Innsbrucker Kulturkampf
Innsbrucker Kulturkampf
Medien und Politiker werden nicht müde auf die gesellschaftliche Spaltung und Polarisierung hinzuweisen, die das 21. Jahrhundert charakterisieren. Meist wird auch gleich der Schuldige dafür mitgeliefert: Social Media. Wie lange uns Spaltung und Polarisierung schon vor der Erfindung von Facebook, Twitter und Co begleitet haben, zeigt ein Blick ins späte 19. Jahrhundert. Das Parlament der späten K.u.K. Monarchie war, vereinfacht gesagt, geprägt von Christlich-Sozialen, Sozialdemokraten und liberal-nationalistischen Parteien der einzelnen Volksgruppen des Vielvölkerreichs. Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschnationale waren die Vorgänger der heutigen Parlamentsparteien SPÖ, ÖVP und FPÖ. Im Tiroler Landtag spielten die Sozialdemokraten keine Rolle, die katholisch-konservative Partei hatte schon an Einfluss verloren, bildete aber mit den reformkatholischen Christlich-Sozialen in Tirol einen Block. Der Innsbrucker Gemeinderat hingegen war dank des Zensuswahlrechts großdeutsch-liberal beherrscht. Der Konkurrenzkampf zwischen Liberalen, Konservativen und den durch das Wahlrecht benachteiligten Sozialdemokraten führte in Innsbruck zu einer hochexplosiven Stimmung. Wie in anderen Städten der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich blieb es bei diesem Kulturkampf allzu oft nicht bei verbalen Schlagabtauschen. Besonders erbittert wurde von Politikern, Intellektuellen und Journalisten um die Vorherrschaft an den Universitäten gestritten, wurden hier doch die Eliten von morgen ausgebildet. Der Streit stoppte aber nicht an den Hochschulen. Nach den Reformen im Pressewesen von 1867 erreichten Zeitungen neue Dimensionen in der Reichweite. Konservative, Katholiken, Großdeutsche, Liberale und Sozialdemokraten hatten jeweils ihre Hauszeitungen. Die Leser dieser Blätter lebten in ihren eigenen Meinungsblasen. Die polemischen Artikel trafen auf ein Publikum, das gewillt war, der eigenen Meinung mit Gewalt Nachdruck zu verleihen. Das Duellwesen war per Gesetz zwar verboten, wurde im Sinne des militärischen und aristokratischen Ehrbegriffs als Mittel der Satisfaktion aber bis ins 20. Jahrhundert geduldet und war gängige Praxis. Schlagende Burschenschaften übernahmen das Duell und führen diese Tradition als Ehrenduell, Mensur, bis heute fort. Auch sonst hatten die Verbindungen ihren Ursprung im Militär. An deutschen Hochschulen entstanden als Keimzellen des Nationalgedanken nach den Napoleonischen Kriegen erste Korps. Während sich konservative Untertanen bei den Schützen zu paramilitärischen Verbänden zusammenschloss, erfreuten sich diese Verbindungen unter Akademikern großer Beliebtheit. Wie andere Vereine bezogen auch sie immer stärker politisch Stellung. Dabei kristallisierten sich die beiden Gegensätze katholisch, konservativ, kaisertreu und liberal, großdeutsch, national heraus. Was heute als Widerspruch erscheint, liberal und national, war im 19. Jahrhundert ein politisch übliches Gedankenpaar. Der Pangermanismus war keine politische Besonderheit einer rechtsradikalen Minderheit. Wer als modern gelten wollte, betrachtete sich nicht als Untertan des althergebrachten Vielvölkerstaats der Habsburgermonarchie, sondern strebte nach der alldeutschen Nation. Ein militärisch und wirtschaftlich starker, nicht zwingend demokratischer, ethnisch möglichst uniformer Staat, der alle deutschsprachigen Länder nach preußischem Vorbild vereinte. In Innsbruck schlossen sich Studenten 1859 zu einem Korps zusammen, um Grenzdienst im Italienischen Unabhängigkeitskrieg zu leisten. Das Corps Rhaetia, die Chinisia und die Athesia waren die ersten Verbindungen an der Universität, die öffentlich auftraten. Wenig später fanden sich die katholischen Studenten unter der bis heute bestehenden akademischen Verbindung Austria zusammen. Ein Drittel der Studenten an der Innsbrucker Universität war um die Jahrhundertwende in einer Verbindung, einem Korps oder einer Burschenschaft. Anders als heute war es nicht ungewöhnlich, dass sie sich in voller Wichs in ihren Farben, der Uniform samt Säbel, Barett und Band in der Öffentlichkeit zeigten. Nicht selten waren sie auch mit Stock, Schlagring und Revolver bewaffnet. Die Hälfte der Verbindungen war deutschnational orientiert und trug vielsagende Namen wie Suevia oder Germania. Sie bezogen ihre Ideologie von der Los-von-Rom Bewegung des Deutschradikalen Georg Ritter von Schönerer (1842 – 1921), der selbst einige Male bei Veranstaltungen in Innsbruck zu Gast war. An den weltlichen Fakultäten war die Mehrheit der Professoren deutschnational orientiert. Auf die Gesamtbevölkerung der Stadt gesehen, die 1910 noch immer zu 96% katholisch war, handelte es sich dabei um eine Minderheit, dank ihres gesellschaftlichen Einflusses aber um eine sehr einflussreiche. In den 1880er Jahren, später als an anderen österreichischen Universitäten, machte sich in diesem Klima der rassistische Antisemitismus auch in Innsbruck breit, obwohl es kaum jüdische Studenten oder Professoren an der Leopold-Franzens-Universität gab. Mit dem Erstarken der radikalen Ablehnung von Monarchie und Klerus an der Universität eskalierte die Situation ab den 1890er Jahren endgültig. Provokationen und Meinungsverschiedenheiten unter Professoren schafften es in die Schlagzeilen und ins Parlament, Konflikte zwischen katholischen und deutschnationalen Studenten endeten nicht selten in Schlägereien.
Die Wahrmund-Affäre, die sich im frühen 20. Jahrhundert ausgehend von der Universität Innsbruck über die gesamte K.u.K. Monarchie ausbreitete, war nur eines von vielen Beispielen. Ludwig Wahrmund (1860 – 1932) war Ordinarius für Kirchenrecht an der Juridischen Fakultät der Universität Innsbruck. Wahrmund, vom Tiroler Landeshauptmann eigentlich dafür ausgewählt, um den Katholizismus an der als zu liberal eingestuften Innsbrucker Universität zu stärken, war Anhänger einer aufgeklärten Theologie. Im Gegensatz zu den konservativen Vertretern in Klerus und Politik sah er als Reformkatholik den Papst nur als spirituelles Oberhaupt, nicht aber als weltlich Instanz, an. Studenten sollten nach Wahrmunds Auffassung die Lücke und die Gegensätze zwischen Kirche und moderner Welt verringern, anstatt sie einzuzementieren. Bis 1906 war Wahrmund Teil der Leo-Gesellschaft, die die Förderung der Wissenschaft auf katholischer Basis zum Ziel hatte. In einer Wandlung vom gemäßigten Saulus zum liberalen Saulus wurde er zum Obmann der Innsbrucker Ortsgruppe des Vereins Freie Schule, der für eine komplette Entklerikalisierung des gesamten Bildungswesens eintrat. Vom Reformkatholiken wurde er zu einem Verfechter der kompletten Trennung von Kirche und Staat. Seine Vorlesungen, verstärkt durch die Medien, erregten immer wieder die Aufmerksamkeit der Obrigkeit. Konservative Politiker und Medien tobten ob seiner Anzweiflung der Unauflöslichkeit der Ehe, während ihm Liberale und seine Anhänger unter den Professoren und Studenten applaudierten. Die deutschnationalen Akademiker erhielten Unterstützung von Bürgermeister Greil und den ebenfalls antiklerikalen Sozialdemokraten, auf konservativer Seite sprang die Tiroler Landesregierung in die Bresche. Die Wahrmund Affäre schaffte es als Kulturkampfdebatte bis in den Reichsrat. Für Christlichsoziale war es ein „Kampf des freisinnigen Judentums gegen das Christentum“ in dem sich „Zionisten, deutsche Kulturkämpfer, tschechische und ruthenische Radikale“ in einer „internationalen Koalition“ als „freisinniger Ring des jüdischen Radikalismus und des radikalen Slawentums“ präsentierten. Wahrmund hingegen bezeichnete in der allgemein aufgeheizten Stimmung katholische Studenten als „Verräter und Parasiten“. Als Wahrmund 1908 eine seiner Reden, in der er die christliche Moral und die katholische Heiligenverehrung anzweifelte, in Druck bringen ließ, erhielt er eine Anzeige wegen Gotteslästerung. Nach weiteren teils gewalttätigen Versammlungen sowohl auf konservativer und antiklerikaler Seite, studentischen Ausschreitungen und Streiks musste kurzzeitig sogar der Universitätsbetrieb komplett eingestellt werden. Wahrmund wurde zuerst beurlaubt, später an die deutsche Universität Prag versetzt.
Im Februar 1910 spielten sich in Innsbruck bürgerkriegsähnliche Szenen ab, die als Breinößlschlacht Eingang in die Stadtgeschichte fanden. Die katholischen Verbindungen Tirolia, Raeto Bavaria und Leopoldina hatten ihr Vereinslokal im Gasthof Breinößl in der Maria-Theresien-Straße. Mitglieder des rivalisierenden Corps Gothia attackierten einige Studenten der Tirolia im Gasthof. Der Wirt Franz Hofer, Vater des späteren Gauleiters und selbst wohl deutschnational orientiert, rief die Polizei, um die katholischen Studenten aus seinem Lokal werfen zu lassen. Tags darauf kam es erneut zu Provokationen unter den Verbindungen, die in einer Massenschlägerei mit mehr als 100 Kombattanten. Studenten untereinander und herbeigerufene Polizisten lieferten sich eine Straßenschlacht, bei der mehrere Personen verletzt wurden. Die Innenräume des Gasthof Breinößl wurden verwüstet. Am nächsten Tag fand die Gewaltorgie mit einer Schlägerei mit 250 Beteiligten und der Zerstörung des Cafe Zentral und des benachbarten Akademikerhauses der katholischen Verbindung ein Ende. Der traurige Höhepunkt des Innsbrucker Kulturkampfes endete zwei Jahre später tödlich. Studenten der Verbindungen Raeto Bavaria und Austria waren in der Nacht des 4. November am Heimweg von einem Tanzabend, als sie von deutschnationalen Burschen angegriffen wurden. Bei der darauffolgenden Schlägerei vor dem Gasthof Breinößl in der Maria-Theresienstraße erlitt der Medizinstudent Max Ghezze (1889 – 1912) einen Schlag auf den Hinterkopf. Die Polizisten brachten den Bewusstlosen in die Ausnüchterungszelle, wo er Stunden später von seinen Kommilitonen gefunden wurde. Ghezze verstarb wenig später in der Innsbrucker Klinik, wohl auch wegen der Behandlung durch die Polizei. Die der Tat verdächtigten Mitglieder der Gothia wurden mangels Beweise wieder freigelassen. Proteste aus Cortina an die Statthalterei kritisierten die Stadtregierung und die Polizei und forderten sogar das reichsweit allgemeine Wahlrecht auch auf Gemeindeebene, das die Alleinregierung der Deutschen Volkspartei und die damit einhergehende Einflussnahme auf die Exekutive Wilhelm Greils im Stadtrat wohl beendet hätte.
Der Erste Weltkrieg brachte eine Verschnaufpause im Kampf um die ideologische Vormachtstellung an der Universität. Die Politik der 1920er und 30er Jahre mit den bürgerkriegsähnlichen Spannungen zwischen Christlich-Sozialen, Sozialdemokraten und Deutschnationalen, die zuerst im katholischen Ständestaat und dann im Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland endeten, hatte ihre Wurzeln im Kulturkampf. Aus den inkorporierten Studenten von einst waren Professoren, Anwälte, Historiker, Lehrer und Ärzte geworden. Ihrem jugendlichen politischen Extremismus hatten sie die Erfahrungen eines Weltkrieges, der Inflation und mehreren wirtschaftlichen und politischen Krisen hinzugefügt. Was blieb waren die autoritäre Obrigkeitshörigkeit, Gewaltbereitschaft und Antisemitismus, die an die nächste Generation junger Männer weitergegeben wurde.
Sehenswürdigkeiten dazu…
Adolf-Pichler-Platz
Adolf-Pichler-Platz
Verbindungshaus Austria
Josef-Hirn-Straße
Universität Innsbruck
Innrain 52