Operation Greenup – Innsbrooklyns (Wieder)Geburt

Landhausplatz mit Franzosendenkmal
Operation Greenup - Innsbrooklyns Wiedergeburt

Nach kleineren Gefechten im Außerfern und an der Porta Claudia in Scharnitz bei Seefeld stand die Cactus-Division der US-Streitkräfte am 3. Mai 1945 in Zirl vor den Toren der Gauhauptstadt Innsbrucks. Einige Widerstandskämpfer der Gruppe O5 um Fritz Molden und den späteren Tiroler Landeshauptmann Karl Gruber hatten in Innsbruck Kasernen und offizielle Einrichtungen besetzt, nachdem Gauleitung, Gestapo und SS sich aus dem Staub gemacht hatten. Trotzdem wussten die amerikanischen Truppen nicht, was sie in Innsbruck erwarten würde, hatte doch Adolf Hitler Tirol zum Teil der Alpenfestung erklärt, dem Rückzugsort, der bis zum letzten Mann verteidigt werden sollte. Wäre Innsbruck zum Gefechtsort geworden, wie es in vielen Städten der Fall gewesen war, hätte das die Zerstörung der Stadt zur Folge gehabt. Dass es nicht so weit kam und Innsbruck kampflos übergeben wurde verdanken wir einer Handvoll mutiger Frauen und Männer, die im Rahmen der US-Spionageaktion Operation Greenup die Weichen für die friedliche Kapitulation legten. Die Hauptdarsteller dieses filmreifen Coups waren Friedrich „Fred“ Mayer (1921 – 2016), Hans Wijnberg (1922 – 2011), Franz Weber (1920 – 2001) und Anna Niederkircher (1895 – 1968). Mayer und Wijnberg waren mit ihren Familien als Juden auf der Flucht aus Europa vor dem Nationalsozialismus in New York gelandet. Sie hatten sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und waren dank ihres europäischen Hintergrundes und ihrer Sprachkenntnisse beim OSS, dem militärischen US-Geheimdienst, gelandet. Weber war als Deserteur der Wehrmacht in einem Gefangenenlager in Süditalien gestrandet. Der überzeugte Katholik wollte nach seinen Kriegserfahrungen dabei helfen, das Nazi-Regime in seiner Tiroler Heimat zu stürzen. Dort wurde auch er vom OSS angeheuert. Gemeinsam sollten sie von Innsbruck aus die Versorgungslinie über den Brenner sowie kriegsrelevante Infrastruktur und Industrie wie die Messeschmitt-Werke in Kematen ausspionieren.

Am 26. Februar sprangen die drei Männer samt Ausrüstung mit Fallschirmen aus einem Flugzeug über den hochwinterlichen Ötztaler Alpen ab. Per Schlitten und öffentlichen Verkehrsmitteln schlugen sie sich mitten im Feindesland nach Oberperfuß, dem Heimatdorf Franz Webers, durch. Im katholischen und regimekritisch eingestellten Dorf fanden sie Unterstützung. Webers Schwestern Eva, Margarete und Luise, seine Nachbarin Maria Hörtnagl, vor allem aber seine Verlobte Anni Niederkircher und deren Mutter Anna, die Wirtin des Gasthofs zur Krone, übernahmen bei Versorgung, Tarnung und Unterkunft Rollen von unschätzbarem Wert. Franz Weber war der Local Guide der Gruppe. Fred Mayer mischte sich in Oberperfuß, Innsbruck und Kematen unter verschiedenen Identitäten unter die Bevölkerung. Seine Coups, sich als Wehrmachtssoldate ins Offizierskasino oder als französischer Zwangsarbeiter in die Messerschmittwerke zu schleichen, wirken wie Zutaten eines Agentenfilms. Er knüpfte Verbindungen mit anderen Widerstandsgruppen und sammelte Informationen. Webers Schwestern in Innsbruck beherbergten ihn und versorgten ihn mit allem Möglichem wie gefälschten Papieren oder einer gestohlenen Wehrmachtsuniform. Anni Niederkircher war das Verbindungselement zwischen Oberperfuß und Innsbruck. Hans Wijnberg hielt als Funker die Kommunikation mit dem Stützpunkt der US-Streitkräfte in Bari aufrecht. Alle Beteiligten wussten, würde ihre riskante Operation auffliegen, wären sie dem Tod geweiht. Im April, wenige Tage vor dem Kriegsende, trat dieses Worst Case Scenario ein. Robert Moser, der Radiohändler und Widerständler, der Fred Mayer in seinem Geschäft als Tarnung angestellt hatte, flog auf. Im Gestapo-Hauptquartier in der Innsbrucker Herrengasse wurde er verhört, gefoltert und schließlich zu Tode gepeitscht und geprügelt. Am 20. April wurde auch Fred Mayer festgenommen. Er hielt aber trotz Prügel und Folter stand, mehr noch: Nachdem er sich als Angehöriger des US-Geheimdienstes zu erkennen gegeben hatte, konnte er in Verhandlungen mit Gauleiter Hofer erwirken, dass Innsbruck kampflos als freie Stadt übergeben wird. Gegen die Versicherung Mayers, als Kriegsgefangener behandelt zu werden, gab Hofer am 2. Mai in einer Radioansprache an die Bevölkerung Order, von jeglicher Kampfhandlung abzusehen. Am 3. Mai um 14 Uhr erreichte der von der Behandlung durch die Gestapo noch gezeichnete Fred Mayer die US-Truppen bei Zirl mit dieser Meldung. Wenige Stunden später trat der Waffenstillstand in Kraft. Die Fahrzeuge und Soldaten konnten ohne weiteres Blutvergießen und Zerstörung in die Stadt einrücken.

Die Erinnerung an die Operation Greenup und das heldenhafte Handeln aller Beteiligten unter höchster Gefahr blieb lange Zeit zu Gunsten der Erzählung der Selbstbefreiung durch die tapfere Tiroler Bevölkerung ohne Erinnerung. Erst 2010 wurde Fred Mayer, der mit dem Purple Heart den höchsten Tapferkeitsorden des US-Militärs erhalten hatte, mit fast 90 Jahren vom Land Tirol spät, aber doch geehrt. Hans Wijnberg erhielt zehn Jahre nach seinem Tod eine Verdienstmedaille der Stadt Innsbruck. Franz Weber, der nach dem Krieg in Land- und Nationalrat als Abgeordneter tätig war, erhielt das Ehrenzeichen des Landes Tirol und das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich. An den zu Tode gefolterten Robert Moser erinnert eine schwer auffindbare Bronzetafel am ehemaligen Hauptquartier der Gestapo in der Herrengasse. Am Haus Anichstraße 19, in dem Mayer während seines Aufenthalts in Innsbruck untergekommen war, befindet sich eine kleine Infotafel. Erst mit dem Erscheinen des packenden Buches „Codename Brooklyn“ von Peter Pirker, das viel internationale Aufmerksamkeit erhielt, wurde diese vielleicht beeindruckendste Episode der Innsbrucker Geschichte einem breiten Publikum bekannt. Ein Vermächtnis verdankt Innsbruck aber vielleicht den Funksprüchen Wijnbergs: Sein Codename für die Stadt lautete nach dem New Yorker Stadtteil, in dem Mayer und er sich lange aufhielten, Brooklyn. Innsbruck war nach dem Nationalsozialismus als Innsbrooklyn wiedergeboren.

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