Bevor das Goldene Dachl seinen langen und mühsamen Weg zum Wahrzeichen der Stadt antrat, musste es viele Rollen und Funktionen erfüllen. Als Innsbruck an Bedeutung für das Land Tirol zunahm, ließ Friedrich IV. um 1420 den Neuhof errichten. Die Andechser Burg entsprach nicht dem, was Friedrich sich unter einer Residenz vorstellte. 80 Jahre später war auch der Neuhof nicht mehr repräsentativ, um den Vorstellungen des neuen Regenten zu entsprechen. Der Hofstaat Kaiser Maximilians war um einiges größer als der der vorhergegangenen Landesfürsten. Er siedelte in die geräumigere Hofburg um. Der zentral gelegene Neuhof sollte von nun nur noch an als kaiserliche Zierde dienen. Maximilian ließ von Hofbaumeister Türing den heutigen Prunkerker mit den 2657 vergoldeten Schindeln anbauen, um einen Platz zu haben, von dem aus er dem Geschehen am Stadtplatz folgen und sich gleichzeitig präsentieren konnte. Wo sich heute Touristen aus aller Welt ablichten lassen, fanden zu Zeiten Maximilians Retro-Ritterturniere, Gerichtsprozesse und Hinrichtungen statt. Die dem Mittelalter nachempfundenen Wettkämpfe sollten Hofstaat und Besucher unterhalten. Besonders Maximilians zweite Frau Bianca Maria Sforza, die viele Jahre am Hof in Innsbruck verbrachte, forcierte diese Shows, um sich der Langeweile der Kleinstadt zu erwehren. Mit ihrer Heimat Mailand, wo zu dieser Zeit unter anderem Leonardo da Vinci als Hofkünstler und Baumeister angestellt war, konnte Innsbruck trotz des aufwändigen Hofstaats nicht mithalten.
Der Prunkerker im Stadtzentrum diente auch als Herrschaftssymbol. Das einfache Volk sollte niemals vergessen, von wem es beherrscht wird. Die Spielregeln damals ähnelten denen von heute. Die Elite der Finanzwelt baute sich in der Boomzeit nach dem Ersten Weltkrieg zur Repräsentation ihrer Macht eine Skyline in New York, in Dubai wuchs 100 Jahre später als Symbol für den Öl-Reichtum mit dem Burj Khalifa das höchste Gebäude der Welt in den Himmel. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches hingegen ließ sich das Dach seines Aussichtsturmes vergolden und stattete es mit den Insignien seiner Herrschaft aus. Die Reliefs unter dem Erker zeigen die Gebiete, über die Maximilian herrschte. Es sind von links nach rechts die Wappen Österreichs, Ungarns, des Heiligen Römischen Reichs, Deutschlands, Burgunds, Mailands, der Steiermark und Tirols. Ritter und Tierfiguren bewachen den habsburgischen Besitz. Es ist gut möglich, dass das eigentlich 1500 fertiggestellte Wappenfries ein paar Jahre später ausgetauscht wurde, nachdem Maximilian 1508 zum Kaiser erhoben wurde. Die Malereien auf der Vorderseite zeigen den Kaiser mit seinen beiden Ehefrauen Maria von Burgund und Bianca Maria Sforza. Interessant dabei ist das Erscheinungsbild der beiden Frauen. Die Hochzeit mit Maria von Burgund wurde von Maximilian stets als Liebeshochzeit dargestellt, seine zweite Ehefrau soll er eher geschäftsmäßig geheiratet haben. Während die erste Ehefrau Maria von Burgund züchtig und mit Haube ihr Haar verhüllend dargestellt wird, wallen die Locken der Mailänderin Bianca Maria Sforza weit hinab. Maria von Burgund war als junge, schöne Frau bei einem Reitunfall gestorben. Sie schenkte den Habsburgern mit Karl und Ferdinand generationsübergreifend gleich zwei Kaiser. Die idealisierte und verklärte Darstellung der beiden Frauen ist das Symbol für ihre Bedeutung für Maximilian. Szenen aus dem mittelalterlichen, höfischen Leben verzieren, ganz nach dem Geschmack Maximilians, die Fassade. Eine der Figuren stellt Kaiser Friedrich III. dar. Dem knorrig dreinblickenden Vater Maximilians wurde spöttisch eine Mütze mit Eselsohren aufgesetzt. Die plastisch dargestellten Moriskentänzer aus Sandstein verrenken sich ihre Glieder über Affen und Hunden. Einige Symbole und Reliefs geben Forschern bis heute Rätsel auf. Eines davon, die Geheimschrift, die am Band hinter den Tänzern und Personen auf den oberen Reliefplatten zu sehen ist, wurde erst 2020 entschlüsselt. Die Zeichen geben verschlüsselt Folgendes zu verstehen:
“Ego sum lux mundi qui sequitur me non ambulabit in tenebris sed habebit lucem vitae dicit dominus”, übersetzt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in Finsternis wandeln, sondern wird im Licht wohnen, so spricht der Herr.“
Für einen großen Teil der Malereien war Hofmaler Jörg Kölderer verantwortlich, der viele Gebäude und Räume, die rund um 1500 entstanden, mit seiner Kunst schmückte. Auch das Jagdbuch, das Fischereibuch und das Zeugbuch, die das Treiben rund um die Waffenproduktion im Zeughaus zeigt, stammen aus seiner Feder. An der Decke unter dem Erker befinden sich putzige Figuren, einige davon in für das 16. Jahrhundert wohl anzüglicher Pose. Unter dem Erker auch eine Gedenktafel für den verurteilten und hingerichteten Jakob Hutter zu sehen.
Nach den Zeiten Innsbrucks als habsburgische Residenzstadt legte die Geschichte des Goldenen Dachls den Rückwärtsgang ein. Die Vernunft der Zeit Kaiser Josefs kannte kein Erbarmen mit dem ehemals kaiserlichen Showroom der Eitelkeiten. Das Gebäude wurde 1780 zu einer Kaserne und damit vom Herrschaftssymbol wieder zum Nutzraum. Die kargen Zeiten nach den Napoleonischen Kriegen machten ebenfalls nicht vor der Altstadt und den historischen Gebäuden Halt. Die Wertschätzung für die gotischen Häuser, die heute wie selbstverständlich denkmalgeschützt sind, war im 19. Jahrhundert noch nicht gegeben. Dass dabei nicht mehr verloren ging, ist vor allem den fehlenden wirtschaftlichen Mitteln der Zeit zu verdanken. 1822 erhielt die Fassade während eines Umbaus zum Mietshaus ihr heutiges Aussehen. 1853 wurden im Goldenen Dachl im ersten Jahr nach seiner Gründung die Schüler des neuen Bundesrealgymnasiums unterrichtet. Heute kann man im Goldenen Dachl ein kleines Museum besuchen, das sich um die Stadtgeschichte Innsbrucks und Maximilian dreht. Im Goldenen Dachl befindet sich auch das Innsbrucker Standesamt, in dem sich Innsbrucker Paare das Ja-Wort geben. Besonders malerisch ist der Platz vor dem Prunkerker zur Weihnachtszeit, wenn der Christkindlmarkt samt Christbaum aufgebaut wird.