Verbindungshaus Austria

Josef-Hirn-Straße

Wissenswert

Das schmale Gebäude mit der auffälligen Fassade in der Josef-Hirn-Straße beheimatet Innsbrucks größte Studentenverbindung, die Austria. Neben dem Eingang ist eine Bronzetafel angebracht, die an das Gründungsdatum der Verbindung am 9. Juni 1864 und ihren Leitspruch „In Veritate Libertas“ (Anm.: In der Wahrheit liegt die Freiheit) erinnert. Damit zählt die Austria zu den ältesten der vielen Studentenverbindungen Innsbrucks, an deren oft stattlichen Verbindungshäusern man vor allem in Wilten und St. Nikolaus immer wieder vorbeigeht. Die „Bude“ der Austria selbst ist jüngeren Datums. Das Haus wurde von den Mitgliedern 1902 selbst finanziert und gebaut. Auf alten Bildern kann man sehen, dass es anfangs ein alleinstehendes Haus war und erst nach und nach von anderen Häusern umrahmt wurde. Es sticht zwischen den Wohnhäusern mit seinem distinguierten Aussehen, den Türmchen und Erkern markant heraus. Während des Ersten Weltkriegs diente es als Militärspital. Heute befinden sich mehrere Stüberl, Bars und Räumlichkeiten, um gemeinsam zu lernen und feiern im Verbindungshaus.

Wie kam es zur Gründung der mythenumrankten Verbindungen wie der Austria? In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert wurden auch an der Innsbrucker Universität politische Begehrlichkeiten unter Studenten und Professoren verfolgt. Vor allem Studenten waren Befürworter der in Innsbruck zahm ausgefallenen Revolution von 1848. Nach  dem Aufweichen des Vereinsgesetzes schlossen sie sich in Studentenverbindungen nach dem Vorbild ihrer deutschen Standesgenossen zusammen. Diese Vereine waren zwar keine staatlichen Organisationen, hatten aber mit wenigen Ausnahmen durchaus politischen Hintergrund. Katholizismus, Monarchie, Vielvölkerstaat, Deutschnationalismus – die Definitionen von Vaterland waren vielfältig innerhalb der verschiedenen Studentenbünde. Anders als die schlagenden deutschnationalen Burschenschaften, die die k.u.k. Monarchie als verstaubtes und zu überkommendes Staatsgebilde sahen, verstand sich die Austria als kaisertreu und katholisch. Die bis heute gültigen vier Grundsätze der Austria sind der Glaube (Religio), Vaterland (Patria), Wissenschaft (Scientia) und Freundschaft (Amicitia). Katholische Studentenverbindungen bildeten ab dem 19. Jahrhundert das verbindende Element zwischen Kirche, Politik und Universität. Wirft man einen Blick auf die Liste ehemaliger Mitglieder der Austria, findet man durch die Jahrzehnte Bischöfe ebenso wie Spitzenpolitiker aus dem konservativen Lager. Mehrere Landeshauptmänner, Innsbrucker Bürgermeister und Bundeskanzler Julius Raab waren Mitglieder. Das Gehabe mit Säbel, Bändchen und Mütze bei Veranstaltungen und Prozessionen mag auf den ersten Blick lächerlich wirken für nicht eingeweihte Beobachter. Die Bräuche, Traditionen und Gepflogenheiten sind mit Sicherheit antiquiert und nicht jedermanns Sache. Für Außenstehende ist die Gedankenwelt der Verbindungen auch nur schwer zu durchschauen und widersprüchlich. Mitglieder der Austria waren im katholischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagiert. Über dem Portal steht dazu passend das Bonmot „Erbaut bin ich zum Schutz & Hort für Menschenrecht & freies Wort“ geschrieben. Andererseits waren mit Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg beide Kanzler jener kurzen Epoche, die als Austrofaschismus in die österreichische Geschichte eingehen sollte, Mitglieder der Austria.  

Innsbrucker Kulturkampf

Medien und Politiker werden nicht müde auf die gesellschaftliche Spaltung und Polarisierung hinzuweisen, die das 21. Jahrhundert charakterisieren. Meist wird auch gleich der Schuldige dafür mitgeliefert: Social Media. Wie lange uns Spaltung und Polarisierung schon vor der Erfindung von Facebook, Twitter und Co begleitet haben, zeigt ein Blick ins späte 19. Jahrhundert. Das Parlament der späten K.u.K. Monarchie war, vereinfacht gesagt, geprägt von Christlich-Sozialen, Sozialdemokraten und liberal-nationalistischen Parteien der einzelnen Volksgruppen des Vielvölkerreichs. Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschnationale waren die Vorgänger der heutigen Parlamentsparteien SPÖ, ÖVP und FPÖ. Im Tiroler Landtag spielten die Sozialdemokraten keine Rolle, die katholisch-konservative Partei hatte schon an Einfluss verloren, bildete aber mit den reformkatholischen Christlich-Sozialen in Tirol einen Block. Der Innsbrucker Gemeinderat hingegen war dank des Zensuswahlrechts großdeutsch-liberal beherrscht. Der Konkurrenzkampf zwischen Liberalen, Konservativen und den durch das Wahlrecht benachteiligten Sozialdemokraten führte in Innsbruck zu einer hochexplosiven Stimmung. Wie in anderen Städten der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich blieb es bei diesem Kulturkampf allzu oft nicht bei verbalen Schlagabtauschen. Besonders erbittert wurde von Politikern, Intellektuellen und Journalisten um die Vorherrschaft an den Universitäten gestritten, wurden hier doch die Eliten von morgen ausgebildet. Der Streit stoppte aber nicht an den Hochschulen. Nach den Reformen im Pressewesen von 1867 erreichten Zeitungen neue Dimensionen in der Reichweite. Konservative, Katholiken, Großdeutsche, Liberale und Sozialdemokraten hatten jeweils ihre Hauszeitungen. Die Leser dieser Blätter lebten in ihren eigenen Meinungsblasen. Die polemischen Artikel trafen auf ein Publikum, das gewillt war, der eigenen Meinung mit Gewalt Nachdruck zu verleihen. Das Duellwesen war per Gesetz zwar verboten, wurde im Sinne des militärischen und aristokratischen Ehrbegriffs als Mittel der Satisfaktion aber bis ins 20. Jahrhundert geduldet und war gängige Praxis. Schlagende Burschenschaften übernahmen das Duell und führen diese Tradition als Ehrenduell, Mensur, bis heute fort. Auch sonst hatten die Verbindungen ihren Ursprung im Militär. An deutschen Hochschulen entstanden als Keimzellen des Nationalgedanken nach den Napoleonischen Kriegen erste Korps. Während sich konservative Untertanen bei den Schützen zu paramilitärischen Verbänden zusammenschloss, erfreuten sich diese Verbindungen unter Akademikern großer Beliebtheit. Wie andere Vereine bezogen auch sie immer stärker politisch Stellung. Dabei kristallisierten sich die beiden Gegensätze katholisch, konservativ, kaisertreu und liberal, großdeutsch, national heraus. Was heute als Widerspruch erscheint, liberal und national, war im 19. Jahrhundert ein politisch übliches Gedankenpaar. Der Pangermanismus war keine politische Besonderheit einer rechtsradikalen Minderheit. Wer als modern gelten wollte, betrachtete sich nicht als Untertan des althergebrachten Vielvölkerstaats der Habsburgermonarchie, sondern strebte nach der alldeutschen Nation. Ein militärisch und wirtschaftlich starker, nicht zwingend demokratischer, ethnisch möglichst uniformer Staat, der alle deutschsprachigen Länder nach preußischem Vorbild vereinte. In Innsbruck schlossen sich Studenten 1859 zu einem Korps zusammen, um Grenzdienst im Italienischen Unabhängigkeitskrieg zu leisten. Das Corps Rhaetia, die Chinisia und die Athesia waren die ersten Verbindungen an der Universität, die öffentlich auftraten. Wenig später fanden sich die katholischen Studenten unter der bis heute bestehenden akademischen Verbindung Austria zusammen. Ein Drittel der Studenten an der Innsbrucker Universität war um die Jahrhundertwende in einer Verbindung, einem Korps oder einer Burschenschaft. Anders als heute war es nicht ungewöhnlich, dass sie sich in voller Wichs in ihren Farben, der Uniform samt Säbel, Barett und Band in der Öffentlichkeit zeigten. Nicht selten waren sie auch mit Stock, Schlagring und Revolver bewaffnet. Die Hälfte der Verbindungen war deutschnational orientiert und trug vielsagende Namen wie Suevia oder Germania. Sie bezogen ihre Ideologie von der Los-von-Rom Bewegung des Deutschradikalen Georg Ritter von Schönerer (1842 – 1921), der selbst einige Male bei Veranstaltungen in Innsbruck zu Gast war. An den weltlichen Fakultäten war die Mehrheit der Professoren deutschnational orientiert. Auf die Gesamtbevölkerung der Stadt gesehen, die 1910 noch immer zu 96% katholisch war, handelte es sich dabei um eine Minderheit, dank ihres gesellschaftlichen Einflusses aber um eine sehr einflussreiche. In den 1880er Jahren, später als an anderen österreichischen Universitäten, machte sich in diesem Klima der rassistische Antisemitismus auch in Innsbruck breit, obwohl es kaum jüdische Studenten oder Professoren an der Leopold-Franzens-Universität gab. Mit dem Erstarken der radikalen Ablehnung von Monarchie und Klerus an der Universität eskalierte die Situation ab den 1890er Jahren endgültig. Provokationen und Meinungsverschiedenheiten unter Professoren schafften es in die Schlagzeilen und ins Parlament, Konflikte zwischen katholischen und deutschnationalen Studenten endeten nicht selten in Schlägereien.

Die Wahrmund-Affäre, die sich im frühen 20. Jahrhundert ausgehend von der Universität Innsbruck über die gesamte K.u.K. Monarchie ausbreitete, war nur eines von vielen Beispielen. Ludwig Wahrmund (1860 – 1932) war Ordinarius für Kirchenrecht an der Juridischen Fakultät der Universität Innsbruck. Wahrmund, vom Tiroler Landeshauptmann eigentlich dafür ausgewählt, um den Katholizismus an der als zu liberal eingestuften Innsbrucker Universität zu stärken, war Anhänger einer aufgeklärten Theologie. Im Gegensatz zu den konservativen Vertretern in Klerus und Politik sah er als Reformkatholik den Papst nur als spirituelles Oberhaupt, nicht aber als weltlich Instanz, an. Studenten sollten nach Wahrmunds Auffassung die Lücke und die Gegensätze zwischen Kirche und moderner Welt verringern, anstatt sie einzuzementieren. Bis 1906 war Wahrmund Teil der Leo-Gesellschaft, die die Förderung der Wissenschaft auf katholischer Basis zum Ziel hatte. In einer Wandlung vom gemäßigten Saulus zum liberalen Saulus wurde er zum Obmann der Innsbrucker Ortsgruppe des Vereins Freie Schule, der für eine komplette Entklerikalisierung des gesamten Bildungswesens eintrat. Vom Reformkatholiken wurde er zu einem Verfechter der kompletten Trennung von Kirche und Staat. Seine Vorlesungen, verstärkt durch die Medien, erregten immer wieder die Aufmerksamkeit der Obrigkeit. Konservative Politiker und Medien tobten ob seiner Anzweiflung der Unauflöslichkeit der Ehe, während ihm Liberale und seine Anhänger unter den Professoren und Studenten applaudierten. Die deutschnationalen Akademiker erhielten Unterstützung von Bürgermeister Greil und den ebenfalls antiklerikalen Sozialdemokraten, auf konservativer Seite sprang die Tiroler Landesregierung in die Bresche. Die Wahrmund Affäre schaffte es als Kulturkampfdebatte bis in den Reichsrat. Für Christlichsoziale war es ein „Kampf des freisinnigen Judentums gegen das Christentum“ in dem sich „Zionisten, deutsche Kulturkämpfer, tschechische und ruthenische Radikale“ in einer „internationalen Koalition“ als „freisinniger Ring des jüdischen Radikalismus und des radikalen Slawentums“ präsentierten. Wahrmund hingegen bezeichnete in der allgemein aufgeheizten Stimmung katholische Studenten als „Verräter und Parasiten“. Als Wahrmund 1908 eine seiner Reden, in der er die christliche Moral und die katholische Heiligenverehrung anzweifelte, in Druck bringen ließ, erhielt er eine Anzeige wegen Gotteslästerung. Nach weiteren teils gewalttätigen Versammlungen sowohl auf konservativer und antiklerikaler Seite, studentischen Ausschreitungen und Streiks musste kurzzeitig sogar der Universitätsbetrieb komplett eingestellt werden. Wahrmund wurde zuerst beurlaubt, später an die deutsche Universität Prag versetzt.

Im Februar 1910 spielten sich in Innsbruck bürgerkriegsähnliche Szenen ab, die als Breinößlschlacht Eingang in die Stadtgeschichte fanden. Die katholischen Verbindungen Tirolia, Raeto Bavaria und Leopoldina hatten ihr Vereinslokal im Gasthof Breinößl in der Maria-Theresien-Straße. Mitglieder des rivalisierenden Corps Gothia attackierten einige Studenten der Tirolia im Gasthof. Der Wirt Franz Hofer, Vater des späteren Gauleiters und selbst wohl deutschnational orientiert, rief die Polizei, um die katholischen Studenten aus seinem Lokal werfen zu lassen. Tags darauf kam es erneut zu Provokationen unter den Verbindungen, die in einer Massenschlägerei mit mehr als 100 Kombattanten. Studenten untereinander und herbeigerufene Polizisten lieferten sich eine Straßenschlacht, bei der mehrere Personen verletzt wurden. Die Innenräume des Gasthof Breinößl wurden verwüstet. Am nächsten Tag fand die Gewaltorgie mit einer Schlägerei mit 250 Beteiligten und der Zerstörung des Cafe Zentral und des benachbarten Akademikerhauses der katholischen Verbindung ein Ende. Der traurige Höhepunkt des Innsbrucker Kulturkampfes endete zwei Jahre später tödlich. Studenten der Verbindungen Raeto Bavaria und Austria waren in der Nacht des 4. November am Heimweg von einem Tanzabend, als sie von deutschnationalen Burschen angegriffen wurden. Bei der darauffolgenden Schlägerei vor dem Gasthof Breinößl in der Maria-Theresienstraße erlitt der Medizinstudent Max Ghezze (1889 – 1912) einen Schlag auf den Hinterkopf. Die Polizisten brachten den Bewusstlosen in die Ausnüchterungszelle, wo er Stunden später von seinen Kommilitonen gefunden wurde. Ghezze verstarb wenig später in der Innsbrucker Klinik, wohl auch wegen der Behandlung durch die Polizei. Die der Tat verdächtigten Mitglieder der Gothia wurden mangels Beweise wieder freigelassen. Proteste aus Cortina an die Statthalterei kritisierten die Stadtregierung und die Polizei und forderten sogar das reichsweit allgemeine Wahlrecht auch auf Gemeindeebene, das die Alleinregierung der Deutschen Volkspartei und die damit einhergehende Einflussnahme auf die Exekutive Wilhelm Greils im Stadtrat wohl beendet hätte.

Der Erste Weltkrieg brachte eine Verschnaufpause im Kampf um die ideologische Vormachtstellung an der Universität. Die Politik der 1920er und 30er Jahre mit den bürgerkriegsähnlichen Spannungen zwischen Christlich-Sozialen, Sozialdemokraten und Deutschnationalen, die zuerst im katholischen Ständestaat und dann im Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland endeten, hatte ihre Wurzeln im Kulturkampf. Aus den inkorporierten Studenten von einst waren Professoren, Anwälte, Historiker, Lehrer und Ärzte geworden. Ihrem jugendlichen politischen Extremismus hatten sie die Erfahrungen eines Weltkrieges, der Inflation und mehreren wirtschaftlichen und politischen Krisen hinzugefügt. Was blieb waren die autoritäre Obrigkeitshörigkeit, Gewaltbereitschaft und Antisemitismus, die an die nächste Generation junger Männer weitergegeben wurde.

Universitätsstadt Innsbruck

1669 gilt als das offizielle Gründungsjahr einer der wichtigsten Institutionen der Innsbrucker Stadtgeschichte. Am 15. Oktober gab Kaiser Leopold I. den Tirolern das Privileg des „Haller Salzaufschlags“. Diese Steuer auf die begehrte Handelsware aus der hauseigenen Saline machte es möglich, eine Universität zu finanzieren. Die Basis für eine Hochschule war zu diesem Zeitpunkt bereits gelegt. Die Universität ging aus der Lateinschule hervor, die von den Jesuiten etwas mehr als hundert Jahre zuvor unter Ferdinand I. gegründet worden war. Der Schwerpunkt am Gymnasium lag auf der klassischen humanistischen Bildung. Latein und Griechisch waren notwendige Schwerpunkte im Unterricht, um dem intellektuellen und politischen Diskurs folgen zu können. Wissenschaftliche Bücher und viele andere Schriftstücke wurden in der Frühen Neuzeit noch immer auf Latein verfasst. Auch für höhere Posten im öffentlichen Dienst war Latein Voraussetzung. Die Universität brachte neue Ausbildungsmöglichkeiten nach Innsbruck. Die erste Fakultät, die den Lehrbetrieb aufnahm, war die Philosophie. Theologie, Recht und Medizin folgten kurz darauf. Als Papst Innozenz XI. der Universität 1677 seinen Segen gab, war der Betrieb schon voll angelaufen. Professoren und Studenten verschiedenster Nationalität tummelten sich in Innsbruck. Der Jesuitenorden war mit mehreren Lehrstühlen vertreten, andere Professoren wurden von der Diözese Brixen bestellt. Das führte zu Spannungen innerhalb der Universität, vertraten doch die Jesuiten vor allem die Interessen des Landesfürsten und Monarchen, während die Professoren der Diözese die politischen Interessen des Bischofs wahren wollten. Von einer Trennung von Staat, Kirche und Wissenschaft war man in dieser frühen Phase der Aufklärung noch weit entfernt. Dabei ging es um Posten, Macht, Geld und Einfluss, nicht nur innerhalb der Stadt.

Ein Studium dauerte für gewöhnlich sieben Jahre, bevor sich der Absolvent als Zeichen seines Status als Doktor einen Ring über den Finger streifen durfte. In den ersten beiden Jahren musste jeder Student der Philosophie widmen, bevor er sich für ein Gebiet entschied. Zum geisteswissenschaftlichen Unterricht kamen Kirchendienste, Theateraufführungen, Musizieren und praktische Dinge wie Fechten und Reiten, die im Leben eines gebildeten jungen Mannes nicht fehlen durften. Die Universität war aber mehr als ein Bildungsinstitut. 1665 hatte Innsbruck den Rang einer Residenzstadt verloren und damit an Prestige und Glanz verloren. Der Universitätsbetrieb machte diese Degradierung etwas wett, blieb die Aristokratie so zumindest in Form von Studenten erhalten. Studenten und Professoren veränderten das soziale Gefüge der Stadt. Im ersten Jahrzehnt nach der Gründung lehrten etwa 50 unterschiedliche Männer aus aller Herren Länder Philosophie in Innsbruck vor über 300 Studenten. Diese Intellektuellen waren ein bemerkenswertes Völkchen. Sie organisierten sich intern nach Landmannschaften, also nach Nationalitäten oder Sprachgruppen. Jede Landmannschaft mit genügend Mitgliedern hatte ihre Kleidung, Abzeichen und Orden und pflegte eigene Traditionen. Bei gesellschaftlichen Anlässen wie Prozessionen stachen Abordnungen wie die Congregation der heiligen Jungfrau, die sich aus Mitgliedern der jesuitisch geprägten Universität speiste, hervor. Die Professoren pflegten in ihren je nach Fachgebiet verschiedenfarbigen Samtmänteln aufzutreten. Das Tragen eines Schwertes, des gladius deambulatoris, war Studenten nach Absolvierung des ersten Jahres an der Universität erlaubt. Die jungen Männer aus besserem Hause traten, anders als die streng und sittlich gekleideten Einwohner Innsbrucks, bunt und keck nach der Art mittelalterlicher Gecken in Erscheinung. Sie sprachen in einer Art und Weise miteinander, die Uneingeweihten fremd und unverständlich war, offizielle Angelegenheiten wurden auf Latein abgehandelt.

Der streng überwachte studentische Alltag in Aula und den Hörsälen wurde von feuchtfröhlicher Abendunterhaltung, Ausflügen in die Umgebung Innsbrucks, Musizieren, kirchlichen Prozessionen und Theateraufführungen aufgelockert. Dabei kam es immer wieder zu Reibungen zwischen normalen Stadtbürgern und Angehörigen der Universität. Bei den Studenten handelte es sich trotz ihres gesellschaftlichen Ranges häufig genug nicht um strebsame Musterschüler, sondern um junge Burschen, die einen gewissen Lebensstil und Status gewohnt waren. Um ihnen Herr zu werden, bedurfte es eines eigenen Rechtssystems. Studenten unterlagen dem Universitätsrecht, das vom Stadtrecht losgelöst war. Freiheitsentzug, Geldbußen und sogar Landesverweise konnten von der Universität ausgesprochen werden. Nur für die Blutgerichtsbarkeit musste die Landesregierung angerufen werden. Studenten war es zum Beispiel offiziell auch verboten, über den Durst zu trinken. Geschah dies doch in einer der Wirtschaften Innsbrucks, so wurde der junge Delinquent ermahnt. Konnte oder wollte er die Rechnung nicht begleichen, konnte der geschädigte Wirt bei Gericht keine Anzeige einbringen, da übermäßiger der Ausschank alkoholischer Getränke an die Studentenschaft verboten war. Ehrverletzungen innerhalb universitärer Kreise konnten, ähnlich wie beim Militär, zu Duellen führen. Besonders in Paarung mit Alkohol waren Ausschreitungen nicht ungewöhnlich. So begaben sich im Januar 1674 „nit allein zu nächtlicher Zeit Ungelegenheiten, Rumores und ungereimte Handlungen“ und es wurden „Studenten der Universität angetroffen, die allerlei verbotene Waffen wie Feuerrohr, Pistolen, Terzerol, Stilett, Säbel, Messer…“ bei sich hatten. Um das Recht durchzusetzen, verfügte das Rektorat der Universität über eine eigene Truppe. Die Scharwache war mit Hellebarden bewaffnet und sollte die Rumores der Studenten so gut als möglich verhindern. Sechs Mann hatten Tag und Nacht bewaffneten Dienst, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es gab einen eigenen Carcer, um Übeltäter bei Wasser und Brot zu verwahren. Die Kosten dafür teilten sich die Stadt Innsbruck und die Universität.

Die Universität war und ist bis heute Politikum und Spiegel des allgemeinen Zeitgeistes. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war sie dafür da, staatstreue, katholische Beamten für den Staat auszubilden. Der Name Leopold-Franzens-Universität geht auf die beiden Kaiser Leopold und Franz zurück, unter denen sie jeweils gegründet wurde. Zweimal wurde die Universität zu einem Lyzeum herabgestuft oder gar ganz abgeschafft. Kaiser Josef II. schloss die Pforten der jesuitisch geprägten Bildungsanstalt ebenso wie die bayerische Verwaltung während der Napoleonischen Kriege. Kaiser Franz I., der in der Restauration wieder auf die traditionell katholische Linie der Habsburger umschwenkte, nahm 1826 die Neugründung vor. Unter Beobachtung blieb die Universität aber auch im Polizeistaat Metternichs, man fürchtete die nationalen und liberalen Studenten, die begannen sich in Verbindungen zusammenzurotten. Die geheime Staatspolizei war nicht nur in den Hörsälen, sondern auch sonst in den studentischen Kreisen präsent, um problematisches Gedankengut junger Aufwiegler möglichst früh im Keim zu ersticken. Die Industrialisierung und die damit einhergehenden neuen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Anforderungen an die Bildung veränderten den Universitätsbetrieb. Ganz im Geist der Zeit beschäftigte sich die Eröffnungsrede des Dekans der philosophischen Fakultät Prof. Dr. Joachim Suppan (1794 – 1864), mit einem praktischen Problem der Physik, damit „eine genauere Kenntnis der so wichtigen und nützlichen Erfindung der Dampfmaschine auch für die vaterländische Industrie, wo dieselbe bisher noch keine Anwendung hat,“ erreicht werde. Dass Suppan neben seinen Abschlüssen in Philosophie und Mathematik auch geweihter Priester war, zeigt den Einfluss, den die Kirche auch im 19. Jahrhundert auf das Bildungswesen hatte. Wie sehr die Universität neben der Kirche der staatlichen Obrigkeit verbunden war, zeigt Suppans abschließende Ermahnung in Richtung der Studenten, „dereinst dem Vaterlande durch Kenntnis und Tugend ersprießliche Dienste zu leisten“. Die Nationalitätenkonflikte der späten Monarchie spiegelten sich ebenfalls in der Universitätsgeschichte wider. Das universitäre Leben im späten 19. Jahrhundert war geprägt von den rivalisierenden Corps, Burschenschaften und Verbindungen. Studenten und Professoren radikalisierten sich, immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gruppierungen in unterschiedlichen Allianzen. Die einzigen Dinge, bei denen sich Liberale, Konservative und Deutschnationale einigen konnten, waren Antisemitismus und die Abneigung gegenüber Italienern. Die Zwischenkriegszeit brachte eine Fortsetzung der alten Konflikte. Viele der Studenten und Lehrenden hatten im Ersten Weltkrieg gedient und waren es gewohnt, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Der Apparat des Ständestaats der 1930er Jahre speiste sich aus den katholischen Verbindungen, deutschnationale Burschenschaften waren ein Standbein für den Nationalsozialismus. Die demokratische Republik Österreich und die allgemeine Emanzipation, die damit einherging, gefiel den gewohnt elitären Akademikern beider Seiten nicht. Die jungen Männer waren plötzlich nicht mehr alleine unter sich. Frauen und Söhnen von Handwerksfamilien war das Studium an der Universität lange nicht gestattet, nun war es zumindest theoretisch möglich, sich über diesen Weg hochzuarbeiten. Den ersten weiblichen Doktor der Juristerei der Universität feierte man fünf Jahre nach der Entstehung der Republik. Die Presse notierte:

„Am kommenden Samstag wird an der Innsbrucker Universität Fräulein Mitzi Fischer zum Doktor iuris promoviert. Fräulein Fischer ist eine gebürtige Wienerin. In Wien absolvierte sie auch das Gymnasium. Nach der Reifeprüfung oblag sie dem juristischen Studium der Universität Innsbruck. Die zukünftige Doktorin hat sämtliche Prüfungen mit Auszeichnungen absolviert, müßte also nach dem früheren Brauche sub auspiciis imperatoris promovieren. Jedenfalls ist Fräulein Fischer die erste Dame, die sich an der Innsbrucker Universität den juristischen Doktortitel erwirbt.“

Mit dem Anschluss an das Deutsche Reiche 1938 wurde die Universität ein weiteres Mal umbenannt. Nach dem Krieg wurde aus der Deutschen Alpenuniversität wieder die Leopold-Franzens-Universität. Erstaunlich ruhig, ähnlich wie schon 1848, verhielten sich die Studenten in Innsbruck im Jahr 1968. Während in anderen europäischen Städten die Studenten Treiber des Wandels waren, blieb man in Innsbruck unaufgeregt. In Paris flogen Pflastersteine, in Innsbruck gab man sich mit Boykotten und Sit-ins zufrieden. Es gab in den späten 1960ern und 70ern zwar einzelne Gruppen wie die Kommunistische Gruppe Innsbruck, das Komitee für Solidarität mit Vietnam, die sozialistische VSStÖ oder die liberal-katholische Aktion innerhalb der ÖH, zu einer Massenbewegung kam es nicht. Der allergrößte Teil der Studenten entstammte der Oberschicht und hatte die Matura in einem katholisch orientierten Gymnasium absolviert. Beethovens alte Weisheit, dass „solange der Österreicher noch braun´s Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht,“ traf zu. Nur wenige Studenten konnten sich für Solidarität mit Vietnam, Mao Zedong und Fidel Castro begeistern. Wer wollte schon die eigene Karriere aufs Spiel setzen, in einem Land, das von der Dreifaltigkeit aus Tiroler Tageszeitung, Bischof Paulus Rusch und dem Landtag mit absoluter Mehrheit der ÖVP dominiert wurde? Wer es trotzdem wagte, aufsässige Flugblätter oder linke Literatur zu verbreiten, musste mit medialer Diffamierung, einer Rüge durch das Rektorat oder gar dem Besuch der Staatsgewalt rechnen. Kritisiert wurden nur selten die Professoren, die im 20. Jahrhundert häufig noch Distanziertheit und den unnahbaren Nimbus der Frühen Neuzeit versprühten oder kaum Hehl aus ihrer politischen Gesinnung machten. Eher war die mangelhafte Ausstattung der bescheidenen Lehrsäle für die stets zunehmende Anzahl an Studenten. Die große Veränderung in den Universitäten wurde in Österreich nicht erkämpft, sondern gewählt. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky fielen die die Studiengebühren. Bildung wurde für eine größere Anzahl junger Menschen leist- und vorstellbar. Die Zahl der Studenten an österreichischen Hochschulen stieg dadurch zwischen 1968 und 1974 von 50.000 auf über 73.000 Menschen an.

Trotz aller Widrigkeiten und Kuriositäten durch die Jahrhunderte genoss die Universität Innsbruck seit ihren Anfangstagen meist einen sehr guten Ruf. Lehrende und Studierende sorgten im 20. und 21. Jahrhundert mehrfach für aufsehenerregende Leistungen in der Forschung. Victor Franz Hess wurde für seine Verdienste rund um die Erforschung der kosmischen Strahlung den Nobelpreis für Physik. Auch der Quantenphysiker Anton Zeilinger war an der Universität Innsbruck tätig, wenn auch nicht im Jahr 2022 bei seiner Verleihung. Den Nobelpreis für Chemie erhielten auch die Professoren Fritz Pregl, Adolf Windaus und Hans Fischer, wobei auch sie nicht mehr in Innsbruck tätig waren. Die Universitätsklinik erbrachte sowohl in Forschung und Ausbildung wie auch in der täglichen Versorgung der Stadt sehr gute Leistungen und zählt zu den Aushängeschildern Innsbrucks. Nicht nur in intellektueller und wirtschaftlicher Hinsicht ist die Universität wichtig für die Stadt. 30.000 Studierende bevölkern und prägen das Leben zwischen Nordkette und Patscherkofel. Die Zeit, in der junge Aristokraten in bunten Klamotten bei Prozessionen ausfällig werden, sind vorüber. Mittlerweile sind sie eher auf den Skipisten und Mountainbike-Trails zu finden. Das größte Problem, das die jungen Damen und Herren verursachen, sind auch keine Pogrome gegenüber nicht-deutschen Bevölkerungsgruppen. Ein großer Teil der Studierenden des 21. Jahrhunderts kommt selbst aus dem Ausland und treibt die Preise am Wohnungsmarkt seit den 1970erJahren auf Rekordhöhe. Im Oktober 1972 kam es zur Besetzung des Hexenhauses, einer leerstehenden Immobilie der Universität in der Schöpfstraße 24, die kurzerhand von einer Handvoll Studenten okkupiert wurde. Innsbruck gilt als die teuerste Landeshauptstadt, was Wohnraum betrifft, der Leerstand von Immobilien ist mehr als 50 Jahre nach der Hausbesetzung noch immer ein drängendes Problem. Wie sehr die Studierenden Innsbruck beleben, merkt man erst, wenn die Auswärtigen zwischen den einzelnen Semestern in ihre Heimat zurückkehren. Zehntausende beleben nicht nur das Nachtleben, sondern verpassen der Kleinstadt auch fast 400 Jahre nach der Gründung internationales Flair und hippe Urbanität. 

Das Jahr 1848 und seine Folgen

Das Jahr 1848 nimmt einen mythischen Platz in der europäischen Geschichte ein. Innsbruck war zwar nicht einer der Hotspots wie Paris, Wien, Budapest, Mailand oder Berlin, auch im Heiligen Land Tirol hinterließ das Revolutionsjahr aber seine Spuren. Im Gegensatz zum bäuerlich geprägten Umland hatte sich in Innsbruck ein aufgeklärtes Bildungsbürgertum entwickelt. Aufgeklärte Menschen wollten keine Untertanen eines Monarchen oder Landesfürsten mehr sein, sondern Bürger mit Rechten und Pflichten gegenüber einem modernen Staatswesen. Studenten und Freiberufler forderten politische Mitsprache, Pressefreiheit und Bürgerrechte. Arbeiter verlangten nach besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen. Besonders radikale Liberale und Nationalisten stellten sogar die Allmacht der Kirche in Frage. Im März 1848 entlud sich in vielen Städten dieses sozial und politisch hochexplosive Gemisch in Aufständen und Straßenkämpfen. In Innsbruck feierten einige Studenten und Professoren die neu erlassene Pressefreiheit mit einem Fackelzug. Im Großen und Ganzen ging die Revolution im gemächlichen Tirol aber ruhig vonstatten. Von einem spontanen Ausbruch der Emotionen oder gar einer Revolution zu sprechen wäre schon eine Übertreibung, der Termin des Zuges wurde wegen Schlechtwetter vom 20. auf den 21. März verschoben. Es kam kaum zu antihabsburgischen Ausschreitungen oder Übergriffen, ein verirrter Stein in ein Fenster der Jesuiten war einer der Höhepunkte der alpinen Variante der Revolution von 1848. Die Studenten unterstützten das Stadtmagistrat sogar dabei, die öffentliche Ordnung zu überwachen, um so dem Monarchen ihre Dankbarkeit für die neu gewährten Freiheiten und ihre Treue zu zeigen.

Die anfängliche Begeisterung für den Umsturz innerhalb der bürgerlichen Eliten wurde in Innsbruck in Folge schnell deutschnationalem, patriotischen Rausch abgelöst. Am 6. April 1848 wurde vom Gubernator Tirols die deutsche Fahne während eines feierlichen Umzugs geschwungen. Auch auf dem Stadtturm wurde eine deutsche Tricolore gehisst. Während sich Studenten, Arbeiter, liberal-nationalistisch gesinnte Bürger, Republikaner, Anhänger einer konstitutionellen Monarchie und katholische Konservative bei gesellschaftlichen Themen wie der Pressefreiheit nicht einig wurden, teilte man die Abneigung gegen die italienische Unabhängigkeitsbewegung, die von Piemont und Mailand ausgehend Norditalien erfasst hatte. Innsbrucker Studenten und Schützen zogen mit Unterstützung der k.k. Armeeführung ins Trentino, um die Unruhen und Aufstände im Keim zu ersticken. Bekannte Mitglieder dieses Korps waren der bereits in die Jahre gekommene Pater Haspinger, der bereits mit Andreas Hofer 1809 zu Felde zog, und Adolf Pichler. Johann Nepomuk Mahl-Schedl, vermögender Besitzer von Schloss Büchsenhausen, stattete sogar eine eigene Kompanie aus, mit der er zur Grenzsicherung über den Brenner zog. Die Kriegsfront machte aber nicht an den südlichen Landesgrenzen Halt. Auch die Stadt Innsbruck als politisches und wirtschaftliches Zentrum des multinationalen Kronlandes Tirol und Heimat vieler Italienischsprachiger wurde zur Arena des Nationalitätenkonflikts. In Kombination mit reichlich Alkohol bereiteten anti-italienische Gefühle in Innsbruck mehr Gefahr für die öffentliche Ordnung als der Ruf nach bürgerlichen Freiheiten. Ein Streit zwischen einem deutschsprachigen Handwerker und einem italienischsprachigen Ladiner schaukelte sich dermaßen auf, dass es beinahe zu einem Pogrom gegenüber den zahlreichen Betrieben und Gaststätten von italienischsprachigen Tirolern gekommen wäre.

Die relative Beschaulichkeit Innsbrucks kam dem in Wien unter Druck stehenden Kaiserhaus recht. Als es in der Hauptstadt auch nach dem März nicht aufhörte zu brodeln, floh Kaiser Ferdinand im Mai nach Tirol. Folgt man den Presseberichten aus dieser Zeit, wurde er von der Bevölkerung begeistert empfangen.

"Wie heißt das Land, dem solche Ehre zu Theil wird, wer ist das Volk, das ein solches Vertrauen genießt in dieser verhängnißvollen Zeit? Stützt sich die Ruhe und Sicherheit hier bloß auf die Sage aus alter Zeit, oder liegt auch in der Gegenwart ein Grund, auf dem man bauen kann, den der Wind nicht weg bläst, und der Sturm nicht erschüttert? Dieses Alipenland heißt Tirol, gefällts dir wohl? Ja, das tirolische Volk allein bewährt in der Mitte des aufgewühlten Europa die Ehrfurcht und Treue, den Muth und die Kraft für sein angestammtes Regentenhaus, während ringsum Auflehnung, Widerspruch. Trotz und Forderung, häufig sogar Aufruhr und Umsturz toben; Tirol allein hält fest ohne Wanken an Sitte und Gehorsam, auf Religion, Wahrheit und Recht, während anderwärts die Frechheit und Lüge, der Wahnsinn und die Leidenschaften herrschen anstatt folgen wollen. Und während im großen Kaiserreiche sich die Bande überall lockern, oder gar zu lösen drohen; wo die Willkühr, von den Begierden getrieben, Gesetze umstürzt, offenen Aufruhr predigt, täglich mit neuen Forderungen losgeht; eigenmächtig ephemere- wie das Wetter wechselnde Einrichtungen schafft; während Wien, die alte sonst so friedliche Kaiserstadt, sich von der erhitzten Phantasie der Jugend lenken und gängeln läßt, und die Räthe des Reichs auf eine schmähliche Weise behandelt, nach Laune beliebig, und mit jakobinischer Anmaßung, über alle Provinzen verfügend, absetzt und anstellt, ja sogar ohne Ehrfurcht, den Kaiser mit Sturm-Petitionen verfolgt; während jetzt von allen Seiten her Deputationen mit Ergebenheits-Addressen mit Bittgesuchen und Loyalitätsversicherungen dem Kaiser nach Innsbruck folgen, steht Tirol ganz ruhig, gleich einer stillen Insel, mitten im brausenden Meeressturme, und des kleinen Völkchens treue Brust bildet, wie seine Berge und Felsen, eine feste Mauer in Gesetz und Ordnung, für den Kaiser und das Vaterland."

Im Juni stieg auch der junge Franz Josef, damals noch nicht Kaiser, am Rückweg von den Schlachtfeldern Norditaliens in der Hofburg ab, anstatt direkt nach Wien zu reisen. Innsbruck war wieder Residenzstadt, wenn auch nur für einen Sommer. Während in Wien, Mailand und Budapest Blut floss, genoss die kaiserliche Familie das Tiroler Landleben. Ferdinand, Franz Karl, seine Frau Sophie und Franz Josef empfingen Gäste von ausländischen Fürstenhöfen und ließen sich im Vierspänner zu den Ausflugszielen der Region wie der Weiherburg, zur Stefansbrücke, nach Kranebitten und hoch hinauf bis Heiligwasser chauffieren und unternahmen Wanderungen. Wenig später war es allerdings vorbei mit der Gemütlichkeit. Der als nicht mehr amtstauglich geltende Ferdinand übergab unter sanftem Druck die Fackel der Regentenwürde an Franz Josef I. Im Juli 1848 kam es in Wien in der Hofreitschule zur Abhaltung einer ersten parlamentarischen Sitzung. Eine erste Verfassung wurde in Kraft gesetzt. Der Reformwille der Monarchie flachte aber schnell wieder ab. Das neue Parlament war ein Reichsrat, es konnte keine bindenden Gesetze erlassen, der Kaiser besuchte es Zeit seines Lebens nie und verstand auch nicht, warum die Donaumonarchie als von Gott eingesetzt diesen Rat benötigt.

Die zart in Gang gesetzte Liberalisierung nahm in den Städten trotzdem ihren Lauf. Innsbruck erhielt den Status einer Stadt mit eigenem Statut. 1850 trat das „Provisorische Gemeindegesetz für die Landeshauptstadt Innsbruck“ in Kraft:“

„Die Gemeinde hat für die Reinlichkeitspolizei zu sorgen, sie sorgt für die Pflasterung und Erhaltung der Straßen, Gassen und Wege mit Ausnahme jener, deren Erhaltung dem Reichsschatze obliegt, und für die Beleuchtung, für Erhaltung und Reinigung der Hauptabzugskanäle, für Erhaltung der städtischen Brücken, Brunnen, Wasserleitungen und sonstigen Anlagen, dann der öffentlichen Badeanstalten. Sie handhabt die Gesundheits-, Feuer-, Markt-, Bau- und Straßenpolizei, führt die Aufsicht über die Bemarkungen, über Maß und Gewicht, ihr obliegt die Fürsorge der Approvisierung, sie trifft die polizeilichen Vorkehrungen und Abwendung der die Sicherheit der Person und des Eigentums durch Überschwemmung oder durch sonstige Elementarereignisse drohenden Gefahren.“

Das Innsbrucker Gemeinderecht sah ein Bürgerrecht vor, das zwar an Besitz oder die Abgabe von Steuern gebunden war, jedoch den Angehörigen der Gemeinde gewisse Rechte gesetzlich zusicherte. Das Heimatrecht konnte durch Geburt, Verehelichung oder außerordentlicher Verleihung erworben werden und verlieh zumindest den männlichen Volljährigen das Wahlrecht auf kommunaler Ebene. Geriet man in finanzielle Notlage, so hatte man das Anrecht auf eine Grundversorgung durch die Stadt. Innerhalb der Stadtregierung setzte sich dank des Mehrheitswahlrechtes nach Zensus die großdeutsch-liberale Fraktion durch, in der Händler, Gewerbetreibende, Industrielle und Gastwirte den Ton angaben. Am 2. Juni 1848 erschien die erste Ausgabe der liberal und großdeutsch gesinnten Innsbrucker Zeitung, der obiger Artikel zur Ankunft des Kaisers in Innsbruck entnommen ist. Konservative hingegen lasen das Volksblatt für Tirol und Vorarlberg. Gemäßigte Leser, die eine konstitutionelle Monarchie befürworteten, konsumierten bevorzugt den Bothen für Tirol und Vorarlberg. Mit der Pressefreiheit war es aber schnell wieder vorbei. Die zuvor abgeschaffte Zensur wurde in Teilen wieder eingeführt. Herausgeber von Zeitungen mussten einigen Schikanen der Obrigkeit unterziehen. Zeitungen durften nicht gegen Landesregierung, Monarchie oder Kirche schreiben.

"Wer durch Druckschriften andere zu Handlungen auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht, durch welche die gewaltsame Losreißung eines Theiles von dem einheitlichen Staatsverbande... des Kaiserthums Österreich bewirkt... oder der allgemeine öster. Reichstag oder die Landtage der einzelnen Kronländer... gewalttätig stört... wird mit schwerem Kerker von zwei bis zehn Jahren Haft bestraft."

Nachdem Innsbruck 1849 Meran auch offiziell als Landeshauptstadt abgelöste hatte und somit auch endgültig zum politischen Zentrum Tirols geworden war, bildeten sich Parteien. Mit der Gründung der Katholisch-konservativen Fraktion und den Liberalen bildete sich ein Gedankenpaar heraus, das bis zum Ersten Weltkrieg nicht nur die Politik prägte. Vereine aller Art als politische Vorfeldorganisationen und Zeitungen bildeten die Demarkationslinien, an denen sich die Gesellschaft in allen Fragen des Lebens von der Wiege bis zur Bahre spaltete. Ab 1868 stellte die liberal und großdeutsch orientierte Partei den Bürgermeister der Stadt Innsbruck. Der Einfluss der Kirche nahm in Innsbruck im Gegensatz zu den Umlandgemeinden ab. Individualismus, Kapitalismus, Nationalismus und Konsum sprangen in die Bresche. Neue Arbeitswelten, Kaufhäuser, Theater, Cafés und Tanzlokale verdrängten Religion zwar auch in der Stadt nicht, die Gewichtung wurde durch die 1848 errungenen bürgerlichen Freiheiten aber eine andere.

Die wahrscheinlich wichtigste Gesetzesänderung im Rahmen des Jahres 1848 war das Grundentlastungspatent. In Innsbruck hielt der Klerus, vor allem das Stift Wilten, einen großen Teil des bäuerlichen Grundbesitzes. Kirche und Adel waren nicht steuerpflichtig. 1848/49 wurden in Österreich Grundherrschaft und Untertänigkeitsverhältnis aufgehoben. Abgelöst wurden damit Grundzinsen, Zehent und Robot. Die Grundherren erhielten im Rahmen der Grundentlastung ein Drittel des Wertes ihrer Ländereien vom Staat, ein Drittel wurde als Steuererleichterung gewertet, ein Drittel der Ablöse mussten die Bauern selbst übernehmen. Sie konnten diesen Betrag in Raten innert zwanzig Jahren abzahlen. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Die Nachkommen der damals erfolgreichen Bauern genießen durch den geerbten Landbesitz, der auf die Grundentlastung 1848 zurückzuführen ist, die Früchte des Wohlstandes und auch politischen Einfluss durch Grundstücksverkäufe für Wohnbau, Pachten und Ablösen der öffentlichen Hand für Infrastrukturprojekte. Die grundbesitzenden Adeligen von einst mussten sich mit der Schmach abfinden, bürgerlicher Arbeit nachzugehen. Der Übergang vom Geburtsrecht zum privilegierten Status innerhalb der Gesellschaft dank finanzieller Mittel, Netzwerken und Ausbildung gelang häufig. Viele Innsbrucker Akademikerdynastien nahmen ihren Ausgang in den Jahrzehnten nach 1848.

Nicht nur für das gehobene Bürgertum und einige Großbauern, auch für die breite Masse änderte sich das Leben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das bis dato unbekannte Phänomen der Freizeit kam auf und begünstigte gemeinsam mit frei verfügbarem Einkommen einer größeren Anzahl an Menschen Hobbies. Zivile Organisationen und Vereine, vom Lesezirkel über Sängerbünde, Feuerwehren und Sportvereine, gründeten sich. Auch im Stadtbild manifestierte sich das Revolutionsjahr. Parks wie der Englische Garten beim Schloss Ambras oder der Hofgarten waren nicht mehr exklusiv der Aristokratie vorbehalten, sondern dienten den Bürgern als Naherholungsgebiete vom beengten Dasein. In St. Nikolaus entstand der Waltherpark als kleine Ruheoase. Einen Stock höher eröffnete im Schloss Büchsenhausen Tirols erste Schwimm- und Badeanstalt, wenig später folgte ein weiteres Bad in Dreiheiligen. Ausflugsgasthöfe rund um Innsbruck florierten. Neben den gehobenen Restaurants und Hotels entstand eine Szene aus Gastwirtschaften, in denen sich auch Arbeiter und Angestellte gemütliche Abende bei Theater, Musik und Tanz leisten konnten.

1796 - 1866: Vom Herzen Jesu bis Königgrätz

Die Zeit zwischen der Französischen Revolution und der Schlacht bei Königgrätz 1866 war eine kriegerische Periode. Viele der späteren politischen Grundhaltungen und Animositäten gegenüber anderen Gruppen sowie der europäische Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, die auch die Geschichte Innsbruck beeinflussen sollten, hatten ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen dieser Zeit. Die Monarchien Europas, angeführt von den katholischen Habsburgern, hatten der französischen Republik den Krieg erklärt. Das revolutionäre Paris war zwar weit weg und ein flächendeckendes Pressewesen zur Verbreitung von Nachrichten stand nicht zur Verfügung, über Flugblätter und die Kirchenkanzeln wurden die Gottlosigkeit der Mörder Marie Antoinettes aber erfolgreich verbreitet. Die Angst ging um, dass sich der Wahlspruch der Revolution „Liberté, Égalité, Fraternité“ samt seinen Grundsätzen in Europa ausbreiten könnte. Ein junger General namens Napoleon Bonaparte war mit seiner italienischen Armee im Rahmen der Koalitionskriege auf seinem Italienfeldzug 1796 über die Alpen vorgerückt und traf dort auf die österreichischen Truppen. Es war nicht nur ein Krieg um Territorium und Macht, es war ein Kampf der Systeme. Die Grande Armee der revolutionären Republik Frankreich traf auf die Truppen der konservativen und katholischen Habsburger. Tiroler Schützen waren aktiv am Kampfgeschehen beteiligt, um die Landesgrenzen gegen die einrückenden Franzosen zu verteidigen. Die Männer waren es gewohnt, mit Waffen umzugehen und galten als geübte Scharfschützen. Der Historiker Ludwig Denk drückte es in einer Schrift 1860 so aus:

„…Hauptlust des Tirolers ist das Schiessen. Frühe schon nimmt der Vater den Sohn mit auf die Jagd. Nicht selten sieht man Knaben mit geladenem Gewehr herumlaufen und auf hohe Berge steigen und Vogel oder Eichhörnchen schiessen…“

Die Stärke von Kompanien wie den 1796 ins Leben gerufenen Höttinger Schützen lag nicht in der offenen Feldschlacht, sondern im Guerrillakampf. Darüber hinaus hatten sie gegen die fortschrittlichste und modernste Armee der damaligen Zeit eine Geheimwaffe auf ihrer Seite: Das Herz Jesu. Seit 1719 waren jesuitische Missionare bis in die hintersten Seitentäler unterwegs gewesen und hatten den Herz-Jesu-Kult als verbindendes Element erfolgreich im Kampf gegen heidnische Bräuche und Protestantismus etabliert. Nun, da man den gottlosen revolutionären Franzosen gegenüberstand, war es nur logisch, dass das Herz Jesu nach 1703 erneut schützend über die Tiroler Gotteskrieger wachen würde. In aussichtsloser Situation erneuerten die Tiroler Truppen ihren Bund. Gegen jede Wahrscheinlichkeit waren die Schützen erfolgreich in ihrem Abwehrkampf. Der Abt des Klosters Stams beantragte bei den Landständen von nun an alljährlich "das Fest des göttlichen Herzens Jesu mit feierlichem Gottesdienst zu begehen, wenn Tirol von der drohenden Feindesgefahr befreit werde."

Die gewonnene Schlacht änderte nichts am verlorenen Krieg gegen die übermächtigen Truppen Napoleons, der wiederum nichts an der Tiroler Expansion änderte bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang Innsbrucks. Das habsburgische Territorium hatte sich während den Kriegswirren ohne nennenswerte Erfolge auf den Schlachtfeldern, und wohl auch ohne die Hilfe des Herzen Jesu, vergrößert. Das erzbischöfliche Trentino war in einem territorialen Kuhhandel mit dem sperrigen Namen Reichsdeputationshauptschluss in den letzten Atemzügen des Heiligen Römischen Reiches vor dessen Auflösung 1803 zu einem Teil des Kronlandes geworden. Innsbruck hingegen war geschrumpft. Die verstorbenen Soldaten und die kriegsbedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten zu einem Rückgang der Einwohner von gut 9500 um das Jahr 1750 auf etwa 8800 in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Was in nackten Zahlen ausgedrückt wenig spektakulär klingt, hatte eine Stagnation des Stadtlebens zur Folge. Die jungen Männer fehlten als Arbeitskräfte, Ehemänner und Väter. Diese kriegsbedingte Rezession ist kaum Thema in der Stadtgeschichte. Am ehesten kann das fast vollkommene Fehlen biedermeierlicher Architektur im Innsbrucker Stadtbild als Erinnerungsort für diese schwierigen Jahre gesehen werden. 

Nach den Napoleonischen Kriegen und der Neuordnung Europas am Wiener Kongress blieb es für etwa 30 Jahre ruhig an den Tiroler Landesgrenzen. Das änderte sich mit dem italienischen Risorgimento, der Nationalbewegung unter Führung Sardinien-Piemonts und Frankreichs. 1848, 1859 und 1866 kam es zu den sogenannten Italienischen Einigungskriegen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts, spätestens seit 1848, war es unter jungen Männern der Oberschicht in ganz Europa zu einem regelrechten nationalen Rausch gekommen. Freiwilligenheere schossen überall aus dem Boden. Studenten und Akademiker, die sich in ihren Verbindungen zusammentaten, Turner, Schützen, alle wollten ihre neue Liebe zur Nation auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen und unterstützten die offiziellen Armeen im Kampf gegen welchen Feind auch immer. Innsbruck war in dieser Zeit als Garnisonsstadt ein wichtiger Versorgungsposten. Nach dem Wiener Kongress war aus dem Tiroler Jägerkorps das k.k. Tiroler Kaiserjägerregiment geworden, eine Eliteeinheit, die in diesen Auseinandersetzungen zum Einsatz kam. Auch freiwillige Einheiten wie die Innsbrucker Akademiker oder die Stubaier Schützen kämpften in Italien. Tausende fielen im Kampf gegen die Koalition aus dem Erzfeind Frankreich, den als besonders gottlos geltenden Rothemden unter Giuseppe Garibaldi und der Bedrohung durch das sich auf Kosten Österreichs konstituierende Königreich Italien unter der Führung der frankophilen Savoyer aus Piemont. Medien heizten die Stimmung abseits der Frontlinie auf. Die "Innsbrucker Zeitung" predigte in ihren Artikeln Kaisertreue und großdeutsch-tirolischen Nationalismus, wetterte gegen das Italienertum und Franzosen und pries den Mut Tiroler Soldaten.

"Die starke Besetzung der Höhen am Ausgange des Valsugana bei Primolano und le Tezze gab schon oft den Innsbrucker-Akademikern I. und den Stubaiern Anlaß, freiwillige Ercur:sionen gegen le Tezze, Fonzago und Fastro, als auch auf das rechte Brenta-Ufer und den Höhen gegen die kleinen Lager von den Sette comuni zu machen...Am 19. schon haben die Stubaier einige Feinde niedergestreckt, als sie sich das erste mal hinunterwagten, indem sie sich ihnen entgegenschlichen..."

Die wohl bekannteste Schlacht der Einigungskriege fand in Solferino 1859 in der Nähe des Gardasees statt. Entsetzt vom blutigen Geschehen entschloss sich Henry Durant das Rote Kreuz zu gründen. Der Schriftsteller Joseph Roth beschrieb das Geschehen auf den ersten Seiten seines Romans Radetzkymarsch.

„In der Schlacht bei Solferino befehligte er (Anm.: Leutnant Trotta) als Leutnant der Infanterie einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei Schritte vor sich sah er die weißen Rücken seiner Soldaten. Die erste Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und sicher des Sieges. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrunken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe.“

Besonders verlustreich für das Kaiserreich Österreich war das Jahr 1866. In Italien gingen Venetien und die Lombardei verloren. Im Norden erfuhr das habsburgische Heer in der Schlacht von Königgrätz eine verheerende Niederlage. Nach diesem kurzen „Bruderkrieg“ übernahm Preußen die Führung im Deutschen Bund, der Nachfolgeorganisation des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, von den Habsburgern. Die Neuorientierung des Kaisertums Österreich Richtung Osten bedeutete für Innsbruck, dass man endgültig zu einer Stadt an der westlichen Peripherie des Reiches geworden war. Damit einher ging eine Renaissance der nationalen Idee, die vor allem im liberalen Großbürgertum Innsbrucks weit verbreitet war. Die Vorliebe für die sogenannte Großdeutsche Lösung, also einer gemeinsamen Staatlichkeit mit dem Deutschen Reich anstatt der k.u.k. Monarchie, war in Innsbruck sehr stark ausgeprägt. Wie sehr diese Deutsche Frage die Stadt spaltete, zeigte sich noch über 30 Jahre später, als der Innsbrucker Gemeinderat dem Eisernen Kanzler Bismarck, der für den Bruderkrieg zwischen Österreich und Deutschland federführend verantwortlich war, eine Straße widmen wollte. Während sich kaisertreue Konservative entsetzt ob dieses Vorschlages zeigten, waren die großdeutschen Liberalen rund um Bürgermeister Wilhelm Greil begeistert. Nach dem Zweiten Weltkrieg half die verlorene Schlacht von Königgrätz bei der österreichischen Argumentation von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, war man doch bereits 1866 aus einem gesamtdeutschen Staat ausgeschieden.

Bis heute reichen die kriegerischen Auseinandersetzungen an den südlichen Tiroler Landesgrenzen in die Tradition und in das Stadtbild. Alljährlich wurden die Herz-Jesu-Feiern mit großem Pomp in der Presse besprochen und angekündigt. Der Kult wurde im 19. und im frühen 20. Jahrhundert zum explosiven Gemisch aus Aberglauben, Katholizismus und völkischem Nationalismus gegen alles Französische und Italienische. Unzählige Soldaten vertrauten ihr Wohl noch im Granatenhagel des Ersten Weltkriegs dem Herzen Jesu an. Neben der Gnadenmutter Cranachs ist das Flammenherz wohl bis heute das beliebteste christliche Motiv im Tiroler Raum und prangt auf der Fassade unzähliger Häuser. Mit dem Tummelplatz, dem Militärfriedhof Pradl und dem Kaiserjägermuseum am Berg Isel besitzt die Stadt mehrere Erinnerungsorte an diese blutigen Konflikte, bei denen viele Innsbrucker ins Feld zogen und nicht mehr zurückkehrten.

Der Erste Weltkrieg

Beinahe hätte nicht Gavrilo Princip, sondern ein Innsbrucker Student die Geschicke der Welt verändert. Der junge Mann prahlte 1913 vor einer Kellnerin mit seinen Plänen, den Thronfolger zu erschießen, wurde aber festgenommen vor er sie in die Tat umsetzen konnte. Erst als es ein Jahr später tatsächlich zu den die Welt verändernden Schüssen in Sarajevo kam, erschien am 30. Juni ein Artikel in den Innsbrucker Nachrichten über die Ereignisse. Welche Auswirkungen der daraufhin ausgebrochene Erste Weltkrieg auf die Welt und den Alltag der Menschen haben sollte, war nach dem Attentat auf Franz Ferdinand am 28. Juni nicht absehbar. Zwei Tage nach der Ermordung des Habsburgers in Sarajewo lasen Innsbrucker in der Zeitung aber bereits prophetisches: „Wir sind an einem Wendepunkte – vielleicht an dem Wendepunkte“ – der Geschicke dieses Reiches angelangt“. Auch in Innsbruck war die Begeisterung für den Krieg 1914 groß. Vom Wahlspruch der Zeit „Gott, Kaiser und Vaterland“ angetrieben, begrüßten die Menschen den Angriff auf Serbien zum allergrößten Teil einhellig. Politiker, Klerus und Presse heizten den allgemeinen Jubel an. Besonders „verdient“ machten sich bei der Kriegstreiberei die beiden Theologen Joseph Seeber (1856 – 1919) und Anton Müllner alias Bruder Willram (1870 – 1919), die mit ihren Predigten und Schriften wie „Das blutige Jahr“ den Krieg zu einem Kreuzzug gegen Frankreich und Italien erhoben. Neben dem kaiserlichen Appell „An meine Völker“, der in allen Medien des Reiches erschien, druckten die Innsbrucker Nachrichten am 29. Juli, dem Tag nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, einen Artikel rund um die Einnahme Belgrads durch Prinz Eugen im Jahr 1717. Der Ton in den Medien war feierlich, wenn auch nicht ganz ohne böse Vorahnung auf das, was kommen sollte.

„Der Appell des Kaisers an seine Völker wird tief ergreifen. Der innere Hader ist verstummt und die Spekulationen unserer Feinde aus Unruhen und ähnliche Dinge sind jämmerlich zu Schanden geworden. In alter und vielbewährter Treue stehen vor allem auch diesmal die Deutschen zu Kaiser und Reich: auch diesmal bereit, mit ihrem Blute für Dynastie und Vaterland einzustehen. Wir gehen schweren Tagen entgegen; niemand kann auch nur ahnen, was uns das Schicksal bescheiden wird, was es Europa, was es der Welt bescheiden wird. Wir können nur mit unserem alten Kaiser auf unsere Kraft und auf Gott vertrauen und die Zuversicht hegen, daß, wenn wir einig find und zusammenhalten, uns der Sieg beschieden sein muß, denn wir wollten den Krieg nicht und unsere Sache ist die der Gerechtigkeit!“

Viele Innsbrucker meldeten sich freiwillig für den Feldzug gegen Serbien, von dem man dachte, er wäre eine Angelegenheit weniger Wochen oder Monate. Von außerhalb der Stadt kam eine so große Anzahl an Freiwilligen zu den Stellungskommissionen, dass Innsbruck beinahe aus allen Nähten platzte. Wie anders es kommen sollte, konnte keiner ahnen. Schon nach den ersten Schlachten im fernen Galizien war klar, dass es keine Sache von Monaten werden würde. Kaiserjäger und andere Tiroler Truppen wurden regelrecht verheizt. Schlechte Ausrüstung, mangelnder Nachschub und die katastrophale des Oberkommandos unter Konrad von Hötzendorf brachten Tausenden den Tod oder in Kriegsgefangenschaft, wo Hunger, Misshandlung und Zwangsarbeit warteten. 1915 trat 0 Italien an der Seite Frankreichs und Englands in den Krieg ein. Im berühmt-berüchtigten Geheimvertrag von London wurden dem jungen Königreich für die Unterstützung im Kampf gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich von Seiten der Entente großzügige Gebietsgewinne versprochen. Am 23. Mai erklärte der ehemalige Verbündete dem Habsburgerreich den Krieg. Bis zur Verlegung der regulären Truppen von der Ostfront hing die Landesverteidigung an den Standschützen, einer Truppe, die aus Männern unter 21, über 42 oder mit Untauglichkeitsattest für den regulären Militärdienst bestand. Die Opferzahlen waren dementsprechend hoch. Vom Ortler im Westen über den nördlichen Gardasee bis zu den Sextener Dolomiten fanden die Gefechte des Gebirgskriegs statt. Innsbruck war nicht direkt von den Kampfhandlungen betroffen. Zumindest hören konnte man das Kriegsgeschehen aber bis in die Landeshauptstadt, wie in der Zeitung vom 7. Juli 1915 zu lesen war:

„Bald nach Beginn der Feindseligkeiten der Italiener konnte man in der Gegend der Serlesspitze deutlich Kanonendonner wahrnehmen, der von einem der Kampfplätze im Süden Tirols kam, wahrscheinlich von der Vielgereuter Hochebene. In den letzten Tagen ist nun in Innsbruck selbst und im Nordosten der Stadt unzweifelhaft der Schall von Geschützdonner festgestellt worden, einzelne starke Schläge, die dumpf, nicht rollend und tönend über den Brenner herüberklangen. Eine Täuschung ist ausgeschlossen. In Innsbruck selbst ist der Donner der Kanonen schwerer festzustellen, weil hier der Lärm zu groß ist, es wurde aber doch einmal abends ungefähr um 9 Uhr, als einigermaßen Ruhe herrschte, dieser unzweifelhafte von unseren Mörsern herrührender Donner gehört.“

Die Front war zwar weit von Innsbruck entfernt, der Krieg drang aber auch ins zivile Leben ein. Diese totale Einbeziehung der gesamten Gesellschaft ins Geschehen war ein neues Phänomen. Durch die Massenmobilmachung eines großen Teils der arbeitenden männlichen Bevölkerung kamen viele Betriebe zum vollkommenen Stillstand. Regale in Geschäften blieben leer, der öffentliche Verkehr kam zum Erliegen, Handwerker und Arbeiter waren zum Militärdienst verpflichtet. Unternehmen, die noch produzieren konnten, wurden der Kriegswirtschaft untergeordnet. Im Hungerwinter 1917 war die Innsbrucker Wirtschaft beinahe gänzlich zusammengebrochen. Lebensmittel, Kohle und Brennholz fehlten, Hunger und Kälte wurden in der Stadt zu erbitterten Feinden von Frauen, Kindern, Verwundeten und nicht Kriegstauglichen. Die Versorgung erfolgte in den letzten Kriegsjahren über Bezugsscheine. 500 g Fleisch, 60 g Butter und 2 kg Kartoffel waren die Basiskost pro Person – pro Woche, wohlgemerkt. Auf Archivbildern kann man die langen Schlangen verzweifelter und hungriger Menschen vor den Lebensmittelläden sehen. Immer wieder kam es zu Protesten und Streiks. Politiker, Gewerkschafter, Arbeiter und Kriegsheimkehrer sahen ihre Chance auf Umbruch gekommen. Unter dem Motto Friede, Brot und Wahlrecht vereinten sich unterschiedlichste Parteien im Widerstand gegen den Krieg. Auch das Stadtbild veränderte sich. In der Höttinger Au wurden Baracken zur Unterbringung von Kriegsgefangenen errichtet. Verwundetentransporte brachten eine so große Zahl Verletzter, dass viele eigentlich zivile Gebäude wie die sich gerade im Bau befindliche Universitätsbibliothek oder Schloss Ambras in Militärspitäler umfunktioniert wurden. Ein Vorgänger der Straßenbahnlinie 3 wurde eingerichtet, um die Verwundeten vom Bahnhof ins neue Garnisonsspital, die heutige Conradkaserne in Pradl, bringen zu können. Um der großen Zahl an Gefallenen Herr zu werden, wurde der Militärfriedhof Pradl angelegt.

Mit dem Kriegsende rückte auch die Front näher. Im Februar 1918 schaffte es die italienische Luftwaffe, drei Bomben auf Innsbruck abzuwerfen. In der Neuen Freien Presse wurde erstmals über den Geheimvertrag von London berichtet, was die Nervosität der Tiroler ob der drohenden Gebietsverluste südlich des Brenners anstachelte. Zu dieser Zeit war den meisten Menschen schon klar, dass der Krieg verloren war, und welches Schicksal Tirol erwarten würde, wie dieser Artikel vom 6. Oktober 1918 zeigt:

 „Aeußere und innere Feinde würfeln heute um das Land Andreas Hofers. Der letzte Wurf ist noch grausamer; schändlicher ist noch nie ein freies Land geschachert worden. Das Blut unserer Väter, Söhne und Brüder ist umsonst geflossen, wenn dieser schändliche Plan Wirklichkeit werden soll. Der letzte Wurf ist noch nicht getan. Darum auf Tiroler, zum Tiroler Volkstag in Brixen am 13. Oktober 1918 (nächsten Sonntag). Deutscher Boden muß deutsch bleiben, Tiroler Boden muß tirolisch bleiben. Tiroler entscheidet selbst über Eure Zukunft!

Am 4. November vereinbarten Österreich-Ungarn und das Königreich Italien schließlich einen Waffenstillstand. Das Recht, Gebiete der Monarchie zu besetzen, war ein Teil des Abkommens. Bei den Verbündeten im Deutschen Reich schrillten die Alarmglocken. Bereits am nächsten Tag rückten bayerische Truppen in Innsbruck ein. Deutschland befand sich noch im Krieg mit Italien und hatte Angst, die Front könnte nach Nordtirol und damit näher an das eigene Territorium verlegt werden. Zum großen Glück für Innsbruck und die Umgebung kapitulierte aber auch Deutschland eine Woche später am 11. November. So blieben die großen Kampfhandlungen zwischen regulären Armeen außen vor.

Trotzdem war Innsbruck in Gefahr. Gewaltige Kolonnen an militärischen Kraftfahrzeugen, Züge voller Soldaten und tausende ausgezehrte Soldaten, die sich zu Fuß auf den Heimweg von der Front machten, passierten die Stadt. Wer konnte, sprang auf einen der überfüllten Züge oder auf ein Auto, um die Front hinter sich zu lassen und nach Hause zu kommen. Im November 1918 kamen mehr als 270 Soldaten bei diesen waghalsigen Manövern ums Leben oder mussten in eines der Lazarette der Stadt eingeliefert werden. Die Stadt musste nicht nur die eigenen Bürger in Zaum halten, die Verpflegung garantieren, sondern sich auch vor Plünderungen schützen. Um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, bildete der Tiroler Nationalrat am 5. November eine Volkswehr aus Schülern, Studenten, Arbeitern und Bürgern. Am 23. November 1918 besetzten italienische Truppen die Stadt und das Umland. In Tirol waren über 80.000 italienische Soldaten stationiert, etwa 5000 mussten Unterschlupf in der ausgehungerten und elenden Stadt finden. Schulen wurden zu Kasernen. Der beschwichtigende Aufruf an die Innsbrucker von Bürgermeister Greil, die Stadt ohne Aufruhr zu übergeben, hatte Erfolg. Es kam zwar zu vereinzelten Ausschreitungen, Hungerkrawallen und Plünderungen, bewaffnete Auseinandersetzungen mit den Besatzungstruppen oder gar eine bolschewistische Revolution wie in München gab es aber nicht.

Die Bilanz des ersten Weltkriegs war verheerend für die Innsbrucker Bevölkerung. Mehr als 1200 verloren auf den Schlachtfeldern und in Lazaretten ihr Leben, etwa 600 wurden verwundet. Erinnerungsorte an den Ersten Weltkrieg und seine Opfer finden sich in Innsbruck vor allem an Kirchen und Friedhöfen. Das Kaiserjägermuseum am Berg Isel zeigt Uniformen, Waffen und Bilder des Schlachtgeschehens. Den beiden Theologen Anton Müllner und Josef Seeber sind in Innsbruck Straßennamen gewidmet. Auch nach dem Oberbefehlshaber der k.u.k Armee an der Südfront, Erzherzog Eugen, wurde eine Straße benannt. Vor dem Hofgarten befindet sich ein Denkmal für den erfolglosen Feldherren. An die italienische Besatzung erinnert der östliche Teil des Amraser Militärfriedhofs.

Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus

Politisch motivierte Gewalt prägte Österreich neben Hunger und Wohnungsnot in den 1920er und 1930er Jahren. Die beiden großen Volksparteien der jungen Republik, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich feindselig gegenüber. Beide Parteien bauten paramilitärische Blöcke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Straße mit Gewalt zu untermauern. Der Republikanische Schutzbund auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte Heimwehren, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie Bürgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktionäre beider Seiten hatten im Krieg an der Front gekämpft und waren dementsprechend militarisiert. Die Tiroler Heimatwehr konnte mit Unterstützung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zurückgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gründung der Republik, marschierten am ersten gesamtösterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrmänner durch die Stadt, um ihre Überlegenheit am höchsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Präsenz im öffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anhänger gewinnen. 1932 zählte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Berüchtigt wurde die sogenannte Höttinger Saalschlacht vom 27. Mai 1932. Hötting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser roten Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof Goldener Bär, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf mit über 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.

Nach diesen bürgerkriegsähnlichen Jahren setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfuß (1892 – 1934) durch. Sein Ziel war die Errichtung des sogenannten Österreichischen Ständestaats, heute besser bekannt unter dem Begriff Austrofaschismus. Der gesamte Staatsapparat wurde analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der Vaterländischen Front geeint werden: Antisozialistisch, autoritär, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Nicht wenige Menschen waren froh, dass das Parlament und der Mehrparteienstaat durch einen starken Mann ersetzt wurde, der Ruhe und Ordnung versprach. In Innsbruck kam es während dieses in vielen Städten Österreichs teils blutigen Umsturzes zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. März wurde das Parteihaus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol im Hotel Sonne geräumt. Der Anführer des Republikanischen Schutzbundes Gustav Kuprian wurde wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen des Schutzbundes entwaffnet. Die Tiroler Wochenzeitung wurde als Parteiorgan gegründet. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt. Die bis dato stark vertretenen Sozialdemokraten wurden aus der Stadtregierung entfernt. Dollfuß war in Tirol überaus populär, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg während einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am nächsten kam. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler Bürgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot für die Habsburger aufheben zu lassen. Diese Politik wurde von der katholischen Kirche unterstützt und schaffte es bis in die Verfassung von 1934: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“ Die Bindung an die Kirche verschaffte der Regierung Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die Vaterländische Front mit ihren paramilitärischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdrückung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zurück. Mutmaßliche und echte Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert, die Artikel glorifizierten das ländliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterstützt. Schulen wurden nach Geschlechtern getrennt und auch die Lehrpläne unterschieden sich, Hausarbeit für die Mädchen, vormilitärische Erziehung für die Buben. Die Kulturpolitik grenzte sich bewusst vom nationalsozialistischen, antiklerikalen Nachbarn im Norden ab. Theater und Musik sollten Österreich als den „besseren und zivilisierteren“ deutschen Staat zeigen.

Der Austrofaschismus sorgte aber, wenn überhaupt, nur kurz für Ruhe und Ordnung. Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Kanzler Dollfuß ums Leben kam. Hitler, der die Anschläge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich zunächst offiziell vom Geschehenen, was den geplanten Umsturz im Keim erstickte. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle über die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. In Innsbruck wurde im Gedenken an den zum Märtyrer stilisierten ermordeten Bundeskanzler auf „Verfügung des Regierungskommissärs der Landeshauptstadt Tirols“ der Platz vor dem Theater, wo er sich noch zwei Wochen zuvor mit Richard Steidl getroffen hatte, zum Dollfußplatz umgetauft. Sein Nachfolger an der Staatsspitze war mit Kurt Schuschnigg (1897 – 1977) ein gebürtiger Tiroler. Der Kriegsveteran aus altösterreichischem Kleinadel war Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung Austria. 1930 hatte der als Rechtsanwalt tätige Parlamentarier Schuschnigg die Ostmärkische Sturmschar gegründet, eine katholisch und antisemitisch geprägte paramilitärische Einheit, die das Gegengewicht zu den radikaleren Heimwehrgruppen bildeten. Als Unterrichtsminister und Justizminister war er maßgeblich für den gesellschaftlichen Rechtsruck im Ständestaat mitverantwortlich, unter anderem führte er die Todesstrafe wieder ein. Für die Innsbrucker Bevölkerung änderte sich unter dem neuen Kanzler wenig an der Alltagsmisere. Wirtschaftlich konnte der Ständestaat das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumreißen. Die staatlichen Investitionen in große Infrastrukturprojekte kamen nach der Wirtschaftskrise 1931 zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschränkung der sozialen Fürsorge, die zu Beginn der Ersten Republik eingeführt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als „Ausgesteuerte“ ausgeschlossen. Die Armut ließ die Kriminalitätsrate ansteigen, Überfälle, Raube und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bemühungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem großen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation für viele Menschen prekär. Eisenbahn, Industrialisierung, Flüchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des Möglichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweithöchste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise für Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter häufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnblöcke und Obdachlosenunterkünfte wie das Wohnheim für Arbeiter in der Amthorstraße im Jahr 1907 oder die Herberge in der Hunoldstraße errichtet worden, das genügte aber nicht um der Situation Herr zu werden.

In diesem Klima aus gesellschaftlicher Diktatur und wirtschaftlicher Not entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackensiedlungen, gegründet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgehängten, die im System keinen Platz fanden. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager in der Höttinger Au westlich der Stadt diente Obdachlosen als Notunterkunft. Die bis heute bekannteste und berüchtigtste innerstädtische Enklave war die Bocksiedlung am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und dem späteren Konzentrationslager Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gründerinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Das falsche Parteibuch zu haben genügte, um im Innsbruck des Ständestaates keinen leistbaren Wohnraum ergattern zu können, Rauth hatte als bekennender Kommunist das allerfalscheste. Sein Floß, die Arche Noah, mit dem er über Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte am Flussufer vor dem Gasthof Sandwirt, ohne je abzulegen. Nach und nach entstand örtlich am Rand der Stadt und sozial am Rand der Gesellschaft eine Siedlung, die von ihrem inoffiziellen Bürgermeister Johann Bock (1900 – 1975) wie eine unabhängige Kommune geleitet wurde. Er regelte den Alltag in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier. Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges verschärften die Wohnsituation in Innsbruck und ließen die Bocksiedlung wachsen. Um die 50 Unterkünfte sollen es am Höhepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafplätze genutzt, nachdem die letzten dort verwahrten Nationalsozialisten verlegt oder freigelassen worden waren. Die Bockala hatten einen fürchterlichen Ruf unter den braven Bürgern der restlichen Stadt, bei aller Geschichtsglättung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Oft waren es Bürger, die durch das System fielen, die sich in der Bocksiedlung niederließen. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren körperliche Gewalt und Kleinkriminalität an der Tagesordnung. Übermäßiger Alkoholkonsum war gängige Praxis. Asphaltierte Straßen, Kanalisation und Sanitäranlagen gab es ebenso wenig wie eine reguläre Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prekär, was die ständige Gefahr von Seuchen mit sich brachte. Ausstattung und Bauart der Behausungen waren ebenso heterogen wie ihre Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkuswägen, Holzbaracken, Wellblechhütten, Ziegel- und Betonhäuser. Innerhalb der Bocksiedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten Häuser und Wägen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden unter Johann Bock sogar ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgergärten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan. Fixe Grenzen gab es keine, Bockala zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status.  

Der Anfang vom Ende der Bocksiedlung waren die Olympischen Spielen 1964 und ein Brand in der Siedlung im Jahr zuvor. Eine Urban Legend behauptet, das Feuer sei vom Magistrat gelegt worden, um die Räumung des Viertels zu beschleunigen und den Bau des Olympischen Dorfes zu ermöglichen. 1967 verhandelten Bürgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erzählungen nach in alkoholgeschwängerter Atmosphäre, über das weitere Vorgehen und Entschädigungen seitens der Gemeinde für die Räumung. Bis zum faktischen Ende sollte es aber dauern. Erst 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer Mängel unter Zwang verlassen. Viele Bockala wurden in städtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und dem neu errichteten O-Dorf umgesiedelt. Die Sitten der Bocksiedlung lebten dort unter neuer Adresse noch einige Jahre fort, was zu einem guten Teil bis heute den schlechten Ruf dieser Stadtviertel ausmacht. Weniger gut verankert im Gedächtnis vieler Innsbrucker als die Legenden der Bocksiedlung ist die Zwischenkriegszeit, dabei ist diese Periode oft noch mehr Teil der Alltagskultur als wir wahrnehmen. In Kirchen wie in St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens sind Bilder mit Dollfuß als Beschützer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverbände, Rettungsgesellschaften und Alpinverbände, deren Wurzeln in diese Zeit zurückreichen. Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und mühsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv für das Buch „Bocksiedlung. Ein Stück Innsbruck“ des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.