Rennerschule & Städtischer Kindergarten
Pembaurstraße 18 & 20 / Gabelsbergerstraße
Wissenswert
Mit dem Schlachthofblock und dem Pembaurblock waren im Osten der Stadt zwischen 1922 und 1926 zwei neue Wohnanlagen entstanden. Bauplaner Theodor Prachensky, der bei beiden maßgeblich an der Planung beteiligt war, begann in Folge mit der Planung eines Kindergartens und einer Hauptschule, um Lücke in der Infrastruktur des neuen Wohnquartiers zu schließen. Ganz Sozialdemokrat, sollte der moderne Bürger neben dem puren Wohnen auch in den Genuss solider Bildung kommen. War in Mariahilf wenige Jahre zuvor gegen Ende der Monarchie noch die Kirche maßgeblich an der Errichtung der Schule beteiligt, übernahmen in der Ersten Republik nun Staat und Gemeinde federführend diese Aufgaben. Am 20. Jänner 1926 stand in den Innsbrucker Nachrichten über die Notwendigkeit eines Kindergartens in Pradl zu lesen:
„Im Häuserviereck am Schlachthof wären 150 Kinder, die einen eigenen Kindergarten brauchten, auch in Pradl sollte längst ein Kindergarten eingerichtet werden. Auch muss eine Oberbehörde für die Kindergärten bestimmt werden, der sie unterstehen, die Unterrichtsverhältnisse müssen weniger den Volksschulen als Tagesheimen angepasst werden. Der Wohlfahrtsausschuss möge nach einer ausführlichen Denkschrift, die der Leiter des Jugendamtes, Dr. Schüler, dem Bürgermeister überreicht hat, sich der Angelegenheit annehmen.“
Der Bau am Kindergarten begann 1928 und konnte im selben Jahr beendet werden. Die Überlegungen rund um die Fürsorge um Babys und Kleinkinder waren revolutionär. Der Pembaurblock gegenüber beherbergte die Mutterberatung. Ein Kindergarten war der nächste Schritt in der republikanischen Vorstellung von Erziehung. In seinem typisch kubischen Stil entwarf Theodor Prachensky für die Tagesstätte Innsbrucks jüngster Bürger ein zweistöckiges Gebäude, das symbolisch für einen Neuanfang nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Kindererziehung stand. Die großen Fenster sollten Licht und Luft spenden. Die steinernen Pfosten dazwischen zeigen kindlich gestaltete Tiersymbole.
Weniger Glück war der geplanten Schule in ihren ersten Jahrzehnten beschieden. Prachensky fertigte 1928 die Pläne für das neue Gebäude an. Erneut setzte er dabei auf moderne Architektur abseits des militärischen Charakters im Bildungswesen vergangener Tage. Wie der Kindergarten sollte auch die Hauptschule modernen Konzepten des Kindeswohles Genüge tun. Ein großer Hof umschloss die viergeschossigen Gebäudeteile in der Pembaurstraße und der Gabelsbergerstraße, die den Unterricht zeitgenössisch korrekt in Buben und Mädchen unterteilte. Turnsäle verbanden die beiden Trakte. Vor den Eingangsbereichen der Schule befinden sich als Zierelemente die für die 1920er Jahre typischen Stelen mit Laterne. Das große Schwungrad einer Dampfmaschine an der östlichen Fassade zur Pembaurstraße wurde 1997 aufgestellt.
1931 konnte der Rohbau beendet werden, bevor die Wirtschaftskrise alle staatlichen Investitionen abrupt zum Stillstand brachte. Die Schüler des Viertels wurden in die Schulen anderer Stadtteile aufgeteilt. Als die Situation 1936 untragbar wurde, bat der Gemeinderat die Bevölkerung zu spenden und beschloss eine Anleihe für die Fertigstellung der Schule aufzunehmen. Im November des Folgejahres zogen die ersten Buben in die sieben Klassenzimmer des Knabentraktes ein.
Die wechselhaften Titulierungen und Verwendungszwecke der Folgejahre geben nicht nur einen Einblick in die weitere Schulgeschichte, sie spiegeln die generellen politischen Geschehnisse der Zeit wider. Der Plan, die Schule nach dem österreichischen Bundeskanzler in Dr-Schuschnigg-Schule“ zu nennen, wurde von der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunichte gemacht. An die Stelle des Tirolers Kurt Schuschnigg als Patron für die Schule trat der 1935 bei einem Flugzeugabsturz verstorbene ehemalige Gauleiter der Bayerischen Ostmark und Kultusminister Hans Schemm. Schemm war bereits seit 1923 der NSDAP beigetreten. Anders als viele seiner Parteikameraden lehnte er Religion nicht ab, sondern war ein Vertreter des sogenannten Positiven Christentums. Im Jahr der Machtübernahme Hitlers veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Unsere Religion heißt Christus, unsere Politik heißt Deutschland!“. Mit diesem Ansatz passte der „gute Nazi“ zum Heiligen Land Tirol, wo viele Menschen gleichzeitig Nationalsozialisten und Katholiken sein wollten. Im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges diente das Gebäude als Kaserne. Die Schüler wurden, auch um sie vor den alliierten Luftangriffen in Sicherheit zu bringen, nach Berwang versetzt. Nach dem Krieg quartierten sich wie in vielen Amts- und Schulgebäuden amerikanische und französische Besatzungstruppen ein. Im November 1945 konnte der Unterricht wieder aufgenommen werden. Neben den Hauptschülern fanden auch die Pradler Volksschüler, deren Schulgebäude durch die Luftangriffe zerstört wurde, vorübergehend Unterschlupf. Mit dem Ende des Krieges musste auch ein neuer Name gefunden werden. 1953 wurde sie nach dem ersten Kanzler der Zweiten Republik Karl Renner getauft. Als vier Jahre später die Alliierten abgezogen waren und die Schule auf Grund eines neuen Gesetzes wegen ihrer Größe in 2 Institutionen geteilt werden musste, entsorgte man zur Vorsicht auch den sozialdemokratischen Kanzler aus dem Namen. Die Rennerschule wurde pragmatisch zur Hauptschule Pradl I und Hauptschule Pradl II. Als es in den 1980er Jahren schick wurde, seine Kinder, wenn irgendwie möglich, aufs Gymnasium zu schicken, schwanden die Schülerzahlen und die getrennten Schulen wurden wieder vereint. Zum offiziellen Namensgeber wurde 1990 Innsbrucks bekanntester Komponist der Monarchie, Leiter verschiedener Musikvereine und Mitbegründer des Tiroler Landeskonservatoriums Josef Pembaur (1848 – 1923).
Trotz all der Namensänderungen, Zweckentfremdungen und dem schlechten Ruf, den die Schule im Lauf der Zeit hatte, wird im denkmalgeschützten Gebäude noch immer unterrichtet. Um die 200 Schüler besuchen die technisch und handwerklich orientierte Neue Mittelschule, die im Innsbrucker Volksmund bis heute den Namen trägt, der an der Fassade prangt. Der markante Schriftzug Rennerschule im Design der 1950er Jahr kann noch heute bewundert werden.
Theodor Prachensky: Beamter zwischen Kaiser und Republik
Innsbruck besitzt viele bekannte Sehenswürdigkeiten, Denkmäler und spektakuläre Bauwerke. Das Goldene Dachl und die Berg Isel Sprungschanze ziehen alljährlich Zehntausende Besucher an. Weniger imposant, wohl aber wichtiger für die Stadtentwicklung in der turbulenten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren jedoch andere Gebäude. Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurden große Projekte umgesetzt, um die größte Not vieler Innsbrucker, die in Baracken oder bei Verwandten auf engstem Raum wohnten, zu lindern. Ganze Stadtviertel entstanden neu mit Kindergärten, Schulen, Parks und Freizeitanlagen. Einer der Baumeister, die Innsbruck in dieser Zeit nachhaltig veränderten, war Theodor Prachensky (1888 – 1970). Seine Biografie liest sich über seine 40 Jahre andauernde Tätigkeit in den Diensten der Stadt Innsbruck wie ein Abriss der österreichischen Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Prachensky war als Architekt und Beamter unter fünf unterschiedlichen Staatsmodellen tätig. Der K.u.K. Monarchie folgte die Erste Republik, die vom autoritären Ständestaat abgelöst wurde. 1938 kam es zum Anschluss an Nazideutschland. 1945 wurde mit Kriegsende die Zweite Republik ausgerufen. Den Grundstein zu seiner Karriere legte er wie viele andere Künstler, Architekten und Baumeister in der heutigen HTL. 1908 schloss Prachensky die baugewerbliche Abteilung der k.k. Staatsgewerbeschule Innsbruck ab. Nur ein Jahr später zog es ihn nach Meran, um beim renommierten Architekturbüro Musch & Lun erste Erfahrungen mit großen Bauprojekten zu sammeln. 1913 kehrte er nach Innsbruck zurück. Im selben Jahr heiratete er Maria, die Schwester seines Freundes Franz Baumann, bezog das selbst geplante Haus Prachensky am Berg Isel Weg 20 und trat als junger Familienvater seinen Dienst beim Stadtmagistrat Innsbruck unter Oberbaurat von Jakob Albert an. Diese Entscheidung für den öffentlichen Dienst sollte sich in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Krieg als Glücksfall erweisen, auch wenn er dafür seine Kreativität zurücknehmen musste. Zuerst wartete aber die Front auf ihn. Obwohl Prachensky Kriegsgegner war, meldete er sich 1915 als Einjährig-Freiwilliger bei den Tiroler Kaiserjägern zum Kriegsdienst. Ob es die Erwartungen an ihn als Beamten oder die allgemeine Begeisterung waren, die ihn zu diesem Schritt bewogen, ist nicht mehr nachvollziehbar.
Nach dem Krieg kehrte er ins wirtschaftlich schwer angeschlagene Innsbruck zurück. Seine wegweisenden, wohl auch vom sozialdemokratischen Gedankengut seines Vaters Josef beeinflussten Projekte konnten erst nach den ersten und schwierigsten Nachkriegsjahren begonnen werden. Den Anfang machte der Schlachthausblock im Saggen zwischen 1922 und 1925. Es folgten der Mandelsbergerblock, der Pembaurblock sowie Kindergarten und Hauptschule in der Pembaurstraße, die ebenfalls für die wachsende Arbeiterschaft gedacht waren. Auch das 1931 entworfene Arbeitsamt war eine wichtige Neuerung im Sozialwesen. Seit der Republikgründung 1918 half das Arbeitsamt bei der Vermittlung von Arbeitssuchenden und Arbeitgebern und der Eindämmung der Arbeitslosigkeit.
Die nächste Zäsur nach dem Ersten Weltkrieg und der Wirtschaftskrise stellten die vielen Wechsel der Regierungsformen Österreichs dar. Trotz der Machtergreifung Dollfuß` samt Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1933 und dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 konnte Prachensky als leitender Beamter im öffentlichen Dienst bleiben und übte weiterhin Einfluss auf das Stadtbild Innsbrucks aus. Gemeinsam mit Jakob Albert setzte er ab 1939 die als Südtiroler Siedlungen bekannt gewordenen Wohnblöcke unter den Nationalsozialisten um. Er selbst war, anders als mehrere Mitglieder seiner Familie, niemals Mitglied der NSDAP. Zu groß war bei ihm der väterliche sozialdemokratische Einfluss, der sich in seiner Architektur widerspiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er acht weitere Jahre als Oberbaurat der Stadt Innsbruck tätig. Neben seiner Tätigkeit als Bauplaner und Architekt war Prachensky begeisterter Maler. Er starb mit 82 Jahren in Innsbruck.
Die von Prachensky umgesetzten Projekte sind nicht so spektakulär wie die Bergstationen seines Schwagers Franz Baumann oder Lois Welzenbachers Hochhaus. Seine Bauten, die die Zeit überdauerten, wirken vielfach nüchtern und rein funktionell und ziehen einen erst auf den zweiten Blick in ihren Bann. Vor allem die Symbolik, die Prachensky immer wieder einfließen ließ, ist bemerkenswert. Sieht man sich seine Zeichnungen im Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck an, erkennt man, dass er ebenso sehr Künstler wie Techniker war. Viele seiner Entwürfe wie das Sozialdemokratische Volkshaus in der Salurnerstraße, sein Kaiserschützendenkmal oder die Friedens- und Heldenkirche wurden nicht umgesetzt. Innsbruck beherbergt mit den großen Wohnanlagen der 1920er und 30er Jahre, der Krieger-Gedächtniskapelle am Pradler Friedhof und dem alten Arbeitsamt (Anm.: heute eine Außenstelle Universität Innsbruck hinter dem aktuellen AMS-Gebäude in Wilten) viele Gebäude Prachenskys, die die Zeitgeschichte der Zwischenkriegszeit und die wechselhaften politischen und staatlichen Einflüsse, unter denen er selbst als Person stand, dokumentieren. Die Kriegergedächtnis-Kapelle am Pradler Friedhof und die gemeinsam mit Clemens Holzmeister entworfene Kaiserschützenkapelle am Tummelplatz sowie seine nicht umgesetzten Entwürfe für ein Kaiserjäger Denkmal und die Friedens- und Heldenkirche Innsbruck reflektieren seine eigenen Kriegserfahrungen und den Wunsch nach Frieden, den viele seiner Mitbürger hegten. Seine Söhne, Enkel und Urenkel führten sein kreatives Erbe als Architekten, Designer, Fotografen und Maler in verschiedenen Disziplinen fort. 2017 wurden Teile des generationenübergreifenden Werks der Künstlerfamilie Prachensky in der ehemaligen Bierbrauerei Adambräu mit einer Ausstellung gewürdigt.
Eine Republik entsteht
Kaum eine Epoche ist schwerer zu fassen als die Zwischenkriegszeit. Die Roaring Twenties, Jazz und Automobile kommen einem ebenso in den Sinn wie Inflation und Wirtschaftskrise. In Großstädten wie Berlin gebärdeten sich junge Damen als Flappers mit Bubikopf, Zigarette und kurzen Röcken zu den neuen Klängen lasziv. In Innsbruck wurden im Cafe Gasthaus Zur Annasäule, dem späteren Alt-Innsbrucks American Drinks zum Five O`Clock Tea an der Bar im Rittersaal serviert. Die Ritterrüstungen können von der Maria-Theresien-Straße aus noch im Erker bewundert werden. Zum größten Teil gehörte Innsbrucks Bevölkerung als Teil der jungen Republik Deutsch-Österreich aber zur Fraktion Armut, Wirtschaftskrise und politischer Polarisierung. Schon die Ausrufung der Republik vor dem Parlament in Wien vor über 100.000 weniger begeisterten als viel mehr neugierigen und verunsicherten Menschen verlief mit Tumulten, Schießereien, zwei Toten und 40 Verletzten alles andere als reibungsfrei. Wie es nach dem Ende der Monarchie und dem Wegfall eines großen Teils des Staatsterritoriums weitergehen sollte, wusste niemand. Das neue Österreich erschien zu klein und nicht lebensfähig. Der Beamtenstaat des k.u.k. Reiches setzte sich nahtlos unter neuer Fahne und Namen durch. Die Bundesländer als Nachfolger der alten Kronländer erhielten in der Verfassung im Rahmen des Föderalismus viel Spielraum in Gesetzgebung und Verwaltung. Die Begeisterung für den neuen Staat hielt sich aber in der Bevölkerung in Grenzen. Nicht nur, dass die Versorgungslage nach dem Wegfall des allergrößten Teils des ehemaligen Riesenreiches der Habsburger miserabel war, die Menschen misstrauten dem Grundgedanken der Republik. Die Monarchie war nicht perfekt gewesen, mit dem Gedanken von Demokratie konnten aber nur die allerwenigsten etwas anfangen. Anstatt Untertan des Kaisers war man nun zwar Bürger, allerdings nur Bürger eines Zwergstaates mit überdimensionierter und in den Bundesländern wenig geliebter Hauptstadt anstatt eines großen Reiches. In den ehemaligen Kronländern, die zum großen Teil christlich-sozial regiert wurden, sprach man gerne vom Wiener Wasserkopf, der sich mit den Erträgen der fleißigen Landbevölkerung durchfüttern ließ. Auch andere Bundesländer spielten mit dem Gedanken, sich von der Republik abzukoppeln, nachdem der von allen Parteien unterstützte Plan sich Deutschland anzuschließen von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs untersagt worden war. Die diversen Tiroler Pläne allerdings waren besonders spektakulär. Von einem neutralen Alpenstaat mit anderen Bundesländern, einem Freistaat bestehend aus Tirol und Bayern oder von Kufstein bis Salurn, einem Anschluss an die Schweiz bis hin zu einem katholischen Kirchenstaat unter päpstlicher Führung gab es viele Überlegungen. Besonders populär war die naheliegendste Lösung. Es war nichts neues, sich als Deutscher zu fühlen. Warum sich also nicht auch politisch an den großen Bruder im Norden anhängen? Besonders unter städtischen Eliten und Studenten war dieser Wunsch sehr ausgeprägt. Der Anschlussplan erhielt in Tirol bei einer Abstimmung in Tirol einen Zuspruch von 98%, kam aber nie zustande. In Innsbruck konstituierte sich im Herbst 1918 aus den Mitgliedern des ehemaligen Landtages die Tiroler Nationalversammlung und der Tiroler Nationalrat, eine Konzentrationsregierung mit Mitgliedern aus allen Parteien. Dem Nationalrat unterstanden die Volks- und Bürgerwehren, die sich auf Gemeindeebene zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gebildet hatten, zumindest am Papier. Vor allem zwischen Innsbruck und dem Brenner befanden sich an den Bahnhöfen bis zu 50.000 Soldaten, die auf ihren Abtransport wartend für Probleme sorgten.
Anstatt ein Teil Deutschlands zu werden, war Tirol von den verhassten Wallschen okkupiert. Knapp zwei Jahre lang besetzten italienische Truppen nach Kriegsende Innsbruck. Nach den komplexen und langatmigen Friedensverhandlungen in Paris war es schließlich Gewissheit: Am 10. Oktober 1920 erfolgte der formale Anschluss Südtirols. Am Brenner ging der Schlagbaum nieder. Auf der Nordtiroler Seite entstanden nur wenige Amts- und Zollgebäude, im südlichen Teil des Dorfes aber schossen große Kasernen aus dem Boden, um die neue Grenze militärisch zusichern. Das historische Tirol war zweigeteilt. In Innsbruck und vielen anderen Tiroler Gemeinden wurden jahrelang alljährlich zu diesem Datum pompöse Trauerfeierlichkeiten veranstaltet. 1924 beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, Plätze und Straßen rund um den Hauptbahnhof nach Südtiroler Städten zu benennen. Der Bozner Platz sowie die Brixner- und die Salurnerstraße tragen ihre Namen bis heute. Viele Menschen zu beiden Seiten des Brenners fühlten sich verraten. Man hatte den Krieg zwar bei Weitem nicht gewonnen, als Verlierer gegenüber Italien sah man sich aber nicht. Der Hass auf Italiener erreichte in der Zwischenkriegszeit seinen Höhepunkt, auch wenn die Besatzungstruppen sich betont milde gab. Eine Passage aus dem Erzählband „Die Front über den Gipfeln“ von Karl Springenschmid aus den 1930ern spiegelt die allgemeine Stimmung wider:
„`Walsch (Anm.:Italienisch) werden, das wär das Ärgste!` sagt die Junge.
Da nickt der alte Tappeiner bloß und schimpft: `Weiß wohl selber und wir wissen es alle: Walsch werden, das wär das Ärgste.“
Ungemach drohte auch in der Innenpolitik. Die Revolution in Russland und der darauffolgende Bürgerkrieg mit Millionen von Todesopfern, Enteignung und kompletter Systemumkehr warf ihren langen Schatten bis nach Österreich. Die Aussicht auf sowjetische Zustände machte den Menschen Angst. Österreich war tief gespalten. Hauptstadt und Bundesländer, Stadt und Land, Bürger, Arbeiter und Bauern – im Vakuum der ersten Nachkriegsjahre wollte jede Gruppe die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten. Die Kulturkämpfe der späten Monarchie zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialisten setzte sich nahtlos fort. Die Kluft bestand nicht nur auf politischer Ebene. Moral, Familie, Freizeitgestaltung, Erziehung, Glaube, Rechtsverständnis – jeder Lebensbereich war betroffen. Wer sollte regieren? Wie sollten Vermögen, Rechte und Pflichten verteilt werden? Liberale und die aus Bauernbund, Volksverein und Katholischer Arbeiterschafthervorgegangene Tiroler Volkspartei stand der Sozialdemokratie gegenüber mindestens so ablehnend gegenüber wie der Bundeshauptstadt Wien und den italienischen Besatzern. Ein kommunistischer Umsturz war besonders in Tirol keine reale Gefahr, ließ sich aber medial gut als Bedrohung instrumentalisieren, um die Sozialdemokratie in Verruf zu bringen. 1919 hatte sich in Innsbruck zwar ein Arbeiter-, Bauer- und Soldatenrat nach sowjetischem Vorbild ausgerufen, sein Einfluss blieb aber gering und wurde von keiner Partei unterstützt. Ab 1920 bildeten sich offiziell sogenannte Soldatenräte, die aber wie die restliche Politik christlich-sozial dominiert waren. Das bäuerliche und bürgerliche Lager rechts der Mitte militarisierte sich mit der Tiroler Heimatwehr professioneller und konnte sich über stärkeren Zulauf freuen als linke Gruppen, auch dank kirchlicher Unterstützung. Die Sozialdemokratie wurde von den Kirchkanzeln herab und in konservativen Medien als Judenpartei und heimatlose Vaterlandsverräter bezeichnet. Allzu gerne gab man ihnen die Schuld am verlorenen Krieg und den Folgen gab. Der Tiroler Anzeiger brachte die Volksängste auf den Punkt: “Wehe dem christlichen Volke, wenn bei den Wahlen die Juden=Sozi siegen!“.
Während in den ländlichen Bezirken die Tiroler Volkspartei dominierte, konnte die Sozialdemokratie in Innsbruck unter der Führung von Martin Rapoldi trotz des starken Gegenwindes bei Wahlen ab 1919 stets zwischen 30 und 50% der Stimmen erringen. Der Gemeinderat umfasste mit der neuen Gemeinderatsordnung, die das allgemeine Wahlrecht aller Erwachsenen vorsah, von 1919 40 Mitglieder. Von 24.644 zur Wahlurne gerufenen Bürgern machten unglaubliche 24.060 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch eine gewisse Emanzipation machte sich bemerkbar. Bereits im ersten Gemeinderat mit freien Wahlen waren drei Frauen vertreten. Dass es mit dem Bürgermeistersessel für die Sozialdemokraten nicht klappte, lag an den Mehrheiten im Gemeinderat durch Bündnisse der anderen Parteien.
Die hohe Politik war aber nur der Rahmen des eigentlichen Elends. Martin Rapoldi brachte die Situation im September 1919 auf den Punkt: „Meine Herren, die Verfassungsfrage ist der Bevölkerung heute vollständig nebensächlich für den Augenblick, und ob das Land mehr Rechte oder weniger Rechte hat. Mehr Kartoffeln ist die Losung in unserem Lande.“ Immer wieder kam es in der Landeshauptstadt zu Plünderung und Hungerkrawallen. Wer über Geld verfügte, konnte sich am Schwarzmarkt mit Lebensmitteln versorgen, der Rest war auf milde Gaben aus den Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen. Noch lange nach dem Krieg bedurfte das Land Tirol Hilfe von auswärts, um die Bevölkerung zu ernähren. Unter der Überschrift „Erhebliche Ausdehnung der amerikanischen Kinderhilfsaktion in Tirol“ stand am 9. April 1921 in den Innsbrucker Nachrichten zu lesen: „Den Bedürfnissen des Landes Tirol Rechnung tragend, haben die amerikanischen Vertreter für Oesterreich in hochherzigster Weise die tägliche Mahlzeitenanzahl auf 18.000 Portionen erhöht.“Neben dem Hunger war die Krankenversorgung ein großes Thema. Die als Spanische Grippe in die Geschichte eingegangene Epidemie forderte in den Jahren nach dem Krieg auch in Innsbruck ihren Tribut. Genaue Zahlen wurden nicht erfasst, weltweit schätzt man die Zahl der Todesopfer auf 27 – 50 Millionen. In Innsbruck sollen es in der Blütezeit der Spanischen Grippe um die 100 Opfer täglich gewesen sein, die der Krankheit zum Opfer fielen. Viele Innsbrucker waren von den Schlachtfeldern nicht nach Hause zurückgekehrt und fehlten als Väter, Ehemänner und Arbeitskräfte. Viele von denen, die es zurückgeschafft hatten, waren verwundet und von den Kriegsgräueln gezeichnet. Noch im Februar 1920 veranstaltete der „Tiroler Ausschuss der Sibirier“ im Gasthof Breinößl „…zu Gunsten des Fondes zur Heimbeförderung unserer Kriegsgefangenen…“ einen Benefizabend. Dazu kam die Arbeitslosigkeit. Vor allem Beamte und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, hatten ihre Arbeit verloren, nachdem der Völkerbund seine Anleihe an herbe Sparmaßnahmen geknüpft hatte. Die Gehälter im öffentlichen Dienst wurden gekürzt. Es kam immer wieder zu Streiks. Der Tourismus als Wirtschaftsfaktor war ob der Probleme in den umliegenden, vom Krieg ebenfalls gebeutelten Ländern inexistent. Die vor dem Krieg boomende Baubranche brach komplett ein. Innsbrucks größte Firme Huter & Söhne hatte 1913 über 700 Mitarbeiter, am Höhepunkt der Wirtschaftskrise 1933 waren es nur noch 18. Der Mittelstand brach zu einem guten Teil zusammen. Der durchschnittliche Innsbrucker war mittellos und mangelernährt. Oft konnten nicht mehr als 800 Kalorien pro Tag zusammengekratzt werden. Die Kriminalitätsrate war in diesem Klima der Armut höher als je zuvor. Viele Menschen verloren ihre Bleibe. 1922 waren in Innsbruck 3000 Familien auf Wohnungssuche trotz eines städtischen Notwohnungsprogrammes, das bereits mehrere Jahre in Kraft war. In alle verfügbaren Objekte wurden Wohnungen gebaut. Am 11. Februar 1921 fand sich in einer langen Liste in den Innsbrucker Nachrichten über die einzelnen Projekte, die betrieben wurden, unter anderem dieser Posten:
„Das städtische Krankenhaus hat die Seuchenbaracke in Pradl aufgelassen und der Stadtgemeinde zur Herstellung von Notwohnungen zur Verfügung gestellt. Zur Errichtung von 7 Notwohnungen wurde der erforderliche Kredit von 295 K (Anm.: Kronen) bewilligt.“
In den ersten Jahren gab es kaum Verbesserungen im Alltag der Menschen. Die Zentralregierung hatte wenig Durchsetzungsvermögen in den fernen Bundesländern wie Tirol. Innsbruck begann zeitweise sogar, wie viele andere österreichische Gemeinden, eigenes Geld zu drucken. Die Menge des Geldes, das im Umlauf war, stieg zwischen 1920 und 1922 von 12 Milliarden Kronen auf über 3 Billionen Kronen an. Eine epochale Inflation war die Folge. Dann erwachte die Politik aus ihrer Lethargie. Unter Kanzler Ignaz Seipel konnte die Republik eine Völkerbundanleihe aufnehmen. Die Krone, ein Relikt aus der Monarchie, wurde am 1. Januar 1925 vom Schilling als offizielle Währung Österreichs abgelöst. Die alte Währung hatte gegenüber dem Dollar zwischen 1918 und 1922 mehr als 95% ihres Wertes respektive dem Wechselkurs vor dem Krieg verloren. Mit der Währungssanierung nach der Völkerbundanleihe rappelten sich aber nicht nur Banken und Bürger auf, auch die Bauaufträge der öffentlichen Hand nahmen wieder zu. Innsbruck modernisierte sich. Es trat das ein, was Wirtschaftswissenschaftler eine Scheinblüte nennen. Diese kurzzeitige, wirtschaftliche Erholung war eine Bubble, bescherte der Stadt Innsbruck aber große Wohnbau- und Infrastrukturprojekte. In Innsbruck gibt es keine bewussten Erinnerungsorte an die Entstehung der Ersten Republik. Die denkmalgeschützten Wohnanlagen wie der Schlachthofblock, der Pembaurblock, der Mandelsbergerblock, die Pembaurschule, das Städtische Hallenbad, die Höhenstraße auf die Hungerburg, die Bergbahnen auf Patscherkofel und Nordkette sind bis heute in Betrieb stehende Zeitzeugnisse. Die Stadt kaufte den Achensee und errichtete als Hauptaktionär der TIWAG das Kraftwerk in Jenbach. 1930 verband die Universitätsbrücke die Klinik in Wilten und die Höttinger Au. An der Sill entstanden die Pembaurbrücke und die Prinz-Eugen-Brücke. In der Reichenau eröffnete am 1. Juni 1925 der erste Flugplatz, der Innsbruck 65 Jahre nach der Eröffnung der Bahnlinie auch in den Luftverkehr involvierte. Viele Interessierte fanden sich auf der Wiese östlich der Stadt ein, um dem Event beizuwohnen. Ein Denkmal für die im Weltkrieg gefallenen Flieger wurde enthüllt, bevor die deutsche Fluglinie Aero Lloyd mit einer einmotorigen Fokker-Grulich F III Richtung München abhob. Im Herbst folgte die Einbindung des neuen Flugplatztes durch die französische Compagnie Internationale de Navigation in den Kurs Straßburg – Zürich – Innsbruck – Wien. Dank des waghalsigen Einsatzes des Piloten Raoul Stojsawljewic konnten von Innsbruck aus nun auch abgelegene Regionen und Schutzhütten mit Lebensmitteln versorgt werden, wie ein Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Juni 1926 zeigt:
„Bei schönem Wetter stieg gestern morgens Major Stojsawljewic von der deutschen Lufthansa mit seinem Apparat auf und flog Kühtai an, wo er aus geringer Höhe von der Brauerei „Löwenbräu“ gespendetes Gratisbier mittels Fallschirm abwarf. Um 10 Uhr wurd das Patscherkofelhaus angeflogen und Bier der Brauerei Zipf abgeworfen…“
Trotz der kurzzeitigen Höhenflüge war die Erste Republik auch auf lokaler Ebene eine schwere Geburt und sie sollte nicht lange Bestand haben, obwohl viel Positives seinen Anfang nahm. Aus Untertanen wurden Bürger. Was in der Zeit Maria Theresias begann, wurde nun unter neuen Vorzeichen weitergeführt. Der Wechsel vom Untertanen zum Bürger zeichnete sich nicht nur durch ein neues Wahlrecht, sondern vor allem durch die verstärkte Obsorge des Staates aus. Staatliche Regelungen, Schulen, Kindergärten, Arbeitsämter, Krankenhäuser und städtische Wohnanlagen traten an die Stelle des Wohlwollens von Grundherrn, Landesfürsten, wohlhabender Bürger, der Monarchie und der Kirche. Bis heute basiert vieles im österreichischen Staatswesen sowie im Innsbrucker Stadtbild und der Infrastruktur auf dem, was nach dem Zusammenbruch der Monarchie entstanden war. Auch gesellschaftliche Bräuche und alltägliche Lebenseinstellungen veränderten sich in der Republik nach dem Zusammenbruch der Monarchie. Der 1925 eingeführte Weltspartag erinnert alljährlich an die Einführung des Schillings und die Mahnung an Kinder und Erwachsene zum verantwortungsvollen Umgang mit Geld. Die Handschrift der jungen Massenparteien und das neue Verhältnis zwischen Zentralstaat und Bürger sind bei allem Lokalpatriotismus unübersehbar.
Die Rapoldis: Wasserkraft und Widerstand
Martin Rapoldi (1880 – 1926) und seine Frau Maria (1884 – 1975) zählten zu den beeindruckendsten Persönlichkeiten der Innsbrucker Stadtpolitik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Martin Rapoldi war über Kärnten, Wien und Böhmen nach Innsbruck gekommen. Während seiner Tischlerlehre kam er erstmals mit sozialkritischen Ideen in Berührung. Gemeinsam mit anderen Lehrlingen gründete er in Klagenfurt mit jugendlichem Eifer eine Art anarchistischer Gewerkschaft. In Wien und Zatek in der heutigen Tschechei, engagierte er sich in Gewerkschaft und der kurz zuvor offiziell gegründeten Sozialdemokratischen Partei. 1904 übersiedelte er nach Innsbruck, wo der Mitzwanziger bald als ambitionierter Organisator und mitreißender Redner auffiel. Dank seiner sprachlichen Begabung übernahm er in den folgenden Jahren die Volkszeitung, das Sprachrohr der Tiroler Sozialdemokratie. Trotz anfänglicher Euphorie für den Kriegseintritt auch auf Seiten der Sozialdemokratie setzte sich der als antiklerikaler Pfaffenfresser bekannte Rapoldi bald für den Frieden und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts auch auf Kommunalebene ein. In den frühen Jahren der Ersten Republik legte er eine kurze, aber steile Karriere hin. Er wurde zum Landtagsabgeordneten in Tirol und Mitglied des ersten Nationalrates in Wien erkoren. In Innsbruck schaffte er es die Sozialdemokraten zur stärksten Partei im Gemeinderat zu machen. Auf Grund der antisozialistischen Haltung der anderen Fraktionen im Gemeinderat konnte er aber den Bürgermeisterposten nie besetzen. Besondere Anliegen waren ihm der Wohnungsbau und die städtische Energieversorgung. Während Rapoldis Zeit im Gemeinderat entstanden in Dreiheiligen und Pradl die Großprojekte Schlachthofblock und der Pembaurblock samt Schule und Kindergarten. Er war maßgeblich am Aufbau der Innsbrucker Lichtwerke, den heutigen Innsbrucker Kommunalbetrieben, beteiligt. Sein größter Verdienst war der Erwerb des Achensees und die Achenseebahn. Bereits 1911 verhandelte die Stadt Innsbruck unter Wilhelm Greil mit dem bayerischen Stift Fiecht, um den See für ein Kraftwerk für das Elektrizitätswerk der Stadt Innsbruck zu erstehen. Der Krieg unterbrach das Vorhaben. 1919 begannen die Verhandlungen zwischen dem Gemeinderat und dem Kloster über den Kauf des Achensees von Neuem. Der Kaufpreise wurde schließlich auf 1,2 Millionen Kronen plus den Eigenbedarf an Strom des Stiftes festgesetzt. Die Finanzierung gestaltete sich in der klammen Nachkriegszeit schwierig. Bis 1924 gab es von Seite des Bundes eine Steuererleichterung für Gemeinden für Wasserkraftwerksbauten. In letzter Minute konnte die TIWAG, die Tiroler Wasserkraft AG, mit der Stadt Innsbruck als Mehrheitseigentümer gegründet und der Kauf vollzogen werden. Die Legende besagt, dass man wegen der Inflation zwischen 1919 und 1924 für den Wert des Kaufpreises zum Zeitpunkt der Zahlung keinen See, sondern nur noch einen Herrenanzug erstehen konnte. Als die Stadt den See 60 Jahre später an die TIWAG verkaufte, lukrierte man fast eine Milliarde Schilling, genug, um die Schulden der Stadt zu tilgen. 1926 verstarb der Rote Tischlergeselle mit jungen 46 Jahren an den Folgen einer Nierenentzündung.
Nicht weniger eindrucksvoll ist die Vita seiner Frau Maria. Im elterlichen Haushalt in Wörgl kam sie früh mit sozialdemokratischen Ideen in Kontakt. Die gelernte Buchhalterin übersiedelte nach Innsbruck. Wahrscheinlich bei ihrer Arbeit für die Krankenkasse lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen, den sie 1905 heiratete. Trotz ihrer beiden kleinen Töchter engagierte sich Maria bereits 1912 auf der Landesfrauenkonferenz der Sozialdemokratinnen. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie weiterhin in der Sozialdemokratie aktiv. Als Mitarbeiterin der Volkszeitung kam sie in den Jahren des Austrofaschismus immer wieder ins Visier der Vaterländischen Front. Nachdem die Volkszeitung im Rahmen der Zensur durch das Regime verboten wurde, musste sie sich als erwerbslose Witwe durchschlagen. Sie eröffnete ein Stempelgeschäft in der Altstadt. Gleichzeitig war sie im Untergrund an der Roten Hilfe, der Unterstützung von Familien inhaftierter Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie für kurze Zeit inhaftiert. Nach dem Krieg trat sie auch in offizieller Funktion aus dem Schatten ihres jung verstorbenen Gatten Martin. Von 1946 – 1959 war sie Mitglied des Innsbrucker Gemeinderats. Sie setzte sich für soziale Agenden wie Altersheime, Kinderheime, die Verbesserung der Lebensmittel- und Krankenversorgung in der Nachkriegszeit ein. Als Mitglied des Tiroler Hilfswerks, des Stadtschulrats des Kuratoriums des Waisenheimes Sieberer und des Verwaltungsausschusses des Innsbrucker Realgymnasiums für Mädchen
Martin und Maria Rapoldi sind in einem sehenswerten Ehrengrab am Westfriedhof beigesetzt. Der 1927 eröffnete Park in Pradl trägt ebenfalls den Namen der beiden erinnerungswürdigen Stadtpolitiker. In Kranebitten errichtete die Sozialdemokratische Partei nach Rapoldis frühem Tod ein Denkmal für ihn, das 1934 von Mitgliedern der Tiroler Heimwehr zerstört wurde.
Josef Prachensky: Lebensreform und Sozialdemokratie
Industrialisierung und Verbürgerlichung des 19. Jahrhunderts veränderten die Gesellschaft im Guten wie im Schlechten. Die Urbanisierung wurde von immer mehr Menschen zunehmend als Belastung empfunden. Zwar hatten viele der Arbeiter und Angestellten in Innsbruck in absoluten Zahlen gemessen mehr Mittel zur Verfügung als je zuvor, der Druck der sozialen Teilhabe wurde aber auch größer. Ab den 1890ern gab es in Innsbruck mehrere Litfaßsäulen, auf denen kunstvoll gestaltete Plakate die neue Vielfalt an Produkten anpriesen. Warenhäuser und Modeausstatter machten die Unterschiede innerhalb der sich ausdifferenzierenden Gesellschaft sichtbarer als je zuvor. Wer mithalten wollte in der neuen bürgerlichen Klasse, musste sich die Mitgliedschaft in der neuen Konsumgesellschaft leisten können. Gleichzeitig stieg die Belastung durch die Industrialisierung. Der Verkehr auf den Straßen, die Abgase der Fabriken, die beengten Wohnverhältnisse in den Mietkasernen und die bis dahin unbekannte Hast durch die Durchtaktung der Zeit, die neue Krankheitsbilder wie Neurasthenie salonfähig machte, riefen Gegenbewegungen hervor. Innsbruck war zwar nicht mit Paris oder London vergleichbar was Größe oder Intensität der Industrialisierung betrifft, die Fallhöhe für viele Bewohner der ehemals ländlichen Dörfer wie Pradl und die vom Land zugezogenen Arbeitskräfte war aber enorm.
„Licht Luft und Sonne“ war das Motto der Lebensreform, einer Sammelbewegung alternativer Lebensmodelle, die im späten 19. Jahrhundert in Deutschland im Gleichschritt mit der Entwicklung der Sozialdemokratie ihren Anfang nahm. Beide Ideen waren Reaktionen auf die Lebensbedingungen in den rasant wachsenden Städten. Schon vor der politischen Teilhabe beeinflussten Lebensreform und Sozialdemokratie Gesellschaft, Kunst und Architektur. Man wollte sich von dem, was Max Weber als protestantische Ethik beschrieb, der Industrie, den Stechuhren, ganz allgemein dem rasenden technischen Fortschritt mit allen Auswirkungen auf den Menschen und das Sozialgefüge, abgrenzen. Der Mensch als Individuum, nicht seine Wirtschaftsleistung, sollte wieder im Mittelpunkt stehen. Was dem Arbeiter Karl Marx´ Schriften, waren der gehobenen Bürgerschaft Kunst und Architektur. Der Jugendstil war der künstlerische Ausdruck auf dieses „Zurück zum Ursprung“ der Jahrhundertwende. Das verspielte Element war das Gegenteil zum stets symmetrischen und aufgeräumten Historismus. Das Winklerhaus ist eines der wenigen im Stadtbild erhaltenen Zeugnisse dieses Zeitgeistes. Seit 1869 erschien die Deutsche Vierteljahrschrift für öffentliche Gesundheitspflege, die sich mit der Verbesserung von Ernährung, Hygiene und Wohnraum auseinandersetzte. 1881 wurde die Österreichische Gesellschaft für Gesundheitspflege gegründet. Private Vereine veranstalteten Aufklärungsveranstaltungen zum sauberen und gesunden Leben. Man betrieb politisches Lobbying zur Errichtung von Parks im öffentlichen Raum und der Verbesserung der Infrastruktur wie Bädern, Krankenhäusern, Kanalisation und Wasserleitungen. Assanation und Sozialhygiene waren Schlagwörter einer bürgerlichen Elite, die um ihre Mitmenschen und die Volksgesundheit besorgt war. Anstelle der sozialistischen Revolution sollte der christliche Gedanke der Nächstenliebe die Gesellschaft voranbringen. Wie alle elitären Bewegungen nahm auch die Lebensreform teils absurde und sektenartige Blüten an. Bewegungen wie der Vegetarismus, FKK, Gartenstädte, verschiedene esoterische Strömungen und andere alternative Lebensformen, die sich bis heute in der einen oder anderen Form erhalten konnten, entstanden in dieser Zeit. Auch Orientalismus und Spiritismus feierten in der Upper Class ein fröhliches Dasein.
Dieser oft wohlmeinende, aber exzentrische Lebensstil blieb Arbeitern meist verwehrt, bildete aber in vielerlei Hinsicht den ideologischen Kern im realpolitischen Handeln einer damals jungen Partei. Die frühen Sozialdemokraten stellten sich den Lebensrealitäten der Arbeiter und suchten nach Verbesserung abseits der Ideenlehre. Die Grundforderungen waren den heutigen erstaunlich ähnlich, wenn auch auf anderem Niveau. Die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Wohnsituation standen ganz oben auf der Wunschliste der meisten Menschen. Viele Mietzinsburgen waren triste und überfüllte Biotope ohne Infrastruktur wie Sportanlagen oder Parks. Moderne Wohnsiedlungen sollte funktional, komfortabel, leistbar und mit Grünflächen verbunden sein. Diese Ansichten hatten sich auch in öffentlichen Stellen durchgesetzt. Albert Gruber, Professor an der Innsbrucker Gewerbeschule, schrieb 1907:
„Ich habe zwar oft den Ausspruch gehört, wir in Innsbruck benötigen keine Anlagen, uns gibt das alles die Natur, Das ist aber nicht wahr. Was gibt es schöneres, als wenn die Berufsmenschen von der Stelle ihrer Tätigkeit in ihr Heim durch eine Reihe von Pflanzenanlagen gehen können. Es wird dadurch der Weg von und in den Beruf zu einem Erholungsspaziergang. Die Gründe, weshalb Baum- und Gartenpflanzungen im Bereiche der städtischen Bebauung vorteilhaft wirken, sind übrigens mannigfaltige. Ich will nicht auf die Wechselbeziehung zwischen Menschen und Pflanze hinweisen, die hinlänglich bekannt sein dürfte. In anderer Weise wirken die Pflanzen zur Verbesserung der Atmungsluft durch Verminderung des Staubes.“
Noch vor dem Ersten Weltkrieg kam es zu Veränderungen im politischen Alltag. Die Sozialdemokratie als politische Partei gab es seit 1889 offiziell, gestalterische Möglichkeiten hatte sie unter der Habsburgermonarchie aber nur sehr eingeschränkt. Sozialismus galt als unchristlich und wurde im Heiligen Land Tirol argwöhnisch beäugt. Bedeutsam war die Arbeiterbewegung als weltlich organisiertes gesellschaftliches Gegengewicht und Ersatz zu den in Tirol alles dominierenden katholischen Strukturen. 1865 entstand in Innsbruck der erste Tiroler Arbeiterbildungsverein. Arbeiter sollten sich ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft bewusst werden vor der anstehenden Weltrevolution. Dafür war es unumgänglich, ein Mindestmaß an Bildung zu besitzen und Lesen und Schreiben zu beherrschen. 10 Jahre später gründete Franz Reisch den Allgemeinen Arbeiter-Verein in Innsbruck. Weitere zwei Jahre später wurde reichsweit die „Allgemeine Arbeiter-, Kranken-, und Invaliden-Casse“ an den Start geschickt. Trotz staatlicher Repression kam es immer wieder zu beträchtlichen Versammlungen der „Radicalen“. Seit 1893 erschien in Innsbruck die sozialdemokratische Volkszeitung für Tirol und Vorarlberg als Gegenstimme zu den katholischen Blättern. Hier startete ein junger Buchdrucker aus dem Osten der k.u.k. Monarchie seine Karriere in der Innsbrucker Stadtpolitik. Der gebürtige Böhme Josef Prachensky (1861 – 1931) hatte auf seiner Meisterwanderung in Wien während des Buchdruckerstreiks die Arbeiterbewegung für sich entdeckt. Ob er sich zuerst in die Stadt oder seine spätere Frau verliebte, kann nicht mehr ganz nachvollzogen werden. Was wir wissen ist, dass er die Leitung der Printanstalt übernahm, die die sozialdemokratische Arbeiterzeitung herausgab. Prachensky war an der Gründung der Sozialdemokratischen Partei Tirols 1890 maßgeblich beteiligt. 1899 war er als treibende Kraft mit dabei, als in der heutigen Maximilianstraße die Erste Tiroler Arbeiter-Bäckerei, kurz ETAB, eröffnete. Die Genossenschaft machte es sich zum Ziel, unter guten Arbeits- und Hygienebedingungen hochwertiges Brot zu fairen Preisen herzustellen. Nach mehreren Standortwechseln landete die ETAB in der Hallerstraße, wo sie bis 1999 täglich frische Backwaren produzierte. Mit seinen Ansichten und Firmengründungen erarbeitete er sich rasch einen Ruf als Anarchist, einer politischen Strömung innerhalb der Linken, die sich um die Jahrhundertwende einer gewissen Beliebtheit erfreute, gleichermaßen aber wegen ihres oft gewalttätigen Aktionismus einen anrüchigen und gefürchteten Ruf besaß. Josef Prachensky unterstützte neben der ETAB den „Arbeiter-Consum-Verein“ und gründete die Getränkehalle Alkoholfrei in der Museumstraße 16, einem Lokal, das ganz im Sinne der Lebensreformbewegung und des Sozialismus die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit innerhalb der Arbeiterschaft zum Ziel hatte. Wo früher nach dem christlichen Kalender gefastet wurde, sollte nun nach den Maßen der individuellen Vernunft zum eigenen Wohl der Verzicht Geist und Körper reinigen. Auch Friedrich Engels (1820 – 1895), der Mitverfasser des Kommunistischen Manifestes, hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Schnaps und Branntwein als ein Übel der Arbeiterklasse erkannt hatte. Das Ziel, Menschen vom Alkohol wegzubekommen teilte der Sozialismus wie so vieles im Sozialen mit Vereinen diverser Konfessionen innerhalb des Christentums Abstinenz predigten. Alkoholiker konnten weder die Weltrevolution starten noch ein gottgefälliges Leben nach den Vorstellungen der Kirche führen, egal ob katholisch, lutherisch oder calvinistisch. Wie wenig dieser Ansatz im Innsbruck der Belle Epoque fruchtete, zeigt die Umfirmierung des Lokals von Alkoholfrei auf Reform bereits nach kurzer Zeit samt dazugehörigem Ausschank von Alkohol und dem folgenden Konkurs Prachenskys. Ein besonderes politisches Anliegen war ihm die Einschränkung der Kirche auf den Schulunterricht, der im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch im eigentlich liberalen Innsbruck, das sich an die nationale Schulordnung halten musste, noch sehr groß war. Die liberale Bildungsreform von 1869 hätte den Klerus zwar aus den Schulen drängen sollen, faktisch war der Einfluss aber noch sehr groß. Prachensky setzte sich dafür ein, Kindern aus Arbeiterfamilien zumindest eine anständige Schulbildung angedeihen zu lassen, um ihnen ein Mindestmaß an Chance auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu ermöglichen. Seine Forderungen zur Zeit der Jahrhundertwende nach besserer und einheitlicher Besoldung des Lehrpersonals, einer Reduzierung des Anteils des Religionsunterrichtes, Unterstützung für weniger begüterte Kinder und Verringerung der Klassengröße wirken erstaunlich modern.
Die ersten freien Wahlen innerhalb der k.u.k. Monarchie zum Reichsrat für alle männlichen Bürger im Jahr 1907 veränderten die politischen und sozialen Kraftverhältnisse und gaben den Sozialdemokraten Rückenwind, auch wenn auf Gemeindeebene noch das Zensuswahlrecht galt. Der Pofl hatte nun politisches Mitspracherecht. Wichtige Gesetze wie Arbeitszeitbeschränkungen und Verbesserung in den Arbeitsbedingungen konnten nun mit mehr Nachdruck verlangt werden. Das Kronland Tirol hatte gemeinsam mit Oberösterreich die längsten Arbeitszeiten in der gesamten Donaumonarchie. Die Gewerkschaftsmitglieder stiegen zahlenmäßig zwar an, außerhalb der kleinstädtischen Zentren war Tirol aber zu sehr bäuerlich geprägt, um nennenswerten Druck erzeugen zu können. Als nach der Ausrufung der Republik 1918 auch auf Kommunalebene zum ersten Mal nach dem allgemeinen und freien Wahlrecht über die Zusammensetzung des Gemeinderates gewählt wurde, konnten die Sozialdemokraten erstmals die meisten Stimmen erringen. Die Erfüllung der daraus folgenden Forderungen musste auch nach den ersten Gemeinderatswahlen nach 1918 noch warten. Innsbruck war rot, bestimmend für die großen Fragen der Politik blieb aber die konservative Politik der Landesregierung. In Innsbruck spielten sich zwar keine bürgerkriegsähnlichen Szenen wie in den Arbeiterhochburgen wie Wien, Linz oder Steyr ab, zu Schlägereien, Mordanschlägen und Gewalt kam es aber häufig. Prachensky, der sich als Sozialdemokrat immer gegen das Prädikat des „Radicalen“ gewehrt hatte, wurde in die Grabenkämpfe der Zwischenkriegszeit hineingezogen und gründete den Tiroler Ableger des Republikanischen Schutzbundes RESCH, dem Gegenstück zu den rechten Heimwehrverbänden.
Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus
Politisch motivierte Gewalt prägte Österreich neben Hunger und Wohnungsnot in den 1920er und 1930er Jahren. Die beiden großen Volksparteien der jungen Republik, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich feindselig gegenüber. Beide Parteien bauten paramilitärische Blöcke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Straße mit Gewalt zu untermauern. Der Republikanische Schutzbund auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte Heimwehren, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie Bürgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktionäre beider Seiten hatten im Krieg an der Front gekämpft und waren dementsprechend militarisiert. Die Tiroler Heimatwehr konnte mit Unterstützung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zurückgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gründung der Republik, marschierten am ersten gesamtösterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrmänner durch die Stadt, um ihre Überlegenheit am höchsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Präsenz im öffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anhänger gewinnen. 1932 zählte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Berüchtigt wurde die sogenannte Höttinger Saalschlacht vom 27. Mai 1932. Hötting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser roten Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof Goldener Bär, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf mit über 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.
Nach diesen bürgerkriegsähnlichen Jahren setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfuß (1892 – 1934) durch. Sein Ziel war die Errichtung des sogenannten Österreichischen Ständestaats, heute besser bekannt unter dem Begriff Austrofaschismus. Der gesamte Staatsapparat wurde analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der Vaterländischen Front geeint werden: Antisozialistisch, autoritär, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Nicht wenige Menschen waren froh, dass das Parlament und der Mehrparteienstaat durch einen starken Mann ersetzt wurde, der Ruhe und Ordnung versprach. In Innsbruck kam es während dieses in vielen Städten Österreichs teils blutigen Umsturzes zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. März wurde das Parteihaus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol im Hotel Sonne geräumt. Der Anführer des Republikanischen Schutzbundes Gustav Kuprian wurde wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen des Schutzbundes entwaffnet. Die Tiroler Wochenzeitung wurde als Parteiorgan gegründet. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt. Die bis dato stark vertretenen Sozialdemokraten wurden aus der Stadtregierung entfernt. Dollfuß war in Tirol überaus populär, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg während einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am nächsten kam. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler Bürgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot für die Habsburger aufheben zu lassen. Diese Politik wurde von der katholischen Kirche unterstützt und schaffte es bis in die Verfassung von 1934: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“ Die Bindung an die Kirche verschaffte der Regierung Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die Vaterländische Front mit ihren paramilitärischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdrückung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zurück. Mutmaßliche und echte Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert, die Artikel glorifizierten das ländliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterstützt. Schulen wurden nach Geschlechtern getrennt und auch die Lehrpläne unterschieden sich, Hausarbeit für die Mädchen, vormilitärische Erziehung für die Buben. Die Kulturpolitik grenzte sich bewusst vom nationalsozialistischen, antiklerikalen Nachbarn im Norden ab. Theater und Musik sollten Österreich als den „besseren und zivilisierteren“ deutschen Staat zeigen.
Der Austrofaschismus sorgte aber, wenn überhaupt, nur kurz für Ruhe und Ordnung. Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Kanzler Dollfuß ums Leben kam. Hitler, der die Anschläge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich zunächst offiziell vom Geschehenen, was den geplanten Umsturz im Keim erstickte. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle über die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. In Innsbruck wurde im Gedenken an den zum Märtyrer stilisierten ermordeten Bundeskanzler auf „Verfügung des Regierungskommissärs der Landeshauptstadt Tirols“ der Platz vor dem Theater, wo er sich noch zwei Wochen zuvor mit Richard Steidl getroffen hatte, zum Dollfußplatz umgetauft. Sein Nachfolger an der Staatsspitze war mit Kurt Schuschnigg (1897 – 1977) ein gebürtiger Tiroler. Der Kriegsveteran aus altösterreichischem Kleinadel war Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung Austria. 1930 hatte der als Rechtsanwalt tätige Parlamentarier Schuschnigg die Ostmärkische Sturmschar gegründet, eine katholisch und antisemitisch geprägte paramilitärische Einheit, die das Gegengewicht zu den radikaleren Heimwehrgruppen bildeten. Als Unterrichtsminister und Justizminister war er maßgeblich für den gesellschaftlichen Rechtsruck im Ständestaat mitverantwortlich, unter anderem führte er die Todesstrafe wieder ein. Für die Innsbrucker Bevölkerung änderte sich unter dem neuen Kanzler wenig an der Alltagsmisere. Wirtschaftlich konnte der Ständestaat das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumreißen. Die staatlichen Investitionen in große Infrastrukturprojekte kamen nach der Wirtschaftskrise 1931 zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschränkung der sozialen Fürsorge, die zu Beginn der Ersten Republik eingeführt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als „Ausgesteuerte“ ausgeschlossen. Die Armut ließ die Kriminalitätsrate ansteigen, Überfälle, Raube und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bemühungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem großen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation für viele Menschen prekär. Eisenbahn, Industrialisierung, Flüchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des Möglichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweithöchste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise für Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter häufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnblöcke und Obdachlosenunterkünfte wie das Wohnheim für Arbeiter in der Amthorstraße im Jahr 1907 oder die Herberge in der Hunoldstraße errichtet worden, das genügte aber nicht um der Situation Herr zu werden.
In diesem Klima aus gesellschaftlicher Diktatur und wirtschaftlicher Not entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackensiedlungen, gegründet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgehängten, die im System keinen Platz fanden. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager in der Höttinger Au westlich der Stadt diente Obdachlosen als Notunterkunft. Die bis heute bekannteste und berüchtigtste innerstädtische Enklave war die Bocksiedlung am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und dem späteren Konzentrationslager Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gründerinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Das falsche Parteibuch zu haben genügte, um im Innsbruck des Ständestaates keinen leistbaren Wohnraum ergattern zu können, Rauth hatte als bekennender Kommunist das allerfalscheste. Sein Floß, die Arche Noah, mit dem er über Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte am Flussufer vor dem Gasthof Sandwirt, ohne je abzulegen. Nach und nach entstand örtlich am Rand der Stadt und sozial am Rand der Gesellschaft eine Siedlung, die von ihrem inoffiziellen Bürgermeister Johann Bock (1900 – 1975) wie eine unabhängige Kommune geleitet wurde. Er regelte den Alltag in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier. Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges verschärften die Wohnsituation in Innsbruck und ließen die Bocksiedlung wachsen. Um die 50 Unterkünfte sollen es am Höhepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafplätze genutzt, nachdem die letzten dort verwahrten Nationalsozialisten verlegt oder freigelassen worden waren. Die Bockala hatten einen fürchterlichen Ruf unter den braven Bürgern der restlichen Stadt, bei aller Geschichtsglättung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Oft waren es Bürger, die durch das System fielen, die sich in der Bocksiedlung niederließen. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren körperliche Gewalt und Kleinkriminalität an der Tagesordnung. Übermäßiger Alkoholkonsum war gängige Praxis. Asphaltierte Straßen, Kanalisation und Sanitäranlagen gab es ebenso wenig wie eine reguläre Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prekär, was die ständige Gefahr von Seuchen mit sich brachte. Ausstattung und Bauart der Behausungen waren ebenso heterogen wie ihre Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkuswägen, Holzbaracken, Wellblechhütten, Ziegel- und Betonhäuser. Innerhalb der Bocksiedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten Häuser und Wägen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden unter Johann Bock sogar ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgergärten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan. Fixe Grenzen gab es keine, Bockala zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status.
Der Anfang vom Ende der Bocksiedlung waren die Olympischen Spielen 1964 und ein Brand in der Siedlung im Jahr zuvor. Eine Urban Legend behauptet, das Feuer sei vom Magistrat gelegt worden, um die Räumung des Viertels zu beschleunigen und den Bau des Olympischen Dorfes zu ermöglichen. 1967 verhandelten Bürgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erzählungen nach in alkoholgeschwängerter Atmosphäre, über das weitere Vorgehen und Entschädigungen seitens der Gemeinde für die Räumung. Bis zum faktischen Ende sollte es aber dauern. Erst 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer Mängel unter Zwang verlassen. Viele Bockala wurden in städtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und dem neu errichteten O-Dorf umgesiedelt. Die Sitten der Bocksiedlung lebten dort unter neuer Adresse noch einige Jahre fort, was zu einem guten Teil bis heute den schlechten Ruf dieser Stadtviertel ausmacht. Weniger gut verankert im Gedächtnis vieler Innsbrucker als die Legenden der Bocksiedlung ist die Zwischenkriegszeit, dabei ist diese Periode oft noch mehr Teil der Alltagskultur als wir wahrnehmen. In Kirchen wie in St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens sind Bilder mit Dollfuß als Beschützer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverbände, Rettungsgesellschaften und Alpinverbände, deren Wurzeln in diese Zeit zurückreichen. Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und mühsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv für das Buch „Bocksiedlung. Ein Stück Innsbruck“ des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.
Innsbruck und der Nationalsozialismus
In den 1920er und 30er wuchs und gedieh die NSDAP auch in Tirol. Die erste Ortsgruppe der NSDAP in Innsbruck wurde bereits 1923 gegründet. Mit „Der Nationalsozialist – Kampfblatt für Tirol und Vorarlberg“ erschien ein eigenes Wochenblatt. 1933 erlebte die NSDAP mit dem Rückenwind aus Deutschland auch in Innsbruck einen kometenhaften Aufstieg. Die Modernität der Partei mit ihrem demonstrativ-revolutionären Antiklerikalismus und die Aufstiegsmöglichkeiten, die sie bot, sprach vor allem junge Menschen an. Das Neue, das Aufräumen mit alten Hierarchien und Strukturen wie der katholischen Kirche, der Umbruch und der noch nie dagewesene Stil zogen sie an. Besonders unter den großdeutsch gesinnten Burschen der Studentenverbindungen und vielfach auch unter Professoren war der Nationalsozialismus beliebt. Wer bereits oben war, sehnte sich nach den Zeiten vor dem allgemeinen Wahlrecht zurück, als Sozialdemokraten noch nichts zu melden hatten. Die demokratische Republik war konservativen Eliten ein Gräuel. Wer nach oben wollte, den Sozialdemokraten aber nichts abgewinnen konnte, konnte der sperrigen Demokratie ebenfalls nur wenig abgewinnen. Die allgemeine Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit der Bürger kombiniert mit theatralisch inszenierten Fackelzügen durch die Stadt samt hakenkreuzförmiger Bergfeuer auf der Nordkette und einem regen Vereinsleben verhalfen der NSDAP schnell zu Popularität. Über 1800 Innsbrucker waren Mitglied der SA, die ihr Quartier in der Bürgerstraße 10 hatte. Konnten die Nationalsozialisten bei ihrem ersten Antreten bei einer Gemeinderatswahl 1921 nur 2,8% der Stimmen erringen, waren es bei den Wahlen 1933 bereits 41%. Nicht nur die Wahl Hitlers zum Reichskanzler in Deutschland, auch Kampagnen und Manifestationen in Innsbruck verhalfen der ab 1934 in Österreich verbotenen Partei zu diesem Ergebnis. Neun Mandatare, darunter der spätere Innsbrucker Bürgermeister Egon Denz und der Gauleiter Tirols Franz Hofer, zogen in den Gemeinderat ein.
Als der Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 erfolgte, kam es in Innsbruck zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Bereits im Vorfeld des Einmarsches war es immer wieder zu Aufmärschen und Kundgebungen der Nationalsozialisten gekommen, nachdem das Verbot der Partei aufgehoben worden war. Noch bevor Bundeskanzler Schuschnigg seine letzte Rede an das Volk vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten mit den Worten „Gott schütze Österreich“ am 11. März 1938 geschlossen hatte, rotteten sich bereits die Nationalsozialisten in der Innenstadt zusammen um den Einmarsch der deutschen Truppen vorzufeiern. Die Polizei war dem Aufruhr der organisierten Manifestationen teils gewogen, teils stand sie dem Treiben machtlos gegenüber. Landhaus und Maria-Theresien-Straße wurden zwar abgeriegelt und mit Maschinengewehrständen gesichert, an ein Durchgreifen seitens der Exekutive war aber nicht zu denken. „Ein Volk – ein Reich – ein Führer“ hallte durch die Stadt. Die Bedrohung des deutschen Militärs und der Aufmarsch von SA-Truppen beseitigten die letzten Zweifel. Mehr und mehr schloss sich die begeisterte Bevölkerung an. Am Tiroler Landhaus, damals noch in der Maria-Theresienstraße, sowie im provisorischen Hauptquartier der Nationalsozialisten im Gasthaus Alt-Innsprugg, wurde die Hakenkreuzfahne gehisst. Am 12. März empfing ein großer Teil der Innsbrucker das deutsche Militär frenetisch. Um die Gastfreundschaft gegenüber den Nationalsozialisten sicherzustellen, ließ Bürgermeister Egon Denz jedem Arbeiter einen Wochenlohn auszahlen. Am 5. April besuchte Adolf Hitler persönlich Innsbruck, um sich von der Menge feiern zu lassen. Archivbilder zeigen eine euphorische Menschenmenge in Erwartung des heilsversprechenden Führers. Auf der Nordkette wurden Bergfeuer in Hakenkreuzform entzündet. Die Volksbefragung am 10. April ergab eine Zustimmung von über 99% zum Anschluss Österreichs an Deutschland. Die Menschen waren nach der wirtschaftlichen Not der Zwischenkriegszeit, der Wirtschaftskrise und den Regierungen unter Dollfuß und Schuschnigg müde und wollten Veränderung. Welche Art von Veränderung, war im ersten Moment weniger wichtig als die Veränderung an und für sich. „Es denen da oben zu zeigen“, das war Hitlers Versprechen. Wehrmacht und Industrie boten jungen Menschen eine Perspektive, auch denen, die mit der Ideologie des Nationalsozialismus an und für sich wenig anfangen konnten. Der nostalgisch gehegte großdeutsche Traum hatte lange Tradition in Tirol. Das Versprechen, die deutschsprachigen Südtiroler Heim ins Reich zu holen und damit das Unrecht der Brennergrenze auszumerzen wurde ebenfalls gerne gehört. Dass es immer wieder zu Gewaltausbrüchen kam, war für die Zwischenkriegszeit in Österreich ohnehin nicht unüblich. Anders als heute war Demokratie nichts, woran sich jemand in der kurzen, von politischen Extremen geprägten Zeit zwischen der Monarchie 1918 bis zur Ausschaltung des Parlaments unter Dollfuß 1933 hätte gewöhnen können. Was faktisch nicht in den Köpfen der Bevölkerung existiert, muss man nicht abschaffen.
Tirol und Vorarlberg wurden in einem Reichsgau zusammengefasst mit Innsbruck als Hauptstadt. Auch wenn der Nationalsozialismus von einem guten Teil der Bevölkerung skeptisch gesehen wurde, gab es kaum organisierten oder gar bewaffneten Widerstand, dazu waren der katholische Widerstand OE5 und die Linke in Tirol nicht stark genug. Unorganisiertes subversives Verhalten der Bevölkerung, vor allem in den Landgemeinden rund um Innsbruck gab es vereinzelt. Zu allumfassend dominierte der Machtapparat den Alltag der Menschen. Viele Arbeitsstellen und sonstige Annehmlichkeiten des Lebens waren an eine zumindest äußerlich parteitreue Gesinnung gebunden. Eine Inhaftierung blieb dem größten Teil der Bevölkerung zwar erspart, die Angst davor war aber allgegenwärtig. Das Regime unter Hofer und Gestapochef Werner Hilliges leistete ganze Arbeit bei der Unterdrückung. Regimegegner Nummer eins war der Klerus, die katholische Kirche wurde deshalb auf allen Ebenen bekämpft. Katholische Schulen wurden umfunktioniert, Jugendorganisationen und Vereine verboten, Klöster geschlossen, der Religionsunterricht abgeschafft und eine Kirchensteuer eingeführt. Besonders hartnäckige Pfarrer wie Otto Neururer wurden in Konzentrationslager gebracht. Auch Lokalpolitiker wie die späteren Innsbrucker Bürgermeister Franz Greiter und Anton Melzer, der im Ersten Weltkrieg für Gott, Kaiser und Vaterland einen Arm verloren hatte, mussten flüchten oder wurden verhaftet. Gewalt und die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung, dem Klerus, politisch Verdächtigen, Zivilpersonen und Kriegsgefangenen auch nur überblicksmäßig zusammenzufassen würde den Rahmen sprengen. In der Klinik Innsbruck wurden Behinderte und vom System als nicht genehm empfundene Menschen wie Homosexuelle zwangssterilisiert. 1941 wurde in der Rossau in der Nähe des Bauhofs Innsbruck das Arbeitslager Reichenau errichtet. Etwa 120 Personen fanden in diesem Barackenlager den Tod durch Krankheit, die schlechten Bedingungen, Arbeitsunfälle oder Hinrichtungen. Die meist jüdischen, russischen oder italienischen Zwangsarbeiter wurden in den Messerschmitt Werken in Kematen und auf den vielen Baustellen wie der Errichtung der Südtiroler Siedlungen oder der Stollen zum Schutz vor den Luftangriffen im Süden Innsbrucks eingesetzt. Die Erinnerungsorte an die Zeit des Nationalsozialismus sind rar gesät. Das auffälligste Denkmal ist wohl das Tiroler Landhaus mit dem Befreiungsdenkmal. An der Alten Universität in der Herrengasse prangt eine Bronzetafel, die daran erinnert, dass die Gestapo hier einst ihr Hauptquartier hatte, wo Verdächtige unter Folter verhört, schwer misshandelt und teils mit Fäusten zu Tode geprügelt wurden. Der Vorplatz der Universität und eine kleine Säule am südlichen Eingang der Klinik wurden ebenfalls im Gedenken an das wohl dunkelste Kapitel Österreichs Geschichte gestaltet. In der Rossau wurde ein Gedenkort an das Arbeitslager Reichenau errichtet.
Luftangriffe auf Innsbruck
Wie der Lauf der Geschichte der Stadt unterliegt auch ihr Aussehen einem ständigen Wandel. Besonders gut sichtbare Veränderungen im Stadtbild erzeugten die Jahre rund um 1500 und zwischen 1850 bis 1900, als sich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen in besonders schnellem Tempo abspielten. Das einschneidendste Ereignis mit den größten Auswirkungen auf das Stadtbild waren aber wohl die Luftangriffe auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg, als aus der „Heimatfront“ der Nationalsozialisten ein tatsächlicher Kriegsschauplatz wurde. Die Lage am Fuße des Brenners war über Jahrhunderte ein Segen für die Stadt gewesen, nun wurde sie zum Verhängnis. Innsbruck war ein wichtiger Versorgungsbahnhof für den Nachschub an der Italienfront. In der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1943 erfolgte der erste alliierte Luftangriff auf die schlecht vorbereitete Stadt. 269 Menschen fielen den Bomben zum Opfer, 500 wurden verletzt und mehr als 1500 obdachlos. Über 300 Gebäude, vor allem in Wilten und der Innenstadt, wurden zerstört und beschädigt. Am Montag, den 18. Dezember fanden sich in den Innsbrucker Nachrichten, dem Vorgänger der Tiroler Tageszeitung, auf der Titelseite allerhand propagandistische Meldungen vom erfolgreichen und heroischen Abwehrkampf der Deutschen Wehrmacht an allen Fronten gegenüber dem Bündnis aus Anglo-Amerikanern und dem Russen, nicht aber vom Bombenangriff auf Innsbruck.
Bombenterror über Innsbruck
Innsbruck, 17. Dez. Der 16. Dezember wird in der Geschichte Innsbrucks als der Tag vermerkt bleiben, an dem der Luftterror der Anglo-Amerikaner die Gauhauptstadt mit der ganzen Schwere dieser gemeinen und brutalen Kampfweise, die man nicht mehr Kriegführung nennen kann, getroffen hat. In mehreren Wellen flogen feindliche Kampfverbände die Stadt an und richteten ihre Angriffe mit zahlreichen Spreng- und Brandbomben gegen die Wohngebiete. Schwerste Schäden an Wohngebäuden, an Krankenhäusern und anderen Gemeinschaftseinrichtungen waren das traurige, alle bisherigen Schäden übersteigende Ergebnis dieses verbrecherischen Überfalles, der über zahlreiche Familien unserer Stadt schwerste Leiden und empfindliche Belastung der Lebensführung, das bittere Los der Vernichtung liebgewordenen Besitzes, der Zerstörung von Heim und Herd und der Heimatlosigkeit gebracht hat. Grenzenloser Haß und das glühende Verlangen diese unmenschliche Untat mit schonungsloser Schärfe zu vergelten, sind die einzige Empfindung, die außer der Auseinandersetzung mit den eigenen und den Gemeinschaftssorgen alle Gemüter bewegt. Wir alle blicken voll Vertrauen auf unsere Soldaten und erwarten mit Zuversicht den Tag, an dem der Führer den Befehl geben wird, ihre geballte Kraft mit neuen Waffen gegen den Feind im Westen einzusetzen, der durch seinen Mord- und Brandterror gegen Wehrlose neuerdings bewiesen hat, daß er sich von den asiatischen Bestien im Osten durch nichts unterscheidet – es wäre denn durch größere Feigheit. Die Luftschutzeinrichtungen der Stadt haben sich ebenso bewährt, wie die Luftschutzdisziplin der Bevölkerung. Bis zur Stunde sind 26 Gefallene gemeldet, deren Zahl sich aller Voraussicht nach nicht wesentlich erhöhen dürfte. Die Hilfsmaßnahmen haben unter Führung der Partei und tatkräftigen Mitarbeit der Wehrmacht sofort und wirkungsvoll eingesetzt.
Diese durch Zensur und Gleichschaltung der Medien fantasievoll gestaltete Nachricht schaffte es gerade mal auf Seite 3. Prominenter wollte man die schlechte Vorbereitung der Stadt auf das absehbare Bombardement wohl nicht dem Volkskörper präsentieren. Ganz so groß wie 1938 nach dem Anschluss, als Hitler am 5. April von 100.000 Menschen in Innsbruck begeistert empfangen worden war, war die Begeisterung für den Nationalsozialismus nicht mehr. Zu groß waren die Schäden an der Stadt und die persönlichen, tragischen Verluste in der Bevölkerung. Dass die sterblichen Überreste der Opfer des Luftangriffes vom 15. Dezember 1943 am heutigen Landhausplatz vor dem neu errichteten Gauhaus als Symbol nationalsozialistischer Macht im Stadtbild aufgebahrt wurden, zeugt von trauriger Ironie des Schicksals.
Im Jänner 1944 begann man Luftschutzstollen und andere Schutzmaßnahmen zu errichten. Die Arbeiten wurden zu einem großen Teil von Gefangenen des Konzentrationslagers Reichenau durchgeführt. Insgesamt wurde Innsbruck zwischen 1943 und 1945 zweiundzwanzig Mal angegriffen. Dabei wurden knapp 3833, also knapp 50%, der Gebäude in der Stadt beschädigt und 504 Menschen starben. In den letzten Kriegsmonaten war an Normalität nicht mehr zu denken. Die Bevölkerung lebte in dauerhafter Angst. Die Schulen wurden bereits vormittags geschlossen. An einen geregelten Alltag war nicht mehr zu denken. Die Stadt wurde zum Glück nur Opfer gezielter Angriffe. Deutsche Städte wie Hamburg oder Dresden wurden von den Alliierten mit Feuerstürmen mit Zehntausenden Toten innerhalb weniger Stunden komplett dem Erdboden gleichgemacht. Viele Gebäude wie die Jesuitenkirche, das Stift Wilten, die Servitenkirche, der Dom, das Hallenbad in der Amraserstraße wurden getroffen. Besondere Behandlung erfuhren während der Angriffe historische Gebäude und Denkmäler. Das Goldene Dachl wurde mit einer speziellen Konstruktion ebenso geschützt wie der Sarkophag Maximilians in der Hofkirche. Die Figuren der Hofkirche, die Schwarzen Mannder, wurden nach Kundl gebracht. Die Madonna Lucas Cranachs aus dem Innsbrucker Dom wurde während des Krieges ins Ötztal überführt.
Der Luftschutzstollen südlich von Innsbruck an der Brennerstraße und die Kennzeichnungen von Häusern mit Luftschutzkellern mit ihren schwarzen Vierecken und den weißen Kreisen und Pfeilen kann man heute noch begutachten. Zwei der Stellungen der Flugabwehrgeschütze, mittlerweile nur noch zugewachsene Mauerreste, können am Lanser Köpfl oberhalb von Innsbruck besichtigt werden. In Pradl, wo neben Wilten die meisten Gebäude beschädigt wurden, weisen an den betroffenen Häusern Bronzetafeln mit dem Hinweis auf den Wiederaufbau auf einen Bombentreffer hin.