bis 1790 das Inntor als Teil der Stadtmauer und Verteidigungsanlagen an. Die Tiroler Landesfürsten benutzten das Castrum Inpruka bei ihren Besuchen in Innsbruck als zeitweilige Residenz, bis Friedrich IV. seinen Sitz in den Neuhof, dem heutigen Goldenen Dachl verlegen ließ. Den Bürgern diente die Burg als Waffenlager. Die Stadtverteidigung war lange Zeit Bürgerpflicht, eigens dafür abgestellte Berufssoldaten gab es dafür nicht. Jeder Bürger musste im Notfall eine Waffe zur Hand haben, sollte sich aber nicht um Aufbewahrung und Pflege kümmern müssen. Bei Zwistigkeiten war es wohl der öffentlichen Sicherheit zuträglich, dass die Waffen im Inneren Zeughaus aufbewahrt wurden und die Streithähne im ersten Augenblick sie nicht zur Verfügung hatten.

Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht unter Maria Theresia in Österreich passte sich die militärische Infrastruktur an ein stehendes Heer an. Innsbruck wurde 1745 zur Garnisonsstadt. 30 Jahre später wurden die Stadtmauern abgetragen, aus dem Castrum Inpruka wurde eine staatliche Kaserne.  Die neue Form der Kriegsführung mit Artillerie anstatt Belagerungstürmen machte die alte Befestigung, die für die mittelalterliche Belagerung ausgelegt war, nutzlos. Die Bürgerpflicht der Verteidigung wurde nun von Berufssoldaten übernommen. Ab 1778 waren in Innsbruck Teile des Tiroler Land- und Feldregiments untergebracht, aus denen 1816 nach den Napoleonischen Kriegen die Tiroler Kaiserjäger wurden. Parallel erhalten blieben die Tiroler Schützen, die an den Schießständen im ganzen Land seit dem späten Mittelalter als eine Art stehender Volksmiliz ausgebildet wurden. Im Februar und März 1848 war es in vielen Städten Norditaliens zu Aufständen gegen die Habsburger gekommen, die als 1. Italienischer Unabhängigkeitskrieg in die Geschichte eingingen. Die Kriegshandlungen in Norditalien verlangten nach einer Modernisierung des Tiroler Militärs. Man konnte und wollte sich beim Grenzschutz nicht mehr auf Freiwilligenheere und privat ausgehobene Kompanien wie der Akademischen Legion Adolf Pichlers verlassen. 1851 begann der Umbau zur modernen Innkaserne. Die Änderungen im Heereswesen veränderten auch das Stadtbild. Die militärische Präsenz brachte zwar nicht den Glanz der Zeiten zurück, als die Stadt kaiserliche Residenz war, Einwohnerzahl und Bedeutung der Stadt nahmen dadurch aber einen Aufschwung. Mit den Soldaten, die von überall her im Vielvölkerreich der K.u.K. Monarchie kamen, hielt damit aber auch internationales Flair in Innsbruck Einzug. Die meist jungen Burschen, belebten die Stadt mit ihrer Anwesenheit und ihrem Sold, auch wenn das Kasernenleben wenig Freiraum ließ. Anders als die Studenten der Universität Innsbruck entstammten die Soldaten nicht der Oberschicht, sondern strebten über den Militärdienst den sozialen Aufstieg an. Die Kaserne bestand bis 1978, bevor das Land Tirol sie als Amtsgebäude übernahm. Im Innenhof erinnern Mauerreste an die mittelalterliche Burg. In den ansässigen Lokalen kann man das Ambiente der alten Andechsburg noch genießen.

Die Grafen von Andechs und die Gründung Innsbrucks

Das 12. Jahrhundert brachte in Europa wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung und gilt als eine Art vorgezogener mittelalterlicher Renaissance. Über den Umweg der Kreuzzüge kam es zum verstärkten Austausch mit den in vielerlei Hinsicht weiter entwickelten Kulturen des Nahen Ostens. Arabische Gelehrte brachten über Südspanien und Italien Übersetzungen griechischer Denker wie Aristoteles nach Europa. Das Römische Recht wurde an den ersten Universitäten südlich der Alpen wiederentdeckt. Neue landwirtschaftliche Erkenntnisse, technische Neuerungen und ein günstiges Klima, das bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts anhalten sollte, ermöglichten die Entstehung von Städten und größeren Siedlungen. Eine dieser Siedlungen befand sich zwischen am Fuß der Römerstraße über den Brenner, dem Fluss Inn und der Nordkette. Politisch und wirtschaftlich beschränkte sich die Bedeutung des Inntals vor allem auf den Transit. Die beiden niedrigen und somit leicht zu überschreitenden Alpenübergänge Reschenpass und Brennerpass zwischen den deutschen Ländern und dem Besitz der deutschen Könige in Italien mündeten in den breiten Talkessel. Aus einem Streit über die Kontrolle über diesen Teil des Heiligen Römischen Reiches entstand die politische Konstellation, die Tirol und Innsbruck bis in die Neuzeit hinein bestimmen sollte. 1024 wurde Konrad II. aus dem Geschlecht der Salier zum König gewählt. Er stand in Konkurrenz zu den bayerischen Herzögen aus dem Geschlecht der Wittelsbacher, unter deren Kontrolle die begehrten Alpenpässe zu dieser Zeit standen. Um das Gebiet weg von seinen bayrischen Konkurrenten und unter die Kontrolle der ihm treuen Reichskirche zu bringen, sprach Konrad II. das Territorium Tirols 1027 den Bischöfen von Brixen und Trient als Lehen zu. Die Bischöfe wiederum benötigten sogenannte Vögte für die Verwaltung dieser Ländereien und die Rechtsprechung. Diese Vögte des Bischofs von Brixen waren die Grafen von Andechs. Die Andechser mögen heute im Schatten der Welfen, Staufer, Wittelsbacher und Habsburger stehen, waren im Hochmittelalter aber ein einflussreiches Geschlecht. Sie stammten aus der Gegend des bayerischen Ammersees und besaßen Güter in Oberbayern zwischen Lech und Isar sowie östlich von München. Über geschickte Heiratspolitik waren sie an die Titel der Herzöge von Meranien, einer Gegend an der dalmatischen Küste, und Markgrafen von Istrien gekommen. Damit stiegen sie im Rang innerhalb des Heiligen Römischen Reiches auf. Um Verwaltung und späteres Seelenheil in einem sicherzustellen, gründeten sie im 12. Jahrhundert das Kloster Dießen und das Kloster am Heiligen Berg Andechs oberhalb des Ammersees. 1165 kam Otto V. von Andechs auf den Bischofssitz in Brixen und vergab die Vogtei über dieses Hochstift an seinen Bruder. Dadurch kamen sie an die Verwaltung des mittleren Teils des Inntals, des Wipptals, des Pustertals und des Eisacktals.

Damit aber nicht genug der dynastischen Verwirrungen und politischen Komplikationen, die der Gründung Innsbrucks im Wege standen. Heute erstreckt sich die Stadt zu beiden Seiten des Inns. Im 12. Jahrhundert stand dieses Gebiet unter dem Einfluss zweier Grundherren. Der größte Teil des Inntals war dicht bewaldet und an den Ufern des breiten Inns sumpfiges Gelände. Südlich des Inns übte das Stift Wilten die Grundherrschaft aus. Das Gebiet nördlich des Flusses stand unter der Verwaltung der Andechser. Während das südliche Stadtgebiet rund um das Stift schon seit Jahrhunderten landwirtschaftlich genutzt wurde, war das Schwemmgebiet rund um den nicht regulierten Fluss vor dem Hochmittelalter kaum besiedelt. Die Region zählte nicht zu den Hotspots der europäischen Kulturlandschaft. Die Menschen arbeiteten zum allergrößten Teil in der Landwirtschaft, die von ihrem Grundherrn betrieben wurde. Sie lebten in armseligen Hütten aus Lehm und Holz. Medizinische Versorgung gab es kaum, die Kindersterblichkeit war hoch und kaum jemand wurde älter als 50 Jahre alt.

Wie heute jeder gute Immobilienentwickler nicht müde wird zu betonen, zählte aber auch damals schon vor allem die Lage, wenn es um das Potential eines neuen Bauprojekts geht. Etwa um das Jahr 1133 gründeten die Andechser ob der besonderen Verkehrsanbindung der Örtlichkeit im heutigen St. Nikolaus den Markt Anbruggen und verbanden das nördliche und das südliche Innufer über eine Brücke. Aus dem landwirtschaftlich nicht nutzbaren Stück Land am Fuß der Nordkette war durch diese Verkehrsverbindung ein Handelsplatz geworden. Die kleine Holzbrücke erleichterte den Warenverkehr in den Ostalpen zwischen den italienischen und deutschen Handelsstädten. Die lange Zeit für große Handelszüge zu steile Brennerroute war durch eine der Neuerungen der mittelalterlichen Renaissance interessanter geworden: neue Zuggeschirre ermöglichten es die steilen Anstiege mit Fuhrwerken zu bewältigen. Die kürzere Via Raetia hatte die Via Claudia Augusta über den Reschenpass als Hauptverkehrsweg über die Alpen abgelöst. Davon profitierte der Markt der weitsichtigen Andechser. Die Zolleinnahmen des Handels zwischen den deutschen und italienischen Städten, die daraus erwirtschaftet wurden, ließen die Siedlung prosperieren. Bald siedelten sich Schmiede, Wirte, Fuhrwerksbetreiber, Schneider, Zimmerleute, Seiler, Wagenmacher und Gerber an. Pferde, Händler und ihr Anhang mussten versorgt und logiert, Fuhrwerke repariert werden. Die größeren dieser Betriebe beschäftigten Angestellte und Knechte. Aus der abgelegenen, sumpfigen Brachlandschaft wurde ein Service Center. Die Wandlung von der reinen Landwirtschaft hin zur Stadt konnte beginnen. Anbruggen wuchs schnell, der Platz zwischen Nordkette und Inn war aber knapp bemessen. 1180 erwarb Berchtold V. von Andechs für die Expansion seines Handelsstützpunktes vom Kloster Wilten ein Stück Land auf der Südseite des Inns. Ganz wollte der Abt den Fuß nicht aus der Tür nehmen, entwickelte sich die neue Siedlung doch prächtig dank der Zolleinnahmen. In der Urkunde ist die Rede von drei Häusern, die dem Stift Wilten innerhalb der neuen Siedlung vorbehalten blieben. Die Grafen von Andechs ließen im Zuge der Errichtung der Stadtmauer die Andechser Burg bauen und verlegten ihren Stammsitz von Meran nach Innsbruck. Irgendwann zwischen 1187 und 1204 konnten sich die Bürger Innsbrucks über das Stadtrecht freuen. Als offizielles Gründungsdatum wird häufig 1239 herangezogen, als vom letzten Grafen aus der Andechser Dynastie Otto VIII. das Stadtrecht formal in einer Urkunde bestätigt wurde. Innsbruck war zu dieser Zeit bereits die Münzprägestätte der Andechser und wäre wohl zur Hauptstadt in deren Fürstentum geworden. Es kam aber anders. 1246 zerstörten die bayerischen Wittelsbacher, die größten Konkurrenten der Andechser im süddeutschen Raum, deren Stammburg am Ammersee. Otto, der letzte Graf aus dem Haus Andechs-Meranien starb im Jahr 1248 ohne Nachkommen. 12 Jahre zuvor hatte er Elisabeth, die Tochter Graf Alberts VIII. von Tirol geheiratet. Dieses Adelsgeschlecht mit ihrer Stammburg in Meran übernahm damit die Lehen und Teile der Besitztümer inklusive der Stadt am Inn sowie die Erzfeindschaft mit den bayerischen Wittelsbachern.

1796 - 1866: Vom Herzen Jesu bis Königgrätz

Die Zeit zwischen der Französischen Revolution und der Schlacht bei Königgrätz 1866 war eine kriegerische Periode. Viele der späteren politischen Grundhaltungen und Animositäten gegenüber anderen Gruppen sowie der europäische Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, die auch die Geschichte Innsbruck beeinflussen sollten, hatten ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen dieser Zeit. Die Monarchien Europas, angeführt von den katholischen Habsburgern, hatten der französischen Republik den Krieg erklärt. Das revolutionäre Paris war zwar weit weg und ein flächendeckendes Pressewesen zur Verbreitung von Nachrichten stand nicht zur Verfügung, über Flugblätter und die Kirchenkanzeln wurden die Gottlosigkeit der Mörder Marie Antoinettes aber erfolgreich verbreitet. Die Angst ging um, dass sich der Wahlspruch der Revolution „Liberté, Égalité, Fraternité“ samt seinen Grundsätzen in Europa ausbreiten könnte. Ein junger General namens Napoleon Bonaparte war mit seiner italienischen Armee im Rahmen der Koalitionskriege auf seinem Italienfeldzug 1796 über die Alpen vorgerückt und traf dort auf die österreichischen Truppen. Es war nicht nur ein Krieg um Territorium und Macht, es war ein Kampf der Systeme. Die Grande Armee der revolutionären Republik Frankreich traf auf die Truppen der konservativen und katholischen Habsburger. Tiroler Schützen waren aktiv am Kampfgeschehen beteiligt, um die Landesgrenzen gegen die einrückenden Franzosen zu verteidigen. Die Männer waren es gewohnt, mit Waffen umzugehen und galten als geübte Scharfschützen. Der Historiker Ludwig Denk drückte es in einer Schrift 1860 so aus:

„…Hauptlust des Tirolers ist das Schiessen. Frühe schon nimmt der Vater den Sohn mit auf die Jagd. Nicht selten sieht man Knaben mit geladenem Gewehr herumlaufen und auf hohe Berge steigen und Vogel oder Eichhörnchen schiessen…“

Die Stärke von Kompanien wie den 1796 ins Leben gerufenen Höttinger Schützen lag nicht in der offenen Feldschlacht, sondern im Guerrillakampf. Darüber hinaus hatten sie gegen die fortschrittlichste und modernste Armee der damaligen Zeit eine Geheimwaffe auf ihrer Seite: Das Herz Jesu. Seit 1719 waren jesuitische Missionare bis in die hintersten Seitentäler unterwegs gewesen und hatten den Herz-Jesu-Kult als verbindendes Element erfolgreich im Kampf gegen heidnische Bräuche und Protestantismus etabliert. Nun, da man den gottlosen revolutionären Franzosen gegenüberstand, war es nur logisch, dass das Herz Jesu nach 1703 erneut schützend über die Tiroler Gotteskrieger wachen würde. In aussichtsloser Situation erneuerten die Tiroler Truppen ihren Bund. Gegen jede Wahrscheinlichkeit waren die Schützen erfolgreich in ihrem Abwehrkampf. Der Abt des Klosters Stams beantragte bei den Landständen von nun an alljährlich "das Fest des göttlichen Herzens Jesu mit feierlichem Gottesdienst zu begehen, wenn Tirol von der drohenden Feindesgefahr befreit werde."

Die gewonnene Schlacht änderte nichts am verlorenen Krieg gegen die übermächtigen Truppen Napoleons, der wiederum nichts an der Tiroler Expansion änderte bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang Innsbrucks. Das habsburgische Territorium hatte sich während den Kriegswirren ohne nennenswerte Erfolge auf den Schlachtfeldern, und wohl auch ohne die Hilfe des Herzen Jesu, vergrößert. Das erzbischöfliche Trentino war in einem territorialen Kuhhandel mit dem sperrigen Namen Reichsdeputationshauptschluss in den letzten Atemzügen des Heiligen Römischen Reiches vor dessen Auflösung 1803 zu einem Teil des Kronlandes geworden. Innsbruck hingegen war geschrumpft. Die verstorbenen Soldaten und die kriegsbedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten zu einem Rückgang der Einwohner von gut 9500 um das Jahr 1750 auf etwa 8800 in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Was in nackten Zahlen ausgedrückt wenig spektakulär klingt, hatte eine Stagnation des Stadtlebens zur Folge. Die jungen Männer fehlten als Arbeitskräfte, Ehemänner und Väter. Diese kriegsbedingte Rezession ist kaum Thema in der Stadtgeschichte. Am ehesten kann das fast vollkommene Fehlen biedermeierlicher Architektur im Innsbrucker Stadtbild als Erinnerungsort für diese schwierigen Jahre gesehen werden. 

Nach den Napoleonischen Kriegen und der Neuordnung Europas am Wiener Kongress blieb es für etwa 30 Jahre ruhig an den Tiroler Landesgrenzen. Das änderte sich mit dem italienischen Risorgimento, der Nationalbewegung unter Führung Sardinien-Piemonts und Frankreichs. 1848, 1859 und 1866 kam es zu den sogenannten Italienischen Einigungskriegen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts, spätestens seit 1848, war es unter jungen Männern der Oberschicht in ganz Europa zu einem regelrechten nationalen Rausch gekommen. Freiwilligenheere schossen überall aus dem Boden. Studenten und Akademiker, die sich in ihren Verbindungen zusammentaten, Turner, Schützen, alle wollten ihre neue Liebe zur Nation auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen und unterstützten die offiziellen Armeen im Kampf gegen welchen Feind auch immer. Innsbruck war in dieser Zeit als Garnisonsstadt ein wichtiger Versorgungsposten. Nach dem Wiener Kongress war aus dem Tiroler Jägerkorps das k.k. Tiroler Kaiserjägerregiment geworden, eine Eliteeinheit, die in diesen Auseinandersetzungen zum Einsatz kam. Auch freiwillige Einheiten wie die Innsbrucker Akademiker oder die Stubaier Schützen kämpften in Italien. Tausende fielen im Kampf gegen die Koalition aus dem Erzfeind Frankreich, den als besonders gottlos geltenden Rothemden unter Giuseppe Garibaldi und der Bedrohung durch das sich auf Kosten Österreichs konstituierende Königreich Italien unter der Führung der frankophilen Savoyer aus Piemont. Medien heizten die Stimmung abseits der Frontlinie auf. Die "Innsbrucker Zeitung" predigte in ihren Artikeln Kaisertreue und großdeutsch-tirolischen Nationalismus, wetterte gegen das Italienertum und Franzosen und pries den Mut Tiroler Soldaten.

"Die starke Besetzung der Höhen am Ausgange des Valsugana bei Primolano und le Tezze gab schon oft den Innsbrucker-Akademikern I. und den Stubaiern Anlaß, freiwillige Ercur:sionen gegen le Tezze, Fonzago und Fastro, als auch auf das rechte Brenta-Ufer und den Höhen gegen die kleinen Lager von den Sette comuni zu machen...Am 19. schon haben die Stubaier einige Feinde niedergestreckt, als sie sich das erste mal hinunterwagten, indem sie sich ihnen entgegenschlichen..."

Die wohl bekannteste Schlacht der Einigungskriege fand in Solferino 1859 in der Nähe des Gardasees statt. Entsetzt vom blutigen Geschehen entschloss sich Henry Durant das Rote Kreuz zu gründen. Der Schriftsteller Joseph Roth beschrieb das Geschehen auf den ersten Seiten seines Romans Radetzkymarsch.

„In der Schlacht bei Solferino befehligte er (Anm.: Leutnant Trotta) als Leutnant der Infanterie einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei Schritte vor sich sah er die weißen Rücken seiner Soldaten. Die erste Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und sicher des Sieges. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrunken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe.“

Besonders verlustreich für das Kaiserreich Österreich war das Jahr 1866. In Italien gingen Venetien und die Lombardei verloren. Im Norden erfuhr das habsburgische Heer in der Schlacht von Königgrätz eine verheerende Niederlage. Nach diesem kurzen „Bruderkrieg“ übernahm Preußen die Führung im Deutschen Bund, der Nachfolgeorganisation des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, von den Habsburgern. Die Neuorientierung des Kaisertums Österreich Richtung Osten bedeutete für Innsbruck, dass man endgültig zu einer Stadt an der westlichen Peripherie des Reiches geworden war. Damit einher ging eine Renaissance der nationalen Idee, die vor allem im liberalen Großbürgertum Innsbrucks weit verbreitet war. Die Vorliebe für die sogenannte Großdeutsche Lösung, also einer gemeinsamen Staatlichkeit mit dem Deutschen Reich anstatt der k.u.k. Monarchie, war in Innsbruck sehr stark ausgeprägt. Wie sehr diese Deutsche Frage die Stadt spaltete, zeigte sich noch über 30 Jahre später, als der Innsbrucker Gemeinderat dem Eisernen Kanzler Bismarck, der für den Bruderkrieg zwischen Österreich und Deutschland federführend verantwortlich war, eine Straße widmen wollte. Während sich kaisertreue Konservative entsetzt ob dieses Vorschlages zeigten, waren die großdeutschen Liberalen rund um Bürgermeister Wilhelm Greil begeistert. Nach dem Zweiten Weltkrieg half die verlorene Schlacht von Königgrätz bei der österreichischen Argumentation von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, war man doch bereits 1866 aus einem gesamtdeutschen Staat ausgeschieden.

Bis heute reichen die kriegerischen Auseinandersetzungen an den südlichen Tiroler Landesgrenzen in die Tradition und in das Stadtbild. Alljährlich wurden die Herz-Jesu-Feiern mit großem Pomp in der Presse besprochen und angekündigt. Der Kult wurde im 19. und im frühen 20. Jahrhundert zum explosiven Gemisch aus Aberglauben, Katholizismus und völkischem Nationalismus gegen alles Französische und Italienische. Unzählige Soldaten vertrauten ihr Wohl noch im Granatenhagel des Ersten Weltkriegs dem Herzen Jesu an. Neben der Gnadenmutter Cranachs ist das Flammenherz wohl bis heute das beliebteste christliche Motiv im Tiroler Raum und prangt auf der Fassade unzähliger Häuser. Mit dem Tummelplatz, dem Militärfriedhof Pradl und dem Kaiserjägermuseum am Berg Isel besitzt die Stadt mehrere Erinnerungsorte an diese blutigen Konflikte, bei denen viele Innsbrucker ins Feld zogen und nicht mehr zurückkehrten.

Maria Theresia, Reformatorin und Landesmutter

Maria Theresia zählt zu den bedeutendsten Figuren der österreichischen Geschichte. Bedeutend waren ihre innenpolitischen Reformen. Viele davon betrafen konkret den Alltag der Innsbrucker in merklichem Ausmaß und finden sich baulich bis heute im Stadtbild wieder. Gemeinsam mit ihren wichtigsten Beratern Friedrich Wilhelm von Haugwitz, Joseph von Sonnenfels und Wenzel Anton Kaunitz schaffte sie es aus den sogenannten Österreichischen Erblanden einen modernen Staat zu basteln. Anstatt der Verwaltung ihrer Territorien durch den ansässigen Adel setzte sie auf eine moderne Verwaltung. Ihre Berater hatten ganz im Stil der Aufklärung erkannt, dass sich das Staatswohl aus der Gesundheit und Bildungsgrad seiner Einzelteile ergab. Eine frühe Krankenreform aus dem Jahr 1742 verpflichtete die Professoren des Fachbereichs Medizin an der Universität Innsbruck neben dem Lehrauftrag auch den Betrieb des Stadtspitals in der Neustadt sicherzustellen. Eine Schulreform veränderte die Bildungslandschaft innerhalb der Stadtmauern nicht nur örtlich, die Schule wanderte wegen Platzmangels vom Domplatz in die Kiebachgasse sondern auch thematisch. Untertanen sollten katholisch sein, ihre Treue aber sollte dem Staat gelten. Schulbildung wurde unter zentrale staatliche Verwaltung gestellt, um Talente möglichst zielgerichtet zu entwickeln. Es sollten keine kritischen, humanistischen Geistesgrößen, sondern Material für den staatlichen Verwaltungsapparat erzogen werden. Diese Reform legte die Basis für die spätere Verbürgerlichung. Über Militär und Verwaltung konnten nun auch Nichtadlige Karriere machen und die soziale Leiter aufsteigen. Jede Verbesserung des Einzelnen wurde als Gewinn für das große Ganze gesehen. Dazu gesellten sich weitere Maßnahmen, die nicht nur die Volkswirtschaft, sondern auch den Alltag der meisten Menschen beeinflussten. Die Normierung von Gewichten und Maßeinheiten machten das Steuersystem exakter und weniger durchlässig. Für Bauern hatte die Vereinheitlichung der Gesetze den Vorteil, dass ihr Dasein weniger von Grundherren und deren Launen abhing. Auch der Robot, den Bauern auf den Gütern des Grundherrn kostenfrei zu leisten hatten, wurde unter Maria Theresia abgeschafft. In Strafverfolgung und Justiz fand ein Umdenken statt. 1747 wurde in Innsbruck eine kleine Polizei eingesetzt, die sich um Angelegenheiten der Marktaufsicht, Gewerbeordnung, Fremdenkontrolle und öffentliche Sittsamkeit kümmerte. Vor allem die Versorgung der Bevölkerung wurde damit zum Vorteil der Konsumenten geregelt. Nicht nur mangelnde Qualität, auch Wucher wurde geahndet. Wie streng die frühe Lebensmittelaufsicht war, zeigt ein Polizeiakt aus dem Jahr 1748, in dem ein Pradler Metzger für die Überschreitung der Fleischtare mit Geldbußen belegt wurde. Mit dem engmaschigeren Netz an Regeln und der besseren Strafverfolgung ging ein menschlicherer Strafvollzug einher. Das Strafgesetzbuch Constitutio Criminalis Theresiana schaffte die Folter zwar nicht ab, reglementierte aber deren Anwendung. So sehr sich Maria Theresia aber als fromme Landesmutter inszenierte und heute als Aufklärerin bekannt ist, die streng katholische Regentin war nicht zimperlich in Fragen von Macht und Religion. Im Trend der Zeit der Aufklärung ließ sie Aberglauben wie den Vampirismus, der in den östlichen Teilen ihres Reiches weit verbreitet war, kritisch untersuchen und leitete das endgültige Ende der Hexenprozesse ein. Gleichzeitig aber wurden Protestanten von ihr gnadenlos des Landes verwiesen. Viele Tiroler mussten ihr Heimatgebiet verlassen und sich in weiter vom Zentrum entfernten Teilen des Habsburgerreiches niederlassen.

In den bis dato stärker autonomen Kronländern wie Tirol stießen die Reformen Maria Theresias auf wenig Gegenliebe. Zentralisierung ist bis heute ein heikles Thema in der österreichischen Politik. Mit Ausnahme von ein paar Liberalen sah man sich mehr als eigenständiges und autonomes Land und weniger als Teil eines modernen Territorialstaates. Auch dem Klerus gefiel die neue, untergeordnete Rolle, die sich unter Josef II. nochmals verschärfte, nicht. Für den lokalen Adel bedeuteten die Reformen nicht nur den Verlust von Bedeutung und Autonomie, sondern auch höhere Steuern und Abgaben. Steuern, Abgaben und Zölle, die der Stadt Innsbruck stets verlässliche Einnahmen gebracht hatten, wurden nun zentral eingehoben und über einen Finanzausgleich nur zum Teil rückgeführt. Um die Fallhöhe für Söhne aus verarmten Adelsfamilien abzuschwächen und sie für den Staatsdienst auszubilden, gründete Maria Theresie das Theresianum, das ab 1775 auch in Innsbruck eine Niederlassung hatte. Wie so oft bügelte die Zeit manche Falte aus und Innsbrucker sind mittlerweile stolz darauf, eine der bedeutendsten Herrscherpersönlichkeiten der österreichischen Geschichte beherbergt zu haben. Nicht nur die Triumphpfote und die Hofburg, auch das Turnusvereinshaus und die Neue Stadtschule erinnern an die Theresianische Zeit, in der der Staat vom Schuleintritt an immer tiefer in das Leben der Menschen einzugreifen begann.

Adolf Pichler: vom Vormärz zum Mainstream

Das 19. Jahrhundert veränderte Innsbruck in vielerlei Hinsicht. Politik, Verwaltung, Gesellschaft, Macht- und Vermögensverhältnisse änderten sich zwischen der ersten Hälfte, die noch stark von den Kriegsjahren bis 1815 geprägt waren, und der zweiten Hälfte, die als bürgerliches Zeitalter in die Geschichte Europas einging. Neue Berufs- und Lebenswelten entstanden. Mit Fleiß, Geschick, Klugheit und Glück konnte man es dank dem staatlichen Schul- und Bildungswesen weiter bringen als je zuvor. Liberale Vordenker, die im System Metternichs unter dem Verdacht der Radikalität standen und deren Schriften oft genug der Zensur anheimfielen, konnten sich nach 1848 nach und nach zumindest etwas freier äußern. Die 1860er Jahre brachten einen formalen Parlamentarismus, neue Gemeindestatuten, den Ausgleich mit Ungarn innerhalb der neuen k.u.k. Monarchie und das Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund. Der ehemals in den deutschen Staaten als Avantgarde einiger Liberaler und „Radikaler“ geltende Nationalismus wurde zur Politik der Mitte.

In Innsbruck kann das Leben Adolf Pichlers stellvertretend für diese Entwicklungen gelesen werden. Mit 12 Jahren kam der Sohn eines Zollbeamten von Erl bei Kufstein nach Innsbruck, um am Gymnasium seine akademische Karriere zu starten. Unter den Fittichen der Jesuiten, denen er später mit wenig Begeisterung begegnen sollte, startete er im Geiste des klassischen Humanismus seine akademische Karriere. Pichler lernte in dieser Zeit vor allem die antiken Schriftsteller und ihre Philosophien kennen. Bereits als Teenager gründete er mit jugendlichem Eifer den Verein „Eiche und Buche“ und gab eine literarische Wochenschrift heraus. Während seinen Philosophie-, Jus- und Medizinstudien in Innsbruck und Wien lernte las er die Werke damals moderner, teils aber unter Zensur stehender Denker wie Feuerbach, Hegel und Fichte. Er bediente sich aus der geheimen Bibliothek, liebevoll Giftbude tituliert, von Johann Schuler, dem Redakteur des Tiroler Boten. Er lernte die liberalen deutschen Vorkämpfer Anastasius Grün und Heinrich Heine kennen. Sie vertraten den Gedanken einer geeinten deutschen Nation anstelle der Kleinstaatlichkeit des Deutschen Bundes. Unter der Beimengung des englischen Literaturexzentrikers Lord Byron und des mittelalterlichen Minnesängers Walther von der Vogelweide entstand sein Blick auf die Welt, der sich innerhalb der liberalen Schicht Innsbrucks gegen Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzen sollte. Tirol sollte ein Teil der deutschen Kulturnation sein. 1845 geriet Pichler endgültig ins Visier der geheimen Staatspolizei Metternichs. Gemeinsam mit anderen „Radikalen“, allen voran Hermann von Gilm, gab er den Lyrikband Frühlingslieder aus Tirol heraus, der der Zensur anheimfiel. Pichler war durch die Sammlung der aus heutiger Sicht harmlos-pathetischen Gedichte als eine Art geistiger Vater zum Gründer der Jungtiroler geworden, ohne selbst inhaltlich bemerkenswert beizutragen. Der junge Mann wurde nicht nur ein Teil der subversiven, national-liberalen Tiroler Literaturszene, sondern tauschte sich in Briefen und Zeitungsartikeln auch mit ausländischen Autoren und Intellektuellen aus. Sein Kollegen- und Freundeskreis reichte von den Tirolern Adolf Flir, Johann Senn und Beda Weber über Grillparzer und Stifter bis hin zu Alexander von Humboldt.

1848, Pichler hatte gerade sein Medizinstudium in Wien abgeschlossen, beteiligte er sich an den Kämpfen an den Tiroler Landesgrenzen in den Italienischen Unabhängigkeitskriegen. Pichler stellte ein eigenes Corps, die Akademische Legion auf. Obwohl die Studenten und Professoren gemeinsam mit den habsburgischen Truppen den Grenzschutz wahrnahmen, beäugte die Obrigkeit das Treiben Pichlers und seiner Truppe argwöhnisch. Der Umgang mit subversiven Elementen und seine politisch motivierten Artikel, Gedichte und Stücke verhinderten in der Donaumonarchie nach den Wirren von 1848 die akademische Karriere Pichlers. An der Universität abgelehnt musste er sich mit einem Posten am Gymnasium in Innsbruck zufriedengeben. Nebenbei verfolgte er seinen Weg als Literaturhistoriker weiter. Er schrieb über die Geschichte der Tiroler Literatur, ließ sich von seinen Schülern Theaterstücke aus deren jeweiliger Heimatregionen zusammentragen, um diese Tirolensien zu sammeln. Pichler war im Geiste von 1848 ein eifriger Archivar Tiroler Traditionen und Überlieferungen, um die Vergangenheit und Althergebrachtes zu einem nationalen, germanisch gefärbten Narrativ zu bündeln. Seine eigenen, von nationalem Pathos triefenden literarischen Gehversuche bestehend waren nur von überschaubarem Erfolg gekrönt. Pichlers Dramen schafften es mit Ausnahme des Stückes Rodrigo, ein im Innsbrucker Stadttheater aufgeführter Historienschinken nicht an die breite Öffentlichkeit. Die Handlung spielt zur Zeit des Untergangs des Westgotenreichs in Spanien im 8. Jahrhundert und ist eine Anspielung auf die politische Situation in Österreich der Zeit nach dem Ausscheiden der Monarchie aus dem Deutschen Bund. Rodrigo verschwindet der nach einer Niederlage in der Entscheidungsschlacht am spanischen Rio Guadalete, dem Äquivalent zu Königgrätz, aus der Geschichte.

Wohl ein wenig desillusioniert nach der in Österreich wenig revolutionären Märzrevolution und dem Ausscheiden Österreichs aus dem deutschen Bund 1866, wandte sich der vom offen Aufsässigen zum stillen Widerspenstigen mutierten Intellektuellen der Geologie zu. Auf langen Wanderungen durch die Alpen sammelte er Erkenntnisse über die geliebte Heimat und konnte so zumindest ein wenig in die Fußstapfen Alexanders von Humboldt treten. 1867 wurde er zum Universitätsprofessor für Geologie in Innsbruck berufen und konnte so seine akademische Karriere im Alter von knapp 50 Jahren doch noch krönen, ohne selbst je ein naturwissenschaftliches Studium absolviert zu haben. Den Posten als Rektor lehnte der unangepasste Pichler ab, zu hoch wäre wohl der Preis dafür gewesen. Liest man heute die Artikel und Gedichte Pichlers, fühlt man sich in Ausdruck und Thematik rund um Deutschtum, Wahrheit, Kampfeslust und Heldenverehrung stark an die Diktion der völkischen Presse der frühen Nationalsozialisten erinnert. Als Intellektueller, Kritiker und Kommentator des Zeitgeschehens beeinflusste Pichler den Zeitgeist der Innsbrucker Politik merklich. Viel ist in seinen Schriften die Rede von den Nibelungen, Walhalla, Wotan, Aufopferung und Erlösung. Bis an sein Lebensende verfasste er Gedichte, Theaterstücke und schmalzige Hymnen wie seinen späten Dietrich von Bern aus dem Jahr 1898.

Kennt den Dietrich Ihr den Berner?
Den man einst in Fesseln schloss –
Flammen atmet er im Zorne –
dass wie Wachs das Eisen floss,
folgt dem Beispiel Eures Helden –
duldet nie ein fremdes Joch –
duldet nie als Herrn den Sklaven –
der am Boden vor Euch kroch.

Sein Hausblatt war der zwischen 1899 und 1906 erscheinenden, bissige politische, antiklerikale Scherer. Das Logo des selbsternannten Satireblattes war ein lächelnder älterer Tiroler, der dem Betrachter einen toten Maulwurf, dem Symbol für den oft als Schädling bezeichneten Klerus entgegenstreckt. Auch in überregionalen Magazinen und Zeitungen wie Presse, Wiener Zeitung, Augsburger Allgemeine, Gartenlaube, Odin und Germania schrieb der stramm deutschnationale Pichler gegen Klerus und Obrigkeit an. Der volkstümlich schwelende Antisemitismus hingegen war ihm fremd und zuwider. Anders als später den Faschisten und Nationalsozialisten sprach sich Pichler auch gegen jegliche Form des Imperialismus aus, sei es britischer, französischer oder deutscher. Alle Völker und Nationen sollten sich selbst verwalten, Kultur und Traditionen sollten geachtet werden.

Als der ehemals als „Radikaler“ angesehene Public Intellectual 1900 seine Augen für immer schloss, war aus ihm ein geachteter Bürger geworden. Seine politischen Ansichten waren dieselben geblieben, entsprachen mittlerweile aber dem Mainstream und wurden nicht mehr zensuriert, sondern ganz besonders im Innsbrucker Gemeinderat unter Wilhelm Greil hochgeschätzt. Die liberale Presse überschlug sich in Lobeshymnen und Wehklagen. Karl Habermann, Herausgeber des Scherer, verbrannte bei einem Fackelzug zu Ehren des hochverehrten Adolf Pichlers einen gegen seine Zeitung gerichteten offenen Brief des Fürstbischofs von Brixen, wofür er sich vor Gericht verantworten musste im Hirtenbriefproceß verantworten musste. In einer eigenen Heftnummer voll mit Gedichten und Artikel literarischer Weggefährten und Bewunderer konnte man im Scherer einen letzten, von Pichler selbst verfassten Abschied, in dem er seine Schreibfeder mit dem Schwerte König Arthurs verglich, lesen. In einem Nachruf ehrte man den „Alten“ mit den Worten:

„Tirol, das schwarze Pfaffenland, es ward durch Pichler zum neuen Flammenherde geistiger Empörung, von dem sich tausende von Volksgenossen in allen deutschen Gauen die Brandfackel holen, um auch in ihrem Heim die heilige Flamme zu entzünden.“

Auch in anderen einschlägigen Magazinen wie Odin – ein Kampfblatt für die alldeutsche Bewegung auf unbedingt völkischem Standpunkte und der Ostdeutschen Rundschau, dem „nationalen Kampfblatt der Deutschen in Österreich“ ließ man den Tiroler Heros hochleben. Schriftsteller wie Franz Kranewitter (1860 – 1938), Rudolf Greinz (1866 - 1942), Heinrich von Schullern (1865 – 1955) und Arthur von Wallpach (1866 – 1946) trugen die literarische Flamme Pichlers als Jung-Tirol weiter, zuerst im Scherer und später in Der Föhn. Sie alle einte die Erfahrung des Ausscheidens Österreichs aus dem Deutschen Bund, der Machtverlust der K.u.K. Monarchie sowie der Verlust der südlichen Landesteile des historischen Tirols. Ihre Form des teils antiklerikalen, teils kriegsverherrlichenden Liberalismus bei gleichzeitiger Lobpreisung der Heimatverbundenheit und des Tiroler Volksgeistes erfreuten sich sowohl nach dem ersten Weltkrieg wie auch während des Nationalsozialismus großer Beliebtheit. Stücke wie der Andreas Hofer Kranewitters und die Gedichtbände Wallpachs mit klingenden Namen wie Tiroler Blut oder Wir brechen durch den Tod! – Gedichte aus dem Felde ermöglichten es fast jeder politischen Richtung ihr Programm darin auf die eine oder andere Weise wiederzufinden. Bereits ein Jahr nach Adolf Pichlers Tod wurde ein Komitee ins Leben gerufen, um ihm ein Denkmal zu errichten. Den Vorstand übernahm Bürgermeister Greil, der seinen Spiritus Rector nur zu gerne im öffentlichen Raum platzieren ließ. Seit 1930 ist der Adolf-Pichler-Platz, auf dem die Bronzestatue steht, nach ihm benannt. Auch seinen nachfolgenden Jung-Tirolern Greinz, Schullern, Kranewitter und Renk wurden in Amras und Pradl Straßen gewidmet. Pichlers Wohnhaus in der Müllerstraße schmückt eine Erinnerungstafel mit Tiroler Adler, Lorbeerkranz und Eichellaub: „DEM DEUTSCHEN DICHTER ADOLF PICHLER – DAS LAND TIROL“.