Die Grafen von Andechs und die Gründung Innsbrucks
Die Grafen von Andechs und die Gründung Innsbrucks
Das 12. Jahrhundert brachte in Europa wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung und gilt als eine Art vorgezogener mittelalterlicher Renaissance. Über den Umweg der Kreuzzüge kam es zum verstärkten Austausch mit den in vielerlei Hinsicht weiter entwickelten Kulturen des Nahen Ostens. Arabische Gelehrte brachten über Südspanien und Italien Übersetzungen griechischer Denker wie Aristoteles nach Europa. Das Römische Recht wurde an den ersten Universitäten südlich der Alpen wiederentdeckt. Neue landwirtschaftliche Erkenntnisse, technische Neuerungen und ein günstiges Klima, das bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts anhalten sollte, ermöglichten die Entstehung von Städten und größeren Siedlungen. Eine dieser Siedlungen befand sich zwischen am Fuß der Römerstraße über den Brenner, dem Fluss Inn und der Nordkette. Politisch und wirtschaftlich beschränkte sich die Bedeutung des Inntals vor allem auf den Transit. Die beiden niedrigen und somit leicht zu überschreitenden Alpenübergänge Reschenpass und Brennerpass zwischen den deutschen Ländern und dem Besitz der deutschen Könige in Italien mündeten in den breiten Talkessel. Aus einem Streit über die Kontrolle über diesen Teil des Heiligen Römischen Reiches entstand die politische Konstellation, die Tirol und Innsbruck bis in die Neuzeit hinein bestimmen sollte. 1024 wurde Konrad II. aus dem Geschlecht der Salier zum König gewählt. Er stand in Konkurrenz zu den bayerischen Herzögen aus dem Geschlecht der Wittelsbacher, unter deren Kontrolle die begehrten Alpenpässe zu dieser Zeit standen. Um das Gebiet weg von seinen bayrischen Konkurrenten und unter die Kontrolle der ihm treuen Reichskirche zu bringen, sprach Konrad II. das Territorium Tirols 1027 den Bischöfen von Brixen und Trient als Lehen zu. Die Bischöfe wiederum benötigten sogenannte Vögte für die Verwaltung dieser Ländereien und die Rechtsprechung. Diese Vögte des Bischofs von Brixen waren die Grafen von Andechs. Die Andechser mögen heute im Schatten der Welfen, Staufer, Wittelsbacher und Habsburger stehen, waren im Hochmittelalter aber ein einflussreiches Geschlecht. Sie stammten aus der Gegend des bayerischen Ammersees und besaßen Güter in Oberbayern zwischen Lech und Isar sowie östlich von München. Über geschickte Heiratspolitik waren sie an die Titel der Herzöge von Meranien, einer Gegend an der dalmatischen Küste, und Markgrafen von Istrien gekommen. Damit stiegen sie im Rang innerhalb des Heiligen Römischen Reiches auf. Um Verwaltung und späteres Seelenheil in einem sicherzustellen, gründeten sie im 12. Jahrhundert das Kloster Dießen und das Kloster am Heiligen Berg Andechs oberhalb des Ammersees. 1165 kam Otto V. von Andechs auf den Bischofssitz in Brixen und vergab die Vogtei über dieses Hochstift an seinen Bruder. Dadurch kamen sie an die Verwaltung des mittleren Teils des Inntals, des Wipptals, des Pustertals und des Eisacktals.
Damit aber nicht genug der dynastischen Verwirrungen und politischen Komplikationen, die der Gründung Innsbrucks im Wege standen. Heute erstreckt sich die Stadt zu beiden Seiten des Inns. Im 12. Jahrhundert stand dieses Gebiet unter dem Einfluss zweier Grundherren. Der größte Teil des Inntals war dicht bewaldet und an den Ufern des breiten Inns sumpfiges Gelände. Südlich des Inns übte das Stift Wilten die Grundherrschaft aus. Das Gebiet nördlich des Flusses stand unter der Verwaltung der Andechser. Während das südliche Stadtgebiet rund um das Stift schon seit Jahrhunderten landwirtschaftlich genutzt wurde, war das Schwemmgebiet rund um den nicht regulierten Fluss vor dem Hochmittelalter kaum besiedelt. Die Region zählte nicht zu den Hotspots der europäischen Kulturlandschaft. Die Menschen arbeiteten zum allergrößten Teil in der Landwirtschaft, die von ihrem Grundherrn betrieben wurde. Sie lebten in armseligen Hütten aus Lehm und Holz. Medizinische Versorgung gab es kaum, die Kindersterblichkeit war hoch und kaum jemand wurde älter als 50 Jahre alt.
Wie heute jeder gute Immobilienentwickler nicht müde wird zu betonen, zählte aber auch damals schon vor allem die Lage, wenn es um das Potential eines neuen Bauprojekts geht. Etwa um das Jahr 1133 gründeten die Andechser ob der besonderen Verkehrsanbindung der Örtlichkeit im heutigen St. Nikolaus den Markt Anbruggen und verbanden das nördliche und das südliche Innufer über eine Brücke. Aus dem landwirtschaftlich nicht nutzbaren Stück Land am Fuß der Nordkette war durch diese Verkehrsverbindung ein Handelsplatz geworden. Die kleine Holzbrücke erleichterte den Warenverkehr in den Ostalpen zwischen den italienischen und deutschen Handelsstädten. Die lange Zeit für große Handelszüge zu steile Brennerroute war durch eine der Neuerungen der mittelalterlichen Renaissance interessanter geworden: neue Zuggeschirre ermöglichten es die steilen Anstiege mit Fuhrwerken zu bewältigen. Die kürzere Via Raetia hatte die Via Claudia Augusta über den Reschenpass als Hauptverkehrsweg über die Alpen abgelöst. Davon profitierte der Markt der weitsichtigen Andechser. Die Zolleinnahmen des Handels zwischen den deutschen und italienischen Städten, die daraus erwirtschaftet wurden, ließen die Siedlung prosperieren. Bald siedelten sich Schmiede, Wirte, Fuhrwerksbetreiber, Schneider, Zimmerleute, Seiler, Wagenmacher und Gerber an. Pferde, Händler und ihr Anhang mussten versorgt und logiert, Fuhrwerke repariert werden. Die größeren dieser Betriebe beschäftigten Angestellte und Knechte. Aus der abgelegenen, sumpfigen Brachlandschaft wurde ein Service Center. Die Wandlung von der reinen Landwirtschaft hin zur Stadt konnte beginnen. Anbruggen wuchs schnell, der Platz zwischen Nordkette und Inn war aber knapp bemessen. 1180 erwarb Berchtold V. von Andechs für die Expansion seines Handelsstützpunktes vom Kloster Wilten ein Stück Land auf der Südseite des Inns. Ganz wollte der Abt den Fuß nicht aus der Tür nehmen, entwickelte sich die neue Siedlung doch prächtig dank der Zolleinnahmen. In der Urkunde ist die Rede von drei Häusern, die dem Stift Wilten innerhalb der neuen Siedlung vorbehalten blieben. Die Grafen von Andechs ließen im Zuge der Errichtung der Stadtmauer die Andechser Burg bauen und verlegten ihren Stammsitz von Meran nach Innsbruck. Irgendwann zwischen 1187 und 1204 konnten sich die Bürger Innsbrucks über das Stadtrecht freuen. Als offizielles Gründungsdatum wird häufig 1239 herangezogen, als vom letzten Grafen aus der Andechser Dynastie Otto VIII. das Stadtrecht formal in einer Urkunde bestätigt wurde. Innsbruck war zu dieser Zeit bereits die Münzprägestätte der Andechser und wäre wohl zur Hauptstadt in deren Fürstentum geworden. Es kam aber anders. 1246 zerstörten die bayerischen Wittelsbacher, die größten Konkurrenten der Andechser im süddeutschen Raum, deren Stammburg am Ammersee. Otto, der letzte Graf aus dem Haus Andechs-Meranien starb im Jahr 1248 ohne Nachkommen. 12 Jahre zuvor hatte er Elisabeth, die Tochter Graf Alberts VIII. von Tirol geheiratet. Dieses Adelsgeschlecht mit ihrer Stammburg in Meran übernahm damit die Lehen und Teile der Besitztümer inklusive der Stadt am Inn sowie die Erzfeindschaft mit den bayerischen Wittelsbachern.
Sehenswürdigkeiten dazu…
Pradler Bauernhöfe
Pradlerstraße / Egerdachstraße
Stift & Basilika Wilten
Klostergasse 7 / Pastorgasse 2
Schloss Ambras
Schloßstraße 12-20
Andechsburg
Innrain 1
Innbrücke
Innstraße 5 / Innrain 1
Mariahilfzeile & Marktplatz
Mariahilfstraße / Marktplatz
