Das wiedererstandene Hotel „Mariabrunn“ auf der Hungerburg

Erschienen: Allgemeiner Tiroler Anzeiger / 1. Juni 1931

Über diesen Text...

Nach den schweren Jahren mit Krieg und Inflation eröffnete das altehrwürdige Hotel Mariabrunn wieder seine Pforten, nachdem es einige Jahre zuvor abgebrannt war. Das auffällige Gebäude im modernen Stil an prominenter Stelle hoch über Innsbruck war ein Zeichen des Aufbruchs. 

Der Artikel

Nun leuchtet in warmem Gelb das neue „Mariabrunn“-Hotel von der Hungerburg ins Tal herab und lockt nach Gästen. Im einfachen Stil neuer Bauformen steht es wieder da und es ist, wer das Bauwerk vor dem Brande in Erinnerung hat, kaum wieder zu erkennen. Gewiß, es gibt viele Leute, die sich vom kitschigen Aeußeren der alten Bauform mit dem unmöglichen Türmchen nicht trennen können und das ehemalige „Mariabrunn“ schöner finden; doch diese Leute sind nicht zu bekehren. Wer mit der Baukunst weiterlebt und wer das neue Bauen nicht in die Formen alter Baustile zwängen will, sondern das neue Bauen auch im Sinner neuer Baugedanken verwirklich wissen will, der wird das wiedererstandene „Mariabrunn“ wenn auch die Einteilung des Erdgeschosses ziemlich unverändert blieb, als eine schöne Leistung eines modernen Umbaus werten müssen. Die einfachen Bauformen geben dem „Mariabrunn“ nun ein angenehmes Aeußere und die weißen Mauersöller legen sich schmiegsam wie Bänder um das architektonisch trefflich gegliederte gelbschimmernde Haus; westlich sind es zwei Söller, während östlich nur ein Söller über dem Vorbau mit dem Speisesaal sich dahinzieht. 

Und so schön der Bau außen ist, so schön ist er auch  innen. Am Samstag abends wurden die Restaurationsräumlichkeiten im Erdgeschoß mit Konzert und Ball eröffnet. Die in Rose gehaltene Halle mit Kamin nimmt uns auf, dann treten wir in das in Gelb gestrichene Bürgerzimmer, das Restaurant ist blau-meer-grün in der Decke. Das dunkle Lindenholz der Täfelung der Türen und Fensterrahmen sowie der Deckenbalken wirkt überall wie abwechslungsvolle Zier. Der repräsentative Speisesaal prunkt ebenfalls mit dem Farbenspiel des Weiß seiner Wände und der Decke und mit dem Dunkel des Eichenholzes, aus dem die Täfelung, die Pfeilerverkleidung und die Deckenbalken bestehen. Das große Mittelfenster mit den beiden übereck gestellten rechteckigen Erkern geben dem großen Saale einen vornehmen Charakter. Was allen Räumen besondere Eigenart verleiht, das sind die schönen neuen Formen der Beleuchtungskörper. 

Der Gesamtentwurf des ganzen Umbaues einschließlich der Innenausstattung stammt vom Innsbrucker Architekten Siegfried Mazagg, während die Bauausführung die Firma Pümpel u. Söhne in Hall besorgte. 

Es ist selbstverständlich, daß Küche und Schank mit allen Einzelheiten neuzeitlicher Ausstattung schon versehen sind oder noch versehen werden. Der Garten wird ein ganz modernes Tanzparkett mit Plachenbedachung erhalten, die je nach dem Wetter aufgezogen oder eingerollt werden kann. Jeden Sonntag nachmittags wird dort Tanz im Freien möglich sein, während am Samstag abends eine Reunion im Speisesaal stattfinden wird. 

Währen die Restaurationsräumlichkeiten nun seit Samstag abends geöffnet sind, wird der Hotelbetrieb selbst erst Mitte Juni aufgenommen werden können. Das Hotel wir 28 Zimmer mit 50 Betten erhalten, sämtliche Zimmer fließendem Wasser und Warmwasser und Zentralheizung ausgestattet, 15 Zimmer außerdem mit eigenem Bad, wie auch jedes mit moderner Lichtsignalanlage und Telephon versehene Stockwerk ein Extrabad aufweisen wird. Besonders angenehm wird es empfunden werden, daß jedes Zimmer Balkonanteil hat. Der Pensionspreis wird in der Hochsaison 12 bis 16 S(chilling) betragen. 

Der neue Pächter Herr Paul Ponzle gibt schon durch seine sachliche Vergangenheit die Gewähr, daß das Hotel in zufriedenstellender Weise den Anforderungen gerecht werden wird. Herr Ponzle, ein gebürtiger Rheinländer, hat eine 20jährige Schulung als Hotelfachmann hinter sich. im Jahre 1918 und 1914 war er Pächter des Kurhauses des  Grafen in Bad Liebwerda bei Reichenberg und in den letzten Jahren bekanntlich Direktor des großen und schönen Strandhotels in Lochau am Bodensee. Das freundliche und sympathische Ehepaar Ponzle wird es sicherlich nicht fehlen lassen, die sonst etwas kühl und kritisch veranlagten Innsbrucker sowie die Fremden so warm zu machen, daß sie sich auf „Mariabrunn“ recht herzlich willkommen fühlen.