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Theodor Prachensky: Beamter zwischen Kaiser und Republik
Innsbruck besitzt viele bekannte Sehenswürdigkeiten, Denkmäler und spektakuläre Bauwerke. Das Goldene Dachl und die Berg Isel Sprungschanze ziehen alljährlich Zehntausende Besucher an. Weniger imposant, wohl aber wichtiger für die Stadtentwicklung in der turbulenten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren jedoch andere Gebäude. Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurden große Projekte umgesetzt, um die größte Not vieler Innsbrucker, die in Baracken oder bei Verwandten auf engstem Raum wohnten, zu lindern. Ganze Stadtviertel entstanden neu mit Kindergärten, Schulen, Parks und Freizeitanlagen. Einer der Baumeister, die Innsbruck in dieser Zeit nachhaltig veränderten, war Theodor Prachensky (1888 – 1970). Seine Biografie liest sich über seine 40 Jahre andauernde Tätigkeit in den Diensten der Stadt Innsbruck wie ein Abriss der österreichischen Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Prachensky war als Architekt und Beamter unter fünf unterschiedlichen Staatsmodellen tätig. Der K.u.K. Monarchie folgte die Erste Republik, die vom autoritären Ständestaat abgelöst wurde. 1938 kam es zum Anschluss an Nazideutschland. 1945 wurde mit Kriegsende die Zweite Republik ausgerufen. Den Grundstein zu seiner Karriere legte er wie viele andere Künstler, Architekten und Baumeister in der heutigen HTL. 1908 schloss Prachensky die baugewerbliche Abteilung der k.k. Staatsgewerbeschule Innsbruck ab. Nur ein Jahr später zog es ihn nach Meran, um beim renommierten Architekturbüro Musch & Lun erste Erfahrungen mit großen Bauprojekten zu sammeln. 1913 kehrte er nach Innsbruck zurück. Im selben Jahr heiratete er Maria, die Schwester seines Freundes Franz Baumann, bezog das selbst geplante Haus Prachensky am Berg Isel Weg 20 und trat als junger Familienvater seinen Dienst beim Stadtmagistrat Innsbruck unter Oberbaurat von Jakob Albert an. Diese Entscheidung für den öffentlichen Dienst sollte sich in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Krieg als Glücksfall erweisen, auch wenn er dafür seine Kreativität zurücknehmen musste. Zuerst wartete aber die Front auf ihn. Obwohl Prachensky Kriegsgegner war, meldete er sich 1915 als Einjährig-Freiwilliger bei den Tiroler Kaiserjägern zum Kriegsdienst. Ob es die Erwartungen an ihn als Beamten oder die allgemeine Begeisterung waren, die ihn zu diesem Schritt bewogen, ist nicht mehr nachvollziehbar.
Nach dem Krieg kehrte er ins wirtschaftlich schwer angeschlagene Innsbruck zurück. Seine wegweisenden, wohl auch vom sozialdemokratischen Gedankengut seines Vaters Josef beeinflussten Projekte konnten erst nach den ersten und schwierigsten Nachkriegsjahren begonnen werden. Den Anfang machte der Schlachthausblock im Saggen zwischen 1922 und 1925. Es folgten der Mandelsbergerblock, der Pembaurblock sowie Kindergarten und Hauptschule in der Pembaurstraße, die ebenfalls für die wachsende Arbeiterschaft gedacht waren. Auch das 1931 entworfene Arbeitsamt war eine wichtige Neuerung im Sozialwesen. Seit der Republikgründung 1918 half das Arbeitsamt bei der Vermittlung von Arbeitssuchenden und Arbeitgebern und der Eindämmung der Arbeitslosigkeit.
Die nächste Zäsur nach dem Ersten Weltkrieg und der Wirtschaftskrise stellten die vielen Wechsel der Regierungsformen Österreichs dar. Trotz der Machtergreifung Dollfuß` samt Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1933 und dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 konnte Prachensky als leitender Beamter im öffentlichen Dienst bleiben und übte weiterhin Einfluss auf das Stadtbild Innsbrucks aus. Gemeinsam mit Jakob Albert setzte er ab 1939 die als Südtiroler Siedlungen bekannt gewordenen Wohnblöcke unter den Nationalsozialisten um. Er selbst war, anders als mehrere Mitglieder seiner Familie, niemals Mitglied der NSDAP. Zu groß war bei ihm der väterliche sozialdemokratische Einfluss, der sich in seiner Architektur widerspiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er acht weitere Jahre als Oberbaurat der Stadt Innsbruck tätig. Neben seiner Tätigkeit als Bauplaner und Architekt war Prachensky begeisterter Maler. Er starb mit 82 Jahren in Innsbruck.
Die von Prachensky umgesetzten Projekte sind nicht so spektakulär wie die Bergstationen seines Schwagers Franz Baumann oder Lois Welzenbachers Hochhaus. Seine Bauten, die die Zeit überdauerten, wirken vielfach nüchtern und rein funktionell und ziehen einen erst auf den zweiten Blick in ihren Bann. Vor allem die Symbolik, die Prachensky immer wieder einfließen ließ, ist bemerkenswert. Sieht man sich seine Zeichnungen im Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck an, erkennt man, dass er ebenso sehr Künstler wie Techniker war. Viele seiner Entwürfe wie das Sozialdemokratische Volkshaus in der Salurnerstraße, sein Kaiserschützendenkmal oder die Friedens- und Heldenkirche wurden nicht umgesetzt. Innsbruck beherbergt mit den großen Wohnanlagen der 1920er und 30er Jahre, der Krieger-Gedächtniskapelle am Pradler Friedhof und dem alten Arbeitsamt (Anm.: heute eine Außenstelle Universität Innsbruck hinter dem aktuellen AMS-Gebäude in Wilten) viele Gebäude Prachenskys, die die Zeitgeschichte der Zwischenkriegszeit und die wechselhaften politischen und staatlichen Einflüsse, unter denen er selbst als Person stand, dokumentieren. Die Kriegergedächtnis-Kapelle am Pradler Friedhof und die gemeinsam mit Clemens Holzmeister entworfene Kaiserschützenkapelle am Tummelplatz sowie seine nicht umgesetzten Entwürfe für ein Kaiserjäger Denkmal und die Friedens- und Heldenkirche Innsbruck reflektieren seine eigenen Kriegserfahrungen und den Wunsch nach Frieden, den viele seiner Mitbürger hegten. Seine Söhne, Enkel und Urenkel führten sein kreatives Erbe als Architekten, Designer, Fotografen und Maler in verschiedenen Disziplinen fort. 2017 wurden Teile des generationenübergreifenden Werks der Künstlerfamilie Prachensky in der ehemaligen Bierbrauerei Adambräu mit einer Ausstellung gewürdigt.
