Innsbruck als Teil des Imperium Romanum

Meilenstein Via Raetia Innsbruck
Innsbruck als Teil des Imperium Romanum

Im Jahr 15 vor der Zeitenwende erreichten die Feldherren Tiberius und Drusus, beide Stiefsöhnen des Kaisers Augustus, mit ihren Heeren den nördlichen Alpenraum. Während der moderne Italiener von heute wegen den Christkindlmärkten im Winter und den erträglicheren Temperaturen im Sommer nach Tirol kommt, war es damals das Machtstreben der aufstrebenden Supermacht, der die Legionäre die Sandalen schnüren ließ. Drusus zog von Verona nach Trient und anschließend der Etsch entlang über den Brenner ins Gebiet des heutigen Innsbrucks. Aus strategischer Sicht der Römer war die Eroberung überfällig. Die römischen Truppen in Gallien im Westen und Illyrien an der Adria im Osten sollten verbunden, Einfälle barbarischer Völker in oberitalienische Siedlungen verhindert und Wege für Handel, Reisende und Militär ausgebaut und gesichert werden. Anders als gerne dargestellt war das Land im Gebirge keine Terra inkognita für die Römer. Das Inntal war nicht erst mit der Klimaerwärmung, die als Römisches Optimum in die Geschichte einging zur bewohnten Zone geworden. Handel und kultureller Austausch über bis hinab nach Mittelitalien lassen sich über Funde belegen. Teils mehrgeschossige Häuser mit Steinfundamenten gruppiert in Haufendörfern, ähnliche Sprachidiome, Brandopferplätze wie der Goldbühel in Igls, und Keramikfunde deuten auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund mit den Etruskern hin. Funde lassen auf wirtschaftlichen Austausch der Ethnien und Verbände zwischen Vorarlberg, dem Gardasee und Istrien schließen, auch wenn die Römer die militärisch unterlegenen Älpler gerne als wilde Barbaren darstellten. Die besiegten Völker nördlich des Alpenhauptkammes wurden von griechischen und römischen Schriftstellern mit dem recht diffusen Sammelbegriff „Raeter“ tituliert. Heute versteht die Forschung unter dem Begriff Raeter die Einwohner Tirols, des unteren Engadin und des Trentino, dem Gebiet der Fritzens-Sanzeno Kultur, benannt nach ihren großen archäologischen Fundorten. Dem Stamm im Gebiet des heutigen Innsbruck gaben die neuen Machthaber den Namen Breonen. Die Siedlungen der breonischen Bevölkerung befanden sich in Mittelgebirgslagen und auf den höher gelegenen Schuttkegeln wie Amras und Wilten etwas oberhalb des Inntals, das Schwemm- und Sumpfgebiet war. Ob die Römer die Siedlungen und Kultplätze zwischen Zirl und Wattens während ihres Eroberungsfeldzuges zerstörten, ist unklar. Der Brandopferplatz am Goldbühel in Igls wurde nach dem Jahr 15 mit Sicherheit nicht mehr genutzt. Auch über den Umgang mit den Eroberten sind keine präzisen Quellen vorhanden.

Dem römischen Militär folgten das römische Verwaltungswesen und das Rechtsystem. Bereits unter Augustus` Nachfolger Tiberius wurde eine Administration ausgerollt und das neue Territorium ins Staatswesen integriert. Das heutige Tirol wurde am Fluss Ziller geteilt. Das Gebiet östlich des Ziller wurde Teil der Provinz Noricum, Innsbruck wurde ein Teil der Provinz Raetia et Vindelicia. Sie reichte von der heutigen Innerschweiz mit dem Gotthardmassiv im Westen bis zum Alpenvorland nördlich des Bodensees, dem Brenner im Süden und eben dem Fluss Ziller im Osten. Der Ziller als Grenze hat im kirchenrechtlichen Sinn bei der Einteilung Tirols bis heute Bestand. Das Gebiet östlich des Ziller gehört zum Bistum Salzburg, während Tirol westlich vom Ziller zum Bistum Innsbruck zählt. Es dauerte vielleicht gar nicht lange, bis sich die Barbaren von einst an die römische Kultur assimilierten. Die Römer hatten zwar nicht Kaugummi, Schallplatten und Seidenstrumpfhosen für ihre neuen Untertanen im Gepäck wie es knapp 2000 Jahre später der Fall sein solllte, der Lifestyle der Römer brachte aber mit Sicherheit neue Möglichkeiten mit sich. Der Verkehrsweg zwischen dem heutigen Seefelder Sattel und dem Brennerpass existierte bereits seit Jahrhunderten, war aber weder für den Handel noch für den Truppentransport geeignet. Im 3. Jahrhundert nach der Zeitenwende wurde die Brennerroute zur via publica ausgebaut. Etwas über fünf Meter breit verlief sie vom Brenner bis zur Ferrariwiese oberhalb Wiltens über den Berg Isel bis zum heutigen Gasthaus Haymon, wo das römische Militärlager Veldidena stand. Als Via Raetia machte die Straße der Via Claudia Augusta, die über den Reschen- und Fernpass Italien und Bayern verband, Konkurrenz. Für schlecht ausgestattete Handelszüge war sie in Teilen zu steil, um zur Hauptroute zu werden, über das Straßennetz war Veldidena aber nun in einen Wirtschafts- und Ideenraum von Großbritannien über das Baltikum bis Nordafrika eingebunden. Im Abstand von 20 bis 40 km Entfernung gab es Raststationen mit Unterkünften, Restauration und Ställen. In Sterzing, am Brenner, in Matrei und Innsbruck entstanden bei diesen römischen Mansiones Dörfer, in denen sich die römische Kultur zu etablieren begann. Die Bevölkerung begann die Gegebenheiten der Durchzugs- und Versorgungsland für sich zu nutzen. Entlang der Handelsroute entwickelten sich Schmieden als eine erste Form der Metallverarbeitungsindustrie sowie Tavernen und Herbergen. Mit einem kaiserlichen Erlass des Jahres 212 wurden die breonischen Untertanen zu römischen Vollbürgern mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten. Über den Militärdienst im römischen Heer konnten Menschen sozial aufsteigen. Nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion des Imperium Romanum geworden war, wurde auch der Tiroler Raum vom Bistum Brixen aus missioniert. Zu dieser Zeit waren Kulturleistungen wie das kaiserliche Münzwesen, Glas- und Ziegelproduktion, die lateinische Sprache, Badhäuser, Thermen, Schulen und Wein schon längst zum Standard geworden. Es gab zwar wahrscheinlich keine Breonische Volksfront, das Zitat aus Life of Brian könnte so aber wohl auch im vorchristlichen Innsbruck gefallen sein:

„Mal abgesehen von der Medizin, den sanitären Einrichtungen, dem Schulwesen, Wein, der öffentlichen Ordnung, der Bewässerung, Straßen, der Wasseraufbereitung und der allgemeinen Krankenkassen, was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan?“

Im Stadtbild ist vom römischen Innsbruck kaum noch etwas vorhanden. Ausstellungsstücke sind im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum zu bewundern. In verschiedenen Ausgrabungsprojekten wurden rund um das heutige Stift Wilten Grabstätten und Überreste wie Mauern, Münzen, Ziegel und Alltagsgegenstände aus der römischen Zeit in Innsbruck gefunden. Der Kern des Leuthauses neben dem Stift geht auf die Römerzeit zurück. Einen der römischen Meilensteine der ehemaligen Hauptverkehrsader über den Brenner kann man in der Wiesengasse in der Nähe des Tivolistadions besichtigen. Noch weniger ist von den Breonen erhalten. In der Nähe des Lanser Sees kann man Überreste von raetischen Häusern erkunden, etwas unterhalb des Berg Isels empfängt die ehemalige Kultstätte Goldbühel interessierte Besucher.

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