Die Wallschen und die Fatti di Innsbruck

Innsbrucker Nachrichten 4. November 1904
Die Wallschen und die Fatti di Innsbruck

Vorurteile und Rassismus gegenüber Zuwanderern waren und sind in Innsbruck wie in allen Gesellschaften gängige Praxis. Egal ob syrische Flüchtlinge seit 2015 oder türkische Gastarbeiter in den 1970er und 80er Jahren, das Fremde erzeugt meist wenig wohl gesonnene Gefühle im durchschnittlichen Tiroler. Heute mögen Italien das liebste Reiseziel der Innsbrucker und Pizzerien Teil des gastronomischen Alltags sein, lange Zeit waren unsere südlichen Nachbarn die am argwöhnischsten beäugte Bevölkerungsgruppe. Was um 1900 dem Wiener seine Juden und Ziegelböhmen waren, waren dem Tiroler die Wall´schen. Die Abneigung gegenüber Italienern kann in Innsbruck auf eine lange Tradition zurückblicken. Italien als eigenständigen Staat gab es zwar nicht, viele kleine Grafschaften, Stadtstaaten und Fürstentümer zwischen dem Gardasee und Sizilien prägten die politische Landschaft. Auch sprachlich und kulturell unterschieden sich die einzelnen Regionen. Trotzdem begann man im Laufe der Zeit, sich als Italiener zu verstehen und wurde im Ausland auch als Italiener wahrgenommen. Die meisten, mit denen Innsbrucker zu tun hatten, entstammten der Upper Class, was automatisch eine gewisse Abneigung erzeugte. Während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit waren sie als Mitglieder der Beamtenschaft, des Hofstaates Bankiers, Großhändler oder Gattinnen diverser Landesfürsten in Innsbruck ansässig. Die Abneigung zwischen Italienern und Deutschen war gegenseitig. Die einen galten den anderen wahlweise als ehrlos, unzuverlässig, hochnäsig, eitel, moralisch verdorben und faul, die anderen als unzivilisiert, barbarisch, ungebildet und Schweine.

Mit den Kriegen zwischen 1848 und 1866 erreichte der Hass auf alles Italienische ein neues Hoch im Heiligen Land Tirol, obwohl viele Wallsche in der k.u.k. Armee dienten und auch die Landbevölkerung größtenteils unter den italienischsprachigen Tirolern loyal zur Monarchie stand. Die Italiener, besonders die Truppen Garibaldis, galten als gottlose Aufrührer und Republikaner und wurden von den Kirchkanzeln zwischen Kufstein und Riva del Garda sowohl auf Italienisch wie auch auf Deutsch gegeißelt. Eine große Rolle im Konflikt spielte die Tiroler Presselandschaft. Nach der Liberalisierung des Pressewesens 1867 erreichten die Zeitungen neue Dimensionen in der Reichweite. Was heute Social Media zur gesellschaftlichen Spaltung beiträgt, übernahmen damals Zeitungen. Konservative, Katholiken, Großdeutsche, Liberale und Sozialisten hatten jeweils ihre eigenen Presseorgane. Treue Leser dieser wenig neutralen Blätter lebten in ihren Meinungsblasen. Die Innsbrucker Nachrichten, mit etwa 15.000 Stück Auflage, waren das reichweitenstärkste Medium Tirols der Jahrhundertwende. Sie hatte zwar keine explizite politische Ausrichtung, galt aber als großdeutsch-liberal gesinnt. Auf italienischer Seite ragte der im Krieg vom österreichischen Militär wegen Hochverrats am Würgegalgen hingerichtete Cesare Battisti (1875 – 1916) heraus. Der Publizist und Politiker aus Trient hatte in Wien an der deutschsprachigen Universität zu studieren begonnen, war anschließend aber an die Universität in Florenz gewechselt. Mit spitzer Feder befeuerte er in den beiden italienischen Zeitungen Il Popolo und L´Avvenire immer wieder mit spitzer Feder den Konflikt der Nationalitäten innerhalb der Landesgrenzen. Er galt dank seiner Mischung aus sozialistischer Gesinnung und italienischem Patriotismus vielen Tirolern als Staatsfeind und Verräter Nummer 1.

Auch Vereine spielten bei der Verhärtung der Fronten eine tragende Rolle. 1867 war nicht nur das Pressegesetz, sondern auch das Vereinswesen liberalisiert worden. Das löste einen regelrechten Boom an Neugründungen aus. Sportvereine, Turnerschaften, Theatergruppen, Schützen oder die Innsbrucker Liedertafel dienten häufig nicht nur der Zerstreuung, sondern waren politische Vorfeldorganisationen. Die Vereinsmitglieder trafen sich in eigenen Lokalen und veranstalteten regelmäßig Vereinsabende, vielfach auch öffentlich. Besonders politisch aktiv und extremistisch in ihren Meinungen waren die Studentenverbindungen. Die jungen Männer, die sich hier tummelten, entstammten dem gehobenen Bürgertum oder der Aristokratie und waren sowohl gewohnt anzuschaffen als auch Waffen zu tragen. Ein Drittel der Studenten in Innsbruck war in einer Verbindung, davon war knapp die Hälfte deutschnational orientiert. Anders als heute war es nicht ungewöhnlich, dass sie sich in voller Wichs in ihrer Couleur, also der Uniform samt Säbel, Barett und Band in der Öffentlichkeit zeigten, nicht selten auch mit Stock und Revolver bewaffnet. Ihnen gegenüber standen die nicht nur zahlenmäßig, sondern auch organisatorisch unterlegenen italienischsprachigen Studenten. Durch den Verlust Paduas hatten italienischstämmige Tiroler keine Möglichkeit mehr, das Studium in ihrer Muttersprache im Inland zu absolvieren, viele von ihnen orientierten sich deshalb nach Innsbruck, wo sie auf wenig Gegenliebe stießen. Einer der größten politischen Streitpunkte zwischen italienisch- und deutschsprachigen Studenten war die Eröffnung einer italienischen Universität. Die Diskussion, ob man eine Universität in Triest, der bevorzugte Ort der italienischsprachigen Vertreter, Innsbruck, Trient oder Rovereto anvisieren sollte, entspann sich über Jahre hinweg. Obwohl ein Besuch der Hochschule eigentlich nur eine Angelegenheit einer kleinen Elite war, konnten irredentistische, anti-österreichisch gesinnte Tiroler Abgeordnete aus dem Trentino das Thema als Symbol für die angestrebte Autonomie immer wieder emotional aufladen, waren doch seit 1867 von Gesetz wegen alle Sprachgruppen innerhalb der Monarchie gleich zu behandeln. Deutschnationalistische Politiker wie der Innsbrucker Bürgermeister Wilhelm Greil, der für sein inkorrektes Verhalten gegenüber der italienischen Bevölkerung vom k.k. Statthalter Tirols mehrmals ermahnt wurde, nutzten die Emotionen rund um das Thema, um mit einer drohenden Überfremdung Stimmung zu machen. Zu den ethnischen und rassistischen Ressentiments gegenüber den südländischen Nachbarn kam besonders bei Konservativen auch die Angst vor Figuren wie Cesare Battisti hinzu, der als Sozialist ohnehin das leibhaftig Böse verkörperte.

Wie groß die Gefahr einer Italianisierung Innsbrucks durch Trentiner Studenten tatsächlich war, zeigen demographische Daten. Fakten wurden auch damals im Diskurs oft durch Bauchgefühl und rassistisch motivierten Populismus ersetzt. Nach der Eingemeindung Pradls und Wiltens 1904 hatte Innsbruck etwas über 50.000 Einwohner. Der Anteil der Studenten lag mit etwas über 1000 bei unter 2%. Von den etwa 3000 italienischstämmigen, die meisten davon Welschtiroler aus dem Trentino, waren nur etwas über 100 an der Universität inskribiert. Den Großteil der Wallschen machten Arbeiter, Wirte, Händler und Soldaten aus. Viele lebten schon lange in und rund um Innsbruck. Im etwas günstigeren Wilten war so etwas wie ein Little Italy entstanden. Anton Gutmann vertrieb in seiner Kellerei-Genossenschaft Riva in der Leopoldstraße 30 italienische Weine, gegenüber konnte man im Gasthaus Steneck gut und günstig essen. Der Großteil der Zuwanderer sprach als Untertanen der Monarchie ausgezeichnet Deutsch, nur ein kleiner Teil kam aus Dalmatien oder Triest und war tatsächlich fremdsprachig. Die Unterschiede waren soziokultureller Natur. Es gab eigene Vereine wie den Club Ciclistico und die Unione Ginnastica, sozialistisch orientierte Arbeiter- und Konsumorganisationen, Musikvereine und Studentenverbindungen.

Obwohl auch unter den Italienern die Studenten nur einen geringen Teil ausmachten, wurde ihnen und der Forderung nach einem Institut mit italienisch als Prüfungs- und Unterrichtssprache überdurchschnittliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. Nach einigem Hin und Her wurde im September 1904 beschlossen, eine provisorische rechtswissenschaftliche Fakultät in Innsbruck zu gründen. Das sollte die Studenten trennen, ohne eine der Gruppen zu vergrämen. Von Anfang an stand das Projekt aber unter keinem guten Stern. Niemand wollte der Universität die nötigen Räumlichkeiten vermieten. Schließlich stellte der geschäftstüchtige Baumeister Anton Fritz eine Wohnung in einem seiner Mietzinshäuser in der Liebeneggstraße 8 zur Verfügung. Bei der Antrittsvorlesung und der feierlichen Abendveranstaltung im Gasthaus zum Weißen Kreuz am 3. November waren Promis wie Battisti oder der spätere italienische Ministerpräsident Alcide de Gasperi anwesend. Je später der Abend desto ausgelassener die Stimmung. Als Schmährufe wie „Porchi tedeschi“ und „Abbasso Austria“ (Anm.: Deutsche Schweine und Nieder mit Österreich) fielen, eskalierte die Situation. Eine mit Stöcken, Messern und Revolvern bewaffnete Meute deutschsprachiger Studenten belagerte das Weiße Kreuz, in dem sich die ebenfalls zu einem großen Teil bewaffneten Italiener verschanzten. Ein Trupp Kaiserjäger konnte den ersten Tumult erfolgreich auflösen, einige der Italiener wurden inhaftiert. Dabei wurde der Kunstmaler August Pezzey (1875 – 1904) durch einen Stich mit dem Bajonett irrtümlich von einem übertrieben nervösen Soldaten tödlich verwundet.

Die Innsbrucker Nachrichten erschienen nach den nächtlichen Aktivitäten am 4. November unter der Headline: „Deutsches Blut geflossen!“. Der anwesende Redakteur berichtete von 100 bis 200 Revolverschüssen, die von den Italienern auf die „Schar von deutschen Studenten“ abgegeben wurden und dem Tod Pezzeys. Die Nachricht über das Geschehene löste einen Sturm an Racheakten und Gewalttaten aus. Zu den politisch Motivierten gesellten sich, wie bei jedem Aufruhr, Schaulustige und Randalierer, die Spaß daran hatten, in der Anonymität der Masse über die Stränge zu schlagen, ohne eine echte politische Überzeugung zu haben. Während die in Haft genommenen Italiener in der dadurch heillos überfüllten Strafanstalt der Stadt das martialische Lied Inno di Garibaldi anstimmten, kam es in der Stadt zu schweren Ausschreitungen gegen italienische Lokale und Betriebe. Die Räumlichkeiten des Gasthauses zum Weißen Kreuz wurden in monarchietreuer Manier bis auf ein Porträt Kaiser Franz Josefs vollkommen verwüstet. Randalierer bewarfen den Wohnsitz des ohnehin unbeliebten Statthalters im Palais Trapp mit Steinen, da seine Frau italienische Wurzeln hatte. Das von Anton Fritz der Universität zur Verfügung gestellte Gebäude in der Liebeneggstraße wurde ebenso zerstört wie sein privater Wohnsitz.

Als sich der erste Wirbel wieder gelegt hatte, begann rasch eine Mythenbildung rund um das Geschehene. Der in den Wirren zu Tode gekommene, aus einer Ladiner Familie stammende August Pezzey, wurde in einem nationalen Rausch von Politikern und der Presse zum „Deutschen Helden“ erklärt. Er erhielt am Innsbrucker Westfriedhof ein Ehrengrab. Bei seinem Begräbnis mit Tausenden Trauernden, verlas Bürgermeister Greil eine pathetische Rede:

„…Ein herrlich schöner Tod war Dir beschieden auf dem Felde der Ehre für das deutsche Volk… Im Kampfe gegen freche welsche Gewalttaten hast Du Dein Leben ausgehaucht als Märtyrer für die deutsche Sache…“

Berichte von den Fatti di Innsbruck schafften es in die internationale Presse und trugen entscheidend zum Rücktritt des österreichischen Ministerpräsidenten Ernest von Koerber bei. Je nach Medium wurden die Italiener als ehrlose Banditen oder mutige Nationalhelden, die Österreicher als pangermanistische Barbaren oder Bollwerk gegen das Wallsche gesehen. Am 17. November, nur zwei Wochen nach der feierlichen Eröffnung, wurde die italienische Fakultät in Innsbruck wieder aufgelöst. Eine eigene Universität blieb der Sprachgruppe innerhalb Österreich-Ungarns bis zum Ende der Monarchie 1918 verwehrt. Die lange Tradition, Italiener als ehrlos und faul zu betrachten, wurde durch den Kriegseintritt Italiens 1915 an der Seite Frankreichs und Englands noch mehr befeuert. Bis heute halten viele Tiroler die negativen Vorurteile gegenüber ihren südlichen Nachbarn mit großer Leidenschaft am Leben.

Deutsches Blut geflossen

Erschienen: Innsbrucker Nachrichten / 4. November 1904

Es war halb 11 Uhr nachts. Der Tag der Eröffnung der italienischen Rechtsfakultät in der Siebenengasse war ruhig zu Ende gegangen, und manche mochten wohl meinen, die Unruhen seien damit für allemal geschlichtet. Da scholl ein Warnruf durch die nächtlich stillen Straßen. Wer ihn ausstieß? Wer weiß es? Doch bald stellte es sich heraus, daß sich die Italiener im Gasthof zum „Weißen Kreuz“ versammelt hatten und Demonstrationen nicht abgeschlossen seien. Und bald hatte sich nun vor genanntem Gasthof eine Schar von deutschen Studenten versammelt, zugleich erschien aber auch ein starkes Polizeiaufgebot am Platze.

Die Italiener schießen mit Revolvern.

Als Vertreter der Gewalt vor Ort war, vergeblich entwaffnend, zur Stelle herangekommen, da zunächst schien es auch, als ob die Italiener sich zu entfernen, anstandslos durchzuführen hätten. Aber schon trat es in der Tat zu Tage, daß von den im Gasthof „Weißen Kreuz“ versammelten Italienern plötzlich eine Schimpfwortsalve, und bald schon folgte darauf, daß auf der Stelle ein Handgemenge entstand. Die Polizei bot alles auf, die Streitenden zu trennen, doch es mußte Gewalt angewendet werden, und es entwickelte sich ein Ereignis, das blutig ausspielte. Auf offener Gasse kam es zu einer blutigen Katastrophe. Italiener schossen wild um sich und einer der deutschen Studenten blieb blutend am Boden. Zwei Kugeln trafen ihn in den Arm, eine in den Hals. Blut floß. Schüsse krachten. Weitere Deutsche wurden schwer verletzt, Schuß in beide Arme. Bahnbeamter Gruber verletzt, Schuß in die Untergegend. Physiker, deutscher Student aus Wien, am Kopfe verletzt. Außerdem erlitt noch ein deutscher Bahnbeamter einen Streifschuß ins Gesicht.

Die Revolverschlacht konnte schließlich erst durch Polizei gewaltsam unterdrückt werden. Bald 300 Italiener sich ansammelnd, bildeten die Verwundeten noch mit einem eigenen Sanitätsdetachement, denn auf deutscher Seite fiel ein Schwerverwundeter.

Deklaration des Gasthofes „Weißes Kreuz“.

Dafür brach auf der deutschen Seite eine ungeheure Wut gegen jene aus, welche die Gewalttaten verübten und unter dem Schutze der italienischen Demonstranten Polizei gegen ihre Brüder, die Italiener waffenmäßig deckend. Und aus dieser Parole heraus, welche zum Glück in der letzten Schreckensnacht herrschend geworden ist, kam es zu jener furchtbaren Katastrophe.

Unmittelbar wurde der Schuß der Deutschen immer mehr. An allen Ecken, in allen Gassen die furchtbarsten Drohungen. Italiener und deutsche Studenten waffenmäßig aufeinander. Was für eine furchtbare Nacht! Ein Meer von Blut, von Revolverschüssen durch die Straßen, und die schreckliche Erfahrung, daß mehrere deutsche Studenten auf offener Gasse blutüberströmt zu Boden stürzten. Einer mit Streifschuß ins Gesicht, ein anderer mit Schuß in die Brust, ein dritter mit Schuß in den Arm.

Schließlich griff die Gewalt der Polizei ein. Mit blanken Bajonetten drängte man die Italiener zurück in die Gassen. Unter furchtbarem Lärmen, wildem Geschrei, mit Schimpfworten und Drohungen auf den Lippen. Noch einmal krachten Schüsse, ein Italiener sank schwer getroffen. Schließlich löste sich die Menge auf.

Noch am Freitagmorgen.

Noch am Freitagmorgen waren die Straßen voll von Blutlachen, aus den Pflasterfugen quoll das Blut der Verwundeten, das nicht gestillt werden konnte.

Immer mehr trat es zu Tage, daß die Italiener eingedenk auf die Polizei schossen, und damit die ganze Schuld auf sich nahmen. Es ist unwidersprechlich, daß die Menge nur sich selbst verteidigen mußte, und daß so ein furchtbares Ereignis aus dem Verhalten der italienischen Studenten erwachsen ist.

Die Gelegenheit wurde ergriffen, das „Weiße Kreuz“ wegen des deutschen Blutes und der unleugbaren Rechtswidrigkeit zu sperren. Am Freitag wieder Umbauarbeiten. Bald stand das Gebäude in Flammen. Ein neuer „Befreiungsversuch“ war es.

Die Menge verlangte dieses, damit der Name „Weißes Kreuz“ aus der Stadt für immer verschwinden solle.

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