Servitenkirche
Maria-Theresienstraße 42
Wissenswert
Die Geschichte der Servitenkirche ist spannender als man dem unscheinbaren Gotteshaus ansieht. Anna Catarina Gonzaga (1566 – 1621), die zweite Frau von Landesfürst Ferdinand II., gründete 1612 in Innsbruck mit dem Servitenkloster die erste Niederlassung des „Ordo Servorum Mariae“ (Orden der Diener Marias). Das Kloster war zu dieser Zeit das einzige dem Heiligen Josef geweihte Konvent nördlich der Alpen. Das Mosaik im farbenprächtigen Eingangsgewölbe zeigt das Wappen des Herzogtums Mantua mit den vier schwarzen Adlern und dem roten Löwen gemeinsam mit dem Wappen des Erzherzogtums Österreich. Es symbolisiert die Verbindung Ferdinands und Anna Catarina Gonzagas und ihrer Dynastien. Die Stadtstaaten Italiens hatten ihre beste Zeit zwar hinter sich, trotzdem verfügten sie noch immer Mittel, um sich mit den höchsten Kreisen der europäischen Aristokratie zu vermählen. Die norditalienischen Fürstentümer und die Habsburger waren in dieser Zeit der Kirchenspaltung das katholische Bollwerk Europas. Die Ansiedlung dieses strengen Ordens war der frommen Landesfürsten aus Norditalien ein großes Anliegen. Die Serviten widmeten sich als Bettelorden in ihrer Frühzeit der Armenfürsorge. Während der Reformation wurde der aus der Toskana stammende Servitenorden im deutschsprachigen Raum komplett aufgelöst und konnte sich erst im 17. Jahrhundert von Innsbruck aus wieder ausbreiten.
Dem Servitenorden war in Innsbruck kein einfaches Los bestimmt. Nur wenige Jahre nach der Kirchenweihe brannte der erste Bau 1620 zu einem großen Teil ab. Erhalten blieb der gotische Eingangsbereich des ersten Gotteshauses mit den markanten Säulen. Der Plan der Stifterin, sich in dem selbst gestifteten Gotteshaus beerdigen zu lassen, musste erstmal zurückstehen. Johann Martin und Georg Anton Gumpp planten den Neubau 1626 im Barockstil. Anna Caterina Gonzaga war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Anstatt wie geplant in der Servitenkirche wurde sie bis zur Fertigstellung im Servitinnenklosters, später in der Jesuitenkirche begraben. Erst 1693 fand sie nach erneuter Überstellung ihren Platz gemeinsam mit ihrer Tochter in der Kirche. Im 20. Jahrhundert stand das Servitenkloster erneut vor dem Ende. Am 3. November 1938 lösten die Nationalsozialisten den Servitenorden als erstes Kloster in Innsbruck „zum Schutze des Volkes“ auf. Besonders im katholischen Tirol mussten Aktionen gegen die Kirche mit großer Sorgfalt geplant und kommuniziert werden. Oft wurden dafür die haarsträubendsten Geschichten in die Welt gesetzt. In der Österreichausgabe des „Völkischen Beobachter“ vom 4. November 1938 ist als Grund dafür zu lesen:
„Staatspolizeiliche Untersuchungen im Servitenkloster in Innsbruck ergaben, dass in diesem Kloster derart sittenwidrige Zustände herrschen, dass es unmöglich ist, sie in der Öffentlichkeit zu unterbreiten. Es handelt sich bei dem genannten Kloster um eine Lasterhöhle erster Ordnung, hinter deren Treiben das staatsfeindliche Verhalten, das durch aufgefundene Schriften festgestellt wurde, weit in den Hintergrund tritt.“
Am 15. Dezember 1943 wurde die Servitenkirche beim ersten Luftangriff auf Innsbruck zerstört. Nur kleine Teil der der historischen Struktur und einige Bilder und Relikte in der Kunstkammer und im Museum des Klosters blieben unbeschädigt. Das markante Gemälde an der Außenseite wurde nach 1945 beim Wiederaufbau von Hans Andre (1902 – 1991), der nach dem Krieg auch die ramponierte Spitalskirche auf Vordermann brachte, neu geschaffen. Der gebürtige Innsbrucker absolvierte wie so viele Tiroler Künstler des 20. Jahrhunderts die Gewerbeschule, die heutige HTL. Nach fünf Jahren an der Universität für angewandte Kunst und kurzer Zusammenarbeit mit Clemens Holzmeister kehrte er nach Innsbruck zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte er sich vor allem damit, vom Krieg ramponierte Gotteshäuser wieder erstrahlen zu lassen. Seine gleichzeitig barocke und modern anmutende Interpretation der Kreuzigungsszene an der Außenfassade drückt die gedämpfte Stimmung der Nachkriegszeit aus. Auch die Malereien im Innenbereich des Kirchenraumes wurde von Andre erschaffen.
Anna Caterina Gonzaga - die fromme Landesfürstin
Innsbrucker sehen sich gerne als eine Art nördlicher Vorposten Italiens, eine Mischung aus italienischer Lebenskunst und deutscher Gründlichkeit. Neben der Vorliebe für Wein und Bier in gleichem Maße und sonstigen kulturellen Einflüssen könnte auch die Vorliebe Tiroler Landesfürsten für die Töchter der italienischen Hocharistokratie und deren Einfluss auf die Stadt ein Grund dafür sein. Zwischen dem Haus Habsburg und den wohlhabenden Dynastien im Süden entspann sich eine rege Heiratsbörse. Weniger als die Suche nach der wahren Liebe zählten auf diesem Marktplatz handfeste Gründe. Anna Caterina Gonzaga (1566 – 1621), als "Principessa" von Mantua geboren, musste mit 16 Jahren Ferdinand II., den als Lebemann bekannten Landesfürsten von Tirol, heiraten. Noch während dessen erste Frau Philippine Welser lebte, jedoch bereits krank war, hatte er um ihre Hand angehalten. Mantua war damals einer der reichsten Fürstenhöfe Europas und ein Zentrum der Renaissance. Ferdinand war bei der Hochzeit schon 53. Zudem war er dank ungünstiger Verquickungen durch die Hochzeitspolitik vergangener Jahrzehnte der Onkel Anna Caterina Gonzagas, ihr Vater Guglielmo Gonzaga war mit einer Tochter Kaiser Ferdinands I. verheiratet. Um die Hochzeit durchführen zu können, musste der Papst eine Sondererlaubnis ausstellen. Notwendig wurde die Ehe, weil Ferdinand aus seiner ersten Ehe keinen Thronfolger geltend machen konnte. Auch mit Anna Catarina gelangen Ferdinand II. "nur" drei Töchter. Für das Haus Habsburg bedeutete die Heirat eine beträchtliche Mitgift, die aus Mantua nach Tirol kam. Der Vater Anna Caterina Gonzagas durfte sich im Gegenzug mit dem Titel Hoheit schmücken, den ihm Kaiser Rudolf II., wie Ferdinand ein Habsburger, verlieh.
Die fromme Mantovanerin flüchtete sich in Tirol in ihren Glauben. Dabei entstand einiges an Substanz, das bis heute das Innsbrucker Stadtbild prägt. Nach den Jesuiten unter Ferdinand I. und den Franziskanern ließen sich unter der Obhut Anna Caterina Gonzagas 1593 die Kapuziner in Innsbruck nieder. In der Silbergasse am Ostende des Hofgartens entstand ein Regelhaus, um es der Landesfürstin zu ermöglichen ihrem Glauben in aller Stille nachgehen zu können, ohne sich in aller Strenge dem Klosterleben unterwerfen zu müssen. Wo heute das Siebenkapellenareal steht, ließ sie die Heiliggrabkirche errichten. Nach dem Tod Ferdinands im Jahre 1595 gründete die nunmehrige Landesfürstin von Tirol und tiefgläubige Frau das Servitenkloster in Innsbruck. Die Serviten waren im Volk sehr beliebt, hielten sie doch Armenspeisungen ab. Großzügige Stiftungen an die Kirche waren nicht ungewöhnlich. Neben einem gottgefälligen Leben waren Geschenke an die Kirche und Gebete nach dem Ableben eine Möglichkeit, das Seelenheil zu erlangen. Mitglieder des Hauses Habsburg im Speziellen hatten diese Sitte seit jeher betrieben und damit die öffentliche Wohlfahrt in ihren Territorien maßgeblich betrieben. Anna Caterina Gonzaga trat 1612 mit ihrer Tochter Maria in das offene Damenkloster mit etwas legereren Regeln ein, wo sie bis an ihr Lebensende ihrem Glauben nachging. Ihre Grablege fand sie zunächst in der Gruft des Servitinnenklosters gemeinsam mit ihrer Tochter. 1693 wurden die sterblichen Überreste der beiden Frauen in die Jesuitenkirche überstellt. Erst im Jahr 1906 fanden sie ihre letzte Ruhestätte im Servitenkloster in der Maria-Theresien-Straße.
Auferstanden aus Ruinen
Nach Kriegsende kontrollierten ab Mai 1945 US-Truppen für zwei Monate Tirol, bevor die Verwaltung des besetzten Gebietes an Frankreich überging. Mit dem Ende des Krieges waren zwar die Luftangriffe vorbei und auch die Gefahr eines zerstörerischen letzten Gefechts in den Straßen Innsbrucks war gebannt, Not und Ängste bestanden aber fort. In den ersten drei Nachkriegsjahren war der Hunger der größte Feind. Fiorello La Guardia, der Vorsitzende der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), die Kriegsgebiete mit dem Nötigsten versorgte, zählte Österreich „…zu jenen Völkern der Welt, die dem Hungertod am nächsten sind…“. Der Mai 1945 war weniger Wonnemonat als viel mehr eiskalt mit Schnee bis in die Täler. Der Winter 1946/47 ging als besonders kalt und lang in die Tiroler Klimageschichte ein, der Sommer als besonders heiß und trocken. Es kam zu Ernteausfällen von bis zu 50%. Die Versorgungslage war vor allem in der Stadt katastrophal. Die tägliche Nahrungsmittelbeschaffung wurde zur lebensgefährdenden Sorge im Alltag der Innsbrucker. Neben den eigenen Bürgern mussten auch tausende von Displaced Persons, freigekommene Zwangsarbeiter und Besatzungssoldaten, ernährt werden. Milch, Brot, Eier, Zucker, Mehl, Fett – von allem war zu wenig da. Die Tiroler Landesregierung und französische Besatzung konnten den Bedarf an benötigten Kilokalorien pro Kopf nicht abdecken. Um die Logistik für die Versorgung von außerhalb zu verbessern, legten die Franzosen bereits 1946 den Grundstein für den neuen Flughafen auf der Ulfiswiese in der Höttinger Au, der den 20 Jahre zuvor eröffneten Flugplatz in der Reichenau nach zwei Jahren Bauzeit ersetzte. Zeitzeugen erinnern sich mit Grauen an die eingeflogenen Konservendosen und ihren wenig wohlschmeckenden Inhalt wie Walfischfleisch, die sie zugeteilt bekamen. Die Lebensmittelversorgung erfolgte über Lebensmittelkarten. Erwachsene mussten eine Bestätigung des Arbeitsamtes vorlegen, um an diese Karten zu kommen. Die Rationen unterschieden sich je nach Kategorie der Arbeiter. Schwerstarbeiter, Schwangere und stillende Mütter erhielten Lebensmittel im „Wert“ von 2700 Kalorien. Handwerker mit leichten Berufen, Beamte und Freiberufler erhielten 1850 Kilokalorien, Angestellte 1450 Kalorien. Hausfrauen und andere „Normalverbraucher“ bezogen 1200 Kalorien. Ausländische Hilfsorganisation betrieben karitative Initiativen wie Volksküchen und Ausspeisungen für Schulkinder. Die amerikanische Wohlfahrtsorganisation Cooperative for American Remittances to Europe schickte Care-Pakete. Viele Kinder wurden im Sommer zu Pflegehaushalten in die Schweiz verschickt, um wieder zu Kräften zu kommen und ein paar zusätzliche Kilo auf die Rippen zu bekommen. Für alle reichten diese Maßnahmen aaber nicht aus. Vor allem Hausfrauen und andere „Normalverbraucher“ litten unter den geringen Zuteilungen. Viele Innsbrucker machten sich trotz der Gefahr, festgenommen zu werden, auf den Weg in die umliegenden Dörfer, um zu hamstern. Wer Geld hatte, bezahlte teils utopische Preise bei den Bauern. Wer keins hatte, musste um Nahrungsmittel betteln. Frauen, deren Männer gefallen, in Gefangenschaft oder vermisst waren, sahen in Extremfällen keinen anderen Ausweg, als sich zu prostituieren. Besonders die Frauen die dabei schwanger wurden, mussten übelste Beschimpfungen über sich und ihren Nachwuchs ergehen lassen. Vom straffreien Schwangerschaftsabbruch war man in Österreich noch 30 Jahre entfernt. Die Politik stand dem zu einem großen Teil machtlos gegenüber. Alle Interessen zu befrieden, war schon in normalen Zeiten unmöglich. Viele Entscheidung zwischen dem Parlament in Wien, dem Tiroler Landtag und dem Innsbrucker Rathaus waren für die Menschen nicht nachvollziehbar. Amtsgebäude und Gewerbebetriebe bekamen vom Elektrizitätswerk Innsbruck freie Hand, während den Privathaushalten ab Oktober 1945 der Zugang zum Strom immer wieder eingeschränkt wurde. Diese Benachteiligung der Haushalte gegenüber der Wirtschaft galt auch für die Versorgung mit Kohle. Während Kinder unter der Mangelernährung litten, wurde von manch geschäftstüchtigem Bauern legal gewinnbringender Schnaps aus Obst gebrannt. Die alten Gräben zwischen Stadt und Land wurden größer und hasserfüllter. Innsbrucker warfen der Umlandbevölkerung vor, bewusst Lebensmittel für den Schwarzmarkt zurückzuhalten. Es kam zu Überfällen, Diebstählen und Holzschlägerungen. Transporte am Bahnhof wurden von bewaffneten Einheiten bewacht. Sich Lebensmittel aus einem Lager anzueignen war illegal und Alltag zu gleich. Kinder und Jugendliche streunten hungrig durch die Stadt und nahmen jede Gelegenheit sich etwas zu Essen oder Brennmaterial zu besorgen wahr. Der erste Tiroler Landeshauptmann Karl Gruber, während des Krieges selbst illegal im Widerstand, hatte zwar Verständnis für die Situation der Menschen, die sich gegen das System auflehnten, konnte aber nichts daran ändern. Auch dem Innsbrucker Bürgermeister Anton Melzer waren die Hände gebunden. Es war nicht nur schwierig, die Bedürfnisse aller Interessensgruppen unter einen Hut zu bringen. Immer wieder kam es unter der Beamtenschaft zu Fällen von Korruption und Gefälligkeiten gegenüber Verwandten und Bekannten. Grubers Nachfolger am Landeshauptmannsessel Alfons Weißgatterer musste gleich mehrere kleine Aufstände überstehen, als sich der Volkszorn Luft machte und Steine Richtung Landhaus flogen Die Antwort der Landesregierung erfolgte über die Tiroler Tageszeitung.
„Sind etwa die zerbrochenen Fensterscheiben, die gestern vom Landhaus auf die Straße klirrten, geeignete Argumente, um unseren Willen zum Wiederaufbau zu beweisen? Sollten wir uns nicht daran erinnern, dass noch niemals in irgendeinem Lande wirtschaftliche Schwierigkeiten durch Demonstrationen und Kundgebungen beseitigt worden sind?“
Die Zeitung war 1945 unter der Verwaltung der US-Streitkräfte zur Demokratisierung und Entnazifizierung gegründet worden. Der erste Chefredakteur Anton Klotz (1889 – 1961) hatte beim konservativen Allgemeinen Tiroler Anzeiger gearbeitet, bevor er von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Buchenwald verfrachtet worden war. Bereits nach einem Jahr ging die Tageszeitung an die Schlüssel GmbH unter Leitung des ÖVP-Politikers Joseph Moser. In den ersten Monaten nach dem Krieg war sie auf Grund von Papiermangel die einzige verfügbare Zeitung überhaupt. Das zweite Blatt, das ab Ende 1945 erschien, die Tiroler Nachrichten, stand unter direkter Verwaltung der ÖVP. Dank der hohen Auflage und ihrem fast unmittelbaren Einfluss auf den Inhalt konnte die Tiroler Landesregierung so die öffentliche Stimmung lenken. An Fakten wie der prekären Wohnsituation wie der Menschen änderte diese Meinungshoheit aber nichts. Geschätzte 30.000 Innsbrucker waren obdachlos, lebten auf engstem Raum bei Verwandten oder in Barackensiedlungen wie dem ehemaligen Arbeitslager in der Reichenau, in der vom Volksmund „Ausländerlager“ genannten Barackensiedlung für Vertriebene aus den ehemals deutschen Gebieten Europas oder der Bocksiedlung. Die Maria-Theresien-Straße, die Museumstraße, das Bahnhofsviertel, Wilten oder die Pradlerstraße wären wohl um einiges ansehnlicher, hätte man nicht die Löcher im Straßenbild schnell stopfen müssen, um so schnell als möglich Wohnraum für die vielen Obdachlosen und Rückkehrer zu schaffen. Ästhetik aber war ein Luxus, den man sich in dieser Situation nicht leisten konnte. Zehntausende Bürger halfen mit, Schutt und Trümmer von den Straßen zu schaffen, den die Luftangriffe hinterlassen hatten. Die ausgezehrte Bevölkerung benötigte neuen Wohnraum, um den gesundheitsschädlichen Lebensbedingungen, in denen Großfamilien teils in Einraumwohnungen einquartiert waren, zu entfliehen.
„Die Notlage gefährdet die Behaglichkeit des Heims. Sie zehrt an den Wurzeln der Lebensfreude. Niemand leidet mehr darunter als die Frau, deren Glück es bildet, einen zufriedenen, trauten Familienkreis, um sich zu sehen. Welche Anspannung der seelischen Kraft erfordern der täglich zermürbende Kampf um ein bisschen Einkauf, die Mühsal des Schlangestehens, die Enttäuschungen der Absagen und Abweisungen und der Blick in den unmutigen Gesichtern der von Entbehrungen gepeinigten Lieben.“
Was in der Tiroler Tageszeitung zu lesen stand, war nur ein Teil der harten Alltagsrealität. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg, als die Spanische Grippe viele Opfer forderte, kam es auch 1945 zu einem Anstieg gefährlicher Infektionen. Impfstoffe gegen Tuberkulose konnten im ersten Winter nicht geliefert werden. Krankenhausbetten waren Mangelware.
Auch wenn sich die Situation nach 1947 entspannte, blieben die Lebensumstände in Tirol prekär. Bis es zu merklichen Verbesserungen kam, dauerte es Jahre. Die Lebensmittelrationierungen wurde am 1. Juli 1953 eingestellt. Im selben Jahr konnte Bürgermeister Greiter verkünden, dass alle während der Luftangriffe zerstörten Gebäude wieder in Stand gesetzt worden waren. Zu verdanken war dies auch den Besatzern. Die französischen Truppen unter Emile Bethouart verhielten sich sehr milde und kooperativ gegenüber dem ehemaligen Feind und begegneten der Tiroler Kultur und Bevölkerung freundlich und aufgeschlossen. Stand man der Besatzungsmacht anfangs feindlich gesinnt gegenüber - schon wieder war ein Krieg verloren gegangen - wich die Skepsis der Innsbrucker mit der Zeit. Manch ein Tiroler sah dank der Uniformierten der 4. Marokkanischen Gebirgsdivision zum ersten Mal überhaupt dunkelhäutige Menschen. Die Soldaten waren vor allem bei den Kindern beliebt wegen der Schokoladen und Süßigkeiten, die sie verteilten. Viele Menschen erhielten innerhalb der französischen Verwaltung eine Arbeitsstelle. Das Franzosendenkmal am Landhausplatz erinnert an die französische Besatzungszeit. Am Emile-Bethouart-Steg, der St. Nikolaus und die Innenstadt über den Inn verbindet, befindet sich eine Gedenktafel, die die Beziehung zwischen Besatzung und Bevölkerung gut zum Ausdruck bringt:
„Als Sieger gekommen.
Als Beschützer geblieben.
Als Freund in die Heimat zurückgekehrt.“
Neben den materiellen Nöten bestimmte das kollektive Kriegstrauma die Gesellschaft. Die Erwachsenen der 1950er Jahre waren Produkte der Erziehung der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus. Männer, die an der Front gekämpft hatten, konnten als Kriegsverlierer nur in bestimmten Kreisen von ihren grauenhaften Erlebnissen sprechen, Frauen hatten meist gar kein Forum zur Verarbeitung ihrer Ängste und Sorgen. Häusliche Gewalt und Alkoholismus waren weit verbreitet. Lehrer, Polizisten, Politiker und Beamte kamen vielfach aus der nationalsozialistischen Anhängerschaft, die nicht einfach mit dem Ende des Krieges verschwand, sondern lediglich öffentlich totgeschwiegen wurde. Am Innsbrucker Volksgerichtshof kam es unter der Regie der Siegermächte zwar zu einer großen Anzahl an Verfahren gegen Nationalsozialisten, die Anzahl an Verurteilungen spiegelte aber nicht das Ausmaß des Geschehens wider. Der größte Teil der Beschuldigten kam frei. Besonders belastete Vertreter des Systems kamen für einige Zeit ins Gefängnis oder verloren ihre Anstellung im öffentlichen Dienst, konnten aber nach Verbüßung der Haft relativ unbehelligt an ihr altes Leben anknüpfen, zumindest im Beruflichen. Nicht nur wollte man einen Schlussstrich unter die letzten Jahrzehnte ziehen, man benötigte die Täter von gestern, um die Gesellschaft von heute am Laufen zu halten. Spätestens mit den wachsenden Spannungen zwischen den Supermächten und der UdSSR wurden die Altnazis als geringeres Übel im Vergleich zu Sozialisten und Kommunisten gesehen. Das Problem an dieser Strategie des Verdrängens war, dass niemand die Verantwortung für das Geschehene übernahm, auch wenn vor allem zu Beginn die Begeisterung und Unterstützung für den Nationalsozialismus groß war. Es gab kaum eine Familie, die nicht mindestens ein Mitglied mit einer wenig rühmlichen Geschichte zwischen 1933 und 1945 hatte. Scham über das, was seit 1938 und in den Jahren in der Politik Österreichs geschehen war mischte sich zur Angst davor, von den Besatzungsmächten USA, Großbritannien, Frankreich und die UDSSR als Kriegsschuldiger ähnlich wie 1918 behandelt zu werden. Es entstand ein Klima, in dem niemand, weder die daran beteiligte noch die nachfolgende Generation über das Geschehene sprach. Diese Haltung verhinderte lange die Aufarbeitung dessen, was seit 1933 geschehen war. Der Mythos von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, der erst mit der Affäre Waldheim in den 1980er Jahren langsam zu bröckeln begann, war geboren. Polizisten, Lehrer, Richter – sie alle wurden trotz ihrer politischen Gesinnung an ihrem Platz gelassen. Die Gesellschaft brauchte sie, um am Laufen zu bleiben. Ein Beispiel für den großzügig ausgebreiteten Mantel des Vergessens mit großem Bezug zu Innsbruck ist die Vita des Arztes Burghard Breitner (1884-1956). Breitner wuchs in einem wohlbetuchten bürgerlichen Haushalt auf. Die Villa Breitner am Mattsee war Sitz eines Museums über den vom Vater verehrten deutschnationalen Dichter Josef Viktor Scheffel. Nach der Matura entschied sich Breitner gegen eine Karriere in der Literatur und für ein Medizinstudium. Anschließend beschloss er seinen Militärdienst und begann seine Karriere als Arzt. 1912/13 diente er als Militärarzt im Balkankrieg. 1914 verschlug es ihn an die Ostfront, wo er in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Als Arzt kümmerte er sich im Gefangenenlager aufopferungsvoll um seine Kameraden. Erst 1920 sollte er als Held und „Engel von Sibirien“ aus dem Gefangenenlager wieder nach Österreich zurückkehren. 1932 begann seine Laufbahn an der Universität Innsbruck. 1938 stand Breitner vor dem Problem, dass er auf Grund des jüdischen Hintergrundes seiner Großmutter väterlicherseits den „Großen Ariernachweis“ nicht erbringen konnte. Auf Grund seines guten Verhältnisses zum Rektor der Uni Innsbruck und zu wichtigen Nationalsozialisten konnte er aber schlussendlich an der Universitätsklinik weiterarbeiten. Während des NS-Regimes war Breitner als Vorstand der Klinik Innsbruck für Zwangssterilisierungen und „freiwillige Entmannungen“ verantwortlich, auch wenn er wohl keine der Operationen persönlich durchführte. Nach dem Krieg schaffte es der „Engel von Sibirien“ mit einigen Mühen sich durch das Entnazifizierungsverfahren zu winden. 1951 wurde er als Kandidat des VDU, einem politischen Sammelbecken überzeugter Nationalsozialisten, als Kandidat für die Bundespräsidentschaftswahl aufgestellt. 1952 wurde Breitner Rektor der Universität Innsbruck. Nach seinem Tod widmete ihm die Stadt Innsbruck ein Ehrengrab am Westfriedhof Innsbruck. In der Reichenau ist ihm in unmittelbarer Nähe des Standortes des ehemaligen Konzentrationslagers eine Straße gewidmet.
Glaube, Kirche und Obrigkeit
Die Fülle an Kirchen, Kapellen, Kruzifixen, Statuen und Malereien im öffentlichen Raum wirkt auf viele Besucher Innsbrucks aus anderen Ländern eigenartig. Nicht nur Gotteshäuser, auch viele Privathäuser sind mit Darstellungen Jesu, Marias, Heiliger und biblischen Szenen geschmückt. Der christliche Glaube und seine Institutionen waren in ganz Europa über Jahrhunderte alltagsbestimmend, Innsbruck als Residenzstadt der streng katholischen Habsburger und Hauptstadt des selbsternannten Heiligen Landes Tirol wurde bei der Ausstattung mit kirchlichen Bauwerkern besonders reich beglückt. Kirchen sind in Zahl und Dimension umgelegt auf die Verhältnisse vergangener Zeiten gigantische Erscheinungen im Stadtbild. Innsbruck mit seinen etwa 5000 Einwohnern besaß im 16. Jahrhundert mehrere Kirchen, die in Pracht und Größe jedes andere Gebäude überstrahlte, auch die Paläste der Aristokratie. Das Kloster Wilten war ein Riesenkomplex inmitten eines kleinen Bauerndorfes, das sich darum gruppierte.
Die räumlichen Ausmaße der Gotteshäuser spiegelt die Bedeutung im politischen und sozialen Gefüge wider. Die Kirche war für viele Innsbrucker nicht nur moralische Instanz, sondern auch weltlicher Grundherr. Der Bischof von Brixen war formal hierarchisch dem Landesfürsten gleichgestellt. Die Bauern arbeiteten auf den Landgütern des Bischofs gleich wie auf den Landgütern eines weltlichen Fürsten. Der Klerus hatte die Steuer- und Rechtshoheit über seine Untertanen. Die kirchlichen Grundbesitzer galten vielfach sogar als besonders fordernd gegenüber ihren Untertanen. Gleichzeitig war es auch in Innsbruck der Klerus, der sich in großen Teilen um das Sozialwesen, Krankenpflege, Armen- und Waisenversorgung, Speisungen und Bildung sorgte. Der Einfluss der Kirche reichte in die materielle Welt ähnlich wie es heute der Staat mit Finanzamt, Polizei, Schulwesen und Arbeitsamt tut. Was uns mittlerweile Demokratie, Parlament und Marktwirtschaft sind, waren den Menschen vergangener Jahrhunderte Bischof, Bibel, christliche Erbauungsliteratur und Pfarrer: Eine Realität, die die Ordnung aufrecht hält.
Zu glauben, alle Kirchenmänner wären zynische Machtmenschen gewesen, die ihre ungebildeten Untertanen ausnützten, ist nicht richtig. Der Großteil sowohl des Klerus wie auch der Adeligen war fromm und gottergeben, wenn auch auf eine aus heutiger Sicht nur schwer verständliche Art und Weise. Es war nicht der Fall, dass jedem Aberglauben blind nachgegeben wurde und Menschen willkürlich auf anonyme Anzeigen hingerichtet wurden Verletzungen der Religion und Sitten wurden in der späten Neuzeit vor weltlichen Gerichten verhandelt und streng geahndet. Die Anklage bei Verfehlungen lautete Häresie, worunter eine Vielzahl an Vergehen zusammengefasst wurde. Sodomie, also jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, Zauberei, Hexerei, Gotteslästerung – kurz jede Abwendung vom rechten Gottesglauben, konnte mit Verbrennung geahndet werden. Das Verbrennen sollte die Verurteilten gleichzeitig reinigen und sie samt ihrem sündigen Treiben endgültig vernichten, um das Böse aus der Gemeinschaft zu tilgen. Bis in die Angelegenheiten des täglichen Lebens regelte die Kirche lange Zeit das alltägliche Sozialgefüge der Menschen. Kirchenglocken bestimmten den Zeitplan der Menschen. Ihr Klang rief zur Arbeit, zum Gottesdienst oder informierte als Totengeläut über das Dahinscheiden eines Mitglieds der Gemeinde. Menschen konnten einzelne Glockenklänge und ihre Bedeutung voneinander unterscheiden. Sonn- und Feiertage strukturierten die Zeit. Fastentage regelten den Speiseplan. Familienleben, Sexualität und individuelles Verhalten hatten sich an den von der Kirche vorgegebenen Moral zu orientieren. Das Seelenheil im nächsten Leben war für viele Menschen wichtiger als das Lebensglück auf Erden, war dies doch ohnehin vom determinierten Zeitgeschehen und göttlichen Willen vorherbestimmt. Fegefeuer, letztes Gericht und Höllenqualen waren Realität und verschreckten und disziplinierten auch Erwachsene.
Während Teile des Innsbrucker Bürgertums von den Ideen der Aufklärung nach den Napoleonischen Kriegen zumindest sanft wachgeküsst wurde, blieb der Großteil der Menschen weiterhin der Mischung aus konservativem Katholizismus und abergläubischer Volksfrömmigkeit verbunden. Religiosität war nicht unbedingt eine Frage von Herkunft und Stand, wie die gesellschaftlichen, medialen und politischen Auseinandersetzungen entlang der Bruchlinie zwischen Liberalen und Konservativ immer wieder aufzeigten. Seit der Dezemberverfassung von 1867 war die freie Religionsausübung zwar gesetzlich verankert, Staat und Religion blieben aber eng verknüpft. Dank des Konkordats zwischen Papst und Kaiser von 1855 waren Eherecht und Schulwesen unter der Kontrolle der katholischen Kirche. Erst unter dem Druck der Liberalen im Parlament begannen diese Bastionen des sozialen Alltags vieler Menschen zu bröckeln, besonders in Tirol blieb das Wort des Pfarrers aber sakrosankt. In der Ersten Republik kam es zum konservativen Backlash. Der christlich-soziale, als Eiserner Prälat in die Geschichte eingegangen Ignaz Seipel schaffte es in den 1920er Jahren bis ins höchste Amt des Staates. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß sah seinen Ständestaat als Konstrukt auf katholischer Basis als Bollwerk gegen den Sozialismus. 1933 wurde das Konkordat mit dem Vatikan erneuert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Tirol Kirche und Politik in Person von Bischof Rusch und Kanzler Wallnöfer ein Gespann. 1957 bestätigte die Regierung der Zweiten Republik das Abkommen, das bis heute formell Gültigkeit besitzt. Erst in den 1970ern begann eine ernsthafte Trennung von Kirche und Staat. Die Kirchenaustritte der letzten Jahrzehnte haben der offiziellen Mitgliederzahl zwar eine Delle versetzt und Freizeitevents werden besser besucht als Sonntagsmessen. Glaube und Kirche haben noch immer ihren fixen Platz im Alltag der Innsbrucker, wenn auch oft unbemerkt. Die römisch-katholische Kirche besitzt aber noch immer viel Grund in und rund um Innsbruck, auch außerhalb der Mauern der jeweiligen Klöster und Ausbildungsstätten. Etliche Schulen in und rund um Innsbruck stehen ebenfalls unter dem Einfluss konservativer Kräfte und der Kirche. Und wer immer einen freien Feiertag genießt, ein Osterei ans andere peckt oder eine Kerze am Christbaum anzündet, muss nicht Christ sein, um als Tradition getarnt im Namen Jesu zu handeln.
Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst
Wer in Österreich unterwegs ist, kennt die Kuppeln und Zwiebeltürme der Kirchen in Dörfern und Städten. Sie sind das typische Kennzeichen des Architekturstils Barock, der in der Zeit der Gegenreformation seine Blütezeit erlebte und prägen das Innsbrucker Stadtbild bis heute. Die bekanntesten Gotteshäuser wie der Dom, die Johanneskirche oder die Jesuitenkirche, sind im Stile des Barocks gehalten. Prachtvoll und prunkvoll sollten Gotteshäuser sein, ein Symbol des Sieges des rechten Glaubens. Die überbordende, alles durchdringende Frömmigket von Eliten und Untertanen spiegelte sich in Kunst und Kultur wider: Großes Drama, Pathos, Leiden, Glanz und Herrlichkeit vereinten sich zum Barock, der den gesamten katholisch orientierten Einflussbereich der Habsburger und ihrer Verbündeten zwischen Spanien und Ungarn nachhaltig prägte. Die Baumeisterfamilie Gumpp und Johann Georg Fischer veränderten Innsbrucks Stadtbild ab dem 17. Jahrhundert nachhaltig. Das Alte Landhaus in der Altstadt, das Neue Landhaus in der Maria-Theresien-Straße, die unzähligen Palazzi, Bilder, Figuren – der Barock war im 17. und 18. Jahrhundert das stilbildende Element des Hauses Habsburg und brannte sich in den Alltag ein. Das Bürgertum wollte den Adeligen und Fürsten nicht nachstehen und ließen ihre Privathäuser im Stile des Barocks errichten. Auf Bauernhäusern prangen Heiligenbilder, Darstellungen der Mutter Gottes und des Herzen Jesu.
Barock war aber mehr als eine architektonische Stilrichtung, es war ein Lebensgefühl, das seinen Ausgang nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges nahm. Die Türkengefahr aus dem Osten, die in der zweimaligen Belagerung Wiens gipfelte, bestimmte die Außenpolitik des Reiches, während die Reformation die Innenpolitik dominierte. Die Barockkultur war ein zentrales Element des Katholizismus und der politischen Darstellung derselben in der Öffentlichkeit, das Gegenmodell zum spröden und strengen Lebensentwurf Calvins und Luthers. Feiertage mit christlichem Hintergrund wurden eingeführt, um den Alltag der Menschen aufzuhellen. Architektur, Musik und Malerei waren reich, füllig und üppig. In Theaterhäusern wie dem Comedihaus in Innsbruck wurden Dramen mit religiösem Hintergrund aufgeführt. Kreuzwege mit Kapellen und Darstellungen des gekreuzigten Jesus durchzogen die Landschaft. Die Volksfrömmigkeit in Form der Wallfahrten, Marien- und Heiligenverehrung hielt Einzug in den Kirchenalltag. Multiple Krisen prägten den Alltag der Menschen. Neben Krieg und Hunger brach die Pest im 17. Jahrhundert besonders häufig aus. Die Barockfrömmigkeit wurde zur Erziehung der Untertanen eingesetzt, um diese Plagen als Ausdruck der Unzufriedenheit Gottes durch einen gefälligen Lebenswandel auszumerzen. Auch wenn der Ablasshandel in der Zeit nach dem 16. Jahrhundert keine gängige Praxis mehr in der katholischen Kirche war, so gab es doch noch eine rege Vorstellung von Himmel und Hölle. Durch ein tugendhaftes Leben, sprich ein Leben im Einklang mit katholischen Werten und gutem Verhalten als Untertan gegenüber der göttlichen Ordnung, konnte man dem Paradies einen großen Schritt näherkommen. Die sogenannte Christliche Erbauungsliteratur war nach der Schulreformation des 18. Jahrhunderts und der Zunahme der Lesefähigkeit in der Bevölkerung die beliebteste Lektüre. Das Leiden des Gekreuzigten für die Menschheit galt als Symbol für die Mühsal der Untertanen auf Erden innerhalb des Feudalsystems. Mit Votivbildern baten Menschen um Beistand in schweren Zeiten oder bedankten sich vor allem bei der Mutter Gottes für überstandene Gefahren und Krankheiten. Besonders eindrucksvolle Votivbilder kann man in der Wiltener Basilika bewundern. Der Historiker Ernst Hanisch beschrieb den Barock und den Einfluss, den er auf die österreichische Lebensart hatte, so:
„Österreich entstand in seiner modernen Form als Kreuzzugsimperialismus gegen die Türken und im Inneren gegen die Reformatoren. Das brachte Bürokratie und Militär, im Äußeren aber Multiethnien. Staat und Kirche probierten den intimen Lebensbereich der Bürger zu kontrollieren. Jeder musste sich durch den Beichtstuhl reformieren, die Sexualität wurde eingeschränkt, die normengerechte Sexualität wurden erzwungen. Menschen wurden systematisch zum Heucheln angeleitet.“
Die Rituale und das untertänige Verhalten gegenüber der Obrigkeit hinterließen ihre Spuren in der Alltagskultur, die katholische Länder wie Österreich und Italien bis heute von protestantisch geprägten Regionen wie Deutschland, England oder Skandinavien unterscheiden. Die Leidenschaft für akademische Titel der Österreicher hat ihren Ursprung in den barocken Hierarchien. Der Ausdruck Barockfürst bezeichnet einen besonders patriarchal-gönnerhaften Politiker, der mit großen Gesten sein Publikum zu becircen weiß. Während man in Deutschland politische Sachlichkeit schätzt, ist der Stil von österreichischen Politikern theatralisch, ganz nach dem österreichischen Bonmot des „Schaumamal“.
Die Baumeister Gumpp und die Barockisierung Innsbrucks
Die Werke der Familie Gumpp bestimmen bis heute sehr stark das Aussehen Innsbrucks. Vor allem die barocken Teile der Stadt sind auf sie zurückzuführen. Der Begründer der Dynastie in Tirol, Christoph Gumpp (1600-1672) war eigentlich Tischler. Sein Talent allerdings hatte ihn für höhere Weihen auserkoren. Den Beruf des Architekten oder Künstler gab es zu dieser Zeit noch nicht, selbst Michelangelo und Leonardo da Vinci galten als Handwerker. Der gebürtige Schwabe Gumpp trat nach seiner Mitarbeit an der Dreifaltigkeitskirche in die Fußstapfen der italienischen Baumeister, die unter Ferdinand II den Ton angegeben hatten. Auf Geheiß Leopolds V. reiste Gumpp nach Italien, um dort Theaterbauten zu studieren und bei den zeitgenössisch stilbildenden Kollegen sein Know-How für das geplante landesfürstliche Comedihaus aufzupolieren. Seine offizielle Tätigkeit als Hofbaumeister begann 1633. Neue Zeiten bedurften eines neuen Designs, abseits des architektonisch von der Gotik geprägten Mittelalters und den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Über die folgenden Jahrzehnte wurde Innsbruck unter der Regentschaft Claudia de Medicis einer kompletten Renovierung unterzogen. Gumpp vererbte seinen Titel an die nächsten beiden Generationen innerhalb der Familie weiter. Die Gumpps traten nicht nur als Baumeister in Erscheinung. Sie waren Tischler, Maler, Kupferstecher und Architekten, was ihnen erlaubte, ähnlich der Bewegung der Tiroler Moderne rund um Franz Baumann und Clemens Holzmeister Anfang des 20. Jahrhunderts, Projekte ganzheitlich umzusetzen. Auch bei der Errichtung der Schanzwerke zur Landesverteidigung während des Dreißigjährigen Krieges waren sie als Planer beteiligt. Christoph Gumpps Meisterstück aber war die Errichtung des Comedihaus im ehemaligen Ballhaus. Die überdimensionierten Maße des damals richtungsweisenden Theaters, das in Europa zu den ersten seiner Art überhaupt gehörte, erlaubte nicht nur die Aufführung von Theaterstücken, sondern auch Wasserspiele mit echten Schiffen und aufwändige Pferdeballettaufführungen. Das Comedihaus war ein Gesamtkunstwerk an und für sich, das in seiner damaligen Bedeutung wohl mit dem Festspielhaus in Bayreuth des 19. Jahrhunderts oder der Elbphilharmonie in Hamburg heute verglichen werden muss.
Seine Nachfahren Johann Martin Gumpp der Ältere, Georg Anton Gumpp und Johann Martin Gumpp der Jüngere waren für viele der bis heute prägendsten Gebäude im Stadtbild zuständig. So stammen die Wiltener Stiftskirche, die Mariahilfkirche, die Johanneskirche und die Spitalskirche von den Gumpps. Neben dem Entwurf von Kirchen und ihrer Arbeit als Hofbaumeister machten sie sich auch als Planer von Profanbauten einen Namen. Viele der Bürgerhäuser und Stadtpaläste Innsbrucks wie das Taxispalais oder das Alte Landhaus in der Maria-Theresien-Straße wurden von Ihnen entworfen. Mit dem Verlust des Status als Residenzstadt gingen die prunkvollen Großaufträge zurück und damit auch der Ruhm der Familie Gumpp. Ihr ehemaliges Wohnhaus beherbergt heute die Konditorei Munding in der Altstadt. Im Stadtteil Pradl erinnert die Gumppstraße an die Innsbrucker Baumeisterdynastie.
Luftangriffe auf Innsbruck
Das Aussehen einer Stadt unterliegt einem steten Wandel. Einige Epochen hinterließen besonders gut sichtbare Veränderungen im Stadtbild Innsbrucks. Die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen ab dem 15. Jahrhundert sowie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spiegeln sich auch in Bauwerken und Denkmälern wider. Das einschneidendste Ereignis mit den größten Auswirkungen auf das Stadtbild waren aber wohl die Luftangriffe auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg, als aus der „Heimatfront“ ein tatsächlicher Kriegsschauplatz wurde. Die Lage am Fuße des Brenners war über Jahrhunderte ein Segen für die Stadt gewesen, nun wurde sie ihr zum Verhängnis. Innsbruck war ein wichtiger Versorgungsbahnhof für den Nachschub an der Italienfront. In der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1943 erfolgte der erste alliierte Luftangriff auf die schlecht vorbereitete Stadt. 269 Menschen fielen den Bomben zum Opfer, 500 wurden verletzt und mehr als 1500 obdachlos. Über 300 Gebäude, vor allem in Wilten und der Innenstadt, wurden zerstört und beschädigt. Am Montag, den 18. Dezember fanden sich in den Innsbrucker Nachrichten, dem Vorgänger der Tiroler Tageszeitung, auf der Titelseite allerhand propagandistische Meldungen vom erfolgreichen und heroischen Abwehrkampf der Deutschen Wehrmacht an allen Fronten gegenüber dem Bündnis aus Anglo-Amerikanern und dem Russen, nicht aber vom Bombenangriff auf Innsbruck.
Bombenterror über Innsbruck
Der 16. Dezember wird in der Geschichte Innsbrucks als der Tag vermerkt bleiben, an dem der Luftterror der Anglo-Amerikaner die Gauhauptstadt mit der ganzen Schwere dieser gemeinen und brutalen Kampfweise, die man nicht mehr Kriegführung nennen kann, getroffen hat. In mehreren Wellen flogen feindliche Kampfverbände die Stadt an und richteten ihre Angriffe mit zahlreichen Spreng- und Brandbomben gegen die Wohngebiete. Schwerste Schäden an Wohngebäuden, an Krankenhäusern und anderen Gemeinschaftseinrichtungen waren das traurige, alle bisherigen Schäden übersteigende Ergebnis dieses verbrecherischen Überfalles, der über zahlreiche Familien unserer Stadt schwerste Leiden und empfindliche Belastung der Lebensführung, das bittere Los der Vernichtung liebgewordenen Besitzes, der Zerstörung von Heim und Herd und der Heimatlosigkeit gebracht hat. Grenzenloser Haß und das glühende Verlangen diese unmenschliche Untat mit schonungsloser Schärfe zu vergelten, sind die einzige Empfindung, die außer der Auseinandersetzung mit den eigenen und den Gemeinschaftssorgen alle Gemüter bewegt. Wir alle blicken voll Vertrauen auf unsere Soldaten und erwarten mit Zuversicht den Tag, an dem der Führer den Befehl geben wird, ihre geballte Kraft mit neuen Waffen gegen den Feind im Westen einzusetzen, der durch seinen Mord- und Brandterror gegen Wehrlose neuerdings bewiesen hat, daß er sich von den asiatischen Bestien im Osten durch nichts unterscheidet – es wäre denn durch größere Feigheit. Die Luftschutzeinrichtungen der Stadt haben sich ebenso bewährt, wie die Luftschutzdisziplin der Bevölkerung. Bis zur Stunde sind 26 Gefallene gemeldet, deren Zahl sich aller Voraussicht nach nicht wesentlich erhöhen dürfte. Die Hilfsmaßnahmen haben unter Führung der Partei und tatkräftigen Mitarbeit der Wehrmacht sofort und wirkungsvoll eingesetzt.
Diese fantasievoll gestaltete Nachricht schaffte es gerade mal auf Seite 3. Prominenter wollte man die schlechte Vorbereitung der Stadt auf das absehbare Bombardement wohl nicht präsentieren, zu groß waren die Schäden an der Stadt und die persönlichen, tragischen Verluste in der Bevölkerung. Dass die sterblichen Überreste der Opfer des Luftangriffes vom 15. Dezember 1943 am heutigen Landhausplatz vor dem neu errichteten Gauhaus, dem Symbol nationalsozialistischer Macht, aufgebahrt wurden, zeugt von trauriger Ironie des Schicksals. Im Jänner 1944 begann man mit der Errichtung von Luftschutzstollen und andere Schutzmaßnahmen. Die Arbeiten wurden zu einem großen Teil von Gefangenen des Konzentrationslagers Reichenau durchgeführt.
Insgesamt wurde Innsbruck zwischen 1943 und 1945 zweiundzwanzig Mal angegriffen. Dabei wurden knapp 3833, also knapp 50%, der Gebäude in der Stadt beschädigt und 504 Menschen starben. In den letzten Kriegsmonaten war an Normalität nicht mehr zu denken. Die Bevölkerung lebte in dauerhafter Angst. Die Schulen wurden bereits vormittags geschlossen. An einen geregelten Alltag war nicht mehr zu denken. Die Stadt wurde zum Glück nur Opfer gezielter Angriffe. Deutsche Städte wie Hamburg oder Dresden wurden von den Alliierten mit Feuerstürmen mit Zehntausenden Toten innerhalb weniger Stunden komplett dem Erdboden gleichgemacht. Trotzdem war die Bilanz verheerend. Viele Gebäude wie die Jesuitenkirche, das Stift Wilten, die Servitenkirche, das Hallenbad in der Amraserstraße wurden getroffen. Der Angriff am 16. Dezember 1944, ein Jahr nach dem ersten Luftschlag, verheerte den Dom und das Rathaus. Besondere Sorgfalt und Schutz erfuhren in Innsbruck historische Gebäude und Denkmäler. Das Goldene Dachl wurde mit einer speziellen Konstruktion ebenso geschützt wie der Sarkophag Maximilians in der Hofkirche. Die Figuren der Hofkirche, die Schwarzen Mannder, wurden nach Kundl gebracht. Das Bild der Gnadenmutter Lucas Cranachs aus dem Innsbrucker Dom wurde während des Krieges ins Ötztal überführt.
Viele Jahre nach dem Krieg war die Stadt von den Trümmern und Schäden der Luftangriffe charakterisiert, heute erinnert nur noch wenig an diese für viele Innsbrucker traumatischen Ereignisse. Der Luftschutzstollen südlich von Innsbruck an der Brennerstraße und die Kennzeichnungen von Häusern mit Luftschutzkellern mit ihren schwarzen Vierecken und den weißen Kreisen und Pfeilen kann man heute noch begutachten. Zwei der Stellungen der Flugabwehrgeschütze, mittlerweile nur noch zugewachsene Mauerreste, können am Lanser Köpfl oberhalb von Innsbruck besichtigt werden. In Pradl, wo neben Wilten die meisten Gebäude beschädigt wurden, weisen an den betroffenen Häusern Bronzetafeln auf den Wiederaufbau nach dem Krieg hin. Am alten Innsbrucker Rathaus erinnert eine Wandmalerei an den Bombentreffer im Dezember 1944.
Innsbruck und der Nationalsozialismus
In den 1920er und 30er wuchs und gedieh die NSDAP auch in Tirol. Die erste Ortsgruppe Innsbrucks wurde bereits 1923 gegründet. Mit „Der Nationalsozialist – Kampfblatt für Tirol und Vorarlberg“ erschien ein eigenes Wochenblatt. 1933 erlebte die NSDAP mit dem Rückenwind aus Deutschland auch in Innsbruck einen kometenhaften Aufstieg. Die Modernität der und die Aufstiegsmöglichkeiten, die sie bot, sprach junge, ambitionierte Menschen an. Das Neue, das Aufräumen mit alten Hierarchien und Strukturen wie der katholischen Kirche und der allgemeine Um- und Aufbruch in eine neue Zeit waren mächtige Anziehungsfaktoren. Arbeiter, Angestellte und Unternehmer gleichermaßen sehnten sich nach dem Wirtschaftsaufschwung auch für das schwächelnde Österreich, der in Deutschland die Arbeitslosenzahlen massiv reduziert hatte. Akademiker hingegen sahen sich in der großdeutschen Zukunft dem politischen Ziel ihrer Träume entgegengehen. Die demokratische Republik war konservativen Eliten ein Gräuel. Wer bereits oben war, sehnte sich nach den Zeiten vor dem allgemeinen Wahlrecht zurück, als Sozialdemokraten noch nichts zu melden hatten. Dazu versprach der neue „deutsche Volkskörper“ den vielen auf der Strecke gebliebenen Menschen eine glanzvolle Zukunft in einer egalitären Gemeinschaft ähnlich den Sozialdemokraten. Das Versprechen, die deutschsprachigen Südtiroler Heim ins Reich zu holen und damit das Unrecht der Brennergrenze auszumerzen wurde von allen gerne gehört. Konnten die Nationalsozialisten bei ihrem ersten Antreten bei der Innsbrucker Gemeinderatswahl 1921 nur 2,8% der Stimmen erringen, waren es bei den Wahlen 1933 bereits 41%. Nicht nur die Wahl Hitlers zum Reichskanzler in Deutschland, auch Kampagnen, Fackelzüge, Spendenaktionen und Events aller Art verhalfen der ab 1934 in Österreich verbotenen Partei zu diesem Ergebnis. Neun Mandatare, darunter der spätere Innsbrucker Bürgermeister Egon Denz und Gauleiter Franz Hofer, zogen in den Gemeinderat ein.
Als der Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 erfolgte, kam es in Innsbruck zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Über 1800 Innsbrucker waren Mitglied der SA, die ihr Quartier in der Bürgerstraße 10 hatte. Bereits im Vorfeld des Einmarsches war es immer wieder zu Aufmärschen und Kundgebungen der Nationalsozialisten gekommen, nachdem das Verbot der Partei aufgehoben worden war. Noch bevor Bundeskanzler Schuschnigg seine letzte Rede an das Volk vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten mit den Worten „Gott schütze Österreich“ am 11. März 1938 geschlossen hatte, rotteten sich bereits die Nationalsozialisten in der Innenstadt zusammen um den Einmarsch der deutschen Truppen vorzufeiern. Die Polizei war dem Aufruhr der organisierten Manifestationen teils gewogen, teils stand sie dem Treiben machtlos gegenüber. Landhaus und Maria-Theresien-Straße wurden zwar abgeriegelt und mit Maschinengewehrständen gesichert, an ein Durchgreifen seitens der Exekutive war aber nicht zu denken. „Ein Volk – ein Reich – ein Führer“ und das Horst-Wessel-Lied hallten durch die Stadt. Die Bedrohung des deutschen Militärs und der Aufmarsch von SA-Truppen beseitigten die letzten Zweifel. Mehr und mehr schloss sich die begeisterte Bevölkerung an. Am Tiroler Landhaus, damals noch in der Maria-Theresienstraße, sowie im provisorischen Hauptquartier der Nationalsozialisten im Gasthaus Alt-Innsprugg, wurde die Hakenkreuzfahne gehisst. Der Putsch, samt Festnahme amtsbekannter Unruhestifter und offiziellem Wechsel politischer Amtsträger geschah über Nacht. Am 12. März empfingen Tausende Innsbrucker das deutsche Militär frenetisch. Um die demonstrative Gastfreundschaft gegenüber den Nationalsozialisten sicherzustellen, ließ der neue Bürgermeister Egon Denz jedem Arbeiter einen Wochenlohn auszahlen. Am 5. April besuchte Adolf Hitler persönlich Innsbruck, um sich von einer euphorischen Menschenmenge als heilsversprechender Führer feiern zu lassen. Auf der Nordkette wurden Bergfeuer in Hakenkreuzform entzündet. Die Volksbefragung am 10. April ergab eine Zustimmung von über 99% zum Anschluss Österreichs an Deutschland. Die Menschen waren nach der wirtschaftlichen Not der Zwischenkriegszeit, der Wirtschaftskrise und den Regierungen unter Dollfuß und Schuschnigg müde und wollten Veränderung. Welche Art von Veränderung, war im ersten Moment weniger wichtig als die Veränderung an und für sich. Wehrmacht und Industrie boten jungen Menschen eine Perspektive, auch denen, die mit der Ideologie des Nationalsozialismus an und für sich wenig anfangen konnten. Die Arbeitslosenquote sank nach dem Anschluss tatsächlich rapide von knapp 25 auf unter drei Prozent. Dass es immer wieder zu Gewaltausbrüchen kam, war für die Zwischenkriegszeit in Österreich ohnehin nicht unüblich. Anders als heute war Demokratie nichts, woran sich jemand in der kurzen, von politischen Extremen geprägten Zeit zwischen der Monarchie 1918 bis zur Ausschaltung des Parlaments unter Dollfuß 1933 hätte gewöhnen können. Was faktisch nicht in den Köpfen der Bevölkerung existiert, muss man nicht abschaffen.
Tirol und Vorarlberg wurden in einem Reichsgau zusammengefasst mit Innsbruck als Hauptstadt. Auch wenn der Nationalsozialismus von einem guten Teil der Bevölkerung mit der Zeit immer skeptischer gesehen wurde, gab es kaum organisierten oder gar bewaffneten Widerstand, dazu waren der katholische Widerstand OE5 und die Linke in Tirol nicht stark genug. Unorganisiertes subversives Verhalten der Bevölkerung, vor allem in den Landgemeinden rund um Innsbruck gab es vereinzelt. Zu allumfassend dominierte der Machtapparat den Alltag der Menschen. Viele Arbeitsstellen und sonstige Annehmlichkeiten des Lebens waren an eine zumindest äußerlich parteitreue Gesinnung gebunden. Eine Inhaftierung blieb dem größten Teil der Bevölkerung zwar erspart, die Angst davor war aber allgegenwärtig. Das Regime unter Hofer und Gestapochef Werner Hilliges leistete ganze Arbeit bei der Unterdrückung. Regimegegner Nummer eins war der Klerus, die katholische Kirche wurde deshalb auf allen Ebenen bekämpft. Katholische Schulen wurden umfunktioniert, Jugendorganisationen und Vereine verboten, Klöster geschlossen, der Religionsunterricht abgeschafft und eine Kirchensteuer eingeführt. Besonders hartnäckige Pfarrer wie Otto Neururer wurden in Konzentrationslager gebracht. Auch Lokalpolitiker wie die späteren Innsbrucker Bürgermeister Franz Greiter und Anton Melzer, der im Ersten Weltkrieg für Gott, Kaiser und Vaterland einen Arm verloren hatte, mussten flüchten oder wurden verhaftet. Gewalt und die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung, dem Klerus, politisch Verdächtigen, Zivilpersonen und Kriegsgefangenen auch nur überblicksmäßig zusammenzufassen würde den Rahmen sprengen. In der Klinik Innsbruck wurden Behinderte und vom System als nicht genehm empfundene Menschen wie Homosexuelle zwangssterilisiert. 1941 wurde in der Rossau in der Nähe des Bauhofs Innsbruck das Arbeitslager Reichenau errichtet. Etwa 120 Personen fanden in diesem Barackenlager den Tod durch Krankheit, die schlechten Bedingungen, Arbeitsunfälle oder Hinrichtungen. Die meist jüdischen, russischen oder italienischen Zwangsarbeiter wurden in den Messerschmitt Werken in Kematen und auf den vielen Baustellen wie der Errichtung der Südtiroler Siedlungen oder der Stollen zum Schutz vor den Luftangriffen im Süden Innsbrucks eingesetzt. Die Erinnerungsorte an die Zeit des Nationalsozialismus sind rar gesät. Das auffälligste Denkmal ist wohl das Tiroler Landhaus mit dem Befreiungsdenkmal. An der Alten Universität in der Herrengasse prangt eine Bronzetafel, die daran erinnert, dass die Gestapo hier einst ihr Hauptquartier hatte, wo Verdächtige unter Folter verhört, schwer misshandelt und teils mit Fäusten zu Tode geprügelt wurden. Der Vorplatz der Universität und eine kleine Säule am südlichen Eingang der Klinik wurden ebenfalls im Gedenken an das wohl dunkelste Kapitel Österreichs Geschichte gestaltet. In der Rossau wurde ein Gedenkort an das Arbeitslager Reichenau errichtet.