Villa Epp
Hunoldstraße 10
Wissenswert
Innsbrucks einziges bis heute erhaltenes Steinhaus wurde 1885 von Josef Nigler für den Innsbrucker Industriellen Alois Epp (1845 - 1896) geplant. Wo heute nur noch die denkmalgeschützte Villa Epp steht, befand sich früher ein ganzes Ensemble an Gebäuden. An das Wohnhaus von Alois Epp schloss dessen Seifenfabrik samt Mensa für die Arbeiter an. In der Gründerzeit war es nicht ungewöhnlich, dass der Besitzer der Fabrik nahe der Produktionsstätte wohnte. Ähnlich verhielt es sich bei der Weyrer´schen Fabrik, die während derselben Epoche im heutigen Mühlau entstand. Die Villa in der Form eines groben Steinblocks wird von einem Baum etwas von der Straße geschützt. Die graue Fassade ist wild bewachsen. Die Villa wirkt wie ein Setting für ein Gruselhaus. Zwar wurde das Gebäude bei einem Luftangriff schwer beschädigt, jedoch 1:1 im Stile eines Renaissancepalazzos wieder aufgebaut. Sogar das ursprüngliche Material, die Tuffsteinquader, wurden aus dem abgebrochenen Festungsbau in Kufstein wiederbeschafft.
Mindestens genauso interessant wie das Gebäude selbst ist die Geschichte der Familie Epp. Alois´ Vater Joseph Epp (1810 – 1878) betrieb in Innsbruck eine Seifensiederei, in der neben Seifen auch Kerzen und Öllampen hergestellt wurden. 1851, Alois war sechs Jahre alt, musste sein Vater eine mehrjährige Haftstrafe wegen Geldfälschung antreten. Mit dem aufsehenerregenden Verbrechen wollte er die schwächelnde Fabrik sanieren. Alois absolvierte seine Schulzeit in Meran und Innsbruck. 1861 ging er nach Stuttgart, um dort das Handwerk für die Übernahme der väterlichen Seifensiederei zu erlernen. Zurück in Tirol begann er sich in der neu eröffneten Seifenfabrik mit eigenen kreativen Ideen einzubringen. Der Betrieb war gemeinsam mit der Baumwollspinnerei und dem Gaswerk der große Antreiber des Wachstums des Stadtteils Pradl im 19. Jahrhundert. Die Zeiten aber waren ebenso unruhig wie das Wesen Epps. 1866 beteiligte er sich mit der Innsbrucker Schützenkompanie am Italienfeldzug der K.u.K. Armee in Cusano, bei der das Kaisertum Österreich den Großteil seiner italienischen Besitzungen trotz siegreicher Schlachten verlorengeben musste. Epp wurde bei den Kampfhandlungen verwundet. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg trat er der Freiwilligen Feuerwehr bei und war maßgeblich am Aufbau des Landesfeuerwehrverbandes und der Errichtung eines Fonds für verunglückte Feuerwehrmänner beteiligt. 1873 gab Epp das Buch „Über Feuerlöschwesen“ heraus. Interne Streitigkeiten bewogen ihn allerdings zum Rückzug aus dem Verband. Im selben Jahr war es in Europa zu einer Wirtschaftskrise gekommen, die auch Innsbrucker Unternehmen stark in Mitleidenschaft zog. Dank des Fleißes und der innovativen Duftkreationen wie König Laurins Rosengarten überstand Epp auch den Gründerkrach. 1885 kehrte er in die Reihen der Florianijünger zurück, diesmal allerdings mit politischem Rückhalt. Mittlerweile war er nicht nur Besitzer der Seifenfabrik und wichtiger Arbeitgeber in Pradl, sondern auch Mitglied des großdeutsch orientierten Innsbrucker Gemeinderats. 1890 wurde der Vater von sechs Kindern zum Obmann der Deutsch-Tirolischen Feuerwehr gewählt. Eine Berufsfeuerwehr erhielt Innsbruck im Jahr 1899 unter Wilhelm Greil. Epp starb mit nur 51 Jahren, wohl auch seinem immensen Arbeitspensum für Fabrik, Politik und Familie geschuldet. Die Parfümerie Nägele&Strubell in der Schlossergasse, geht zurück auf die Parfümerie Epp, die als Handelsniederlassung für die Waren aus der Fabrik diente.
Innsbrucks Industrielle Revolutionen
Innsbruck war immer schon vorwiegend Handels-, Tourismus und Universitätsstadt, zumindest im Selbstbild. Tatsächlich spielte das erzeugende Gewerbe aber eine gewichtige Rolle in der Stadtgeschichte. Im 15. Jahrhundert begann sich eine frühe Form der Industrialisierung aus dem traditionellen Handwerk zu entwickeln. Die Metallverarbeitung florierte unter der aufsteigenden Bauwirtschaft in der boomenden Residenzstadt und der Herstellung von Waffen und Rüstungen. Viele Faktoren trafen dafür zusammen. Die verkehrsgünstige Lage der Stadt, die Verfügbarkeit von Wasserkraft, Innsbrucks politischer Aufstieg, das Knowhow der Handwerker und die Verfügbarkeit von Kapital unter Maximilian ermöglichten den Aufbau der notwendigen Infrastruktur. Glocken- und Waffengießer wie die Löfflers errichteten in Hötting, Mühlau und Dreiheiligen Betriebe, die zu den führenden Werken Europas ihrer Zeit gehörten. Entlang des Sillkanals nutzten Mühlen und Betriebe die Wasserkraft zur Energiegewinnung. Pulverstampfer und Silberschmelzen hatten sich in der Silbergasse, der heutigen Universitätsstraße, angesiedelt. In der heutigen Adamgasse gab es in unmittelbarer Nähe zur Stadt eine Munitionsfabrik, die 1636 explodierte.
Das Geld aus der Metallverarbeitung kurbelte auch andere Wirtschaftszweige an. Anfang des 17. Jahrhunderts waren 270 Betriebe in Innsbruck ansässig, die Meister, Gesellen und Lehrlinge in Lohn und Brot hatten. Der größte Teil der Innsbrucker war zwar noch immer in der Verwaltung tätig, Gewerbe, Handwerk und das Geld, das sich damit verdienen ließ, zogen aber eine neue Schicht von Menschen an. Es kam zu einer Umschichtung innerhalb der Stadt. Bürger und Betriebe wurden von der Beamtenschaft und dem Adel aus der Neustadt verdrängt. Die meisten der barocken Palazzi, die heute die Maria-Theresienstraße schmücken, entstanden im 17. Jahrhundert während Dreiheiligen und St. Nikolaus zu Innsbrucks Industrie- und Arbeitervierteln wurden. Neben der Metallverarbeitung rund um die Silbergasse siedelten sich auch Gerber, Tischler, Wagner, Baumeister, Steinmetze und andere Handwerker der frühen Industrialisierung hier an.
Die Industrie änderte nicht nur die Spielregeln im Sozialen durch den Zuzug neuer Arbeitskräfte und ihrer Familien, sie hatte auch Einfluss auf die Erscheinung Innsbrucks. Die Arbeiter waren, anders als die Bauern, keines Herren Untertanen, auch wenn sie natürlich dem strengen Gehorsam ihres Brötchengebers unterworfen waren. Unternehmer waren zwar nicht von edlem Blut, sie hatten aber oft mehr Kapital zur Verfügung als die Aristokratie. Die alten Hierarchien bestanden zwar noch, begannen aber zumindest etwas brüchig zu werden. Die neuen Bürger brachten neue Mode mit und kleideten sich anders. Kapital von außerhalb kam in die Stadt. Wohnhäuser und Kirchen für die neu zugezogenen Untertanen entstanden. Die Arbeiterviertel vor den Toren der Stadt wurden von den alteingesessenen Innsbruckern argwöhnisch beäugt, nicht zuletzt, weil den überfüllten Siedlungen nachgesagt wurde, Brutstätten für Pestausbrüche zu sein. Die großen Werkstätten veränderten den Geruch und den Klang der Stadt. Die Hüttenwerke waren laut, der Rauch der Öfen verpestete die Luft. Innsbruck war von einer kleinen Siedlung an der Innbrücke zu einer Proto-Industriestadt geworden.
Das Wachstum wurde Ende des 18. Jahrhunderts für einige Jahrzehnte von den Napoleonischen Kriegen gebremst. Die zweite Welle der Industrialisierung erfolgte im Verhältnis zu anderen europäischen Regionen in Innsbruck spät. Ein Grund dafür war die späte Etablierung eines funktionierenden Bankenwesens in der Stadt. Braven Katholiken galten Bänker noch immer als „Wucherer und Borger“ und das Geschäft mit dem Geld galt als unanständig. Ohne Finanzierung konnten aber auch große Unternehmungen nicht gegründet werden. Die Tiroler Landesregierung hatte zwar 1715 die so genannte Banko gegründet und in der Herzog-Friedrich-Straße gab es die Privatbank Bederunger, erst mit der Gründung der ersten Filiale der Sparkasse wurde es möglich, sein Geld nicht mehr unter dem Kopfpolster zu verwahren. Nach 1850 begann man Kredite zu vergeben, was die Gründung heimischer größerer Betriebe ermöglichte. Das Kleine Handwerk, die bäuerliche Herstellung von allerlei Gebrauchsgegenständen vor allem im weniger arbeitsintensiven Winter, und die ehemaligen in Zünften organisierten Handwerksbetriebe der Stadt gerieten unter den Errungenschaften der modernen Warenherstellung unter Druck. In St. Nikolaus, Wilten, Mühlau und Pradl entstanden entlang des Mühlbaches und des Sillkanals moderne Fabriken. Viele innovative Betriebsgründer kamen von außerhalb Innsbrucks. Im heutigen Haus Innstraße 23 gründete der aus der Lausitz nach Innsbrucker übersiedelte Peter Walde 1777 sein Unternehmen, in dem aus Fett gewonnene Produkte wie Talglichter und Seifen hergestellt wurden. Acht Generationen später besteht Walde als eines der ältesten Familienunternehmen Österreichs noch immer. Im denkmalgeschützten Stammhaus mit gotischem Gewölbe kann man heute das Ergebnis der jahrhundertelangen Tradition in Seifen- und Kerzenform kaufen. Franz Josef Adam kam aus dem Vinschgau, um die bis dato größte Brauerei der Stadt in einem ehemaligen Adelsansitz zu gründen. 1838 kam die Spinnmaschine über die Dornbirner Firma Herrburger & Rhomberg über den Arlberg nach Pradl. H&R hatte ein Grundstück an den Sillgründen erworben. Der Platz eignete sich dank der Wasserkraft des Flusses ideal für die schweren Maschinen der Textilindustrie. Neben der traditionellen Schafwolle wurde nun auch Baumwolle verarbeitet.
Wie 400 Jahre zuvor veränderte auch die Zweite Industrielle Revolution die Stadt und den Alltag ihrer Einwohner nachhaltig. Stadtteile wie Mühlau, Pradl und Wilten wuchsen rasant. Die Betriebe standen oft mitten in den Wohngebieten. Über 20 Betriebe nutzten um 1900 noch immer den Sillkanal. Die Haidmühle in der Salurnerstraße bestand von 1315 bis 1907. In der Dreiheiligenstraße wurde eine Textilfabrik mit der Energie des Sillkanals versorgt. Der Lärm und die Abgase der Motoren waren für die Anrainer die Hölle, wie ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1912 zeigt:
„Entrüstung ruft bei den Bewohnern des nächst dem Hauptbahnhofe gelegenen Stadtteiles der seit einiger Zeit in der hibler´schen Feigenkaffeefabrik aufgestellte Explosionsmotor hervor. Der Lärm, welchen diese Maschine fast den ganzen Tag ununterbrochen verbreitet, stört die ganz Umgebung in der empfindlichsten Weise und muß die umliegenden Wohnungen entwerten. In den am Bahnhofplatze liegenden Hotels sind die früher so gesuchten und beliebten Gartenzimmer kaum mehr zu vermieten. Noch schlimmer als der ruhestörende Lärm aber ist der Qualm und Gestank der neuen Maschine…“
Aristokraten, die sich zu lange auf ihrem Geburtsverdienst in edler Muse arrangierten, während sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spielregeln änderten, mussten ihre Anwesen an den neuen Geldadel verkaufen. Im Palais Sarnthein gegenüber der Triumphpforte, 1689 von Johann Anton Gumpp für David Graf Sarnthein noch als barocker Ansitz geplant, zog die Waffenfabrik und das Geschäft von Johann Peterlongo ein. Geschickte Mitglieder des Adelsstandes nutzten ihre Voraussetzungen und investierten Familienbesitz und Erträge aus der bäuerlichen Grundentlastung von 1848 in Industrie und Wirtschaft. Der steigende Arbeitskräftebedarf wurde von ehemaligen Knechten und Landwirten ohne Land gedeckt. Während sich die neue vermögende Unternehmerklasse Villen in Wilten, Pradl und dem Saggen bauen ließ und mittlere Angestellte in Wohnhäusern in denselben Vierteln wohnten, waren die Arbeiter in Arbeiterwohnheimen und Massenunterkünften untergebracht. Die einen sorgten in Betrieben wie dem Gaswerk, dem Steinbruch oder in einer der Fabriken für den Wohlstand, während ihn die anderen konsumierten. Schichten von 12 Stunden in engen, lauten und rußigen Bedingungen forderten den Arbeitern alles ab. Zu einem Verbot der Kinderarbeit kam es erst ab den 1840er Jahren. Frauen verdienten nur einen Bruchteil dessen, was Männer bekamen. Die Arbeiter wohnten oft in von ihren Arbeitgebern errichteten Mietskasernen und waren ihnen mangels eines Arbeitsrechtes auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Es gab weder Sozial- noch Arbeitslosenversicherungen. Wer nicht arbeiten konnte, war auf die Wohlfahrtseinrichtungen seines Heimatortes angewiesen. Angemerkt sei, dass sich dieser für uns furchterregende Alltag der Arbeiter nicht von den Arbeitsbedingungen in den Dörfern unterschied, sondern sich daraus entwickelte. Auch in der Landwirtschaft waren Kinderarbeit, Ungleichheit und prekäre Arbeitsverhältnisse die Regel.
Die Industrialisierung betraf aber nicht nur den materiellen Alltag. Innsbruck erfuhr eine Gentrifizierung wie man sie heute in angesagten Großstadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg in Berlin beobachten kann. Der Wechsel vom bäuerlichen Leben des Dorfes in die Stadt beinhaltete mehr als einen örtlichen Wechsel. Wie die Menschen die Verstädterung des ehemals ländlichen Bereichs erlebten, lässt uns der Innsbrucker Schriftsteller Josef Leitgeb in einem seiner Texte wissen:
„…viel fremdes, billig gekleidetes Volk, in wachsenden Wohnblocks zusammengedrängt, morgens, mittags und abends die Straßen füllend, wenn es zur Arbeit ging oder von ihr kam, aus Werkstätten, Läden, Fabriken, vom Bahndienst, die Gesichter oft blaß und vorzeitig alternd, in Haltung, Sprache und Kleidung nichts Persönliches mehr, sondern ein Allgemeines, massenhaft Wiederholtes und Wiederholbares: städtischer Arbeitsmensch. Bahnhof und Gaswerk erschienen als Kern dieser neuen, unsäglich fremden Landschaft.“
Für viele Innsbrucker aus unterschiedlichen Sphären kam es nach dem Revolutionsjahr 1848 und den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten zur Verbürgerlichung. Geschichten, von Menschen, die mit Fleiß, Glück, Talent und etwas finanzieller Starthilfe aufstiegen, gab es immer wieder. Bekannte Innsbrucker Beispiele außerhalb der Hotellerie und Gastronomie, die bis heute existieren sind die Tiroler Glasmalerei, der Lebensmittelhandel Hörtnagl oder die Seifenfabrik Walde. Erfolgreiche Unternehmer übernahmen die einstige Rolle der adeligen Grundherren. Gemeinsam mit den zahlreichen Akademikern bildeten sie eine neue Schicht, die auch politisch mehr und mehr Einfluss gewann. Beda Weber schrieb 1851 anerkennend: „Ihre gesellschaftlichen Kreise sind ohne Zwang, es verräth sich schon deutlich etwas Großstädtisches, das man anderwärts in Tirol nicht so leicht antrifft."
Auch die Arbeiter verbürgerlichten. War der Grundherr am Land noch Herr über das Privatleben seiner Knechte und Mägde und konnte bis zur Sexualität über die Freigabe zur Ehe über deren Lebenswandel bestimmen, waren die Arbeiter nun individuell zumindest etwas freier. Sie wurden zwar nur schlecht bezahlt, immerhin erhielten sie aber nun ihren eigenen Lohn anstelle von Kost und Logis und konnten ihre Privatangelegenheiten für sich regeln ohne grundherrschaftliche Vormundschaft.
Die Kehrseite dieser neu gewonnen Selbstbestimmung traten vor allem in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung zu Tage. Es gab kaum staatliche Infrastruktur für Kranken- und Familienfürsorge. Krankenvorsorge, Pension, Altersheime und Kindergärten waren noch nicht erfunden, hatte die bäuerliche Großfamilie diese Aufgaben vielfach bis jetzt übernommen. In den Arbeitervierteln tummelten sich unter Tags unbeaufsichtigte Kinder: Betroffen waren vor allem die kleinsten, die noch nicht unter die Schulpflicht fielen. 1834 gründete sich nach einem Aufruf des Tiroler Landesgubernators ein Frauenverein, der Kinderverwahranstalten in den Arbeitervierteln St. Nikolaus, Dreiheiligen und in Angerzell, der heutigen Museumstraße, betrieb. Ziel war es nicht nur die Kinder von der Straße fernzuhalten und sie mit Kleidung und Nahrung zu versorgen, sondern ihnen auch Manieren, züchtige Ausdrucksweise und tugendhaftes Verhalten beizubringen. Die Wärterinnen sorgten mit strenger Hand für „Reinlichkeit, Ordnung und Folgsamkeit“ dafür, dass die Kinder zumindest ein Mindestmaß an Fürsorge erfuhren. Die ehemalige Bewahranstalt in der Paul-Hofhaimer-Gasse hinter dem Ferdinandeum gibt es bis heute, der klassizistische Bau beherbergt den Integrationskindergarten der Caritas und einen Betriebskindergarten des Landes Tirol.
Innsbruck ist keine traditionelle Arbeiterstadt. Zur Bildung einer bedeutenden Arbeiterbewegung wie in Wien kam es in Tirol trotzdem nie. Zwar gab es Sozialdemokraten und eine Handvoll Kommunisten, die Zahl der Arbeiter war aber immer zu klein, um wirklich etwas zu bewegen. Maiaufmärsche werden vom Großteil der Menschen maximal wegen billiger Schnitzel und Freibier besucht. Auch sonst gibt es kaum Erinnerungsorte an die Industrialisierung und die Errungenschaften der Arbeiterschaft. In der St.-Nikolaus-Gasse und in vielen Mietzinshäusern in Wilten und Pradl haben sich vereinzelt Häuser erhalten, die einen Eindruck vom Alltag der Innsbrucker Arbeiterschaft geben.
1796 - 1866: Vom Herzen Jesu bis Königgrätz
Die Zeit zwischen der Französischen Revolution und der Schlacht bei Königgrätz 1866 war eine kriegerische Periode. Viele der späteren politischen Grundhaltungen und Animositäten gegenüber anderen Gruppen sowie der europäische Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, die auch die Geschichte Innsbruck beeinflussen sollten, hatten ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen dieser Zeit. Die Monarchien Europas, angeführt von den katholischen Habsburgern, hatten der französischen Republik den Krieg erklärt. Das revolutionäre Paris war zwar weit weg und ein flächendeckendes Pressewesen zur Verbreitung von Nachrichten stand nicht zur Verfügung, über Flugblätter und die Kirchenkanzeln wurden die Gottlosigkeit der Mörder Marie Antoinettes aber erfolgreich verbreitet. Die Angst ging um, dass sich der Wahlspruch der Revolution „Liberté, Égalité, Fraternité“ samt seinen Grundsätzen in Europa ausbreiten könnte. Ein junger General namens Napoleon Bonaparte war mit seiner italienischen Armee im Rahmen der Koalitionskriege auf seinem Italienfeldzug 1796 über die Alpen vorgerückt und traf dort auf die österreichischen Truppen. Es war nicht nur ein Krieg um Territorium und Macht, es war ein Kampf der Systeme. Die Grande Armee der revolutionären Republik Frankreich traf auf die Truppen der konservativen und katholischen Habsburger. Tiroler Schützen waren aktiv am Kampfgeschehen beteiligt, um die Landesgrenzen gegen die einrückenden Franzosen zu verteidigen. Die Männer waren es gewohnt, mit Waffen umzugehen und galten als geübte Scharfschützen. Der Historiker Ludwig Denk drückte es in einer Schrift 1860 so aus:
„…Hauptlust des Tirolers ist das Schiessen. Frühe schon nimmt der Vater den Sohn mit auf die Jagd. Nicht selten sieht man Knaben mit geladenem Gewehr herumlaufen und auf hohe Berge steigen und Vogel oder Eichhörnchen schiessen…“
Die Stärke von Kompanien wie den 1796 ins Leben gerufenen Höttinger Schützen lag nicht in der offenen Feldschlacht, sondern im Guerrillakampf. Darüber hinaus hatten sie gegen die fortschrittlichste und modernste Armee der damaligen Zeit eine Geheimwaffe auf ihrer Seite: Das Herz Jesu. Seit 1719 waren jesuitische Missionare bis in die hintersten Seitentäler unterwegs gewesen und hatten den Herz-Jesu-Kult als verbindendes Element erfolgreich im Kampf gegen heidnische Bräuche und Protestantismus etabliert. Nun, da man den gottlosen revolutionären Franzosen gegenüberstand, war es nur logisch, dass das Herz Jesu nach 1703 erneut schützend über die Tiroler Gotteskrieger wachen würde. In aussichtsloser Situation erneuerten die Tiroler Truppen ihren Bund. Gegen jede Wahrscheinlichkeit waren die Schützen erfolgreich in ihrem Abwehrkampf. Der Abt des Klosters Stams beantragte bei den Landständen von nun an alljährlich "das Fest des göttlichen Herzens Jesu mit feierlichem Gottesdienst zu begehen, wenn Tirol von der drohenden Feindesgefahr befreit werde."
Die gewonnene Schlacht änderte nichts am verlorenen Krieg gegen die übermächtigen Truppen Napoleons, der wiederum nichts an der Tiroler Expansion änderte bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang Innsbrucks. Das habsburgische Territorium hatte sich während den Kriegswirren ohne nennenswerte Erfolge auf den Schlachtfeldern, und wohl auch ohne die Hilfe des Herzen Jesu, vergrößert. Das erzbischöfliche Trentino war in einem territorialen Kuhhandel mit dem sperrigen Namen Reichsdeputationshauptschluss in den letzten Atemzügen des Heiligen Römischen Reiches vor dessen Auflösung 1803 zu einem Teil des Kronlandes geworden. Innsbruck hingegen war geschrumpft. Die verstorbenen Soldaten und die kriegsbedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten zu einem Rückgang der Einwohner von gut 9500 um das Jahr 1750 auf etwa 8800 in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Was in nackten Zahlen ausgedrückt wenig spektakulär klingt, hatte eine Stagnation des Stadtlebens zur Folge. Die jungen Männer fehlten als Arbeitskräfte, Ehemänner und Väter. Diese kriegsbedingte Rezession ist kaum Thema in der Stadtgeschichte. Am ehesten kann das fast vollkommene Fehlen biedermeierlicher Architektur im Innsbrucker Stadtbild als Erinnerungsort für diese schwierigen Jahre gesehen werden.
Nach den Napoleonischen Kriegen und der Neuordnung Europas am Wiener Kongress blieb es für etwa 30 Jahre ruhig an den Tiroler Landesgrenzen. Das änderte sich mit dem italienischen Risorgimento, der Nationalbewegung unter Führung Sardinien-Piemonts und Frankreichs. 1848, 1859 und 1866 kam es zu den sogenannten Italienischen Einigungskriegen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts, spätestens seit 1848, war es unter jungen Männern der Oberschicht in ganz Europa zu einem regelrechten nationalen Rausch gekommen. Freiwilligenheere schossen überall aus dem Boden. Studenten und Akademiker, die sich in ihren Verbindungen zusammentaten, Turner, Schützen, alle wollten ihre neue Liebe zur Nation auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen und unterstützten die offiziellen Armeen im Kampf gegen welchen Feind auch immer. Innsbruck war in dieser Zeit als Garnisonsstadt ein wichtiger Versorgungsposten. Nach dem Wiener Kongress war aus dem Tiroler Jägerkorps das k.k. Tiroler Kaiserjägerregiment geworden, eine Eliteeinheit, die in diesen Auseinandersetzungen zum Einsatz kam. Auch freiwillige Einheiten wie die Innsbrucker Akademiker oder die Stubaier Schützen kämpften in Italien. Tausende fielen im Kampf gegen die Koalition aus dem Erzfeind Frankreich, den als besonders gottlos geltenden Rothemden unter Giuseppe Garibaldi und der Bedrohung durch das sich auf Kosten Österreichs konstituierende Königreich Italien unter der Führung der frankophilen Savoyer aus Piemont. Medien heizten die Stimmung abseits der Frontlinie auf. Die "Innsbrucker Zeitung" predigte in ihren Artikeln Kaisertreue und großdeutsch-tirolischen Nationalismus, wetterte gegen das Italienertum und Franzosen und pries den Mut Tiroler Soldaten.
"Die starke Besetzung der Höhen am Ausgange des Valsugana bei Primolano und le Tezze gab schon oft den Innsbrucker-Akademikern I. und den Stubaiern Anlaß, freiwillige Ercur:sionen gegen le Tezze, Fonzago und Fastro, als auch auf das rechte Brenta-Ufer und den Höhen gegen die kleinen Lager von den Sette comuni zu machen...Am 19. schon haben die Stubaier einige Feinde niedergestreckt, als sie sich das erste mal hinunterwagten, indem sie sich ihnen entgegenschlichen..."
Die wohl bekannteste Schlacht der Einigungskriege fand in Solferino 1859 in der Nähe des Gardasees statt. Entsetzt vom blutigen Geschehen entschloss sich Henry Durant das Rote Kreuz zu gründen. Der Schriftsteller Joseph Roth beschrieb das Geschehen auf den ersten Seiten seines Romans Radetzkymarsch.
„In der Schlacht bei Solferino befehligte er (Anm.: Leutnant Trotta) als Leutnant der Infanterie einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei Schritte vor sich sah er die weißen Rücken seiner Soldaten. Die erste Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und sicher des Sieges. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrunken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe.“
Besonders verlustreich für das Kaiserreich Österreich war das Jahr 1866. In Italien gingen Venetien und die Lombardei verloren. Im Norden erfuhr das habsburgische Heer in der Schlacht von Königgrätz eine verheerende Niederlage. Nach diesem kurzen „Bruderkrieg“ übernahm Preußen die Führung im Deutschen Bund, der Nachfolgeorganisation des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, von den Habsburgern. Die Neuorientierung des Kaisertums Österreich Richtung Osten bedeutete für Innsbruck, dass man endgültig zu einer Stadt an der westlichen Peripherie des Reiches geworden war. Damit einher ging eine Renaissance der nationalen Idee, die vor allem im liberalen Großbürgertum Innsbrucks weit verbreitet war. Die Vorliebe für die sogenannte Großdeutsche Lösung, also einer gemeinsamen Staatlichkeit mit dem Deutschen Reich anstatt der k.u.k. Monarchie, war in Innsbruck sehr stark ausgeprägt. Wie sehr diese Deutsche Frage die Stadt spaltete, zeigte sich noch über 30 Jahre später, als der Innsbrucker Gemeinderat dem Eisernen Kanzler Bismarck, der für den Bruderkrieg zwischen Österreich und Deutschland federführend verantwortlich war, eine Straße widmen wollte. Während sich kaisertreue Konservative entsetzt ob dieses Vorschlages zeigten, waren die großdeutschen Liberalen rund um Bürgermeister Wilhelm Greil begeistert. Nach dem Zweiten Weltkrieg half die verlorene Schlacht von Königgrätz bei der österreichischen Argumentation von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, war man doch bereits 1866 aus einem gesamtdeutschen Staat ausgeschieden.
Bis heute reichen die kriegerischen Auseinandersetzungen an den südlichen Tiroler Landesgrenzen in die Tradition und in das Stadtbild. Alljährlich wurden die Herz-Jesu-Feiern mit großem Pomp in der Presse besprochen und angekündigt. Der Kult wurde im 19. und im frühen 20. Jahrhundert zum explosiven Gemisch aus Aberglauben, Katholizismus und völkischem Nationalismus gegen alles Französische und Italienische. Unzählige Soldaten vertrauten ihr Wohl noch im Granatenhagel des Ersten Weltkriegs dem Herzen Jesu an. Neben der Gnadenmutter Cranachs ist das Flammenherz wohl bis heute das beliebteste christliche Motiv im Tiroler Raum und prangt auf der Fassade unzähliger Häuser. Mit dem Tummelplatz, dem Militärfriedhof Pradl und dem Kaiserjägermuseum am Berg Isel besitzt die Stadt mehrere Erinnerungsorte an diese blutigen Konflikte, bei denen viele Innsbrucker ins Feld zogen und nicht mehr zurückkehrten.
Wilhelm Greil: DER Bürgermeister Innsbrucks
Einer der wichtigsten Akteure der Innsbrucker Stadtgeschichte war Wilhelm Greil (1850 – 1928). Von 1896 bis 1923 bekleidete der Unternehmer das Amt des Bürgermeisters, nachdem er vorher bereits als Vizebürgermeister die Geschicke der Stadt mitgestaltet hatte. Sein Wirken war nicht nur lange, sondern fand auch in einer besonders dynamischen Zeit statt. Die vier Jahrzehnte zwischen der Wirtschaftskrise 1873 und dem Ersten Weltkrieg von einem nie dagewesenen Wachstum und einer rasenden Modernisierung gekennzeichnet. Es war die Zeit der Eingemeindung ganzer Stadtviertel, technischer Innovationen und neuer Medien. Private Investitionen in Infrastruktur wie Eisenbahn, Energie und Strom waren vom Staat gewünscht und wurden steuerlich begünstigt, um die Länder und Städte der kränkelnden Donaumonarchie in die Moderne zu führen. Die Wirtschaft der Stadt boomte. Betriebe in den neuen Stadtteilen Pradl und Wilten entstanden und lockten Arbeitskräfte an. Auch der Tourismus brachte frisches Kapital in die Stadt.
Die politische Landschaft der späten K.u.K. Monarchie war zusammengefasst geprägt von liberalen nationalistischen Parteien der einzelnen Volksgruppen des Vielvölkerreichs, Konservativen und Sozialdemokraten. Die katholisch-konservative Partei hatte schon an Einfluss verloren und galt als antiquiert, Rückhalt nur noch unter Kleinbürgern und Bauern, bildete aber mit den reformkatholischen Christlichsozialen in Tirol einen Block. Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschnationale waren, wenn man so will, die Vorgänger der heutigen Parlamentsparteien SPÖ, ÖVP und FPÖ. Innsbrucks Gemeinderat war lange von der liberalen und großdeutsch-nationalen „Deutschen Volkspartei“ geprägt, der auch Greil angehörte. Was heute als Widerspruch erscheint, liberal und national, war im 19. Jahrhundert ein politisch übliches und gut funktionierendes Gedankenpaar. Der Pangermanismus war keine politische Besonderheit einer rechtsradikalen Minderheit, sondern besonders in deutschsprachigen Städten des Reiches eine Strömung der Mitte, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg durch fast alle Parteien hindurch in unterschiedlicher Ausprägung Bedeutung hatte. Wer Presseartikel der Zeit rund um die Jahrhundertwende unter die Lupe nimmt, findet unzählige Artikel, in denen das Gemeinsame zwischen dem Deutschen Reich und den deutschsprachigen Ländern zum Thema des Tages gemacht wurde. Innsbrucker, die auf sich hielten, bezeichneten sich nicht als Österreicher, sondern als Deutsche. Erst mit der Eingemeindung von Wilten und Pradl 1904 konnten die Konservativen Boden gutmachen, jedoch nicht ganz aufholen. Die Sozialdemokratie spielte bis 1918 kaum eine Rolle. Bedingt durch eine Wahlordnung, die auf das Stimmrecht über Vermögensklassen aufgebaut war, konnten nur etwa 10% der Innsbrucker Bevölkerung zur Wahlurne schreiten. Frauen waren prinzipiell ausgeschlossen. Dabei galt das relative Wahlrecht innerhalb der drei Wahlkörper, was so viel heißt wie: The winner takes it all. Bürgermeister Greil wohnte passenderweise ähnlich einem Renaissancefürsten. Er entstammte der großbürgerlichen Upper Class. Sein Vater konnte es sich leisten, im Palais Lodron in der Maria-Theresienstraße die Homebase der Familie zu gründen. Dank dieses Wahlstatuts konnte Bürgermeister Greil bis in die Zeit der Ersten Republik auf 100% Rückhalt im Gemeinderat bauen, was die Entscheidungsfindung und Lenkung natürlich erheblich vereinfachte. Bei aller Effizienz, die Innsbrucker Bürgermeister bei oberflächlicher Betrachtung an den Tag legten, sollte man nicht vergessen, dass das nur möglich war, weil sie als Teil einer Elite aus Unternehmern, Handelstreibenden und Freiberuflern ohne nennenswerte Opposition und Rücksichtnahme auf andere Bevölkerungsgruppen wie Arbeitern, Handwerkern und Angestellten in einer Art gewählten Diktatur durchregierten. Das Reichsgemeindegesetz von 1862 verlieh Städten wie Innsbruck und damit den Bürgermeistern größere Befugnisse. Es verwundert kaum, dass die Amtskette, die Greil zu seinem 60. Geburtstag von seinen Kollegen im Gemeinderat verliehen bekam, den Ordensketten des alten Adels erstaunlich ähnelte. Greil war aber auch ein geschickter Politiker, der sich innerhalb der vorgegebenen Machtstrukturen und Medienlandschaft seiner Zeit gekonnt bewegte. Artikel 17 des österreichischen Staatsgrundgesetzes von 1867, bekannt als Dezemberverfassung, sicherte zum ersten Mal eine freie Meinungsäußerung in der Presse ohne vorherige Zensur, ausgenommen strafbarer Inhalte wie Gotteslästerung oder Beleidung der Obrigkeit selbstverständlich. In der Folge etablierte sich eine Vielzahl an Zeitungen wie der konservativen Neuen Tiroler Stimme, der sozialdemokratischen Volkszeitung oder den liberalen Innsbrucker Nachrichten, die ein Weltbild nach dem Gusto der Herausgeber für ihr Publikum gestalteten. Dank der Reichweite der Innsbrucker Nachrichten konnte Wilhelm Greil seine Sicht der Trotz seiner teils heftigen, an die Programmatik der Gründerfigur der Deutschnationalen Georg Ritter von Schönerer (1842 – 1921) angelehnten Reden schaffte er es sich mit den konservativen Kräften im Land zu arrangieren, auch wenn es nicht nur medial häufig ordentlich krachte. Steuern, Gesellschaftspolitik, Bildungswesen, Wohnbau und die Gestaltung des öffentlichen Raumes wurden mit Leidenschaft und Eifer diskutiert, oft genug auch mit Gewalt als letztgültigem Argument.
Unter Greils Ägide und dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, angeheizt von privaten Investitionen, erweiterte sich Innsbruck im Eiltempo. Der Gemeinderat kaufte ganz im Stil eines Kaufmanns vorausschauend Grund an, um der Stadt Neuerungen zu ermöglichen. Der Politiker Greil konnte sich bei den großen Bauprojekten der Zeit auf die Beamten und Stadtplaner Eduard Klingler, Jakob Albert und Theodor Prachensky stützen. Infrastrukturprojekte wie das neue Rathaus in der Maria-Theresienstraße 1897, die Eröffnung der Mittelgebirgsbahn, die Hungerburgbahn und die Karwendelbahn wurden während seiner Regierungszeit umgesetzt. Weitere gut sichtbare Meilensteine waren die Erneuerung des Marktplatzes und der Bau der Markthalle. Neben den prestigeträchtigen Großprojekten entstanden in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts aber viele unauffällige Revolutionen. Vieles, was in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorangetrieben wurde, gehört heute zum Alltag. Für die Menschen dieser Zeit waren diese Dinge aber eine echte Sensation und lebensverändernd. Bereits Greils Vorgänger Bürgermeister Heinrich Falk (1840 – 1917) hatte erheblich zur Modernisierung der Stadt und zur Besiedelung des Saggen beigetragen. Seit 1859 war die Beleuchtung der Stadt mit Gasrohrleitungen stetig vorangeschritten. Mit dem Wachstum der Stadt und der Modernisierung wurden die Senkgruben, die in Hinterhöfen der Häuser als Abort dienten und nach Entleerung an umliegende Landwirte als Dünger verkauft wurden, zu einer Unzumutbarkeit für immer mehr Menschen. 1880 wurde das Raggeln, so der Name im Volksmund für die Entleerung der Aborte, in den Verantwortungsbereich der Stadt übertragen. Zwei pneumatische Maschinen sollten den Vorgang zumindest etwas hygienischer gestalten. Zwischen 1887 und 1891 wurde Innsbruck mit einer modernen Hochdruckwasserleitung ausgestattet, über die auch Wohnungen in höher gelegenen Stockwerken mit frischem Wasser versorgt werden konnten. Wer auf sich hielt und es sich leisten konnte, hatte damit erstmals die Gelegenheit eine Spültoilette im Eigenheim zu installieren. Greil setzte diesen Feldzug der Modernisierung mit einer Vielzahl an Infrastrukturprojekten fort. Die Ansammlung an Menschen auf enger werdendem Raum unter teils prekären Hygieneverhältnissen hatte viele Probleme mit sich. Die Randbezirke der Stadt und die umliegenden Dörfer wurden regelmäßig von Typhus heimgesucht. Nach jahrzehntelangen Diskussionen wurde 1903 mit dem Bau einer modernen Schwemmkanalisation begonnen. Ausgehend von der Innenstadt wurden immer mehr Stadtteile an diesen heute alltäglichen Luxus angeschlossen. 1908 waren nur die Koatlackler Mariahilf und St. Nikolaus nicht an das Kanalsystem angeschlossen. Auch der neue Schlachthof im Saggen erhöhte Hygiene und Sauberkeit in der Stadt. Schlecht kontrollierte Hofschlachtungen gehörten mit wenigen Ausnahmen der Vergangenheit an. Das Vieh kam im Zug am Sillspitz an und wurde in der modernen Anlage fachgerecht geschlachtet. Greil überführte das Gaswerk in Pradl und das Elektrizitätswerk in Mühlau in städtischen Besitz. Die Straßenbeleuchtung wurde im 20. Jahrhundert von den Gaslaternen auf elektrisches Licht umgestellt. 1888 übersiedelte das Krankenhaus von der Maria-Theresienstraße an seinen heutigen Standort. Bürgermeister und Gemeinderat konnten sich bei dieser Innsbrucker Renaissance neben der wachsenden Wirtschaftskraft in der Vorkriegszeit auch auf Mäzen aus dem Bürgertum stützen. Waren technische Neuerungen und Infrastruktur Sache der Liberalen, verblieb die Fürsorge der Ärmsten weiterhin bei klerikal gesinnten Kräften, wenn auch nicht mehr bei der Kirche selbst. Freiherr Johann von Sieberer stiftete das Greisenasyl und das Waisenhaus im Saggen. Leonhard Lang stiftete das Gebäude in der Maria-Theresienstraße, in der sich bis heute das Rathaus befindet gegen das Versprechen der Stadt ein Lehrlingsheim zu bauen.
Im Gegensatz zur boomenden Vorkriegsära war die Greil´sche Ägide nach 1914 vom Krisenmanagement geprägt. In seinen letzten Amtsjahren begleitete er als Bürgermeister Innsbruck am Übergang von der Habsburgermonarchie zur Republik durch Jahre, die vor allem durch Hunger, Elend, Mittelknappheit und Unsicherheit geprägt waren. Er war 68 Jahre alt, als Tirol nach dem Krieg am Brenner geteilt wurde. Greil hatte während seiner politischen Karriere oft die allgemeine Feindseligkeit gegenüber den Wallschen in ähnlich populistischer Manier für sich genutzt, wie es sein christlich-sozialer Wiener Amtskollege Karl Lueger in Wien mit antisemitischer Stimmungsmache tat. Am Ende seiner Laufbahn musste er tatsächlich eine italienische Besetzung Innsbrucks miterleben. Mit der Einführung der Republik fiel auch das Zensuswahlrecht, was den Anfang vom Ende der Dominanz der Liberalen im Gemeinderat bedeutete. 1919 konnten die Sozialdemokraten in Innsbruck zum ersten Mal den Wahlsieg davontragen. Nur dank der Mehrheiten im Gemeinderat und einer Koalition der großdeutsch-liberalen und konservativ-klerikalen Politikern blieb Greil Bürgermeister. 1928 verstarb er als Ehrenbürger der Stadt Innsbruck im Alter von 78 Jahren. Die Wilhelm-Greil-Straße war noch zu seinen Lebzeiten nach ihm benannt worden.
Das Jahr 1848 und seine Folgen
Das Jahr 1848 nimmt einen mythischen Platz in der europäischen Geschichte ein. Innsbruck war zwar nicht einer der Hotspots wie Paris, Wien, Budapest, Mailand oder Berlin, auch im Heiligen Land Tirol hinterließ das Revolutionsjahr aber seine Spuren. Im Gegensatz zum bäuerlich geprägten Umland hatte sich in Innsbruck ein aufgeklärtes Bildungsbürgertum entwickelt. Aufgeklärte Menschen wollten keine Untertanen eines Monarchen oder Landesfürsten mehr sein, sondern Bürger mit Rechten und Pflichten gegenüber einem modernen Staatswesen. Studenten und Freiberufler forderten politische Mitsprache, Pressefreiheit und Bürgerrechte. Arbeiter verlangten nach besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen. Besonders radikale Liberale und Nationalisten stellten sogar die Allmacht der Kirche in Frage. Im März 1848 entlud sich in vielen Städten dieses sozial und politisch hochexplosive Gemisch in Aufständen und Straßenkämpfen. In Innsbruck feierten einige Studenten und Professoren die neu erlassene Pressefreiheit mit einem Fackelzug. Im Großen und Ganzen ging die Revolution im gemächlichen Tirol aber ruhig vonstatten. Von einem spontanen Ausbruch der Emotionen oder gar einer Revolution zu sprechen wäre schon eine Übertreibung, der Termin des Zuges wurde wegen Schlechtwetter vom 20. auf den 21. März verschoben. Es kam kaum zu antihabsburgischen Ausschreitungen oder Übergriffen, ein verirrter Stein in ein Fenster der Jesuiten war einer der Höhepunkte der alpinen Variante der Revolution von 1848. Die Studenten unterstützten das Stadtmagistrat sogar dabei, die öffentliche Ordnung zu überwachen, um so dem Monarchen ihre Dankbarkeit für die neu gewährten Freiheiten und ihre Treue zu zeigen.
Die anfängliche Begeisterung für den Umsturz innerhalb der bürgerlichen Eliten wurde in Innsbruck in Folge schnell deutschnationalem, patriotischen Rausch abgelöst. Am 6. April 1848 wurde vom Gubernator Tirols die deutsche Fahne während eines feierlichen Umzugs geschwungen. Auch auf dem Stadtturm wurde eine deutsche Tricolore gehisst. Während sich Studenten, Arbeiter, liberal-nationalistisch gesinnte Bürger, Republikaner, Anhänger einer konstitutionellen Monarchie und katholische Konservative bei gesellschaftlichen Themen wie der Pressefreiheit nicht einig wurden, teilte man die Abneigung gegen die italienische Unabhängigkeitsbewegung, die von Piemont und Mailand ausgehend Norditalien erfasst hatte. Innsbrucker Studenten und Schützen zogen mit Unterstützung der k.k. Armeeführung ins Trentino, um die Unruhen und Aufstände im Keim zu ersticken. Bekannte Mitglieder dieses Korps waren der bereits in die Jahre gekommene Pater Haspinger, der bereits mit Andreas Hofer 1809 zu Felde zog, und Adolf Pichler. Johann Nepomuk Mahl-Schedl, vermögender Besitzer von Schloss Büchsenhausen, stattete sogar eine eigene Kompanie aus, mit der er zur Grenzsicherung über den Brenner zog. Die Kriegsfront machte aber nicht an den südlichen Landesgrenzen Halt. Auch die Stadt Innsbruck als politisches und wirtschaftliches Zentrum des multinationalen Kronlandes Tirol und Heimat vieler Italienischsprachiger wurde zur Arena des Nationalitätenkonflikts. In Kombination mit reichlich Alkohol bereiteten anti-italienische Gefühle in Innsbruck mehr Gefahr für die öffentliche Ordnung als der Ruf nach bürgerlichen Freiheiten. Ein Streit zwischen einem deutschsprachigen Handwerker und einem italienischsprachigen Ladiner schaukelte sich dermaßen auf, dass es beinahe zu einem Pogrom gegenüber den zahlreichen Betrieben und Gaststätten von italienischsprachigen Tirolern gekommen wäre.
Die relative Beschaulichkeit Innsbrucks kam dem in Wien unter Druck stehenden Kaiserhaus recht. Als es in der Hauptstadt auch nach dem März nicht aufhörte zu brodeln, floh Kaiser Ferdinand im Mai nach Tirol. Folgt man den Presseberichten aus dieser Zeit, wurde er von der Bevölkerung begeistert empfangen.
"Wie heißt das Land, dem solche Ehre zu Theil wird, wer ist das Volk, das ein solches Vertrauen genießt in dieser verhängnißvollen Zeit? Stützt sich die Ruhe und Sicherheit hier bloß auf die Sage aus alter Zeit, oder liegt auch in der Gegenwart ein Grund, auf dem man bauen kann, den der Wind nicht weg bläst, und der Sturm nicht erschüttert? Dieses Alipenland heißt Tirol, gefällts dir wohl? Ja, das tirolische Volk allein bewährt in der Mitte des aufgewühlten Europa die Ehrfurcht und Treue, den Muth und die Kraft für sein angestammtes Regentenhaus, während ringsum Auflehnung, Widerspruch. Trotz und Forderung, häufig sogar Aufruhr und Umsturz toben; Tirol allein hält fest ohne Wanken an Sitte und Gehorsam, auf Religion, Wahrheit und Recht, während anderwärts die Frechheit und Lüge, der Wahnsinn und die Leidenschaften herrschen anstatt folgen wollen. Und während im großen Kaiserreiche sich die Bande überall lockern, oder gar zu lösen drohen; wo die Willkühr, von den Begierden getrieben, Gesetze umstürzt, offenen Aufruhr predigt, täglich mit neuen Forderungen losgeht; eigenmächtig ephemere- wie das Wetter wechselnde Einrichtungen schafft; während Wien, die alte sonst so friedliche Kaiserstadt, sich von der erhitzten Phantasie der Jugend lenken und gängeln läßt, und die Räthe des Reichs auf eine schmähliche Weise behandelt, nach Laune beliebig, und mit jakobinischer Anmaßung, über alle Provinzen verfügend, absetzt und anstellt, ja sogar ohne Ehrfurcht, den Kaiser mit Sturm-Petitionen verfolgt; während jetzt von allen Seiten her Deputationen mit Ergebenheits-Addressen mit Bittgesuchen und Loyalitätsversicherungen dem Kaiser nach Innsbruck folgen, steht Tirol ganz ruhig, gleich einer stillen Insel, mitten im brausenden Meeressturme, und des kleinen Völkchens treue Brust bildet, wie seine Berge und Felsen, eine feste Mauer in Gesetz und Ordnung, für den Kaiser und das Vaterland."
Im Juni stieg auch ein junger Franz Josef, damals noch nicht Kaiser, am Rückweg von den Schlachtfeldern Norditaliens in der Hofburg ab, anstatt direkt nach Wien zu reisen. Innsbruck war wieder Residenzstadt, wenn auch nur für einen Sommer. Während in Wien, Mailand und Budapest Blut floss, genoss die kaiserliche Familie das Tiroler Landleben. Ferdinand, Franz Karl, seine Frau Sophie und Franz Josef empfingen Gäste von ausländischen Fürstenhöfen und ließen sich im Vierspänner zu den Ausflugszielen der Region wie der Weiherburg, zur Stefansbrücke, nach Kranebitten und hoch hinauf bis Heiligwasser chauffieren und unternahmen Wanderungen. Wenig später war es allerdings vorbei mit der Gemütlichkeit. Der als nicht mehr amtstauglich geltende Ferdinand übergab unter sanftem Druck die Fackel der Regentenwürde an Franz Josef I. Im Juli 1848 kam es in Wien in der Hofreitschule zur Abhaltung einer ersten parlamentarischen Sitzung. Eine erste Verfassung wurde in Kraft gesetzt. Der Reformwille der Monarchie flachte aber schnell wieder ab. Das neue Parlament war ein Reichsrat, es konnte keine bindenden Gesetze erlassen, der Kaiser besuchte es Zeit seines Lebens nie und verstand auch nicht, warum die Donaumonarchie als von Gott eingesetzt diesen Rat benötigt.
Die zart in Gang gesetzte Liberalisierung nahm in den Städten trotzdem ihren Lauf. Innsbruck erhielt den Status einer Stadt mit eigenem Statut. Das Innsbrucker Gemeinderecht sah ein Bürgerrecht vor, das zwar an Besitz oder die Abgabe von Steuern gebunden war, jedoch den Angehörigen der Gemeinde gewisse Rechte gesetzlich zusicherte. Das Heimatrecht konnte durch Geburt, Verehelichung oder außerordentlicher Verleihung erworben werden und verlieh zumindest den männlichen Volljährigen das Wahlrecht auf kommunaler Ebene. Geriet man in finanzielle Notlage, so hatte man das Anrecht auf eine Grundversorgung durch die Stadt. Innerhalb der Stadtregierung setzte sich dank des Mehrheitswahlrechtes nach Zensus die großdeutsch-liberale Fraktion durch, in der Händler, Gewerbetreibende, Industrielle und Gastwirte den Ton angaben. Am 2. Juni 1848 erschien die erste Ausgabe der liberal und großdeutsch gesinnten Innsbrucker Zeitung, der obiger Artikel zur Ankunft des Kaisers in Innsbruck entnommen ist. Konservative hingegen lasen das Volksblatt für Tirol und Vorarlberg. Gemäßigte Leser, die eine konstitutionelle Monarchie befürworteten, konsumierten bevorzugt den Bothen für Tirol und Vorarlberg. Mit der Pressefreiheit war es aber schnell wieder vorbei. Die zuvor abgeschaffte Zensur wurde in Teilen wieder eingeführt. Herausgeber von Zeitungen mussten einigen Schikanen der Obrigkeit unterziehen. Zeitungen durften nicht gegen Landesregierung, Monarchie oder Kirche schreiben.
"Wer durch Druckschriften andere zu Handlungen auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht, durch welche die gewaltsame Losreißung eines Theiles von dem einheitlichen Staatsverbande... des Kaiserthums Österreich bewirkt... oder der allgemeine öster. Reichstag oder die Landtage der einzelnen Kronländer... gewalttätig stört... wird mit schwerem Kerker von zwei bis zehn Jahren Haft bestraft."
Nachdem Innsbruck 1849 Meran auch offiziell als Landeshauptstadt abgelöste hatte und somit auch endgültig zum politischen Zentrum Tirols geworden war, bildeten sich Parteien. Mit der Gründung der Katholisch-konservativen Fraktion und den Liberalen bildete sich ein Gedankenpaar heraus, das bis zum Ersten Weltkrieg nicht nur die Politik prägte. Vereine aller Art als politische Vorfeldorganisationen und Zeitungen bildeten die Demarkationslinien, an denen sich die Gesellschaft in allen Fragen des Lebens von der Wiege bis zur Bahre spaltete. Ab 1868 stellte die liberal und großdeutsch orientierte Partei den Bürgermeister der Stadt Innsbruck. Der Einfluss der Kirche nahm in Innsbruck im Gegensatz zu den Umlandgemeinden ab. Individualismus, Kapitalismus, Nationalismus und Konsum sprangen in die Bresche. Neue Arbeitswelten, Kaufhäuser, Theater, Cafés und Tanzlokale verdrängten Religion zwar auch in der Stadt nicht, die Gewichtung wurde durch die 1848 errungenen bürgerlichen Freiheiten aber eine andere.
Die wahrscheinlich wichtigste Gesetzesänderung im Rahmen des Jahres 1848 war das Grundentlastungspatent. In Innsbruck hielt der Klerus, vor allem das Stift Wilten, einen großen Teil des bäuerlichen Grundbesitzes. Kirche und Adel waren nicht steuerpflichtig. 1848/49 wurden in Österreich Grundherrschaft und Untertänigkeitsverhältnis aufgehoben. Abgelöst wurden damit Grundzinsen, Zehent und Robot. Die Grundherren erhielten im Rahmen der Grundentlastung ein Drittel des Wertes ihrer Ländereien vom Staat, ein Drittel wurde als Steuererleichterung gewertet, ein Drittel der Ablöse mussten die Bauern selbst übernehmen. Sie konnten diesen Betrag in Raten innert zwanzig Jahren abzahlen. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Die Nachkommen der damals erfolgreichen Bauern genießen durch den geerbten Landbesitz, der auf die Grundentlastung 1848 zurückzuführen ist, die Früchte des Wohlstandes und auch politischen Einfluss durch Grundstücksverkäufe für Wohnbau, Pachten und Ablösen der öffentlichen Hand für Infrastrukturprojekte. Die grundbesitzenden Adeligen von einst mussten sich mit der Schmach abfinden, bürgerlicher Arbeit nachzugehen. Der Übergang vom Geburtsrecht zum privilegierten Status innerhalb der Gesellschaft dank finanzieller Mittel, Netzwerken und Ausbildung gelang häufig. Viele Innsbrucker Akademikerdynastien nahmen ihren Ausgang in den Jahrzehnten nach 1848.
Auch für die breite Masse änderte sich das Leben. Das bis dato unbekannte Phänomen der Freizeit kam auf und begünstigte gemeinsam mit frei verfügbarem Einkommen einer größeren Anzahl an Menschen Hobbies. Zivile Organisationen und Vereine, vom Lesezirkel über Sängerbünde, Feuerwehren und Sportvereine, gründeten sich. Auch im Stadtbild manifestierte sich das Revolutionsjahr. Parks wie der Englische Garten beim Schloss Ambras oder der Hofgarten waren nicht mehr exklusiv der Aristokratie vorbehalten, sondern dienten den Bürgern als Naherholungsgebiete vom beengten Dasein. In St. Nikolaus entstand der Waltherpark als kleine Ruheoase. Einen Stock höher eröffnete im Schloss Büchsenhausen Tirols erste Schwimm- und Badeanstalt, wenig später folgte ein weiteres Bad in Dreiheiligen. Ausflugsgasthöfe rund um Innsbruck florierten. Neben den gehobenen Restaurants und Hotels entstand eine Szene aus Gastwirtschaften, in denen sich auch Arbeiter und Angestellte gemütliche Abende bei Theater, Musik und Tanz leisten konnten.