Innsbruck im Nationalsozialismus
Innsbruck and National Socialism
In den 1920er und 30er wuchs und gedieh die NSDAP auch in Tirol. Die erste Ortsgruppe Innsbrucks wurde bereits 1923 gegründet. Mit „Der Nationalsozialist - Combat Gazette for Tyrol and Vorarlberg“ erschien ein eigenes Wochenblatt. 1933 erlebte die NSDAP mit dem Rückenwind aus Deutschland auch in Innsbruck einen kometenhaften Aufstieg. Die Modernität der und die Aufstiegsmöglichkeiten, die sie bot, sprach junge, ambitionierte Menschen an. Das Neue, das Aufräumen mit alten Hierarchien und Strukturen wie der katholischen Kirche und der allgemeine Um- und Aufbruch in eine neue Zeit waren mächtige Anziehungsfaktoren. Arbeiter, Angestellte und Unternehmer gleichermaßen sehnten sich nach dem Wirtschaftsaufschwung auch für das schwächelnde Österreich, der in Deutschland die Arbeitslosenzahlen massiv reduziert hatte. Akademiker hingegen sahen sich in der großdeutschen Zukunft dem politischen Ziel ihrer Träume entgegengehen. Die demokratische Republik war konservativen Eliten ein Gräuel. Wer bereits oben war, sehnte sich nach den Zeiten vor dem allgemeinen Wahlrecht zurück, als Sozialdemokraten noch nichts zu melden hatten. Dazu versprach der neue „deutsche Volkskörper“ den vielen auf der Strecke gebliebenen Menschen eine glanzvolle Zukunft in einer egalitären Gemeinschaft ähnlich den Sozialdemokraten. Das Versprechen, die deutschsprachigen Südtiroler Home to the realm zu holen und damit das Unrecht der Brennergrenze auszumerzen wurde von allen gerne gehört. Konnten die Nationalsozialisten bei ihrem ersten Antreten bei der Innsbrucker Gemeinderatswahl 1921 nur 2,8% der Stimmen erringen, waren es bei den Wahlen 1933 bereits 41%. Nicht nur die Wahl Hitlers zum Reichskanzler in Deutschland, auch Kampagnen, Fackelzüge, Spendenaktionen und Events aller Art verhalfen der ab 1934 in Österreich verbotenen Partei zu diesem Ergebnis. Neun Mandatare, darunter der spätere Innsbrucker Bürgermeister Egon Denz und Gauleiter Franz Hofer, zogen in den Gemeinderat ein.
Als der Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 erfolgte, kam es in Innsbruck zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Über 1800 Innsbrucker waren Mitglied der SA, die ihr Quartier in der Bürgerstraße 10 hatte. Bereits im Vorfeld des Einmarsches war es immer wieder zu Aufmärschen und Kundgebungen der Nationalsozialisten gekommen, nachdem das Verbot der Partei aufgehoben worden war. Noch bevor Bundeskanzler Schuschnigg seine letzte Rede an das Volk vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten mit den Worten „God bless Austria“ am 11. März 1938 geschlossen hatte, rotteten sich bereits die Nationalsozialisten in der Innenstadt zusammen um den Einmarsch der deutschen Truppen vorzufeiern. Die Polizei war dem Aufruhr der organisierten Manifestationen teils gewogen, teils stand sie dem Treiben machtlos gegenüber. Landhaus und Maria-Theresien-Straße wurden zwar abgeriegelt und mit Maschinengewehrständen gesichert, an ein Durchgreifen seitens der Exekutive war aber nicht zu denken. „One people - one empire - one leader“ und das Horst-Wessel-Lied hallten durch die Stadt. Die Bedrohung des deutschen Militärs und der Aufmarsch von SA-Truppen beseitigten die letzten Zweifel. Mehr und mehr schloss sich die begeisterte Bevölkerung an. Am Tiroler Landhaus, damals noch in der Maria-Theresienstraße, sowie im provisorischen Hauptquartier der Nationalsozialisten im Gasthaus Old Innsprugg, wurde die Hakenkreuzfahne gehisst. Der Putsch, samt Festnahme amtsbekannter Unruhestifter und offiziellem Wechsel politischer Amtsträger geschah über Nacht. Am 12. März empfingen Tausende Innsbrucker das deutsche Militär frenetisch. Um die demonstrative Gastfreundschaft gegenüber den Nationalsozialisten sicherzustellen, ließ der neue Bürgermeister Egon Denz jedem Arbeiter einen Wochenlohn auszahlen. Am 5. April besuchte Adolf Hitler persönlich Innsbruck, um sich von einer euphorischen Menschenmenge als heilsversprechender Führer feiern zu lassen. Auf der Nordkette wurden Bergfeuer in Hakenkreuzform entzündet. Die Volksbefragung am 10. April ergab eine Zustimmung von über 99% zum Anschluss Österreichs an Deutschland. Die Menschen waren nach der wirtschaftlichen Not der Zwischenkriegszeit, der Wirtschaftskrise und den Regierungen unter Dollfuß und Schuschnigg müde und wollten Veränderung. Welche Art von Veränderung, war im ersten Moment weniger wichtig als die Veränderung an und für sich. Wehrmacht und Industrie boten jungen Menschen eine Perspektive, auch denen, die mit der Ideologie des Nationalsozialismus an und für sich wenig anfangen konnten. Die Arbeitslosenquote sank nach dem Anschluss tatsächlich rapide von knapp 25 auf unter drei Prozent. Dass es immer wieder zu Gewaltausbrüchen kam, war für die Zwischenkriegszeit in Österreich ohnehin nicht unüblich. Anders als heute war Demokratie nichts, woran sich jemand in der kurzen, von politischen Extremen geprägten Zeit zwischen der Monarchie 1918 bis zur Ausschaltung des Parlaments unter Dollfuß 1933 hätte gewöhnen können. Was faktisch nicht in den Köpfen der Bevölkerung existiert, muss man nicht abschaffen.
Tirol und Vorarlberg wurden in einem Reichsgau zusammengefasst mit Innsbruck als Hauptstadt. Auch wenn der Nationalsozialismus von einem guten Teil der Bevölkerung mit der Zeit immer skeptischer gesehen wurde, gab es kaum organisierten oder gar bewaffneten Widerstand, dazu waren der katholische Widerstand OE5 und die Linke in Tirol nicht stark genug. Unorganisiertes subversives Verhalten der Bevölkerung, vor allem in den Landgemeinden rund um Innsbruck gab es vereinzelt. Zu allumfassend dominierte der Machtapparat den Alltag der Menschen. Viele Arbeitsstellen und sonstige Annehmlichkeiten des Lebens waren an eine zumindest äußerlich parteitreue Gesinnung gebunden. Eine Inhaftierung blieb dem größten Teil der Bevölkerung zwar erspart, die Angst davor war aber allgegenwärtig. Das Regime unter Hofer und Gestapochef Werner Hilliges leistete ganze Arbeit bei der Unterdrückung. Regimegegner Nummer eins war der Klerus, die katholische Kirche wurde deshalb auf allen Ebenen bekämpft. Katholische Schulen wurden umfunktioniert, Jugendorganisationen und Vereine verboten, Klöster geschlossen, der Religionsunterricht abgeschafft und eine Kirchensteuer eingeführt. Besonders hartnäckige Pfarrer wie Otto Neururer wurden in Konzentrationslager gebracht. Auch Lokalpolitiker wie die späteren Innsbrucker Bürgermeister Franz Greiter und Anton Melzer, der im Ersten Weltkrieg für Gott, Kaiser und Vaterland einen Arm verloren hatte, mussten flüchten oder wurden verhaftet. Gewalt und die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung, dem Klerus, politisch Verdächtigen, Zivilpersonen und Kriegsgefangenen auch nur überblicksmäßig zusammenzufassen würde den Rahmen sprengen. In der Klinik Innsbruck wurden Behinderte und vom System als nicht genehm empfundene Menschen wie Homosexuelle zwangssterilisiert. 1941 wurde in der Rossau in der Nähe des Bauhofs Innsbruck das Arbeitslager Reichenau errichtet. Etwa 120 Personen fanden in diesem Barackenlager den Tod durch Krankheit, die schlechten Bedingungen, Arbeitsunfälle oder Hinrichtungen. Die meist jüdischen, russischen oder italienischen Zwangsarbeiter wurden in den Messerschmitt Werken in Kematen und auf den vielen Baustellen wie der Errichtung der South Tyrolean settlements oder der Stollen zum Schutz vor den Luftangriffen im Süden Innsbrucks eingesetzt. Die Erinnerungsorte an die Zeit des Nationalsozialismus sind rar gesät. Das auffälligste Denkmal ist wohl das Tiroler Landhaus mit dem Befreiungsdenkmal. An der Alten Universität in der Herrengasse prangt eine Bronzetafel, die daran erinnert, dass die Gestapo hier einst ihr Hauptquartier hatte, wo Verdächtige unter Folter verhört, schwer misshandelt und teils mit Fäusten zu Tode geprügelt wurden. Der Vorplatz der Universität und eine kleine Säule am südlichen Eingang der Klinik wurden ebenfalls im Gedenken an das wohl dunkelste Kapitel Österreichs Geschichte gestaltet. In der Rossau wurde ein Gedenkort an das Arbeitslager Reichenau errichtet.
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