Rudolfsbrunnen

Boznerplatz

Rudolfsbrunnen Innsbruck Bozner Platz

„Mag auch die strenge Kritik einiges an dem Standbilde ausstellen, so muß doch das Ganze als höchst gelungen bezeichnet werden und macht einen schönen, befriedigenden Eindruck.“ In der Redaktion des Innsbrucker Tagblatts scheint man am 29. September 1877, dem Tag der Enthüllung des Rudolfsbrunnens, einigermaßen zufrieden gewesen sein. Der Gestaltung des Platzes waren allerdings heftige Diskussionen zwischen liberalen und konservativen Zeitgenossen vorhergegangen. Der Rudolfsbrunnen am Innsbrucker Boznerplatz erinnert an die Vereinigung Tirols mit dem Habsburgerreich. Das Projekt den Brunnen zu bauen, begann 1863 anlässlich 500 Jahre Zugehörigkeit Tirols zu Österreich. Für die Planung konnte Friedrich Schmidt gewonnen werden. Der spätere Wiener Dombaumeister sollte einer der wichtigsten Architekten des neogotischen Stils in der K.u.K. Monarchie werden. Zwischen Bozen, Böhmen und Ruthenien realisierte er viele markante Gebäude, unter anderem den Neubau des Südturms des Stephansdoms und die St. Nikolauskirche in Innsbruck. Er ist nicht nur Ehrenbürger der Stadt Innsbruck, sondern besitzt auch ein prunkvolles Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof. Die Figur am 12 Meter hohen Brunnen stellt Herzog Rudolf IV. von Österreich, Kärnten, der Steiermark und Graf von Tirol dar, der das Land Tirol von Margarethe von Tirol-Görz geerbt hatte. Der Brunnen war eine Manifestation der Zugehörigkeit des Kronlandes Tirol zur Habsburgermonarchie. Innsbruck war am Westende etwas abseits des Geschehens, richtete sich das Hauptaugenmerk der Regierungsgeschäfte in Wien doch eher Richtung Osten. Besonders den liberalen und nationalen Kräften der Stadt war es ein Anliegen die Vereinigung Tirols mit Österreich darstellen zu lassen. Ein eigens gegründetes Komitee, das ein wenig an das Komitee in Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ erinnert, sammelte Spenden für das Denkmal. Die konservativen Kräfte schlugen im Kampf um die Inszenierung des öffentlichen Raums mit der Gestaltung des Andreas-Hofer-Denkmals am Berg Isels zurück. Ihre Version der Tiroler Identität orientierte sich weniger an der Donaumonarchie als vielmehr an einem eigenständigen Land mit rein tirolisch-nationaler Identität samt Herz-Jesu-Kult. Das 19. Jahrhundert war die große Zeit des Nationalismus. Europaweit wurde nach Traditionen und Gemeinsamkeiten gesucht, um Menschen Identifikation, Zugehörigkeit und Zusammenhalt zu geben. Bauwerke, Literatur und Denkmäler sollten den Nationalstolz in der Bevölkerung stärken. Tirol als Teil Österreichs und des Vielvölkerreichs der Habsburger war hier keine Ausnahme. Gleichzeitig bemühte sich vor allem der deutschsprachige Teil Tirols um eine deutsche Identität. Kronprinz Rudolf, der Sohn und designierte Thronfolger Kaiser Franz Josefs, war zur Enthüllung des Brunnens anwesend. Wenige Jahre später sollte sich dieser liberale und allgemein überaus beliebte Vertreter der Familie Habsburg gemeinsam mit seiner minderjährigen Geliebten Mary Vetsera das Leben nehmen. Dieser Skandal ging als Affäre Mayerling in die österreichische Geschichte ein. Der Fall war Wasser auf die Mühlen der Monarchiekritiker. Die als antiquiert geltenden Erziehungsmethoden der Aristokratie, die der sensible Rudolf als Kind erdulden musste, kamen mehr und mehr an die Öffentlichkeit und sorgten für Diskussionen. Rudolf wurde auch ein katholisches Begräbnis zugestanden, obwohl die Kirche dies Selbstmördern eigentlich verwehrte. Für viele Zeitgenossen zeigte dies die Unterschiede, die zwischen Adel und Untertanen noch immer galten.

Heute steht der Boznerplatz wieder im Zentrum reger Diskussionen im Gemeinderat. Betrachtet man ihn auf alten Bildern, sieht man einen attraktiven innerstädtischen Platz. Die Realität heute ist etwas trister. Der Boznerplatz ist vom Verkehr bedrängt und lädt kaum zum Verweilen ein. Die Geister scheiden sich daran, ob und wie der Boznerplatz vom Verkehrsknotenpunkt wieder zu einer Begegnungszone umgestaltet werden soll.

Von Maultasch, Habsburgern und dem Schwarzen Tod

Innsbruck wird heute von Gebäuden und Denkmälern gesäumt, die an die Familie Habsburg erinnern. Seit 1363 war Innsbruck ein Teil des Hauses Habsburg. Zwischen dem letzten Grafen von Andechs und dem ersten Tiroler Landesfürsten aus dem Haus Habsburg lagen 115 bewegte Jahre. Nach dem Aussterben der Grafen von Andechs lenkte eine neue Dynastie für etwa 100 Jahre die Geschicke des Landes und somit zu einem guten Teil auch der Stadt Innsbruck. Unter dem Landesfürsten Meinhard II. von Tirol (1239 – 1295) erlangte das Land Struktur und Einheit, nachdem die Grafen von Andechs ausgestorben waren. Meinhard war mit Elisabeth von Bayern, einer Kaiserwitwe, verheiratet. Durch diesen Bonus wurde er in den Rang eines gefürsteten Grafen gehoben. Mit geschickter Politik und etwas Glück, er war ein Anhänger des ersten deutschen Königs aus dem Hause Habsburg, Rudolf I., konnte er sein Territorium vergrößern und die Grafschaft Görz und das Herzogtum Kärnten als Lehen dazugewinnen. Meinhard schaffte es den Flickenteppich am Gebiet des heutigen Tirols von seiner Stammburg in Meran aus zu einem einheitlicheren Ganzen zu einen. Sein Nachfolger Herzog Heinrich von Kärnten (1265 – 1335) zählte zu den wichtigsten Aristokraten im Heiligen Römischen Reich. Neben Tirol und dem heutigen Kärnten reichte seine Herrschaft bis nach Slowenien. Außerdem war er formal König von Böhmen. Er liegt wie Meinhard II. in der Stiftskirche Stams in Tirol begraben. Ein männlicher Nachfolger allerdings war ihm nicht beschieden gewesen. Noch vor seinem Tod hatte Heinrich aber sichergestellt, dass seine Tochter seine Nachfolge antreten konnte. Seine Tochter Margarethe „Maultasch“ von Tirol-Görz (1318 – 1369) war in zweiter Ehe mit Ludwig von Brandenburg, einem Wittelsbacher verheiratet. Die Wittelsbacher waren damals die großen Widersacher der Habsburger innerhalb des Heiligen Römischen Reichs. Eine Verbindung mit den Fürsten von Tirol sollte ihre Position weiter stärken. Das Problem an der Verbindung zwischen den Tirolern und den Wittelsbacher war, dass Margarethe von ihrem ersten Ehemann Johann-Heinrich von Luxemburg noch gar nicht geschieden war. Dieser ungeliebte böhmische Adlige war von der Tiroler Bevölkerung unter Zustimmung der von ihrem Ehemann, den sie mit 12 Jahren ehelichen hatte müssen, ebenfalls nicht begeisterten Margarethe 1341 aus dem Land gescheucht worden, zu einer Scheidung kam es aber nicht. Um die Tiroler Bevölkerung auf ihre Seite zu bringen, beschlossen die bayrischen Landesherren den Tirolern im „Großen Freiheitsbrief“ im Jahr darauf gewisse Sonderrechte einzuräumen. Der Kampf der Luxemburger und der Wittelsbacher um Tirol zog das Land gehörig in Mitleidenschaft. Der Papst hatte zu allem Übel das Land Tirol wegen der „unheiligen“ Ehe seiner Landesfürstin auch mit einem Bannfluch belegt. Dieses Interdiktum war für die Menschen im Mittelalter eine der härtesten Strafen. Für die Bevölkerung bedeutete dieser Bannfluch, dass in den Kirchen des Landes das Abhalten von Messen und die Erteilung der Kommunion untersagt waren. Die Regierungszeit Margarethes wurde unglücklicherweise von mehreren globalen Krisen erschüttert. Das 14. Jahrhundert sah eine Klimaerwärmung Europas, die eine Heuschreckenplage zur Folge hatte. Skeptiker heutzutage ziehen dieses Klimaphänomen gerne dazu heran, den menschgemachten Klimawandel unserer Tage zu relativieren, der Vergleich ist aber natürlich lächerlich. Wohl auch zu dieser Zeit etablierte sich in Innsbruck das 1350 erstmals erwähnte Untere Stadtbad in der heutigen Badgasse. Bäder dienten nicht nur zur Reinigung, hier erfolgte eine Art medizinischer Grundversorgung nach damaligen Standards beim sogenannten Bader. Bader waren fahrende oder ortsansässige Heilkundige, die Kranke behandelten, Wunden nähten oder Zähne zogen. Obwohl häufig so dargestellt, handelte es sich dabei nicht zwingend um Scharlatane. Übernatürliches galt als real, auch in der medizinischen Versorgung. Formal ausgebildete Ärzte gab es zwar, allerdings nicht besonders viele. Zudem war der wissenschaftliche Ansatz der Universitäten dieser Zeit dem der praxisorientierten Bader nicht unbedingt überlegen. Die Vier-Säfte-Lehre war bis lange in die Neuzeit gängige Lehrmeinung. Im Körper gab es ein Gleichgewicht von Blut, Schleim, schwarzer Galle und gelber Galle. Ein Ungleichgewicht dieser Säfte führt zu Krankheit. Das Gleichgewicht konnte durch Lebensführung, Ernährung, übertriebene sexuelle Aktivität oder Miasmen in der Luft durcheinanderkommen. Wasser zum Beispiel stand im Verruf, über die Haut einzudringen und das Säfteverhältnis im menschlichen Körper durcheinanderzubringen, weshalb man nach dem Baden zur Ader gelassen werden sollte. Innsbruck war weder eine gepflasterte Stadt noch gab es das Abwassersystem oder die Trinkwasserversorgung, die sich kurz später etablieren sollte. Tiere und Menschen teilten sich die Stadt brüderlich. Von 1348 bis 1350 wurden auch Innsbruck und Tirol von den Folgen der großen Pest nicht verschont. Der Schwarze Tod dezimierte die Bevölkerung und brachte wie in ganz Europa Not und Elend. Von Venedig aus über Trient und das Etschtal kam die Pest wohl nach Innsbruck. Viele Informationen sind in den Archiven dazu nicht zu finden. Eine Innsbruckerin sprach, an der Pest erkrankt, in ihrem Testament, in dem sie ihren Besitz dem Stift Stams vermachte, vom „gemeinen Sterben, das im Land umgeht“. Die Menschen konnten sich diese Phänomene nicht erklären. Es waren nicht wenige Einwohner, die die Verwüstung des Landes als eine Strafe Gottes ansahen und Margarethe dafür verantwortlich machten. Es war wohl auch in dieser Zeit, dass der Volksmund Margarethe den Spitznamen Maultasch verpasste. Einen wie lange angenommen deformierten Mund soll sie auf jeden Fall nicht besessen haben.

Die Habsburger hatten sich derweilen in Person von Rudolf IV. um eine Versöhnung zwischen dem Papst und den Fürsten von Tirol eingesetzt, nicht ganz ohne Eigeninteresse natürlich. Der Sohn Margarethes und Ludwigs, Meinhard III. war mittlerweile mit Margarethe von Österreich, einer Habsburgerin, verheiratet. Der ausgedungene Erbvertrag besagte, dass sollte Margarethe und ihre erbberechtigten Nachkommen sterben, die Grafschaft Tirol an das Haus Habsburg fallen würde. An der Echtheit dieser Urkunde bestehen bis heute Zweifel, trotzdem wurde sie 1363 schlagend. Herzog Ludwig starb 1361, im Jahr 1362 verschied auch sein Sohn Meinhard. Margarethe übergab die Regierungsgeschäfte 1363 mit der Zustimmung des Tiroler Adels an Rudolf IV. von Österreich übergehen. Die Herzöge von Bayern wollten diese neue Herrschaft nicht anerkennen. Noch 1363 zogen die Bayern Richtung Innsbruck und wollten die Stadt einnehmen. Die Bürger Innsbrucks, die zum Wehrdienst verpflichtet waren, konnten die durch die Andechsburg und die Stadtmauer befestigte Stadt erfolgreich verteidigen. Mit dem Erwerb Tirols konnte die Familie Habsburg eine wichtige geographische Lücke innerhalb ihres Machtbereichs schließen. Durch die Eingliederung der Stadt in das wesentlich größere Territorium der Habsburger gewann Innsbruck zusätzlich an Bedeutung. Neben dem Nord-Süd Transport von Waren, war die Stadt am Inn nun auch zu West-Ost Verkehrsknoten zwischen den östlichen Österreichischen Ländern und den alten Besitztümern der Habsburger im Westen geworden. Für die Stadt Innsbruck war die Einverleibung Tirols durch die Habsburger ein Meilenstein in der Entwicklung. Gleichzeitig kam es durch die für die Überlebenden der großen Pestwelle von 1348 zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in ganz Europa. Arbeitskraft war durch die geschrumpfte Bevölkerung rar geworden, dafür waren pro Kopf größere Ressourcen vorhanden. In weiterer Folge sollte Innsbruck die eigentliche Hauptstadt des Landes Meran, das nicht an einer der großen Handelsrouten lag, an Bedeutung schnell übertrumpfen. In Innsbruck erinnert der Rudolfsbrunnen am Boznerplatz an den Übergang Tirols von der Dynastie Görz – Tirol zum Haus Habsburg.

Rudolf IV. - Tirols erster Habsburger

Der erste Tiroler Landesfürst aus dem Haus Habsburg war Rudolf IV. (1339 – 1365), bekannt als der Stifter. Diesen Spitznamen verpassten ihm Historiker wegen seiner Verdienste um Wien, der heutigen Bundeshauptstadt Österreichs. Zur Zeit Rudolfs lag das Zentrum des Heiligen Römischen Reiches (73) in Prag. Mit der Gründung der Universität Wien und St. Stephan als Metropolitankapitel und Grablege der Habsburger unter Rudolf war der erste Schritt Wiens als neues Reichszentrum getan. Rudolf war allerdings nicht nur frommer Stifter, sondern auch geschickter Realpolitiker, der mit allen Wassern gewaschen war. Der Vertrag zwischen ihm und den Grafen von Tirol, der die Grafschaft Tirol samt Innsbruck den Habsburgern zuschlug, könnte durchaus eine Fälschung sein. Das damalige Rechtsystem kannte kein Grundbuch, keine Notare und keine Verfassung. Das heißt nicht, dass es kein Recht gab, man musste allerdings die Kraft haben, es durchsetzen zu können. Ohne seine Skrupellosigkeit und seinen Schwindel hätte die Geschichte Innsbrucks ganz anders verlaufen können. Tirol fiel dem Haus Habsburg zu, das somit seine Besitzungen im Osten der heutigen Republik Österreich und die Habsburger Ländereien auf dem Gebiet der heutigen Schweiz erfolgreich verbinden konnte. Diese Verbindung sollte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges fortdauern. Der Gewinn Tirols für seine Dynastie war allerdings nicht der erste Erfolg des jungen Habsburgers. Seinen größten Coup konnte Rudolf der Schwindler im Jahr 1358 landen. Das Privilegium maius, eine Urkunde, die dem Haus Habsburg etliche Sonderrechte gegenüber allen anderen deutschen Fürsten zugestand, war eine Fälschung die Rudolf herstellen ließ, um den Stand der eigenen Dynastie zu erhöhen. Auch Kaiser Karl IV., ein erbitterter Gegner der Habsburger, war durchaus schon davon überzeugt, dass die Urkundensammlung eine Fälschung war und bat den bekannten Gelehrten Francesco Petrarca um die Kontrolle der Urkunde. Der große Gelehrte kam ebenfalls zu dem Schluss, dass das Privilegium maius wohl nicht echt sein konnte. Besonders der darin vermerkte Passus, dass bereits Cäsar und Nero der Provinz Noricum, dem damaligen Gebiet Österreichs, einen Sonderstatus im Römischen Reich zugebilligt hätten, erregte wohl zu Recht Petrarcas Verdacht. Nichtsdestotrotz wurden die Sonderrechte der Erzherzogswürde, die Erbfolge und die eigenständige Gerichtsbarkeit in ihren Territorien den Österreichern zuerkannt. Der Beweis der Fälschung war wohl schwächer als die Macht und das Selbstverständnis der Habsburger. Als Kaiser Friedrich III., der Vater Maximilians I. (83), auf den Kaiserthron kam, bestätigte er das Privilegium maius endgültig. Wer heute vor dem Rudolfsbrunnen am Boznerplatz steht, sollte nicht vergessen, dass der Mann, dem zu Ehren die Innsbrucker einen Brunnen errichteten, nicht nur ein frommer Stifter, sondern vor allem ein begnadeter Schwindler war.

Rudolf, liberaler Liebling der Völker

Der intelligente, liberal eingestellte und sensible Kronprinz Rudolf (1858 – 1889) galt als der Liebling der Völker des Habsburgerreichs. Seit dem Amtsantritt Kaiser Franz Josefs I. 1848 hatte sich die Donaumonarchie verändert. 1866 war Österreich nach Königgrätz aus dem Deutschen Bund ausgeschieden. 1867 war es zum sogenannten Ausgleich mit Ungarn gekommen. Die italienischen Gebiete mit Ausnahme des Trentino und des Hafens Triest waren verlorengegangen. Das Vielvölkerreich begann unter dem Druck der einzelnen nationalen Gruppen und Länder zu bröckeln. Die Bestrebungen der einzelnen Volksgruppen machten auch vor Tirol nicht halt, gehörte mit dem Trentino zwischen Salurn und Riva am Gardasee doch auch ein italienischsprachiger Teil zum Land. Im Tiroler Landtag forderten italienischsprachige Abgeordnete, sogenannte Irredentisten, mehr Rechte und Autonomie für das damalige Südtirol. In Innsbruck kam es zwischen italienischen und deutschsprachigen Studenten immer wieder zu Spannungen und Auseinandersetzungen. Die Wallschen, dieser Begriff für Italiener hält sich bis heute recht hartnäckig, galten als ehrlos, unzuverlässig und faul.

Franz Josefs Sohn und Thronfolger Rudolf galt als sehr belesen und gebildet, sprach neben Griechisch und Latein auch Französisch, Ungarisch, Tschechisch und Kroatisch. Er verfasste liberale Artikel im "Neuen Wiener Tagblatt" unter einem Pseudonym. Er wollte unter anderem Grund- und Bodenreformen vorantreiben durch stärkere Besteuerung der Großgrundbesitzer und den einzelnen Nationalitäten des Habsburgerreichs mehr Rechte zugestehen. Das brachte ihm in den deutschsprachigen ländlichen Gebieten wenig Zustimmung ein. Rudolf wurde bei Regierungsgeschäften wegen seiner liberalen Einstellung häufig außen vorgelassen. Sein Vater soll ihn sogar vom Geheimdienst überwachen haben lassen. So widmete er sich als Privatier dem Verfassen von Presseartikeln, der Wissenschaft und dem Reisen durch die Länder der Monarchie. Er veranlasste die Herausgabe des Kronprinzenwerks, einer naturwissenschaftlichen Enzyklopädie. 1893 erschien Band 13, der das Kronland Tirol behandelte.

Seine frühen Jahre, als er auf Wunsch seines Vaters Kaiser Franz Josef eine soldatische Erziehung unter General Gondrecourt durchlaufen musste, waren, anders als man es bei einem Kronprinzen vermuten könnte, wenig luxuriös. Erst nach Einschreiten seiner Mutter Elisabeth wurden Schikanen wie Wasserkuren, Exerzieren in Regen und Schnee und das Aufwecken mit Pistolenschüssen aus dem täglichen Programm des sechsjährigen Kronprinzen genommen. Tragisch verlief auch das weitere Leben Rudolfs. Dem schönen Geschlecht war er alles andere als abgeneigt. Seine Ehe war äußerst unglücklich und lieblos, wie auch die Beziehung zu seinem Vater Franz Josef. Schon während seines Militärdiensts wurde Rudolf eine Affäre nachgesagt, es sollte nicht die letzte sein. In seinen letzten Lebensmonaten unterhielt er eine Affäre mit der als besonders schön geltenden, allerdings erst siebzehn Jahre Mary Vetsera aus reichem ungarischem Adel. Unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen nahm sich Rudolf gemeinsam mit ihr am 30. Januar 1889 in Mayerling in der Nähe von Wien das Leben durch einen Pistolenschuss in den Kopf. Es war eine skurrile Tat. Rudolf kam mehr oder minder direkt von einem Besuch bei einer Prostituierten in das Jagdschloss im Wienerwald. Er war zu dieser Zeit von Depressionen, Gonorrhö, Alkohol und Morphium schwer gezeichnet und dürfte der jungen Frau eine gemeinsame gotisch-düstere Zukunft im Jenseits in den romantischen Vorstellungen einer Oper Wagners oder Verdis versprochen haben. Erst nach Diskussionen mit dem Papst konnte er christlich bestattet werden, Selbstmord war eine schwere Sünde und verhinderte ein christliches Begräbnis. Vetsera wurde am Friedhof in Heiligenkreuz bei Mayerling in einem kleinen Grab an der Friedhofsmauer unauffällig beigesetzt, während Rudolf ein Staatsbegräbnis erhielt und seine letzte Ruhe in der Kapuzinergruft, der wohl berühmtesten Grablege der Habsburger in Wien erhielt. Von der Familie Habsburg wurde der Selbstmord nie anerkannt. Zita (1892 – 1989), die Witwe des letzten Kaisers Karl, sprach noch in den 1980ern von einem Mordanschlag. Der Rudolfsbrunnen in Innsbruck am Boznerplatz erinnert zwar nicht an den Kronprinzen, bei seiner Einweihung war er aber zugegen. Im konservativen Tirol war er wenig beliebt, bei den liberal gesinnten Innsbruckern hingegen galt er als Hoffnung für eine Erneuerung der Monarchie im Sinne eines modernen, föderalen Staates.

Innsbruck und das Haus Habsburg

Über 700 Jahre prägten die Habsburger Europa. Innsbruck war durch die Jahrhunderte immer wieder Schicksalsort dieser Herrscherdynastie. Ausgehend vom mittelalterlichen Herzogtum Österreich waren sie am Zenit ihrer Macht Herren über ein „Reich, in dem die Sonne nie untergeht“. Durch Kriege und geschickte Heirats- und Machtpolitik saßen sie in verschiedenen Epochen an den Schalthebeln der Macht zwischen Spanien im Westen und der Ukraine im Osten Europas. Über Jahrhunderte waren die Habsburger Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Dabei darf man sich die Habsburger nicht, wie dies oft aus der Perspektive des modernen Nationalstaats getan wird, als die Herren Österreichs vorstellen. Die Habsburger waren über viele Jahrhunderte ein europäisches Herrscherhaus, zu deren Einflussbereich verschiedenste Territorien gehörten. Der Landstrich der heute als Österreich bekannt ist, war für lange Zeit so etwas wie die Keimzelle ihrer Macht. Der erste bedeutende Habsburger Rudolf I. (1218 – 1291) hatte seine Stammburg, die Habsburg, im heutigen Aargau und beherrschte eine Grafschaft im heutigen Südwesten Deutschlands und der Schweiz. Erst nach gewonnener Auseinandersetzung mit Ottokar von Böhmen errang er die Herzogtümer Österreich und Steiermark. Manche der Landesherren, zum Beispiel Karl V. oder Ferdinand I., hatten weder eine besondere Beziehung zu Österreich noch brachten sie diesem deutschen Land besondere Zuneigung entgegen. Ferdinand wurde am spanischen Hof erzogen. Maximilians Enkel Karl V. war in Burgund aufgewachsen. Als er mit 17 Jahren zum ersten Mal spanischen Boden betrat, um das Erbe seiner Mutter Johanna über die Reiche Kastilien und Aragorn anzutreten, Spanien existierte damals als Land ebenso wenig wie Österreich, Deutschland oder Italien, konnte er kein Wort spanisch. Als er 1519 zum Deutschen Kaiser gewählt wurde, sprach er kein Wort Deutsch. Trotzdem waren beide Landesherren von Tirol und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Herrscher arbeiteten nicht für ihr Land, sie waren darum bemüht den Besitz und Einflussbereich ihrer Dynastie zu stärken. Es gab keine Bürger mit Reisepass und Rechten, sondern Untertanen, die ihrem jeweiligen Landesherrn zu Treue verpflichtet waren.

Die Grafschaft Tirol kam 1363 unter Rudolf IV. (76) zum Herrschaftsgebiet der Habsburger. Es wurde samt seinen Untertanen vertraglich und nüchtern vererbt. Kaiser Maximilian I. (83) konnte durch Kriege und seine legendäre Heiratspolitik mit etwas Geschick und noch mehr Glück aus dem Herrscherhaus Habsburg eines der größten Reiche der Weltgeschichte machen. Die Casa de Austria hatte durch die Spanische Krone im 16. und 17. Jahrhundert auch Ländereien in Amerika in ihren Einflussbereich. Habsburgs Kinder wurden zu jeder Zeit vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in königlicher Strenge dazu erzogen, politisch verheiratet zu werden. Widerspruch dagegen gab es keinen. Man mag sich das höfische Leben als prunkvoll vorstellen, Privatsphäre war in all dem Luxus nicht vorgesehen. Das Leben des Einzelnen galt nichts, man musste seine Pflicht gegenüber der Dynastie erfüllen. Jeder einzelne war ein politisches Gut, das man bestmöglich im Sinne der Macht verkaufen musste. Minderjährige wurden an fremde Höfe verheiratet und mussten sich in fremden Kulturen zurechtfinden. Sie erhielten je nach Epoche eine gediegene Ausbildung, allerdings nicht um einen Beruf auszuführen, sondern nur um Regierungsgeschäfte zu führen. Viele Habsburger waren höchst gebildete Zeitgenossen und durchaus reflektiert. Teilweise waren sie Opfer der dynastischen Verbindung, traten im Laufe Jahrhunderte durch Heirat innerhalb der eigenen Verwandtschaft die Zeichen des Inzests in Aussehen, Psyche und Intelligenz doch verstärkt zum Vorschein. Die seit Rudolf typische Unterlippe und die markante Nase waren die harmlosen Zeichen der innerfamiliären Hochzeiten, schwerwiegender waren Behinderungen und Fehlgeburten. Quer über den Globus bis nach Brasilien und Mexiko reichten die Eheverbindungen. Welche Auswirkungen diese strenge Erziehung und die Zwangsverheiratung hatte, lässt sich am Beispiel Rudolfs sehen, der sich gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben nahm. Die bedeutendste politische Habsburgerin Maria Theresia (1717 – 1780) und ihre politisch klugen Berater verwandelten im 18. Jahrhundert, ganz im Geiste der Zeit die Komposition aus einzelnen Ländern und verstreuten Territorien unter der Krone der Habsburger langsam in etwas, das einem modernen Flächenstaat nahekam. Ihr Sohn Josef II. probierte das Reich im Geiste der Aufklärung zu reformieren, scheiterte aber am Unwillen großer Teile der Bevölkerung, seinem eigenen nüchternen Charisma und seinem frühen Tod. Franz Josef I. (1830 – 1916) herrschte zwischen 1848 und 1916 über ein multiethnisches Vielvölkerreich. Zu diesem Zeitpunkt war das neoabsolutistisch regierte Kaiserreich etwas aus der Mode gefallen. Österreich hatte seit 1867 zwar ein Parlament und eine Verfassung, der Kaiser betrachtete diese Regierung allerdings als „seine“. Minister waren dem Kaiser gegenüber verantwortlich, der über der Regierung stand. Im Nationalismus des 19. Jahrhunderts und dem 1. Weltkrieg zerbrach das Reich, das in wechselhafter Zusammensetzung unter der Herrschaft dieser Dynastie über Jahrhunderte hinweg die Geschicke vieler Generationen geprägt hatte. Am 28. Oktober wurde die Republik Tschechoslowakei ausgerufen, am 29. Oktober verabschiedeten sich Kroaten, Slowenen und Serben aus der Monarchie um den SHS-Staat, den Vorgänger Jugoslawiens auszurufen. Der letzte Kaiser Karl dankte am 11. November ab.  Am 12. November erklärte sich „Deutschösterreich zur demokratischen Republik, in der alle Gewalt vom Volke ausgeht“.

Ein Teil dieses ständig sich verändernden Habsburgerreichs war seit 1363 die Stadt Innsbruck. Durch die strategische Lage zwischen den italienischen Städten wie Venedig, Florenz und Mailand und deutschen Zentren wie Augsburg und Regensburg kam Innsbruck spätestens nach der Erhebung zur Residenzstadt unter Kaiser Maximilian ein besonderer Platz im Reich zu. Besonders zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert hinterließen Kaiser, Könige- und Königinnen sowie die Tiroler Landesfürsten ihre Spuren in der Stadt. Als konservatives Land war Tirol immer wieder Rückzugsort während turbulenter Zeiten. Tirol war Provinz und wildes Land, jedoch auch ein Rückzugsort vom „Wilden Osten“. Karl V. (1500 – 1558) floh während einer Auseinandersetzung mit dem protestantischen Schmalkaldischen Bund für einige Zeit nach Innsbruck. Ferdinand I. (1793 – 1875) ließ seine Familie fern der osmanischen Bedrohung im Osten Österreichs in Innsbruck verweilen. Mit dem kinderlosen Tod Erzherzog Sigmund Franz´ endete 1665 die Tiroler Linie der Habsburger. Innsbruck war keine Residenz mehr, beherbergte aber immer noch Universität und Landesbehörden und konnte sich so einen Teil seiner Bedeutung innerhalb des Habsburgerreichs erhalten. Kaiser Franz Stephan von Lothringen, der Gatte Maria Theresias, verstarb während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Sohnes in der Stadt. Kaiser Ferdinand brachte sich 1848 während der Revolution in Wien in Innsbruck in Sicherheit. Auch Franz Josef I. genoss kurz vor seiner Krönung im Sommer 1848 gemeinsam mit seinem Bruder Maximilian, der später als Kaiser von Mexiko von Aufständischen Nationalisten erschossen wurde, die Abgeschiedenheit Innsbrucks. Eine Tafel am Alpengasthof Heiligwasser über Igls erinnert daran, dass der Monarch hier im Rahmen seiner Besteigung des Patscherkofels nächtigte. In der K.u.K. Monarchie des 19. Jahrhunderts war Innsbruck der westliche Außenposten eines Riesenreiches, das sich bis in die heutige Ukraine erstreckte und eine Vielzahl von Nationalitäten umfasste. Oft wurde und wird das späte Habsburgerreich despektierlich als Völkerkerker bezeichnet. Bei allen nationalen, wirtschaftlichen und demokratiepolitischen Problemen, die es in den Vielvölkerstaaten gab, die in verschiedenen Kompositionen und Ausprägungen den Habsburgern unterstanden, die Nationalstaaten, die nachfolgten, schafften es teilweise wesentlich schlechter die Interessen von Minderheiten und kulturellen Unterschiede innerhalb ihres Territoriums unter einen Hut zu bringen. Seit der EU-Osterweiterung wird die Habsburgermonarchie von einigen wohlmeinenden Historikern als ein vormoderner Vorgänger der Europäischen Union gesehen. Gemeinsam mit der katholischen Kirche prägten die Habsburger den öffentlichen Raum über Architektur, Kunst und Kultur. Goldenes Dachl, Hofburg, die Triumphpforte, der Leopoldsbrunnen und viele weitere Bauwerke erinnern bis heute an die Präsenz dieser europäischen Herrscherfamilie in Innsbruck, die mehr als fünf Jahrhunderte überdauerte.

Tiroler Demokratie und das Herz Jesu

Viele Tiroler sehen sich bis heute oft und gerne als eigene Nation. Mit „Tirol isch lei oans“, „Zu Mantua in Banden“ und „Dem Land Tirol die Treue“ besitzt es gleich drei mehr oder weniger offizielle Hymnen. Diese Einstellung hat wie viele lokale Identitäten historische Gründe. Tirol nahm innerhalb des Habsburgerreichs lange Zeit eine gesonderte Position ein. Gerne wird von der ersten Demokratie Festlandeuropas gesprochen, was wohl eine maßlose Übertreibung ist, sieht man sich die feudale und von Hierarchien geprägte Geschichte des Landes bis weit ins 19. Jahrhundert an. Eine gewisse Eigenheit in der Entwicklung kann man dem Land, folgt man der von den Landständen mitgeprägten Politik und den Urkunden, trotzdem nicht absprechen. Nach der Hochzeit des Bayern Ludwigs von Wittelsbach mit der Tiroler Landesfürstin Margarete von Tirol-Görz waren die bayrischen Wittelsbacher für kurze Zeit nach den Grafen von Andechs erneut Landesherren von Tirol. Um die Tiroler Bevölkerung für sich zu gewinnen, beschloss Ludwig den Landständen, also den Sprechern der Tiroler Bevölkerung, im 14. Jahrhundert ein Zuckerl anzubieten. Im "Großen Freiheitsbrief" von 1342 versprach Ludwig den Tirolern keine Gesetze oder Steuererhöhungen zu erlassen, ohne sich nicht vorher mit ihnen zu besprechen. Dieser Große Freiheitsbrief wurde fortan von den Vertretern der Tiroler Bevölkerung bei allen Forderungen der Herrschenden und Fürsten gegenüber dem Land ins Feld geführt. Von einer demokratischen Verfassung kann allerdings keine Rede sein, waren diese Landleute doch vor allem die hohe Geistlichkeit und der lokale Adel, die über Mittel und Besitz verfügten. Als im 15. Jahrhundert Städte und Bürgertum langsam wichtiger wurden, entwickelte sich ein Gegengewicht zum Adel. Beim Landtag von 1423 unter Friedrich IV. trafen erstmals 18 Mitglieder des Adels auf 18 Mitglieder der Städte und der Bauernschaft. Nach und nach entwickelte sich in den Landtagen des 15. und 16. Jahrhundert eine feste Zusammensetzung. Vertreten waren die Tiroler Bischöfe von Brixen und Trient, die Äbte der Tiroler Klöster, die Adligen, Vertreter der Städte und der Bauernschaft. Den Vorsitz hatte der Landeshauptmann. Natürlich waren die Beschlüsse und Wünsche des Landtags für den Fürsten nicht bindend, allerdings war es für den Regenten wohl ein beruhigendes Gefühl, wenn er die Vertreter der Bevölkerung auf seiner Seite wusste oder schwere Entscheidungen mitgetragen wurden. Eine weitere sehr wichtige Urkunde für das Land ist das Tiroler Landlibell. Maximilian (83) gestand darin den Tirolern im Jahr 1511 in einer Art Verfassung zu. Soldaten sollten nur für den Kriegsdienst zur Verteidigung des eigenen Landes herangezogen werden dürfen. Betrachtet man die kriegerischen Zeiten und was es für die Bauern bedeutete, in den Krieg ziehen zu müssen, anstatt zu Hause die Felder bewirtschaften zu können, erkennt man schnell den Vorteil, den es den Tiroler brachte. Der Grund für Maximilians Großzügigkeit war weniger seine Liebe zu den Tirolern als die Notwendigkeit die Tiroler Bergwerke am Laufen zu halten, anstatt die kostbaren Arbeiter am Schlachtfeld zu verheizen. Dieses Sonderrecht der Tiroler war einer der Gründe für den Aufstand gegen die französischen Truppen im napoleonischen Krieg, als junge Tiroler bei der Mobilisierung der Streitkräfte im Rahmen der allgemeinen Wehrpflicht ausgehoben wurden.

Auf diese eigenständige politische Landesgeschichte stützt sich der historische Tiroler Nationalismus, der seine höchste Vollendung bis heute in Bonmots wie „bisch a Tiroler bisch a Mensch, bisch koana, bisch a Oasch“ feiert. Das Zugehörigkeitsgefühl vieler Untertanen galt dem Land Tirol, weniger dem Haus Habsburg (77). Je stärker die Zentralisierung seit Maria Theresia (97) voranschritt, desto mehr war man in Wien darauf erpicht, Sonderfälle in den historischen Ländern wie Tirol, Kärnten und der Steiermark zu bändigen. Innsbruck und Tirol allerdings stellten so etwas wie den exotischen Wilden Westen des Reiches dar, der zusätzlich von den Alpen geschützt wurde. Im 19. Jahrhundert wollte man die Identifikation mit der Monarchie stärken. Presseberichte, Besuche der Herrscherfamilie, Denkmäler wie der Rudolfsbrunnen oder die Eröffnung des Berg Isels mit Hofer als kaisertreuem Tiroler sollten dabei helfen, die Bevölkerung in kaisertreue Untertanen zu verwandeln. Als nach dem Ersten Weltkrieg das Habsburgerreich zusammenbrach, zerbrach auch das Kronland Tirol. Das, was man bis 1918 als Südtirol bezeichnete, der italienischsprachige Landesteil zwischen Riva am Gardasee und Salurn im Etschtal, wurde zum Trentino mit der Hauptstadt Trient. Der deutschsprachige Landesteil zwischen Neumarkt und dem Brenner ist heute Südtirol / Alto Adige, eine autonome Region der Republik Italien mit der Hauptstadt Bozen. Der Teil des historischen Tirols nördlich des Brenners mit der Hauptstadt Innsbruck ist gemeinsam mit dem Landesteil Osttirol ein Bundesland der Republik Österreich. Für viele Tiroler stellt der Brenner aber auch nach über 100 Jahren noch immer eine Unrechtsgrenze dar, auch wenn man im Europa der Regionen auf EU-Ebene politisch stark zusammenarbeitet. Im Tiroler Teil nördlich des Brenners gab es, wie auch in anderen Kronländern nach dem verlorenen Weltkrieg, die Intention sich von der neu konstituierten Republik Deutschösterreich zu lösen. Der kleine Rumpfteil des verschwundenen Habsburgerreiches mit der überdimensionierten Hauptstadt Wien wurde vom Großteil der Menschen als nicht überlebensfähig gesehen. Bei einer Volksbefragung stimmten 99% der Tiroler für einen Anschluss an Deutschland. Erst nach dem 2. Weltkrieg begann sich in Tirol ein Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich zu entwickeln. Innsbrucker fühlten sich durch die Jahrhunderte hindurch als Innsbrucker, Tiroler, Deutsche, Katholiken, Untertanen des Kaisers. Als Österreicher aber fühlte sich vor 1945 kaum jemand. Bis heute sind viele Tiroler stolz auf ihre lokale Identität und grenzen sich gerne von den Bewohnern anderer Bundesländer oder fremden Nationen ab. Die Legende von Tirol als Heiligem Land, eigener unabhängiger Nation und erster Demokratie außerhalb Englands hält sich bis heute. Dabei vergessen viele in ihrem Nationalstolz, dass Tirol keineswegs ein deutsches Land war. Mit Deutsch, Italienisch, Ladinisch waren allein in Tirol drei Sprachgruppen vertreten. Dazu kamen kleine Gruppen wie das Zimbrische und Rätoromanisch.