Das Stift Wilten als ordnende Hand

Das Stift Wilten als ordnende Hand

Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus,“ so steht es heute in Artikel 1 des Österreichischen Bundesverfassungsgesetzes geschrieben. Ministerien und ihre lokalen Vertretungen, die Magistrate, sind Vertreter einer säkularen Republik. Anders als in vielen anderen Regionen, sind in Österreich Staat und Religion getrennt. Das war nicht immer so. Über Jahrhunderte war es der Klerus, der Recht und Verwaltung ausübten. Kirchliche Institutionen wie Klöster waren dank ihrer gebildeten und schreibkundigen Brüder in der Spätantike die wichtigsten Verwaltungseinheiten, um Strukturen, Herrschaft, Gesetze, Besitzverhältnisse, Infrastruktur und öffentliche Ordnung zu orchestrieren. In Wilten führte eine kleine Gemeinschaft von Seelsorgern die Geschäfte der Region zwischen Nordkette und Brenner. Bereits im 6. Jahrhundert gab es nachweislich eine Kirche im heutigen Wilten. Die bayerischen Herzöge, die im frühen Mittelalter das Inntal zu ihrer Herrschaft zählten, nutzten die gebildeten Kirchenmänner nur allzu gerne, um die Verwaltung des Gebietes in geregelten Bahnen zu halten. 1128 übergab der Brixner Bischof Reginbert das Kloster an den damals frisch gegründeten Prämonstratenserorden. Im Archiv des Stift Wilten ist die Urkunde, die die Übernahme durch den Prämonstratenserorden aus dem Jahr 1138 bestätigt, noch erhalten. Bedenkt man, dass das Stammkloster in Premontre in Frankreich von Ordensstifter Norbert von Xanten erst 1120 gegründet wurde, erfolgte die Ausbreitung nach Tirol sehr schnell. Ausgehend von Frankreich schaffte es der Orden innerhalb weniger Jahrzehnte in ganz Europa vertreten zu sein. Der Armutsgedanke war bei den Prämonstratensern nicht so ausgeprägt wie bei den zeitgleich aufkommenden Franziskanern oder Dominikanern. Der ab 1582 als Heiliger verehrte Norbert war zwar ein Kirchenreformator, seine Abstammung aus dem Adel und seine politische Rolle als Erzbischof von Magdeburg und Berater des Königs konnte er bei aller Spiritualität nicht verleugnen. Mit der Übernahme der kirchlichen Rechte und Pflichten war die Grundherrschaft über Ländereien verbunden, über die das Stift verfügen konnte. Das Hochstift Brixen überschrieb dem Stift Wilten 1140 seinen ganzen Grundbesitz zwischen Berg Isel, Sill und Inn. Der mächtige bayerische Herzog Heinrich der Löwe schenkte dem Stift einen Erbhof aus seinem Besitz. Dazu kamen der Mentlberg und Ländereien im Sellraintal. Tirols vielleicht schönster Talschluss Lüsens ist bis heute ebenso in kirchlichem Besitz wie das Gasthaus Heiligwasser in Igls.

Dank des Landbesitzes war das Stift auch ein politischer Player. In diesen Ländereien hatte das Stift die niedere Gerichtsbarkeit, was alles umfasste, was nicht dem Blutgericht unterlag. 1180 war es das Stift Wilten, das den Grafen von Andechs die Gebiete südlich des Inns überließ, auf dem die Innsbruck gegründet wurde. Nicht nur 1180, auch 1339 und 1453 konnte die Erweiterung Innsbrucks erst nach dem Landerwerb von den Wiltenern erfolgen. In Angelegenheiten der Seelsorge und des Messdienstes war die Stadt vom Abt abhängig. So war das Recht, Beerdigungen durchzuführen lange ein Privileg des Stifts Wilten. Erst im späten Mittelalter erhielt Innsbruck dieses Privileg selbst. Die Pfarrkirche St. Jakob war lediglich eine Filialkirche. Mit viel Voraussicht ließ sich das Stift Wilten als Gegenleistung für den Landverkauf nicht nur kirchliche, sondern auch weltliche Sonderrechte vertraglich verankern. Die Kleine Sill, ein Kanal, der im Hochmittelalter angelegt worden war, versorgte die Stadt mit Wasser, das für die Handwerksbetriebe der Stadt unerlässlich war. Da der Kanal durch die Ländereien des Stiftes floss, hatte der Abt bis ins 16. Jahrhundert wie über so vieles andere die Verfügungsgewalt über das Nutzungsrecht. Das Stift besaß auch das wichtige Mühlrecht. Amraser, Pradler und Innsbrucker Bauern mussten im Mittelalter zu den Wiltener Mühlen an der Sill pilgern, um ihr Korn zu mahlen. Ging mittelalterlichen Städten das Brot aus, drohten Unruhen und Aufstände, war Getreide doch der Hauptbestandteil des täglichen Speiseplans. Das Wohl des Innsbrucker Stadtrates hing von Wilten ab, in vielen Dingen war man von der Gunst des Abtes abhängig. Das Verhältnis zwischen der kirchlichen Macht in Wilten in Person des Abtes und der weltlichen in Innsbruck in Person des Landesfürsten ähnelte dem andauernden Streit zwischen Papst und Kaiser im Mittelalter.

Neben den wirtschaftlichen Agenden war Innsbruck lange auch in Bildungsfragen vom Stift Wilten abhängig. Eine Klosterschule wurde 1313 erwähnt. Ruedger der Schulmeister fand als Dorfmeister sogar noch 10 Jahre eher Eingang in die Chronik Wiltens. Neben reger Tafelmalerei wurden von den Schülern wohl auch Bücher kopiert. Die Stadtschule bei der Kirche St. Jakob, einer Filiale des Stiftes Wilten, stand ebenfalls indirekt unter der Ägide des Abtes. Bis 1561 verhinderten die Äbte erfolgreich weitere Klosteransiedlungen in Innsbruck, um den Einflussbereich des Stiftes in der Stadt aufrechtzuerhalten. Erst in der Gegenreformation schaffte es der aus Spanien stammende, sich über viele örtliche Gepflogenheiten hinwegsetzende Landesfürst und spätere Kaiser Ferdinand I. mit den Jesuiten auch in der Stadt einen Orden anzusiedeln, um die Residenzstadt unabhängiger zu machen. Die Messen an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern oder Taufen wurden trotzdem in Wilten gefeiert. Ab dem 16. Jahrhundert begann der Einfluss der Kirche nach und nach zu schmelzen, auch wenn er sich noch über Jahrhunderte in der einen oder anderen Form halten konnte. Bis ins 20. Jahrhundert waren die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat um die Oberhoheit in verschiedenen Lebensbereich der Untertanen und Bürger, die die Macht- und Gesellschaftspolitik bestimmte. In der Zwischenkriegszeit war der katholische Glaube noch Staatsräson des Ständestaates unter den Bundeskanzlern Dollfuß und Schuschnigg, in der Bildungspolitik führt bis heute in vielen Grundsatzfragen kein Weg an der Kirche vorbei. Heute haben die Äbte von Wilten zwar keine politische Macht mehr, der Grundbesitz und der Wohlstand, der sich in den Räumlichkeiten des Stiftes widerspiegelt, sind ihnen aber nicht abhandengekommen.

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