Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus
Die Bocksiedlung und der Austrofaschismus
Politisch motivierte Gewalt prägte Österreich neben Hunger und Wohnungsnot in den 1920er und 1930er Jahren. Die beiden großen Volksparteien der jungen Republik, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen, standen sich feindselig gegenüber. Beide Parteien bauten paramilitärische Blöcke auf, um die politische Agenda notfalls auf der Straße mit Gewalt zu untermauern. Der Republikanische Schutzbund auf Seiten der Sozialdemokraten und verschiedene christlich-sozial oder gar monarchistisch orientierte Heimwehren, der Einfachheit halber sollen die unterschiedlichen Gruppen unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst werden, belauerten sich wie Bürgerkriegsparteien. Viele Politiker und Funktionäre beider Seiten hatten im Krieg an der Front gekämpft und waren dementsprechend militarisiert. Die Tiroler Heimatwehr konnte mit Unterstützung der katholischen Kirche auf bessere Infrastruktur und politisches Netzwerk zurückgreifen. Am 12. November 1928, dem zehnten Jahrestag der Gründung der Republik, marschierten am ersten gesamtösterreichischen Heimwehraufmarsch 18.000 Heimatwehrmänner durch die Stadt, um ihre Überlegenheit am höchsten Feiertag der heimischen Sozialdemokratien zu untermauern. Ab 1930 zeigte auch die NSDAP immer mehr Präsenz im öffentlichen Raum. Besonders unter Studenten und jungen, desillusionierten Arbeitern konnte sie Anhänger gewinnen. 1932 zählte die Partei bereits 2500 Mitglieder in Innsbruck. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den verfeindeten politischen Gruppen. Berüchtigt wurde die sogenannte Höttinger Saalschlacht vom 27. Mai 1932. Hötting war damals noch kein Teil Innsbrucks. In der Gemeinde lebten vor allem Arbeiter. In dieser roten Bastion Tirols planten Nationalsozialisten eine Kundgebung im Gasthof Goldener Bär, einem Treffpunkt der Sozialdemokraten. Diese Provokation endete in einem Kampf mit über 30 Verletzten und einem Todesopfer auf Seiten der Nationalsozialisten. Die Ausschreitungen breiteten sich auf die ganze Stadt aus, sogar in der Klinik gerieten die Verletzten noch aneinander. Nur unter Einsatz der Gendarmerie und des Heeres konnten die Kontrahenten voneinander getrennt werden.
Nach diesen bürgerkriegsähnlichen Jahren setzten sich 1933 die Christlichsozialen unter Kanzler Engelbert Dollfuß (1892 – 1934) durch. Sein Ziel war die Errichtung des sogenannten Österreichischen Ständestaats, heute besser bekannt unter dem Begriff Austrofaschismus. Der gesamte Staatsapparat wurde analog zum Faschismus Mussolinis in Italien unter der Vaterländischen Front geeint werden: Antisozialistisch, autoritär, konservativ im Gesellschaftsbild, antidemokratisch, antisemitisch und militarisiert. Nicht wenige Menschen waren froh, dass das Parlament und der Mehrparteienstaat durch einen starken Mann ersetzt wurde, der Ruhe und Ordnung versprach. In Innsbruck kam es während dieses in vielen Städten Österreichs teils blutigen Umsturzes zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Am 15. März wurde das Parteihaus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Tirol im Hotel Sonne geräumt. Der Anführer des Republikanischen Schutzbundes Gustav Kuprian wurde wegen Hochverrat festgenommen und die einzelnen Gruppen des Schutzbundes entwaffnet. Die Tiroler Wochenzeitung wurde als Parteiorgan gegründet. Der Innsbrucker Gemeinderat wurde von 40 auf 28 Mitglieder verkleinert. Anstatt durch freie Wahlen wurden sie vom Landeshauptmann ernannt. Die bis dato stark vertretenen Sozialdemokraten wurden aus der Stadtregierung entfernt. Dollfuß war in Tirol überaus populär, wie Aufnahmen des vollen Platzes vor der Hofburg während einer seiner Ansprachen aus dem Jahr 1933 zeigen. Seine Politik war das, was der Habsburgermonarchie am nächsten kam. Bereits 1931 hatten sich einige Tiroler Bürgermeister zusammengeschlossen, um das Einreiseverbot für die Habsburger aufheben zu lassen. Diese Politik wurde von der katholischen Kirche unterstützt und schaffte es bis in die Verfassung von 1934: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“ Die Bindung an die Kirche verschaffte der Regierung Zugriff auf Infrastruktur, Presseorgane und Vorfeldorganisationen. Gegen die verhassten Sozialisten ging die Vaterländische Front mit ihren paramilitärischen Einheiten hart vor. Man schreckte nicht vor Unterdrückung und Gewalttaten gegen Leib und Leben sowie Einrichtungen der politischen Gegnerschaft zurück. Mutmaßliche und echte Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten wurden immer wieder verhaftet. Die Presse war politisch gesteuert und zensuriert, die Artikel glorifizierten das ländliche Leben in seiner Idylle. Kinderreiche Familien wurden finanziell unterstützt. Schulen wurden nach Geschlechtern getrennt und auch die Lehrpläne unterschieden sich, Hausarbeit für die Mädchen, vormilitärische Erziehung für die Buben. Die Kulturpolitik grenzte sich bewusst vom nationalsozialistischen, antiklerikalen Nachbarn im Norden ab. Theater und Musik sollten Österreich als den „besseren und zivilisierteren“ deutschen Staat zeigen.
Der Austrofaschismus sorgte aber, wenn überhaupt, nur kurz für Ruhe und Ordnung. Am 25. Juli 1934 kam es in Wien zu einem Putschversuch der verbotenen Nationalsozialisten, bei dem Kanzler Dollfuß ums Leben kam. Hitler, der die Anschläge nicht angeordnet hatte, distanzierte sich zunächst offiziell vom Geschehenen, was den geplanten Umsturz im Keim erstickte. Auch in Innsbruck kam es zu einem Umsturzversuch. Beim Versuch einer Gruppe von Nationalsozialisten die Kontrolle über die Stadt zu gelangen, wurde in der Herrengasse ein Polizist erschossen. In Innsbruck wurde im Gedenken an den zum Märtyrer stilisierten ermordeten Bundeskanzler auf „Verfügung des Regierungskommissärs der Landeshauptstadt Tirols“ der Platz vor dem Theater, wo er sich noch zwei Wochen zuvor mit Richard Steidl getroffen hatte, zum Dollfußplatz umgetauft. Sein Nachfolger an der Staatsspitze war mit Kurt Schuschnigg (1897 – 1977) ein gebürtiger Tiroler. Der Kriegsveteran aus altösterreichischem Kleinadel war Mitglied der Innsbrucker Studentenverbindung Austria. 1930 hatte der als Rechtsanwalt tätige Parlamentarier Schuschnigg die Ostmärkische Sturmschar gegründet, eine katholisch und antisemitisch geprägte paramilitärische Einheit, die das Gegengewicht zu den radikaleren Heimwehrgruppen bildeten. Als Unterrichtsminister und Justizminister war er maßgeblich für den gesellschaftlichen Rechtsruck im Ständestaat mitverantwortlich, unter anderem führte er die Todesstrafe wieder ein. Für die Innsbrucker Bevölkerung änderte sich unter dem neuen Kanzler wenig an der Alltagsmisere. Wirtschaftlich konnte der Ständestaat das Ruder in den 1930er Jahren nicht herumreißen. Die staatlichen Investitionen in große Infrastrukturprojekte kamen nach der Wirtschaftskrise 1931 zum Erliegen. Die Arbeitslosenquote lag 1933 bei 25%. Die Einschränkung der sozialen Fürsorge, die zu Beginn der Ersten Republik eingeführt worden war, hatte dramatische Auswirkungen. Langzeitarbeitslose wurden vom Bezug von Sozialleistungen als „Ausgesteuerte“ ausgeschlossen. Die Armut ließ die Kriminalitätsrate ansteigen, Überfälle, Raube und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Ein besonderes Problem war wie schon in den Jahrzehnten zuvor die Wohnsituation. Trotz der Bemühungen seitens der Stadt modernen Wohnraum zu schaffen, hausten noch immer viele Innsbrucker in Bruchbuden. Badezimmer oder ein Schlafraum pro Person war die Ausnahme. Seit dem großen Wachstum Innsbrucks ab den 1880er Jahren war die Wohnsituation für viele Menschen prekär. Eisenbahn, Industrialisierung, Flüchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten Italiens und Wirtschaftskrise hatten Innsbruck an den Rand des Möglichen getrieben. Nach Wien hatte Innsbruck die zweithöchste Anzahl an Bewohnern pro Haus vorzuweisen. Die Mietpreise für Wohnraum waren derart hoch, dass Arbeiter häufig in Etappen schliefen, um sich die Kosten zu teilen. Zwar waren vor allem in Pradl neue Wohnblöcke und Obdachlosenunterkünfte wie das Wohnheim für Arbeiter in der Amthorstraße im Jahr 1907 oder die Herberge in der Hunoldstraße errichtet worden, das genügte aber nicht um der Situation Herr zu werden.
In diesem Klima aus gesellschaftlicher Diktatur und wirtschaftlicher Not entstanden an den Randgebieten der Stadt mehrere Barackensiedlungen, gegründet von den Ausgeschlossenen, Verzweifelten und Abgehängten, die im System keinen Platz fanden. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager in der Höttinger Au westlich der Stadt diente Obdachlosen als Notunterkunft. Die bis heute bekannteste und berüchtigtste innerstädtische Enklave war die Bocksiedlung am Gebiet der heutigen Reichenau. Zwischen dem damals dort beheimateten Flughafen und dem späteren Konzentrationslager Reichenau siedelten sich ab 1930 mehrere Familien an. Die Entstehungslegende spricht von Otto und Josefa Rauth als Gründerinnen, deren Wohnwagen hier strandete. Das falsche Parteibuch zu haben genügte, um im Innsbruck des Ständestaates keinen leistbaren Wohnraum ergattern zu können, Rauth hatte als bekennender Kommunist das allerfalscheste. Sein Floß, die Arche Noah, mit dem er über Inn und Donau in die Sowjetunion gelangen wollte, ankerte am Flussufer vor dem Gasthof Sandwirt, ohne je abzulegen. Nach und nach entstand örtlich am Rand der Stadt und sozial am Rand der Gesellschaft eine Siedlung, die von ihrem inoffiziellen Bürgermeister Johann Bock (1900 – 1975) wie eine unabhängige Kommune geleitet wurde. Er regelte den Alltag in seinem Wirkungsbereich in rau-herzlicher Manier. Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges verschärften die Wohnsituation in Innsbruck und ließen die Bocksiedlung wachsen. Um die 50 Unterkünfte sollen es am Höhepunkt gewesen sein. Auch die Baracken des Konzentrationslagers Reichenau wurden als Schlafplätze genutzt, nachdem die letzten dort verwahrten Nationalsozialisten verlegt oder freigelassen worden waren. Die Bockala hatten einen fürchterlichen Ruf unter den braven Bürgern der restlichen Stadt, bei aller Geschichtsglättung und Nostalgie wohl nicht zu Unrecht. Viele, nicht aber alle Bewohner waren arbeitslos oder kriminell. Oft waren es Bürger, die durch das System fielen, die sich in der Bocksiedlung niederließen. So hilfsbereit und solidarisch die oft exzentrischen Bewohner der Siedlung untereinander sein konnten, waren körperliche Gewalt und Kleinkriminalität an der Tagesordnung. Übermäßiger Alkoholkonsum war gängige Praxis. Asphaltierte Straßen, Kanalisation und Sanitäranlagen gab es ebenso wenig wie eine reguläre Stromversorgung. Sogar die Versorgung mit Trinkwasser war lange prekär, was die ständige Gefahr von Seuchen mit sich brachte. Ausstattung und Bauart der Behausungen waren ebenso heterogen wie ihre Bewohner. Es gab Wohn- und Zirkuswägen, Holzbaracken, Wellblechhütten, Ziegel- und Betonhäuser. Innerhalb der Bocksiedlung kam es zu Vermietung und Verkauf der errichteten Häuser und Wägen. Unter Duldung der Stadt Innsbruck entstanden unter Johann Bock sogar ersessene Werte. Die Bewohner bewirtschafteten Selbstversorgergärten und hielten Vieh, auch Hund und Katze standen in kargen Zeiten am Speiseplan. Fixe Grenzen gab es keine, Bockala zu sein war in Innsbruck ein sozialer Status.
Der Anfang vom Ende der Bocksiedlung waren die Olympischen Spielen 1964 und ein Brand in der Siedlung im Jahr zuvor. Eine Urban Legend behauptet, das Feuer sei vom Magistrat gelegt worden, um die Räumung des Viertels zu beschleunigen und den Bau des Olympischen Dorfes zu ermöglichen. 1967 verhandelten Bürgermeister Alois Lugger und Johann Bock, Erzählungen nach in alkoholgeschwängerter Atmosphäre, über das weitere Vorgehen und Entschädigungen seitens der Gemeinde für die Räumung. Bis zum faktischen Ende sollte es aber dauern. Erst 1976 wurden die letzten Quartiere wegen hygienischer Mängel unter Zwang verlassen. Viele Bockala wurden in städtische Wohnungen in Pradl, der Reichenau und dem neu errichteten O-Dorf umgesiedelt. Die Sitten der Bocksiedlung lebten dort unter neuer Adresse noch einige Jahre fort, was zu einem guten Teil bis heute den schlechten Ruf dieser Stadtviertel ausmacht. Weniger gut verankert im Gedächtnis vieler Innsbrucker als die Legenden der Bocksiedlung ist die Zwischenkriegszeit, dabei ist diese Periode oft noch mehr Teil der Alltagskultur als wir wahrnehmen. In Kirchen wie in St. Jakob im Defereggen in Osttirol oder in der Pfarrkirche Fritzens sind Bilder mit Dollfuß als Beschützer der katholischen Kirche mehr oder minder unkommentiert zu sehen. Bis heute gibt es rote und schwarze Autofahrerclubs, Sportverbände, Rettungsgesellschaften und Alpinverbände, deren Wurzeln in diese Zeit zurückreichen. Die Geschichte der Bocksiedlung wurde in vielen Interviews und mühsamer Kleinarbeit vom Stadtarchiv für das Buch „Bocksiedlung. Ein Stück Innsbruck“ des Stadtarchivs lesenswert aufbereitet.
"Kinder sparen für ein Schwein"
Erschienen: Innsbrucker Nachrichten / 21. August 1937
Die Familie Spinnenhirn – der Leser möge diesen Namen verzeihen, aber so heißen die Leute nun einmal, und warum eigentlich sollen sie so nicht heißen? – ist von der Stadt hinaus aufs Land gezogen. Sie besteht aus Vater, Mutter und vier Kindern, die die Vornamen Fritz, Wolfgang, Herzelinde und Henriette führen. Das Haupt der Familie ist Schriftsteller, um nicht zu sagen Dichter. Dieser Dichter bringt sich und seine Lieben schlecht und recht durchs Leben mit den Ergrägnissen seiner Feder, die bei Zeitungen und Zeitschriften, bei Buchverlagen und Rundfunk nicht unbeliebt sind. Der Beruf des Dichters Spinnenhirn ist nicht ortsgebunden, er kann von überall her ausgeübt werden, denn die Post sorgt in vorbildlicher Weise dafür, daß das, was das Hirn von Herrn Spinnenhirn abends ausdenkt, schon am anderen Morgen auf den Schreibtischen der Redaktionen lastet. Und so hat unser Dichter beschlossen, mit seiner Familie lieber in der guten Landluft naturnah zu leben , als in der Dunstsphäre der Stadt.
Die vier Dichterskinder fühlen sich wohl in den ländlichen Verhältnissen. Die weiten Flächen der grünen Wiesen geben bessere Spielplätze ab als die Höfe, die zwischen hohen Häusern eingeklemmt sind. Die Dorfkinder in ihrer Unverbogenheit, Frische und Derbheit bedeuten prächtige Spielkameraden. Das ungehemmte Licht der Sonne und das einprägsame Gesicht einer schönen Landschaft machen die Kinder hell und frei. Nur eines empinden die Spinnenhirnkinder als Mangel, wenn sie die Verhältnisse, in denen sie leben, vergleichen mit denen der Dorfbewohner, nämlich daß die Bauern milchspendende Kühe besitzen, während ihre Elter die Milch literweise kaufen müssen, daß die Bauern Korn von den Feldern ernten, während sie um jedes Kilo Mehl zum Händler gehen müssen, daß die Bauern Schweine schlachten können, währen sie den Metzger behelligen müssen.
Eines Tages tritt Fritz, der Aelteste, Zwölfjährige , hinein in die Dichterstube, wo Vater Spinnenhirn – zu seinen Ehren sei es gesagt – nicht nur mit dem Hirn, sondern auch mit dem Herzen arbeitet, und sagt: „Vater, kauf eine Sau!“ „Ich bin Dichter und nicht Viehhändler“, entgegnet Vater Spinnenhirn und denkt, mit diesen Worten seinen Kronprinzen mattgesetzt zu haben, doch er hat sich geirrt. „Auch Dichter essen gerne Schweinebraten“, philosophiert Fritz. „Das ist richtig“, meint Vater Spinnenhirn, „wir kaufen demnächst wieder ein Kilo Schweinefleisch, eine ganze Sau aber ist für einen Dichter unerschwinglich“.
Fritz zieht sich zurück. Soviel weiß er längst, daß Dichter unmöglich viel Geld haben können, wenn sie echte Dichter sind, und daß man ohne Geld keine Sau kaufen kann, das vermag er ebenfalls zu begreifen. Die Tatsache, daß Dichter und Dichterskinder nicht wie Bauern und Bauernkinder in den Genuß eines Schweines kommen können, dünkt Fritz eine schreiende Ungerechtigkeit, und weil er – wie die meisten Buben in seinem Alter – einen ausgesprochenen Sinn für Gerechtigkeit besitzt, wird ihm diese Tatsache zum Notstand, den er wenden muß. Fritz Spinnenhirn denkt bei Tag und Nacht an der Angelegenheit herum und schließlich findet er eine Lösung, die er mit jugendlichem Ungestüm in die Wirklichkeit umsetzt. Zu Helfern hat er seine drei Geschwister ausersehen, die von seinen Absichten begeistert sind. Sie beschließen bei der Durchführung ihrer Pläne nach zwei Grundsätzen zu handeln: Erstens, zäh, ausdauern und ohne falsche Scham zu sein, und zweitens ihren Eltern nichts zu sagen, damit die Freude und Überraschung für sie nachher umso größer wird.
Zunächst setzen die beiden Buben Fritz und Wolfgang ihre Laubsägewerkzeuge in Tätigkeit und basteln vier Holzhäuslein zurecht, in deren Dach je ein Schlitz an Stelle des Schornsteins angebracht ist. Diese Schlitze sind die einzige Oeffnung , die ins Innere der vier Häuslein führen, alles andere ist fest ineinandergefügt, vernagelt und verleimt. Das bedeutet, daß nichts aus den Häuslein heraus kann, was einmal hineingekommen ist; man muß sie später aufbrechen, wenn man in den Genuß ihres Inhalts gelangen will . Die beiden Mädchen Herzelinde und Henriette, neun und sieben Jahre alt, bemalen die Häuslein mit leuchtenden Farben. Auf jedem Häuslein prangen die Ueberschriften: „Villa Fritz“ und „Villa Wolfgang“, „Villa Herzelinde“ und „Villa Henriette“. Sie hätten zwar noch lieber „Sau -Sparkasse“ draufgeschrieben, aber sie ließen es bleiben, weil sonst ihre Eltern gemerkt hätten, was gespielt wurde.
Nunmehr lautet die Losung, möglichst viel Inhalt in die Häuslein hineinzubekommen. Wenn Fritz für seinen Vater zur Post gehen muß, sagt er „das kostet zehn Groschen „und hält ihm die „Villa Fritz“ unter die Nase. Vater Spinnenhirn wirft auch gewöhnlich zehn Groschen in den Schlitz, weil er auf dem Standpunkt steht, daß man den Sparsinn bei Kindern fördern muß. Zehn Groschen kann man fast immer entbehren. Wenn Wolfgang irgendwo ein ungeputztes Fahrrad stehen sieht, macht er den Besitzer ausfindig und erbietet sich, für dreißig Groschen das Fahrrad zu reinigen. Er bekommt viele Aufträge, weil sich gerne jedermann von solchen Beschäftigungen drückt. Da er sauber arbeitet, wird Wölfgang ein vielbeschäftigter Mann, dem bald kein Fahrrad mehr in der ganzen Gegend fremd ist. Die „Villa Wolfgang“ wird zunehmend gewichtiger. Wenn Herzelinde Staub wischen oder Schuhe putzen muß, kostet das jeweils zehn Groschen, die in den Schlitz der „Villa Herzelinde“ wandern. Mama Spinnenhirn steht bezüglich des Sparens auf dem gleichen Standpunkt wie ihr Ehegatte. Henriette, das Nesthäkchen, lernt in der Schule gut. Wenn sie eine ausgezeichnete Note mit nach Hause bringt, fordert sie von ihren Eltern dafür klingenden Lohn, der dann im Bauch der „Villa Henriette“ verschwindet . Oft bekommt sie sowohl Samstag vom Vater wie von der Mutter diesen klingenden Lohn, weil die kleine Schlaubergerin beide unabhängig voneinander bearbeitet.
Wenn es im Dorf etwas zu tun gibt, dann sind die Spinnenhirnkinder dabei. Das Essen, das man ihnen als Entgelt für ihre Dienstleistungen anbietet, lehnen sie jeweils freundlich, aber entschieden ab. Zu essen bekämen sie genug zu Hause. Aber ein paar Groschen für ihre Sparkasse nehmen sie gerne an. Und diese Groschen bekommen sie fast immer, denn gerade die Bauern haben einen ausgeprägten Sinn für Sparsamkeit.
Es gibt keine Gelegenheit, die Fritz und Wolfgang, Herzelinde und Henriette vorübergehen lassen, um kleine — und noch besser größere Beträge für ihre „Villen“ zu bekommen. Ihr Ehrgeiz wächst, ihr Sparsinn wird ausgebildet, ihre Einstellung zum Leben wird reifer, ihr Verständnis für jegliche Arbeit ausgeprägter, ihr Verhältnis um Geld durchdachter, sie können plötzlich ihren Vater verstehen, wenn er sich Brotsorgen macht. Sie haben erfahren, daß es nicht leicht ist, Geld zu verdienen, und sie lernen aus dieser Erfahrung, daß man Achtung haben muß vor jeder Art fleißiger Erwerbstätigkeit.
Die „ Villa Wolfgang“ ist zuerst voll. Ihr Besitzer läßt aber nicht in seinem Spareifer nach, sondern hilft seiner kleinen Schwester Henriette, daß auch ihre „Villa“ voll wird. Dann ist bald auch die „Villa Fritz“ so weit , und mit aller Unterstützung die „Villa Herzelinde“. Nach sieben Monaten haben es die Kinder geschafft. Sie können die Dächer ihrer vier Sparkassen abdecken. Sie haben annähernd zweihundert Schilling zusammengebracht . Sie sind selbst erstaunt über diese Summe.
Noch mehr aber wundert sich der Metzger, der mit Schweinen handelt und der bei den Bauern der Gegend hausschlachtet. Als Fritz und Wolfgang, Herzelinde und Henriette bei ihm erscheinen, um ein Schwein zu kaufen, erkundigt er sich, wo sie das Geld herhaben und wie sie auf diesen Einfall gekommen sind. Er hat seine helle Freude an den Kindern. Das Ende vom Lied ist, daß er den vier Kindern eine prächtige Dreizentnersau zum Selbstkostenpreis abgibt, und daß er sich erbietet, diese Dreizentnersau zu schlachten, ohne Schlachtgeld zu verlangen. Am meisten erstaunt und erfreut sind allerdings die Eltern Spinnenhirn, als ihnen das von ihren Kindern gekaufte Borstentier geschlachtet ins Haus gebracht wird. Es gibt eine Schlacht-Partie wie noch nie. Die Eltern sind mächtig stolz auf solche Kinder und auch die Kinder selbst sind unbändig stolz auf ihre schöne Leistung. So ist der Dichter Spinnenhirn doch noch zu einer Dreizentnersau gekommen. Und die vier Dichterskinder bauen bereits wieder neue und größere Sparkassenhäuslein, weil sie den Wert des Geldes und den Sinn des Sparens kennen gelernt haben.
Quartiere der auswärtigen Heimwehrmänner
Erschienen: Innsbrucker Nachrichten / 8. November 1928
Die Landesleitung der Tiroler Heimatwehr teilt mit: Vielfache Anfragen, die an uns ergangen sind, beweisen die lebhafte Anteilnahme, die man in allen vaterländischen Kreisen der Bevölkerung dem kommenden Heimatwehr-Aufmarsch entgegenbringt. Mancher erwartet an diesem Tage alte Freunde und Bekannte wiederzusehen, oder Verwandte aus anderen Bundesländern bei dieser Gelegenheit in Innsbruck begrüßen zu können. Um der Innsbrucker Bevölkerung eine leichtere Verständigung mit unseren Gästen zu ermöglichen, geben wir heute die Quartiere bekannt, die den einzelnen Landesleistungen für ihre Leute zugewiesen sind:
Steiermark: Kloster Wilten, Servitenkloster, Jugendheim St. Bartlmä, Gasthäuser Bierstindl, Riese Haymon, Tivoli, Buchhof, Sonnenburgerhof, Ferrarihof, Flughafen, Schloß Amras
Jugendliche Einbrecherbande
Allgemeiner Tiroler Anzeiger / 3. Februar 1937
Die Innsbrucker Kriminalpolizei hat wie berichtet, zwei Burschen im Alter von 15 und 16 Jahren verhaftet, die im Schlachthofblock wohnten und seit länger als einem halben Jahr von dort aus ihre Raubzüge unternahmen. Sie bildeten einen wahren Schrecken für die Geschäftsleute der ganzen Gegend und hatten dabei noch die Frechheit, sich anderen Burschen gegenüber ihrer Verbrechen zu rühmen. Bisher konnten ihnen folgende Einbrüche nachgewiesen werden: Filiale der Therese Mölk, Viaduktbogen 5 größere Mengen Lebensmittel, Sardinen, Salami usw.); Lebensmittelhandlung Ischia u. Co., Erzherzog-Eugen-Stratze (Wermutwein und größere Mengen Sardinen): Trafik Plattner, Erzherzog-Eugen-Straße (Zigaretten. Schokolade und Geld); Magazin des Stadtbauamtes im Viadukt bogen (mehrere Säcke Steinkohlen): Metzgermeister Tschon, Schlachthofblock (Wurstwaren): Gemischtwarenhandlung Rufinatscher im Schlachthofblock (größere Menge Lebensmittel); zwei Magazinseinbrüche bei der Firma Mölk (einige Lebensmittel, sie konnten nicht mehr mitnehmen, weil sie beide Male verscheucht wurden); Auslageneinbruch am Hindenburgplatz (mehrere Flaschen Liköre, Zuckerwaren und Schokolade); Auslageneinbruch bei „Frifa“, Wilhelm- Greil-Straße (mehrere Handtaschen, Brieftaschen und Geldtaschen): Auslageneinbruch in der Maria-Theresien[1]Straße bei der Firma Dannhauser (Hemden, Pullover, Krawatten usw.); Auslageneinbruch im Spielwarengeschäft Hammerle, Maria-Theresien-Straße (Spielwaren): Auslageneinbruch in der Trafik Sailer in der Pfarrgaffe (hier wurden sie verscheucht); ferner Gelegenheitsdiebstähle in den Gemischtwarenhandlungen Stauder und Sterzinger in der Pradler Straße (Lebensmittel), Gemischtwarenhandlung Mayer in der Weyerburggasse (Zigaretten), Kohlenhandlung Kritzinger in der Defreggerstraße (Kohlen). Ein Teil der entwendeten Gegenstände wurde von der Polizei sichergestellt, die Lebensmittel, Rauchwaren und Kohlen haben die Buben verraucht oder verkauft.
Sehenswürdigkeiten dazu…
HTL Anichstraße
Anichstraße 26 / 28
Tiroler Landeskonservatorium
Paul-Hofhaimer-Gasse 6
Rennerschule & Kindergarten
Pembaurstraße 18 & 20
Gasthaus zum Riesen Haymon
Haymongasse 4
Leopoldstraße & Wiltener Platzl
Leopoldstraße
Schloss & Wallfahrtskirche Mentlberg
Mentlberg 23
Verbindungshaus Austria
Josef-Hirn-Straße
Johanneskirche
Bischof-Reinhold-Stecher-Platz
Dollfußsiedlung & Fischersiedlung
Weingartnerstraße
Pembaurblock
Pembaurstraße 31 – 41
Militärfriedhof & Pradler Friedhof
Kaufmannstraße / Wiesengasse
