Franz Baumann und die Tiroler Moderne
Franz Baumann und die Tiroler Moderne
Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur Staaten und Herrscherhäuser an ihr Ende, auch für Kunst, Musik, Literatur und Architektur war er eine Zäsur. In Innsbruck veränderte eine Handvoll Bauplaner das Stadtbild in den zwei Jahrzehnten der Ersten Republik. Inspiriert von den neuen Formen der Gestaltung wie dem Bauhausstil aus Deutschland, Wolkenkratzern aus den USA, dem italienischen Futurismus und der Sowjetischen Moderne aus der revolutionären UdSSR entstanden in Innsbruck aufsehenerregende Projekte. Die bekanntesten Vertreter der Avantgarde, die diese neue Art und Weise die Gestaltung des öffentlichen Raumes in Tirol zustande brachten, waren Lois Welzenbacher Siegfried Mazagg, Theodor Prachensky, und Clemens Holzmeister. Jeder dieser Architekten hatte seine Eigenheiten, wodurch die Tiroler Moderne nur schwer eindeutig zu definieren ist. Ein gemeinsames Merkmal war die Abwendung von der klassizistischen Architektur der Vorkriegszeit unter gleichzeitiger Beibehaltung typischer alpiner Materialien und Elemente unter dem Motto Form follows Function. Lois Welzenbacher schrieb 1920 in einem Artikel der Zeitschrift Tiroler Hochland über die Architektur dieser Zeit:
„Soweit wir heute urteilen können, steht wohl fest, daß dem 19. Jahrhundert in seinem Großteile die Kraft fehlte, sich einen eigenen, ausgesprochenen Stil zu schaffen. Es ist das Zeitalter der Stillosigkeit… So wurden Einzelheiten historisch genau wiedergegeben, meist ohne besonderen Sinn und Zweck, und ohne harmonisches Gesamtbild, das aus sachlicher oder künstlerischer Notwendigkeit erwachsen wäre.“
Der bekannteste und im Innsbrucker Stadtbild am eindrücklichsten sichtbare Vertreter der sogenannten Tiroler Moderne war Franz Baumann (1892 – 1974). Anders als Holzmeister oder Welzenbacher hatte er keine akademische Ausbildung genossen. Baumann kam 1892 als Sohn eines Postbeamten in Innsbruck zur Welt. Sein Religionslehrer, der heute umstrittene Theologe und Publizist Anton Müller alias Bruder Willram, wurde auf das zeichnerische Talent Franz Baumanns aufmerksam und ermöglichte dem jungen Mann mit 14 Jahren den Besuch der k.k. Staatsgewerbeschule. Dort lernte er seinen späteren Schwager Theodor Prachensky kennen, der auch in beruflicher Hinsicht eine tragende Rolle in seinem Leben spielen sollte. Während seiner Schulzeit sammelte Baumann erste praktische Berufserfahrungen als Maurer bei der Baufirma Huter & Söhne und begann gemeinsam mit seiner Schwester Maria und Prachensky auf Ausflügen rund um Innsbruck Naturdarstellungen anzufertigen. 1910 folgte Baumann seinem Freund nach Meran für eine Anstellung bei der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Baufirma Musch & Lun. Die ehemalige Tiroler Landeshauptstadt war Tirols wichtigster Tourismusort mit internationalen Kurgästen. Unter Adalbert Erlebach, der später maßgeblich an der Gestaltung der Hungerburg beteiligt war, machte Baumann erste Erfahrungen bei der Planung von Großprojekten wie Hotels und Seilbahnen. Wichtig für seine spätere Karriere war nicht nur die technische Ausbildung, sondern auch die ersten Berührungspunkte, die er mit dem Tiroler Heimatschutzverband machte. Kunibert Zimmeter hatte diesen Verein gemeinsam mit Gotthard Graf Trapp gegründet. Das Bauwesen war Landessache, der Tiroler Heimatschutzverband war gemeinsam mit der Bezirkshauptmannschaft als letztentscheidende Behörde bei Bauprojekten für Bewertung und Genehmigung zuständig. In vielen Tiroler Dörfern hatten Hotels die Kirchen als größtes Bauwerk im Ortsbild abgelöst. Man wollte verhindern, dass Tourismus- und Industriebauten die traditionellen Ortsbilder über Gebühr vereinnahmen. In „Unser Tirol. Ein Heimatschutzbuch“ schrieb Zimmeter:
„Schauen wir auf die Verflachung unseres Privat-Lebens, unserer Vergnügungen, in deren Mittelpunkt bezeichnender Weise das Kino steht, auf die literarischen Eintagsfliegen unserer Zeitungslektüre, auf die heillosen und kostspieligen Auswüchse der Mode auf dem Gebiete der Frauenbekleidung, werfen wir einen Blick in unserer Wohnungen mit den elenden Fabriksmöbeln und all den fürchterlichen Erzeugnissen unserer sogenannten Galanteriewaren-Industrie, Dinge, an deren Herstellung tausende von Menschen arbeiten und dabei wertlosen Krims-Krams schaffen, oder betrachten wir unsere Zinshäuser und Villen mit den Paläste vortäuschenden Zementfassaden, unzähligen überflüssigen Türmen und Giebeln, unsere Hotels mit ihren aufgedonnerten Fassaden, welche Verschleuderung des Volksvermögens, welche Fülle von Geschmacklosigkeit müssen wir da finden.“
Nach vier Jahren wurde Baumanns Karriere jäh unterbrochen. Wie den Großteil seiner Generation riss der Erste Weltkrieg auch ihn aus Berufsleben und Alltag. An der Italienfront erlitt er im Kampfeinsatz einen Bauchschuss, von dem er sich in einem Lazarett in Prag erholte. In dieser ansonsten tatenlosen Zeit malte er Stadtansichten von Bauwerken in und rund um Prag. Diese Stadtbilder, die ihm später bei der Visualisierung seiner Pläne helfen sollten, wurden in seiner einzigen Ausstellung 1919 präsentiert. Sein Durchbruch im Bauwesen kam im Folgejahr. Baumann konnte überraschend die Ausschreibungen für den Umbau des Weinhaus Happ in der Altstadt und der Nordkettenbahn für sich entscheiden. Neben seiner Kreativität kamen ihm dabei die Übereinstimmung seines architektonischen Ansatzes mit den Anforderungen des Tiroler Heimatschutzverbandes und der Ausschreibungen der jungen Erste Republik entgegen. Im Wirtschaftsaufschwung der späten 1920er Jahre entstand eine neue Kunden- und Gästeschicht für den Tourismus. Die aristokratische Distanz zur Bergwelt war einer bürgerlichen Sportbegeisterung gewichen. Man baute keine Grandhotels mehr auf 1500 m für den Kururlaub, sondern funktionale Infrastruktur für Skisportler im hochalpinen Gelände wie der Nordkette. Die Gebäude sollten sich harmonisch, ansehnlich und zweckdienlich in die Umwelt eingliedern. Architekten mussten trotz der gesellschaftlichen und künstlerischen Neuerungen der Zeit den regionaltypischen Charakter mitdenken. Genau hier lagen die Stärken Baumanns Ansatz des ganzheitlichen Bauens im Tiroler Sinne. Baumann entwarf von der Außenbeleuchtung bis hin zu den Möbeln auch kleinste Details und fügte sie in sein Gesamtkonzept der Tiroler Moderne ein. Alle technischen Funktionen und Details unter Berücksichtigung von Umwelt, Topografie und Sonnenlicht spielten für ihn, der offiziell den Titel Architekt gar nicht führen durfte, eine Rolle. Er folgte damit den „Regeln, für den, der in den Bergen baut“ des Architekten Adolf Loos (1870 – 1933):
Baue nicht malerisch. Überlasse solche Wirkung den Mauern, den Bergen und der Sonne. Der Mensch, der sich malerisch kleidet, ist nicht malerisch, sondern ein Hanswurst. Der Bauer kleidet sich nicht malerisch. Aber er ist es…
Achte auf die Formen, in denen der Bauer baut. Denn sie sind Urväterweisheit, geronnene Substanz. Aber suche den Grund der Form auf. Haben die Fortschritte der Technik es möglich gemacht, die Form zu verbessern, so ist immer diese Verbesserung zu verwenden. De Dreschflegel wird von der Dreschmaschine abgelöst.“
Ab 1927 führte Baumann sein eigenes Atelier in der Schöpfstraße in Wilten. Zur Blütezeit stellte er in seinem Büro 14 Mitarbeiter an. Immer wieder kreuzten sich seine beruflichen Wege mit denen seines Freundes und Schwagers Theodor Prachensky. Gemeinsam projektierten sie ab 1929 das Gebäude für die neue Hauptschule Hötting am Fürstenweg. Eigene Trakte für Buben und Mädchen waren zwar noch immer traditionell baulich getrennt einzuplanen, ansonsten entsprach der Bau aber in Form und Ausstattung ganz dem Stil der Neuen Sachlichkeit und dem Prinzip Licht, Luft und Sonne. Dank seines modernen Ansatzes, der Funktion, Ästhetik, Tradition und sparsames Bauen vereinte, überstand Baumann die Wirtschaftskrise ab den späten 1920er Jahren gut. Erst die 1000-Mark-Sperre, die Hitler 1933 über Österreich verhängte, um die Republik finanziell in Bredouille zu bringen, brachte sein Architekturbüro in Probleme. Nicht nur die Arbeitslosenquote im Tourismus verdreifachte sich innerhalb kürzester Zeit, auch die Baubranche geriet in Schwierigkeiten. 1935 wurde er zum Leiter der Zentralvereinigung für Architekten, nachdem ihm eine Ausnahmegenehmigung gestattete diesen Berufstitel auch ohne formale Bildung zu tragen. Mit dem Anschluss 1938 trat er zügig der NSDAP bei. Einerseits war er wohl wie sein Kollege Lois Welzenbacher den Ideen des Nationalsozialismus nicht abgeneigt, andererseits konnte er so als Obmann der Reichskammer für bildende Künste in Tirol seine Karriere vorantreiben. In dieser Position stellte er sich mehrmals gegen den Furor, mit dem die Machthaber das Stadtbild Innsbrucks verändern wollten, der seiner Vorstellung von Stadtplanung nicht entsprach. Der Innsbrucker Bürgermeister Egon Denz wollte die Triumphpforte und die Annasäule entfernen, um dem Verkehr in der Maria-Theresienstraße mehr Platz zu geben. Die Innenstadt war noch immer Hauptverkehrsachse, um vom Brenner im Süden, um auf die Bundesstraße nach Osten und Westen am heutigen Innrain zu gelangen. Anstelle der Annasäule sollte eine Statue Adolf Hitlers errichtet werden. Gauleiter Hofer wollte die Kirchtürme der Stiftskirche sprengen lassen. Baumann bewertete diese beiden Pläne in seiner Funktion negativ. Als der Sachverhalt es bis auf den Schreibtisch Albert Speers schaffte, pflichtet dieser ihm bei. Von diesem Zeitpunkt an erhielt Baumann von Gauleiter Hofer keine öffentlichen Projekte mehr zugesprochen, sein mutiges Auftreten bewahrte ihn in der Nachkriegszeit wohl aber vor Schlimmerem. Nach Befragungen im Rahmen der Entnazifizierung begann Baumann im Stadtbauamt zu arbeiten, wohl auch auf Empfehlung seines Schwagers Prachensky. Baumann wurde zwar voll entlastet, unter anderem durch eine Aussage des Abtes von Wilten, dessen Kirchtürme er gerettet hatte, sein Ruf als Architekt war aber nicht mehr zu kitten. Zudem hatte ein Bombentreffer hatte 1944 sein Atelier in der Schöpfstraße zerstört. In seiner Nachkriegskarriere war er für Sanierungen an vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Gebäuden zuständig. So wurde unter ihm der Boznerplatz mit dem Rudolfsbrunnen wiederaufgebaut sowie Burggraben und die Neuen Stadtsäle hinter dem Tiroler Landestheater gestaltet. Franz Baumann verstarb 1974. Seine Bilder, Skizzen und Zeichnungen sind heiß begehrt und werden hoch gehandelt. Wer Großprojekte neueren Datums wie die Stadtbibliothek, die PEMA-Türme und viele der Wohnanlagen in Innsbruck aufmerksam betrachtet, wird die Ansätze der Tiroler Moderne auch heute noch wiederentdecken.
Sehenswürdigkeiten dazu…
Adambräu & Ansitz Windegg
Adamgasse 23
Elektrizitätswerk & Casino
Salurnerstraße 11 – 15
Theresienkirche
Gramartstraße 4
Gasthaus Weisses Kreuz
Herzog-Friedrich-Straße 31
Hungerburgbahn & Nordkettenbahn
Kongresshaus / Rennweg 39
Katzung & Trautsonhaus & Weinhaus Happ
Herzog-Friedrich-Straße 14/ 16 / 22
Rudolfsbrunnen & Boznerplatz
Boznerplatz
