Schloss Ambras

Schloßstraße 12-20

Schloss Ambras

Das Schloss Ambras ist das Innsbrucker Highlight der Renaissancekunst. Schon im frühen Mittelalter stand eine Befestigungsanlage am Ort des heutigen Schloss Ambras. Die Grafen von Andechs hatten eine Burg errichtet, die 1133 bei einer Fehde zwischen Otto II. von Andechs und Herzog Heinrich dem Stolzen von Bayern zerstört wurde. Grund für die Auseinandersetzung waren gegensätzliche Meinungen rund um die Frage, wer Bischof von Regensburg werden sollte. Die Gründe, um Krieg zu führen, waren auch im Mittelalter schon fragwürdig und für das gemeine Volk nur schwer nachvollziehbar. Auf ihren Ruinen entstand im 13. Jahrhundert erneut eine Burg, die wenig mit dem heutigen Schloss gemeinsam hatte. Sie diente oberhalb des Inntals als Verteidigungsanlage. Der Tiroler Landesfürst Siegmund ließ die Burg für seine Frau Katharina von Sachsen etwas umbauen. Sein Nachfolger Maximilian verpfändete die Burg an Wilhelm Schurff (1484 – 1556), den Bruder seines Truchsesses. Oswald Schurff, der wiederum vom Kaiser für seine Leistungen bei der Finanzierung von Hofstaat und dem Krieg gegen Venedig die Burg Rottenburg als Pfand erhielt. Unter Maximilians (83) Urenkel Ferdinand II. wurde die Burg von Hofbaumeister Lucchese zum Schloss Ambras in seinem heutigen Erscheinungsbild umgebaut. Innsbruck sollte den in der Renaissancezeit als Vorbild dienenden oberitalienischen Fürstenhöfen in nichts nachstehen. Von 1564 an ließ Ferdinand das Hochschloss, den Spanischen Saal und einen Schlossgarten anlegen. Gemeinsam mit seiner Gattin Philippine Welser nutzte Ferdinand die neue Anlage als Wohnschloss. Hier wurden rauschende Feste gefeiert. Unter großem Aufwand für sich und die Gäste veranstaltete er auf Schloss Ambras aufwändige Mottoparties mit Kostümen und Gelagen. Adelige Gäste auf der Durchreise von den deutschen Landen nach Italien genossen seine Gastfreundschaft auf Schloss Ambras gerne und ausgiebig. Bei den Bacchanalien mussten die Mitglieder seines Kultes riesige Becher Wein unter einem Zug leeren, um den Teilnehmern der antiken Symposien nachzuahmen. Die Bacchusgrotte gegenüber dem Hochschloss erinnert noch daran. Auch der Garten samt dem imposanten Wasserfall wurde als hofeigenes Jagdrevier unter Ferdinand angelegt. Nach der Gesetzesänderung unter Maximilian I. um 1500 war die Jagd zu einer Art Sport geworden. Fürst und Gäste konnten im Schloss Ambras direkt vor der Haustür auf Lustjagd gehen, die dank der ungleichen Chancenverteilung im doch recht überschaubaren Garten meist von Erfolg gekrönt war. Der Adel hatte das Jagdprivileg je nach Gutdünken des Landesherrn. Die Jagd nach Hirsch und Gämse war meist der Hocharistokratie vorbehalten. Der Kleinadel durfte Kaninchen, Rehe und andere kleinere Tiere jagen. Aus dieser Sitte stammen die Begriffe des Hochwilds und Niederwilds. Im Unterschloss quartierte Ferdinand seine umfassende Kunstsammlung ein. Die Portraits, Gemälde, Waffen, Rüstungen, Musikinstrumente, aber auch naturwissenschaftliche Forschungsobjekte, galten im 16. Jahrhundert als eine der größten Sammlungen Europas. Patriotische Tiroler bezeichnen Ferdinands Sammlung als das erste Museum Europas. Betrachtet man die Kunstschätze, die unter dem Mäzenatentum des Papstes und der Patrizier der norditalienischen Städte Rom, Mailand, Florenz, Siena und Venedigs entstanden oder die Kunstsammlung Franz I. mag das übertrieben sein, Schloss Ambras war aber, was Umfang und Diversität der Objekte anbelangt, wohl einzigartig.

Während der napoleonischen Kriege und die folgenden Jahrzehnte über diente der Komplex als Hospital. Der Schlosspark in seiner heutigen Form eines englischen Landschaftsgartens wurde im 19. Jahrhundert angelegt. Ein Spaziergang durch die weitläufige und in verschiedenen Höhenstufen angelegte Anlage mit Brücken, Wasserfällen, Teich und Pfauen ist das ganze Jahr über sehr schön. Seit 1880 ist das Schloss Ambras als Museum zugänglich. Heute obliegt die Verwaltung dem Kunsthistorischen Museum Wien. Garten und Museum sind Beispiele für die Öffnung ehemals dem Adel vorbehaltener Landgüter. Die gewaltsame Revolution mag 1848 in Tirol zwar ausgeblieben sein, die bürgerliche Revolution fand im Freizeitverhalten statt, das Ausflüge und Spaziergänge im Schlosspark beinhaltete. 1859 erfolgte eine weitere Renovierung des Schlosses, bei der leider mit Teilen recht sorglos umgegangen wurde. Mauern, Räume und Fresken gingen für immer verloren. Die letzten großen Umbauarbeiten wurden 1922 und 1976 durchgeführt. Die Highlights eines Besuches im Schloss Ambras sind die Rüstkammer und die noch heute umfassende Gemäldesammlung, der Innenhof, der prunkvolle Spanische Saal, das Badezimmer Philippine Welsers und die reich ausgestattete St. Nikolauskapelle aus dem 19. Jahrhundert. Die Wunderkammer Ferdinands gibt Einblick in dessen Forschungs- und Sammelwut. Eine der vielen unterschiedlichen Themenführungen durch das Schloss unter fachkundiger Anleitung oder mit Audio-Guide ist sehr empfehlenswert.

Philippine Welser: Klein Venedig, Kochbücher und Kräuterkunde

Die bürgerliche Philippine Welser war die Ehefrau Erzherzog Ferdinands II. (89). Hochzeiten zwischen Bürgerlichen und Adligen galten damals als skandalös und nicht standesgemäß, auch wenn die Welsers alles andere als arm waren. Sie zählten zu den wohlhabendsten Familien ihrer Epoche. Ihr Onkel Bartholomäus Welser war ähnlich reich wie Jakob Fugger. Auch er hatte Kredite an die Habsburger vergeben. Anstatt die Kredite abzuzahlen, verpfändete Kaiser Karl V. einen Teil der neu annektierten Ländereien der spanischen Krone Habsburgs an die Welser, die dafür das Land als Kolonie Klein-Venedig mit Festungen und Siedlungen sichern und erschließen mussten. Sie statteten sogar Expeditionen aus, um das legendäre Goldland El Dorado zu entdecken. Um möglichst viel aus ihrem Lehen herauszuholen, errichteten sie Handelsstützpunkte, um am gewinnträchtigen transatlantischen Sklavenhandel zwischen Europa, Westafrika und Amerika teilzunehmen. Sie taten dies in äußerst brutaler Manier, die zu Beschwerden beim Kaiser führten, der ihnen das Lehen daraufhin entzog.

Philippine galt als überaus schön. Ihre Haut sei laut Zeitzeugen so zart gewesen, „man hätte einen Schluck Rotwein durch ihre Kehle fließen sehen können“. Kennengelernt sollen sich die Augsburgerin und der Habsburger auf einem Faschingsball in Pilsen. Ferdinand verliebte sich Hals über Kopf in Philippine und heiratete sie. Besonders erfreut war im Hause Habsburg niemand über die in aller Heimlichkeit geschlossene Ehe der beiden, auch wenn man das Geld der Welser gut gebrauchen konnte. Die Kinder wurden deshalb von der Erbfolge ausgeschlossen. Philippine Welsers Leidenschaft war das Kochen. In der Österreichischen Nationalbibliothek ist noch heute eine Rezeptsammlung vorhanden. Unter anderem kann man dort das Rezept einer Nusstorte nachschlagen. Die Kochkunst wurde im Mittelalter und der Frühen Neuzeit ausschließlich von Wohlhabenden und Adeligen gepflegt, während die meisten Untertanen essen mussten, was verfügbar war. Mittelalter und Neuzeit, eigentlich alle Menschen bis in die 1950er Jahre, lebten unter dauerhaftem Kalorienmangel. Während wir heute zu viel essen und deshalb krank werden, litten unsere Vorfahren unter Krankheiten, die auf Mangelernährung zurückzuführen war. Gewürze wie der exotische Pfeffer waren Luxusgüter, die sich das normale Volk nicht leisten konnten. Während der Speiseplan des Normalbürgers eine eintönige und triste Angelegenheit war, bei der es vor allem darum ging, sich die Kalorien für die tägliche Arbeit so effizient als möglich zu holen, begann sich unter Ferdinand II. und Philippine Welser die Einstellung zu Essen und Trinken zu verändern. Der Hofstaat hatte seit Friedrich IV. zu einer gewissen Kultivierung der Manieren und Sitten beigetragen, Philippine Welser und ihr Mann trieben diese Entwicklung auf Schloss Ambras und der Weiherburg weiter voran.

Die Kräuterkunde war ihr zweites Steckenpferd. Philippine Welser beschrieb, wie man Pflanzen und Kräuter zur Linderung körperlicher Leiden aller Art verwendet Auf Schloss Ambras in Innsbruck ließ sie einen Kräutergarten anlegen, um ihr Hobby und die Studien voranzutreiben. In der Tiroler Bevölkerung galt sie laut Berichten der Zeit als sehr beliebt, kümmerte sie sich doch scheinbar sehr um die Armen und Bedürftigen. Die vom Stadtrat angeleitete Fürsorge der Bedürftigen gesponsort von wohlhabenden Bürgern und Adeligen war damals allerdings keine Besonderheit, sondern gängige Praxis. Näher an das Seelenheil im nächsten Leben als durch christliche Nächstenliebe, Caritas, konnte man nicht kommen. Ihre letzte Ruhe fand Philippine Welser nach ihrem Tod 1580 in der Silbernen Kapelle in der Innsbrucker Hofkirche. Gemeinsam mit ihren als Säugling verstorbenen Kindern und Ferdinand wurde sie dort begraben. Unterhalb des Schloss Ambras erinnert die Philippine-Welser-Straße an sie.

 

Ferdinand II.: Renaissance, Glanz und Glamour

Erzherzog Ferdinand II. von Österreich (1529 – 1595) zählt zu den schillerndsten Figuren der Tiroler Landesgeschichte. Er wuchs am spanischen Hof seines Onkels, Kaiser Karl V., auf, um als Kosmopolit für zukünftige für die Habsburger Regierungsgeschäfte fit zu sein. Das Haus Habsburg herrschte im 16. Jahrhundert dank der klugen und glücklich verlaufenen Heiratspolitik Maximilians über das Spanische Reich ebenso wie die österreichischen Erblande. Da Spanien im neu von Europa entdeckten Amerika Kolonien betrieb, galt das Imperium Habsburg als Reich, in dem die Sonne nie untergeht. Tirol zählte zu den wichtigsten Ländern des Habsburgerreiches. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er am Hof in Innsbruck, auch der war aber spanisch geprägt zu dieser Zeit. Sein Vater Kaiser Ferdinand I. ließ seinem Sohn eine ausgezeichnete Ausbildung angedeihen, die sich später in seinem kunstsinnigen Wesen äußern sollte. In jungen Jahren war er durch Italien und Burgund gereist, und hatte an den wohlhabenden Höfen dort einen Lebensstil kennengelernt, der sich unter der deutschen Aristokratie noch nicht durchgesetzt hatte. Ferdinand hatte Tirol als Landesfürst in turbulenten Zeiten übernommen. Die Bergwerke in Schwaz begannen wegen des billigen Silbers aus Amerika unrentabel zu werden. Die Silberschwemme aus der Neuen Welt führte zu einer Inflation. Die Lebenskosten stiegen vor allem für die ärmeren Bevölkerungsschichten. Gleichzeitig hatten die Habsburger Landesherren Schulden bei den Fuggern, quasi ein Erbe Maximilians. Die kirchliche Reformation (86) erzeugte soziale Turbulenzen. Menschenbild und das Verhältnis zu Obrigkeit und Gott veränderten sich. Machiavelli schrieb sein Werk „Il Principe“, in dem davon die Rede war, dass Fürsten, so sie denn unfähig waren, auch abgesetzt werden könnten. Ferdinand II. probierte diesem frühen, modernen, absolutistischen Führungsstil gerecht zu werden und erließ mit einer neuen Tiroler Landesordnung ein juristisches Regelwerk. Die italienischen Städte waren stilbildend in Politik, Wirtschaft und Ästhetik. Künstler und Denker wie Leonardo da Vinci und Michelangelo prägten die Zeit. Der Tiroler Hof des charmanten, intelligenten und kunstsinnigen Ferdinand sollte diesen Städten in nichts nachstehen. Seine Maskenbälle und Umzüge waren legendär. Bei weniger exzentrischen Zeitgenossen genoss Ferdinand den Ruf eines unmoralischen und genusssüchtigen Wüstlings und stand wohl nicht ganz zu Unrecht unter dem Verdacht, ausschweifende und unsittliche Orgien zu veranstalten. Zwar verschlang auch sein Hofstaat Unsummen, zumindest konnte er die Innsbrucker Wirtschaft darüber wieder etwas ankurbeln. Die Steuerlast auf die bäuerliche und bürgerliche Bevölkerung stieg dadurch noch weiter. Ferdinand ließ mit diesem Geld Innsbruck im Geist der Renaissance umgestalten. Ganz im Trend der Zeit ahmte er die italienischen Adelshöfe wie Florenz, Mantua, Ferrara oder Mailand nach. Hofarchitekt Giovanni Lucchese stand ihm dabei zur Seite. Vorbei sollten die Zeiten sein, in denen Deutsche in den schöneren Städten südlich der Alpen als unzivilisiert, barbarisch oder gar als Schweine bezeichnet wurden. Unter Ferdinand kehrte ein neuer Stil in Innsbruck ein, teuer, aber glanzvoll. Westlich der Stadt erinnert ein Torbogen noch an den Tiergarten, ein Jagdrevier Ferdinands samt Lusthaus entworfen von Lucchese. Das Lusthaus wurde 1786 durch den heute als Pulverturm bekannten Bau ersetzt, der einen Teil der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck beheimatet. Man könnte sagen, dem fürstlichen Sport des Jagens folgte im ehemaligen Lusthaus, das der Pulverturm war, die Sportuniversität nach. Das fürstliche Comedihaus am heutigen Rennweg entstand ebenfalls unter der baulichen Leitung Luccheses.

Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Ferdinand auf Schloss Ambras bei Innsbruck, wo er sich eine der kostbarsten Sammlungen von Kunstwerken und Rüstungen anlegte, die noch heute zu den wertvollsten der Welt ihrer Art zu zählen ist. Gemeinsam mit der Kunstsammlung des französischen Königs Franz I., aus denen das Louvre hervorgehen sollte, den päpstlichen Sammlungen und den öffentlich in Florenz auf der Piazza della Signoria ausgestellten Kunstwerken, die man heute teilweise in den Uffizien bewundern kann, zählte die Kunstsammlung Ferdinands zu den ersten Ausstellungen, die man als Museum bezeichnen kann. Ferdinand kann getrost als Gründer wissenschaftlicher und künstlerischer Sammlungen bezeichnet werden. In späteren Zeiten sollten bürgerliche Schichten diese Tradition in Vereinen und Museen wie dem Ferdinandeum in Innsbruck weiterführen. Die Jesuiten, kurz vor Ferdinands Amtsantritt in Innsbruck eingetroffen, um lästigen Reformatoren und Kirchenkritikern das Leben schwer zu machen und die kirchliche Präsenz verstärken, erhielten in der Silbergasse eine neue Kirche. Es mag heute als Widerspruch scheinen, dass der genusssüchtige Landesfürst Ferdinand als Katholik und Gegenreformator die Kirche verteidigte, in der Zeit des Humanismus war es das nicht. Mit seinen Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung war er ebenfalls auf der Linie der Jesuiten. Natürlich, die kirchliche Ordnung vermochte die Untertanen zu disziplinieren, die Habsburger waren aber bis zum Ende der Dynastie fast durchgehend wahrhaft fromme Zeitgenossen.

In erster "halbwilder Ehe" war Ferdinand mit der Bürgerlichen Philippine Welser verheiratet. Ein Skandal für die damalige Zeit. Für seine über alles geliebte Frau ließ Ferdinand Schloss Ambras in die heutige Form bringen. Sein Bruder Maximilian meinte gar, dass "Ferdinand verzaubert sai" von der schönen Philippine Welser, als Ferdinand während des Türkenkriegs seine Truppen abzog, um nach Hause zu seiner Frau zu gehen. Erben konnte sie ihm allerdings keinen schenken. Die Kinder, die sie gemeinsam zeugten, konnten ob der strengen Gesellschaftsordnung des 16. Jahrhunderts allesamt nicht anerkannt werden. Nachdem Philippine Welser verstorben war, heiratete Ferdinand mit 53 Jahren die tiefgläubige Anna Caterina Gonzaga, eine erst 16jährige Prinzessin von Mantua. Große Zuneigung haben die beiden allem Anschein nach aber nicht zueinander empfunden, zumal Anna Caterina eine Nichte Ferdinands war. Die Habsburger waren beim Thema Hochzeit unter Verwandten weniger zimperlich als bei der Ehe eines Adeligen mit einer Bürgerlichen. Auch mit ihr konnte er allerdings "nur" drei Töchter zeugen. Ob der Geschichten um Ferdinands legendären Feste auf Schloss Ambras verwundert es kaum, dass er sich nicht bei seiner zweiten Ehefrau Anna Caterina Gonzaga im Servitenkloster, sondern mit der im Volk sehr beliebten ersten Ehefrau in der silbernen Kapelle an der Innsbrucker Hofburg beerdigen ließ.

Innsbruck und das Haus Habsburg

Über 700 Jahre prägten die Habsburger Europa. Innsbruck war durch die Jahrhunderte immer wieder Schicksalsort dieser Herrscherdynastie. Ausgehend vom mittelalterlichen Herzogtum Österreich waren sie am Zenit ihrer Macht Herren über ein „Reich, in dem die Sonne nie untergeht“. Durch Kriege und geschickte Heirats- und Machtpolitik saßen sie in verschiedenen Epochen an den Schalthebeln der Macht zwischen Spanien im Westen und der Ukraine im Osten Europas. Über Jahrhunderte waren die Habsburger Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Dabei darf man sich die Habsburger nicht, wie dies oft aus der Perspektive des modernen Nationalstaats getan wird, als die Herren Österreichs vorstellen. Die Habsburger waren über viele Jahrhunderte ein europäisches Herrscherhaus, zu deren Einflussbereich verschiedenste Territorien gehörten. Der Landstrich der heute als Österreich bekannt ist, war für lange Zeit so etwas wie die Keimzelle ihrer Macht. Der erste bedeutende Habsburger Rudolf I. (1218 – 1291) hatte seine Stammburg, die Habsburg, im heutigen Aargau und beherrschte eine Grafschaft im heutigen Südwesten Deutschlands und der Schweiz. Erst nach gewonnener Auseinandersetzung mit Ottokar von Böhmen errang er die Herzogtümer Österreich und Steiermark. Manche der Landesherren, zum Beispiel Karl V. oder Ferdinand I., hatten weder eine besondere Beziehung zu Österreich noch brachten sie diesem deutschen Land besondere Zuneigung entgegen. Ferdinand wurde am spanischen Hof erzogen. Maximilians Enkel Karl V. war in Burgund aufgewachsen. Als er mit 17 Jahren zum ersten Mal spanischen Boden betrat, um das Erbe seiner Mutter Johanna über die Reiche Kastilien und Aragorn anzutreten, Spanien existierte damals als Land ebenso wenig wie Österreich, Deutschland oder Italien, konnte er kein Wort spanisch. Als er 1519 zum Deutschen Kaiser gewählt wurde, sprach er kein Wort Deutsch. Trotzdem waren beide Landesherren von Tirol und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Herrscher arbeiteten nicht für ihr Land, sie waren darum bemüht den Besitz und Einflussbereich ihrer Dynastie zu stärken. Es gab keine Bürger mit Reisepass und Rechten, sondern Untertanen, die ihrem jeweiligen Landesherrn zu Treue verpflichtet waren.

Die Grafschaft Tirol kam 1363 unter Rudolf IV. (76) zum Herrschaftsgebiet der Habsburger. Es wurde samt seinen Untertanen vertraglich und nüchtern vererbt. Kaiser Maximilian I. (83) konnte durch Kriege und seine legendäre Heiratspolitik mit etwas Geschick und noch mehr Glück aus dem Herrscherhaus Habsburg eines der größten Reiche der Weltgeschichte machen. Die Casa de Austria hatte durch die Spanische Krone im 16. und 17. Jahrhundert auch Ländereien in Amerika in ihren Einflussbereich. Habsburgs Kinder wurden zu jeder Zeit vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in königlicher Strenge dazu erzogen, politisch verheiratet zu werden. Widerspruch dagegen gab es keinen. Man mag sich das höfische Leben als prunkvoll vorstellen, Privatsphäre war in all dem Luxus nicht vorgesehen. Das Leben des Einzelnen galt nichts, man musste seine Pflicht gegenüber der Dynastie erfüllen. Jeder einzelne war ein politisches Gut, das man bestmöglich im Sinne der Macht verkaufen musste. Minderjährige wurden an fremde Höfe verheiratet und mussten sich in fremden Kulturen zurechtfinden. Sie erhielten je nach Epoche eine gediegene Ausbildung, allerdings nicht um einen Beruf auszuführen, sondern nur um Regierungsgeschäfte zu führen. Viele Habsburger waren höchst gebildete Zeitgenossen und durchaus reflektiert. Teilweise waren sie Opfer der dynastischen Verbindung, traten im Laufe Jahrhunderte durch Heirat innerhalb der eigenen Verwandtschaft die Zeichen des Inzests in Aussehen, Psyche und Intelligenz doch verstärkt zum Vorschein. Die seit Rudolf typische Unterlippe und die markante Nase waren die harmlosen Zeichen der innerfamiliären Hochzeiten, schwerwiegender waren Behinderungen und Fehlgeburten. Quer über den Globus bis nach Brasilien und Mexiko reichten die Eheverbindungen. Welche Auswirkungen diese strenge Erziehung und die Zwangsverheiratung hatte, lässt sich am Beispiel Rudolfs sehen, der sich gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben nahm. Die bedeutendste politische Habsburgerin Maria Theresia (1717 – 1780) und ihre politisch klugen Berater verwandelten im 18. Jahrhundert, ganz im Geiste der Zeit die Komposition aus einzelnen Ländern und verstreuten Territorien unter der Krone der Habsburger langsam in etwas, das einem modernen Flächenstaat nahekam. Ihr Sohn Josef II. probierte das Reich im Geiste der Aufklärung zu reformieren, scheiterte aber am Unwillen großer Teile der Bevölkerung, seinem eigenen nüchternen Charisma und seinem frühen Tod. Franz Josef I. (1830 – 1916) herrschte zwischen 1848 und 1916 über ein multiethnisches Vielvölkerreich. Zu diesem Zeitpunkt war das neoabsolutistisch regierte Kaiserreich etwas aus der Mode gefallen. Österreich hatte seit 1867 zwar ein Parlament und eine Verfassung, der Kaiser betrachtete diese Regierung allerdings als „seine“. Minister waren dem Kaiser gegenüber verantwortlich, der über der Regierung stand. Im Nationalismus des 19. Jahrhunderts und dem 1. Weltkrieg zerbrach das Reich, das in wechselhafter Zusammensetzung unter der Herrschaft dieser Dynastie über Jahrhunderte hinweg die Geschicke vieler Generationen geprägt hatte. Am 28. Oktober wurde die Republik Tschechoslowakei ausgerufen, am 29. Oktober verabschiedeten sich Kroaten, Slowenen und Serben aus der Monarchie um den SHS-Staat, den Vorgänger Jugoslawiens auszurufen. Der letzte Kaiser Karl dankte am 11. November ab.  Am 12. November erklärte sich „Deutschösterreich zur demokratischen Republik, in der alle Gewalt vom Volke ausgeht“.

Ein Teil dieses ständig sich verändernden Habsburgerreichs war seit 1363 die Stadt Innsbruck. Durch die strategische Lage zwischen den italienischen Städten wie Venedig, Florenz und Mailand und deutschen Zentren wie Augsburg und Regensburg kam Innsbruck spätestens nach der Erhebung zur Residenzstadt unter Kaiser Maximilian ein besonderer Platz im Reich zu. Besonders zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert hinterließen Kaiser, Könige- und Königinnen sowie die Tiroler Landesfürsten ihre Spuren in der Stadt. Als konservatives Land war Tirol immer wieder Rückzugsort während turbulenter Zeiten. Tirol war Provinz und wildes Land, jedoch auch ein Rückzugsort vom „Wilden Osten“. Karl V. (1500 – 1558) floh während einer Auseinandersetzung mit dem protestantischen Schmalkaldischen Bund für einige Zeit nach Innsbruck. Ferdinand I. (1793 – 1875) ließ seine Familie fern der osmanischen Bedrohung im Osten Österreichs in Innsbruck verweilen. Mit dem kinderlosen Tod Erzherzog Sigmund Franz´ endete 1665 die Tiroler Linie der Habsburger. Innsbruck war keine Residenz mehr, beherbergte aber immer noch Universität und Landesbehörden und konnte sich so einen Teil seiner Bedeutung innerhalb des Habsburgerreichs erhalten. Kaiser Franz Stephan von Lothringen, der Gatte Maria Theresias, verstarb während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Sohnes in der Stadt. Kaiser Ferdinand brachte sich 1848 während der Revolution in Wien in Innsbruck in Sicherheit. Auch Franz Josef I. genoss kurz vor seiner Krönung im Sommer 1848 gemeinsam mit seinem Bruder Maximilian, der später als Kaiser von Mexiko von Aufständischen Nationalisten erschossen wurde, die Abgeschiedenheit Innsbrucks. Eine Tafel am Alpengasthof Heiligwasser über Igls erinnert daran, dass der Monarch hier im Rahmen seiner Besteigung des Patscherkofels nächtigte. In der K.u.K. Monarchie des 19. Jahrhunderts war Innsbruck der westliche Außenposten eines Riesenreiches, das sich bis in die heutige Ukraine erstreckte und eine Vielzahl von Nationalitäten umfasste. Oft wurde und wird das späte Habsburgerreich despektierlich als Völkerkerker bezeichnet. Bei allen nationalen, wirtschaftlichen und demokratiepolitischen Problemen, die es in den Vielvölkerstaaten gab, die in verschiedenen Kompositionen und Ausprägungen den Habsburgern unterstanden, die Nationalstaaten, die nachfolgten, schafften es teilweise wesentlich schlechter die Interessen von Minderheiten und kulturellen Unterschiede innerhalb ihres Territoriums unter einen Hut zu bringen. Seit der EU-Osterweiterung wird die Habsburgermonarchie von einigen wohlmeinenden Historikern als ein vormoderner Vorgänger der Europäischen Union gesehen. Gemeinsam mit der katholischen Kirche prägten die Habsburger den öffentlichen Raum über Architektur, Kunst und Kultur. Goldenes Dachl, Hofburg, die Triumphpforte, der Leopoldsbrunnen und viele weitere Bauwerke erinnern bis heute an die Präsenz dieser europäischen Herrscherfamilie in Innsbruck, die mehr als fünf Jahrhunderte überdauerte.

Die Grafen von Andechs und die Gründung Innsbrucks

Das offizielle Gründungsdatum Innsbrucks wurde irgendwann auf 1239 gelegt. Bereits einige Jahre zuvor entstand aber die Siedlung, aus der die Stadt hervorgehen sollte. Das 12. Jahrhundert war in vielen Teilen Europas von einem wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sozialen Aufschwung gekennzeichnet und gilt als eine Art früher Renaissance im Mittelalter. Über die Kreuzzüge kam es zum verstärkten Austausch mit den Kulturen des Nahen Ostens. Arabische Gelehrte brachten über Südspanien und Italien Übersetzungen griechischer Denker wie Aristoteles nach Europa. Universitäten wie Bologna und Prag entwickelten sich zu Horten des Wissens. Das römische Recht wurde wiederentdeckt. Die Wirtschaft begünstigte die Entstehung von Städten und größeren Siedlungen. Eine davon war ein kleiner Markt südlich des Klosters Wilten zwischen dem Inn und der Nordkette. Die Entstehung Innsbrucks ist eng mit dem Herzogtum Bayern verbunden. Bajuwaren hatten die Kontrolle über das Inntal nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches im frühen Mittelalter nach und nach übernommen. Dabei stützten sie sich in der Verwaltung des Gebietes auf die bestehenden Strukturen des Klerus wie das Stift Wilten und das Bistum Brixen. Mit dem Reschen- und dem Brennerpass verfügte Tirol über zwei niedrige Alpenübergänge, die für die kaiserliche Verbindung zwischen den deutschen Ländern im Norden nach Reichsitalien mit den reichen Städten sehr wichtig waren. Um diese beiden Übergänge weg von den mächtigen bayrischen Herzögen und unter die Kontrolle der Kirche, die dem Kaiser stets nahe war, zu bringen, wurde das Territorium Tirols 1027 den beiden Bischöfen von Brixen und Trient zugesprochen. Die Grafen von Andechs waren Vögte des Bischofs von Brixen. Sie stammten aus der Gegen des bayerischen Ammersees. Für die Bischöfe verwalteten sie den mittleren Teil des Inntals, das Wipptal und das Eisacktal. Die Kirche hatte das Problem, dass sie nur die niedere Gerichtsbarkeit ausüben durfte, nicht aber Blutsgerichtsbarkeit. Sie brauchten Vertreter, die das Weltliche für sie regelten. Das war die Rolle der Vögte. Diese niedrigen Adligen wurden von der Kirche eingesetzt, um deren Besitztümer zu verwalten und zu kontrollieren. In weiten Teilen Tirols übernahmen die Andechser diese Aufgabe. Zur militärischen Kontrolle des mittleren Inntals erbauten die Andechser im heutigen Innsbrucker Stadtteil Amras im Osten Innsbrucks eine Burg, das heutige Schloss Ambras, das im Rahmen einer Fehde mit dem bayerischen Herzog 1133 geplündert und zerstört wurde. 1133 gründeten die Andechser dort, wo sich heute die beiden Stadtteile Mariahilf und St. Nikolaus befinden, einen Markt und verbanden das nördliche und das südliche Innufer über eine Brücke miteinander. Diese Brücke erleichterte den Warenverkehr in den Ostalpen ungemein. Die Zolleinnahmen des Handels zwischen den deutschen und italienischen Städten, die daraus erwirtschaftet wurden, ließen die Siedlung prosperieren. Anbruggen wuchs schnell, der Platz aber zwischen Nordkette und Inn war knapp bemessen. 1180 erwarb Berchtold V. von Andechs deshalb vom Kloster Wilten ein Stück Land auf der Südseite des Inns. Innsbruck war geboren, auch wenn die Siedlung noch kein Stadtrecht hatte. Zudem hatte sich das Stift Wilten im Tauschvertrag gewisse Rechte wie die Hoheit über die Kirche der neuen Marktgemeinde vorbehalten. Die Grafen von Andechs ließen im Zuge der Errichtung der Stadtmauer die Andechser Burg bauen und verlegten ihren Stammsitz von Meran nach Innsbruck. Auch diese Siedlung wuchs rasch und irgendwann zwischen 1187 und 1204 konnten sich die Innsbrucker über das Stadtrecht freuen, das 1239 vom letzten Grafen von Andechs Otto VIII. in einer Urkunde bestätigt wurde. Das erste noch erhalten Wappen Innsbrucks stammt aus dem Jahr 1267 und zeigt die Innbrücke auf den damals zur Sicherung verwendeten Steinkästen. Das Wappen durchlief mehrere Veränderungen durch die Jahrhunderte, blieb aber der Brücke treu. Innsbruck war zu dieser Zeit bereits die Münzprägestätte der Andechser und wäre wohl zur Hauptstadt in deren Fürstentum geworden. Es kam aber anders. Otto VIII. starb im Jahr 1248. Die Grafen von Tirol, die ihre Stammburg in der Nähe von Meran hatten, übernahmen die Kontrolle über das Inntal und die Stadt Innsbruck. Bis 1849 sollte Meran offiziell Landeshauptstadt bleiben, auch wenn Innsbruck als Residenzstadt und Wirtschaftsstandort für Tirol auf der Überholspur war.

Barock: Kunstrichtung und Lebenskunst

Wer in Österreich unterwegs ist, kennt die Kuppen und Zwiebeltürme der Kirchen in Dörfern und Städten. Diese Form der Kirchtürme entstand in der Zeit der Gegenreformation und ist ein typisches Kennzeichen des Barock. Prachtvoll und prunkvoll sollten Gotteshäuser sein, ein Symbol des Sieges des rechten Glaubens. Die Religiosität spiegelte sich in der Kunst wider: Großes Drama, Pathos, Leiden, Glanz und Herrlichkeit vereinten sich zum Barock.  Barock war nicht nur eine Stilrichtung, es war ein Lebensgefühl, das seinen Ausgang zur Mitte des 17. Jahrhunderts nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der Mitteleuropa schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte, nahm. Die Türkengefahr aus dem Osten, die in der zweimaligen Belagerung Wiens gipfelte, bestimmte die Politik, während die Reformation den christlichen Glauben spaltete. Nach den Entbehrungen dieser turbulenten Jahre und der theologischen Streitigkeiten sollte der öffentliche Raum in einem neuen Stil, abseits der dunklen Gotik neu erstrahlen. Die Bedeutung des Religiösen gegenüber dem Weltlichen sowie die Einflussnahme des Religiösen auf das Weltliche nahmen nach der kritischen Renaissance wieder zu. Die Barockkultur war ein zentrales Element des Katholizismus und der politischen Darstellung derselben in der Öffentlichkeit. Der Alltag der Menschen wurde von Feiertagen mit christlichem Hintergrund aufgehellt. Architektur, Musik und Malerei waren reich, füllig und üppig. Man wollte den katholischen Glauben gegenüber dem protestantischen für die Bevölkerung attraktiver machen. Der Strenge Calvins und Luthers, die den Fehler machten, die Volksfrömmigkeit in Form der Wallfahrten, Marien- und Heiligenverehrung als Aberglauben abzutun, ja sogar verbieten zu lassen, gefiel nicht allen. Die Macht des Kaisers wurde vom Papst legitimiert. Die Ideen Martin Luthers und anderer Reformatoren waren nicht nur katholischen Herrschern ein Dorn im Auge. Der Barockstil wurde in der Zeit der Gegenreformation häufig als eine Art Propagandamittel gegen die Reformation genutzt, um die Einheit von Kaisertum und Katholizismus in all seiner Pracht zu demonstrieren. Man musste nicht lesen können, um die allgegenwärtige Bildsprache zu verstehen. Prunk und Protz statt puritanischer Genügsamkeit und sparsamer Lebensart, die Reformatoren zu eigen war. Kreuzwege mit Kapellen durchzogen die Landschaft. Auch absolutistische Fürsten wählten den Barock als architektonisches und künstlerisches Stilmittel, um ihre Macht in der Mode der Zeit zu demonstrieren. Jesus wurde verstärkt als der Gekreuzigte dargestellt, um sein Leiden für die Welt hervorzuheben und so das Leiden der Masse der bäuerlichen Bevölkerung innerhalb des Feudalsystems zu rechtfertigen. Neben Kirchen sind es die prunkvollen Schlösser und Parkanlagen, die in ganz Europa in dieser Zeit errichtet wurden. Das Bürgertum wollte den Adeligen und Fürsten nicht nachstehen und ließen ihre Privathäuser im Stile des Barocks errichten. Auf Bauernhäusern prangen ebenfalls häufig Heiligenbilder, Darstellungen der Mutter Gottes und des Herzen Jesu als eine Art bäuerlicher Barock.

Das Stadtbild Innsbrucks veränderte sich enorm. Viele Palazzi der Neustadt, der heutigen Maria-Theresienstraße erstrahlten unter den Baumeistern der Familie Gumpp (94), oder Johann Georg Fischers. Einer der bekanntesten Vertreter in der Malerei war Franz Altmutter. Seine Bilder verbinden auf überfrachtete Art und Weise Himmel und Erde. Die Antike als Vorbild wie es in der Renaissance üblich war, hatte ausgedient. Die bekanntesten Gotteshäuser Innsbrucks wie der Dom, die Johanneskirche oder die Jesuitenkirche, sind im Stile des Barocks gehalten. Die gotische Altstadt wurde mit Ausnahme des Helblinghaus in ihrem Stil erhalten. Um- und Neubauten sowie Innenräume wurden aber häufig barock ausgestattet. Das Alte Landhaus in der Altstadt, das Neue Landhaus in der Maria-Theresien-Straße, die unzähligen Palazzi, Bilder, Figuren – der Barock war im 17. und 18. Jahrhundert das stilbildende Element des Hauses Habsburg und brannte sich in den Alltag ein. Besonders in Österreich gab es das Phänomen der Barockfrömmigkeit, die von Kaiser und Fürsten zur Erziehung der Untertanen eingesetzt wurde. Auch wenn der Ablass, das Freikaufen von Sünden, in der Zeit nach dem 16. Jahrhundert keine gängige Praxis mehr in der katholischen Kirche war, so gab es doch noch eine rege Vorstellung von Himmel und Hölle. Durch ein tugendhaftes Leben, sprich ein Leben im Einklang mit katholischen Werten und gutem Verhalten als Untertan gegenüber der göttlichen Ordnung, konnte man dem Paradies einen großen Schritt näherkommen. Die sogenannte christliche Erbauungsliteratur war in der Bevölkerung beliebt und zeigte vor, wie das Leben zu führen war. Der Historiker Ernst Hanisch beschrieb den Barock und den Einfluss, den er auf die österreichische Lebensart hatte, so:

Österreich entstand in seiner modernen Form als Kreuzzugsimperialismus gegen die Türken und im Inneren gegen die Reformatoren. Das brachte Bürokratie und Militär, im Äußeren aber Multiethnien. Staat und Kirche probierten den intimen Lebensbereich der Bürger zu kontrollieren. Jeder musste sich durch den Beichtstuhl reformieren, die Sexualität wurde eingeschränkt, die normengerechte Sexualität wurden erzwungen. Menschen wurden systematisch zum Heucheln angeleitet.

Die Rituale und das untertänige Verhalten gegenüber der Obrigkeit hinterließen auch im Alltag ihre Spuren in Verhalten und sozialer Alltagskultur, die katholische Länder wie Österreich und Italien bis heute von protestantisch geprägten Regionen wie Deutschland oder Skandinavien unterscheiden. Die Leidenschaft für akademische Titel der Österreicher hat ihren Ursprung in den barocken Hierarchien. Diese Hierarchien manifestierten sich in einem feudalen System der Patronage, das heute als Vitamin B Korruption im Kleinen begünstigt. Auch die Sprache, das typisch österreichische „Schaumamal“ zum Beispiel, lässt auf barocke Art und Weise dem Sprecher mehr Handlungsspielraum als eine konkrete Aussage. Während man in Deutschland politische Sachlichkeit schätzt, ist der Stil von Politikern in Österreich eher theatralisch, angelehnt an die katholischen Prozessionen, die in protestantischen Ländern nicht Teil des Alltags waren. Der konservative politische Beamte Bernhard Bonelli, der vor Gericht mit einer Zeichnung des Lieben Gottes, die sein Sohn angefertigt hatte, anmerkte, er wäre für einen guten Ausgangs der Verhandlung wallfahrten gegangen, mag skurril erscheinen, ist aber nichts weiter als eine Ausprägung der barocken Tradition Österreichs. Der Ausdruck Barockfürst bezeichnet noch immer einen besonders patriarchal-gönnerhaften Politiker, der mit großen Gesten sein Publikum zu becircen weiß. Es ist kein Zufall, dass die ersten fixen Theater im deutschsprachigen Raum ebenfalls in der Zeit der Gegenreformation entstanden. Nur langsam konnte sich die Aufklärung ausgehend von England und Frankreich, quasi als eine Art Gegenbewegung zur absoluten Frömmigkeit des Barock, durchsetzen. Der bekannteste aufgeklärte Vertreter der Habsburger war Josef II., der Sohn Maria Theresias. Unter ihm begann auch Österreich sich des säkularen Lebens stärker zu besinnen. Beamte, Militärs, Universitätsprofessoren, Lehrer, Juristen, Mediziner und aufgeklärte Theologen wagten sich aus der Deckung um die Vormachtstellung der Kirche, besonders der Jesuiten im Bildungsbereich in Frage zu stellen. Im konservativen Tirol wurden diese Schritte besonders misstrauisch beäugt. Wie man sieht, prägen Barockbauten, aber auch Gebräuche wie Prozessionen, Feiertage und Festlichkeiten, die in dieser Zeit entstanden, das Leben in Österreich bis heute.

Das Jahr 1848 und seine Folgen

Das Revolutionsjahr 1848 ging in die Geschichte Europas als richtungsweisend für Demokratie, Bürgerrechte und Herausbildung der Nationalstaaten ein. Tirol war vom Bürgerkrieg und den Aufständen in Paris, Wien, Prag, Berlin und Budapest zwar nicht nur geographisch, sondern auch gedanklich weit entfernt, trotzdem änderte sich in Folge der Märzrevolution vieles im politischen und sozialen Gefüge. Weltliche und klerikale Obrigkeiten hatten jahrhundertelang von ihren Schäflein verlangt, ihre Wünsche nach allgemein gültiger Moral zum Wohl der Gemeinschaft für sich zu behalten. Während der Aufklärung war es zu einem Umdenken gekommen. Der Individualismus, das Streben des Einzelnen nach Glück, war nicht etwas gänzlich Neues. Nach Adam Smith (1723 – 1790) war der kollektive Wohlstand durch individuelles, ethisches Wirtschaften zu erreichen. Diese ökonomische Überlegung hatte auch Einfluss auf das soziale und politische Verhalten des Einzelnen. Immer mehr Menschen wollten keine Untertanen eines Monarchen oder Landesfürsten mehr sein, sondern Bürger mit Rechten und Pflichten gegenüber einem Staat. Vor allem Studenten, Akademiker und Beamte wollten sich nicht mehr einschränken lassen. Arbeiter hatten zwar andere Bedürfnisse und Wünsche, auch sie rüttelten damit aber am Status Quo. Karl Marx und Friedrich Engels publizierten im Jahr 1848 Das Kommunistische Manifest, in dem sie Arbeiter, die in prekären Verhältnissen vegetierten, zur Revolution riefen. Monarchie und Kanzler Metternichs Polizeistaat probierten diese sozialen Regungen so gut als möglich unter Kontrolle zu halten. Liberales Gedankengut, Zeitungen, Flugblätter, Schriften, Bücher und Vereine standen unter Generalverdacht der Obrigkeit. Die bestehenden Magazine und Zeitschriften mussten sich anpassen oder im Untergrund verbreitet werden, um nicht der Zensur anheimzufallen. Wie in vielen Städten Europas, so standen sich auch in Innsbruck im politisch aufgeheizten Klima des Vormärz verschiedenste Gruppen von Liberalen über frühe Sozialisten und Konservativen gegenüber. Schriftsteller wie Hermann von Gilm (1812 – 1864) und Johann Senn (1792 – 1857), an beide erinnern heute Straßen in Innsbruck, verbreiteten in Tirol anonym politisch motivierte Literatur und Schriften. Der Mix aus großdeutschem Gedankengut und tirolischem Patriotismus vorgetragen mit dem Pathos der Romantik mutet heute eher eigenartig, harmlos und pathetisch an, war aber dem metternich´schen Staatsapparat weder geheuer noch genehm. Alle Arten von Vereinen wie die Innsbrucker Liedertafel und Studentenverbindungen, sogar die Mitglieder des Ferdinandeums wurden streng überwacht. Auch die Schützen standen trotz ihrer demonstrativen Kaisertreue auf der Liste der zu überwachenden Institutionen. Als zu aufsässig galten sie, nicht nur gegenüber fremden Mächten, sondern auch gegenüber der Wiener Zentralstaatlichkeit. Die Arbeiterschaft, die sich in den Innsbrucker Randgebieten durch die zarte Industrialisierung der Stadt bildete, wurde von der Geheimpolizei Metternichs ebenfalls streng überwacht. Besonders St. Nikolaus und Hötting waren als „rote Pflaster“ bekannt. Der Gegenpol der Arbeiter sozial gesehen waren die Studenten, die zum allergrößten Teil der Oberschicht angehörten. Sie forderten vor allem politische Mitsprache, Pressefreiheit und Bürgerrechte.

Im März 1848 entlud sich in vielen Städten Europas dieses soziale und politische Gemisch in Aufständen. Kaiser Ferdinand gab in Wien den Forderungen teilweise nach. Auch wenn Innsbrucks Bevölkerung im Großen und Ganzen Innsbruck aber kaisertreu und weit entfernt von flächendeckend revolutionären Gedanken war, kamen die Folgen auch in der Provinz an. Studenten und Professoren feierten die neue Pressefreiheit mit einem Fackelzug. Gleichzeitig boten sie sich an, das Stadtmagistrat dabei zu unterstützen, die öffentliche Ordnung zu überwachen, um so dem Monarchen ihre Dankbarkeit für die gewährten Freiheiten und ihre Treue zu zeigen. Es kam zu keinen Ausschreitungen oder Übergriffen. Als es in Wien auch nach dem März brodelte, floh Kaiser Ferdinand im Mai nach Innsbruck. Glaubt man den Presseberichten aus dieser Zeit, wurde er hier von der Bevölkerung begeistert empfangen. Sogar die lokale Presse gab sich handzahm und patriotisch:

"Wie heißt das Land, dem solche Ehre zu Theil wird, wer ist das Volk, das ein solches Vertrauen genießt in dieser verhängnißvollen Zeit? Stützt sich die Ruhe und Sicherheit hier bloß auf die Sage aus alter Zeit, oder liegt auch in der Gegenwart ein Grund, auf dem man bauen kann, den der Wind nicht weg bläst, und der Sturm nicht erschüttert? Dieses Alipenland heißt Tirol, gefällts dir wohl? Ja, das tirolische Volk allein bewährt in der Mitte des aufgewühlten Europa die Ehrfurcht und Treue, den Muth und die Kraft für sein angestammtes Regentenhaus, während ringsum Auflehnung, Widerspruch. Trotz und Forderung, häufig sogar Aufruhr und Umsturz toben; Tirol allein hält fest ohne Wanken an Sitte und Gehorsam, auf Religion, Wahrheit und Recht, während anderwärts die Frechheit und Lüge, der Wahnsinn und die Leidenschaften herrschen anstatt folgen wollen. Und während im großen Kaiserreiche sich die Bande überall lockern, oder gar zu lösen drohen; wo die Willkühr, von den Begierden getrieben, Gesetze umstürzt, offenen Aufruhr predigt, täglich mit neuen Forderungen losgeht; eigenmächtig ephemere- wie das Wetter wechselnde Einrichtungen schafft; während Wien, die alte sonst so friedliche Kaiserstadt, sich von der erhitzten Phantasie der Jugend lenken und gängeln läßt, und die Räthe des Reichs auf eine schmähliche Weise behandelt, nach Laune beliebig, und mit jakobinischer Anmaßung, über alle Provinzen verfügend, absetzt und anstellt, ja sogar ohne Ehrfurcht, den Kaiaer mit Sturm-Petitionen verfolgt; während jetzt von allen Seiten her Deputationen mit Ergebenheits-Addressen mit Bittgesuchen und Loyalitätsversicherungen dem Kaiser nach Innsbruck folgen, steht Tirol ganz ruhig, gleich einer stillen Insel, mitten im brausenden Meeressturme, und des kleinen Völkchens treue Brust bildet, wie seine Berge und Felsen, eine feste Mauer in Gesetz und Ordnung, für den Kaiser und das Vaterland."

Innsbruck war wieder Residenz des Kaisers, wenn auch nur für einen Sommer. Ferdinand übergab die Krone an Kaiser Franz Josef I., der die Geschicke Österreich-Ungarns bis in den Ersten Weltkrieg lenken sollte. Im Juli 1848 kam es in Wien in der Hofreitschule zur Abhaltung eines ersten parlamentarischen Reichstages. Der Reformwille der Monarchie flachte nach der Abdankung Ferdinands zu Gunsten Franz Josefs I. schnell wieder ab, die zart in Gang gesetzte Liberalisierung nahm trotzdem ihren Lauf. Auch wenn Tirol konservativ und katholisch-ständisch orientiert war, erhielt Innsbruck im Sog der Liberalisierung nach 1848 und der Landesverfassung den Status einer Stadt mit eigenem Statut. Das Innsbrucker Gemeinderecht sah ein Bürgerrecht vor, das zwar an Besitz oder die Abgabe von Steuern gebunden war, jedoch den Angehörigen der Gemeinde gewisse Rechte gesetzlich zusicherte. Das Heimatrecht konnte durch Geburt, Verehelichung oder außerordentlicher Verleihung erworben werden und verlieh zumindest den männlichen Volljährigen das Wahlrecht auf kommunaler Ebene. Geriet man in finanzielle Notlage, so hatte man das Anrecht auf eine Grundversorgung durch die Stadt. Auch die Pressefreiheit ließ sich nicht mehr aufhalten. Am 2. Juni 1848 erschien die erste Ausgabe der liberal und großdeutsch gesinnten Innsbrucker Zeitung, der obiger Artikel zur Ankunft des Kaisers in Innsbruck entnommen ist. Die Zensur war zwar abgeschafft, trotzdem mussten sich Herausgeber von Zeitungen einigen Schikanen der Obrigkeit unterziehen. So durfte man nicht gegen Landesregierung, Monarchie oder Kirche schreiben, andernfalls war mit Geld- und Haftstrafen zu rechnen. Franz Wiedemann, der Skriptor des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, der die Zeitung von Gründer Joseph Ennemoser übernommen hatte, hielt bis 1852 unter großem finanziellem und gesellschaftlichem Druck durch, bevor der Betrieb der Innsbrucker Zeitung zumindest für einige Jahre wieder eingestellt wurde. 

Eine weitere nachhaltige Veränderung vollzog sich in der Landwirtschaft. Bis dahin war in Tirol der Landesfürst der größte Grundherr. In Innsbruck hielt der Klerus, vor allem das Stift Wilten, einen großen Teil des bäuerlichen Grundes. Kirche und Adel waren nicht steuerpflichtig. Eine unter Josef II. versuchte Ablösung der bäuerlichen Grundlasten von den Grundherren war 1798 gescheitert. Im Revolutionsjahr 1848/49 schließlich wurden in Österreich Grundherrschaft und Untertänigkeitsverhältnis aufgehoben. Abgelöst wurden damit Grundzinsen, Zehent und Robot, wobei diese Arbeiten auf den Gütern der Grundherren ohne Entlohnung der Bauern in Tirol seit dem 16. Jahrhundert ohnehin nicht mehr sehr verbreitet war. Die Grundherren erhielten im Rahmen der Grundentlastung ein Drittel des Wertes ihrer Ländereien vom Staat, ein Drittel wurde als Steuererleichterung gewertet, ein Drittel der Ablöse mussten die Bauern selbst übernehmen. Die Bauern konnten diesen Betrag in Raten innert zwanzig Jahren abzahlen. An den Krediten gingen einige Familien zu Grunde, andere schafften den Schritt erfolgreich. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Die Nachkommen der damals erfolgreichen Bauern genießen durch den geerbten Landbesitz, der auf die Grundentlastung 1848 zurückzuführen ist, die Früchte des Wohlstandes und auch politischen Einfluss durch Grundstücksverkäufe für Wohnbau, Pachten und Ablösen der öffentlichen Hand für Infrastrukturprojekte.

Im Alltag vieler Innsbrucker kam es nach dem Revolutionsjahr 1848 zu einer Verbürgerlichung, bedingt auch durch die Grundentlastung. Adelige investierten das Geld, das sie als Ablöse für ihre Ländereien erhalten hatten, in Industrie und Wirtschaft. Der Kapitalismus moderner Prägung hielt so auch im abgeschiedenen Tirol Einzug. Landwirte ohne Land machten sich vom Umland auf nach Innsbruck, um dort Arbeit zu finden. Der Wechsel vom bäuerlichen Leben des Dorfes in die Stadt beinhaltete mehr als einen örtlichen Wechsel. War der Grundherr am Land noch Herr über das Privatleben seiner Knechte und Mägde und konnte bis zur Sexualität über die Freigabe zur Ehe über deren Lebenswandel bestimmen, war man nun individuell zumindest etwas freier. Diese neue Freiheit gefiel nicht allen, was zu ideologisch motivierten sozialen Spannungen führte. Katholisch-konservative Kräfte standen den Liberalen entgegen. Während im Tiroler Landtag die Konservativen getragen von der ländlichen Bevölkerung die Mehrheit dauerhaft festigen konnten, setzten sich in der Stadt nach und nach die Liberalen durch. Die Konservativen traten für die Beibehaltung des Einflusses der Kirche auf soziale Fragen wie Sozialpolitik und Schulen ein, die Liberalen plädierten für eine Säkularisierung des Alltags nach den Grundsätzen der Aufklärung wie sie in Frankreich seit Napoleon zum Teil vorangetrieben wurde. Damit hielt auch vermehrt die Teilung von Arbeit und Haushalt Einzug. In der Landwirtschaft war diese Trennung weniger streng, weibliche Familienmitglieder arbeiteten am Hof mit und die Wohnstätte war zugleich auch Arbeitsplatz. Arbeiter und Handwerker gingen morgens hingegen zur Arbeit und kamen abends wieder retour, während sich die Frau des Hauses um Kinder und Haushalt kümmerte. Männer als Patriarchen waren noch immer die Familienvorstände, es handelte sich aber nicht mehr um eine Sippe bestehend aus Kindern, Mägden und Knechten, sondern um einen kleinen Familienverband wie wir ihn heute kennen. Die Geschlechterrollen begründeten sich zu dieser Zeit. Die Stadt Innsbruck und das Umland, schon immer unterschiedlich orientiert im Politischen, entfernten sich noch weiter voneinander.

Vereine aller Art, das Phänomen der Freizeit und Teuflisches wie Fahrräder oder Sport kamen auf. Parks wie der Englische Garten rund um das Schloss Ambras waren nicht mehr exklusiv der Aristokratie zugänglich, sondern dienten den Bürgern als Naherholungsgebiete. Nachdem Innsbruck 1849 an Stelle Merans zur Landeshauptstadt und somit auch endgültig zum Zentrum Tirols geworden war, begannen sich ausgehend von hier Parteien zu gründen. In den sich entwickelnden Cafés wurde von der Bürgerschaft die Pressefreiheit in Form von Zeitungen konsumiert und diskutiert. Die bereits erwähnte "Innsbrucker Zeitung" predigte in ihren Artikeln Kaisertreue und großdeutsch-tirolischen Nationalismus, wetterte gegen das Italienertum und Franzosen und pries den Mut Tiroler Soldaten. Ab 1868 stellte die liberal und großdeutsch orientierte Partei den Bürgermeister der Stadt Innsbruck. Kirchen und Klöster hatten es in Innsbruck immer schwerer, ihren Einfluss auf die Sozialstruktur durch die Bildung zu bewahren. Der gesellschaftliche Einfluss der Kirche, der seit den Zeiten Kaisers Maximilian Stück für Stück in ganz Europa unter den Säkularisierungstendenzen brüchiger wurde, nahm in Innsbruck im Gegensatz zu den Umlandgemeinden recht zügig ab. Kapitalismus und Konsum sprangen für ihn als ordnende Elemente in die Bresche, Kaufhäuser, Cafes und Tanzlokale hielten Einzug in den Alltag der Menschen. Wie schwierig diese neue Ordnung im Verhältnis von Rechten und Pflichten war, davon zeugen die Bauten, die Johann von Sieberer ermöglichte. Das Waisenhaus und das Kaiser-Franz-Josef-Greisenasyl waren Infrastruktur, die von der Stadt ob der angespannten finanziellen Lage nicht finanziert werden konnte. Auch Aristokratie und Kirche fielen nach den Reformen von 1848 als Sponsor aus. Sieberer hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Er fühlte sich dem, was Max Weber als protestantische Arbeitsethik bezeichnet hätte zugehörig, ahmte aber den Adel, der ihn erzogen hatte, nach. Seine beiden Bauprojekte waren Statements und Ausdruck eines neuen bürgerlichen Selbstverständnisses.