Innsbrucker Kommunalbetriebe & Casino
Salurnerstraße 11 – 15
Wissenswert
1911 kaufte die Stadt unter Bürgermeister Wilhelm Greil nach jahrelangen Verhandlungen die sogenannten Zelgergründe bei der Triumphpforte von den Erben des Innsbrucker Unternehmers Karl Zelger. Die Zelgers hatten im Mode- und Textilbusiness seit dem frühen 19. Jahrhundert ein veritables Vermögen angehäuft. Das Familienanwesen samt großzügiger Garten- und Parkanlage reichte vom Landhausplatz bis in die heutige Salurnerstraße. Die in den Medien ausgetragene Diskussion, was mit diesem unverbauten Stück Land zwischen Innenstadt und Wilten geschehen sollte, war zum Zeitpunkt bereits seit Jahren in vollem Gange. Das rasch wachsende Viertel rund um den Bahnhof war während der letzten Jahrzehnte mit Geschäftslokalen, Fabriken und Wohnhäusern zugepflastert worden. Von einem Gewerbemuseum über ein Internat bis hin zu einem öffentlichen Park zur Erholung der gestressten Stadtbewohner reichten die Ideen. Umgesetzt wurde auf Grund des Kriegsausbruches vorerst keiner der kreativen Bebauungsansätze für den Bismarckplatz, gewidmet dem Eisernen Kanzler der Deutschen Reichseinigung von 1871. Anfang der 1920er Jahre legte Clemens Holzmeister einen ersten Vorschlag zur Modernisierung Innsbrucks auf dem noch immer unverbauten Landstrich vor. Die Zeit für sein Megaprojekt, das ein Hotel, Gastronomie, Büros und Wohnungen auf 10 Stockwerken umfasste, war noch nicht reif. Nicht nur fehlte es an finanziellen Mitteln, auch die Anrainer rannten Sturm gegen den geplanten Neubau. 1926 war der Geldmangel kurzfristig durch den Währungstausch Krone gegen Schilling und staatliche Anleihen behoben. Das siegreich aus einem Wettbewerb hervorgegangene Projekt von Lois Welzenbacher ließ die Diskussionen aber nicht verstummen, im Gegenteil. Anstelle eines Parkes wurde auf den Zelgergründen das Elektrizitätswerk Innsbruck errichtet. Nicht nur das Gebäude an und für sich, auch die Art, in der Welzenbacher Innsbrucks erstes Hochhaus geplant hatte, erregte die Gemüter. Der Altstadt sollte eine Neustadt gegenübergestellt werden. Stadtrat Richard Schober, selbst Ingenieur, schrieb in einem Artikel 1929 über das Verwaltungsgebäude der städtischen Licht- und Kraftwerke:
„Wenn man von den umgebenden Höhen auf die Stadt blickt, so erhebt sich wie eine Insel aus dem Häusermeere, weit alle übrigen Bauten überragend, eine wuchtige Baumasse, trutzig und stark wie eine mächtige Burg des Mittelalters.“
Die kubischen Elemente im Stil der Neuen Sachlichkeit, die schon beim Städtischen Hallenbad in der Amraserstraße die Geister schieden, galten vielen Menschen als Verschandelung, einigen wenigen als Wahrzeichen des Aufbruchs der Stadt in die Moderne. Professor Josef Manfreda, selbst Architekt und Unterrichtender an der Staatsgewerbeschule wütete über die Missachtung der Tiroler Bergwelt und die Verletzung des „gesunden und schlichten Gefühls der Bevölkerung“. Noch Jahre später beschäftigte das Gebäude, wie der Artikel das hochhaus auf dem bismarckplatz von Manfreda aus dem Jahr 1930 zeigt:
„das gegenwärtig so häufig in der beurteilung von bauwerken zu tage tretende missfallen an den kahlen mauerflächen ist ein natürliches, reaktionäres empfinden unseres verwöhnten auges, das die straßen überwiegend mit schweren gesimsen und fensterumrahmungen überladen sieht.“
Das schmucklose Gebäude mit den markanten zahlenfreien Zifferblättern war nicht nur optisch eine Herausforderung für viele Zeitgenossen. Waren es bisher Kirchtürme gewesen, die in ihrer Höhe und mit ihren Uhren den Alltag der Menschen überwachten und einteilten, überragte nun ein profanes Zweckgebäude die Stadt. Die moderne Architektur lockte nach 1938 die neue Obrigkeit an. Während des Nationalsozialismus quartierte sich die SS im dritten Stock des Amtsgebäudes ein. Während die SA ihren Sitz in einem Gründerzeithaus in der Bürgerstraße 10 hatte, die Gestapo in der Alten Universität in der Herrengasse residierte und die Gauleitung gegenüber vom Bismarckplatz das Neue Landhaus im monumentalen Klassizismus errichten ließ, wählte die elitäre SS ganz im Sinne des Aufbruchs in eine neue Zeit das Hochhaus als ihren Stützpunkt. Durch alliierte Luftangriffe erlitt das Hochhaus beträchtliche Schäden. 1947 begann die Renovierung, die gleichzeitig auch ein struktureller Umbau war. Der markante asymmetrische Eckturm des Gebäudes verschwand, die Fensterfronten erhielten ein komplett neues Design. Auch die Zwiebelhaube, die das Haus ähnlich wie eine barocke Kirche krönt, wurde im Rahmen einer Aufstockung um ein zusätzliches Stockwerk neu aufgesetzt. Das Hochhaus war weiterhin eine Attraktion. Auf einer Terrasse konnte man sich in einem Cafe über den Dächern der Stadt erfrischen. Mit der vorolympischen Bauwut der zweiten Spiele kam der Platz vor Innsbrucks erstem Hochhaus erneut unter die Schaufel. Anstatt die freie Fläche zu beleben und so dem Hauptgebäude der Innsbrucker Stadtwerke Wirkung zu verleihen, verdichtete man diesen innerstädtischen Raum. 1970 wurde mit dem Bau des dreistöckigen, wenig schmucken Geschäfts- und Bürogebäudes sowie dem 15stöckigen Hotel begonnen. Das Hochhaus im Stil des Beton Brut zählt zu den Bausünden dieser Zeit, die Innsbrucks Panorama bis heute nachhaltig negativ beeinflussen.
Im grenzenlosen Optimismus der frühen 1990er wurde das Casino an das Hotel angebaut. Für die gewagte Fassade aus grünem Marmor mit überhängender Stahl-Glas-Konstruktion unter einem schiefen flügelförmigen Dach erhielt das Gebäude 1993 den Österreichischen Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten. Der Brunnen am Vorplatz komplettiert das Ensemble am ehemaligen Bismarckplatz. Damit war die Verdichtung des innerstädtischen Platzes abgeschlossen, aus dem vor über 100 Jahren beinahe ein innerstädtischer Park geworden wäre.
Artikel 1930: das hochhaus auf dem bismarckplatz
als vor ungefähr 20 jahren architekt adolf loos mit dem hause am michaelerplatz in wien, mit der gänzlich kahlen fassadenwand, in der nur die quadratischen fensterlöcher eingeschnitten waren, auf den plan trat, brauste ein sturm der entrüstung durch die wiener kunst- und laienwelt (gab es doch im wiener gemeinderat eine erregte „looshausdebatte“). ich selbst, obwohl ich gerade einen prominenten führer der modernen österreichischen kunst zum lehrer hatte, konnte mich zunächst für diese bauliche nüchternheit – heute sagen wir sachlichkeit – auch nicht erwärmen. es fehlte nicht an spöttern dieser neuesten architektur, so hieß es damals in einer größeren wiener tageszeitung: kunstbrütend ging der modernste der architekten durch die straßen wiens – loos wurde darunter vor einem kanalgitter stehend und dasselbe anstarrend abgebildet und fand, was er so lange vergeblich suchte.
was nun damals als eine ausgeburt der kunstlosigkeit galt und von publikum, behörden und presse für unmöglich erklärt wurde, finden wir heute in noch gesteigertem maße in allen größeren städten deutschlands und frankreichs vom publikum als eine selbstverständlichkeit hingenommen. selbst in innsbruck sind einige neu- und umbauten (hochhaus, bauernheim usw.) aus diesem neuen gesichtspunkt der sachlichkeit erstanden. bald werden wir uns auch mit der uhr, die statt der ziffern bloße einzelstriche zeigt, befreundet haben, und es wird nur mehr eine frage der zeit sein, dass – so wie die loossche zweckmanifestation und die abstrahierung der stundenziffern – auch in unserer schrift nur noch die kleinbuchstaben aus rationalen und ökonomischen gründen verwendung finden werden. abgesehen davon, dass eine solche durchführung in der deutschen schrift eigentlich gar nicht neu, sondern nur eine regeneration darstellt und die kleinbuchstabenschrift ohne anzeichen der mangelhaftigkeit in vielen fremdsprachen besteht, würde sie gewiss die geschäftswelt ohne widerstand aufnehmen (man denke nur an die vereinfachung der schreibmaschinenmanipulation und der schriftsetzerarbeit, an die einfachheit des sprachlichen unterrichts usw.).
was uns kunstjünger damals in der allgemein schulmäßig anerzogenen besangenheit für architektonischen aufputz durch die zwar vernünftige aber revolutionäre idee an dem loosschen hause ungeheuerlich erschien, wurde aber bald durch innere erkenntnis aufgehellt. als ich vor 10 jahren, von wien kommend, die trotzen innsbrucks durchschritt, hatte ich schon den stillen wunsch, alle die überflüssigen, nichtssagenden, schweren gesimse und stuckverzierungen, womit unsere neueren häuser (anichstraße, bürgerstraße u. a. m.) „angeklebt“ und „verziert“ sind, heruntergeschlagen zu sehen – was übrigens nach einigen jahren an einzelnen stellen geschah (postgebäude, bauernheim usw.).
das gegenwärtig so häufig in der beurteilung von bauwerken zu tage tretende missfallen an den kahlen mauerflächen ist ein natürliches, reaktionäres empfinden unseres verwöhnten auges, das die straßen überwiegend mit schweren gesimsen und fensterumrahmungen überladen sieht. daher ist auch die strikte ablehnung der neuen baukunst, sofern diese nicht offensichtliche verstöße gegen vernunft und geschmack zeigt, sehr ungerecht. man darf nicht vergessen, dass der nichtfachmann und durchschnittsmensch, sogar manche künstler, im urteil zumeist konventionell belastet sind und deshalb keinen anspruch auf wirkliche objektivität haben können.
um nicht missverstanden zu werden, muss ich an dieser stelle ausdrücklich feststellen, dass ich mich bei der äußeren ausgestaltung der wohnhausbauten ganz entschieden gegen die uniforme kahlheit der fabriksbauart, wie sie auch größtenteils das hochhaus zeigt, ausspreche. wir haben in tirol in den altstädten beispiele genug, die zeigen, wie man selbst bei einfachster bauart eine gewisse wärme und eigenart erreichen kann. nun wollen wir versuchen, das hochhaus aus dem geiste unserer zeit heraus zu beurteilen. dabei müssen wir uns aber vom banne bestimmter, überlieferter anschauungen möglichst loslösen, um dadurch jene einseitigen urteile auszuschließen, die heute keine innere berechtigung mehr haben. wurden nicht auch durch das gewohnheitsmäßige festhalten des publikums an überkommenen ästhetischen rechtssätzen die maler courbet und delacroix als „nicht klassisch“, leibl und liebermann als „zu naturalistisch“ verschrien? und was musste die kunst richard wagners erleiden? natürlich muss ein echter, wahrer kritiker vor allem ein klares auge und ein gesundes, mit vernunft gepaartes empfinden besitzen und sich gegen künstlerische verzerrungen und effekthaschereien aller „fortschrittlicher“ künstler, die ihr schaffen als sehertum vorzutäuschen suchen, gehörig zu verwahren wissen.
wir uns schließlich der tatsache eingedenk, dass es nicht darauf ankommt, ob ein gebäude gut oder schlecht ist, nicht von liegenden fenstern oder vom flachen dach, auch von keiner dekorationsromantik und keinem maschinenfanatismus, sondern von der ehrlichen, wirklich vorwärtsschreitenden gesinnung eines baukünstlers. welzenbacher baut derzeit neuzeitlich nordisch und hat damit auch den besten erfolg erzielt. seine art gefiel in deutschland, man berief ihn dorthin. es ist damit auch nicht verwunderlich, wenn das hochhaus als ein stolzer repräsentant der großstadtarchitektur des flachlandes nicht in unsere gebirgswelt passt – das ist vielleicht die größte schwäche des baues.
das wesentliche an dieser hochhausfrage ist aber, wie gesagt, nicht so sehr, ob das hochhaus nach tirol passt oder nicht passt, auch nicht die wenigen attrappenhaften zugaben, sondern die tat, die zur entstehung eines neuen stils beiträgt.
Der Gemeinderat und die Zelger´schen Erben
Erschienen: Innsbrucker Nachrichten / 2. April 1909
Von Seite der Zelger’schen Erben wurde unmittelbar vor der letzten Sitzung an sämtliche Gemeinderäte ein „Zur Aufklärung“ betiteltes Druckschreiben versendet, welches in der Angelegenheit der Verbauung der Zelgergründe bzw. der Errichtung eines öffentlichen Platzes an der Südseite der Maximilianstraße Stellung nimmt.
Nachdem dieses Aufklärungsschreiben den Vorbehalt enthält, ihm eventuell eine weitere Verbreitung zu sichern, hat die Dienstes- und Rechtssektion beschlossen, dasselbe vorerst in öffentlicher Sitzung zur Verlesung zu bringen.
(Hier folgte die Verlesung des ziemlich umfangreichen Schriftstückes.)
Die Dienstes- und Rechtssektion hat weiter beschlossen, dem Gemeinderat den Antrag zu stellen, es sei der Standpunkt der Stadtgemeinde in dieser Angelegenheit durch eine öffentliche Erklärung zu kennzeichnen, und zwar hätte diese Erklärung zu lauten:
„Es ist der Stadtgemeinde wohl bekannt, dass der Baulinie, welche eine Platzerweiterung an der Südseite der Maximilianstraße vorsieht, derzeit keine reale Existenz zukommt und auch nicht zukommen kann, weil weder an noch in dieser Baulinie eine Baulichkeit errichtet ist. Diese Baulinie steht wirklich nur auf dem Papier, dort aber besteht sie durch Statthaltereigenehmigung zu Recht, und wenn die Zelger’schen Erben glauben, dieser papiernen Existenz bald den Garaus zu machen, müssen sie sich bewusst sein, über Hilfen zu verfügen, die der Stadtvertretung und ihren juristischen Beratern völlig unbekannt sind.
Die Absicht des Gemeinderates, die Maximilianstraße durch eine Platzausbuchtung zu erweitern, erscheint keinesfalls als bloße Sorge für städtischen „Putz“, sondern als Erfüllung eines von der ganzen Bevölkerung erkannten dringenden Bedürfnisses, dessen Erfüllung überdies durch ausdrückliche gesetzliche Bestimmung gewährleistet ist. Die Innsbrucker Bauordnung (Gesetz vom 30. März 1896, § 3, Absatz 2) bestimmt wörtlich, es sei bei Abteilung größerer Grundstücke darauf Rücksicht zu nehmen, dass entsprechend große und freie Plätze belassen werden; und wenn die Stadtgemeinde dieser gesetzlichen Bestimmung nachkommt, kann doch wohl nur in grober Verkennung öffentlich-rechtlicher Grundsätze von einer Schadenersatzpflicht der Gemeinde gesprochen werden.
Dass die Anlegung neuer Straßezüge, deren Herstellung und Ausstattung mit Versorgungsleitungen der Stadtgemeinde bereits große Summen gekostet hat und noch kosten wird, die Zelgergründe zu Baugründen mit um ein Vielfaches gesteigertem Werte gemacht hat, erscheint den Zelger’schen Erben begreiflich und selbstverständlich. Dass aber die Stadtgemeinde in Wahrung der Bedürfnisse der Bevölkerung und auf Grund ausdrücklicher gesetzlicher Bestimmung schließlich, als die Verbauungsfrage durch den Tod des Herrn Zelger aktuell wurde, nicht genau diejenige Baulinienführung wählte, die für das Zelger’sche Privatvermögen die vorteilhafteste wäre, erscheint den Zelger’schen Erben unbegreiflich, und sie halten dies für einen unverantwortlichen Eingriff in ihre Privatrechte.
Der Gemeinderat hat den Zelger’schen Erben in Erwiderung des von ihnen bei Eröffnung der Maximilianstraße gezeigten Entgegenkommens und um ihnen die sofortige Verwertung der Baugründe zu ermöglichen, für den fraglichen Platz und die denselben umführenden Straßen freiwillig den Betrag von über 80.000 Kronen angeboten, einen Preis, der weit über das Maß dessen hinausgeht, was die Zelger’schen Erben nach den Bestimmungen der Innsbrucker Bauordnung je erstreiten können, wenn nicht eine Entscheidung erfolgen sollte, die einen offenkundigen Rechtsirrtum bedeuten würde. Dieses Anbot vermochte nur die Heiterkeit der Zelger’schen Erben zu erwecken und zieht die Stadtgemeinde dasselbe hiermit zurück.
Es ist selbstverständlich, dass nunmehr nichts übrig bleibt, als die Angelegenheit vor den kompetenten Instanzen zum Austrag zu bringen. Nur sollen die Zelger’schen Erben bei dem bevorstehenden Streit nicht erwarten, dass die Stadtgemeinde ihnen hierbei behilflich sein und auf andere Interessen Rücksicht nehmen wird als auf die der Gemeinde.“
Der Antrag der Sektion wurde angenommen.
Franz Baumann und die Tiroler Moderne
Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur Staaten und Herrscherhäuser an ihr Ende, auch für Kunst, Musik, Literatur und Architektur war er eine Zäsur. In Innsbruck veränderte eine Handvoll Bauplaner das Stadtbild in den zwei Jahrzehnten der Ersten Republik. Inspiriert von den neuen Formen der Gestaltung wie dem Bauhausstil aus Deutschland, Wolkenkratzern aus den USA, dem italienischen Futurismus und der Sowjetischen Moderne aus der revolutionären UdSSR entstanden in Innsbruck aufsehenerregende Projekte. Die bekanntesten Vertreter der Avantgarde, die diese neue Art und Weise die Gestaltung des öffentlichen Raumes in Tirol zustande brachten, waren Lois Welzenbacher Siegfried Mazagg, Theodor Prachensky, und Clemens Holzmeister. Jeder dieser Architekten hatte seine Eigenheiten, wodurch die Tiroler Moderne nur schwer eindeutig zu definieren ist. Ein gemeinsames Merkmal war die Abwendung von der klassizistischen Architektur der Vorkriegszeit unter gleichzeitiger Beibehaltung typischer alpiner Materialien und Elemente unter dem Motto Form follows Function. Lois Welzenbacher schrieb 1920 in einem Artikel der Zeitschrift Tiroler Hochland über die Architektur dieser Zeit:
„Soweit wir heute urteilen können, steht wohl fest, daß dem 19. Jahrhundert in seinem Großteile die Kraft fehlte, sich einen eigenen, ausgesprochenen Stil zu schaffen. Es ist das Zeitalter der Stillosigkeit… So wurden Einzelheiten historisch genau wiedergegeben, meist ohne besonderen Sinn und Zweck, und ohne harmonisches Gesamtbild, das aus sachlicher oder künstlerischer Notwendigkeit erwachsen wäre.“
Der bekannteste und im Innsbrucker Stadtbild am eindrücklichsten sichtbare Vertreter der sogenannten Tiroler Moderne war Franz Baumann (1892 – 1974). Anders als Holzmeister oder Welzenbacher hatte er keine akademische Ausbildung genossen. Baumann kam 1892 als Sohn eines Postbeamten in Innsbruck zur Welt. Sein Religionslehrer, der heute umstrittene Theologe und Publizist Anton Müller alias Bruder Willram, wurde auf das zeichnerische Talent Franz Baumanns aufmerksam und ermöglichte dem jungen Mann mit 14 Jahren den Besuch der k.k. Staatsgewerbeschule. Dort lernte er seinen späteren Schwager Theodor Prachensky kennen, der auch in beruflicher Hinsicht eine tragende Rolle in seinem Leben spielen sollte. Während seiner Schulzeit sammelte Baumann erste praktische Berufserfahrungen als Maurer bei der Baufirma Huter & Söhne und begann gemeinsam mit seiner Schwester Maria und Prachensky auf Ausflügen rund um Innsbruck Naturdarstellungen anzufertigen. 1910 folgte Baumann seinem Freund nach Meran für eine Anstellung bei der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Baufirma Musch & Lun. Die ehemalige Tiroler Landeshauptstadt war Tirols wichtigster Tourismusort mit internationalen Kurgästen. Unter Adalbert Erlebach, der später maßgeblich an der Gestaltung der Hungerburg beteiligt war, machte Baumann erste Erfahrungen bei der Planung von Großprojekten wie Hotels und Seilbahnen. Wichtig für seine spätere Karriere war nicht nur die technische Ausbildung, sondern auch die ersten Berührungspunkte, die er mit dem Tiroler Heimatschutzverband machte. Kunibert Zimmeter hatte diesen Verein gemeinsam mit Gotthard Graf Trapp gegründet. Das Bauwesen war Landessache, der Tiroler Heimatschutzverband war gemeinsam mit der Bezirkshauptmannschaft als letztentscheidende Behörde bei Bauprojekten für Bewertung und Genehmigung zuständig. In vielen Tiroler Dörfern hatten Hotels die Kirchen als größtes Bauwerk im Ortsbild abgelöst. Man wollte verhindern, dass Tourismus- und Industriebauten die traditionellen Ortsbilder über Gebühr vereinnahmen. In „Unser Tirol. Ein Heimatschutzbuch“ schrieb Zimmeter:
„Schauen wir auf die Verflachung unseres Privat-Lebens, unserer Vergnügungen, in deren Mittelpunkt bezeichnender Weise das Kino steht, auf die literarischen Eintagsfliegen unserer Zeitungslektüre, auf die heillosen und kostspieligen Auswüchse der Mode auf dem Gebiete der Frauenbekleidung, werfen wir einen Blick in unserer Wohnungen mit den elenden Fabriksmöbeln und all den fürchterlichen Erzeugnissen unserer sogenannten Galanteriewaren-Industrie, Dinge, an deren Herstellung tausende von Menschen arbeiten und dabei wertlosen Krims-Krams schaffen, oder betrachten wir unsere Zinshäuser und Villen mit den Paläste vortäuschenden Zementfassaden, unzähligen überflüssigen Türmen und Giebeln, unsere Hotels mit ihren aufgedonnerten Fassaden, welche Verschleuderung des Volksvermögens, welche Fülle von Geschmacklosigkeit müssen wir da finden.“
Nach vier Jahren wurde Baumanns Karriere jäh unterbrochen. Wie den Großteil seiner Generation riss der Erste Weltkrieg auch ihn aus Berufsleben und Alltag. An der Italienfront erlitt er im Kampfeinsatz einen Bauchschuss, von dem er sich in einem Lazarett in Prag erholte. In dieser ansonsten tatenlosen Zeit malte er Stadtansichten von Bauwerken in und rund um Prag. Diese Stadtbilder, die ihm später bei der Visualisierung seiner Pläne helfen sollten, wurden in seiner einzigen Ausstellung 1919 präsentiert. Sein Durchbruch im Bauwesen kam im Folgejahr. Baumann konnte überraschend die Ausschreibungen für den Umbau des Weinhaus Happ in der Altstadt und der Nordkettenbahn für sich entscheiden. Neben seiner Kreativität kamen ihm dabei die Übereinstimmung seines architektonischen Ansatzes mit den Anforderungen des Tiroler Heimatschutzverbandes und der Ausschreibungen der jungen Erste Republik entgegen. Im Wirtschaftsaufschwung der späten 1920er Jahre entstand eine neue Kunden- und Gästeschicht für den Tourismus. Die aristokratische Distanz zur Bergwelt war einer bürgerlichen Sportbegeisterung gewichen. Man baute keine Grandhotels mehr auf 1500 m für den Kururlaub, sondern funktionale Infrastruktur für Skisportler im hochalpinen Gelände wie der Nordkette. Die Gebäude sollten sich harmonisch, ansehnlich und zweckdienlich in die Umwelt eingliedern. Architekten mussten trotz der gesellschaftlichen und künstlerischen Neuerungen der Zeit den regionaltypischen Charakter mitdenken. Genau hier lagen die Stärken Baumanns Ansatz des ganzheitlichen Bauens im Tiroler Sinne. Baumann entwarf von der Außenbeleuchtung bis hin zu den Möbeln auch kleinste Details und fügte sie in sein Gesamtkonzept der Tiroler Moderne ein. Alle technischen Funktionen und Details unter Berücksichtigung von Umwelt, Topografie und Sonnenlicht spielten für ihn, der offiziell den Titel Architekt gar nicht führen durfte, eine Rolle. Er folgte damit den „Regeln, für den, der in den Bergen baut“ des Architekten Adolf Loos (1870 – 1933):
Baue nicht malerisch. Überlasse solche Wirkung den Mauern, den Bergen und der Sonne. Der Mensch, der sich malerisch kleidet, ist nicht malerisch, sondern ein Hanswurst. Der Bauer kleidet sich nicht malerisch. Aber er ist es…
Achte auf die Formen, in denen der Bauer baut. Denn sie sind Urväterweisheit, geronnene Substanz. Aber suche den Grund der Form auf. Haben die Fortschritte der Technik es möglich gemacht, die Form zu verbessern, so ist immer diese Verbesserung zu verwenden. De Dreschflegel wird von der Dreschmaschine abgelöst.“
Ab 1927 führte Baumann sein eigenes Atelier in der Schöpfstraße in Wilten. Zur Blütezeit stellte er in seinem Büro 14 Mitarbeiter an. Immer wieder kreuzten sich seine beruflichen Wege mit denen seines Freundes und Schwagers Theodor Prachensky. Gemeinsam projektierten sie ab 1929 das Gebäude für die neue Hauptschule Hötting am Fürstenweg. Eigene Trakte für Buben und Mädchen waren zwar noch immer traditionell baulich getrennt einzuplanen, ansonsten entsprach der Bau aber in Form und Ausstattung ganz dem Stil der Neuen Sachlichkeit und dem Prinzip Licht, Luft und Sonne. Dank seines modernen Ansatzes, der Funktion, Ästhetik, Tradition und sparsames Bauen vereinte, überstand Baumann die Wirtschaftskrise ab den späten 1920er Jahren gut. Erst die 1000-Mark-Sperre, die Hitler 1933 über Österreich verhängte, um die Republik finanziell in Bredouille zu bringen, brachte sein Architekturbüro in Probleme. Nicht nur die Arbeitslosenquote im Tourismus verdreifachte sich innerhalb kürzester Zeit, auch die Baubranche geriet in Schwierigkeiten. 1935 wurde er zum Leiter der Zentralvereinigung für Architekten, nachdem ihm eine Ausnahmegenehmigung gestattete diesen Berufstitel auch ohne formale Bildung zu tragen. Mit dem Anschluss 1938 trat er zügig der NSDAP bei. Einerseits war er wohl wie sein Kollege Lois Welzenbacher den Ideen des Nationalsozialismus nicht abgeneigt, andererseits konnte er so als Obmann der Reichskammer für bildende Künste in Tirol seine Karriere vorantreiben. In dieser Position stellte er sich mehrmals gegen den Furor, mit dem die Machthaber das Stadtbild Innsbrucks verändern wollten, der seiner Vorstellung von Stadtplanung nicht entsprach. Der Innsbrucker Bürgermeister Egon Denz wollte die Triumphpforte und die Annasäule entfernen, um dem Verkehr in der Maria-Theresienstraße mehr Platz zu geben. Die Innenstadt war noch immer Hauptverkehrsachse, um vom Brenner im Süden, um auf die Bundesstraße nach Osten und Westen am heutigen Innrain zu gelangen. Anstelle der Annasäule sollte eine Statue Adolf Hitlers errichtet werden. Gauleiter Hofer wollte die Kirchtürme der Stiftskirche sprengen lassen. Baumann bewertete diese beiden Pläne in seiner Funktion negativ. Als der Sachverhalt es bis auf den Schreibtisch Albert Speers schaffte, pflichtet dieser ihm bei. Von diesem Zeitpunkt an erhielt Baumann von Gauleiter Hofer keine öffentlichen Projekte mehr zugesprochen, sein mutiges Auftreten bewahrte ihn in der Nachkriegszeit wohl aber vor Schlimmerem. Nach Befragungen im Rahmen der Entnazifizierung begann Baumann im Stadtbauamt zu arbeiten, wohl auch auf Empfehlung seines Schwagers Prachensky. Baumann wurde zwar voll entlastet, unter anderem durch eine Aussage des Abtes von Wilten, dessen Kirchtürme er gerettet hatte, sein Ruf als Architekt war aber nicht mehr zu kitten. Zudem hatte ein Bombentreffer hatte 1944 sein Atelier in der Schöpfstraße zerstört. In seiner Nachkriegskarriere war er für Sanierungen an vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Gebäuden zuständig. So wurde unter ihm der Boznerplatz mit dem Rudolfsbrunnen wiederaufgebaut sowie Burggraben und die Neuen Stadtsäle hinter dem Tiroler Landestheater gestaltet. Franz Baumann verstarb 1974. Seine Bilder, Skizzen und Zeichnungen sind heiß begehrt und werden hoch gehandelt. Wer Großprojekte neueren Datums wie die Stadtbibliothek, die PEMA-Türme und viele der Wohnanlagen in Innsbruck aufmerksam betrachtet, wird die Ansätze der Tiroler Moderne auch heute noch wiederentdecken.
Eine Republik entsteht
Kaum eine Epoche ist schwerer zu fassen als die Zwischenkriegszeit. Die Roaring Twenties, Jazz und Automobile kommen einem ebenso in den Sinn wie Inflation und Wirtschaftskrise. In Großstädten wie Berlin gebärdeten sich junge Damen als Flappers mit Bubikopf, Zigarette und kurzen Röcken zu den neuen Klängen lasziv. In Innsbruck wurden im Cafe Gasthaus Zur Annasäule, dem späteren Alt-Innsbrucks American Drinks zum Five O`Clock Tea an der Bar im Rittersaal serviert. Die Ritterrüstungen können von der Maria-Theresien-Straße aus noch im Erker bewundert werden. Zum größten Teil gehörte Innsbrucks Bevölkerung als Teil der jungen Republik Deutsch-Österreich aber zur Fraktion Armut, Wirtschaftskrise und politischer Polarisierung. Schon die Ausrufung der Republik vor dem Parlament in Wien vor über 100.000 weniger begeisterten als viel mehr neugierigen und verunsicherten Menschen verlief mit Tumulten, Schießereien, zwei Toten und 40 Verletzten alles andere als reibungsfrei. Wie es nach dem Ende der Monarchie und dem Wegfall eines großen Teils des Staatsterritoriums weitergehen sollte, wusste niemand. Das neue Österreich erschien zu klein und nicht lebensfähig. Der Beamtenstaat des k.u.k. Reiches setzte sich nahtlos unter neuer Fahne und Namen durch. Die Bundesländer als Nachfolger der alten Kronländer erhielten in der Verfassung im Rahmen des Föderalismus viel Spielraum in Gesetzgebung und Verwaltung. Die Begeisterung für den neuen Staat hielt sich aber in der Bevölkerung in Grenzen. Nicht nur, dass die Versorgungslage nach dem Wegfall des allergrößten Teils des ehemaligen Riesenreiches der Habsburger miserabel war, die Menschen misstrauten dem Grundgedanken der Republik. Die Monarchie war nicht perfekt gewesen, mit dem Gedanken von Demokratie konnten aber nur die allerwenigsten etwas anfangen. Anstatt Untertan des Kaisers war man nun zwar Bürger, allerdings nur Bürger eines Zwergstaates mit überdimensionierter und in den Bundesländern wenig geliebter Hauptstadt anstatt eines großen Reiches. In den ehemaligen Kronländern, die zum großen Teil christlich-sozial regiert wurden, sprach man gerne vom Wiener Wasserkopf, der sich mit den Erträgen der fleißigen Landbevölkerung durchfüttern ließ. Auch andere Bundesländer spielten mit dem Gedanken, sich von der Republik abzukoppeln, nachdem der von allen Parteien unterstützte Plan sich Deutschland anzuschließen von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs untersagt worden war. Die diversen Tiroler Pläne allerdings waren besonders spektakulär. Von einem neutralen Alpenstaat mit anderen Bundesländern, einem Freistaat bestehend aus Tirol und Bayern oder von Kufstein bis Salurn, einem Anschluss an die Schweiz bis hin zu einem katholischen Kirchenstaat unter päpstlicher Führung gab es viele Überlegungen. Besonders populär war die naheliegendste Lösung. Es war nichts neues, sich als Deutscher zu fühlen. Warum sich also nicht auch politisch an den großen Bruder im Norden anhängen? Besonders unter städtischen Eliten und Studenten war dieser Wunsch sehr ausgeprägt. Der Anschlussplan erhielt in Tirol bei einer Abstimmung in Tirol einen Zuspruch von 98%, kam aber nie zustande. In Innsbruck konstituierte sich im Herbst 1918 aus den Mitgliedern des ehemaligen Landtages die Tiroler Nationalversammlung und der Tiroler Nationalrat, eine Konzentrationsregierung mit Mitgliedern aus allen Parteien. Dem Nationalrat unterstanden die Volks- und Bürgerwehren, die sich auf Gemeindeebene zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gebildet hatten, zumindest am Papier. Vor allem zwischen Innsbruck und dem Brenner befanden sich an den Bahnhöfen bis zu 50.000 Soldaten, die auf ihren Abtransport wartend für Probleme sorgten.
Anstatt ein Teil Deutschlands zu werden, war Tirol von den verhassten Wallschen okkupiert. Knapp zwei Jahre lang besetzten italienische Truppen nach Kriegsende Innsbruck. Nach den komplexen und langatmigen Friedensverhandlungen in Paris war es schließlich Gewissheit: Am 10. Oktober 1920 erfolgte der formale Anschluss Südtirols. Am Brenner ging der Schlagbaum nieder. Auf der Nordtiroler Seite entstanden nur wenige Amts- und Zollgebäude, im südlichen Teil des Dorfes aber schossen große Kasernen aus dem Boden, um die neue Grenze militärisch zusichern. Das historische Tirol war zweigeteilt. In Innsbruck und vielen anderen Tiroler Gemeinden wurden jahrelang alljährlich zu diesem Datum pompöse Trauerfeierlichkeiten veranstaltet. 1924 beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, Plätze und Straßen rund um den Hauptbahnhof nach Südtiroler Städten zu benennen. Der Bozner Platz sowie die Brixner- und die Salurnerstraße tragen ihre Namen bis heute. Viele Menschen zu beiden Seiten des Brenners fühlten sich verraten. Man hatte den Krieg zwar bei Weitem nicht gewonnen, als Verlierer gegenüber Italien sah man sich aber nicht. Der Hass auf Italiener erreichte in der Zwischenkriegszeit seinen Höhepunkt, auch wenn die Besatzungstruppen sich betont milde gab. Eine Passage aus dem Erzählband „Die Front über den Gipfeln“ von Karl Springenschmid aus den 1930ern spiegelt die allgemeine Stimmung wider:
„`Walsch (Anm.:Italienisch) werden, das wär das Ärgste!` sagt die Junge.
Da nickt der alte Tappeiner bloß und schimpft: `Weiß wohl selber und wir wissen es alle: Walsch werden, das wär das Ärgste.“
Ungemach drohte auch in der Innenpolitik. Die Revolution in Russland und der darauffolgende Bürgerkrieg mit Millionen von Todesopfern, Enteignung und kompletter Systemumkehr warf ihren langen Schatten bis nach Österreich. Die Aussicht auf sowjetische Zustände machte den Menschen Angst. Österreich war tief gespalten. Hauptstadt und Bundesländer, Stadt und Land, Bürger, Arbeiter und Bauern – im Vakuum der ersten Nachkriegsjahre wollte jede Gruppe die Zukunft nach ihren Vorstellungen gestalten. Die Kulturkämpfe der späten Monarchie zwischen Konservativen, Liberalen und Sozialisten setzte sich nahtlos fort. Die Kluft bestand nicht nur auf politischer Ebene. Moral, Familie, Freizeitgestaltung, Erziehung, Glaube, Rechtsverständnis – jeder Lebensbereich war betroffen. Wer sollte regieren? Wie sollten Vermögen, Rechte und Pflichten verteilt werden? Liberale und die aus Bauernbund, Volksverein und Katholischer Arbeiterschafthervorgegangene Tiroler Volkspartei stand der Sozialdemokratie gegenüber mindestens so ablehnend gegenüber wie der Bundeshauptstadt Wien und den italienischen Besatzern. Ein kommunistischer Umsturz war besonders in Tirol keine reale Gefahr, ließ sich aber medial gut als Bedrohung instrumentalisieren, um die Sozialdemokratie in Verruf zu bringen. 1919 hatte sich in Innsbruck zwar ein Arbeiter-, Bauer- und Soldatenrat nach sowjetischem Vorbild ausgerufen, sein Einfluss blieb aber gering und wurde von keiner Partei unterstützt. Ab 1920 bildeten sich offiziell sogenannte Soldatenräte, die aber wie die restliche Politik christlich-sozial dominiert waren. Das bäuerliche und bürgerliche Lager rechts der Mitte militarisierte sich mit der Tiroler Heimatwehr professioneller und konnte sich über stärkeren Zulauf freuen als linke Gruppen, auch dank kirchlicher Unterstützung. Die Sozialdemokratie wurde von den Kirchkanzeln herab und in konservativen Medien als Judenpartei und heimatlose Vaterlandsverräter bezeichnet. Allzu gerne gab man ihnen die Schuld am verlorenen Krieg und den Folgen gab. Der Tiroler Anzeiger brachte die Volksängste auf den Punkt: “Wehe dem christlichen Volke, wenn bei den Wahlen die Juden=Sozi siegen!“.
Während in den ländlichen Bezirken die Tiroler Volkspartei dominierte, konnte die Sozialdemokratie in Innsbruck unter der Führung von Martin Rapoldi trotz des starken Gegenwindes bei Wahlen ab 1919 stets zwischen 30 und 50% der Stimmen erringen. Der Gemeinderat umfasste mit der neuen Gemeinderatsordnung, die das allgemeine Wahlrecht aller Erwachsenen vorsah, von 1919 40 Mitglieder. Von 24.644 zur Wahlurne gerufenen Bürgern machten unglaubliche 24.060 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch eine gewisse Emanzipation machte sich bemerkbar. Bereits im ersten Gemeinderat mit freien Wahlen waren drei Frauen vertreten. Dass es mit dem Bürgermeistersessel für die Sozialdemokraten nicht klappte, lag an den Mehrheiten im Gemeinderat durch Bündnisse der anderen Parteien.
Die hohe Politik war aber nur der Rahmen des eigentlichen Elends. Martin Rapoldi brachte die Situation im September 1919 auf den Punkt: „Meine Herren, die Verfassungsfrage ist der Bevölkerung heute vollständig nebensächlich für den Augenblick, und ob das Land mehr Rechte oder weniger Rechte hat. Mehr Kartoffeln ist die Losung in unserem Lande.“ Immer wieder kam es in der Landeshauptstadt zu Plünderung und Hungerkrawallen. Wer über Geld verfügte, konnte sich am Schwarzmarkt mit Lebensmitteln versorgen, der Rest war auf milde Gaben aus den Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen. Noch lange nach dem Krieg bedurfte das Land Tirol Hilfe von auswärts, um die Bevölkerung zu ernähren. Unter der Überschrift „Erhebliche Ausdehnung der amerikanischen Kinderhilfsaktion in Tirol“ stand am 9. April 1921 in den Innsbrucker Nachrichten zu lesen: „Den Bedürfnissen des Landes Tirol Rechnung tragend, haben die amerikanischen Vertreter für Oesterreich in hochherzigster Weise die tägliche Mahlzeitenanzahl auf 18.000 Portionen erhöht.“Neben dem Hunger war die Krankenversorgung ein großes Thema. Die als Spanische Grippe in die Geschichte eingegangene Epidemie forderte in den Jahren nach dem Krieg auch in Innsbruck ihren Tribut. Genaue Zahlen wurden nicht erfasst, weltweit schätzt man die Zahl der Todesopfer auf 27 – 50 Millionen. In Innsbruck sollen es in der Blütezeit der Spanischen Grippe um die 100 Opfer täglich gewesen sein, die der Krankheit zum Opfer fielen. Viele Innsbrucker waren von den Schlachtfeldern nicht nach Hause zurückgekehrt und fehlten als Väter, Ehemänner und Arbeitskräfte. Viele von denen, die es zurückgeschafft hatten, waren verwundet und von den Kriegsgräueln gezeichnet. Noch im Februar 1920 veranstaltete der „Tiroler Ausschuss der Sibirier“ im Gasthof Breinößl „…zu Gunsten des Fondes zur Heimbeförderung unserer Kriegsgefangenen…“ einen Benefizabend. Dazu kam die Arbeitslosigkeit. Vor allem Beamte und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, hatten ihre Arbeit verloren, nachdem der Völkerbund seine Anleihe an herbe Sparmaßnahmen geknüpft hatte. Die Gehälter im öffentlichen Dienst wurden gekürzt. Es kam immer wieder zu Streiks. Der Tourismus als Wirtschaftsfaktor war ob der Probleme in den umliegenden, vom Krieg ebenfalls gebeutelten Ländern inexistent. Die vor dem Krieg boomende Baubranche brach komplett ein. Innsbrucks größte Firme Huter & Söhne hatte 1913 über 700 Mitarbeiter, am Höhepunkt der Wirtschaftskrise 1933 waren es nur noch 18. Der Mittelstand brach zu einem guten Teil zusammen. Der durchschnittliche Innsbrucker war mittellos und mangelernährt. Oft konnten nicht mehr als 800 Kalorien pro Tag zusammengekratzt werden. Die Kriminalitätsrate war in diesem Klima der Armut höher als je zuvor. Viele Menschen verloren ihre Bleibe. 1922 waren in Innsbruck 3000 Familien auf Wohnungssuche trotz eines städtischen Notwohnungsprogrammes, das bereits mehrere Jahre in Kraft war. In alle verfügbaren Objekte wurden Wohnungen gebaut. Am 11. Februar 1921 fand sich in einer langen Liste in den Innsbrucker Nachrichten über die einzelnen Projekte, die betrieben wurden, unter anderem dieser Posten:
„Das städtische Krankenhaus hat die Seuchenbaracke in Pradl aufgelassen und der Stadtgemeinde zur Herstellung von Notwohnungen zur Verfügung gestellt. Zur Errichtung von 7 Notwohnungen wurde der erforderliche Kredit von 295 K (Anm.: Kronen) bewilligt.“
In den ersten Jahren gab es kaum Verbesserungen im Alltag der Menschen. Die Zentralregierung hatte wenig Durchsetzungsvermögen in den fernen Bundesländern wie Tirol. Innsbruck begann zeitweise sogar, wie viele andere österreichische Gemeinden, eigenes Geld zu drucken. Die Menge des Geldes, das im Umlauf war, stieg zwischen 1920 und 1922 von 12 Milliarden Kronen auf über 3 Billionen Kronen an. Eine epochale Inflation war die Folge. Dann erwachte die Politik aus ihrer Lethargie. Unter Kanzler Ignaz Seipel konnte die Republik eine Völkerbundanleihe aufnehmen. Die Krone, ein Relikt aus der Monarchie, wurde am 1. Januar 1925 vom Schilling als offizielle Währung Österreichs abgelöst. Die alte Währung hatte gegenüber dem Dollar zwischen 1918 und 1922 mehr als 95% ihres Wertes respektive dem Wechselkurs vor dem Krieg verloren. Mit der Währungssanierung nach der Völkerbundanleihe rappelten sich aber nicht nur Banken und Bürger auf, auch die Bauaufträge der öffentlichen Hand nahmen wieder zu. Innsbruck modernisierte sich. Es trat das ein, was Wirtschaftswissenschaftler eine Scheinblüte nennen. Diese kurzzeitige, wirtschaftliche Erholung war eine Bubble, bescherte der Stadt Innsbruck aber große Wohnbau- und Infrastrukturprojekte. In Innsbruck gibt es keine bewussten Erinnerungsorte an die Entstehung der Ersten Republik. Die denkmalgeschützten Wohnanlagen wie der Schlachthofblock, der Pembaurblock, der Mandelsbergerblock, die Pembaurschule, das Städtische Hallenbad, die Höhenstraße auf die Hungerburg, die Bergbahnen auf Patscherkofel und Nordkette sind bis heute in Betrieb stehende Zeitzeugnisse. Die Stadt kaufte den Achensee und errichtete als Hauptaktionär der TIWAG das Kraftwerk in Jenbach. 1930 verband die Universitätsbrücke die Klinik in Wilten und die Höttinger Au. An der Sill entstanden die Pembaurbrücke und die Prinz-Eugen-Brücke. In der Reichenau eröffnete am 1. Juni 1925 der erste Flugplatz, der Innsbruck 65 Jahre nach der Eröffnung der Bahnlinie auch in den Luftverkehr involvierte. Viele Interessierte fanden sich auf der Wiese östlich der Stadt ein, um dem Event beizuwohnen. Ein Denkmal für die im Weltkrieg gefallenen Flieger wurde enthüllt, bevor die deutsche Fluglinie Aero Lloyd mit einer einmotorigen Fokker-Grulich F III Richtung München abhob. Im Herbst folgte die Einbindung des neuen Flugplatztes durch die französische Compagnie Internationale de Navigation in den Kurs Straßburg – Zürich – Innsbruck – Wien. Dank des waghalsigen Einsatzes des Piloten Raoul Stojsawljewic konnten von Innsbruck aus nun auch abgelegene Regionen und Schutzhütten mit Lebensmitteln versorgt werden, wie ein Bericht in den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Juni 1926 zeigt:
„Bei schönem Wetter stieg gestern morgens Major Stojsawljewic von der deutschen Lufthansa mit seinem Apparat auf und flog Kühtai an, wo er aus geringer Höhe von der Brauerei „Löwenbräu“ gespendetes Gratisbier mittels Fallschirm abwarf. Um 10 Uhr wurd das Patscherkofelhaus angeflogen und Bier der Brauerei Zipf abgeworfen…“
Trotz der kurzzeitigen Höhenflüge war die Erste Republik auch auf lokaler Ebene eine schwere Geburt und sie sollte nicht lange Bestand haben, obwohl viel Positives seinen Anfang nahm. Aus Untertanen wurden Bürger. Was in der Zeit Maria Theresias begann, wurde nun unter neuen Vorzeichen weitergeführt. Der Wechsel vom Untertanen zum Bürger zeichnete sich nicht nur durch ein neues Wahlrecht, sondern vor allem durch die verstärkte Obsorge des Staates aus. Staatliche Regelungen, Schulen, Kindergärten, Arbeitsämter, Krankenhäuser und städtische Wohnanlagen traten an die Stelle des Wohlwollens von Grundherrn, Landesfürsten, wohlhabender Bürger, der Monarchie und der Kirche. Bis heute basiert vieles im österreichischen Staatswesen sowie im Innsbrucker Stadtbild und der Infrastruktur auf dem, was nach dem Zusammenbruch der Monarchie entstanden war. Auch gesellschaftliche Bräuche und alltägliche Lebenseinstellungen veränderten sich in der Republik nach dem Zusammenbruch der Monarchie. Der 1925 eingeführte Weltspartag erinnert alljährlich an die Einführung des Schillings und die Mahnung an Kinder und Erwachsene zum verantwortungsvollen Umgang mit Geld. Die Handschrift der jungen Massenparteien und das neue Verhältnis zwischen Zentralstaat und Bürger sind bei allem Lokalpatriotismus unübersehbar.
Wilhelm Greil: DER Bürgermeister Innsbrucks
Einer der wichtigsten Akteure der Innsbrucker Stadtgeschichte war Wilhelm Greil (1850 – 1928). Von 1896 bis 1923 bekleidete der Unternehmer das Amt des Bürgermeisters, nachdem er vorher bereits als Vizebürgermeister die Geschicke der Stadt mitgestaltet hatte. Sein Wirken war nicht nur lange, sondern fand auch in einer besonders dynamischen Zeit statt. Die vier Jahrzehnte zwischen der Wirtschaftskrise 1873 und dem Ersten Weltkrieg von einem nie dagewesenen Wachstum und einer rasenden Modernisierung gekennzeichnet. Es war die Zeit der Eingemeindung ganzer Stadtviertel, technischer Innovationen und neuer Medien. Private Investitionen in Infrastruktur wie Eisenbahn, Energie und Strom waren vom Staat gewünscht und wurden steuerlich begünstigt, um die Länder und Städte der kränkelnden Donaumonarchie in die Moderne zu führen. Die Wirtschaft der Stadt boomte. Betriebe in den neuen Stadtteilen Pradl und Wilten entstanden und lockten Arbeitskräfte an. Auch der Tourismus brachte frisches Kapital in die Stadt. Innsbrucks Gemeinderat war von der liberalen und großdeutsch-nationalen „Deutschen Volkspartei“ geprägt, der auch Greil angehörte. Erst mit der Eingemeindung von Wilten und Pradl 1904 konnten die Konservativen Boden gutmachen, jedoch nicht ganz aufholen. Die Sozialdemokratie spielte bis 1918 kaum eine Rolle. Bedingt durch eine Wahlordnung, die auf das Stimmrecht über Vermögensklassen aufgebaut war, konnten nur etwa 10% der Innsbrucker Bevölkerung zur Wahlurne schreiten. Frauen waren prinzipiell ausgeschlossen. Dabei galt das relative Wahlrecht innerhalb der drei Wahlkörper, was so viel heißt wie: The winner takes it all. Bürgermeister Greil wohnte passenderweise ähnlich einem Renaissancefürsten. Er entstammte der großbürgerlichen Upper Class. Sein Vater konnte es sich leisten, im Palais Lodron in der Maria-Theresienstraße die Homebase der Familie zu gründen. Dank dieses Wahlstatuts konnte Bürgermeister Greil bis in die Zeit der Ersten Republik auf 100% Rückhalt im Gemeinderat bauen, was die Entscheidungsfindung und Lenkung natürlich erheblich vereinfachte. Bei aller Effizienz, die Innsbrucker Bürgermeister bei oberflächlicher Betrachtung an den Tag legten, sollte man nicht vergessen, dass das nur möglich war, weil sie als Teil einer Elite aus Unternehmern, Handelstreibenden und Freiberuflern ohne nennenswerte Opposition und Rücksichtnahme auf andere Bevölkerungsgruppen wie Arbeitern, Handwerkern und Angestellten in einer Art gewählten Diktatur durchregierten. Das Reichsgemeindegesetz von 1862 verlieh Städten wie Innsbruck und damit den Bürgermeistern größere Befugnisse. Es verwundert kaum, dass die Amtskette, die Greil zu seinem 60. Geburtstag von seinen Kollegen im Gemeinderat verliehen bekam, den Ordensketten des alten Adels erstaunlich ähnelte. Greil war aber auch ein geschickter Politiker, der sich innerhalb der vorgegebenen Machtstrukturen und Medienlandschaft seiner Zeit gekonnt bewegte. Artikel 17 des österreichischen Staatsgrundgesetzes von 1867, bekannt als Dezemberverfassung, sicherte zum ersten Mal eine freie Meinungsäußerung in der Presse ohne vorherige Zensur, ausgenommen strafbarer Inhalte wie Gotteslästerung oder Beleidung der Obrigkeit selbstverständlich. In der Folge etablierte sich eine Vielzahl an Zeitungen wie der konservativen Neuen Tiroler Stimme, der sozialdemokratischen Volkszeitung oder den liberalen Innsbrucker Nachrichten, die ein Weltbild nach dem Gusto der Herausgeber für ihr Publikum gestalteten. Dank der Reichweite der Innsbrucker Nachrichten konnte Wilhelm Greil seine Sicht der Trotz seiner teils heftigen, an die Programmatik der Gründerfigur der Deutschnationalen Georg Ritter von Schönerer (1842 – 1921) angelehnten Reden schaffte er es sich mit den konservativen Kräften im Land zu arrangieren, auch wenn es nicht nur medial häufig ordentlich krachte. Steuern, Gesellschaftspolitik, Bildungswesen, Wohnbau und die Gestaltung des öffentlichen Raumes wurden mit Leidenschaft und Eifer diskutiert, oft genug auch mit Gewalt als letztgültigem Argument.
Unter Greils Ägide und dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung erweiterte sich Innsbruck im Eiltempo. Der Gemeinderat kaufte ganz im Stil eines Kaufmanns vorausschauend Grund an, um der Stadt Neuerungen zu ermöglichen. Der Politiker Greil konnte sich bei den großen Bauprojekten der Zeit auf die Beamten und Stadtplaner Eduard Klingler, Jakob Albert und Theodor Prachensky stützen. Infrastrukturprojekte wie das neue Rathaus in der Maria-Theresienstraße 1897, die Eröffnung der Mittelgebirgsbahn, die Hungerburgbahn und die Karwendelbahn wurden während seiner Regierungszeit umgesetzt. Weitere gut sichtbare Meilensteine waren die Erneuerung des Marktplatzes und der Bau der Markthalle. Neben den prestigeträchtigen Großprojekten revolutionierte vor allem Unsichtbares in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das Leben vieler Innsbrucker. Bereits Greils Vorgänger Bürgermeister Heinrich Falk (1840 – 1917) hatte erheblich zur Modernisierung der Stadt und zur Besiedelung des Saggen beigetragen. Seit 1859 war die Beleuchtung der Stadt mit Gasrohrleitungen stetig vorangeschritten. Mit dem Wachstum der Stadt und der Modernisierung wurden die Senkgruben, die in Hinterhöfen der Häuser als Abort dienten und nach Entleerung an umliegende Landwirte als Dünger verkauft wurden, zu einer Unzumutbarkeit für immer mehr Menschen. 1880 wurde das Raggeln, so der Name im Volksmund für die Entleerung der Aborte, in den Verantwortungsbereich der Stadt übertragen. Zwei pneumatische Maschinen sollten den Vorgang zumindest etwas hygienischer gestalten. Zwischen 1887 und 1891 wurde Innsbruck mit einer modernen Hochdruckwasserleitung ausgestattet, über die auch Wohnungen in höher gelegenen Stockwerken mit frischem Wasser versorgt werden konnten. Wer auf sich hielt und es sich leisten konnte, hatte damit erstmals die Gelegenheit eine Spültoilette im Eigenheim zu installieren. Greil setzte diesen Feldzug der Modernisierung mit einer Vielzahl an Infrastrukturprojekten fort. Die Ansammlung an Menschen auf enger werdendem Raum unter teils prekären Hygieneverhältnissen hatte viele Probleme mit sich. Die Randbezirke der Stadt und die umliegenden Dörfer wurden regelmäßig von Typhus heimgesucht. Nach jahrzehntelangen Diskussionen wurde 1903 mit dem Bau einer modernen Schwemmkanalisation begonnen. Ausgehend von der Innenstadt wurden immer mehr Stadtteile an diesen heute alltäglichen Luxus angeschlossen. 1908 waren nur die Koatlackler Mariahilf und St. Nikolaus nicht an das Kanalsystem angeschlossen. Auch der neue Schlachthof im Saggen erhöhte Hygiene und Sauberkeit in der Stadt. Schlecht kontrollierte Hofschlachtungen gehörten mit wenigen Ausnahmen der Vergangenheit an. Das Vieh kam im Zug am Sillspitz an und wurde in der modernen Anlage fachgerecht geschlachtet. Greil überführte das Gaswerk in Pradl und das Elektrizitätswerk in Mühlau in städtischen Besitz. Die Straßenbeleuchtung wurde im 20. Jahrhundert von den Gaslaternen auf elektrisches Licht umgestellt. 1888 übersiedelte das Krankenhaus von der Maria-Theresienstraße an seinen heutigen Standort. Bürgermeister und Gemeinderat konnten sich bei dieser Innsbrucker Renaissance neben der wachsenden Wirtschaftskraft in der Vorkriegszeit auch auf Mäzen aus dem Bürgertum stützen. Waren technische Neuerungen und Infrastruktur Sache der Liberalen, verblieb die Fürsorge der Ärmsten weiterhin bei klerikal gesinnten Kräften, wenn auch nicht mehr bei der Kirche selbst. Freiherr Johann von Sieberer stiftete das Greisenasyl und das Waisenhaus im Saggen. Leonhard Lang stiftete das Gebäude in der Maria-Theresienstraße, in der sich bis heute das Rathaus befindet gegen das Versprechen der Stadt ein Lehrlingsheim zu bauen.
Im Gegensatz zur boomenden Vorkriegsära war die Greil´sche Ägide nach 1914 vom Krisenmanagement geprägt. In seinen letzten Amtsjahren begleitete er als Bürgermeister Innsbruck am Übergang von der Habsburgermonarchie zur Republik durch Jahre, die vor allem durch Hunger, Elend, Mittelknappheit und Unsicherheit geprägt waren. Er war 68 Jahre alt, als Tirol nach dem Krieg am Brenner geteilt wurde. Greil hatte während seiner politischen Karriere oft die allgemeine Feindseligkeit gegenüber den Wallschen in ähnlich populistischer Manier für sich genutzt, wie es sein christlich-sozialer Wiener Amtskollege Karl Lueger in Wien mit antisemitischer Stimmungsmache tat. Am Ende seiner Laufbahn musste er tatsächlich eine italienische Besetzung Innsbrucks miterleben. Mit der Einführung der Republik fiel auch das Zensuswahlrecht, was den Anfang vom Ende der Dominanz der Liberalen im Gemeinderat bedeutete. 1919 konnten die Sozialdemokraten in Innsbruck zum ersten Mal den Wahlsieg davontragen. Nur dank der Mehrheiten im Gemeinderat und einer Koalition der großdeutsch-liberalen und konservativ-klerikalen Politikern blieb Greil Bürgermeister. 1928 verstarb er als Ehrenbürger der Stadt Innsbruck im Alter von 78 Jahren. Die Wilhelm-Greil-Straße war noch zu seinen Lebzeiten nach ihm benannt worden.
Innsbrucks Industrielle Revolutionen
Innsbruck war immer schon vorwiegend Handels-, Tourismus und Universitätsstadt, zumindest im Selbstbild. Tatsächlich spielte das erzeugende Gewerbe aber eine gewichtige Rolle in der Stadtgeschichte. Im 15. Jahrhundert begann sich eine frühe Form der Industrialisierung aus dem traditionellen Handwerk zu entwickeln. Die Metallverarbeitung florierte unter der aufsteigenden Bauwirtschaft in der boomenden Residenzstadt und der Herstellung von Waffen und Rüstungen. Viele Faktoren trafen dafür zusammen. Die verkehrsgünstige Lage der Stadt, die Verfügbarkeit von Wasserkraft, Innsbrucks politischer Aufstieg, das Knowhow der Handwerker und die Verfügbarkeit von Kapital unter Maximilian ermöglichten den Aufbau der notwendigen Infrastruktur. Glocken- und Waffengießer wie die Löfflers errichteten in Hötting, Mühlau und Dreiheiligen Betriebe, die zu den führenden Werken Europas ihrer Zeit gehörten. Entlang des Sillkanals nutzten Mühlen und Betriebe die Wasserkraft zur Energiegewinnung. Pulverstampfer und Silberschmelzen hatten sich in der Silbergasse, der heutigen Universitätsstraße, angesiedelt. In der heutigen Adamgasse gab es in unmittelbarer Nähe zur Stadt eine Munitionsfabrik, die 1636 explodierte.
Das Geld aus der Metallverarbeitung kurbelte auch andere Wirtschaftszweige an. Anfang des 17. Jahrhunderts waren 270 Betriebe in Innsbruck ansässig, die Meister, Gesellen und Lehrlinge in Lohn und Brot hatten. Der größte Teil der Innsbrucker war zwar noch immer in der Verwaltung tätig, Gewerbe, Handwerk und das Geld, das sich damit verdienen ließ, zogen aber eine neue Schicht von Menschen an. Es kam zu einer Umschichtung innerhalb der Stadt. Bürger und Betriebe wurden von der Beamtenschaft und dem Adel aus der Neustadt verdrängt. Die meisten der barocken Palazzi, die heute die Maria-Theresienstraße schmücken, entstanden im 17. Jahrhundert während Dreiheiligen und St. Nikolaus zu Innsbrucks Industrie- und Arbeitervierteln wurden. Neben der Metallverarbeitung rund um die Silbergasse siedelten sich auch Gerber, Tischler, Wagner, Baumeister, Steinmetze und andere Handwerker der frühen Industrialisierung hier an.
Die Industrie änderte nicht nur die Spielregeln im Sozialen durch den Zuzug neuer Arbeitskräfte und ihrer Familien, sie hatte auch Einfluss auf die Erscheinung Innsbrucks. Die Arbeiter waren, anders als die Bauern, keines Herren Untertanen, auch wenn sie natürlich dem strengen Gehorsam ihres Brötchengebers unterworfen waren. Unternehmer waren zwar nicht von edlem Blut, sie hatten aber oft mehr Kapital zur Verfügung als die Aristokratie. Die alten Hierarchien bestanden zwar noch, begannen aber zumindest etwas brüchig zu werden. Die neuen Bürger brachten neue Mode mit und kleideten sich anders. Kapital von außerhalb kam in die Stadt. Wohnhäuser und Kirchen für die neu zugezogenen Untertanen entstanden. Die Arbeiterviertel vor den Toren der Stadt wurden von den alteingesessenen Innsbruckern argwöhnisch beäugt, nicht zuletzt, weil den überfüllten Siedlungen nachgesagt wurde, Brutstätten für Pestausbrüche zu sein. Die großen Werkstätten veränderten den Geruch und den Klang der Stadt. Die Hüttenwerke waren laut, der Rauch der Öfen verpestete die Luft. Innsbruck war von einer kleinen Siedlung an der Innbrücke zu einer Proto-Industriestadt geworden.
Das Wachstum wurde Ende des 18. Jahrhunderts für einige Jahrzehnte von den Napoleonischen Kriegen gebremst. Die zweite Welle der Industrialisierung erfolgte im Verhältnis zu anderen europäischen Regionen in Innsbruck spät. Ein Grund dafür war die späte Etablierung eines funktionierenden Bankenwesens in der Stadt. Braven Katholiken galten Bänker noch immer als „Wucherer und Borger“ und das Geschäft mit dem Geld galt als unanständig. Ohne Finanzierung konnten aber auch große Unternehmungen nicht gegründet werden. Die Tiroler Landesregierung hatte zwar 1715 die so genannte Banko gegründet und in der Herzog-Friedrich-Straße gab es die Privatbank Bederunger, erst mit der Gründung der ersten Filiale der Sparkasse wurde es möglich, sein Geld nicht mehr unter dem Kopfpolster zu verwahren. Nach 1850 begann man Kredite zu vergeben, was die Gründung heimischer größerer Betriebe ermöglichte. Das Kleine Handwerk, die bäuerliche Herstellung von allerlei Gebrauchsgegenständen vor allem im weniger arbeitsintensiven Winter, und die ehemaligen in Zünften organisierten Handwerksbetriebe der Stadt gerieten unter den Errungenschaften der modernen Warenherstellung unter Druck. In St. Nikolaus, Wilten, Mühlau und Pradl entstanden entlang des Mühlbaches und des Sillkanals moderne Fabriken. Viele innovative Betriebsgründer kamen von außerhalb Innsbrucks. Im heutigen Haus Innstraße 23 gründete der aus der Lausitz nach Innsbrucker übersiedelte Peter Walde 1777 sein Unternehmen, in dem aus Fett gewonnene Produkte wie Talglichter und Seifen hergestellt wurden. Acht Generationen später besteht Walde als eines der ältesten Familienunternehmen Österreichs noch immer. Im denkmalgeschützten Stammhaus mit gotischem Gewölbe kann man heute das Ergebnis der jahrhundertelangen Tradition in Seifen- und Kerzenform kaufen. Franz Josef Adam kam aus dem Vinschgau, um die bis dato größte Brauerei der Stadt in einem ehemaligen Adelsansitz zu gründen. 1838 kam die Spinnmaschine über die Dornbirner Firma Herrburger & Rhomberg über den Arlberg nach Pradl. H&R hatte ein Grundstück an den Sillgründen erworben. Der Platz eignete sich dank der Wasserkraft des Flusses ideal für die schweren Maschinen der Textilindustrie. Neben der traditionellen Schafwolle wurde nun auch Baumwolle verarbeitet.
Wie 400 Jahre zuvor veränderte auch die Zweite Industrielle Revolution die Stadt und den Alltag ihrer Einwohner nachhaltig. Stadtteile wie Mühlau, Pradl und Wilten wuchsen rasant. Die Betriebe standen oft mitten in den Wohngebieten. Über 20 Betriebe nutzten um 1900 noch immer den Sillkanal. Die Haidmühle in der Salurnerstraße bestand von 1315 bis 1907. In der Dreiheiligenstraße wurde eine Textilfabrik mit der Energie des Sillkanals versorgt. Der Lärm und die Abgase der Motoren waren für die Anrainer die Hölle, wie ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1912 zeigt:
„Entrüstung ruft bei den Bewohnern des nächst dem Hauptbahnhofe gelegenen Stadtteiles der seit einiger Zeit in der hibler´schen Feigenkaffeefabrik aufgestellte Explosionsmotor hervor. Der Lärm, welchen diese Maschine fast den ganzen Tag ununterbrochen verbreitet, stört die ganz Umgebung in der empfindlichsten Weise und muß die umliegenden Wohnungen entwerten. In den am Bahnhofplatze liegenden Hotels sind die früher so gesuchten und beliebten Gartenzimmer kaum mehr zu vermieten. Noch schlimmer als der ruhestörende Lärm aber ist der Qualm und Gestank der neuen Maschine…“
Aristokraten, die sich zu lange auf ihrem Geburtsverdienst in edler Muse arrangierten, während sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spielregeln änderten, mussten ihre Anwesen an den neuen Geldadel verkaufen. Im Palais Sarnthein gegenüber der Triumphpforte, 1689 von Johann Anton Gumpp für David Graf Sarnthein noch als barocker Ansitz geplant, zog die Waffenfabrik und das Geschäft von Johann Peterlongo ein. Geschickte Mitglieder des Adelsstandes nutzten ihre Voraussetzungen und investierten Familienbesitz und Erträge aus der bäuerlichen Grundentlastung von 1848 in Industrie und Wirtschaft. Der steigende Arbeitskräftebedarf wurde von ehemaligen Knechten und Landwirten ohne Land gedeckt. Während sich die neue vermögende Unternehmerklasse Villen in Wilten, Pradl und dem Saggen bauen ließ und mittlere Angestellte in Wohnhäusern in denselben Vierteln wohnten, waren die Arbeiter in Arbeiterwohnheimen und Massenunterkünften untergebracht. Die einen sorgten in Betrieben wie dem Gaswerk, dem Steinbruch oder in einer der Fabriken für den Wohlstand, während ihn die anderen konsumierten. Schichten von 12 Stunden in engen, lauten und rußigen Bedingungen forderten den Arbeitern alles ab. Zu einem Verbot der Kinderarbeit kam es erst ab den 1840er Jahren. Frauen verdienten nur einen Bruchteil dessen, was Männer bekamen. Die Arbeiter wohnten oft in von ihren Arbeitgebern errichteten Mietskasernen und waren ihnen mangels eines Arbeitsrechtes auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Es gab weder Sozial- noch Arbeitslosenversicherungen. Wer nicht arbeiten konnte, war auf die Wohlfahrtseinrichtungen seines Heimatortes angewiesen. Angemerkt sei, dass sich dieser für uns furchterregende Alltag der Arbeiter nicht von den Arbeitsbedingungen in den Dörfern unterschied, sondern sich daraus entwickelte. Auch in der Landwirtschaft waren Kinderarbeit, Ungleichheit und prekäre Arbeitsverhältnisse die Regel.
Die Industrialisierung betraf aber nicht nur den materiellen Alltag. Innsbruck erfuhr eine Gentrifizierung wie man sie heute in angesagten Großstadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg in Berlin beobachten kann. Der Wechsel vom bäuerlichen Leben des Dorfes in die Stadt beinhaltete mehr als einen örtlichen Wechsel. Wie die Menschen die Verstädterung des ehemals ländlichen Bereichs erlebten, lässt uns der Innsbrucker Schriftsteller Josef Leitgeb in einem seiner Texte wissen:
„…viel fremdes, billig gekleidetes Volk, in wachsenden Wohnblocks zusammengedrängt, morgens, mittags und abends die Straßen füllend, wenn es zur Arbeit ging oder von ihr kam, aus Werkstätten, Läden, Fabriken, vom Bahndienst, die Gesichter oft blaß und vorzeitig alternd, in Haltung, Sprache und Kleidung nichts Persönliches mehr, sondern ein Allgemeines, massenhaft Wiederholtes und Wiederholbares: städtischer Arbeitsmensch. Bahnhof und Gaswerk erschienen als Kern dieser neuen, unsäglich fremden Landschaft.“
Für viele Innsbrucker aus unterschiedlichen Sphären kam es nach dem Revolutionsjahr 1848 und den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten zur Verbürgerlichung. Geschichten, von Menschen, die mit Fleiß, Glück, Talent und etwas finanzieller Starthilfe aufstiegen, gab es immer wieder. Bekannte Innsbrucker Beispiele außerhalb der Hotellerie und Gastronomie, die bis heute existieren sind die Tiroler Glasmalerei, der Lebensmittelhandel Hörtnagl oder die Seifenfabrik Walde. Erfolgreiche Unternehmer übernahmen die einstige Rolle der adeligen Grundherren. Gemeinsam mit den zahlreichen Akademikern bildeten sie eine neue Schicht, die auch politisch mehr und mehr Einfluss gewann. Beda Weber schrieb 1851 anerkennend: „Ihre gesellschaftlichen Kreise sind ohne Zwang, es verräth sich schon deutlich etwas Großstädtisches, das man anderwärts in Tirol nicht so leicht antrifft."
Auch die Arbeiter verbürgerlichten. War der Grundherr am Land noch Herr über das Privatleben seiner Knechte und Mägde und konnte bis zur Sexualität über die Freigabe zur Ehe über deren Lebenswandel bestimmen, waren die Arbeiter nun individuell zumindest etwas freier. Sie wurden zwar nur schlecht bezahlt, immerhin erhielten sie aber nun ihren eigenen Lohn anstelle von Kost und Logis und konnten ihre Privatangelegenheiten für sich regeln ohne grundherrschaftliche Vormundschaft.
Die Kehrseite dieser neu gewonnen Selbstbestimmung traten vor allem in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung zu Tage. Es gab kaum staatliche Infrastruktur für Kranken- und Familienfürsorge. Krankenvorsorge, Pension, Altersheime und Kindergärten waren noch nicht erfunden, hatte die bäuerliche Großfamilie diese Aufgaben vielfach bis jetzt übernommen. In den Arbeitervierteln tummelten sich unter Tags unbeaufsichtigte Kinder: Betroffen waren vor allem die kleinsten, die noch nicht unter die Schulpflicht fielen. 1834 gründete sich nach einem Aufruf des Tiroler Landesgubernators ein Frauenverein, der Kinderverwahranstalten in den Arbeitervierteln St. Nikolaus, Dreiheiligen und in Angerzell, der heutigen Museumstraße, betrieb. Ziel war es nicht nur die Kinder von der Straße fernzuhalten und sie mit Kleidung und Nahrung zu versorgen, sondern ihnen auch Manieren, züchtige Ausdrucksweise und tugendhaftes Verhalten beizubringen. Die Wärterinnen sorgten mit strenger Hand für „Reinlichkeit, Ordnung und Folgsamkeit“ dafür, dass die Kinder zumindest ein Mindestmaß an Fürsorge erfuhren. Die ehemalige Bewahranstalt in der Paul-Hofhaimer-Gasse hinter dem Ferdinandeum gibt es bis heute, der klassizistische Bau beherbergt den Integrationskindergarten der Caritas und einen Betriebskindergarten des Landes Tirol.
Innsbruck ist keine traditionelle Arbeiterstadt. Zur Bildung einer bedeutenden Arbeiterbewegung wie in Wien kam es in Tirol trotzdem nie. Zwar gab es Sozialdemokraten und eine Handvoll Kommunisten, die Zahl der Arbeiter war aber immer zu klein, um wirklich etwas zu bewegen. Maiaufmärsche werden vom Großteil der Menschen maximal wegen billiger Schnitzel und Freibier besucht. Auch sonst gibt es kaum Erinnerungsorte an die Industrialisierung und die Errungenschaften der Arbeiterschaft. In der St.-Nikolaus-Gasse und in vielen Mietzinshäusern in Wilten und Pradl haben sich vereinzelt Häuser erhalten, die einen Eindruck vom Alltag der Innsbrucker Arbeiterschaft geben.
Innsbruck und der Nationalsozialismus
In den 1920er und 30er wuchs und gedieh die NSDAP auch in Tirol. Die erste Ortsgruppe Innsbrucks wurde bereits 1923 gegründet. Mit „Der Nationalsozialist – Kampfblatt für Tirol und Vorarlberg“ erschien ein eigenes Wochenblatt. 1933 erlebte die NSDAP mit dem Rückenwind aus Deutschland auch in Innsbruck einen kometenhaften Aufstieg. Die Modernität der Partei mit ihrem demonstrativ-revolutionären Antiklerikalismus und die Aufstiegsmöglichkeiten, die sie bot, sprach vor allem junge Menschen an. Das Neue, das Aufräumen mit alten Hierarchien und Strukturen wie der katholischen Kirche, der Umbruch und der noch nie dagewesene Stil zogen sie an. Besonders unter den großdeutsch gesinnten Burschen der Studentenverbindungen und vielfach auch unter Professoren war der Nationalsozialismus beliebt. Wer bereits oben war, sehnte sich nach den Zeiten vor dem allgemeinen Wahlrecht zurück, als Sozialdemokraten noch nichts zu melden hatten. Die demokratische Republik war konservativen Eliten ein Gräuel. Wer nach oben wollte, den Sozialdemokraten aber nichts abgewinnen konnte, konnte der sperrigen Demokratie ebenfalls nur wenig abgewinnen. Die allgemeine Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit der Bürger kombiniert mit theatralisch inszenierten Fackelzügen durch die Stadt samt hakenkreuzförmiger Bergfeuer auf der Nordkette und einem regen Vereinsleben verhalfen der NSDAP schnell zu Popularität. Über 1800 Innsbrucker waren Mitglied der SA, die ihr Quartier in der Bürgerstraße 10 hatte. Konnten die Nationalsozialisten bei ihrem ersten Antreten bei einer Gemeinderatswahl 1921 nur 2,8% der Stimmen erringen, waren es bei den Wahlen 1933 bereits 41%. Nicht nur die Wahl Hitlers zum Reichskanzler in Deutschland, auch Kampagnen und Manifestationen in Innsbruck verhalfen der ab 1934 in Österreich verbotenen Partei zu diesem Ergebnis. Neun Mandatare, darunter der spätere Innsbrucker Bürgermeister Egon Denz und der Gauleiter Tirols Franz Hofer, zogen in den Gemeinderat ein.
Als der Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 erfolgte, kam es in Innsbruck zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Bereits im Vorfeld des Einmarsches war es immer wieder zu Aufmärschen und Kundgebungen der Nationalsozialisten gekommen, nachdem das Verbot der Partei aufgehoben worden war. Noch bevor Bundeskanzler Schuschnigg seine letzte Rede an das Volk vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten mit den Worten „Gott schütze Österreich“ am 11. März 1938 geschlossen hatte, rotteten sich bereits die Nationalsozialisten in der Innenstadt zusammen um den Einmarsch der deutschen Truppen vorzufeiern. Die Polizei war dem Aufruhr der organisierten Manifestationen teils gewogen, teils stand sie dem Treiben machtlos gegenüber. Landhaus und Maria-Theresien-Straße wurden zwar abgeriegelt und mit Maschinengewehrständen gesichert, an ein Durchgreifen seitens der Exekutive war aber nicht zu denken. „Ein Volk – ein Reich – ein Führer“ hallte durch die Stadt. Die Bedrohung des deutschen Militärs und der Aufmarsch von SA-Truppen beseitigten die letzten Zweifel. Mehr und mehr schloss sich die begeisterte Bevölkerung an. Am Tiroler Landhaus, damals noch in der Maria-Theresienstraße, sowie im provisorischen Hauptquartier der Nationalsozialisten im Gasthaus Alt-Innsprugg, wurde die Hakenkreuzfahne gehisst. Am 12. März empfing ein großer Teil der Innsbrucker das deutsche Militär frenetisch. Um die Gastfreundschaft gegenüber den Nationalsozialisten sicherzustellen, ließ Bürgermeister Egon Denz jedem Arbeiter einen Wochenlohn auszahlen. Am 5. April besuchte Adolf Hitler persönlich Innsbruck, um sich von der Menge feiern zu lassen. Archivbilder zeigen eine euphorische Menschenmenge in Erwartung des heilsversprechenden Führers. Auf der Nordkette wurden Bergfeuer in Hakenkreuzform entzündet. Die Volksbefragung am 10. April ergab eine Zustimmung von über 99% zum Anschluss Österreichs an Deutschland. Die Menschen waren nach der wirtschaftlichen Not der Zwischenkriegszeit, der Wirtschaftskrise und den Regierungen unter Dollfuß und Schuschnigg müde und wollten Veränderung. Welche Art von Veränderung, war im ersten Moment weniger wichtig als die Veränderung an und für sich. „Es denen da oben zu zeigen“, das war Hitlers Versprechen. Wehrmacht und Industrie boten jungen Menschen eine Perspektive, auch denen, die mit der Ideologie des Nationalsozialismus an und für sich wenig anfangen konnten. Der nostalgisch gehegte großdeutsche Traum hatte lange Tradition in Tirol. Das Versprechen, die deutschsprachigen Südtiroler Heim ins Reich zu holen und damit das Unrecht der Brennergrenze auszumerzen wurde ebenfalls gerne gehört. Dass es immer wieder zu Gewaltausbrüchen kam, war für die Zwischenkriegszeit in Österreich ohnehin nicht unüblich. Anders als heute war Demokratie nichts, woran sich jemand in der kurzen, von politischen Extremen geprägten Zeit zwischen der Monarchie 1918 bis zur Ausschaltung des Parlaments unter Dollfuß 1933 hätte gewöhnen können. Was faktisch nicht in den Köpfen der Bevölkerung existiert, muss man nicht abschaffen.
Tirol und Vorarlberg wurden in einem Reichsgau zusammengefasst mit Innsbruck als Hauptstadt. Auch wenn der Nationalsozialismus von einem guten Teil der Bevölkerung skeptisch gesehen wurde, gab es kaum organisierten oder gar bewaffneten Widerstand, dazu waren der katholische Widerstand OE5 und die Linke in Tirol nicht stark genug. Unorganisiertes subversives Verhalten der Bevölkerung, vor allem in den Landgemeinden rund um Innsbruck gab es vereinzelt. Zu allumfassend dominierte der Machtapparat den Alltag der Menschen. Viele Arbeitsstellen und sonstige Annehmlichkeiten des Lebens waren an eine zumindest äußerlich parteitreue Gesinnung gebunden. Eine Inhaftierung blieb dem größten Teil der Bevölkerung zwar erspart, die Angst davor war aber allgegenwärtig. Das Regime unter Hofer und Gestapochef Werner Hilliges leistete ganze Arbeit bei der Unterdrückung. Regimegegner Nummer eins war der Klerus, die katholische Kirche wurde deshalb auf allen Ebenen bekämpft. Katholische Schulen wurden umfunktioniert, Jugendorganisationen und Vereine verboten, Klöster geschlossen, der Religionsunterricht abgeschafft und eine Kirchensteuer eingeführt. Besonders hartnäckige Pfarrer wie Otto Neururer wurden in Konzentrationslager gebracht. Auch Lokalpolitiker wie die späteren Innsbrucker Bürgermeister Franz Greiter und Anton Melzer, der im Ersten Weltkrieg für Gott, Kaiser und Vaterland einen Arm verloren hatte, mussten flüchten oder wurden verhaftet. Gewalt und die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung, dem Klerus, politisch Verdächtigen, Zivilpersonen und Kriegsgefangenen auch nur überblicksmäßig zusammenzufassen würde den Rahmen sprengen. In der Klinik Innsbruck wurden Behinderte und vom System als nicht genehm empfundene Menschen wie Homosexuelle zwangssterilisiert. 1941 wurde in der Rossau in der Nähe des Bauhofs Innsbruck das Arbeitslager Reichenau errichtet. Etwa 120 Personen fanden in diesem Barackenlager den Tod durch Krankheit, die schlechten Bedingungen, Arbeitsunfälle oder Hinrichtungen. Die meist jüdischen, russischen oder italienischen Zwangsarbeiter wurden in den Messerschmitt Werken in Kematen und auf den vielen Baustellen wie der Errichtung der Südtiroler Siedlungen oder der Stollen zum Schutz vor den Luftangriffen im Süden Innsbrucks eingesetzt. Die Erinnerungsorte an die Zeit des Nationalsozialismus sind rar gesät. Das auffälligste Denkmal ist wohl das Tiroler Landhaus mit dem Befreiungsdenkmal. An der Alten Universität in der Herrengasse prangt eine Bronzetafel, die daran erinnert, dass die Gestapo hier einst ihr Hauptquartier hatte, wo Verdächtige unter Folter verhört, schwer misshandelt und teils mit Fäusten zu Tode geprügelt wurden. Der Vorplatz der Universität und eine kleine Säule am südlichen Eingang der Klinik wurden ebenfalls im Gedenken an das wohl dunkelste Kapitel Österreichs Geschichte gestaltet. In der Rossau wurde ein Gedenkort an das Arbeitslager Reichenau errichtet.
Luftangriffe auf Innsbruck
Das Aussehen einer Stadt unterliegt einem steten Wandel. Einige Epochen hinterließen besonders gut sichtbare Veränderungen im Stadtbild Innsbrucks. Die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen ab dem 15. Jahrhundert sowie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spiegeln sich auch in Bauwerken und Denkmälern wider. Das einschneidendste Ereignis mit den größten Auswirkungen auf das Stadtbild waren aber wohl die Luftangriffe auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg, als aus der „Heimatfront“ ein tatsächlicher Kriegsschauplatz wurde. Die Lage am Fuße des Brenners war über Jahrhunderte ein Segen für die Stadt gewesen, nun wurde sie ihr zum Verhängnis. Innsbruck war ein wichtiger Versorgungsbahnhof für den Nachschub an der Italienfront. In der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1943 erfolgte der erste alliierte Luftangriff auf die schlecht vorbereitete Stadt. 269 Menschen fielen den Bomben zum Opfer, 500 wurden verletzt und mehr als 1500 obdachlos. Über 300 Gebäude, vor allem in Wilten und der Innenstadt, wurden zerstört und beschädigt. Am Montag, den 18. Dezember fanden sich in den Innsbrucker Nachrichten, dem Vorgänger der Tiroler Tageszeitung, auf der Titelseite allerhand propagandistische Meldungen vom erfolgreichen und heroischen Abwehrkampf der Deutschen Wehrmacht an allen Fronten gegenüber dem Bündnis aus Anglo-Amerikanern und dem Russen, nicht aber vom Bombenangriff auf Innsbruck.
Bombenterror über Innsbruck
Der 16. Dezember wird in der Geschichte Innsbrucks als der Tag vermerkt bleiben, an dem der Luftterror der Anglo-Amerikaner die Gauhauptstadt mit der ganzen Schwere dieser gemeinen und brutalen Kampfweise, die man nicht mehr Kriegführung nennen kann, getroffen hat. In mehreren Wellen flogen feindliche Kampfverbände die Stadt an und richteten ihre Angriffe mit zahlreichen Spreng- und Brandbomben gegen die Wohngebiete. Schwerste Schäden an Wohngebäuden, an Krankenhäusern und anderen Gemeinschaftseinrichtungen waren das traurige, alle bisherigen Schäden übersteigende Ergebnis dieses verbrecherischen Überfalles, der über zahlreiche Familien unserer Stadt schwerste Leiden und empfindliche Belastung der Lebensführung, das bittere Los der Vernichtung liebgewordenen Besitzes, der Zerstörung von Heim und Herd und der Heimatlosigkeit gebracht hat. Grenzenloser Haß und das glühende Verlangen diese unmenschliche Untat mit schonungsloser Schärfe zu vergelten, sind die einzige Empfindung, die außer der Auseinandersetzung mit den eigenen und den Gemeinschaftssorgen alle Gemüter bewegt. Wir alle blicken voll Vertrauen auf unsere Soldaten und erwarten mit Zuversicht den Tag, an dem der Führer den Befehl geben wird, ihre geballte Kraft mit neuen Waffen gegen den Feind im Westen einzusetzen, der durch seinen Mord- und Brandterror gegen Wehrlose neuerdings bewiesen hat, daß er sich von den asiatischen Bestien im Osten durch nichts unterscheidet – es wäre denn durch größere Feigheit. Die Luftschutzeinrichtungen der Stadt haben sich ebenso bewährt, wie die Luftschutzdisziplin der Bevölkerung. Bis zur Stunde sind 26 Gefallene gemeldet, deren Zahl sich aller Voraussicht nach nicht wesentlich erhöhen dürfte. Die Hilfsmaßnahmen haben unter Führung der Partei und tatkräftigen Mitarbeit der Wehrmacht sofort und wirkungsvoll eingesetzt.
Diese fantasievoll gestaltete Nachricht schaffte es gerade mal auf Seite 3. Prominenter wollte man die schlechte Vorbereitung der Stadt auf das absehbare Bombardement wohl nicht präsentieren, zu groß waren die Schäden an der Stadt und die persönlichen, tragischen Verluste in der Bevölkerung. Dass die sterblichen Überreste der Opfer des Luftangriffes vom 15. Dezember 1943 am heutigen Landhausplatz vor dem neu errichteten Gauhaus, dem Symbol nationalsozialistischer Macht, aufgebahrt wurden, zeugt von trauriger Ironie des Schicksals. Im Jänner 1944 begann man mit der Errichtung von Luftschutzstollen und andere Schutzmaßnahmen. Die Arbeiten wurden zu einem großen Teil von Gefangenen des Konzentrationslagers Reichenau durchgeführt.
Insgesamt wurde Innsbruck zwischen 1943 und 1945 zweiundzwanzig Mal angegriffen. Dabei wurden knapp 3833, also knapp 50%, der Gebäude in der Stadt beschädigt und 504 Menschen starben. In den letzten Kriegsmonaten war an Normalität nicht mehr zu denken. Die Bevölkerung lebte in dauerhafter Angst. Die Schulen wurden bereits vormittags geschlossen. An einen geregelten Alltag war nicht mehr zu denken. Die Stadt wurde zum Glück nur Opfer gezielter Angriffe. Deutsche Städte wie Hamburg oder Dresden wurden von den Alliierten mit Feuerstürmen mit Zehntausenden Toten innerhalb weniger Stunden komplett dem Erdboden gleichgemacht. Trotzdem war die Bilanz verheerend. Viele Gebäude wie die Jesuitenkirche, das Stift Wilten, die Servitenkirche, das Hallenbad in der Amraserstraße wurden getroffen. Der Angriff am 16. Dezember 1944, ein Jahr nach dem ersten Luftschlag, verheerte den Dom und das Rathaus. Besondere Sorgfalt und Schutz erfuhren in Innsbruck historische Gebäude und Denkmäler. Das Goldene Dachl wurde mit einer speziellen Konstruktion ebenso geschützt wie der Sarkophag Maximilians in der Hofkirche. Die Figuren der Hofkirche, die Schwarzen Mannder, wurden nach Kundl gebracht. Das Bild der Gnadenmutter Lucas Cranachs aus dem Innsbrucker Dom wurde während des Krieges ins Ötztal überführt.
Viele Jahre nach dem Krieg war die Stadt von den Trümmern und Schäden der Luftangriffe charakterisiert, heute erinnert nur noch wenig an diese für viele Innsbrucker traumatischen Ereignisse. Der Luftschutzstollen südlich von Innsbruck an der Brennerstraße und die Kennzeichnungen von Häusern mit Luftschutzkellern mit ihren schwarzen Vierecken und den weißen Kreisen und Pfeilen kann man heute noch begutachten. Zwei der Stellungen der Flugabwehrgeschütze, mittlerweile nur noch zugewachsene Mauerreste, können am Lanser Köpfl oberhalb von Innsbruck besichtigt werden. In Pradl, wo neben Wilten die meisten Gebäude beschädigt wurden, weisen an den betroffenen Häusern Bronzetafeln auf den Wiederaufbau nach dem Krieg hin. Am alten Innsbrucker Rathaus erinnert eine Wandmalerei an den Bombentreffer im Dezember 1944.
Innsbrucks olympische Renaissance
Es gibt Ereignisse, die im kollektiven Gedächtnis einer Gemeinschaft über Generationen hinweg Bestand haben. Man muss nicht dabei gewesen sein, ja noch nicht mal auf der Welt, um zu wissen, wie Franz Klammer am Patscherkofel am 5. Februar 1976 in der olympischen Abfahrt in seinem gelben Einteiler zur Goldmedaille raste. Franz Josef I. mag den Patscherkofel 1848 bestiegen haben, zur Legende auf diesem Berg aber wurde Kaiser Franz Klammer. „Jawoll! 1;45,73 für unseren Franzi Klammer,“ schallte es damals aus zahllosen TV-Geräten in Österreich. Um dem Nationalhelden Klammer auf seinem Teufelsritt folgen zu können, durften die Schüler wie bereits 1964 am Tag der Herrenabfahrt zu Hause bleiben. Auch sonst waren die Straßen während dieses Höllenrittes leergefegt. Klammer schaffte das, was etliche Kaiser, Könige und Politiker nicht geschafft hatten. Er einte die Nation Österreich. “Mi hats obageibtlt von oben bis unten, I hatt nie gedacht, dass i Bestzeit foa,“ gab Klammer im Kärntner Dialekt beim Siegerinterview zu Protokoll. Kein Tiroler, nobody is perfect, aber die Olympischen Spiele waren für die Gastgebernation Österreich schon am zweiten Tag gerettet. 1976 fanden die Olympischen Winterspiele bereits zum zweiten Mal in Innsbruck statt. Eigentlich wäre Denver an der Reihe gewesen, wegen eines Referendums auf Grund finanzieller und ökologischer Bedenken trat man in Colorado als Ausrichter zurück. Innsbruck setzte sich als Gastgeber im zweiten Versuch gegen Lake Placid, Chamoix und Tampere durch. Zum ersten Mal war man 12 Jahre zuvor Ausrichter der Olympiade gewesen. Vom 29. Januar bis zum 9. Februar 1964 war Innsbruck der Nabel gewesen, nachdem man sich mit der Bewerbung gegen Calgary und Lahti durchgesetzt hatte. Erheblicher Schneemangel bereitete Probleme bei der Durchführung etlicher Events. Nur mit Hilfe des Bundesheeres, das Schnee und Eis aus dem Hochgebirge zu den Wettkampfstätten brachte, konnten die 34 Bewerbe über die Bühne gehen. Die Eröffnungsfeier im randvollen Berg Isel Stadion ist auf Archivbildern gut nachzuvollziehen. Anders als die aufwändigen Zeremonien der heutigen olympischen Spiele ging das Prozedere in den 60er Jahren noch unspektakulär vonstatten. Die Wiltener Stadtmusik erfreute die internationalen Gäste mit Tiroler Blasmusik. Beim Einmarsch der Fahnen konnten Besucher zum ersten Mal im Rahmen von olympischen Spielen die Flagge Nordkoreas erblicken. Die Tiroler Schützen überwachten mit Argusaugen die olympische Flamme. Als Logo wurden lediglich die Olympischen Ringe über das Wappen der Stadt gelegt, ein Maskottchen gab es noch nicht. Die Sportbewerbe waren weniger professionell organisiert als bei heutigen olympischen Spielen. Das Bobrennen fand zum ersten Mal auf einer Kunsteisbahn statt, wenn auch noch nicht im heutigen Igler Eiskanal. Die Eishockeyspiele wurden zum Teil noch in der Messehalle in sehr moderatem Rahmen abgehalten. Skibewerbe, wie der Slalom und Riesenslalom der Damen, in dem sich in jeweils anderer Konstellation die französischen Schwestern Christine und Marielle Goitschel Gold und Silber umhängen ließen, fanden in der Axamer Lizum statt. Am Berg Isel verfolgten laut offiziellen Angaben 80.000 Zuschauer das Spektakel, als sich der Finne Veikko Kankonnen Gold im Skisprung sicherte. Im Eishockeyfinale triumphierte die Sowjetunion vor Schweden. Mit 11 Goldmedaillen sicherte sich die UDSSR auch Platz 1 im Medaillenspiegel, mit vier Goldenen wurde Österreich sensationell Zweiter.
Am Berg Isel fand auch die Eröffnung der Spiele 1976 statt. Zur Erinnerung an 1964 wurden am Berg Isel während der Eröffnung zwei Flammen entzündet. Die diesmal 37 Bewerbe fanden zu einem großen Teil an den gleichen Wettkampforten in Innsbruck, Axams, Igls und Seefeld statt wie 1964. Eisstadion und Skisprungarena waren noch immer olympiatauglich. In Igls wurde eine neue Kunsteisbahn gebaut. Die Axamer Lizum erhielt eine neue Standbahn, um die Athleten zum Start auf den Hoadl zu bringen. Schnee war erneut Mangelware im Vorfeld und man bangte erneut, rechtzeitig schlug das Wetter im letzten Moment aber um und bescherte Innsbruck Frau Holles Segen. Das Schneemanndl, ein runder Schneemann mit Karottennase und Tiroler Hut, das Maskottchen der Spiele von 1976 war wohl ein gutes Omen. Die größte Veränderung zwischen den beiden olympischen Spielen innerhalb von zwölf Jahren war der Status der Athleten. Waren bei den ersten Spielen offiziell nur Amateure am Start, also Sportler, die einem Beruf nachgingen, konnten 1976 Profisportler antreten. Auch die Übertragungs- und Fotoqualität war um einiges höher als bei der ersten Innsbrucker Edition. Fernsehen hatte dem Radio mittlerweile den Rang abgelaufen. Die deutsche Skirennläuferin Rosi Mittermaier wurde perfekt in Szene gesetzt bei ihren Fahrten zu Doppelgold und Silber bei den Damenskirennen. Das Eishockeyturnier gewann erneut die Sowjetunion vor Schweden, bereits zum vierten Mal in Folge. Auch der Medaillenspiegel sah am Ende die UDSSR wieder ganz oben, diesmal vor der DDR. Österreich konnte nur zwei Goldene erringen. Mit Klammers Gold in der Abfahrt war dies allerdings nur Nebensache. Der Patscherkofel und Österreichs Franzi sind seither untrennbar miteinander verbunden. Und auch wenn die Innsbrucker nicht ganz so sportlich sind, wie sie gerne wären, den Titel der Olympiastadt kann nach zwei Ausgaben plus einer Universiade und den Youth Olympic Games niemand wegdiskutieren.
Auch für die un-sportliche Infrastruktur ließ sich die Stadt, unterstützt von Bundesmitteln, bei beiden Spielen nicht lumpen. Nach dem raschen Wiederaufbau der Stadt nach dem Krieg kam es im Vorfeld zu einer Modernisierung der Stadt. Die erste olympische Edition Innsbrucks fiel in die Zeit des Wirtschaftswunders. Zwei Mal wurde ein Olympisches Dorf aus dem Boden gestanzt und Wohnraum geschaffen, der heute noch in Benutzung ist. Als Standort wurde ein Teil des ehemaligen Dorfes Arzl auserkoren, das seit 1940 zu Innsbruck gehörte. Der heutige Stadtteil O-Dorf im Osten der Stadt fungierte während der Spiele als Olympisches Dorf für die Athleten, das durch die Reichenauer Brücke über den Inn mit der Innenstadt und den Wettkampfstätten verbunden wurde. In der kaum besiedelten Arzler Au wurde 1961 mit dem Bau der ersten Wohnblöcke begonnen. Der Arzler Schießstand, den man auf einer Landkarte von 1960 noch sehen kann, wurde eine Talstufe weiter nach oben verlegt. In den 1970er Jahren kamen weitere Blöcke dazu. Heute ist das O-Dorf, trotz der wenig beschaulichen Hochhäuser im Stil der 1960er und 1970er Jahre, dank seiner Lage am Inn, den Grünflächen und der guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr ein lebenswertes Grätzel. Viele weitere Bauten in Innsbruck, die während der Olympiade als Infrastruktur für Presse und Medien genutzt wurden, gehen ebenfalls auf die Olympischen Spiele zurück. Die Pädagogische Akademie PÄDAK in Wilten, die IVB-Halle und das Landessportheim können als olympisches Erbe betrachtet werden. Der wenig prächtige Bau, der das ehemalige Hotel Holiday Inn neben der Triumphpforte beherbergt, das in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl an Betreiberwechseln durchmachte, entstand ebenfalls im Rahmen der olympischen Renaissance. Trotz all der schönen neuen Gebäude musste an allen Ecken und Enden improvisiert werden. Auswärtige Jugendliche und so mancher weniger wichtige Funktionär fanden ihr Quartier in einer der Schulen, die geschlossen blieben um als Schlafsäle zu dienen. Infrastrukturelles Erbe der Olympischen Spiele ist auch etwas, das man heute verzweifelt zu ändern versucht: Das Wachstum fiel mit den 60er und 70er Jahren in die frühe Blütezeit des Automobils. Dass die Expansion der Stadt gerade in diese Zeit fiel, kann wohl auch als Grund dafür gesehen werden, dass Innsbruck in Relation zu seiner Größe als überdurchschnittlich autozentriert gilt. 1963 wurde die Olympiabrücke, die den Westen der Stadt mit den Wettkampfstätten verband, gebaut. Bis dahin ging der Ost-West Verkehr Innsbrucks kompliziert durch die Innenstadt. Die einzelnen Straßen zwischen der Amraser-See-Straße im Osten und der Bachlechnerstraße im Westen, aus denen die Hauptverkehrsader Südring heute besteht, wurden erst in der Folge ausgebaut und waren bis dahin ruhige Teile der Vorstadt. Wiesen und Felder prägten die Szenerie. Der Vergleich von Luftaufnahmen von 1960 und 2020 ist faszinierend. In Amras standen da, wo sich heute die tägliche Rush Hour abspielt, bis in die 1970er Jahre Bauernhöfe und einzelne Wohnhäuser. In der heutigen Egger-Lienz-Straße beim Westbahnhof verlief das Bahnviadukt der Westbahn. Alte Fotos zeigen die Gleise, daneben Bäume und spielende Kinder. Rund um die heutige Graßmayrkreuzung entstand mit der Eröffnung des Kaufhaus Forum fast im Vorbeigehen ein neuer Stadtteil.
Die Olympischen Spiele waren für Innsbruck aber nicht nur ein Startpunkt in die Moderne was Wintersport, Tourismus und Infrastruktur anbelangt. Die Events beschlossen auch gedanklich den Mief der grauen Nachkriegszeit und verbreiteten ein Gefühl des Aufbruchs aus dem Status des Provinznestes. Weniger als 20 Jahre nach Kriegsende war Innsbruck Gastgeber einer der wichtigsten Sportveranstaltungen. Innerhalb einer Generation wuchs auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Reichenau das Olympische Dorf in den Himmel. Man war vielleicht nicht mehr Residenzstadt wie zu Zeiten Maximilians, zumindest aber wieder auf der internationalen Landkarte vertreten. Kaiser Franz sei Dank!