1796 – 1866: Vom Herzen Jesu bis Königgrätz
1796 - 1866: Vom Herzen Jesu bis Königgrätz
Die Zeit zwischen der Französischen Revolution und der Schlacht bei Königgrätz 1866 war eine kriegerische Periode. Viele der späteren politischen Grundhaltungen und Animositäten gegenüber anderen Gruppen sowie der europäische Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, die auch die Geschichte Innsbruck beeinflussen sollten, hatten ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen dieser Zeit. Die Monarchien Europas, angeführt von den katholischen Habsburgern, hatten der französischen Republik den Krieg erklärt. Das revolutionäre Paris war zwar weit weg und ein flächendeckendes Pressewesen zur Verbreitung von Nachrichten stand nicht zur Verfügung, über Flugblätter und die Kirchenkanzeln wurden die Gottlosigkeit der Mörder Marie Antoinettes aber erfolgreich verbreitet. Die Angst ging um, dass sich der Wahlspruch der Revolution „Liberté, Égalité, Fraternité“ samt seinen Grundsätzen in Europa ausbreiten könnte. Ein junger General namens Napoleon Bonaparte war mit seiner italienischen Armee im Rahmen der Koalitionskriege auf seinem Italienfeldzug 1796 über die Alpen vorgerückt und traf dort auf die österreichischen Truppen. Es war nicht nur ein Krieg um Territorium und Macht, es war ein Kampf der Systeme. Die Grande Armee der revolutionären Republik Frankreich traf auf die Truppen der konservativen und katholischen Habsburger. Tiroler Schützen waren aktiv am Kampfgeschehen beteiligt, um die Landesgrenzen gegen die einrückenden Franzosen zu verteidigen. Die Männer waren es gewohnt, mit Waffen umzugehen und galten als geübte Scharfschützen. Der Historiker Ludwig Denk drückte es in einer Schrift 1860 so aus:
„…Hauptlust des Tirolers ist das Schiessen. Frühe schon nimmt der Vater den Sohn mit auf die Jagd. Nicht selten sieht man Knaben mit geladenem Gewehr herumlaufen und auf hohe Berge steigen und Vogel oder Eichhörnchen schiessen…“
Die Stärke von Kompanien wie den 1796 ins Leben gerufenen Höttinger Schützen lag nicht in der offenen Feldschlacht, sondern im Guerrillakampf. Darüber hinaus hatten sie gegen die fortschrittlichste und modernste Armee der damaligen Zeit eine Geheimwaffe auf ihrer Seite: Das Herz Jesu. Seit 1719 waren jesuitische Missionare bis in die hintersten Seitentäler unterwegs gewesen und hatten den Herz-Jesu-Kult als verbindendes Element erfolgreich im Kampf gegen heidnische Bräuche und Protestantismus etabliert. Nun, da man den gottlosen revolutionären Franzosen gegenüberstand, war es nur logisch, dass das Herz Jesu nach 1703 erneut schützend über die Tiroler Gotteskrieger wachen würde. In aussichtsloser Situation erneuerten die Tiroler Truppen ihren Bund. Gegen jede Wahrscheinlichkeit waren die Schützen erfolgreich in ihrem Abwehrkampf. Der Abt des Klosters Stams beantragte bei den Landständen von nun an alljährlich "das Fest des göttlichen Herzens Jesu mit feierlichem Gottesdienst zu begehen, wenn Tirol von der drohenden Feindesgefahr befreit werde."
Die gewonnene Schlacht änderte nichts am verlorenen Krieg gegen die übermächtigen Truppen Napoleons, der wiederum nichts an der Tiroler Expansion änderte bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang Innsbrucks. Das habsburgische Territorium hatte sich während den Kriegswirren ohne nennenswerte Erfolge auf den Schlachtfeldern, und wohl auch ohne die Hilfe des Herzen Jesu, vergrößert. Das erzbischöfliche Trentino war in einem territorialen Kuhhandel mit dem sperrigen Namen Reichsdeputationshauptschluss in den letzten Atemzügen des Heiligen Römischen Reiches vor dessen Auflösung 1803 zu einem Teil des Kronlandes geworden. Innsbruck hingegen war geschrumpft. Die verstorbenen Soldaten und die kriegsbedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten zu einem Rückgang der Einwohner von gut 9500 um das Jahr 1750 auf etwa 8800 in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Was in nackten Zahlen ausgedrückt wenig spektakulär klingt, hatte eine Stagnation des Stadtlebens zur Folge. Die jungen Männer fehlten als Arbeitskräfte, Ehemänner und Väter. Diese kriegsbedingte Rezession ist kaum Thema in der Stadtgeschichte. Am ehesten kann das fast vollkommene Fehlen biedermeierlicher Architektur im Innsbrucker Stadtbild als Erinnerungsort für diese schwierigen Jahre gesehen werden.
Nach den Napoleonischen Kriegen und der Neuordnung Europas am Wiener Kongress blieb es für etwa 30 Jahre ruhig an den Tiroler Landesgrenzen. Das änderte sich mit dem italienischen Risorgimento, der Nationalbewegung unter Führung Sardinien-Piemonts und Frankreichs. 1848, 1859 und 1866 kam es zu den sogenannten Italienischen Einigungskriegen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts, spätestens seit 1848, war es unter jungen Männern der Oberschicht in ganz Europa zu einem regelrechten nationalen Rausch gekommen. Freiwilligenheere schossen überall aus dem Boden. Studenten und Akademiker, die sich in ihren Verbindungen zusammentaten, Turner, Schützen, alle wollten ihre neue Liebe zur Nation auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen und unterstützten die offiziellen Armeen im Kampf gegen welchen Feind auch immer. Innsbruck war in dieser Zeit als Garnisonsstadt ein wichtiger Versorgungsposten. Nach dem Wiener Kongress war aus dem Tiroler Jägerkorps das k.k. Tiroler Kaiserjägerregiment geworden, eine Eliteeinheit, die in diesen Auseinandersetzungen zum Einsatz kam. Auch freiwillige Einheiten wie die Innsbrucker Akademiker oder die Stubaier Schützen kämpften in Italien. Tausende fielen im Kampf gegen die Koalition aus dem Erzfeind Frankreich, den als besonders gottlos geltenden Rothemden unter Giuseppe Garibaldi und der Bedrohung durch das sich auf Kosten Österreichs konstituierende Königreich Italien unter der Führung der frankophilen Savoyer aus Piemont. Medien heizten die Stimmung abseits der Frontlinie auf. Die "Innsbrucker Zeitung" predigte in ihren Artikeln Kaisertreue und großdeutsch-tirolischen Nationalismus, wetterte gegen das Italienertum und Franzosen und pries den Mut Tiroler Soldaten.
"Die starke Besetzung der Höhen am Ausgange des Valsugana bei Primolano und le Tezze gab schon oft den Innsbrucker-Akademikern I. und den Stubaiern Anlaß, freiwillige Ercur:sionen gegen le Tezze, Fonzago und Fastro, als auch auf das rechte Brenta-Ufer und den Höhen gegen die kleinen Lager von den Sette comuni zu machen...Am 19. schon haben die Stubaier einige Feinde niedergestreckt, als sie sich das erste mal hinunterwagten, indem sie sich ihnen entgegenschlichen..."
Die wohl bekannteste Schlacht der Einigungskriege fand in Solferino 1859 in der Nähe des Gardasees statt. Entsetzt vom blutigen Geschehen entschloss sich Henry Durant das Rote Kreuz zu gründen. Der Schriftsteller Joseph Roth beschrieb das Geschehen auf den ersten Seiten seines Romans Radetzkymarsch.
„In der Schlacht bei Solferino befehligte er (Anm.: Leutnant Trotta) als Leutnant der Infanterie einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei Schritte vor sich sah er die weißen Rücken seiner Soldaten. Die erste Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und sicher des Sieges. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrunken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe.“
Besonders verlustreich für das Kaiserreich Österreich war das Jahr 1866. In Italien gingen Venetien und die Lombardei verloren. Im Norden erfuhr das habsburgische Heer in der Schlacht von Königgrätz eine verheerende Niederlage. Nach diesem kurzen „Bruderkrieg“ übernahm Preußen die Führung im Deutschen Bund, der Nachfolgeorganisation des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, von den Habsburgern. Die Neuorientierung des Kaisertums Österreich Richtung Osten bedeutete für Innsbruck, dass man endgültig zu einer Stadt an der westlichen Peripherie des Reiches geworden war. Damit einher ging eine Renaissance der nationalen Idee, die vor allem im liberalen Großbürgertum Innsbrucks weit verbreitet war. Die Vorliebe für die sogenannte Großdeutsche Lösung, also einer gemeinsamen Staatlichkeit mit dem Deutschen Reich anstatt der k.u.k. Monarchie, war in Innsbruck sehr stark ausgeprägt. Wie sehr diese Deutsche Frage die Stadt spaltete, zeigte sich noch über 30 Jahre später, als der Innsbrucker Gemeinderat dem Eisernen Kanzler Bismarck, der für den Bruderkrieg zwischen Österreich und Deutschland federführend verantwortlich war, eine Straße widmen wollte. Während sich kaisertreue Konservative entsetzt ob dieses Vorschlages zeigten, waren die großdeutschen Liberalen rund um Bürgermeister Wilhelm Greil begeistert. Nach dem Zweiten Weltkrieg half die verlorene Schlacht von Königgrätz bei der österreichischen Argumentation von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, war man doch bereits 1866 aus einem gesamtdeutschen Staat ausgeschieden.
Bis heute reichen die kriegerischen Auseinandersetzungen an den südlichen Tiroler Landesgrenzen in die Tradition und in das Stadtbild. Alljährlich wurden die Herz-Jesu-Feiern mit großem Pomp in der Presse besprochen und angekündigt. Der Kult wurde im 19. und im frühen 20. Jahrhundert zum explosiven Gemisch aus Aberglauben, Katholizismus und völkischem Nationalismus gegen alles Französische und Italienische. Unzählige Soldaten vertrauten ihr Wohl noch im Granatenhagel des Ersten Weltkriegs dem Herzen Jesu an. Neben der Gnadenmutter Cranachs ist das Flammenherz wohl bis heute das beliebteste christliche Motiv im Tiroler Raum und prangt auf der Fassade unzähliger Häuser. Mit dem Tummelplatz, dem Militärfriedhof Pradl und dem Kaiserjägermuseum am Berg Isel besitzt die Stadt mehrere Erinnerungsorte an diese blutigen Konflikte, bei denen viele Innsbrucker ins Feld zogen und nicht mehr zurückkehrten.
Sehenswürdigkeiten dazu…
Verbindungshaus Austria
Josef-Hirn-Straße
Berg Isel
Berg Isel 1
Villa Epp
Hunoldstraße 10
Alter Militärfriedhof Pradl
Anzengruberstraße
Weiherburg & Alpenzoo
Weiherburggasse 37-39
Kirche & Friedhof St. Nikolaus
Schmelzergasse 1
Tummelplatz
Haltestelle Tummelplatz
Katzung & Trautsonhaus & Weinhaus Happ
Herzog-Friedrich-Straße 14/ 16 / 22
Andechsburg
Innrain 1
