Am südwestlichen Stadtrand befinden sich mit Schloss und Wallfahrtskirche Mentlberg zwei kaum beachtete Kleinode. Das Duo erfuhr wohl die meisten Verwendungszwecke und Besitzerwechsel überhaupt. Adelssitz, Wallfahrtsort, Hotel, Internat, Kaserne, Sportstätte – nirgends ist Innsbruck so wandlungsfähig wie am Fuß des Wiltenbergs. In sein heutiges Erscheinungsbild wurde das Schloss zwischen 1902 und 1905 gebracht. Der französische Prinz Ferdinand von Bourbon-Orleans, Herzog der Vendome, hatte den 15 Jahre zuvor für sich und seine Gattin Sophie, eine Schwester der österreichischen Kaiserin Elisabeth, als Jagdschloss, Bauernhof und Feriendomizil erworben. Es war wohl die Lage am Waldrand, nahe zur Stadt mitten in den Alpen, die den beiden besonders gefiel. Sissi, wie ihre Schwester dem Landleben mehr zugetan als der strengen Hofetikette Wiens, war mehrmals zu Gast. Ganz der französischen Hocharistokratie und dem architektonischen Zeitgeist der Jahrhundertwende verpflichtet, ließ der Prinz sein Anwesen im Stil des Historismus von der Baufirma Josef Retter in die Form eines Loireschlosses umbauen, um in der Provinz des deutschen Erbfeindes zumindest ein kleines Stück Heimat zu haben. Der neogotische Turm am Ostende mit dem markanten pyramidenförmigen Dach zeigt das Wappen des französischen Adelshauses. Auch die herrschaftliche Zufahrt samt Begrenzungsmauer zum Wald hin lässt keinen Zweifel an der noblen Herkunft der Besitzer aufkommen. Ganz anders präsentiert sich das Anwesen der darunterliegende Teil des Anwesens, auf dem sich ein Gehöft, Wiesen und Felder befinden. Hier zeigten die Aristokraten ihre Liebe zum für sie ursprünglichen Tiroler Landleben. Um seine und die seiner bayerischen Frau ruralen Gelüste voll und ganz zu befriedigen, erwarb der Herzog auch die sogenannten Untere Figge, den heutigen Sieglanger am Innufer, wo er Stallungen, Garagen, einen Park mit Gewächshaus und eine Dependance für das Personal erbauen ließ.
Der Erste Weltkrieg bescherte dem Anwesen einen neuen Use Case. Wie Schloss Ambras wurde auch Mentlberg zu einem Lazarett. Soldaten wurden hier in der Lungenheilanstalt behandelt. Trotz der Renovierung des Schlosses auf Kosten der öffentlichen Hand nach dem Krieg wollte Herzog Ferdinand von Bourbon-Orleans nach dem Krieg seinen österreichischen Besitz loswerden. 1926 interessierte sich sowohl das Land Tirol, ein Zusammenschluss Innsbrucker Gastwirte unter Führung des Hotels Grauer Bär wie auch die Alpine Holzindustrie GmbH aus Laibach für das Schloss Mentlberg und den damit zusammenhängenden Besitz. Laibach war erst seit kurzem nicht mehr Teil der Österreichischen Monarchie, sondern ein Teil des Königreichs Jugoslawien, die wirtschaftlichen Verbindungen waren aber aufrecht geblieben. Um 400.000 Schilling erwarb das jugoslawische Unternehmen das Anwesen. Der Plan, das Schloss erneut in ein Hotel zu verwandeln, scheiterte aber nach anfänglicher Euphorie und hohen Investments. Nur zwei Jahre später gingen die insgesamt 70 Hektar Grund um 600.000 Schilling an das Land Tirol. Der Gallwiesenhof am Mentlberg sollte in ein Mustergut zu landwirtschaftlichen Schulungszwecken verwandelt werden, das Schloss als Unterkunft für die Schüler und Lehrlinge der Bildungsanstalt dienen. Der kühne Plan, an der Unteren Figge am Inn einen Badestrand zu errichten, kam nie zur Ausführung. Stattdessen wurde der Grund in den 1930er Jahren für den Bau der Dollfuß- und Fischersiedlung verwendet. Das Schloss selbst sollte 1932 als Mutter- und Säuglingsheimes genutzt werden, ob des zu prunkvollen Ambientes wurde dieser Vorschlag vom Landtag aber abgelehnt. In den finanziell auch für Tirol klammen Zeit nach der Wirtschaftskrise beschloss die Landesregierung Mentlberg um 6.000 Schilling als Hotel zu verpachten, um das Landesbudget zu entlasten. Der Plan, den Slalom der Ski-Weltmeisterschaften 1933 am Mentlberg durchzuführen, scheiterte ebenfalls, allerdings nicht an den Finanzen, sondern an der Schneelage, zumindest in jenem Jahr. Im Folgejahr ritterten am Hang neben dem Schloss „“…die 40 bestplacierten Abfahrtsläufer des Rennens Pfriemesköpfl – Mutters… um den Ehrenpreis des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß…“
In den späten 1930er Jahren und der Nachkriegszeit wurde Schloss Mentlberg militärisch und administrativ genutzt. Nach der Benutzung als Kaserne durch das österreichische Heer war es während des Nationalsozialismus Standort des Reichsarbeitsdienstes. Junge Männer und Frauen waren im Rahmen des Gesetzes dazu verpflichtet, als Soldaten der Arbeit gemeinnützige Arbeiten zu übernehmen. Neben der erzieherischen und disziplinierenden Komponente im Rahmen der Propaganda, die dieser Dienst hatte, gelang es dem NS-Regime damit auch, die Arbeitslosenzahlen in den neu an das Reich angeschlossenen Gebiete mit einem Schlag drastisch zu senken. Nach dem Krieg quartierten sich die französischen Besatzer für kurze Zeit im Schloss ein, bevor es wieder zu einem Schüler- und Lehrlingsheim wurde. Nach 2015 wurde das Gebäude als Flüchtlingsheim verwendet. Derzeit baut des Land Tirol Mentlberg unter Einhaltung des Denkmalschutzes zum Zentrum für Katastrophenschutz um.
Östlich des Schlosses befindet sich mit der Wallfahrtskirche Mentlberg ein klassisches Produkt der Barockzeit. Nicht nur die Optik, auch die Geschichte hinter dem Bau erinnert an die besonders stark ausgeprägte und für uns heute skurril anmutende Frömmigkeit, die in der Neuzeit das Denken der Menschen bestimmte. Ein Offizier der kaiserlichen Armee brachte aus seinem Einsatz im Dreißigjährigen Krieg eine Statue der Muttergottes mit dem Leichnam Jesu mit nach Tirol. Das 17. Jahrhundert war auf Grund der wirtschaftlichen Not und des Krieges die Blütezeit des christlichen Aberglaubens, in der die Menschen ihr persönliches Schicksal auf das Eingreifen von Heiligen zurückführten. Der Vater des Soldaten, Ferdinand von Khuepach, zu Ried, war der Eigentümer des Schlosses Mentlberg und beschloss die Holzfigur in der kleinen Kapelle auf seinem Anwesen aufzustellen. Ähnlich wie am Tummelplatz ereigneten sich auch bei der „Schmerzhaften Mutter auf der Gallwiese“ Wunderheilungen. Das Stift Wilten reagierte geistesgeschwind, um die Wallfahrt zu forcieren. Der Abt ließ entlang des Weges von Wilten nach Mentlberg sieben Bildsäulen aufstellen und renovierte die in die Jahre gekommene Kapelle. Die Siebenschläfer, eine antike Heiligenlegende rund um sieben junge Märtyrer aus Ephesos, erfuhren als Fürbitter bei hohem Fieber und Schlaflosigkeit, besondere Verehrung. Der Abt des Stiftes Wilten ließ deshalb in der Kapelle eine Abbildung der Grotte, in denen die sieben Jungen eingesperrt waren, errichten. Im 18. Jahrhundert wurde Mentlberg zu einem veritablen Wallfahrtsort. Ob es die Schönheit des Ortes samt der tollen Aussicht auf das Inntal oder der offizielle, klangvoll-attraktive Name der Kirche „Schmerzhafte Muttergottes“ war, der die Menschen anzog, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Das Business mit Glauben und Aberglauben nahm aber Ausmaße an, die den Bau eines größeren Gotteshauses rechtfertigte. 1770 wurde nach Plänen von Konstantin Johann Walter, unter anderem Architekt der Triumphpforte und des Umbaus der Hofburg, die bis heute bestehende Kirche im Rokokostil errichtet. Das Deckengemälde zeigt eine für diese Zeit typische Kreuzigungsszene, um das Leid des Heilands möglichst bildlich und einprägsam darzustellen. Die Grotte der Siebenschläfer wurde ebenso in die neue Kirche integriert wie das Altarbild der Gnadenmutter und die Holzplastik. Votivbilder zeugen bis heute von der Wundergläubigkeit der frommen Bürger, die mit diesen Spenden um Heilung und Segen baten oder sich für eine wundersame Wendung im Leben bei ihren himmlischen Beschützern bedanken wollten. Heute ist die Kirche am Mentlberg, ob ihrer angenehmen Größe, der wunderschönen barocken Innenausstattung und des Blicks auf die Stadt Innsbruck bei Hochzeitspaaren äußerst beliebt. Vom Schloss startend lassen sich wunderbare Spaziergänge zum Natterer See, dem Eichhof und weiter ins Mittelgebirge unternehmen.