Ferdinandeum

Museumstraße 15

Ferdinandeum

Nach der aufgewühlten Zeit der französischen Revolution und der darauffolgenden Napoleonischen Kriege (1792 – 1815) rückte das Bürgertum in den Städten mehr und mehr in den Fokus. Unter Staatskanzler Clemens Metternich wehte in der Politik ein rauer Wind mit strenger Zensur und einem Polizeistaat. Gleichzeitig erblühten Wissenschaft und Kultur im Privaten. Vereine vielerlei Art waren in der Biedermeierzeit en Vogue, auch in der Hauptstadt des konservativen Landes Tirol. Hier trafen, was lange Zeit undenkbar war, Mitglieder des Adels und Bürgerliche aufeinander und folgte gemeinsamen Interessen. „In Innsbruck besteht ein Musikverein, ein landwirthschaftlicher und ein montanistisch-geognostischer.“ Natürlich wurde hinter verschlossenen Mauern und im Flüsterton in diesen Kreisen auch über Politik diskutiert. Die Basis für die Revolution, wenn auch in Innsbruck schaumgebremst, wurde in diesen Vereinen gelegt. Die Gründung des Vereins des Tiroler Nationalmuseums geht auf diese Zeit zurück. Der Zweck des Museums war die Förderung von Bildung in Wissenschaft und Kunst. 1823 erging ein öffentlicher Aufruf

an die Freunde vaterländischer Kunst und Wissenschaft zur Gründung eines Vereins des vaterländischen Museums in Tirol… dessen Bildung der Nation im allgemeinen und im einzelnen insbesondere aber in Weckung und Belebung des gemeinschaftlichen Interesse für das gemeinschaftliche Vaterland“.

Bis 1845 musste die Sammlung der Dinge die „…für das Land Tirol in naturhistorischer, artistischer und geschichtlicher Hinsicht interessant und merkwürdig sind“, im Stift Wilten aufbewahrt werden. 1884 erfolgte ein großer Aus- und Umbau des architektonisch wunderschönen Museums. Dann öffnete das Ferdinandeum als Tiroler Nationalmuseum seine Pforten in seinem klassizistischen Gewand. Ein Saal im ersten Stock wurde als „Reliquienschrein der Tirolischen Nation“ mit allerlei Erinnerungen an den populär gewordenen Aufstand von 1809 und überlebensgroßer Statue Andreas Hofers eingerichtet. Auch andere Erinnerungsorte der Tiroler Landesgeschichte wie die Schlacht von Spinges wurden im Ferdinandeum verewigt. Dem traditionellen, der tirolischen Nation gewidmeten Inneren stand das klassizistische Äußere entgegen. Zwei Sphinxe, nicht gerade einheimisch anmutende Fabeltiere, flankieren den Eingang. An der Fassade sind die Portraits berühmter Tiroler Künstler und Wissenschaftler zu sehen. Zentral ist die Tyrolia, eine mythische Symbolfigur der „Tiroler Nation“. Bescheiden flankiert wird sie von Minerva, der antiken Göttin der Weisheit. Die Antike und ihre Denker waren in ganz Europa groß in Mode gekommen. Stilbildend für die Bewegung waren Denker der Romantik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts wie Winckelmann, Lessing oder Hegel, die nicht weniger im Sinn hatten als die griechischen und römischen Denker wiederauferstehen zu lassen. Den Griechen wurde „edle Einfalt und stille Größe“ attestiert. Goethe wollte das „Land der Griechen mit der Seele suchen“ und machte sich auf nach Italien, um dort seine Sehnsucht nach der guten, vorchristlichen Zeit zu suchen, in dem die Menschen des Goldenen Zeitalters ein ungezwungenes Verhältnis mit ihren Göttern pflegten. Philologen durchkämmten die Texte antiker Schriftsteller und Philosophen und transportierten ein gefälliges „Best of“ ins 19. Jahrhundert. Studenten und Intellektuelle wie der Brite Lord Byron wurden so sehr vom Griechentum ergriffen, dass sie im griechischen Unabhängigkeitskampf gegen das osmanische Reich ihr Leben aufs Spiel setzten. Säulen, Sphinxe, Büsten und Statuen mit klassischen Proportionen schmückten Paläste, Verwaltungsgebäude und Museen des 19. Jahrhunderts. Da die ausgegrabenen Tempel, die Archäologen zu dieser Zeit entdeckten, weiße Gebäude zeigten, wurden die Antike imitierende Gebäude wie das Ferdinandeum in Weiß gehalten. Ein ähnlich gestalteter Bau in Innsbruck ist das Tiroler Landestheater (27) nur wenige Schritte vom Ferdinandeum entfernt.

Anders als die Sammlungen der Aristokratie, war das Ferdinandeum der Öffentlichkeit zugänglich. Das war ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel.

„Die Büchersammlung des Ferdinandeum zählt ungefähr 1400 auf die Landeskunde bezügliche Werke… Benutzt werden kann sie von Jedermann…Der Besuch dieser Anstalt gewährt sicherlich dem Einheimischen wie dem Fremden Vergnügen, und schafft die Ueberzeugung, daß in Tirol Sinn und Streben für Kunst und Wissenschaft nicht mangeln.“

Der Name des Museums geht auf Erzherzog Ferdinand zurück, der ab 1835 auch Kaiser von Österreich war und die Patronanz für das Tiroler Nationalmuseum übernahm. Gemeinsam mit dem naturbegeisterten Erzherzog Johann war er federführend an der Gründung des Tiroler Nationalmuseums beteiligt. Diese beiden Habsburger teilten nicht nur die Liebe zu Kunst, Kultur und Wissenschaft, sondern auch eine Affinität zu Tirol. Ansonsten allerdings hätten die beiden Habsburger nicht unterschiedlicher sein können. Erzherzog Johann war gegen den Willen der Wiener Politik ein glühender Unterstützer des Tiroler Freiheitskampfes und Andreas Hofers. Während er sowohl als Alpinist, Feldherr und auch als energetischer Politiker und Macher bekannt wurde, war der Namensgeber des Ferdinandeums das genaue Gegenteil. Er galt als schwach, war an der Grenze zum Debilen und wohl dank der inzestiösen Heiratspolitik der Habsburger mit Kleinwüchsigkeit und Deformation geschlagen. Ferdinand war als Nachfolger Franz I. der Wunschkaiser Kanzler Metternichs gewesen, der einen schwachen Monarchen bevorzugte, um weiterhin schalten und walten zu können wie es ihm beliebte. Er war wohl ein sanftes und einfaches Gemüt als Ferdinand der Gütige, böse Zungen tauften ihn gerne auch Gütinand der Fertige. Ferdinand flüchtete vor seiner Abdankung in den Wirren des Revolutionsjahres 1848 in die Innsbrucker Hofburg, einen kaisertreuen und sicheren Hafen konservativer Werte, konnte aber als beim Volk beliebter Herrscher wieder nach Wien zurückkehren, während Metternich in Exil gejagt wurde.

Heute beherbergt das Ferdinandeum eine bunte Auswahl an Sammlungen, darunter auch Gemälde von bekannten Tiroler Künstlern wie Albin Egger-Lienz. Immer wieder finden Sonderausstellungen aller Art statt.

Das Jahr 1848 und seine Folgen

Das Revolutionsjahr 1848 ging in die Geschichte Europas als richtungsweisend für Demokratie, Bürgerrechte und Herausbildung der Nationalstaaten ein, auch in Österreich. Tirol war von Bürgerkrieg und Aufständen zwar nicht nur geographisch, sondern auch gedanklich weit entfernt, trotzdem änderte sich in Folge der Märzrevolutionen, die sich gegen die Politik des österreichischen Kanzlers Metternich und der Habsburger richteten, vieles im politischen und sozialen Gefüge. Weltliche und klerikale Obrigkeiten hatten jahrhundertelang von ihren Schäflein verlangt, ihre Wünsche nach allgemein gültiger Moral zum Wohl der Gemeinschaft zu unterdrücken. Man stützte sich dabei auf das Gedankengut antiker Philosophen wie Aristoteles und Seneca. Während der Aufklärung war es zu einem Umdenken gekommen. Der Individualismus, das Streben des Einzelnen nach Glück, war nicht etwas gänzlich neues, erhielt aber breiteren Aufschwung. Nach Adam Smith (1723 – 1790) war der kollektive Wohlstand durch individuelles, ethisches Wirtschaften zu erreichen. Diese ökonomische Überlegung hatte auch Einfluss auf das soziale und politische Verhalten des Einzelnen. Untertanen wollten keine Untertanen eines Monarchen oder Landesfürsten mehr sein, sondern Bürger mit Rechten und Pflichten gegenüber einem Staat. Studenten, Akademiker und Beamte wollten sich nicht mehr einschränken lassen. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben im Jahr 1848 Das Kommunistische Manifest, in dem sie Arbeiter, die in prekären Verhältnissen vegetierten, zur Revolution riefen. Unter Kaiser Josef II. waren die Länder der Habsburger im Sinne der Aufklärung reformiert worden. Unter Franz I. von Österreich und Metternich wurde vieles wieder zurückgenommen. Liberales Gedankengut, Zeitungen, Flugblätter, Schriften, Bücher und Vereine standen unter Generalverdacht der Obrigkeit. Die bestehenden Magazine und Zeitschriften mussten sich anpassen oder im Untergrund verbreitet werden, um nicht der Zensur anheimzufallen. Wie in vielen Städten Europas, so standen sich auch in Innsbruck im politisch aufgeheizten Klima des Vormärz verschiedenste Gruppen von Liberalen über frühe Sozialisten und Konservativen gegenüber. Schriftsteller wie Hermann von Gilm (1812 – 1864) und Johann Senn (1792 – 1857), an beide erinnern heute Straßen in Innsbruck, verbreiteten anonym politisch motivierte Literatur und Schriften. Der Mix aus großdeutschem Gedankengut und tirolischem Patriotismus vorgetragen mit dem Pathos der Romantik mutet heute eigenartig und pathetisch an, war aber dem metternich´schen Staatsapparat weder geheuer noch genehm. Alle Arten von Vereinen wie die Innsbrucker Liedertafel oder Studentenverbindungen, sogar Mitglieder des Ferdinandeums wurden streng überwacht.

Nach dem Wiener Kongress, der den Frieden in Europa nach den napoleonischen Kriegen wieder herstellte, verlor Tirol einige der Sonderrechte, die es seit dem Mittelalter innerhalb des Habsburgerreiches hatte. Das Maximilianische Landlibell, das es den Tirolern erlaubte, nur die eigenen Landesgrenzen zu verteidigen, ohne sich in den regulären Militärdienst zu integrieren, wurde zu Gunsten der allgemeinen Konskription aufgehoben. Die bewaffnete und wehrhafte Bevölkerung war in Wien nicht gerne gesehen. Die Schützen standen trotz ihrer demonstrativen Kaisertreue auf der Liste der zu überwachenden Institutionen Kanzler Metternichs und dessen Polizeiapparat. Als zu aufsässig galten die Tiroler, nicht nur gegenüber fremden Mächten, sondern auch gegenüber der Wiener Zentralstaatlichkeit. Auch die Arbeiterschaft, die sich in den Innsbrucker Randgebieten durch die zarte Industrialisierung der Stadt bildete, wurde von der Geheimpolizei Metternichs streng überwacht. Sozialismus und Kommunismus entwickelten sich in Europa langsam. Besonders St. Nikolaus und Hötting waren als „rote Pflaster“ bekannt. Der Gegenpol der Arbeiter sozial gesehen waren die Studenten, die zum allergrößten Teil der Oberschicht angehörten. Sie forderten vor allem politische Mitsprache, Pressefreiheit und Bürgerrechte. Im Großen und Ganzen war Innsbruck aber kaisertreu und weit entfernt von flächendeckend revolutionären Gedanken. Opfer der Bespitzelung Metternichs war nur eine kleine Gruppe innerhalb der Bevölkerung. Als in Wien im März 1848 der Bürgerkrieg ausbrach, floh Kaiser Ferdinand I. nach Innsbruck. Glaubt man den Presseberichten aus dieser Zeit, wurde er hier von der Bevölkerung begeistert empfangen. Innsbruck war wieder Residenz des Kaisers, wenn auch nur für einen Sommer. Ferdinand übergab die Krone an Kaiser Franz Josef I., der die Geschicke Österreich-Ungarns bis in den Ersten Weltkrieg lenken sollte. Im Juli 1848 kam es in Wien in der Hofreitschule zur Abhaltung eines ersten parlamentarischen Reichstages. Der Reformwille des Kaisers flachte schnell wieder ab, die zart in Gang gesetzte Liberalisierung nahm trotzdem ihren Lauf. Auch wenn Tirol konservativ und katholisch-ständisch orientiert war, erhielt Innsbruck im Sog der Liberalisierung nach 1848 und der Landesverfassung den Status einer Stadt mit eigenem Statut. Das Innsbrucker Gemeinderecht sah ein Bürgerrecht vor, das zwar an Besitz oder die Abgabe von Steuern gebunden war, jedoch den Angehörigen der Gemeinde gewisse Rechte gesetzlich zusicherte. Das Heimatrecht konnte durch Geburt, Verehelichung oder außerordentlicher Verleihung erworben werden und verlieh zumindest den männlichen Volljährigen das Wahlrecht auf kommunaler Ebene. Geriet man in finanzielle Notlage, so hatte man das Anrecht auf eine Grundversorgung durch die Stadt.

Eine weitere nachhaltige Veränderung vollzog sich in der Landwirtschaft. Bis dahin war in Tirol der Landesfürst der größte Grundherr. In Innsbruck hielt der Klerus, vor allem das Stift Wilten, einen großen Teil des bäuerlichen Grundes. Kirche und Adel waren nicht steuerpflichtig. Eine unter Josef II. versuchte Ablösung der bäuerlichen Grundlasten von den Grundherren war 1798 gescheitert. Im Revolutionsjahr 1848/49 schließlich wurden in Österreich Grundherrschaft und Untertänigkeitsverhältnis aufgehoben. Abgelöst wurden damit Grundzinsen, Zehent und Robot, wobei diese Arbeiten auf den Gütern der Grundherren ohne Entlohnung der Bauern in Tirol seit dem 16. Jahrhundert ohnehin nicht mehr sehr verbreitet war. Die Grundherren erhielten im Rahmen der Grundentlastung ein Drittel des Wertes ihrer Ländereien vom Staat, ein Drittel wurde als Steuererleichterung gewertet, ein Drittel der Ablöse mussten die Bauern selbst übernehmen. Die Bauern konnten diesen Betrag in Raten innert zwanzig Jahren abzahlen. An den Krediten gingen einige Familien zu Grunde, andere schafften den Schritt erfolgreich. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Die Nachkommen der damals erfolgreichen Bauern genießen durch den geerbten Landbesitz, der auf die Grundentlastung 1848 zurückzuführen ist, die Früchte des Wohlstandes und auch politischen Einfluss durch Grundstücksverkäufe für Wohnbau, Pachten und Ablösen der öffentlichen Hand für Infrastrukturprojekte.

Im Alltag der Menschen kam es nach dem Revolutionsjahr 1848 zu einer steigenden Verbürgerlichung, bedingt auch durch die Grundentlastung. Adelige investierten das Geld, das sie als Ablöse für ihre Ländereien erhalten hatten, in Industrie und Wirtschaft. Der Kapitalismus moderner Prägung hielt so auch im abgeschiedenen Tirol Einzug. Landwirte ohne Land machten sich ebenfalls vom Umland auf nach Innsbruck, um dort Arbeit zu finden. Der Wechsel vom bäuerlichen Leben des Dorfes in die Stadt beinhaltete mehr als einen örtlichen Wechsel. War der Grundherr am Land noch Herr über das Privatleben seiner Knechte und Mägde und konnte bis zur Sexualität über die Freigabe zur Ehe über deren Lebenswandel bestimmen, war man nun individuell zumindest etwas freier. Diese neue Freiheit gefiel nicht allen, was zu ideologisch motivierten sozialen Spannungen führte. Innsbruck begann zu wachsen. Damit hielt auch vermehrt die Teilung von Arbeit und Haushalt Einzug. In der Landwirtschaft war diese Trennung weniger streng, weibliche Familienmitglieder arbeiteten am Hof mit und die Wohnstätte war zugleich auch Arbeitsplatz. Arbeiter und Handwerker gingen morgens hingegen zur Arbeit und kamen abends wieder retour, während sich die Frau des Hauses um Kinder und Haushalt kümmerte. Männer als Patriarchen waren noch immer die Familienvorstände, es handelte sich aber nicht mehr um eine Sippe bestehend aus Kindern, Mägden und Knechten, sondern um einen kleinen Familienverband wie wir ihn heute kennen. Die Geschlechterrollen, die bis heute eine gewisse Relevanz haben, begründeten sich zu dieser Zeit. Vereine aller Art, das Phänomen der Freizeit und Teuflisches wie Fahrräder oder Sport kamen auf. Parks wie der Englische Garten rund um das Schloss Ambras waren nicht mehr exklusiv der Aristokratie zugänglich, sondern dienten den Bürgern als Naherholungsgebiete. Die Stadt Innsbruck und das Umland, schon immer unterschiedlich orientiert im Politischen, entfernten sich noch weiter voneinander. Nachdem Innsbruck 1849 an Stelle Merans zur Landeshauptstadt und somit auch endgültig zum Zentrum Tirols geworden war, begannen sich ausgehend von hier Parteien zu gründen. In den sich entwickelnden Cafés wurde von der Bürgerschaft die Pressefreiheit in Form von Zeitungen konsumiert und diskutiert. Katholisch-konservative Kräfte standen den Liberalen entgegen. Während im Tiroler Landtag die Konservativen getragen von der ländlichen Bevölkerung die Mehrheit dauerhaft festigen konnten, setzten sich in der Stadt nach und nach die Liberalen durch. Die Konservativen traten für die Beibehaltung des Einflusses der Kirche auf soziale Fragen wie Sozialpolitik und Schulen ein, die Liberalen plädierten für eine Säkularisierung des Alltags nach den Grundsätzen der Aufklärung wie sie in Frankreich seit Napoleon zum Teil vorangetrieben wurde. Kirchen und Klöster hatten es in Innsbruck immer schwerer, ihren Einfluss auf die Sozialstruktur durch die Bildung zu bewahren. Ab 1868 stellte die liberal und großdeutsch orientierte Partei den Bürgermeister der Stadt Innsbruck. Der gesellschaftliche Einfluss der Kirche, der seit den Zeiten Kaisers Maximilian Stück für Stück in ganz Europa unter den Säkularisierungstendenzen brüchiger wurde, nahm in Innsbruck im Gegensatz zu den Umlandgemeinden recht zügig ab. Kapitalismus und Konsum sprangen für ihn als ordnende Elemente in die Bresche, Kaufhäuser, Cafes und Tanzlokale hielten Einzug in den Alltag der Menschen. Für die nächsten 50 Jahre sollte der Kampf zwischen Liberalen und Konservativen die Geschichte der Stadt Innsbruck prägen.

Wie schwierig diese neue Ordnung im Verhältnis von Rechten und Pflichten war, zeigen die Bauten Johann von Sieberers im Saggen. Das Waisenhaus und das Kaiser-Franz-Josef-Greisenasyl waren Infrastruktur, die von der Kommune ob der angespannten finanziellen Lage nicht finanziert werden konnte. Auch die Aristokratie fiel nach den Reformen von 1848 als Sponsor aus. Sieberer hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Er fühlte sich dem, was Max Weber als protestantische Arbeitsethik bezeichnet hätte zugehörig, ahmte aber den Adel, der ihn erzogen hatte, nach. Seine beiden Bauprojekte waren Statements und Ausdruck dieses bürgerlichen Selbstvertrauens. Auch Bahnprojekte wurden vielfach nichtstaatlich finanziert und förderten den gesellschaftlichen Wandel und die Öffnung des Landes.

 

Innsbruck und das Haus Habsburg

Über 700 Jahre prägten die Habsburger Europa. Innsbruck war durch die Jahrhunderte immer wieder Schicksalsort dieser Herrscherdynastie. Ausgehend vom mittelalterlichen Herzogtum Österreich waren sie am Zenit ihrer Macht Herren über ein „Reich, in dem die Sonne nie untergeht“. Durch Kriege und geschickte Heirats- und Machtpolitik saßen sie in verschiedenen Epochen an den Schalthebeln der Macht zwischen Spanien im Westen und der Ukraine im Osten Europas. Über Jahrhunderte waren die Habsburger Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Dabei darf man sich die Habsburger nicht, wie dies oft aus der Perspektive des modernen Nationalstaats getan wird, als die Herren Österreichs vorstellen. Die Habsburger waren über viele Jahrhunderte ein europäisches Herrscherhaus, zu deren Einflussbereich verschiedenste Territorien gehörten. Der Landstrich der heute als Österreich bekannt ist, war für lange Zeit so etwas wie die Keimzelle ihrer Macht. Der erste bedeutende Habsburger Rudolf I. (1218 – 1291) hatte seine Stammburg, die Habsburg, im heutigen Aargau und beherrschte eine Grafschaft im heutigen Südwesten Deutschlands und der Schweiz. Erst nach gewonnener Auseinandersetzung mit Ottokar von Böhmen errang er die Herzogtümer Österreich und Steiermark. Manche der Landesherren, zum Beispiel Karl V. oder Ferdinand I., hatten weder eine besondere Beziehung zu Österreich noch brachten sie diesem deutschen Land besondere Zuneigung entgegen. Ferdinand wurde am spanischen Hof erzogen. Maximilians Enkel Karl V. war in Burgund aufgewachsen. Als er mit 17 Jahren zum ersten Mal spanischen Boden betrat, um das Erbe seiner Mutter Johanna über die Reiche Kastilien und Aragorn anzutreten, Spanien existierte damals als Land ebenso wenig wie Österreich, Deutschland oder Italien, konnte er kein Wort spanisch. Als er 1519 zum Deutschen Kaiser gewählt wurde, sprach er kein Wort Deutsch. Trotzdem waren beide Landesherren von Tirol und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Herrscher arbeiteten nicht für ihr Land, sie waren darum bemüht den Besitz und Einflussbereich ihrer Dynastie zu stärken. Es gab keine Bürger mit Reisepass und Rechten, sondern Untertanen, die ihrem jeweiligen Landesherrn zu Treue verpflichtet waren.

Die Grafschaft Tirol kam 1363 unter Rudolf IV. (76) zum Herrschaftsgebiet der Habsburger. Es wurde samt seinen Untertanen vertraglich und nüchtern vererbt. Kaiser Maximilian I. (83) konnte durch Kriege und seine legendäre Heiratspolitik mit etwas Geschick und noch mehr Glück aus dem Herrscherhaus Habsburg eines der größten Reiche der Weltgeschichte machen. Die Casa de Austria hatte durch die Spanische Krone im 16. und 17. Jahrhundert auch Ländereien in Amerika in ihren Einflussbereich. Habsburgs Kinder wurden zu jeder Zeit vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in königlicher Strenge dazu erzogen, politisch verheiratet zu werden. Widerspruch dagegen gab es keinen. Man mag sich das höfische Leben als prunkvoll vorstellen, Privatsphäre war in all dem Luxus nicht vorgesehen. Das Leben des Einzelnen galt nichts, man musste seine Pflicht gegenüber der Dynastie erfüllen. Jeder einzelne war ein politisches Gut, das man bestmöglich im Sinne der Macht verkaufen musste. Minderjährige wurden an fremde Höfe verheiratet und mussten sich in fremden Kulturen zurechtfinden. Sie erhielten je nach Epoche eine gediegene Ausbildung, allerdings nicht um einen Beruf auszuführen, sondern nur um Regierungsgeschäfte zu führen. Viele Habsburger waren höchst gebildete Zeitgenossen und durchaus reflektiert. Teilweise waren sie Opfer der dynastischen Verbindung, traten im Laufe Jahrhunderte durch Heirat innerhalb der eigenen Verwandtschaft die Zeichen des Inzests in Aussehen, Psyche und Intelligenz doch verstärkt zum Vorschein. Die seit Rudolf typische Unterlippe und die markante Nase waren die harmlosen Zeichen der innerfamiliären Hochzeiten, schwerwiegender waren Behinderungen und Fehlgeburten. Quer über den Globus bis nach Brasilien und Mexiko reichten die Eheverbindungen. Welche Auswirkungen diese strenge Erziehung und die Zwangsverheiratung hatte, lässt sich am Beispiel Rudolfs sehen, der sich gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben nahm. Die bedeutendste politische Habsburgerin Maria Theresia (1717 – 1780) und ihre politisch klugen Berater verwandelten im 18. Jahrhundert, ganz im Geiste der Zeit die Komposition aus einzelnen Ländern und verstreuten Territorien unter der Krone der Habsburger langsam in etwas, das einem modernen Flächenstaat nahekam. Ihr Sohn Josef II. probierte das Reich im Geiste der Aufklärung zu reformieren, scheiterte aber am Unwillen großer Teile der Bevölkerung, seinem eigenen nüchternen Charisma und seinem frühen Tod. Franz Josef I. (1830 – 1916) herrschte zwischen 1848 und 1916 über ein multiethnisches Vielvölkerreich. Zu diesem Zeitpunkt war das neoabsolutistisch regierte Kaiserreich etwas aus der Mode gefallen. Österreich hatte seit 1867 zwar ein Parlament und eine Verfassung, der Kaiser betrachtete diese Regierung allerdings als „seine“. Minister waren dem Kaiser gegenüber verantwortlich, der über der Regierung stand. Im Nationalismus des 19. Jahrhunderts und dem 1. Weltkrieg zerbrach das Reich, das in wechselhafter Zusammensetzung unter der Herrschaft dieser Dynastie über Jahrhunderte hinweg die Geschicke vieler Generationen geprägt hatte. Am 28. Oktober wurde die Republik Tschechoslowakei ausgerufen, am 29. Oktober verabschiedeten sich Kroaten, Slowenen und Serben aus der Monarchie um den SHS-Staat, den Vorgänger Jugoslawiens auszurufen. Der letzte Kaiser Karl dankte am 11. November ab.  Am 12. November erklärte sich „Deutschösterreich zur demokratischen Republik, in der alle Gewalt vom Volke ausgeht“.

Ein Teil dieses ständig sich verändernden Habsburgerreichs war seit 1363 die Stadt Innsbruck. Durch die strategische Lage zwischen den italienischen Städten wie Venedig, Florenz und Mailand und deutschen Zentren wie Augsburg und Regensburg kam Innsbruck spätestens nach der Erhebung zur Residenzstadt unter Kaiser Maximilian ein besonderer Platz im Reich zu. Besonders zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert hinterließen Kaiser, Könige- und Königinnen sowie die Tiroler Landesfürsten ihre Spuren in der Stadt. Als konservatives Land war Tirol immer wieder Rückzugsort während turbulenter Zeiten. Tirol war Provinz und wildes Land, jedoch auch ein Rückzugsort vom „Wilden Osten“. Karl V. (1500 – 1558) floh während einer Auseinandersetzung mit dem protestantischen Schmalkaldischen Bund für einige Zeit nach Innsbruck. Ferdinand I. (1793 – 1875) ließ seine Familie fern der osmanischen Bedrohung im Osten Österreichs in Innsbruck verweilen. Mit dem kinderlosen Tod Erzherzog Sigmund Franz´ endete 1665 die Tiroler Linie der Habsburger. Innsbruck war keine Residenz mehr, beherbergte aber immer noch Universität und Landesbehörden und konnte sich so einen Teil seiner Bedeutung innerhalb des Habsburgerreichs erhalten. Kaiser Franz Stephan von Lothringen, der Gatte Maria Theresias, verstarb während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Sohnes in der Stadt. Kaiser Ferdinand brachte sich 1848 während der Revolution in Wien in Innsbruck in Sicherheit. Auch Franz Josef I. genoss kurz vor seiner Krönung im Sommer 1848 gemeinsam mit seinem Bruder Maximilian, der später als Kaiser von Mexiko von Aufständischen Nationalisten erschossen wurde, die Abgeschiedenheit Innsbrucks. Eine Tafel am Alpengasthof Heiligwasser über Igls erinnert daran, dass der Monarch hier im Rahmen seiner Besteigung des Patscherkofels nächtigte. In der K.u.K. Monarchie des 19. Jahrhunderts war Innsbruck der westliche Außenposten eines Riesenreiches, das sich bis in die heutige Ukraine erstreckte und eine Vielzahl von Nationalitäten umfasste. Oft wurde und wird das späte Habsburgerreich despektierlich als Völkerkerker bezeichnet. Bei allen nationalen, wirtschaftlichen und demokratiepolitischen Problemen, die es in den Vielvölkerstaaten gab, die in verschiedenen Kompositionen und Ausprägungen den Habsburgern unterstanden, die Nationalstaaten, die nachfolgten, schafften es teilweise wesentlich schlechter die Interessen von Minderheiten und kulturellen Unterschiede innerhalb ihres Territoriums unter einen Hut zu bringen. Seit der EU-Osterweiterung wird die Habsburgermonarchie von einigen wohlmeinenden Historikern als ein vormoderner Vorgänger der Europäischen Union gesehen. Gemeinsam mit der katholischen Kirche prägten die Habsburger den öffentlichen Raum über Architektur, Kunst und Kultur. Goldenes Dachl, Hofburg, die Triumphpforte, der Leopoldsbrunnen und viele weitere Bauwerke erinnern bis heute an die Präsenz dieser europäischen Herrscherfamilie in Innsbruck, die mehr als fünf Jahrhunderte überdauerte.