Schaut man von Innsbruck hinauf auf die Nordkette, fällt ein markantes Bauwerk in Form eines gelben, etwas sperrig wirkenden Kubus am Plateau knapp 300 Höhenmeter über der Stadt auf. Wo sich heute Wanderer, Mountainbiker und Touristen tummeln, um einen erhabenen Blick auf die Berggipfel der Umgebung zu werfen und auf die Bergbahn warten, die sie auf die Seegrube und das Hafele Kar bringen, befand sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Art künstliches Wunderland für betuchte Touristen und eine exklusive Plansiedlung. Was Dubai im 21. Jahrhundert mit dem touristischen Irrsinnsprojekt The Palm schaffte, war auf der Hungerburg gut 100 Jahre vorher angesagt, die Entstehungsgeschichte reicht sogar noch weiter zurück. Der Weg vom Niemandsland zwischen den damals eigenständigen Gemeinden Hötting und Mühlau zum touristischen Hotspot war lang. Über Jahrhunderte hinweg war die Gegend zwischen Gramartboden im Westen, dem darunterliegenden Steinbruch und Mühlau im Osten zum größten Teil unerschlossenes Waldgebiet, das wegen der Farbe der steil abfallenden Gesteinsformation den Flurnamen Grauenstein trug. 1840 kaufte der Eigentümer der Weiherburg Joseph von Attlmayr nach einer Rodung einiges an Grund und Boden auf dem die Stadt überragenden Plateau. Der geschäftstüchtige Attlmayr betrieb bereits einen Teil seines Wohnsitzes als Unterkunftsbetrieb. Der Legende nach soll er oberhalb des Steinbruches, während der auf die andere Talseite nach Heiligwasser blickte, mit seinem Spazierstock in die Erde gestochen haben. Als Wasser aus dem Boden trat, beschloss er den Ort der Heiligen Maria und dem Wasserfund zu weihen und taufte sein dort gebautes Gehöft in frommer Manier Mariabrunn. Attlmayr verpachtete das Gebäude als Gastwirtschaft und legte damit den Grundstein für die Hungerburg als beliebtes Urlaubs- und Ausflugsziel. Eine weitere Legende will es, dass die dargebotenen Speisen von so schlechter Qualität waren, dass die Jausenstation im Volksmund Hungerburg genannt wurde, allerdings wurde der Name bereits vor der Eröffnung der Gastwirtschaft verwendet.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftszweig in Innsbruck heran. Die Hungerburg hatte dank der als heilsam geltenden Luft auf über 800 m Seehöhe und dem Panoramablick zwar Potential, war aber ohne befahrbare Straße nur zu Fuß zu erreichen. Der gut betuchte Reisende des 19. Jahrhunderts blieb für mehrere Wochen, das Gepäck bestand aus mehr als einem Köfferchen. Es bedurfte eines visionären Pioniers, um das touristische Potential zum Leben zu erwecken, der sich mit dem Kaiserjäger Sebastian Kandler (1863 – 1928) fand. Vor seiner Karriere als Proto-Touristiker hatte Kandler eine interessante Karriere hingelegt. Mit 18 Jahren trat er dem Militär bei. Nach seinem aktiven Dienst begann er in der Klosterkaserne in der Kantine zu arbeiten. 1902 erbaute Kandler das Gebäude der heutigen Villa St. Georg im Saggen und eröffnete die Restauration Klaudia. Nach nur einem Jahr verkaufte er seine Gaststätte und erstand von den Nachkommen Attlmayrs das Haus Mariabrunn. Kandler sah nicht nur das Potential der Hungerburg, er trieb es eifrig voran. Das Hotel Mariabrunn ließ er in einem wilden Stilmix wie ein kleines Schlösschen ausbauen. Daneben entstanden unter seiner Ägide auch weitere Hotels wie die Villa Karwendel, die Villa Felsen und die Villa Kandlerheim. Da die Errichtung von Villen und Cottagehäusern im Saggen seit 1898 untersagt war, lockte das neue Trendviertel auch vermögende Bürger an, die sich doch noch den Traum vom exklusiven Einzelheim erfüllen wollten. Um die Hungerburg attraktiv für Ausflügler und Gäste zu machen, schuf Kandler auch Infrastruktur. Den bestehenden Pfad von der Weiherburg hinauf aufs Plateau, auf dem 1848 noch Kaiser Ferdinand auf die Hungerburg wanderte, ließ er zum für jedermann einfach und gefahrlos zu begehenden Wilhelm-Greil-Spazierweg ausbauen. Das Cafe Bahnhof in der Bergstation der Hungerburgbahn, der Karwendelhof und die Waldschenke boten Speis und Trank. Die Krönung seines Schaffens war die 1906 eröffnete Hungerburgbahn. Von der Kettenbrücke im Saggen aus startend verband die atemberaubende Konstruktion die Stadt mit dem Nobelviertel an den Hängen der Nordkette. Direkt von der Stadt aus konnte man nun auf das Plateau fahren, um sich als betuchter Tourist für einige Wochen oder als Ausflügler für einige Stunden erhaben über die ganze Stadt zu fühlen.
Der zweite Großinvestor Hoch-Innsbrucks war Franz Schwärzler. Er hatte sich eines der exklusiven Wohnhäuser auf der Hungerburg gesichert. Als tatkräftiger Geschäftsmann beschloss er, es nicht mit der Eröffnung von Hotels oder seines „Tiroler Spezialitätenhaus am Hungerburg-Plateau bei Innsbruck“, in dem „Tiroler Kunst und Kunstgewerbe und Tiroler Haus-Industrie“ als Reise-Andenken erworben werden konnten, gut sein zu lassen. 1911 reifte in ihm der Gedanke, einen künstlichen See im ehemaligen Spörr´schen Steinbruch anzulegen. Gemeinsam mit seinem Bruder begann er das ehrgeizige Projekt im Februar 1912. Oberhalb des 3.500 qm großen Sees ließen die beiden einen mittelalterlichen Turm mit Aussichtsterrasse und Felsenpromenade anlegen. Am 4. August eröffneten Bürgermeister Wilhelm Greil und der k.k. Statthalter Tirols Markus Freiherr von Spiegelfeld das Projekt feierlich. Im Sommer tummelten sich Schwimmer und verkappte Kapitäne im Ruderboot auf dem See, im Winter konnte man Schlittschuhlaufen. An den Ufern entstand nicht nur eine künstliche Höhle zur Maximierung der alpinen Romantik, sondern auch das Hotel Hungerburgseehof. An den Tischen am Strand des noblen Etablissements, kurz Seehof genannt, flossen edle Weine und Champagner in die Gläser der Aristokratie aus der alten und dem Geldadel aus der neuen Welt des internationalen Jetsets. Obwohl die abgelegene Hungerburg nur eine Handvoll Wohnhäuser und einige Hotels beherbergte, wurde zum Schutz der betuchten Anrainer und Touristen ein Gendarmerieposten eingerichtet. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges fand der exklusive Zirkus nach wenigen Jahren sein vorläufiges Ende. Sebastian Kandler und Karl Schwärzler verloren wie viele Menschen, die in die Luxusindustrie oder Kriegsanleihen investiert hatten, ihre Vermögen. Schwärzlers Witwe musste den Seehof verkaufen, der in den folgenden Jahrzehnten zuerst von der Sozialdemokratischen Partei, dann von der Vaterländischen Front und schließlich während des Nationalsozialismus als Volksschule genutzt wurde. Kandler verkaufte sein Hotel Mariabrunn an einen Vorarlberger Industriellen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er wie schon seine Jugend unter Tags. Im Halleranger schürfte er verzweifelt nach Silber.
Neue Impulse erhielt die Hungerburg durch den Bau der Höhenstraße. Als die Wirtschaft sich Mitte der 1920er Jahre erholte und neue Großprojekte angestoßen werden konnten, wurde der lange gehegte Plan einer Verkehrsverbindung abseits der Hungerburgbahn umgesetzt. Der Innsbrucker Baumeister Fritz Konzert hatte bereits 1906 einen Vorschlag unterbreitet, der von der Höttinger Au auf das Plateau und wieder hinunter nach Mühlau zum Weyrerareal geführt hätte. Nach dem Bahnbauer Josef Riehl hatte auch Franz Schwärzler bereits 1911 in der Hochblüte seiner Phantasie an eine Straße nach Hoch-Innsbruck gedacht. Die Höhenstraße, die sich heute von der Höttinger Kirche durch dichte Besiedlung am Kletterpark am ehemaligen Steinbruch in mehreren Kehren auf 3.5 km Länge bis zur Hungerburg windet, konnte nach etwas über einem Jahr Bauzeit unter der Leitung Viktor Bergers 1930 eröffnet werden. Nicht nur über die Straße verband sich Innsbruck mit dem erhabenen Viertel auf der Nordkette. Mit der Eingliederung Höttings und Mühlaus 1938 wurde auch die Hungerburg ein Teil Innsbrucks. Am Brunnen zwischen Bergbahn, Gasthaus zur Linde und Seehof erinnert das Stadtteilwappen bestehend aus dem alten Höttinger Kirchturm, dem Mühlrad Mühlaus und den Stützen der alten Hungerburgbahn im Inn im Saggen an die Herkunft der Hungerburg.
Was steckt aber nun hinter dem markanten gelben Gebäude, das jeden Blick vom Tal aus einfängt? Es ist das ehemalige Hotel Mariabrunn Kandlers. 1930 brannte das späthistoristische ehemalige Hotel in Teilen ab. Der neue Besitzer ließ den Neubau vom jungen, aufstrebenden Architektenstar Siegfried Mazagg komplett umbauen. Die kubischen, asymmetrischen Elemente erinnern an andere Bauten der Zeit im Stil der Neuen Sachlichkeit wie das Städtische Hallenbad. 1988 planten die beiden Brüder Hubert und Michael Prachensky das Innere des Hauses zu einem Wohngebäude um, ohne Mazaggs Außenbild zu zerstören. Auf der Westseite prangt noch gut sichtbar der Schriftzug Mariabrunn. Heute dominiert die futuristische, von der iranischen Architektin Zaha Hadid entworfene Bergstation der Hungerburgbahn das Stadtviertel. Der Platz davor, von dem aus man das Inntal und die umliegende Bergwelt überblickt, wurde nach dem Innsbrucker Bergsteiger Hermann Buhl (1924 – 1957) benannt. Vom touristischen Märchenland im Stil der Jahrhundertwende, das Kandler und Schwärzler im Optimismus der Belle Epoque ersannen, ist in Innsbrucks teuerster Wohngegend kaum noch etwas übrig. Der Aussichtsturm überragt noch erhaben den wasserlosen ehemaligen Steinbruch, im Haus des Hotel Seehof befinden sich Räumlichkeiten der Arbeiterkammer. Trotz der intensiven Bebauung der Nachkriegszeit sind noch einige Häuser aus den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts erhalten. Die Villa neben der Theresienkirche ähnelt mit ihren rot-weiß-roten Fensterläden in patriotischer Manier der Ottoburg in der Altstadt. Die Fassade des Gasthauses zur Linde, ehemals als Villa Tiroler Haus Teil des Schwärzler´schen Imperiums, erinnert mit der bildlichen Darstellung der Sage der Frau Hitt noch an die Zeit, als auf der Hungerburg eine Art Tiroler Disneyland entstand. Vielleicht ist es bezeichnend, dass ausgerechnet diese Geschichte von Hybris und daraus folgender Vergänglichkeit bis heute in Hoch-Innsbruck überlebte. Heute beherbergt das sehenswerte Gebäude im typischen Tiroler Heimatstil der späten Monarchie einen Kindergarten. Dass die beiden Innsbrucker Tourismus-Pioniere Kandler und Schwärzler mit dem Potential der Nordkette als Hotspot für Gäste und beliebtem Ausflugsziel der Einheimischen Recht hatten, beweisen die vollen Busse, Wagons und Gondeln, die jeden Tag Tausende Schaulustige, Wanderer, Skifahrer und Biker nach Hoch-Innsbruck bringen.