Wilten, Sieglanger & Mentlberg

Wissenswertes zu Wilten

Wohlwollend archäologischen Funden folgend, könnte man Wilten als Innsbrucks Keimzelle bezeichnen. Zwischen dem Berg Isel und Olympiabrücke wurden bei Ausgrabungen eine Vielzahl an Gräbern, Mauerresten, Münzen, Keramik und Wasserkanälen ausgegraben, die Aufschluss über die Zeit der Antike geben. Mit der römischen Besiedlung des Inntales um die Zeitenwende entstand hier ein Militärstützpunkt. Nach dem Zerfall des weströmischen Reiches 476 n.Chr. kam Tirol langsam und schleichend unter die Kontrolle des Herzogtums Bayern. Aus dem römischen Castrum Veldidena entwickelte sich der im Jahr 806 zum ersten Mal aktenkundig gewordene Locus Wiltina. Als die bayerischen Grafen von Andechs 1180 am südlichen Innufer begannen, den Markt, aus dem Innsbruck entstehen sollte, anzulegen, hatte Wilten also bereits an die 1000 Jahre am Buckel. Zu verdanken war der nahtlose Übergang ohne Bedeutungsverlust Wiltens von den Römern zu den Bajuwaren den kirchlichen Strukturen. Das Christentum und das Stift Wilten waren zu dieser Zeit bereits etablierte Institutionen. Die neuen Herren übernahmen nur allzu gerne die lokale Administrationsstelle Stift Wilten. Das sollte langfristige Auswirkungen haben. Bis 1561 verhinderten die Äbte erfolgreich weitere Klosteransiedlungen in Innsbruck, um den Einflussbereich des Stiftes in der Stadt aufrechtzuerhalten. Erst in der Gegenreformation schaffte es der aus Spanien stammende, sich über viele örtliche Gepflogenheiten hinwegsetzende Landesfürst und spätere Kaiser Ferdinand I. mit den Jesuiten auch in der Stadt einen Orden anzusiedeln, um die Residenzstadt unabhängiger zu machen. Die Messen an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern oder Taufen wurden trotzdem in Wilten gefeiert. Wirtschaftlich bewegte sich Wilten, getrennt durch eine Zollgrenze, lange im Gleichschritt mit Innsbruck. Die Siedlung hatte zwar kein Stadtrecht, keine Mauern oder einen Stadtturm, vom Stift aus wuchs das Dorf aber eifrig Richtung Norden. Zwischen Triumphpforte und Basilika sowie bei St. Bartlmä an der Sill siedelten sich nicht nur Bauern, sondern auch Handwerker an. Der Abt hob den Zehenten ein und überwachte auch sonst nicht nur die seelsorgerischen, sondern auch weltlichen Agenden seiner Schäfchen. Mit der Verbürgerlichung und der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts wuchsen Wilten und Innsbruck wirtschaftlich und gesellschaftlich zusammen. Innsbrucker hatten Unternehmen in Wilten und umgekehrt. Entlang den alten Feldwegen des landwirtschaftlich geprägten Raumes südlich und westlich der Stadt waren ab den 1860er Jahren im Gebiet zwischen Innrain und Südring die vielfach noch heute bestehenden Wohnhäuser entstanden, in denen die Angestellten und Arbeiter wohnten. Westlich der Anichstraße entstand mit dem neuen Stadtspital eine wichtige Infrastruktureinrichtung. Einige der ersten historischen Klinikgebäude, die nach 1885 gebaut wurden, stehen noch zwischen den modernen Hochhäusern und Glastürmen, die Innsbrucks medizinisches Aushängeschild mittlerweile beinahe zu einem eigenen Stadtteil machen. Die Zollgrenze an der Triumphpforte wurde mehr und mehr zur Absurdität. Lebensmittel wie Bier, Wein, Fleisch und Getreide, die zwischen Innsbruck und Wilten gehandelt wurden, mussten verzollt werden. Das Zollhaus war verhasst, machte sie das tägliche Leben doch unnötig teuer und kompliziert. 1904 wurde Wilten offiziell zu einem Stadtteil Innsbrucks. Die auf Archivbildern gut erkennbare Zollstation, das Accis-Häuschen, wich nach dem Wegfall des Binnenzolls dem Gemischtwarenladen Wiener Bazar. Der letzte Gemeindevorsteher Fritz Heigl (1856 – 1923) und Bauplaner Rudolf Tschamler verhandelten mit einem Ausschuss unter dem Innsbrucker Bürgermeister Wilhelm Greil die nötigen Details und Anforderungen aus, von denen der Zoll das kleinste war. Die Einwohnerzahl Wiltens hatte sich innerhalb weniger Jahrzehnte verdreifacht. Die notwendige, aber teure Infrastruktur konnte von der Gemeinde nicht mitentwickelt werden. Wasser und Strom veränderten Alltag und Lebensstandard der Menschen, mussten aber erst finanziert werden. Wilten hatte um 1900 nur eine Schule für über 10.000 Einwohner, während Innsbruck sechs für 25.000 vorweisen konnte. Die Modernisierung in Wilten und Innsbruck gemeinsam zu vollziehen war organisatorisch und finanziell vernünftig, was nicht bedeutete, dass alteingesessene Wiltener dem verlorenen Dorfcharakter nicht noch Jahrzehnte später nachweinten, auch wenn zumindest die Wiltener Musikkapelle und die Wiltener Schützen als Teil des Übereinkommens von Innsbruck weiterfinanziert wurden. Mit der ersten Straßenbahn vom Berg Isel durch Wilten 1905 zum Hauptbahnhof wurde die Ehe vom Rechtsvertrag zum vollzogenen Akt. Vieles zeugt von diesem Wachstum und der Eingemeindung um die Jahrhundertwende, der maßgeblich von großdeutsch-liberalen Politikern gelenkt wurde. In Wilten sind bis heute die zu dieser Zeit besonders populären „Helden“ der Tiroler Erhebung von 1809 in Straßennamen wie Andreas-Hofer-Straße, Speckbacherstraße oder Haspingerstraße verewigt. Ein kurzer Spaziergang von der Anichstraße durch die Kaiser-Josef-Straße, die Speckbacherstraße, die Stafflerstraße bis zur Sonnenburgstraße gibt einen guten Eindruck vom Städtebau zwischen 1880 und 1945. Die Gründerzeithäuser sind ebenso sehenswert wie die Südtirolersiedlung. Johann von Sieberer ließ zur Feier der Vereinigung von Wilten und Innsbruck den Vereinigungsbrunnen am Bahnhof errichten, der unter den Nationalsozialisten entfernt wurde, um dem Verkehr mehr Platz zu geben. Auch zwei in den Erker im Erdgeschoss eingemauerte Grenzsteine mit den Wappen Innsbrucks und Wiltens an der Außenmauer des Hotel Goldene Krone in der Maximilianstraße, der ehemaligen Grenzstraße, erinnern noch daran. Heute ist Wilten ein abwechslungsreiches und lebendiges Stadtviertel. Zwischen dem Oberdorf rund um das Gasthaus Haymon, Wilten West beim Friedhof und der Triumphpforte findet man traditionelles und neues Stadtleben in direkter Nachbarschaft. Zweckdienlicher Wohnbau aus den 1960er und 1970er Jahren trifft auf Gotik und Gründerzeit.

Wissenswertes Sieglanger & Mentlberg

Der westlich anschließende Stadtteil Sieglanger und das darüberliegende Mentlberg waren immer schon eng mit Wilten verbunden. Die erste Erwähnung fand ein Landgut bereits 1305 Lehen des Stiftes Wilten. Der Hof auf der Gallwiese umfasste mehrere Hektar Land und die Forstrechte am Wiltenberg. Wo heute erhöht der Ansitz Felseck und einige Wohnhäuser thronen, stand bis in die Moderne ein Wachturm. Über Leuchtzeichen, sogenannte Kreidfeuer konnte man die Stadt bei herannahender Gefahr warnen. Die Äbte von Wilten begaben sich auf den Wiltenberg auf Sommerfrische, um die heiße Jahreszeit in räumlicher Entfernung von der Klosterpolitik zu verbringen. Heinrich Mentlberger, Besitzer des heutigen Weinhaus Happ, Stadtrichter und Bürgermeister, erwarb 1485 den Ansitz auf der Gallwiese vom Stift Wilten. Der umtriebige Zeitgenosse Maximilians wurde von seinem Landesherrn als Mitglied des Kaiserlichen Rates in den Adelsstand erhoben, womit Mentlberg vom Landgut zum namensgebenden freiherrlichen Edelhof wurde. In den nächsten Jahrhunderten folgten zahlreiche Besitzerwechsel innerhalb der Aristokratie, bevor Leopold Lindner 1884 das Anwesen erwarb. Lindner entstammte nicht dem Adel, seine Vorfahren waren aber mit dem in Wilten beheimateten Unternehmen Rosenbachers Eidam als Hofwachswaren-Lieferanten zu einem ansehnlichen Vermögen gekommen. Wie andere Industrielle seiner Zeit, investierte er sein Kapital in den wachsenden Tourismussektor. Lindner sah in dieser Aufbruchs- und Goldgräberzeit des Fremdenverkehrs das Potenzial des Anwesens. In Innsbruck und Umgebung gab es schon einige Betriebe, die die Vorzüge des heilsamen Wassers zu Geld machten. In Egerdach und in Mühlau gab es bereits zwei erfolgreiche Kur- und Badebetriebe nahe Innsbruck. Die Badeanstalt Ferneck etwas weiter östlich am Wiltenberg war bereits seit langem als arrivierter Bade- und Amüsierbetrieb bekannt, in dem sich Innsbrucker bei Speis und Trank im als heilsam gegen allerlei Beschwerden angesehenen Wasser tummelten. Unter Lindner entstand im gräflichen Ambiente am Mentlberg eine Hotelpension, die einem heutigen Wellnesshotel ähnelte. Gäste genossen Anwendungen wie Fichtennadel-, Sole- und Mineralbäder. Offiziell seit 1874 bot der Traditionsgasthof Peterbrünnl Ausflüglern Speis und Trank an. Der Name des Gasthauses geht auf Peter Anich (1723 – 1766) zurück. Der in Tirol hochverehrte Kartograph soll auf seinen Fußmärschen von seinem Heimatdorf Oberperfuß nach Innsbruck am „Brünnl“ beim Badehaus in der Wirtschaft gerne gerastet und sich gestärkt haben. Der alte Brunnentrog vor dem Gasthaus stammt aus dem Jahr 1897, der Brunnen in Form eines wasserspeienden Vogels wurde wohl erst später angebracht.

Der heutige Sieglanger wurde erst lange nach dem Mentlberg erschlossen. Auf historischen Karten kann man die Unterschiede zwischen dem unverbauten Zustand 1930 in verschiedenen Etappen bis hin zur ausgebauten Siedlung ab 1980 nachverfolgen. Der Platz am Inn war als Untere Figge bekannt und unverbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte eine Verdichtung des Sieglanger. Seine große Zeit kam in der Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg, als immer mehr Menschen in die neu errichteten Wohnanlagen am Stadtrand zogen. 1962 wurde die Kirche Maria am Gestade eröffnet, um die neuen Einwohner auch seelsorgerisch bedienen zu können. Das Gotteshaus mit dem markanten, von weitem gut sichtbaren Turm und die Betonglaswand mit den bunten Fenstern nach Plänen Max Weilers ist ein Denkmal des Aufbruchs Tirols. Zwei Jahre später kam es zum Bau der Autobahn, einer wenig pittoresken Begrenzung des Stadtteils. Seit 1977 verbindet der monumentale Sieglangersteg mit 147 m Stützweite über Autobahn und Inn hinweg den Sieglanger für Radfahrer und Fußgänger mit zwei anderen Siedlungen, der ehemaligen Siedlung Neustädter Stürmer am Lohbach und der Höttinger Au.