Klingler, Huter, Retter & Co: Baumeister der Erweiterung

Klingler, Huter, Retter & Co: Baumeister der Erweiterung

Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gingen als Gründerzeit in die österreichische Geschichte ein. Nach der Wirtschaftskrise von 1873 erholte sich die finanzielle Lage und ein beispielloser Bauboom begann. Auch in Innsbruck etablierte sich ein modernes Banksystem. Die Kreditinstitute wie die 1821 gegründete Sparkasse oder die Kreditanstalt, deren 1910 errichtetes Gebäude noch heute wie ein kleiner Palast in der Maria-Theresien-Straße thront, ermöglichten die Aufnahme von Krediten, ohne die Unternehmertum und Wirtschaft, wie wir es heute kennen, nicht möglich war. Die Finanzinstitute agierten teils auch selbst als Bauherren. Von 1880 bis 1900 wuchs Innsbrucks Bevölkerung von 20.000 auf 26.000 Einwohner an, das 1904 eingemeindete Wilten verdreifachte sich gar von 4000 auf 12.000. Die Anzahl an Gebäuden stieg von 600 auf über 900 Gebäude an. Die meisten davon waren, anders als gewohnt, mehrstöckige Zinshäuser. Auch die Infrastruktur modernisierte sich. Gas, fließendes Wasser und Elektrizität wurden Teil des Alltags von immer mehr Menschen. Diese Bauten repräsentierten die neue Gesellschaft. Unternehmer, Freiberufler, Angestellte und Arbeiter hatten andere Bedürfnisse als die rechtlosen Untertanen vergangener Zeiten. Der Lifestyle der Städter verlangte nach Mehrzimmerwohnungen und freien Flächen zur Erholung nach der Arbeitszeit. Die Mietzinshäuser ermöglichten auch Nicht-Wohnungseigentümern ein modernes Leben. Anders als im ländlichen Bereich Tirols, wo Bauernfamilien samt Knechten und Mägden in Bauernhäusern im Verbund einer Sippschaft lebten, kam das Leben in der Stadt unserem heutigen Verständnis von Familienleben recht nahe. Das gehobene Bürgertum hatte den Adel zwar noch nicht überholt, den Abstand aber verringert und konnte über die neue Stellung im Gemeinderat nicht nur private Bauprojekte beauftragen, sondern auch über öffentliche Bauten entschieden. Das alte Stadtspital mitten in der Stadt wich dem modernen Krankenhaus im Westen, im Saggen entstanden das Waisenhaus und das Greisenasyl Sieberers und rund um den Bahnhof etablierte sich ein neues Zentrum.

Die 40 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren für das Baugewerbe eine Goldgräberzeit. Die Architektur der Gebäude spiegelten die Weltanschauung ihrer Bauherren wider. Baumeister vereinten dabei mehrere Rollen und ersetzten oft den Architekten. Die meisten Kunden hatten sehr klare Vorstellungen, was sie wollten. Es sollten keine atemberaubenden Neukreationen sein, sondern Kopien und Anlehnungen an bestehende Gebäude. Ganz im Geist der Zeit entwarfen die Innsbrucker Baumeister nach dem Wunsch der finanziell potenten Auftraggeber die Gebäude in den Stilen des Historismus und des Klassizismus sowie des Tiroler Heimatstils. Der Stil, der beim Bau des Eigenheimes zur Anwendung kam, war oft nicht nur optisches, sondern auch ideologisches Statement des Bauherrn. Liberale bevorzugten meist den Klassizismus, Konservative waren dem Tiroler Heimatstil zugetan. Während der Heimatstil sich neobarock und mit vielen Malereien zeigte, waren klare Formen, Statuen und Säulen stilprägende Elemente bei der Anlage neuer Gebäude des Klassizismus. In einem teils wüsten Stilmix wurden die Vorstellungen, die Menschen vom klassischen Griechenland und dem antiken Rom hatten, verwirklicht. Nicht nur Bahnhöfe und öffentliche Gebäude, auch große Mietshäuser und ganze Straßenzüge, sogar Kirchen und Friedhöfe entstanden entlang der alten Flurwege in diesem Design. Akademiker und die, die als solche wirken wollten, zeigten ihr Faible für die Antike mit neoklassizistischen Fassaden. Katholische Traditionalisten ließen Heiligenbilder und Darstellungen der Landesgeschichte Tirols in Wandmalereien auf ihren Heimatstilhäusern anfertigen. Während im Saggen und Wilten der Neoklassizismus dominiert, finden sich in Pradl Großteils Gebäude im konservativen Heimatstil. Viele Bauexperten rümpften lange Zeit die Nase über den Geschmack der Emporkömmlinge und Neureichen. Heinrich Hammer schrieb in seinem Standardwerk „Kunstgeschichte der Stadt Innsbruck“:

„Schon diese erste rasche Erweiterung der Stadt fiel nun freilich in jene baukünstlerisch unfruchtbare Epoche, in der die Architektur, statt eine selbstständige, zeiteigene Bauweise auszudenken, der Reihe nach die Baustile der Vergangenheit wiederholte.“

Die Zeit der großen Villen, die die Adelsansitze vergangener Tage mit bürgerlicher Note nachahmten, kam mangels Platzgründen nach einigen wilden Jahrzehnten an ihr Ende. Eine weitere Bebauung des Stadtgebietes mit Einzelhäusern war nicht mehr möglich, zu eng war der Platz geworden. Der Bereich Falkstraße / Gänsbachstraße / Bienerstraße gilt bis heute als Villensaggen, die Gebiete östlich als Blocksaggen. In Wilten und Pradl kam es zu dieser Art der Bebauung gar nicht erst gar nicht. Trotzdem versiegelten Baumeister im Goldrausch immer mehr Boden. Albert Gruber hielt zu diesem Wachstum 1907 eine mahnende Rede, in der er vor Wildwuchs in der Stadtplanung und Bodenspekulation warnte.

„Es ist die schwierigste und verantwortungsvollste Aufgabe, welche unsere Stadtväter trifft. Bis zu den 80er Jahren (Anm.: 1880), sagen wir im Hinblick auf unsere Verhältnisse, ist noch ein gewisses langsames Tempo in der Stadterweiterung eingehalten worden. Seit den letzten 10 Jahren jedoch, kann man sagen, erweitern sich die Städtebilder ungeheuer rasch. Es werden alte Häuser niedergerissen und neue an ihrer Stelle gesetzt. Natürlich, wenn dieses Niederreißen und Aufbauen planlos, ohne jede Überlegung, nur zum Vorteil des einzelnen Individuums getrieben wird, dann entstehen zumeist Unglücke, sogenannte architektonische Verbrechen. Um solche planlose, der Allgemeinheit nicht zum Frommen und Nutzen gereichende Bauten zu verhüten, muß jede Stadt dafür sorgen, daß nicht der Einzelne machen kann, was er will: es muß die Stadt dem schrankenlosen Spekulantentum auf dem Gebiete der Stadterweiterung eine Grenze setzen. Hierher gehört vor allem die Bodenspekulation.“

Eine Handvoll Baumeister und das Bauamt Innsbruck begleiteten diese Entwicklung in Innsbruck. Bezeichnet man Wilhelm Greil als Bürgermeister der Erweiterung, verdient der gebürtige Wiener Eduard Klingler (1861 – 1916) wohl den Titel als deren Architekt. Klingler prägte das Stadtbild Innsbrucks in seiner Funktion als Beamter und Baumeister wesentlich mit. 1883 begann er für das Land Tirol zu arbeiten. 1889 trat er zum städtischen Bauamt über, das er ab 1902 leitete.  In Innsbruck gehen unter anderem die Handelsakademie, die Leitgebschule, der Friedhof Pradl, die Dermatologische Klinik im Klinikareal, der Städtische Kindergarten in der Michael-Gaismair-Straße, die Trainkaserne (Anm.: heute ein Wohnhaus), die Markthalle und das Tiroler Landeskonservatorium auf Klinglers Konto als Leiter des Bauamtes. Ein sehenswertes Gebäude im Heimatstil nach seinem Entwurf ist das Ulrichhaus am Berg Isel, das heute den Alt-Kaiserjäger-Club beheimatet.

Das bedeutendste Innsbrucker Baubüro war Johann Huter & Söhne. Johann Huter übernahm die Ziegelei seines Vaters. 1856 erwarb er das erste Firmengelände, die Hutergründe, am Innrain. Drei Jahre später entstand in der Meranerstraße der erste Geschäftssitz. Die Firmeneintragung gemeinsam mit seinen Söhnen Josef und Peter stellte 1860 den offiziellen Startschuss des bis heute existierenden Unternehmens dar. Huter & Söhne verstand sich wie viele seiner Konkurrenten als kompletter Dienstleister. Eine eigene Ziegelei, eine Zementfabrik, eine Tischlerei und eine Schlosserei gehörten ebenso zum Unternehmen wie das Planungsbüro und die eigentliche Baufirma. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs waren mehr als 700 Personen beschäftigt. 1906/07 errichteten die Huters ihr Wohn- und Geschäftshaus in der Kaiser-Josef-Straße 15 im typischen Stil der letzten Vorkriegsjahre. Das herrschaftliche Haus vereint den Tiroler Heimatstil umgeben von Garten und Natur mit neogotischen und neoromanischen Elementen. Bekannte von Huter & Söhne errichtete Gebäude in Innsbruck sind das Kloster der Ewigen Anbetung, die Pfarrkirche St. Nikolaus, das erste Gebäude der neuen Klinik und mehrere Gebäude am Claudiaplatz.

Der zweite große Player war Josef Retter (1872 – 1954). Der gebürtige Niederösterreicher mit Tiroler Wurzeln absolvierte eine Maurerlehre bevor er die k.k. Staatsgewerbeschule in Wien und die Werkmeisterschule der baugewerblichen Abteilung besuchte. Nach Berufserfahrungen über das Gebiet der Donaumonarchie verteilt in Wien, Kroatien und Bozen konnte er dank der Mitgift seiner Ehefrau im Alter von 29 Jahren seine eigene Baufirma mit Sitz in Innsbruck eröffnen. Wie Huter beinhaltete auch sein Unternehmen ein Sägewerk, ein Sand- und Schotterwerk und eine Werkstatt für Steinmetzarbeiten. 1904 baute er sein Wohn- und Bürogebäude. Der neugotische, dunkle Retterhaus in der Schöpfstraße 23 a mit dem markanten Erker mit Säulen und einem Türmchen wird von einem sehenswerten Mosaik, die eine Allegorie der Architektur darstellt, geschmückt. Das Giebelrelief zeigt die Verbindung von Kunst und Handwerk, einem Symbol für den Werdegang Retters. Retters Gebäude prägen vor allem Wilten und den Saggen. Mit einem Neubau des Akademischen Gymnasiums, dem burgähnlichen Schulhaus für die Handelsakademie, der Evangelischen Christuskirche im Saggen, dem Zelgerhaus in der Anichstraße, der Sonnenburg in Wilten und dem neugotischen Schloss Mentlberg am Sieglanger realisierte er viele der bedeutendsten Gebäude dieser Epoche in Innsbruck.

Spätberufen aber mit einem ähnlich praxisorientieren Hintergrund, der typisch für die Baumeister des 19. Jahrhunderts war, startete Anton Fritz 1888 sein Baubüro. Er wuchs abgelegen in Graun im Vinschgau auf. Nach Stationen als Polier, Stuckateur und Maurer beschloss er mit 36 Jahren die Gewerbeschule in Innsbruck zu besuchen. Talent und Glück bescherten ihm mit der Villa im Landhausstil in der Karmelitergasse 12 seinen Durchbruch als Planer. Seine Baufirma beschäftigte zur Blütezeit 150 Personen. 1912, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem damit einhergehenden Einbruch der Baubranche, übergab er sein Unternehmen an seinen Sohn Adalbert. Das eigene Wohnhaus in der Müllerstraße 4, das Haus Mader in der Glasmalereistraße sowie Häuser am Claudiaplatz und dem Sonnenburgplatz zählen zu den Hinterlassenschaften von Anton Fritz.

Mit Carl Kohnle, Carl Albert, Karl Lubomirski und Simon Tommasi hatte Innsbruck weitere Baumeister, die sich mit typischen Gebäuden des späten 19. Jahrhunderts im Stadtbild verewigten. Sie alle ließen Innsbrucks neue Straßenzüge im architektonisch vorherrschenden Zeitgeist der letzten 30 Jahre der Donaumonarchie erstrahlen. Wohnhäuser, Bahnhöfe, Amtsgebäude und Kirchen im Riesenreich zwischen der Ukraine und Tirol schauten sich flächendeckend ähnlich. Nur zögerlich kamen neue Strömungen wie der Jugendstil auf. In Innsbruck war es der Münchner Architekt Josef Bachmann, der mit der Neugestaltung der Fassade des Winklerhauses einen neuen Akzent in der bürgerlichen Gestaltung setzte. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges setzte die Bautätigkeit aus. Nach dem Krieg war die Zeit des neoklassizistischen Historismus und Heimatstils endgültig Geschichte. Die Zeiten waren karger und die Anforderungen an Wohnbau hatte sich geändert. Wichtiger als eine repräsentative Fassade und große, herrschaftliche Räume wurden in der Zeit der Wohnungsnot der kargen, jungen Republik Deutschösterreich leistbarer Wohnraum und moderne Ausstattung mit sanitären Anlagen. Auch die professionellere Ausbildung der Baumeister und Architekten an der k.k. Staatsgewerbeschule trug ihren Teil zu einem neuen Verständnis des Bauwesens bei als sie die oftmals autodidaktischen Veteranen der Goldgräberzeit des Klassizismus hatten. Spaziergänge im Saggen und in Teilen von Wilten und Pradl versetzen bis heute zurück in die Gründerzeit. Der Claudiaplatz und der Sonnenburgplatz zählen zu den eindrücklichsten Beispielen. Die Baufirma Huter und Söhne existiert bis heute. Das Unternehmen ist mittlerweile im Sieglanger in der Josef-Franz-Huter-Straße, benannt nach dem Firmengründer. Das Wohnhaus in der Kaiser-Josef-Straße trägt zwar nicht mehr den Schriftzug der Firma, ist aber in seiner Opulenz noch immer ein sehenswertes Relikt dieser Zeit, die Innsbrucks Äußeres für immer veränderte. Neben seinem Wohnhaus in der Schöpfstraße beherbergt Wilten ein zweites Gebäude der Familie Retter. Am Innrain gegenüber der Uni befindet sich die Villa Retter. Josef Retters älteste Tochter Maria Josefa, die selbst bei der Reformpädagogin Maria Montessori erzogen wurde, eröffnete 1932 das erst „Haus des Kindes“ Innsbrucks. Über dem Eingang zeigt ein Portrait den Mäzen Josef Retter, die Südfassade schmückt ein Mosaik im typischen Stil der 1930er Jahre, das auf den ursprünglichen Zweck des Gebäudes hinweist. Ein lächelndes, blondes Mädchen umarmt seine Mutter, die ein Buch in der Hand hat, und seinen Vater, der einen Hammer trägt. Auch die Familiengruft am Westfriedhof ist eine sehenswerte Hinterlassenschaft.

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