Dollfußsiedlung & Fischersiedlung
Weingartnerstraße
Wissenswert
Die wohlgeordneten Häuschen im Sieglanger mit ihren Vorgärten an der ruhigen Straße erinnern an eine US-amerikanische Vorstadt aus den 1950er Jahren. Anders als die Suburbs auf der anderen Seite des Atlantiks entstand die Siedlung aber schon vor dem Krieg. Anfang der 1930er Jahre, das Elend der Weltwirtschaftskrise hatte mittlerweile auch in Tirol die Misere der Nachkriegszeit abgelöst, stand die Stadt Innsbruck vor einem Dilemma. Die Stadtkasse war leer bei gleichzeitig steigendem Zuzug nach Innsbruck. Die Menschen kamen in die Stadt, um Arbeit zu finden, obwohl die Arbeitslosigkeit auch hier für heutige Verhältnisse unvorstellbar groß war. Schätzungen zu Folge war in den frühen 1930er Jahren jeder vierte erwachsene Österreicher arbeitslos. Hinzu kam die Inflation, die, viel Vermögen vernichtet hatte. Mehrere Barackensiedlungen und Häuser wie die Bocksiedlung entwickelten sich wild und ungeordnet. Um dem städteplanerischen Chaos entgegenzuwirken, begann man unter Bürgermeister Franz Fischer und Bundeskanzler Engelbert Dollfuß den kommunalen Wohnbau voranzutreiben. Dafür bedurfte es allerdings der Hilfe der Republik, allein konnte die Kommune diese Pläne nicht finanzieren. Innsbruck ließ sich die geplanten „Randsiedlungsaktionen für Erwerbslose zu Nebenerwerbszwecken“ vom Bundes-Wohn- und Siedlungsfonds vorfinanzieren. Die Gebäude, die errichtet wurden, spiegelten die geistige Grundhaltung des austrofaschistischen Regimes des österreichischen Ständestaats unter Kanzler Engelbert Dollfuß und seines Nachfolgers Kurt Schuschnigg wider. Anders als die großen Wohnanlagen im Stile des von vielen verhassten Roten Wien sollten die kleinen, alleinstehenden Häuser mit Vorgarten eine ländliche Idylle simulieren. Eigentum sorgt für Sicherheit, Zufriedenheit und Staatstreue und sollte die Menschen von den Übeln des Sozialismus fernhalten, so die Denkweise. Die Bundesrepublik konnte über die Einschränkung des Spielraums bei der kommunalen Wohnungsvergaben auch ihren politischen Einfluss auf Gemeindeebene erhöhen. Jakob Alberts als Baudirektor der Stadt setzte dieses Projekt ab 1934 ohne seinen sonst gerne für die Planung herangezogenen, sozialdemokratisch orientierten Partner Theodor Prachensky um. Sowohl architektonisch wie auch ideologisch betrachtet war diese Siedlung im Westen der Stadt das Gegenteil von den Projekten in wie der Mandelsbergersiedlung in Wilten oder dem Pembaurblock in Pradl. Zwischen den Häusern wurden Kleintierställe geplant, die zusammen mit den Gärten eine teilweise Selbstversorgung ermöglichten. Die bäuerliche Familie als katholische Keimzelle sollte dem sozialistischen Ideal der großen, republikanischen Gemeinschaft entgegenstehen. Nach demselben Muster entstanden in den Folgejahren bis 1937 auch die Häuser der Lohbachsiesdlung an der Ulfiswiese und die Hörtnaglsiedlung bei den Allerheiligenhöfen. In den 1950er Jahren sollte der Innsbrucker Bischof Paulus Rusch den Gedanken der Kleinhaussiedlung mit eigenem Selbstversorgergarten zur Förderung des christlichen Zusammenlebens aufgreifen, um die Höttinger Au zu erschließen. Die zukünftigen Bewohner halfen bei der Errichtung ihrer Heimstätten mit. Um in den Genuss einer der begehrten Wohnungen zu kommen, musste man der Vaterländischen Front, der alles bestimmenden Einheitspartei, angehören. Eine der Siedlungen wurden nach dem Innsbrucker Bürgermeister Franz Fischer in Fischersiedlung benannt. Die zweite, die von der Baugesellschaft Heim von Siglanger Nr 61 – 93 errichtet wurde, taufte man Dr-Dollfuß-Siedlung. Der heutige Name kam mit dem Regimewechsel. Der nationalsozialistische Bürgermeister Egon Denz taufte die Häuschen 1938 in Sieglangersiedlung um. Trotz vieler Renovierungen sind die Häuschen mit dem markanten spitzen Dach, die man sonst vor allem aus Ostösterreich kennt, vielfach noch heute erhalten. Durch individuelle Um- und Anbauten ging der uniforme Charakter der Gebäude zwar ein wenig verloren, im Kern kann man aber die Einheitlichkeit noch erahnen. Mittlerweile ist der Sieglanger keine Sozialsiedlung mehr, sondern ein gutbürgerlicher Stadtteil am westlichen Stadtrand Innsbrucks. Der Verein Traditionsgemeinschaft Sieglanger trägt den Geist und das Gemeinschaftsgefühl der ehemaligen Siedler bis in die Gegenwart.
Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus
Politisch motivierte Gewalt prägte Österreich neben Hunger und Wohnungsnot in den 1920er und 1930er Jahren. Die beiden großen Volksparteien der jungen Republik, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich feindselig gegenüber. Beide Parteien bauten paramilitärische Blöcke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Straße mit Gewalt zu untermauern. Der Republikanische Schutzbund auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte Heimwehren, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie Bürgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktionäre beider Seiten hatten im Krieg an der Front gekämpft und waren dementsprechend militarisiert. Die Tiroler Heimatwehr konnte mit Unterstützung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zurückgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gründung der Republik, marschierten am ersten gesamtösterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrmänner durch die Stadt, um ihre Überlegenheit am höchsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Präsenz im öffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anhänger gewinnen. 1932 zählte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Berüchtigt wurde die sogenannte Höttinger Saalschlacht vom 27. Mai 1932. Hötting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser roten Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof Goldener Bär, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf mit über 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.
Nach diesen bürgerkriegsähnlichen Jahren setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfuß (1892 – 1934) durch. Sein Ziel war die Errichtung des sogenannten Österreichischen Ständestaats, heute besser bekannt unter dem Begriff Austrofaschismus. Der gesamte Staatsapparat wurde analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der Vaterländischen Front geeint werden: Antisozialistisch, autoritär, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Nicht wenige Menschen waren froh, dass das Parlament und der Mehrparteienstaat durch einen starken Mann ersetzt wurde, der Ruhe und Ordnung versprach. In Innsbruck kam es während dieses in vielen Städten Österreichs teils blutigen Umsturzes zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. März wurde das Parteihaus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol im Hotel Sonne geräumt. Der Anführer des Republikanischen Schutzbundes Gustav Kuprian wurde wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen des Schutzbundes entwaffnet. Die Tiroler Wochenzeitung wurde als Parteiorgan gegründet. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt. Die bis dato stark vertretenen Sozialdemokraten wurden aus der Stadtregierung entfernt. Dollfuß war in Tirol überaus populär, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg während einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am nächsten kam. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler Bürgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot für die Habsburger aufheben zu lassen. Diese Politik wurde von der katholischen Kirche unterstützt und schaffte es bis in die Verfassung von 1934: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“ Die Bindung an die Kirche verschaffte der Regierung Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die Vaterländische Front mit ihren paramilitärischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdrückung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zurück. Mutmaßliche und echte Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert, die Artikel glorifizierten das ländliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterstützt. Schulen wurden nach Geschlechtern getrennt und auch die Lehrpläne unterschieden sich, Hausarbeit für die Mädchen, vormilitärische Erziehung für die Buben. Die Kulturpolitik grenzte sich bewusst vom nationalsozialistischen, antiklerikalen Nachbarn im Norden ab. Theater und Musik sollten Österreich als den „besseren und zivilisierteren“ deutschen Staat zeigen.
Der Austrofaschismus sorgte aber, wenn überhaupt, nur kurz für Ruhe und Ordnung. Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Kanzler Dollfuß ums Leben kam. Hitler, der die Anschläge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich zunächst offiziell vom Geschehenen, was den geplanten Umsturz im Keim erstickte. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle über die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. In Innsbruck wurde im Gedenken an den zum Märtyrer stilisierten ermordeten Bundeskanzler auf „Verfügung des Regierungskommissärs der Landeshauptstadt Tirols“ der Platz vor dem Theater, wo er sich noch zwei Wochen zuvor mit Richard Steidl getroffen hatte, zum Dollfußplatz umgetauft. Sein Nachfolger an der Staatsspitze war mit Kurt Schuschnigg (1897 – 1977) ein gebürtiger Tiroler. Der Kriegsveteran aus altösterreichischem Kleinadel war Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung Austria. 1930 hatte der als Rechtsanwalt tätige Parlamentarier Schuschnigg die Ostmärkische Sturmschar gegründet, eine katholisch und antisemitisch geprägte paramilitärische Einheit, die das Gegengewicht zu den radikaleren Heimwehrgruppen bildeten. Als Unterrichtsminister und Justizminister war er maßgeblich für den gesellschaftlichen Rechtsruck im Ständestaat mitverantwortlich, unter anderem führte er die Todesstrafe wieder ein. Für die Innsbrucker Bevölkerung änderte sich unter dem neuen Kanzler wenig an der Alltagsmisere. Wirtschaftlich konnte der Ständestaat das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumreißen. Die staatlichen Investitionen in große Infrastrukturprojekte kamen nach der Wirtschaftskrise 1931 zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschränkung der sozialen Fürsorge, die zu Beginn der Ersten Republik eingeführt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als „Ausgesteuerte“ ausgeschlossen. Die Armut ließ die Kriminalitätsrate ansteigen, Überfälle, Raube und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bemühungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem großen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation für viele Menschen prekär. Eisenbahn, Industrialisierung, Flüchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des Möglichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweithöchste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise für Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter häufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnblöcke und Obdachlosenunterkünfte wie das Wohnheim für Arbeiter in der Amthorstraße im Jahr 1907 oder die Herberge in der Hunoldstraße errichtet worden, das genügte aber nicht um der Situation Herr zu werden.
In diesem Klima aus gesellschaftlicher Diktatur und wirtschaftlicher Not entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackensiedlungen, gegründet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgehängten, die im System keinen Platz fanden. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager in der Höttinger Au westlich der Stadt diente Obdachlosen als Notunterkunft. Die bis heute bekannteste und berüchtigtste innerstädtische Enklave war die Bocksiedlung am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und dem späteren Konzentrationslager Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gründerinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Das falsche Parteibuch zu haben genügte, um im Innsbruck des Ständestaates keinen leistbaren Wohnraum ergattern zu können, Rauth hatte als bekennender Kommunist das allerfalscheste. Sein Floß, die Arche Noah, mit dem er über Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte am Flussufer vor dem Gasthof Sandwirt, ohne je abzulegen. Nach und nach entstand örtlich am Rand der Stadt und sozial am Rand der Gesellschaft eine Siedlung, die von ihrem inoffiziellen Bürgermeister Johann Bock (1900 – 1975) wie eine unabhängige Kommune geleitet wurde. Er regelte den Alltag in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier. Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges verschärften die Wohnsituation in Innsbruck und ließen die Bocksiedlung wachsen. Um die 50 Unterkünfte sollen es am Höhepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafplätze genutzt, nachdem die letzten dort verwahrten Nationalsozialisten verlegt oder freigelassen worden waren. Die Bockala hatten einen fürchterlichen Ruf unter den braven Bürgern der restlichen Stadt, bei aller Geschichtsglättung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Oft waren es Bürger, die durch das System fielen, die sich in der Bocksiedlung niederließen. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren körperliche Gewalt und Kleinkriminalität an der Tagesordnung. Übermäßiger Alkoholkonsum war gängige Praxis. Asphaltierte Straßen, Kanalisation und Sanitäranlagen gab es ebenso wenig wie eine reguläre Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prekär, was die ständige Gefahr von Seuchen mit sich brachte. Ausstattung und Bauart der Behausungen waren ebenso heterogen wie ihre Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkuswägen, Holzbaracken, Wellblechhütten, Ziegel- und Betonhäuser. Innerhalb der Bocksiedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten Häuser und Wägen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden unter Johann Bock sogar ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgergärten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan. Fixe Grenzen gab es keine, Bockala zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status.
Der Anfang vom Ende der Bocksiedlung waren die Olympischen Spielen 1964 und ein Brand in der Siedlung im Jahr zuvor. Eine Urban Legend behauptet, das Feuer sei vom Magistrat gelegt worden, um die Räumung des Viertels zu beschleunigen und den Bau des Olympischen Dorfes zu ermöglichen. 1967 verhandelten Bürgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erzählungen nach in alkoholgeschwängerter Atmosphäre, über das weitere Vorgehen und Entschädigungen seitens der Gemeinde für die Räumung. Bis zum faktischen Ende sollte es aber dauern. Erst 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer Mängel unter Zwang verlassen. Viele Bockala wurden in städtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und dem neu errichteten O-Dorf umgesiedelt. Die Sitten der Bocksiedlung lebten dort unter neuer Adresse noch einige Jahre fort, was zu einem guten Teil bis heute den schlechten Ruf dieser Stadtviertel ausmacht. Weniger gut verankert im Gedächtnis vieler Innsbrucker als die Legenden der Bocksiedlung ist die Zwischenkriegszeit, dabei ist diese Periode oft noch mehr Teil der Alltagskultur als wir wahrnehmen. In Kirchen wie in St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens sind Bilder mit Dollfuß als Beschützer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverbände, Rettungsgesellschaften und Alpinverbände, deren Wurzeln in diese Zeit zurückreichen. Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und mühsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv für das Buch „Bocksiedlung. Ein Stück Innsbruck“ des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.
Eine Republik entsteht
Kaum eine Epoche ist schwerer zu fassen als die Zwischenkriegszeit. Die Roaring Twenties, Jazz und Automobile kommen einem ebenso in den Sinn wie Inflation und Wirtschaftskrise. In Großstädten wie Berlin gebärdeten sich junge Damen als Flappers mit Bubikopf, Zigarette und kurzen Röcken zu den neuen Klängen lasziv. In Innsbruck wurden im Cafe Gasthaus Zur Annasäule, dem späteren Alt-Innsbrucks American Drinks zum Five O`Clock Tea an der Bar im Rittersaal serviert. Die Ritterrüstungen können von der Maria-Theresien-Straße aus noch im Erker bewundert werden. Zum größten Teil gehörte Innsbrucks Bevölkerung als Teil der jungen Republik Deutsch-Österreich aber zur Fraktion Armut, Wirtschaftskrise und politischer Polarisierung. Schon die Ausrufung der Republik vor dem Parlament in Wien vor über 100.000 weniger begeisterten als viel mehr neugierigen und verunsicherten Menschen verlief mit Tumulten, Schießereien, zwei Toten und 40 Verletzten alles andere als reibungsfrei. Wie es nach dem Ende der Monarchie und dem Wegfall eines großen Teils des Staatsterritoriums weitergehen sollte, wusste niemand. Das neue Österreich erschien zu klein und nicht lebensfähig. Der Beamtenstaat des k.u.k. Reiches setzte sich nahtlos unter neuer Fahne und Namen durch. Die Bundesländer als Nachfolger der alten Kronländer erhielten in der Verfassung im Rahmen des Föderalismus viel Spielraum in Gesetzgebung und Verwaltung. Die Begeisterung für den neuen Staat hielt sich aber in der Bevölkerung in Grenzen. Nicht nur, dass die Versorgungslage nach dem Wegfall des allergrößten Teils des ehemaligen Riesenreiches der Habsburger miserabel war, die Menschen misstrauten dem Grundgedanken der Republik. Die Monarchie war nicht perfekt gewesen, mit dem Gedanken von Demokratie konnten aber nur die allerwenigsten etwas anfangen. Anstatt Untertan des Kaisers war man nun zwar Bürger, allerdings nur Bürger eines Zwergstaates mit überdimensionierter und in den Bundesländern wenig geliebter Hauptstadt anstatt eines großen Reiches. In den ehemaligen Kronländern, die zum großen Teil christlich-sozial regiert wurden, sprach man gerne vom Wiener Wasserkopf, der sich mit den Erträgen der fleißigen Landbevölkerung durchfüttern ließ. Auch andere Bundesländer spielten mit dem Gedanken, sich von der Republik abzukoppeln, nachdem der von allen Parteien unterstützte Plan sich Deutschland anzuschließen von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs untersagt worden war. Die diversen Tiroler Pläne allerdings waren besonders spektakulär. Von einem neutralen Alpenstaat mit anderen Bundesländern, einem Freistaat bestehend aus Tirol und Bayern oder von Kufstein bis Salurn, einem Anschluss an die Schweiz bis hin zu einem katholischen Kirchenstaat unter päpstlicher Führung gab es viele Überlegungen. Besonders populär war die naheliegendste Lösung. Es war nichts neues, sich als Deutscher zu fühlen. Warum sich also nicht auch politisch an den großen Bruder im Norden anhängen? Besonders unter städtischen Eliten und Studenten war dieser Wunsch sehr ausgeprägt. Der Anschlussplan erhielt in Tirol bei einer Abstimmung in Tirol einen Zuspruch von 98%, kam aber nie zustande. In Innsbruck konstituierte sich im Herbst 1918 aus den Mitgliedern des ehemaligen Landtages die Tiroler Nationalversammlung und der Tiroler Nationalrat, eine Konzentrationsregierung mit Mitgliedern aus allen Parteien. Dem Nationalrat unterstanden die Volks- und Bürgerwehren, die sich auf Gemeindeebene zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gebildet hatten, zumindest am Papier. Vor allem zwischen Innsbruck und dem Brenner befanden sich an den Bahnhöfen bis zu 50.000 Soldaten, die auf ihren Abtransport wartend für Probleme sorgten.
Anstatt ein Teil Deutschlands zu werden, war Tirol von den verhassten Wallschen okkupiert. Knapp zwei Jahre lang besetzten italienische Truppen nach Kriegsende Innsbruck. Nach den komplexen und langatmigen Friedensverhandlungen in Paris war es schließlich Gewissheit: Am 10. Oktober 1920 erfolgte der formale Anschluss Südtirols. Am Brenner ging der Schlagbaum nieder. Auf der Nordtiroler Seite entstanden nur wenige Amts- und Zollgebäude, im südlichen Teil des Dorfes aber schossen große Kasernen aus dem Boden, um die neue Grenze militärisch zusichern. Das historische Tirol war zweigeteilt. In Innsbruck und vielen anderen Tiroler Gemeinden wurden jahrelang alljährlich zu diesem Datum pompöse Trauerfeierlichkeiten veranstaltet. 1924 beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, Plätze und Straßen rund um den Hauptbahnhof nach Südtiroler Städten zu benennen. Der Bozner Platz sowie die Brixner- und die Salurnerstraße tragen ihre Namen bis heute. Viele Menschen zu beiden Seiten des Brenners fühlten sich verraten. Man hatte den Krieg zwar bei Weitem nicht gewonnen, als Verlierer gegenüber Italien sah man sich aber nicht. Der Hass auf Italiener erreichte in der Zwischenkriegszeit seinen Höhepunkt, auch wenn die Besatzungstruppen sich betont milde gab. Eine Passage aus dem Erzählband „Die Front über den Gipfeln“ von Karl Springenschmid aus den 1930ern spiegelt die allgemeine Stimmung wider:
„`Walsch (Anm.:Italienisch) werden, das wär das Ärgste!` sagt die Junge.
Da nickt der alte Tappeiner bloß und schimpft: `Weiß wohl selber und wir wissen es alle: Walsch werden, das wär das Ärgste.“
Ungemach drohte auch in der Innenpolitik. Die Revolution in Russland und der darauffolgende Bürgerkrieg mit Millionen von Todesopfern, Enteignung und kompletter Systemumkehr warf ihren langen Schatten bis nach Österreich. Die Aussicht auf sowjetische Zustände machte den Menschen Angst. Österreich war tief gespalten. Hauptstadt und Bundesländer, Stadt und Land, Bürger, Arbeiter und Bauern – im Vakuum der ersten Nachkriegsjahre wollte jede Gruppe die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten. Die Kulturkämpfe der späten Monarchie zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialisten setzte sich nahtlos fort. Die Kluft bestand nicht nur auf politischer Ebene. Moral, Familie, Freizeitgestaltung, Erziehung, Glaube, Rechtsverständnis – jeder Lebensbereich war betroffen. Wer sollte regieren? Wie sollten Vermögen, Rechte und Pflichten verteilt werden? Liberale und die aus Bauernbund, Volksverein und Katholischer Arbeiterschafthervorgegangene Tiroler Volkspartei stand der Sozialdemokratie gegenüber mindestens so ablehnend gegenüber wie der Bundeshauptstadt Wien und den italienischen Besatzern. Ein kommunistischer Umsturz war besonders in Tirol keine reale Gefahr, ließ sich aber medial gut als Bedrohung instrumentalisieren, um die Sozialdemokratie in Verruf zu bringen. 1919 hatte sich in Innsbruck zwar ein Arbeiter-, Bauer- und Soldatenrat nach sowjetischem Vorbild ausgerufen, sein Einfluss blieb aber gering und wurde von keiner Partei unterstützt. Ab 1920 bildeten sich offiziell sogenannte Soldatenräte, die aber wie die restliche Politik christlich-sozial dominiert waren. Das bäuerliche und bürgerliche Lager rechts der Mitte militarisierte sich mit der Tiroler Heimatwehr professioneller und konnte sich über stärkeren Zulauf freuen als linke Gruppen, auch dank kirchlicher Unterstützung. Die Sozialdemokratie wurde von den Kirchkanzeln herab und in konservativen Medien als Judenpartei und heimatlose Vaterlandsverräter bezeichnet. Allzu gerne gab man ihnen die Schuld am verlorenen Krieg und den Folgen gab. Der Tiroler Anzeiger brachte die Volksängste auf den Punkt: “Wehe dem christlichen Volke, wenn bei den Wahlen die Juden=Sozi siegen!“.
Während in den ländlichen Bezirken die Tiroler Volkspartei dominierte, konnte die Sozialdemokratie in Innsbruck unter der Führung von Martin Rapoldi trotz des starken Gegenwindes bei Wahlen ab 1919 stets zwischen 30 und 50% der Stimmen erringen. Der Gemeinderat umfasste mit der neuen Gemeinderatsordnung, die das allgemeine Wahlrecht aller Erwachsenen vorsah, von 1919 40 Mitglieder. Von 24.644 zur Wahlurne gerufenen Bürgern machten unglaubliche 24.060 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch eine gewisse Emanzipation machte sich bemerkbar. Bereits im ersten Gemeinderat mit freien Wahlen waren drei Frauen vertreten. Dass es mit dem Bürgermeistersessel für die Sozialdemokraten nicht klappte, lag an den Mehrheiten im Gemeinderat durch Bündnisse der anderen Parteien.
Die hohe Politik war aber nur der Rahmen des eigentlichen Elends. Martin Rapoldi brachte die Situation im September 1919 auf den Punkt: „Meine Herren, die Verfassungsfrage ist der Bevölkerung heute vollständig nebensächlich für den Augenblick, und ob das Land mehr Rechte oder weniger Rechte hat. Mehr Kartoffeln ist die Losung in unserem Lande.“ Immer wieder kam es in der Landeshauptstadt zu Plünderung und Hungerkrawallen. Wer über Geld verfügte, konnte sich am Schwarzmarkt mit Lebensmitteln versorgen, der Rest war auf milde Gaben aus den Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen. Noch lange nach dem Krieg bedurfte das Land Tirol Hilfe von auswärts, um die Bevölkerung zu ernähren. Unter der Überschrift „Erhebliche Ausdehnung der amerikanischen Kinderhilfsaktion in Tirol“ stand am 9. April 1921 in den Innsbrucker Nachrichten zu lesen: „Den Bedürfnissen des Landes Tirol Rechnung tragend, haben die amerikanischen Vertreter für Oesterreich in hochherzigster Weise die tägliche Mahlzeitenanzahl auf 18.000 Portionen erhöht.“Neben dem Hunger war die Krankenversorgung ein großes Thema. Die als Spanische Grippe in die Geschichte eingegangene Epidemie forderte in den Jahren nach dem Krieg auch in Innsbruck ihren Tribut. Genaue Zahlen wurden nicht erfasst, weltweit schätzt man die Zahl der Todesopfer auf 27 – 50 Millionen. In Innsbruck sollen es in der Blütezeit der Spanischen Grippe um die 100 Opfer täglich gewesen sein, die der Krankheit zum Opfer fielen. Viele Innsbrucker waren von den Schlachtfeldern nicht nach Hause zurückgekehrt und fehlten als Väter, Ehemänner und Arbeitskräfte. Viele von denen, die es zurückgeschafft hatten, waren verwundet und von den Kriegsgräueln gezeichnet. Noch im Februar 1920 veranstaltete der „Tiroler Ausschuss der Sibirier“ im Gasthof Breinößl „…zu Gunsten des Fondes zur Heimbeförderung unserer Kriegsgefangenen…“ einen Benefizabend. Dazu kam die Arbeitslosigkeit. Vor allem Beamte und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, hatten ihre Arbeit verloren, nachdem der Völkerbund seine Anleihe an herbe Sparmaßnahmen geknüpft hatte. Die Gehälter im öffentlichen Dienst wurden gekürzt. Es kam immer wieder zu Streiks. Der Tourismus als Wirtschaftsfaktor war ob der Probleme in den umliegenden, vom Krieg ebenfalls gebeutelten Ländern inexistent. Die vor dem Krieg boomende Baubranche brach komplett ein. Innsbrucks größte Firme Huter & Söhne hatte 1913 über 700 Mitarbeiter, am Höhepunkt der Wirtschaftskrise 1933 waren es nur noch 18. Der Mittelstand brach zu einem guten Teil zusammen. Der durchschnittliche Innsbrucker war mittellos und mangelernährt. Oft konnten nicht mehr als 800 Kalorien pro Tag zusammengekratzt werden. Die Kriminalitätsrate war in diesem Klima der Armut höher als je zuvor. Viele Menschen verloren ihre Bleibe. 1922 waren in Innsbruck 3000 Familien auf Wohnungssuche trotz eines städtischen Notwohnungsprogrammes, das bereits mehrere Jahre in Kraft war. In alle verfügbaren Objekte wurden Wohnungen gebaut. Am 11. Februar 1921 fand sich in einer langen Liste in den Innsbrucker Nachrichten über die einzelnen Projekte, die betrieben wurden, unter anderem dieser Posten:
„Das städtische Krankenhaus hat die Seuchenbaracke in Pradl aufgelassen und der Stadtgemeinde zur Herstellung von Notwohnungen zur Verfügung gestellt. Zur Errichtung von 7 Notwohnungen wurde der erforderliche Kredit von 295 K (Anm.: Kronen) bewilligt.“
In den ersten Jahren gab es kaum Verbesserungen im Alltag der Menschen. Die Zentralregierung hatte wenig Durchsetzungsvermögen in den fernen Bundesländern wie Tirol. Innsbruck begann zeitweise sogar, wie viele andere österreichische Gemeinden, eigenes Geld zu drucken. Die Menge des Geldes, das im Umlauf war, stieg zwischen 1920 und 1922 von 12 Milliarden Kronen auf über 3 Billionen Kronen an. Eine epochale Inflation war die Folge. Dann erwachte die Politik aus ihrer Lethargie. Unter Kanzler Ignaz Seipel konnte die Republik eine Völkerbundanleihe aufnehmen. Die Krone, ein Relikt aus der Monarchie, wurde am 1. Januar 1925 vom Schilling als offizielle Währung Österreichs abgelöst. Die alte Währung hatte gegenüber dem Dollar zwischen 1918 und 1922 mehr als 95% ihres Wertes respektive dem Wechselkurs vor dem Krieg verloren. Mit der Währungssanierung nach der Völkerbundanleihe rappelten sich aber nicht nur Banken und Bürger auf, auch die Bauaufträge der öffentlichen Hand nahmen wieder zu. Innsbruck modernisierte sich. Es trat das ein, was Wirtschaftswissenschaftler eine Scheinblüte nennen. Diese kurzzeitige, wirtschaftliche Erholung war eine Bubble, bescherte der Stadt Innsbruck aber große Wohnbau- und Infrastrukturprojekte. In Innsbruck gibt es keine bewussten Erinnerungsorte an die Entstehung der Ersten Republik. Die denkmalgeschützten Wohnanlagen wie der Schlachthofblock, der Pembaurblock, der Mandelsbergerblock, die Pembaurschule, das Städtische Hallenbad, die Höhenstraße auf die Hungerburg, die Bergbahnen auf Patscherkofel und Nordkette sind bis heute in Betrieb stehende Zeitzeugnisse. Die Stadt kaufte den Achensee und errichtete als Hauptaktionär der TIWAG das Kraftwerk in Jenbach. 1930 verband die Universitätsbrücke die Klinik in Wilten und die Höttinger Au. An der Sill entstanden die Pembaurbrücke und die Prinz-Eugen-Brücke. In der Reichenau eröffnete am 1. Juni 1925 der erste Flugplatz, der Innsbruck 65 Jahre nach der Eröffnung der Bahnlinie auch in den Luftverkehr involvierte. Viele Interessierte fanden sich auf der Wiese östlich der Stadt ein, um dem Event beizuwohnen. Ein Denkmal für die im Weltkrieg gefallenen Flieger wurde enthüllt, bevor die deutsche Fluglinie Aero Lloyd mit einer einmotorigen Fokker-Grulich F III Richtung München abhob. Im Herbst folgte die Einbindung des neuen Flugplatztes durch die französische Compagnie Internationale de Navigation in den Kurs Straßburg – Zürich – Innsbruck – Wien. Dank des waghalsigen Einsatzes des Piloten Raoul Stojsawljewic konnten von Innsbruck aus nun auch abgelegene Regionen und Schutzhütten mit Lebensmitteln versorgt werden, wie ein Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Juni 1926 zeigt:
„Bei schönem Wetter stieg gestern morgens Major Stojsawljewic von der deutschen Lufthansa mit seinem Apparat auf und flog Kühtai an, wo er aus geringer Höhe von der Brauerei „Löwenbräu“ gespendetes Gratisbier mittels Fallschirm abwarf. Um 10 Uhr wurd das Patscherkofelhaus angeflogen und Bier der Brauerei Zipf abgeworfen…“
Trotz der kurzzeitigen Höhenflüge war die Erste Republik auch auf lokaler Ebene eine schwere Geburt und sie sollte nicht lange Bestand haben, obwohl viel Positives seinen Anfang nahm. Aus Untertanen wurden Bürger. Was in der Zeit Maria Theresias begann, wurde nun unter neuen Vorzeichen weitergeführt. Der Wechsel vom Untertanen zum Bürger zeichnete sich nicht nur durch ein neues Wahlrecht, sondern vor allem durch die verstärkte Obsorge des Staates aus. Staatliche Regelungen, Schulen, Kindergärten, Arbeitsämter, Krankenhäuser und städtische Wohnanlagen traten an die Stelle des Wohlwollens von Grundherrn, Landesfürsten, wohlhabender Bürger, der Monarchie und der Kirche. Bis heute basiert vieles im österreichischen Staatswesen sowie im Innsbrucker Stadtbild und der Infrastruktur auf dem, was nach dem Zusammenbruch der Monarchie entstanden war. Auch gesellschaftliche Bräuche und alltägliche Lebenseinstellungen veränderten sich in der Republik nach dem Zusammenbruch der Monarchie. Der 1925 eingeführte Weltspartag erinnert alljährlich an die Einführung des Schillings und die Mahnung an Kinder und Erwachsene zum verantwortungsvollen Umgang mit Geld. Die Handschrift der jungen Massenparteien und das neue Verhältnis zwischen Zentralstaat und Bürger sind bei allem Lokalpatriotismus unübersehbar.